Haiku versteht sich nicht als bloße Poesie, sondern als besondere Form der Welt- und Existenzerfahrung. Es sucht im besonderen Augenblick die ganze Zeit, am besonderen Ort das Überall, in einem Ding das ganze Sein, in einer konkreten Situation das Ganze, Allgemeine, Umfassende (vgl. Krusche S. 118).

  Seit Basho (1644 -1694) sind Haiku und Zen nicht mehr zu trennen. Der Zen-Buddhismus gibt die Erfahrung weiter, dass Erleuchtung erlangt wird in einem Nu, in einem Blitz der Intuition (in der Regel allerdings nach einem langen Prozess des Leer-werdens mit Hilfe bestimmter Techniken). Jede Art von sinnenhafter Wahrnehmung kann der Auslöser dieser tiefen Erkenntnis sein: ein Anblick, ein Laut, ein Duft .... Bei Shakyamuni Buddha soll das Blinken des Morgensterns, bei Hakuin der Klang einer Tempelglocke diese Erleuchtungserfahrung herbeigeführt haben. Der Schlafende erwacht, und erst jetzt wird ihm bewusst, dass er bislang geschlafen hat. Er erwacht zu dem, was jenseits (transzendent) aller Formen und Namen ist und zugleich in allen Namen, Formen, Worten und Gedanken anwest. „Brahman ist vorübergegangen, und seine Berührung hat den Menschen als ganzen verwandelt, angefangen von seiner innersten Tiefe.“ (Le Saux: Upanishaden S. 58) Er erwacht zu seinem Selbst, zur Schau des eigenen wahren Wesens (christlich gesprochen: zur Tiefenerfahrung seiner Christus-Natur).

  Plötzlich, häufig lange vorbereitet, aber immer überraschend weiß der Erleuchtete, dass Alles das Eine ist. Diese tiefere Ebene des Absoluten kann letztlich nicht mit Hilfe einer bestimmten rituellen, asketischen oder intellektuellen Praxis erreicht, sondern nur geschenkhaft erfahren werden. „Es ist“, ganz einfach.

Dieser Zen-Esprit ist in manchen traditionellen Haiku aus Japan zu spüren, aber auch in neueren, etwa von Imma von Bodmershof (s. Literaturhinweise und vier Beispiele unter Haiku I) ist dieses Ineinander, diese Spannung zwischen konkreter Anschauuung und verborgenem Grund, Bildimpression und Ganzheitserfahrung, zwischen Immanenz und Transzendenz kaum zu überlesen.



  Meine biblischen Haiku greifen Szenerien, Situationen aus der Bibel auf, die anschaulich bzw. visuell, auditiv, taktil, olfaktorisch, gustatorisch wahrnehmbar und zugleich affektiv aufgeladen sind. Meist geht es um Begegnungen mit Jesus, in denen Menschen „erleuchtet“ werden, d.h. ihnen leuchtet die Christus-Wirklichkeit als letzte allumfassende Wirklichkeit und zugleich als Glanz des Selbst auf.

Biblische Haiku

Siger Köder: Ostermorgen am See

(nach Johannes 6,25: Die Leute ... stiegen in die Boote ... und suchten Jesus. Als sie ihn am andern Ufer des Sees fanden ...)

Auf vertrautem See

nachts gesucht - ich finde IHN

am Andern Ufer.

(nach Johannes 21,4: In dieser Nacht fingen sie nichts. Als der Morgen dämmerte, stand Jesus am Ufer)

Vor Sonnenaufgang

mit leeren Netzen heimwärts -

ER steht am Ufer.

Wie immer: Blindenstab

und Schale - SEINE Stimme

lässt mich aufspringen.

Minoischer Strand.

Im weißen Stein Goldspuren -

ich buchstabiere ....

Morgendämmerung.

Den Schlaf aus den Augen reiben -

Ikonen leuchten.

(nach Offenbarung 2,17: Ich werde ihm einen weißen Stein geben, und auf dem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn empfängt.)

(nach Markus 10,46ff: Als Jesus Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler. Sobald er hörte, dass es Jesus war, rief er laut: Jesus erbarme dich meiner. Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie sagten zu ihm: Hab Mut, steh auf, ER ruft dich! Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte sehen können. Da sagte Jesus zu ihm: Geh, dein Glaube hat dir geholfen. Und gleich konnte er sehen und er folgte Jesus auf seinem Weg.)

Marc Chagall: Il concerto

04.10.2007

Eingeschlafen im

Gefängnis der Fixierungen -

ER lugt durchs Gitter.

Warum, wenn Gottes Welt doch so groß ist, bist du ausgerechnet in einem Gefängnis eingeschlafen? (Rumi)

Mein Geliebter - ER lugt durch die Gitter. (Hoheslied 2, 9)

Nächtliche Träume.        

Wer ruft? – Über die Wasser 

lauf ich auf IHN zu.

(nach Matthäus 14, 22-33: Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und ging über das Wasser auf Jesus zu.)

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