Theologische Neuorientierungen von Dietrich Bonhoeffer: „Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig“ oder von Paul Tillich: „Gott - die unendliche Tiefe und der unerschöpfliche Grund allen Seins“; „Gott - das was uns unbedingt angeht“ sind an der Gemeindebasis kaum angekommen und innerlich kaum mitvollzogen worden. Ein künftiges mystisch-universales Christentum wird eine Umcodierung von Oben in den GRUND vornehmen. „Gott“ wird aus einem erdachten Über-Raum in die konkrete Lebenswelt (Natur, Menschen, Kultur) und Innenwelt des Menschen umziehen.

Wenn es einen Gott gibt, dann ist ER/SIE/ES per definitionem das Sein des Seienden, nicht ein Teil, nicht ein Seiendes neben oder über vielen anderen Teilen, sondern das Ganze.

Die Hand Gottes (Fresko in St.Clement Tahull, 1123)

  Wenn ein „gedachter Gott über den Wolken“ in Luft aufgelöst wird, wenn alle fixierten Bildnisse von Gott als Projektionen und Anthropomorphismen durchschaut werden, muss mit diesem Göttersturz nicht auch die Personalität des unsichtbaren Ewigen aufgegeben werden. Eine personale Beziehung zum DU Gottes bleibt für den christlichen Glauben wesentlich.

  Auf dem Weg in ein lebendiges Christentum der Zukunft sind manche „eingebildeten“ Barrieren zu übersteigen: vor allem die Phobie vor einem östlichen Pantheismus, der „Gott“ als Person in Frage stellen könnte, und der Argwohn gegenüber persönlichen mystischen Erfahrungen, deren „Subjektivismus“ und „Relativismus“ das Gebäude von vermeintlich exklusiven Gottesoffenbarungen und ewigen Wahrheiten zum Einsturz bringen könnten. Meiner Meinung nach ist die Realisierung des variierten Rahnerschen Satzes unumgänglich: „Das Christentum der Zukunft wird einen universal-mystischen Weg gehen oder es wird nicht mehr sein.“

  „Es ist eine Kraft in der Seele, die (Akkusativ!) weder Zeit noch Fleisch berührt; ... sie ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ganz so grünend und blühend in all der Freude und Herrlichkeit, wie er in sich selbst ist...

Gott ist in dieser Kraft wie in dem ewigen Nun.... Dieser Mensch wohnt in einem Lichte mit Gott; darum ist in ihm (dem Menschen !)  ... eine gleichbleibende Ewigkeit.“  (Predigt 2)


„Es gibt etwas (in der Seele), das über dem geschaffenen Sein der Seele ist und an das kein Geschaffensein, das (ja) nichts ist, rührt; ... es ist göttlicher Art verwandt, es ist in sich selbst eins, es hat mit nichts etwas gemein. Hierüber kommen manche Pfaffen zum Hinken. Es ist eine Fremde und eine Wüste und ist mehr namenlos, als daß es einen Namen habe, und ist mehr unerkannt, als daß es erkannt wäre.“  (Predigt 31)


„Gott ist im Grunde der Seele mit seiner ganzen Gottheit.“

(Predigt 11)

„So besitzt dieser (Seelen-)Grund  in seiner Tiefe, durch Gnade alles, was Gott von Natur besitzt.“  (H 29)


„Die Seele trägt in sich einen Funken, einen Grund, dessen Durst Gott, der doch alle Dinge vermag, nicht löschen kann, es sei denn, er schenke sich ihm selbst.“ (H 36)


„Dadurch wird die Seele ganz gottfarben, göttlich, gottförmig. Sie wird durch Gottes Gnade all das, was Gott von Natur ist, in der Vereinigung mit Gott, in dem Einsinken in Gott ... Ganz gottfarben wird sie da; könnte sie sich selber erblicken, sie hielte sich für Gott.“  (H 37)


„Dieses Reich (Gottes) ist eigentlich im Allerinnersten des Grundes, sobald der Mensch mit aller Übung den äußeren Menschen in den inneren, geistigen hineingezogen hat, und dann die zwei Menschen – der Mensch der sinnlichen und der der geistigen Kräfte – sich gänzlich in den allerinnersten Menschen erheben, in den verborgenen Abgrund des Geistes, worin das wahre Bild Gottes liegt, und dieses sich in den göttlichen Abgrund erschwingt, in dem der Mensch von ewig her in seiner Ungeschaffenheit war.“  (Predigt 62)

„Der inwendige Mensch ist aus dem Grund der Gottheit gekommen und nach dem lauteren Gott gebildet und wird wieder dorthin eingeladen und hineingerufen und hingezogen, dass er all des Guten teilhaftig zu werden vermag, das der wonnigliche Grund von Natur besitzt ... Wie Gott in dem inwendigen Seelengrund den Grund gelegt hat und sich verborgen und bedeckt darin aufhält – wer dies wahrnehmen, erkennen und betrachten könne, der wäre ohne Zweifel selig. Und hat auch der Mensch seinen Blick nach außen gekehrt und geht in die Irre, so fühlt er doch ein ewiges Locken und eine Neigung hierzu ... denn dies – das himmlische Gut – trägt und zieht ihn immer fort in das Allerinnerste.“  (Predigt 6)

„Es ist doch ein schwerer Schimpf und eine große Schande, daß wir ... Christen ... recht wie blinde Hühner herumlaufen und unser eigenes Selbst, das in uns ist, nicht erkennen und gar nichts darüber wissen: das ist die Wirkung unseres zerteilten und nach außen gerichteten Wesens, und daß wir zuviel Nachdruck auf die Sinne legen, und wenn wir tätig sind, auf unsere Vorhaben: Vigilien, Psalter und ähnliche Übungen, die uns so stark beschäftigen, daß wir niemals in uns selbst kommen können.“ 

(Predigt 44)

„Wie kann es dazu kommen, daß das innere Auge so verblendet ist, daß es das wahre Licht nicht sieht? ... Woher, glaubt ihr wohl, kommt das, daß der Mensch auf keine Weise in seinen Grund gelangen könne?

Das kommt daher, daß so manche dicke, schreckliche Haut darüber gezogen ist, ganz so dick wie eine Ochsenstirn: die haben ihm seine Innerlichkeit verdeckt, daß weder Gott noch er selber da hineingelangen kann  ... manche Menschen können dreißig oder vierzig solcher Häute haben, dick, groß, schwarz, wie Bärenhäute (Hochmut, Eigenwillen, Härte, Leichtfertigkeit, Unachtsamkeit) ... Solche Dinge bilden alle dicke Häute und große Hindernisse, die dem Menschen die Sicht verdunkeln... Von ihren Götzen wollen sie nicht lassen, welcher Art sie auch sind ... Abgötter ... Die Bilder, die man von diesen besitzt, die machen die Hindernisse aus. Die Felle bedecken die inneren Augen und Ohren so dicht, daß die Augen der Vernunft nicht sehen können, wovon sie selig werden.“ (Predigt 51)

Johannes Tauler (1300 - 1361)

„Gott lebt, west und wirkt in der Seele. Dadurch wird die Seele ganz gottfarben, göttlich, gottig. Sie wird durch Gottes Gnade all das, was Gott von Natur ist, in der Vereinigung mit Gott, in dem Einsinken in Gott ... Ganz gottfarben wird sie da; könnte sie sich selber erblicken, sie hielte sich für Gott.“  (Predigt 37)

Mystisch - universales Christentum III 


Von einem dualistischen, supranaturalistischen Theismus zu einem

pan-en-theistischen und trans-personalen Gottglauben: Gott-in-Welt


Umcodierung von Außen nach Innen, von Lehre in Mystik,

von Für-Wahr-Halten in persönliche Glaubenserfahrung: Gott-im-Menschen

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1.  Umcodierung von Oben nach Unten in das Ganze der Schöpfung

Von einem dualistischen, supranaturalistischen Theismus

zu einem pan-en-theistischen und trans-personalen Gottglauben: Gott-in-Welt

  „Gott erschuf alle Dinge so, dass sie nicht außerhalb von ihm sind, wie unwissende Menschen meinen. Vielmehr fließen zwar alle Kreaturen (aus Gott) aus, bleiben jedoch in Gott." (Meister Eckhart).

Wenn man das Universum als Materialisation des absoluten GEISTES ansieht, dann gibt es keine Zeit und keinen Ort, wo der GEIST („Gott“, „Christus“) nicht IST. Am Jakobsbrunnen erklärt Jesus der Samariterin: „Gott ist GEIST (pneuma). Nun ist die Stunde, dass er angebetet wird nicht in Jerusalem oder auf besonderen Bergen, sondern im GEIST und in Wahrheit.“ (Joh 4,21-24)

  „Alles ist der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert. Dieser Geist ist der allen unseren Erfahrungen zugrundeliegende universale Urgrund... Er ist die unwandelbare göttliche Wesenheit und der Schöpfer aller Dinge. Wenn auch ´aus ihm, durch ihn und in ihm` das ganze Weltall sein Bestehen hat, so ist er doch seiner wesenhaften Natur nach still, rein und leer.  (Z.W.Kopp: Im Farbenrausch des Göttlichen, Darmstadt 2011, S.96)

  „Gott ist unmittelbar in allen Dingen per Präsenz, Potenz und Essenz.“ (Thomas von Aquin)

  "Wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebensogut wie in der Kirche oder in der Wüste oder in der Zelle ... weil alle Dinge ihm lauter Gott werden...

  Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einem gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben ...

Wer Gott so hat, der nimmt Gott göttlich, und dem leuchtet er in allen Dingen; denn alle Dinge schmecken ihm nach Gott.“  (Meister Eckhart: Traktat 6)

Der über der Weltkugel thronende Gott-Vater

(Albrecht Dürer  um 1510)

2.  Künftiger Glaubensweg: von Außen nach Innen in den „Seelengrund“,

von äußerlicher Lehre zu mystischer Erfahrung, von heteronomen Für-Wahr-Halten zu authentischer Überzeugung

c.   Künftiges christliches Menschenbild: ein von Gott getrennter Sünder

oder

ein Wesen „von Gottes Geschlecht“ (Apg 17,29) ???

Das vormoderne räumlich-dualistische Glaubensparadigma, in dem Gott grandios überhöht wurde zum „heiligen, unnahbaren, ganz anderen Gott“, hatte als Kehrseite der Medaille das Portrait eines durch die Erbsünde verderbten, auf die unverdiente Gnade „Gottes“ angewiesenen Menschen. Aufgrund dieser Spaltung in einen „Heiligen Gott“ und einen „sündigen Menschen“, wurde eine Theologie entwickelt (Erbsünde, Androhung von Hölle und Verdammung, Ausschließlichkeit der kirchlich-sakramentalen Heilsvermittlung), die ihre Gläubigen herabwürdigte und manipulierbarer machte.

  Je entschiedener sich das Christentum verabschiedet aus dieser mythisch-dualistischen  Beurteilung von Gott und Mensch, wird es eigene urchristliche Offenbarungen wieder aufdecken, die den Menschen anschauen als „Ebenbild Gottes“ (1 Mose 1, 26), als „Mitinhaber der göttlichen Natur“ (2 Petr 1, 4), als ursprünglich und essentiell ungetrennt von dem EINEN.

  Die relativ unbekannte Jesusepisode „Joh 10, 34 -36“ wird stärkere Beachtung finden: Als fanatische Glaubensbrüder (Stufe 3.0 !) Jesus steinigen wollen wegen Gotteslästerung: „Du bist nur ein Mensch und machst dich zu Gott,“ antwortet er ihnen: „Ist nicht in eurem Gesetz geschrieben: Götter seid ihr? Wenn es von jenen als Göttern sprach, an die das Wort Gottes ergangen, wie könnt ihr zu dem sagen, den der Vater gesandt hat: Du lästerst Gott - weil ich gesagt habe: Gottes Sohn bin ich?“

  Ja, wir Menschen sind Söhne und Töchter Gottes, wir sind „von Gottes Art, von Gottes Geschlecht“, wie es Paulus in seiner Areopag-Rede in Athen ausführt (Apostelgeschichte 17, 29). "Geschlecht" = griech.: "genos" - das heißt also: wir tragen Gottes Gene in uns.

a.   Erfahrung von Meister Eckhart (1260 - 1328) und Johannes Tauler (1300 - 1361):

„Gott ist im Grunde der Seele mit seiner ganzen Gottheit.“

  Manche christliche Gemeinschaften leben schon heute diese mystische Universalität auf überzeugende Weise. Der Austausch zwischen vielen Nationen und die Gottesdienste in Taizé atmen einen urchristlichen Esprit. An diesem Ort und in diesem Geist wird ein Stufenweg beschritten von äußerlicher Lehre zu mystischer Erfahrung, von hereronomen Für-Wahr-Halten zu authentischer Überzeugung, von einem vorgeschriebenen „GoTT“ zu einem selbsterfahrenen Gott. Es ist ein dauernder Weg nach Innen in das Einssein mit Gott, der immer wieder zurückführt in das alltägliche Leben, die Eine Wirklichkeit Gottes außen.

b.   Zen-Parabel "Der Ochs und sein Hirte"

  Wenn sich das Christentum weiterentwickelt hin auf  transmythische und transrationale Stufen des Bewusstseins, werden die Selbst-Erkenntnisse christlicher Mystiker Allgemeingut:

Meister Eckhart

(1260 - 1328)

  Eine Öffnung auf außerchristliche Lebensweisheit hin lässt heute immer mehr Christen einen inneren Weg gehen und eigene mystische Quellen entdecken. Auf meinen 10 Webseiten „Suche nach dem Wahren Selbst“ habe ich im Anschluss an die buddhistische Parabel vom Ochsenhirten 10 Stationen der mystischen Reise dargestellt.

  Danach ist jeder Mensch - ob Christ oder Buddhist - eingeladen, den Weg der Transformation vom Ego zum Wahren Selbst zu gehen.

Niemandem bleibt es dabei erspart, „sein Leben zu verlieren, um es zu gewinnen“ (Jesus), zu „entwerden“, „zunichte und zu-Grunde-zu-gehen“ (Meister Eckhart), „leer zu werden“ von Gier, Hass und Verblendung (Buddhismus).

  Geistliche Begleiter (Wüstenväter, Teresa von Avila, Johannes Bours u.v.a.m.) in Christentum (und allen Religionen) haben eine differenzierte Mystagogie entwickelt, deren Grundphasen von jedem Normal-Christen alltäglich, aber häufig zu wenig bewusst und entschlossen vollzogen werden, weil diese „Einführung ins Mysterium“ in der kirchlichen Praxis nur eine unbedeutsame Rolle spielt oder als eine Sache für elitäre Auserwählte abgestempelt wird. Aber über heute beliebte  östliche Methoden und Techniken gewinnen viele Christen wieder einen Zugang zu geistlichen Traditionen des Christentums und damit zu praktikablen Wegen zur Freundschaft und Vereinigung mit Gott, dem EINEN in Allem.

Mystisch - universales Christentum IV 


Tripolare Einheit von drei Gesichtern des göttlichen Mysteriums:

GEIST als DU - GEIST als ICH - GEIST als ES




Zur Startseite                            Erstveröffentlichung: März 2015