Christus: Archetypus meines Wahren Selbst

Gottes- und Christusbilder

aus der Sicht der Analytischen Psychologie C.G. Jungs

  Jungs lesenswerte Autobiographie „Erinnerungen, Träume und Gedanken" (Freiburg 1986, 4.Aufl. der Sonderausgabe) macht sein ambivalentes Verhältnis zum Christentum deutlich. Aufgewachsen in einer Pfarrersfamilie - „in der Familie meiner Mutter waren sechs Pfarrer, und nicht nur mein Vater war Pfarrer, sondern auch zwei seiner Brüder" - setzt er sich schon als Kind und Jugendlicher ab von traditionellen christlichen Vorstellungen und den erlebten kirchlichen Riten: „Die mir erteilte christliche Lehre ... erschien mir oft  wie eine feierliche Maskerade, eine Art Leichenbegängnis." (20) Entgegen der Auffassung seines Vaters „Man soll nicht denken, sondern glauben" behauptet er seinen Standort: „Nein, man muß erfahren und wissen." (49)

  In einem Schlüsselerlebnis mit 12 Jahren erfährt Carl Gustav den „lebendigen, unmittelbaren Gott, der allmächtig und frei über Bibel und Kirche steht, der den Menschen zu seiner Freiheit aufruft." (46) Später betont er: „Damals wurde mir klar, daß Gott, für mich wenigstens, eine der allersichersten, unmittelbaren Erfahrungen war." (S.67) 1948 schreibt er einem kath. Theologen: „Ich bin Gott jeden Tag dankbar, daß ich die Wirklichkeit der imago Dei (des Gottesbildes) in mir erfahren durfte.“

  Aus  dieser grundlegenden Gotteserfahrung und seiner Praxis als Psychoanalytiker und Therapeut erwuchs und konturierte sich die Auffassung, dass der Mensch von Natur aus religiös sei. „Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium seines Lebens." (327)

  „Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heißt jenseits 35, ist nicht ein einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, daß er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben." (Ges.Werke 11 362)

1.  Carl Gustav Jungs religiöse Sozialisation

  Die natürliche Ausrichtung des Menschen auf das Göttliche wird nach C.G. Jung u.a. in Großen Träumen manifest. In ihnen können archetypische, d.h. allgemeingültige Seelenbilder aufsteigen, durch die uns Grundlegendes mitgeteilt wird. Diese meist in Ur-Symbolen verschlüsselten Botschaften tauchen aus einer höheren bzw. tieferen transpersonalen Bewusstseinsschicht auf und sind häufig der Schlüssel zur Heilung und Ganzwerdung.


Einen Schlüsseltraum Jungs aus seiner Autobiographie (S. 214f) zitiert und kommentiert Ingrid Riedel in ihrer tiefenpsychologischen Interpretation der Fraumünster-Fenster von Zürich S.31f:

  Kunstwerke (Malerei, Dichtung, Musik) übersteigen die pure Information über etwas, sie können den Sinn für tiefere Schichten der Wirklichkeit, für das unausschöpfbare Mysterium Darin und Dahinter öffnen. Den psychischen „transzendenten“ Urgrund dieser sicht- und hörbaren künstlerischen Abbilder, Töne und Wörter hat die Analytische und Transpersonale Psychologie Carl Gustav Jungs (1875-1961) aufgehellt. Mit seinen Erkenntnissen zum Individuationsprozess des Menschen und zu Archetypen der menschlichen Seele hat er auch das Verständnis von christlichem Glauben und das Gottes- und Christus-Bild erweitert und vervollständigt.

4.  Christus: mein Wahres Selbst

  Was frühchristliche Kirchenväter in ihrem Symbol-Denken und in der Moderne auch der Künstler Marc Chagall zu einer Einheit zusammenführten: Lebensbaum und Kreuz Christi, Schöpfung und Erlösung, Natur und Religion, das wurde durch den Psychologen C.G.Jung noch einsichtiger erhellt. Er geht aus von einer archetypischen Bilderwelt in dem persönlichen und kollektiven Unbewussten des Menschen. Ihren sichtbaren Ausdruck finden diese archetypischen Bilder häufig in Träumen, Kunstwerken und Mythen (Lebensbaum, Geburt eines Göttlichen Kindes, Himmels- und Höllenreisen, Übergänge und Überfahrten, Gottes- und Engelerscheinungen u.v.a.m.)  Der Archetyp selbst kann nicht direkt vorgestellt oder gezeigt werden, sondern nur in Bildern ungenügend ausgedrückt werden.

3.  Archetypen der menschlichen Seele und Gottesbilder

Jungs Unterscheidung von Real-Existenz Gottes und Gottesbild

  „Im Jahre 1939 ... war ich mit den Studien zu ´Psychologie und Alchemie` beschäftigt.

  Eines Nachts erwachte ich und sah in helles Licht getaucht den Cruzifixus am Fußende des Bettes. Er erschien nicht ganz in Lebensgröße, war aber sehr deutlich, und ich sah, dass sein Leib aus grünlichem Golde bestand. Es war ein herrlicher Anblick, doch ich erschrak über das Geschaute."


  Jung erklärt seinen Traum selbst. In seiner Vision des gold-grünen Christus entdeckt er sozusagen durch eine alchemistische Brille ursprüngliche Attribute des Göttlichen, die im Christentum immer mehr missachtet und abgespalten wurden. Das Nicht-gewöhnliche-Gold" und die „Grüne" der Alchemisten sieht er nun reflektierend als „Ausdruck für einen Lebensgeist, die ´anima mundi`, oder ... den in der ganzen Welt lebendigen Anthropos. Bis in die anorganische Materie ist dieser Geist ausgegossen, er liegt auch im Metall und im Stein."

  Dass Christus ihm in der grünlich-goldenen Farbe erschienen ist, deutet Jung als eine Aufnahme des grünen „Mercurius", einer Personifizierung der Grünkraft der Natur, in die traditionelle Christus-Vorstellung, als „complexio oppositorum", als Vereinigung „dunkler verborgener Wesenheiten, der Natur und dem Weiblichen zugehörig", mit dem „lichten, offenbaren, bewußten Christus-Symbol" (vgl. Riedel 32).

  Nach Ansicht der transpersonalen Psychologie C.G.Jungs wird der Archetypus des Selbst par excellence durch Christus veranschaulicht. Er verkörpert den Prototyp des Menschen, die Ganzheit göttlicher und menschlicher Art, einen Menschensohn und zugleich einen Sohn Gottes.

Die Christus-Wirklichkeit übersteigt, transzendiert die historische Gestalt Jesu. Die Epiphanie, die Erscheinung Christi - und sie ist allein im Glauben zu erfassen - ist qualitativ mehr als das dokumentatorisch bezeugte Auftreten des historischen Jesus von Nazareth.

  Der Christus-Traum C.G.Jungs ähnelt in wesentlichen Punkten dem Grünen Fenster Marc Chagalls in Zürich. Die tiefenpsychologische Analyse seines Traumes durch Jung selbst bietet Ansätze, auch die künstlerische Darstellung des „Grünen Christus“ durch Chagall  als ein Ganzheits-Bild der menschlichen Psyche und als eine Vervollständigung der christlichen Vorstellung von Christus anzusehen.

Aber wie steht Jung zu einer objektiven Transzendenz als Grundlage der psychischen Transzendenz??


  „Wenn ich nun der Ansicht bin, dass alle Aussagen über Gott in erster Linie aus der Seele hervorgehen und daher vom metaphysischen Wesen unterschieden werden müssen, so ist damit weder Gott geleugnet noch der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt.“ (Erinnerungen 343)

„Wenn wir daher Gott als Archetypus bezeichnen, so ist über sein eigentliches Wesen nichts ausgesagt. Wir sprechen damit aber die Anerkennung aus, daß ´Gott` in unserer dem Bewußtsein präexistenten Seele vorgemerkt (vorgeprägt) ist und daher keineswegs als Erfindung des Bewußtseins gelten kann. Er wird damit nicht nur nicht entfernt oder aufgehoben, sondern sogar in die Nähe der Erfahrbarkeit gerückt."  (350)


„Wenn man annimmt, dass Gott den Seelengrund berühre und bewirke oder gar dieser sei, so sind die Archetypen sozusagen Organe (Werkzeuge) Gottes. Das Selbst ´funktioniert` wie das Christusbild. Das ist der theologische ´Christus in nobis`“.  ( C.G.Jung: Erinnerungen S. 350)


Tiefe Erfahrungen des Selbst in archetypischen Formen und mystische Erfahrungen des göttlichen Seelengrundes sind also - empirisch oder phänomenologisch gesehen - identisch.

  Ein zentraler Archetypus ist das Selbst, ursprünglich präsent,  aber meist unbewusst, weil von Schattengestalten verdunkelt, die lebenslang anzustrebende Person-Mitte und Ganzheit des Menschen.

Mein Selbst: mein ursprüngliches wahres Gesicht, das mich anschaut, Ursprung und Ziel meiner Individuation, meiner Mensch-Werdung.


  Diese ordnende, integrative Mitte zeigt sich oft in Ganzheitssymbolen wie Kreis, Quadrat, Kreuz, Mandala, Quaternität (vier polare Richtungen und Kräfte, die vereint werden). Nach Jung (Erinnerungen 337f) bezeichnen diese figürlichen Symbole die „Ganzheit des Selbst oder veranschaulichen die Ganzheit des Seelengrundes - mythisch ausgedrückt: die Erscheinung der im Menschen inkarnierten Gottheit."


(vgl. meine Webseite  http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Innere_Wohnungen_%28Achtsamkeit%29.html zu Tibetischen Kalachakra-Mandalas)


  Der Archetypus des Selbst ist also ein psychologischer Ausdruck für das, was der Mensch jeweils als höchste Wirklichkeit in sich empfindet. Diese Erfahrung zum Beispiel in einem Großen Traum (vgl. Jakobs Traum von der Himmelsleiter) vollzieht sich für den Träumenden derart überraschend und überwältigend, dass er sie dem Einwirken einer numinosen Macht von außen zuschreibt, obgleich diese Ur-Bilder oder auch Ur-Worte aus seinem eigenen Innen, aus seinem tiefsten ihm bisher unbekannten Seelengrund aufgestiegen sind.

  C.G. Jung verstand sich als Empiriker, nicht als Philosoph oder Theologe. Ihm ging es primär um die psychischen Bilder des Unbewussten, die das Bewusstsein transzendieren, um Bilder von Transzendenz, um Gottes-Bilder, nicht um die Real-Existenz Gottes. Er analysierte nicht den Wahrheitsgehalt von Glaubens- und Offenbarungsinhalten, sondern die Bedingungen ihres Empfangs, wie der Mensch dabei entsprechende Bilder aus seinem Unbewussten aufsteigen sieht, die er selbst nicht erdacht haben kann.

5.  Folgerungen für die christliche Mystagogie (Einführung ins Göttliche Mysterium)

In Christus scheint unser wahres ursprüngliches Gesicht auf, die Ganzheit unseres Selbst. Und auch der Prozess unserer Mensch-Werdung ähnelt der archetypischen Struktur seines Lebensweges: über Inkarnation, Passion hin zur Auferstehung und Erhöhung.


  Christus: mein Selbst, mein ursprüngliches wahres Gesicht, das mich anschaut, in dem ich mich erkenne, Ursprung und Ziel meiner Individuation, meiner Mensch-Werdung.


  Und so wird Christus von C.G.Jung, I.Riedel, G.Wehr u.a. als das große Symbol der menschlichen Wandlung und Individuation verstanden.


  Für den psychologischen Betrachter wird Christus zu einer innerlich erfahrbaren Wirklichkeit, die freilich das individuelle Ich bei weitem übersteigt. Christus-Begegnungen ereignen sich zu allen Zeiten und nicht nur im christlich-kulturellen Kontext; und die SELBST-Erfahrung ist der Ort, wo sie stattfinden. Dennoch sind Selbst- und Christus-Erfahrungen nicht völlig gleichzusetzen, weil für den Glaubenden Christus die Fülle des Kosmos (Pleroma) in sich birgt und die Totalität des Universums umfasst.


  Der Archetypus des Alles transzendierenden Christus-Selbst gewinnt im Johannes-Evangelium in mannigfachen Bildern Gestalt: ICH BIN der Weinstock, die Tür, der Weg, das Licht, das Brot, der Hirte.

  In der Mystik des Paulus erscheint dann Christus als Licht und Leben, als göttliches Mysterium in unserem tiefsten Innen („Christus in uns“) und als liebende Kraft, die das Universum durchströmt („Wir im Pleroma Christi“).


  Beide Formen dieser essentiellen Präsenz machen den „Universalen Christus“ aus.


(vgl. Gerhard Wehr, Stichwort: Damaskus-Erlebnis, Kreuz-Verlag Stuttgart 1982, S.105ff)

  1. - Erkenntnis, dass das „Reden Gottes“ in der Hebräischen Bibel und auch weitgehend die „Worte Jesu“ in den Evangelien einer inneren Achtsamkeit der „Autoren“ auf seelische Ur-Bilder entstammen. Mose, die Propheten, die Evangelisten haben vermutlich tief in ihrem Innern die fremde, sie überwältigende STIMME wahrgenommen und in Worte gefasst, die auch in uns heutigen Lesern und Hörern dieses UR-WORT zum Klingen bringen können. Dennoch ist alles, was diese charismatischen Verkündiger über Gott ausgesagt haben, menschliche Vorstellung, Imagination, Zuschreibung, An-Dichtung (im wahren poetischen Sinn) in einem konkreten kulturell-geschichtlichen Kontext. Gott hat weder als objektiv reales Gegenüber zu ihnen gesprochen noch hat der Heilige Geist ihnen die Worte der Bibel ins Ohr gefüstert.


  1. - Paradigmenwechsel von der Akzeptanz eines theologisch-rationalen Lehrsystems hin zur

  originären Glaubenserfahrung, zur religiösen Innen- oder Tiefenerfahrung


  1. - Deutung der Christus-Erfahrung als Erfahrung des Wahren Selbst


  1. - Stärkere Betonung des „Christus in mir“


  1. - Kursänderung von theologischen „Begriffen zum Ergriffensein“


-  Einübung in Bewusstmachung und Imaginierung religiöser Ur-Bilder

Marc Chagall:

Der Grüne Christus

(Glasfenster im

Fraumünster Zürich)

10.11.2008 / 2016                        Zur Willkommenseite

Ach, HERR, enthülle uns das Leuchten Deines Angesichts.

Dann schenkst DU unserm Herzen mehr Freude als Korn und Wein in Fülle.

Psalm 4, 7


(Frühere Übersetzung in der Komplet, dem kirchlichen Abendgebet)

Epiphanie - Diaphanie - Enphanie - Panphanie

Christi

  Auch diese Webseite spiegelt meine gewandelten christologischen und christosophischen Grundüberzeugungen:


  Jesus ist eine räumlich und zeitlich abgegrenzte Person; „Christus“ ist unbegrenzt, er ist trans- bzw. omnilokal und trans- bzw. omnitemporär. In Jesus hat „Christus“ vollkommenen Ausdruck gefunden.


  „Christus“ - so mein Verständnis - ist kein Eigenname oder Vorname, sondern unser gemeinsamer Hausname. Er ist eine Chiffre, das „christliche Symbol par excellence der gesamten Wirklichkeit“ (Raimon Panikkar: Christophanie). Er ist der „Name über allen Namen“, der All- und Nicht-Name für die Einheit von GEIST und MATERIE, für die Fülle, das Pleroma des Daseins. „Christus“ ist der christliche Name für das unergründliche Geheimnis, für die All-Gegenwart des Göttlichen und den „Einen Geschmack“ (Ken Wilber).

  CHRISTUS (das WORT Gottes, die göttliche WEISHEIT, das PLEROMA) - ER / SIE / ES tritt in Erscheinung im DU Jesu, Buddhas, Ramakrishnas ... (Epiphanie);


  CHRISTUS leuchtet auf im ICH, im Herzen des Menschen (Enphanie);


  CHRISTUS  scheint durch „in Allem, was geworden ist“ (Diaphanie)

 

  und kann aufscheinen, offenbar werden in Allem, was existiert (Panphanie - vgl. S. 4).

Der Künstler Marc Chagall verbeugt sich vor Christus im weißen Zen-Kreis des Ewigen (Das Dorf 1972)

Der gold-gelbe Christus: ein Bildzeichen Chagalls für die Transformation von individuellem und kollektivem Leiden

C. G. Jungs Traum von einem gold-grünlichen Christus