1.  Die orthodoxe Ikone aus Taizé zeigt uns westlich aufgeklärten Christen eine eher befremdende, mytho-logisch anmutende Darstellung der Auferstehung Jesu Christi. In der Ostkirche bestimmt sein descensus ad inferos, sein Abstieg in die Unterwelt und die Befreiung von Adam und Eva die österliche Ikonographie.

Höllenfahrt Christi

(Mittelalterliche Buchmalerei)

Auferstehung Christi (Pskower Ikone 14.Jh).

Höllenfahrt Christi (Albani-Psalter um 1140)

Weitere bildliche Darstellungen

Auferstehung Christi, Orthodoxe Ikone in Taizé

                                            Anregungen zur persönlichen Bildbetrachtung


Meditiere diese Ikone als ein Bild deiner Existenz, als bildhaften Aufschluss deiner Erfahrungen.

Verweile länger bei Bildelementen, die dich spontan und tiefer ansehen und ansprechen.


Mit Christus steige ich hinab in meine ureigenen Abgründe, in das „Land der Todesschatten“, in das Dunkel meiner Ängste und  die Kerker meiner Gefangenschaften. In Seinem Licht nehme ich die Schattengestalten wahr, die mich am wirklichen Leben hindern. Nach einem mutigen Dialog weise ich ihnen einen angemessenen Platz zu.

Vielleicht erfahre ich: die Dunkelheit wandelt sich in ein fruchtbares dunkles Grün; ich lasse mich vertrauensvoll ergreifen und beginne zu ahnen: Abgestorbenheiten können fruchtbar werden und das Dunkel im Ei wird aufgebrochen in neues lichtes Leben hinein.


Ich wiederhole „Heilige Worte“ wie ein Mantra:

- Du durchschimmerst meine Finsternis (Psalm 18)  

- Du führst mich hinaus ins Weite (Psalm 18)

- Du leuchtest in meiner Seele wie die Sonne auf Goldgrund (Mechthild von Magdeburg)

  2.  Auch wir beten heute noch im Apostolischen Glaubensbekenntnis: „Gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel.“ Dieser frühkirchliche Glaube gründet sich auf biblische Aussagen, die von einem Hinabstieg Christi zu den „Geistern im Kerker“ (1 Petr 3,19f) sprechen, von seinem dreitägigen Aufenthalt „im Herzen der Erde“ (Mt 12,40), von seinem „Abstieg in die untersten Teile der Erde“ und einem „Aufstieg über alle Himmel“, „damit Er das All erfülle“ (Eph 4,9f; vgl. 1Petr 4,6; Röm 10,7; Apg 2,27.31).


3.  Diese biblischen Vorstellungen vom Abstieg und Aufstieg Christi sind stark gefärbt durch die antike Sonnen-Mythologie. Der strahlende Sonnengott Re oder Helios oder Sol geht täglich im Westen unter; er durchläuft die Tiefen der Unterwelt, des Hades, des Totenreiches und nach erfolgreichen Kämpfen mit der Schlange Apophis, dem Drachen Python oder / und anderen dunklen Mächten steht er täglich im Osten in neuem Glanz wieder auf. (vgl. Drewermann S.74-154)

  4.  Frühchristliche Theologen haben diese ägyptische, hellenistische oder römische Mythologie von Untergehen, Nachtfahrt und  erneutem Aufgehen des Sonnengottes verstanden als „göttliche Andeutung dessen, was sich im Mysterium des menschgewordenen Logos enthüllt und vollendet hat“ (vgl. Hugo Rahner S.89-140). Kreuzestod, Grabesruhe und Auferstehung Christi sehen sie im Bild von Sonnenuntergang, nächtlicher Reise der Sonne durch die Unterwelt und Sonnenaufgang.

  Athanasius von Alexandria (298-373):

„Wie die Sonne vom Westen zum Osten zurückkehrt, so ist auch der Herr von den Tiefen des Hades zum Himmel der Himmel aufgestiegen.“ (Rahner 109)

„Der gekreuzigte Christus ist der wahre Orpheus, der die Menschheit als seine Braut aus den Tiefen des dunklen Hades  hervorholte.“ (65)

„Christus, ... der von der Höhe ... bis zum Hades gelangt ist, du hast die Türen des Totenreiches aufgetan und von dort heraufgeführt, die lange Zeiten hindurch in dem finsteren Verließ eingeschlossen waren. Du hast ihnen einen Weg nach oben gezeigt, der zur Höhe hinaufführt.“

(Thomasakten um 200)

  Eine Predigt am Karsamstag (2.Jahrh.): „Untergetaucht ist die Gott-Sonne-Christus unter die Erde ... die Tore des Hades öffnen sich. Die ihr vom Leben abgeschieden seid, freut euch! Die ihr in Finsternis und Todesschatten saßet, empfanget das große Licht!“ (111)


5.  Zu unserer Ikone aus Taizé:

Ein beschwingter sonnenhafter Christus hat die „Pforten des Todes“ gesprengt. Adam und Eva, die Repräsentanten aller Menschen, sind noch nicht vollständig dieser dunklen Unterwelt entstiegen. Der Prozess ihrer Befreiung, ihrer Entfesselung wird  angezeigt durch aufgebrochene Türschlösser und -riegel, Zangen, Schlüssel, Ketten, Grabdeckel und durch zwei sich in Kreuzesform überschneidende aus den Angeln gehobene Hadestore zu Füßen Christi.

  (Auf anderen motivgleichen Bildern (S.72) starren fratzenhafte Gesichter entgegen, auf der Initiale einer mittelalterlichen Buchmalerei befreit der verwundete auferstandene Christus die Menschheit aus dem Höllenschlund eines verschlingenden Drachen.)

  Die rettende Hand Christi ergreift das rechte Handgelenk Adams und zieht ihn (wie Petrus aus dem Wasser) in das Licht seiner Gemeinschaft.

Auferstehung Christi

Abstieg in die Unterwelt

Erlösung von Adam und Eva, d.h. der ganzen Menschheit

Empfohlene Literatur

1. Hugo Rahner: Griechische Mythen in christlicher Deutung, Herder Spektum 4152, Freiburg 1992

2. Eugen Drewermann: „Ich steige hinab in die Barke der Sonne“, Alt-ägyptische Meditationen zu Tod und Auferstehung in   Bezug auf Joh 20/21, Walter-Verlag Solothurn 1989

3. Johannes Bours (Hrsg. P. Deselaers): Halt an, wo laufst du hin? Bildmeditationen, Freiburg 1990

4. Marc-Oliver Loerke: Höllenfahrt Christi und Anastasis - Ein Bildmotiv im Abendland und im christlichen Osten, 2oo3

   www.opus-bayern.de/uni-regensburg/volltexte/2007/754/pdf/Dissertation%20Loerke.pdf

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