Den aufrechten Gang lernen

Jesus und die gekrümmte Frau (Luk 13, 10-17)

Heilung und Bioenergetik

  Rückenbeschwerden sind in unserer „sitzenden Gesellschaft“ zur Volkskrankheit Nr. 1 geworden. Bewegungsmangel und Haltungsfehler sind die häufigsten Ursachen.

Aber auch psychische Probleme können Rückenschmerzen hervorrufen. Viele Menschen leiden heute berufs- oder familienbedingt unter bedrängenden Stresssituationen. Wenn diese Überbelastungen psychisch fehlverarbeitet werden, können daraus körperliche Verspannungen und chronische Schmerzen im Bereich des Rückens resultieren.


  In einer wenig bekannten Heilungserzählung der Bibel tritt im Synagogen-Gottesdienst eine Frau auf, die nicht mehr aufrecht gehen kann, weil sie verkrümmt ist.

Die Miniaturen (Ausschnitte) entstammen überwiegend dem St. Albans Psalter.

     Biblische Erzählung (Luk 13, 10-17)


  Jesus war dabei, in einer der Synagogen am Sabbat zu lehren.

Und siehe: Eine Frau hatte einen krankmachenden Geist - achtzehn Jahre schon. Und sie war verkrümmt und sie konnte sich nicht völlig aufrichten.

  Als Jesus sie sah,

rief er sie her

und sprach zu ihr: Frau, du bist deine Krankheit los!

Und er legte ihr die Hände auf.

  Und sofort stellte sie sich aufrecht.

Und sie verherrlichte Gott.

I. Beschreibung und Diagnose der Krankheit:

„Sie war verkrümmt und konnte sich nicht völlig aufrichten“

  Die Frau, die sich in die synagogale Männergesellschaft gewagt hat, ist verkrümmt und kann sich nicht mehr gänzlich aufrichten. Welche Leidensgeschichte mag sie hinter sich haben?

Vielleicht hat sie zugelassen und sich daran gewöhnt, dass

- ihr immer wieder Unzumutbares „aufgehalst" wurde

- vieles „auf ihrem Rücken ausgetragen" wurde

- sie unterdrückt und „zusammengestaucht"  wurde.

Vermutlich konnte sie als junges Mädchen diesem Druck nicht standhalten; sie passte sich an und verkrümmte sich.

  Vielleicht musste sie (als Älteste in einer großen Geschwisterschar (?) auch untragbare Verantwortung übernehmen und „sich krumm arbeiten".

Möglicher Weise „versteifte sie sich" auf bestimmte Lebenshaltungen und Strategien, die ihr halfen zu überleben.

So verlernte sie den aufrechten Gang; ihre Gestalt verkrümmte sich, ihr Blick richtete sich immer mehr nach unten. Mitmenschen auf Augenhöhe zu begegnen wagte sie kaum noch.

Diagnose der Krankheit:

„Sie hatte einen krankmachenden Geist - schon achtzehn Jahre lang“

Exkurs:

Anthropogenese - Menschwerdung

Ein langer Weg zum aufrechten Gang

II. Heil - werden

Eine bioenergetische Therapie durch Jesus?

Heil - werden am Sabbat

III. Spirituelle Übungen

Was macht den Menschen zum Menschen? Wann wurde aus dem Anthropoiden ein Mensch? 


  An erster Stelle werden von Paläontologen und Biologen anatomische Veränderungen angeführt. 

Als ein Schlüsselereignis in der Evolution des Menschen gilt der aufrechte Gang, vor ca. 2 Millionen Jahren im „homo erectus" Wirklichkeit geworden. Weitere Merkmale dieses neuen Wesens sind die Vergrößerung des Gehirnvolumens, die Entwicklung bestimmter geistiger Fähigkeiten  und von Kulturtechniken (Sprache, Rituale, Herstellung von Feuer, etc.).

  Ein theologisches Kriterium der stammesgeschichtlichen Mensch-Werdung wird kaum berücksichtigt. Als der Vormensch sich aufrichtete, weitete sich sein Gesichtskreis und er sah den "gestirnten Himmel über uns". Augen, Geist und Herz öffneten sich für die Wunder und Schrecken des ganzen Universums - er begann „Gott" zu spüren und zu denken.


Was macht den Menschen zum Menschen?

- mit beiden Füßen auf dem Erdboden stehen und  Kopf, Stirn und Augen nach vorne und zum Himmel gerichtet

- die Verbindung von aufrechtem Gang (Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, Engagement für Menschenwürde) und Offenheit für das Universum (Gott-Fühligkeit, Kontemplation).

  Die gekrümmte Frau hatte einen „Geist der Krankheit“. Dasselbe Wort „pneuma" wird in der Bibel sowohl für einen dämonischen, krankmachenden (Un-)Geist als auch für den heiligen, heilenden Geist gebraucht. Mit „pneuma" wird ursprünglich unser Atem bezeichnet. Also können wir davon ausgehen, dass die gekrümmte Frau einen krankmachenden Atem in sich trug, der, weil er reduziert und blockiert ist, nicht alle Körperorgane mit Sauerstoff und Energie versorgte. Offensichtlich hängt ihre körperliche Verkrümmung eng mit ihrem blockierten Atem zusammen.

  In dem der Heilung folgenden Streitgespräch mit dem Synagogenvorsteher setzt Jesus diesen „krankmachenden Geist" gleich mit dem „Satanas, der sie gefesselt hat". Spricht Jesus hier als Kind seiner Zeit oder passt er sich nur den fragwürdigen Denkmustern seiner Umgebung an? Ein „böser Geist" hat ihre freie Entfaltung behindert oder sogar verhindert. Wie auch immer diese dämonische Kraft zu deuten ist - nicht als personifiziertes Böses, sondern eher als bannende „Hexenbotschaften", die wir übernommen haben und die Menschen noch im Erwachsenenalter fesseln (vgl. „Heilung des Gelähmten") - Jesus geht es primär um die „Lösung" dieser Fesseln, um die Wiederherstellung des ursprünglichen Heilseins von Körper, Seele und Geist.

Diagnose durch Bioenergetik

  Wilhelm Reich und Alexander Lowen (1910-2008) entwickelten das Analyse- und Therapiemodell „Bioenergetik", das die Körperlichkeit und den Energiefluss des Menschen in den Vordergrund stellt. An dem Körperbild wollen Bioenergetiker die spezifische seelische Störung eines Menschen ablesen und über therapeutische Körperübungen behandeln. Der menschliche Organismus gilt ihnen als körperlich-seelische Einheit, erfüllt von pulsierender „Bioenergie“, die durch die Atmung „aufgeladen“ wird und die sich je nach Seelenzustand in bestimmten Körperbereichen konzentriert.

  Alexander Lowen (Bioenergetik. Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper. rororo 7233) spricht von vier Schichten im Menschen (I. Ich-Schicht, II. Muskel-Schicht, III. Gefühlsschicht und IV. Kern-Herz-Liebe), die ursprünglich durchlässig sind, so dass der Energiefluss ungehindert zwischen diesen Schichten strömen kann.

  Aufgrund frühkindlicher Verwundungen verlassen wir aber unsere „Erste Natur“, unsere ursprünglich heile und harmonische Wesensmitte („Kern", „Herz", „Liebe"). Wir unterdrücken unsere authentischen, freien Gefühle, um die Liebe unserer Umwelt nicht vollends zu verlieren.

Geerdet und aufgerichtet -

eine eutonische Übung im Stehen


a) Ich stehe

- mit den Fußsohlen fest verwurzelt

- die Knie locker

  1. -die Wirbelsäule aufrecht

  2. - Arme und Hände entspannt hängen lassend

- den Scheitelpunkt des Kopfes nach oben geöffnet


b) Ich federe mit dem ganzen Körper und atme stoßweise bis in die Füße aus. Ich lasse los

- was mich in meinen Gedanken (Kopf) blockiert

- Verbissenheit (Mund-, Kieferpartie)

- Ängste (Hals)

- Belastungen (Schultern)

- bedrängende Gefühle (Herz)

- Triebhaftigkeit (Bauch)


c) In meiner Vorstellung ziehe ich unter meinen Fußsohlen die Stöpsel heraus und leite alles in die Erde ab, die alles mütterlich aufnimmt und verarbeitet.


  1. d)Ich bin leer(er) und offen für das göttliche Licht, das durch mein Scheitel-Chakra, mein Kronen-Chakra in mich einströmt. Ich greife das Wort auf, das ich als göttliche Gabe wünsche (Licht, Kraft, Klarheit, einfach, fließen, lieben, Nähe, Weite o.a.)


(11.04.2000 Exerzitien mit Sr. Anneliese Heine)

Meditation der Abbas Menas-Ikone aus Taizé


  Bei einer Bild-Meditation versetze ich mich selbst in die Mitte des Bildes. Ich bleibe nicht distanziert draußen vor, sondern identifiziere mich mit einer dargestellten Person.


  Ich bin Abbas Menas.


  Christus hat mich aus der Finsternis ins Licht geführt. Er kennt meine Dunkelheiten und Schattenbereiche und alles, was mich belastet.

Er hat mich eingeladen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch aufatmen lassen."


  Seinen rechten Arm legt er freundschaftlich um meine Schultern: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir ... Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht." (Mt 11,28-30)

Wenn ich mich schwer tue und bedrückt bin, lässt Er mich aufatmen.


  Liebevoll umarmt und geleitet durch Sein Wort, darf ich aufrecht meinen Weg gehen.

  Eine soche Überlebensstrategie  hat gravierende körperliche Auswirkungen: Muskeln verspannen sich und es bildet sich eine bestimmte Abwehrhaltung („Charakterstruktur") heraus, die sich in körperlichen Symptomen manifestiert (II. Muskelschicht) und daran ablesbar ist („body-reading").


Fünf typische Abwehrstrategien stellt Lowen dar; als körperliche Reaktion auf Zurückweisung und Feindseligkeit die schizoide Abwehrhaltung,  auf Liebesentzug die orale, auf Verführung und Angst vor Gesteuert-Werden die psychopathische, auf Liebe mit starkem Druck die masochistische, und als körperliche Abwehrreaktion auf die Zurückweisung des Verlangens nach Intimität und Lust die rigide Abwehrhaltung.

  Diese fünf Formen der Notwehr weisen jeweils Blockaden im menschlichen Organismus auf, die den freien Fluss von Gefühlen, Atem, Energie und Motilität behindern und verhindern (s. Lowen: S.130 ff)

Gefühls- und Körperausdruck sind dann nicht mehr frei, natürlich und harmonisch.

Bioenergetische Deutung der Krankheit der gekrümmten Frau


  Auch die „gekrümmte Frau mit einem krankmachenden Geist" hat vermutlich gegen ihre ursprünglichen Lebensimpulse aus ihrer Herz-Mitte heraus Abwehrbastionen in ihrer Gefühls- und Muskelschicht aufgebaut. Als Kind verlor sie partiell das Vertrauen in ein mütterliches und väterliches Gehaltensein.

  Vielleicht war sie die Älteste in einer großen Geschwisterschar, für die sie schon früh Verantwortung tragen musste. Sie durfte selbst kein Kind sein, sondern musste ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen - ihre große Wut darüber unterdrückte sie; ihren tiefen Wunsch, geliebt zu werden ohne Arbeitsleistung für ihre Eltern und Geschwister zu erbringen, fror sie ein.

Vielleicht war sie auch die Jüngste unter vielen Geschwistern, die bei aller subjektiven Gutwilligkeit über sie bestimmten, auf ihr „saßen" und sie niederdrückten. Ihren Zorn unterdrückte sie, wenn sie mal wieder „zusammengestaucht" wurde. Ohne dass sie selbst oder ihre Umwelt es bemerkte, somatisierte sie: ihren Rücken versteifte sie, um die aufgebürdeten (psychischen) Lasten besser ertragen zu können. Aber wer Augen hatte zu sehen, konnte an ihrer körperlichen Gestalt ihr seelisches Leiden ablesen.

  Ihr tiefer unerledigter Konflikt manifestierte sich bald in Atembeschwerden und einer Verkrümmung ihrer Gestalt (vielleicht noch verstärkt  dadurch, dass sie zu lange in ihrem Kinderbett  „klein gehalten" wurde). Lange Jahre von ihr und ihrer Umgebung nicht bewusst wahrgenommen, wurde ihr dieses seelisch-körperliche Abwehrverhalten zur „Zweiten Natur".

Dieser Zustand führte dann dazu, dass sie auch in ihrer Ich-Schicht zu Abwehrmechanismen (Verdrängung, Projektion etc.) griff, die verhinderten, dass der psychische Konflikt ins Bewusstsein aufstieg. Vielleicht hat sie sich noch während des Gottesdienstes in der Synagoge „beruhigt":

Einer muss ja die Drecksarbeit machen! (Rationalisierung)

Im Grunde gehts mir doch sehr gut! (Verleugnung)

  Aber so ganz abgeschnitten von ihrer Herz-Mitte ist sie offensichtlich nicht. Trotz permanent erlebter Unterdrückung und Missachtung hat sie den Glauben an ihre Würde nicht aufgegeben. Selbstbewusst wagt sie es als „Tochter Abrahams" an dem synagogalen Männer-Gottesdienst teilzunehmen. Wenn auch körperlich verkrümmt, innerlich richtet sie sich auf und öffnet sich lobpreisend auf JHWH hin, den Schöpfer und Befreier.

Sie befindet sich in einem Prozess der Bewusstwerdung ihrer Krankheitsgeschichte und der Wiederherstellung ihrer Gesundheit. Die Phase des „cor in se curvatum", des „in sich verkrümmten Herzens" hat sie offensichtlich schon überwunden.

   Im Grunde ist die gekrümmte Frau schon seelisch geheilt, als sie Jesus begegnet.

Die Therapie der Bioenergetik


setzt an in Schicht II, bei den chronischen Muskelverspannungen, und besteht wesentlich in Körperarbeit. Durch Berührungen, Massagen, und dadurch, dass ein tieferer Atem mit Hilfe des „Atemstuhls“ provoziert wird oder bestimmte Körperhaltungen eingenommen werden, soll das „Körpergedächtnis“ aktiviert und unterdrückte Gefühle freigesetzt werden. Die dramatische Gefühlsentladung soll Körper und Seele von Verspannungen befreien, die Blockaden zwischen den vier Schichten im Menschen abbauen und die ursprünglichen Lebensimpulse ungehindert fließen lassen. Ziel der bioenergetischen Übungen ist die Wiederherstellung eines freieren, kräftigen Energieflusses zwischen Herz, Bauch und Kopf, ein authentischer Gefühlsausdruck, harmonisches, „anmutiges“ Körperverhalten und eine differenziertere Achtsamkeit für sich Selbst und Andere.

  „Die vier Schichten würden weiterhin vorhanden sein - aber nicht als abwehrende, sondern als harmonisierende (koordinierende) und ausdrückende (expressive) Schichten. Alle Impulse würden vom Herzen fließen, das heißt, der Betreffende würde bei allem, was er tut, "mit dem Herzen dabei sein". ... Seine Reaktionen würden immer ein Gefühlsfundament haben. Er könnte, je nach den Umständen. zornig, traurig, ängstlich oder freudig sein. Diese Gefühle würden echte Reaktionen darstellen ... Außerdem würden seine Aktionen und Bewegungen anmutig und zielsicher sein. Das Grundmerkmal dieses Menschen würde Ausgeglichenheit und Wohlbefinden sein ... ein im wahrsten Sinne des Wortes `herzlicher Mensch`."


(Alexander Lowen: Bioenergetik. Therapie der Seele durch Arbeit mit dem Körper. S.106f)

Heilende Begegnung

zwischen der gekrümmten Frau und Jesus


Als Jesus sie sah, rief er sie her

und sprach zu ihr: Frau, du bist deine Krankheit los!

Und er legte ihr die Hände auf.


Und sofort stellte sie sich aufrecht.

Und sie verherrlichte Gott.

Luk 13, 12f


  Jesus beachtet die Menschen am Rande. Auch die Frau mit ihrer gekrümmten Gestalt findet bei ihm Ansehen. Er sieht sie in ihrer Ganzheit, nicht nur in ihrer körperlichen Deformiertheit. Er schaut ihr ins Herz, bis auf den Grund und Kern ihrer Existenz. Ihre Leidensgeschichte liegt ihm offen vor Augen. Und als er sie anspricht, spricht er aus, was die Umgebung nicht nachvollziehen kann, und woran sie selbst noch nicht so recht glauben kann: „Frau, du bist deine Krankheit los!“ Innerlich hat sie schon seit Jahren den „aufrechten Gang erlernt“. Ihren Zorn über die erlittenene Unterdrückung hat sie zugelassen und sich mit ihm angefreundet. Und sie hat wieder Kontakt aufgenommen zu ihrer urspünglichen heilen Mitte. Den Glauben an die göttliche Kraft in sich Selbst, an den Schöpfer-Gott und Befreier JHWH hat sie zurückgewonnen. Und deshalb nimmt sie an dem Gottesdienst teil, um die alten Befreiungs- und Liebesgeschichten Gottes zu hören und um diesen Gott mit Herz und Stimme zu lobpreisen.

„Und Jesus legt ihr die Hände auf.“

  Jesus weiß wie ein bioenergetischer Therapeut um die Bedeutung von Körper-Therapie für eine ganzheitliche Heilung. Handauflegung ist eine Form der Körperarbeit; bis heute ist sie im Christentum eine rituelle Geste der Herabrufung des Heiligen und Heilenden Geistes. Christus lässt sein Pneuma, seinen lebenspendenden Atem in Fülle einfließen; die gekrümmte Frau hatte schon vor ihrer „offiziellen“ Heilung wieder Kontakt zu ihrem eigenen und zugleich göttlichen Atem in sich gefunden. Nun bestätigt und unterstützt der Christus vor ihr, durch den alles existiert und lebendig ist, diese Entwicklung zur Selbst-Heilung.

  Der Atem allen Atems in ihr kann wieder frei strömen; aus dem Kern ihres Herzens heraus durchströmt er die  blockierten Gefühlsschichten und entspannt ihre muskulären Verspannungen und Verkrampfungen - und sie stellt sich aufrecht hin, gelöst und befreit. 

  Durch die zärtliche Berührung Jesu wird das 7. Chakra, das Scheitel- oder Kronen-Chakra der Frau vollends geöffnet; ihr wird bewusst, was zutiefst ihre Würde und ihr Wesen ausmacht: Offenheit für die bedingungslose Güte des Alls und ihre ursprüngliche heile Wesensgestalt. Und wie am ersten Tag der Menschwerdung innerhalb der Evolution stellt diese Frau sich aufrecht, die Füße fest geerdet und Herz und Geist zum Himmel gerichtet.


  Interessante Parallelen sind in der sufitischen und hinduistischen Weisheitstradition zu finden, in der alle Überlegungen um die Erfahrung und Verwirklichung von göttlicher  „Essenz" kreisen. Sri Aurobindo beschreibt die Ersterfahrung dieser göttlichen Kraft und Fülle als ein „Herabfließen eines Kraftstromes von oben nach unten." Es komme nur darauf an, seine Bahn nicht zu behindern, sondern ihn von oben bis unten in die Schichten unseres Wesens herabzulassen. Auf Dauer werde dieser Energiestrom gleichmäßig und natürlich, und vermittle das Gefühl von frischer Energie, wie eine andere Art von Atem. Zudem gebe er Festigkeit und unterstütze uns, beinahe wie ein Rückgrat. (A.H.Almaas: Essenz S.76 f)

  Für Jesus scheint der Gottesdienst am Sabbat geradezu der bevorzugte Ort zu sein, an dem er Menschen heilt, die aus der „sehr guten" Schöpfungsordnung  herausgefallen sind und den Kontakt zu ihrer heilen und heilenden inneren Mitte verloren haben.

  Jesus stellt mit Vorliebe am Sabbat den Menschen wieder so her, wie Gott ihn ursprünglich geschaffen hat: heil, frei und aufrecht. Am siebten Tag ruhte JHWH. Und er betrachtete seine Schöpfung und er sah: Alles war sehr gut.

Der jüdische Sabbat ist (wie später der christliche Sonntag) der Tag des Lobpreises, der Kontemplation, der Schau der ursprünglichen Schönheit und Harmonie der Schöpfung.

  Dem Synagogenvorsteher ist diese Bedeutung des Sabbats abhanden gekommen. Er pocht auf Befolgung der detaillierten Sabbat-Vorschriften. Jesus nennt ihn einen Blender, einen Heuchler, einen Schauspieler, dem es mehr um Schein als um Sein geht. Ein Augen- und Ohrenzeuge der Szene in der Synagoge würde den Eindruck gewinnen, dass der Vorsteher dieser kleinen Gemeinde der eigentlich Kranke sein könnte. Denn dieser hat sich „versteift“ auf die Erfüllung der 613 jüdischen Gebote und Verbote. Eine legalistische Erziehung hat bewirkt, dass er Religion von Menschlichkeit trennte. Ursprüngliche religiöse Gefühle wie Dankbarkeit, Staunen über die bedingungslose Liebe Gottes, Sympathie mit Leidenden wurden von ihm unterdrückt, sodass er den natürlichen Kontakt  zur Mitte seiner Religion und zur eigenen Wesensmitte verlor und rigide und unnahbar wurde.

Wie kann er wieder heil werden? ---

  Der jungen jüdischen Frau, die lange Jahre ein krankmachender Geist fesselte und die verkrümmt war, wird in dem heilenden Jesus von Nazareth die Herrlichkeit Gottes offenbar. Und zugleich ihre eigene gottgewollte Wesensgestalt. „Die Herrlichkeit Gottes ist der Mensch“ (Irenäus von Lyon), der sich durchströmen lässt von göttlichem Atem und der aufrecht geht. Auf diese wunderbare Erfahrung reagiert die geheilte Frau entsprechend: „Sie verherrlichte Gott.“ Und auch die Menschen, die dabei waren, haben das begriffen: „Alle freuten sich über all das Herrliche, das durch Jesus geschah“.

Aufrechte Menschen  in der Bibel: die Frauen am Grab des Auferstandenen (Albani - Psalter um 1130)

Maria, die Mutter Jesu, und Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer

Maria aus Magdala, durch Jesus von sieben krankmachenden Geistern therapiert, verkündet den Aposteln: Ich habe den Auferstandenen Kyrios gesehen. (Joh 20, 11-18)

     20.02.2010 / 16                        Zur Willkommenseite                  

  Der Synagogenvorsteher aber, entrüstet darüber, dass Jesus am Sabat heil gemacht hatte, sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen und lasst euch heilen, nicht am Sabbattag.

  Da hob der Herr an und sprach zu ihm: Ihr Blender! Macht nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel vom Futtertrog los und führt ihn zur Tränke? Aber diese, eine Tochter Abrahams, die der Satanas gefesselt hatte - siehe: achtzehn Jahre lang! - die sollte am Sabbattag nicht gelöst werden dürfen von dieser Fessel?

  Und als er das sagte, wurden alle seine Widersacher beschämt.

Und alle Leute freuten sich über all das Herrliche, das durch ihn geschah.

(nach Fridolin Stier)

Die biblischen Szenen sind dem goldenen Evangeliar von Echternach und dem Albani-Psalter (um 1130) entnommen.

Verstocktes Herz  -  verdorrte Hand

Bibliodrama / Diamantener Weg des Herzens (A.H.Almaas)