V.  BRUNNEN

sich mutig und wahrhaftig auf Innere Tiefen einlassen / sich in Gott versenken

  Hubertus Halbfas erzählt von drei Brüdern, die einen Brunnen aufsuchen, den Ort, an dem sie die Wahrheit über sich erfahren können. Nur der jüngste hat den Mut, ganz tief hinabzusteigen.

Auf die Erzählung folgt ein Dialog zwischen einem Weisheits-Lehrer und seinem Schüler.

Der Sprung in den Brunnen

Paradigmenwechsel in Theologie und Spiritualität: von der Höhe in die Tiefe

  Die Entdeckung und Erforschung bisher nur geahnter Tiefendimensionen unseres Planeten und der menschlichen Seele im 20.Jahrhundert haben unser Lebensgefühl und Selbstbild verändert. Der Schock, den S. Freud auslöste, als er nachwies, dass das scheinbar autonome Handeln des Menschen weitgehend von unbewussten psychischen Kräften beeinflusst wird, ist bis heute nicht verarbeitet. Dass die Meere auf der Erde voll sind von unbekannten Organismen und rätselhaften Geheimnissen, gehört inzwischen zum Allgemeinverständnis. Viele Astronomen sprechen heute von der unauslotbaren „Tiefe“ (nicht „Weite“ oder „Höhe“) des Universums.

Der Brunnen (153 m tief) auf der Festung Königstein:

mysterium tremendum et fascinosum

  In unserem Urlaub im Elbsandsteingebirge vor drei Jahren (2007) besuchten meine Frau und ich auch die Festung Königstein. Im Zentrum befindet sich der mit 152,5 Metern zweittiefste Brunnen Europas. Manche Besucher trauten sich zunächst kaum, einen Blick in diese unheimliche Tiefe zu tun, andere versuchten durch kleine Steinchen, die sie hineinwarfen, eine Vorstellung von der Entfernung zwischen Brunnenrand und Wasserspiegel zu gewinnen; alle aber waren fasziniert. Selten habe ich die Kurzformel von Rudolf Otto für die Erfahrung des Heiligen (Numinosen) so lebendig nachvollzogen wie bei diesem Blick in die endlose Tiefe des Königstein-Brunnens, nämlich als Begegnung mit einem  „mysterium tremendum et fascinosum", dem Göttlichen Geheimnis, das erschreckt und fasziniert zugleich.

Der Brunnen in „Der Froschkönig“ und „Frau Holle“:

Hinabstieg in eine jenseitige Welt und Wahrnehmung des eigenen „Schatten“

Brunnen und Wasser des Lebens als Symbole der Göttlichen Essenz

  Beim Hinabstieg in den Brunnen des Unterbewusstseins begegnen wir nicht nur der Pechmarie oder dem Frosch in uns, unserer „dunklen Schwester“ bzw. unserem „dunklen Bruder“, unserem „Schatten“, also psychischen Kräften, Energien, Motivationen, geheimen Wünschen, die uns fremd sind, die wir nicht wahrhaben wollen. Wenn wir mutig diese Dunkelzonen anschauen und durchqueren, finden wir darunter einen unzerstörbaren Raum des Lichtes, der Stille, der All-Verbundenheit: göttliche Essenz.

  Das Unbewusste ist ja nicht ausschließlich ein Müllplatz von verdrängten und verleugneten Lebenserfahrungen (wie Sigmund Freud annahm), sondern auch ein Reservoir von heilsamen Bildern und heilenden Energien (wie C.G.Jung ergänzte). Unser Unterbewusstsein reicht tief hinab bis zum immer und überall präsenten Grundwasser, das in unserem tiefsten Innern wie eine Quelle sprudelt.

Am Jakobsbrunnen begegnet Jesus einer samaritanischen Frau  (Joh 4)

Im Spiegel Jesu erkennt sie ihre wahre Lebenswirklichkeit

Die Bibel erzählt von entscheidenden Erstbegegnungen an einem Brunnen: Isaak und Rebekka, Jakob und Rahel, Mose und Zippora lernen sich dort kennen; Jesus lässt sich nach einer ermüdenden Wanderung in der Mittagshitze am Jakobsbrunnen bei Sychar nieder (Sychar heißt: Es ist verstopft) und spricht mit einer namenlosen Frau aus Samaria (Alle genannten Frauen sind Ausländerinnen !!). Offensichtlich ist die Situation an einem Brunnen besonders günstig für Kontaktaufnahmen, Gespräche und tiefere Einsichten.


Wie im „Kleinen Prinzen“ von A. de Saint-Exupéry kreist auch das Gespräch zwischen Jesus und der Frau aus Samaria um den Durst, das Wasser, den Brunnen und untergründige, unsichtbare Essentials.

  Der Evangelist Johannes zeichnet Jesus als einen klugen Weisheitslehrer, der mit Empathie und Konfrontation der Samariterin hilft, bisher verborgene Lebenswirklichkeiten ins Bewusstsein zu heben.

Blick in den Seelengrund nach einer Vision von Hildegard von Bingen (Montage)

Wie in die Tiefe zu meinem Brunnengrund kommen?

Mystische Erfahrungen sind nach Jesus für jedermann und jedefrau zugänglich. Die spirituelle Reise in die Innere Tiefe zur Göttlichen Essenz in uns ist nicht an eine Religionszugehörigkeit gebunden. Jesus missachtet soziale Ausgrenzungen, eine Ausländerin wird seine erste Apostolin. Und weil sie keine abstrakte Lehre verkündet, sondern ihren persönlichen Erfahrungsprozess mitteilt, werden andere Dorfbewohner neugierig auf „Christus, den Brunnen des Lebens“ (Klemens von Alexandrien), sie kommen zu ihm und bleiben bei ihm und in ihm.

Spirituelle Impulse für den „Sprung in den Brunnen“

durch die Frau aus Samaria:


- Hab Mut, in den Brunnen deiner Inneren Tiefe hinabzusteigen

  1. -Lass Deine Fehlidentifikationen mit Rolle, Macht, Erfolg, Besitz (= Natur Nr. 2) los

- Lasse schmerzhafte Einsichten zu

- Entdecke dein wahres Wesen (= Natur Nr. 1), deine Christusnatur

- Versenke dich in die Liebe Gottes

durch Jeremija / Jesaja / Christus:


Gott spricht: Mein Volk hat mich verlassen, den Brunnen des lebendigen Wassers, um sich Zisternen zu graben, Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten.

(Jer 2, 13)

Schöpfen sollt ihr Wasser mit Wonne aus dem Born der Freiheit.

(Jes 12,3)

Christus: Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer durstig ist, den werde ich umsonst aus dem Brunnen trinken lassen, aus dem das Wasser des Lebens strömt. (Offbg 21, 6)

Wer durstig ist, der komme. Wer will, empfange umsonst das Wasser des Lebens. (Offbg 22, 17)

Am letzten Tag des Festes rief Jesus laut: Düstet da einer, er komme zu mir. Und es trinke, wer an mich glaubt. Uns auis seinem Innern fließen Ströme lebendigen Wassers. (Joh 7,37.38)  

durch den Cherubinischen Wandersmann:


DER HIMMEL IST IN DIR

Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir.

Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.


DER BRUNNQUELL IST IN UNS

Du brauchst zu Gott nicht schrein, der Brunnquell ist in dir:

Stopf`st du den Ausgang nicht, er flösse für und für.

Kontemplation - ein im Christentum vergessener mystischer Weg

Brunnen:


sich mutig und wahrhaftig auf innere Tiefen einlassen;

sich in Gott versenken


Francisco de Osuna:

Versenkung

Miguel de Molinos: Geistliche Wegweisung (Peter Dyckhoff)

Hubertus Halbfas:

Der Sprung in den Brunnen

Innere Wohnungen:


die Realität im Hier und Nun achtsam wahrnehmen;

in der Göttlichen Präsenz leben


Teresa von Avila:

Innere Wohnungen

Richard Rohr:

Pure Präsenz

Himmelstreppe:


sehnsüchtig, entschlossen und selbstdiszipliniert

zu Gott aufsteigen


Johannes Klimakus:

Himmelstreppe

Wunibald Müller:

Dreißig Stufen zum Paradies

  Sich in Gott versenken, in den tiefen Brunnen der eigenen Seele hinabsteigen, meditieren - auch im „christl. Abendland“ denkt man heutzutage dabei eher an östliche Meditationsmethoden wie Zen oder Yoga als an originäre Formen des Betens im Christentum. Ein fundamentaler christlicher Weg zu Gott ist in Vergessenheit geraten, der unterschiedlich benannt wird: „Gebet der Ruhe“, „Herzensgebet“ oder „Kontemplation“. Hintergründe für diese Vergesslichkeit sehe ich in fragwürdigen innerkirchlichen Entwicklungen und Akzentuierungen:

- Vertreibung der Stille aus den Gottesdiensten

  1. -Autoritäre Vorgabe von Katechismuswahrheiten statt Wertschätzung von persönlicher Glaubenserfahrung

  2. -Phobie gegen „pantheistische“ Ansätze in Theologie und Verkündigung

  3. -Überbetonung von vorgegebenen Gebetsformeln

  4. -Widerstände gegen unkontrollierbare mystische Erfahrungen („Eso-Kram“!)

  5. -Fixierung auf Moral und Lehre statt Praxis einer authentischen Mystagogie (Einführung ins Göttliche Mysterium)

Dennoch wird in vielen christlichen Bildungshäusern und Gemeinden das Kontemplative Beten eingeübt und gepflegt.

  In dem Spiegel Seiner Worte und Seiner Augen erkennt die Frau schrittweise den Propheten, der die Wahrheit jedes Menschen kennt, den Retter der Welt, den Göttlichen Christus, der überall, nicht nur an den Heiligen Stätten der Juden und Samariter verehrt wird. Jesus bringt sie in Berührung mit ihrem tiefsten Lebensdurst, mit ihrer ureigenen Quelle, die aus dem unerschöpflichen göttlichen Ursprung hervorsprudelt; er offenbart sich ihr als das lebendige Wasser, als die Quelle des Lebens, als ICH-BIN; Christus benennt sich selbst mit diesem Heiligen Namen Gottes. Deshalb wagt es diese Frau, ein Stück tiefer in ihren Lebensbrunnen hinabzusteigen und schmerzlichen Wahrheiten ins Auge zu schauen. Und schließlich entdeckt sie, dass das Wasser des Lebens, das Christus schenkt, auch in ihrem Seelengrund sprudelt.

  Die mystische Dimension des Symbols „Brunnen“, dieses Gewahrsein für die Christus-Essenz im Menschen, hat der Maler Siger Köder sichtbar gemacht.

  Die Samaritanerin schaut über den Brunnenrand in tiefe Seelenschichten. Sie bleibt nicht an der Oberfläche kleben wie Narziß, der im Spiegelbild des Wassers nur sein mühsam aufgebautes Ego betrachtete: seine Maske, sein durch kosmetische Operationen geschöntes Gesicht; seinen scheinbaren Erfolg im Beruf und bei Frauen; seinen brüchigen materiellen Reichtum. Die Frau, mit der der ICH BIN spricht, schaut plötzlich hinter ihre Fassade und begreift, dass ihr Lebensdurst nicht durch die Männer, die sie häufig wechselte, gestillt werden konnte. Sie blickt den Schattenseiten ihrer Persönlichkeit ins Auge, sie durchschaut ihr vordergründiges Leben und sieht die befreiende Wirklichkeit dahinter und darunter: dass in ihrer eigenen Person-Mitte, in ihrem Herzraum  diese lebendige Quelle des Lebens sprudelt. Tief in sich hat sie das Bild des ICH-BIN-CHRISTUS entdeckt, das identisch ist mit ihrem wahren Angesicht, mit ihrem ursprünglichen Wesen. Sie hat sich tiefer eingelassen in den Brunnen ihres Lebens und ihre Fehlidentifikationen losgelassen, und so leuchtet ihr die bitter-süße Wahrheit ihrer ursprünglichen Natur, ihrer Christus-Natur auf.

  „Die Kontemplation ist ein alter christlicher Versenkungsweg, der zu Achtsamkeit, Gelassenheit, innerer Ruhe und zur Erfahrung Gottes, des "Ich - bin - da" (Ex 3,14) im eigenen Wesensgrund führen möchte. Viele Menschen suchen spirituelle Tiefe und religiöse Erfahrung in den ungegenständlichen Meditationswegen östlicher Religionen. Dass die mystische Tradition des Christentums solche spirituellen Wege auch kennt und überliefert hat, ist Vielen nicht bekannt.

  In der Übung der Kontemplation wird nicht über ein Thema nachgedacht oder ein Gegenstand betrachtet. In der Kontemplation sitzt der und die Übende in aufrechter Haltung ruhig und offen für alles, was geschieht. Er muss nichts leisten, sondern kann loslassen und im Schweigen seinen tragenden Grund erfahren.“

Was ist Kontemplation?

  „Wir müssen das tun, wozu die Weisheit ermahnt, wenn sie sagt: 'Trink Wasser aus deinen Quellen und aus deinem Brunnen' (Sprüche  5,15-17).

  Versuche also auch du, mein Hörer, deinen eigenen Brunnen und deine eigene Quelle zu finden. In dir gibt es von Natur aus lebendiges Wasser, gibt es nie versiegende Adern und reichlich fließende Ströme. Reinige deinen Verstand, damit du irgendwann aus deinen Quellen trinken und aus deinen Brunnen lebendiges Wasser schöpfen kannst. Wenn du von Jesus lebendiges Wasser angenommen und es gläubig aufgenommen hast, entsteht in dir eine Quelle, die ins ewige Leben sprudelt, in ihm, Jesus Christus, unserem Herrn.“


Origenes (185-254), Genesishomilien 12,5

Dass der spirituelle Weg der Kontemplation für viele Menschen heute immer größere Bedeutung gewinnt, ist bestimmten geistlichen Lehrern zu verdanken. Durch langjährige Zen-Erfahrungen ließen sich Hugo E.-Lasalle,  Johannes Kopp, Willigis Jäger u.v.a.m. inspirieren; Peter Dyckhoff beruft sich in seinen Publikationen und Kursangeboten vor allem auf den Wüstenvater Johannes Cassian (360-435) und dessen Wegweisungen in das „Gebet der Ruhe“. Dieses schweigende, alle Gedanken und Gefühle lassende Beten wurde seit dem 5. Jahrhundert die fundamentale spirituelle Praxis von christlichen Theologen (Bonaventura, Thomas von Aquin) und Mystikern (Tauler, Meister Eckhart, Teresa von Avila ...).

  Aus der „Spirituellen Wegweisung“ („Guia espiritual“) des spanischen Mystikers Miguel de Molinos (1628-1696), von Peter Dyckhoff übersetzt und kommentiert unter „Finde den Weg“, Don Bosco Verlag München 2000, paraphrasiere ich einige Hauptaussagen:



  Der menschlichen Seele ist die Sehnsucht eingeboren, sich in ihren eigenen allertiefsten und innersten Grund zu versenken. Dieser grundlose Seelengrund hat unterschiedliche Namen: Wohnung Gottes, Reich Gottes, Gottesbewusstsein, Gegenwart Gottes im Menschen, Ebenbild Gottes im Menschen (unser ursprüngliches Gesicht, unsere Christus-Natur), Teil der menschlichen Seele, den Gott liebend berührt.

  Zu diesem Urgrund, Gott, dem Einen, drängt es unsere Seele. Um in diesen Raum zu gelangen, muss der Betende nichts leisten. Wenn er still wird, seine Empfindungen, Gefühle und Gedanken loslässt und sich dem Göttlichen Geheimnis in sich überlässt und sich hingibt, trinkt er aus der Quelle, empfängt er „Wasser des Lebens“ - „umsonst“ (Offg 22,17).

  Unsere einseitig ausgerichteten Erwartungen, unsere Vorstellungen davon, wer Gott ist und wie er sich verhält, verhindern eine authentische Gotteserfahrung.

  Grundlage des Ruhegebets ist das Bewusstsein und die ganzheitliche Zustimmung, dass G-o-t-t unbegreiflich und unaussagbar bleibt. Diese demütig-realistische Einschätzung schafft einen inneren Raum für überraschende Erleuchtung und die beglückende Erfahrung einer unbegrenzten Liebe.              

  Hindernisse bei dem Sich-Einlassen auf diese unendliche Liebe schaffen wir selbst: Angst um unser fixiertes  Selbstbild, Angst vor Leere, Angst vor Kontrollverlust, Leistungsansprüche an uns selbst ...


Für die Kontemplation kann man nur Vorbedingungen schaffen:

einen inneren Raum der Stille und des Schweigens aufsuchen, leerwerden von Erwartungen und Ansprüchen und Gott einen Freiraum lassen.

  Wichtigste Voraussetzung ist die innere Haltung der Hingabe: lasse Dich vertrauensvoll in den Brunnen der bedingungslosen Liebe Gottes fallen, in den Urgrund des Seins.


  Lasse dich bei Anfechtungen, Unruhe und Verdruss nicht irritieren, sondern wende dich ganz einfach dem Grund der Seele zu und kehre dort ein, wo dir göttliche Kraft zuströmt.

  Begib dich regelmäßig in den Bereich deines tiefsten Inneren.

  Wisse, dass inmitten aller Bedrängnis das Tor zur inneren Ruhe immer offen steht. Setze dich nur hin, schweige und erlaube dir ein Nichtstun, so dass deine Seele ihren eigenen Ursprung finden und berühren kann. Inmitten der verwirrenden Vielfalt kannst du das Eine erfahren.

  1. 1. Suche Dir einen Ort, an dem Du Dich wohlfühlst und nicht gestört wirst.

  2. 2. Nimm eine aufrechte Sitzhaltung ein.

  3. 3. Schließe die Augen und entspanne Dich. Nimm Deinen Leib und Deinen Atem bewusst wahr.

  4. 4. Lasse störende Empfindungen, Gedanken und Gefühle geschehen und vorbeiziehen.

  5. 5. Wiederhole innerlich im Rhythmus des Aus- und Einatmens eine Anrufung Gottes oder ein Heiliges Klang-Wort (Jesus,  Jissúuus, Christús, Maranatha, DU, AUM  oder Ich-Bin...)

  6. 6. Lade das Wort auf mit Hingabe und Liebe.

  7. 7. Kehre immer wieder zu diesem Wort zurück, wenn Du abgelenkt wirst.

  8. 8. Lasse alle Bilder und Vorstellungen und überlasse Dich dem nackten Sein und dem Schweigen. Bleibe in der unmittelbaren Gegenwart.

  9. 9. Halte diese Gebetsübung 20 Minuten einmal oder zweimal am Tag durch (in der Frühe und vor dem Abendessen)

  10. 10. Übe auch mitten im geschäftigen Alltag: konzentriere Dich auf Deinen Atem und atme Dein Mantra aus und ein.

DU

Brunnen des Lebens, unendliches Meer der Liebe

lass mich wie einen leeren Krug in DIR versinken

damit DU mich füllst mit DIR

  Der Dialog zwischen dem Weisheitslehrer und seinem Schüler (H.Halbfas: Der Sprung in den Brunnen) wird S. 16 ff fortgesetzt:

  „Wie also komme ich in die Tiefe?“

„Zunächst mußt du mit dir allein sein können! Wenn du es versuchst, wirst du sehen, wie schwer das ist. Du kannst unruhig werden und sogar Angst verspüren. Dann wird dich nichts anderes drängen als der Wunsch, schnell wieder nach oben zu kommen. Du wirst dir vorsagen, Alleinsein sei sinnlos, führe zu nichts, und ähnliches.“

  „Und? Ist es wirklich anders?“

„Es ist anders. Aber nicht sofort und nicht nach drei Wochen. Dazu gehören Beständigkeit und Geduld.... Man muß Alleinsein wollen und darin die Stille suchen.“

Übung des Kontemplativen Gebets

03.12.2010                            Zur Startseite

  „Und der Brunnen war tief, so tief, daß man keinen Grund sah."

In diesen Brunnen hinein fällt die Goldene Kugel der Prinzessin, die so schön war, „dass die Sonne selber sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien.“ Ein Frosch mit einem „dicken, hässlichen Kopf“ – in Wirklichkeit ein verwunschener Prinz – holt die „Kostbare Perle“ wieder ans Tageslicht.

  Wir alle kennen das Märchen „Der Froschkönig“, mit dem die Brüder Grimm ihre Sammlung begonnen haben. Für die meisten sind Volksmärchen nur schöne phantasievolle, aber „unwahre“ Geschichten für Kinder. Man kann sie aber auch lesen als höchst aufschlussreiche Weisheitsgeschichten für Erwachsene, in denen grundlegende menschliche Phänomene verschlüsselt dargestellt werden. Meistens geht es um wichtige Lebensfragen: Wie kann die Lebensreise gelingen, mit welchen Problemen muss der Mensch klarkommen, welche Stadien muss er durchlaufen?

  In Entscheidungssituationen muss die „Heldin“ oder der „Held“ magische Türen öffnen (wie das „Marienkind“) oder sie/er springt in einen Brunnen (wie „Goldmarie“ und „Pechmarie“ in „Frau Holle“). Tore und Brunnen öffnen den Zugang zu verborgenen jenseitigen Räumen, zu inneren Seelenlandschaften.

  Der dunkle Schacht des Brunnens, in dessen Tiefe der Wasserspiegel unerreichbar glänzt, wird zum Symbol einer tieferen Dimension, des Unterbewusstseins. Er verbindet zwei Bereiche, den Alltagsbereich des Bewusstseins und das magische Reich des Unbewussten.
  In Märchen ist der Brunnen ein Bild für den Durchgang vom Diesseits in ein Jenseits in der Tiefe, das ängstigt und anzieht. Er wird zur polaren Metapher für Untergang und Tod und für Geburt und Neuwerdung („Jungbrunnen“).

  Der Sprung oder der Abstieg in den Brunnen offenbart die Wahrheit, das Doppelgesicht des Menschen: seine helle und seine dunkle Seite. Jeder vereint in sich „Goldmarie“ und „Pechmarie“, den „Prinzen“ und den „Frosch“.

Stille und Wiederholungsgesänge in den Gottesdiensten von Taizé

Wenn Sie eine Woche lang am Leben der Communauté in Taizé teilnehmen, können Sie sich u.a. in einer Gruppe austauschen (je nach Sprachkenntnissen international) oder auch „ins Schweigen gehen“, d.h. eine Woche in der Stille verbringen. Wenn Sie Jugendliche anschließend fragen: „Was hat Dich in Taizé besonders angesprochen?“ werden Sie häufig die Antwort hören: „Die Stille in den Gottesdiensten!“ Was zuerst als Zumutung empfunden wird, im gemeinsamen Morgen- und Abendgebet ca. 20 Min. und im Mittagsgebet ca. 10 Min. Stille zu halten, wird in der Regel am dritten Tag als eine zugeschüttete Quelle der Ruhe und des inneren Friedens erlebt. Die meditativen Wiederholungsgesänge tragen dazu bei.

  Viele Jahre hieß das „Motto“ von Taizé „Kampf und Kontemplation“. Diese plakative Überschrift wird nicht mehr benutzt, auch wenn diese beiden Ausrichtungen die Spiritualität nach wie vor bestimmen: persönliche Gotteserfahrung und „Interbeing“ in weltweiter Gemeinschaft, Christusfrömmigkeit und sozial-politisches Engagement, Mystik und Widerstand.

Kontemplation als Einübung ins Sterben

  Wenn jemand das Gebet der Ruhe einübt, sind folgende Haltungen und Einstellungen wichtig:

waches Bewusstsein; Hingabe / Geschehen lassen; Erkennen, Zulassen und Loslassen von Angstphantasien, von Sorgen um den morgigen Tag, Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen, von Reflexionen und Bildern, von Gefühlen und Körperempfindungen. In der Kontemplation legt er alles ab, womit er sich äußerlich und innerlich ausstaffiert hat. Er entledigt sich, er

Ein Schlüssel-Traum vom 02.01.1986


  Nach einigen Traumsequenzen sehe ich ein Ei, aus dem Klebriges herausfließt und mit ihm ein Schlüssel, der aussieht wie ein BKS-Schlüssel, wie ein kleines Schwert.  Ich nehme ihn in die rechte Hand zwischen Daumen und Zeigefinger und suche das dazugehörige Schlüsselloch. Ich steige die steinernen Stufen einer Wendeltreppe hinauf. Ich habe keine Angst vor den bedrohlichen Gestalten, die aus der weiß getünchten Wand heraustreten und mich anfletschen; ich richte den Schlüssel auf sie und sie ziehen sich sofort kampflos zurück und werden unsichtbar.

  Die Treppe führt nach oben auf einen spitzgiebligen großen Speicher. In der Ecke links hinten finde ich das ersehnte Schlüsselloch in einer achteckigen Platte im Boden. Ich schließe  sie auf und hebe die Platte. Ich ziehe mich komplett aus und lasse mich, mit den Füßen voran, nackt durch diese Öffnung, die gerade so groß wie der Querschnitt meines Körpers ist, in einen weiten unbekannten Raum fallen. Er ist von farbigem Sonnenlicht durchflutet, das durch die großen Glasfenster einfällt. Ich schwebe auf und nieder, ich weiß nicht, ob ich steige oder falle. Jedenfalls ist es ein äußerst angenehmer Zustand.


  Dann höre ich eine Stimme: Laß auch den Schlüssel fallen!

Ich lasse den Schlüssel fallen ----

und erwache.


  Mein Körper ist schwer und völlig entspannt, ich bin verblüfft und sehr glücklich.

  Tiefenpsychologische Deutungen und bibliodramatische Annäherungen haben mich Volksmärchen neusehen gelehrt. Die subjektale Lesart versteht alle Personen, Handlungen und Dinge im Märchen als psychische Kräfte eines Individuums. So würde „Der Froschkönig“ exemplarisch und bildhaft Deine und meine innere Lebensgeschichte erzählen:

  Wir befinden uns am Anfang in einem paradiesischen Zustand; der Mensch lebt sein ursprüngliches Wesen als Prinz oder Prinzessin in Fülle und Ganzheit (Symbol der Goldenen Kugel). Er verliert diesen gottgeschenkten Zustand des Einsseins mit sich Selbst, schaut in die Tiefen seines Unbewussten und wird dort konfrontiert mit seinem Schatten, mit verleugneten und verdrängten Persönlichkeitsanteilen (Frosch). Nach einer Phase der heftigen Auseinandersetzung versöhnt er sich damit und findet zurück zu seiner ursprünglichen Prinzengestalt und zu neuer Integration aller Seelenkräfte  (Hochzeit).

Symbole der Spirituellen Reise - Literatur

   „Wo gibt es den Brunnen, in den ich springen könnte?“

„Je weiter du in die Welt ausschweifst, umso entfernter bist du ihm. Suchst du bei dir, schaust du über seinen Rand.“

   „Dann ist der Brunnen in mir?“

„Deine eigene Tiefe!“

   „Aber warum dann Angst haben. Was in mir ist, muß ich doch nicht fürchten?“

„Nichts ist dem Menschen unbekannter und erschreckender als die eigene Seele. Die meisten Menschen haben Todesängste, in das Brunnenloch zu steigen und den Abstieg zum unbekannten Seelengrund zu wagen. Sie leben nur außen, von allem gefesselt, was zur Schau gestellt wird, aber sie werden schon verwirrt, wenn sie nur einen Blick über den Brunnenrand werfen sollen. Ihre Sicherheit liegt im Geläufigen der äußeren Welt; vor der Tiefe in sich selbst sind sie voll hilfloser Not. Aber der Brunnen ist noch nicht verschüttet. Wer ehrlich will, kann ihn finden und das Wagnis beginnen.“

   Der Buchtitel „Der Sprung in den Brunnen“ gibt schon die Richtung der Spirituellen Reise an, wie sie H. Halbfas versteht. Es ist ein Weg ins Innere, ein wahrhaftiges Wahrnehmen der Abgründe der eigenen Seele und ein vertrauensvolles Sich-versenken in Gott.


Hubertus Halbfas: Der Sprung in den Brunnen, Eine Gebetsschule, Patmos-Verlag Düsseldorf 1982

  Diese Perspektivenänderung hat auch zu einem Paradigmenwechsel in Theologie und Spiritualität beigetragen. Ein überzogen supranaturalistisches Gottesbild (Gott über und außerhalb der Welt) wird in Lehre und Verkündigung abgebaut, tiefenpsychologische Erkenntnisse werden einbezogen, und Katecheten und spirituelle Lehrer betonen, dass Gotteserfahrung und Selbstfindung untrennbar sind.

Der Froschkönig - illustriert von Daniela Chudzinski // Frau Holle - illustr. von Imke Sönnichsen

Das Große Märchenbilderbuch der Brüder Grimm (Thienemann-Verlag 2006)

„Frau Holle“: Der Sprung in den Brunnen

Pechmarie und Goldmarie - Abstieg ins Innere

Siger Köder: Die Frau am Jakobsbrunnen

„ICH BIN der mit dir Sprechende“ (Joh 4,26)

Hortus Deliciarum der Herrad von Landsberg (um 1180)

  „Wie geht das zu?“

„Wichtig ist, daß du auf die Stille horchen lernst: Stille ist die Mitte des Menschen. Wo sie aufgebraucht ist, meldet sich alles laut an.... Nicht jeden Lärm können wir abstellen.... Die Stille liegt in der Tiefe. Steig weiter in den Brunnen und hol die Stille ein! Hier sind ein paar Vorschläge, wie du es machen kannst:

-     Geh sparsam mit Unterhaltungsangeboten um. Lebe aus eigenen Kräften, ohne Abhängigkeit von Fertigwaren. Nur so entdeckst du deine Möglichkeiten.

  1. -    Lerne zuzuhören ohne Ungeduld! Manche Menschen möchten immer nur selbst reden. Beobachte deine eigene Neigung.

  2. -    Lerne stillzusitzen! Anfangs kannst du erschreckt sein über das Maß der Unruhe, die in dir steckt. Aber wenn du durchhältst, wirst du erfahren, daß mit der Stille des Leibes auch deine Seele frei wird.“

In der kirchlichen Tradition hat es immer drei Formen des Betens gegeben:

- mündliches Beten (Nachsprechen von Tischgebeten, Abendgebeten, Psalmen, Rosenkranz, in Gottesdiensten)

  1. -meditierendes Beten (Betrachtung einer Bibelszene, eines religiösen Bildes)

  2. -kontemplatives, ungegenständliches Beten (schweigendes, überwiegend wortloses Beten, Sein in der Gegenwart Gottes und ganz bei sich Selbst; Gebet der Ruhe).

Besonders die erste Art zu beten kann ambivalent sein. Mündliches Beten kann ritualistisch erstarren. Schon Jesus warnte davor, nicht zu viele Worte zu machen und zu plappern wie die Heiden. Auf der anderen Seite können vorformulierte Gebetstexte (Rosenkranz oder Psalmen) aber auch wie Mantren wirken, wie Fahrzeuge in den Raum des Schweigens und der wortlosen Anbetung.

  „Kontemplation führt zwar in die Erfahrung einer Wirklichkeit, die größer ist als der Mensch. Doch die Pflastersteine des Weges sind sehr menschlich. In Stille und in achtsamer Präsenz begegnet der Mensch zunächst sich selbst. Er wird mit den eigenen Gedanken und Gefühlen konfrontiert, mit seinen Träumen, Sehnsüchten, Konflikten und Abgründen. Er lernt sich kennen, wie er wirklich ist. Hinter Masken und Verdrängungen begegnet er der Wahrheit seines eigenen Lebens. Er lernt loszulassen und öffnet sich für jene Wirklichkeit, die sich hinter all dem verbirgt, was er weiß, denkt oder will.

  Das hat Auswirkungen im Alltag, in dem mehr Echtheit, Wahrhaftigkeit, Tiefe, Gelassenheit, Freude und Gottesnähe spürbar werden.“

  (Diese beiden Texte werden auf vielen Internetseiten zitiert; die originäre Quelle ist mir unbekannt)

Versenke dich ganz in das „Nichts“. so wird Gott dein „Alles“ sein.

  Der spirituelle Weg der Kontemplation zeigt dir, wie du durch Loslassen aller Dinge und Hingabe an Gott zur Inneren Einkehr geführt wirst und deinen Seelengrund berühren darfst. Schrecke nicht davor zurück, wenn er dir zunächst als bodenloser Abgrund erscheint. Lasse dich vertrauend in ihn hneinfallen, und Gottes liebende Gegenwart wird dich aufnehmen.

  Das Gemälde von Hieronymus Bosch (1450 - 1515) „Aufstieg in das himmlische Paradies“ wird immer wieder als Illustrationshilfe für solche Nahtod-Erlebnisse gebraucht; wenn man es um 90° dreht, erscheint der Aufstieg ins Licht wie ein Sich-fallen-Lassen in einen lichten Brunnen.

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entblößt sich von allem, was ihm Halt und Sicherheit geboten hat. „Nackt“ überlässt er sich dem „Nackten Nun“, dem „Reinen Sein“, dem unergründlichen und unaussprechlichem Grund.

  Wenn jemand das Gebet der Ruhe einübt, sind folgende Haltungen und Einstellungen wichtig:

waches Bewusstsein; Hingabe / Geschehen lassen; Erkennen, Zulassen und Loslassen von Angstphantasien, von Sorgen um den morgigen Tag, Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen, von Reflexionen und Bildern, von Gefühlen und Körperempfindungen. In der Kontemplation legt er alles ab, womit er sich äußerlich und innerlich ausstaffiert hat. Er entledigt sich, er entblößt sich von allem, was ihm Halt und Sicherheit geboten hat. „Nackt“ überlässt er sich dem „Nackten Nun“, dem „Reinen Sein“, dem unergründlichen und unaussprechlichem Grund.

  Damit nimmt er mental sein biologisches Sterben vorweg. Bloß und nackt ist jeder Mensch durch den Geburtskanal der Mutter ins Licht geboren worden, nackt  und ledig aller Kraft und Habe muss er in das „Dunkle Licht“  hineinsterben.

  Die Grunderfahrungen im kontemplativen Gebet ähneln Nahtod-Erlebnissen. Zahlreiche Menschen, die bei Unfällen, schweren Verletzungen oder Erkrankungen dem biologischen Tod sehr nahe gewesen sind, haben darüber berichtet: 

  Man tritt in eine zumeist dunkle tunnelartige Übergangszone ein; zunächst nimmt man unangenehme Geräusche oder abschreckende Fratzen wahr, danach ein meist weiß-goldenes, unendliche Liebe ausstrahlendes Licht, das bei dem Erlebenden Gefühle höchster Seligkeit auslöst; im Verschmelzen mit diesem Licht kann es zu mystischen  Alleinheits-Erfahrungen kommen.

  Für fast alle Betroffenen ist dieses Ereignis unvergesslich und die Quelle großen Friedens und neuen Lebensmutes.

VI.  Aufsuchen der INNEREN WOHNUNGEN

Teresa von Avila, islamische Mystik und tibetische Kalachakra-Mandala

Weg der Hingabe und Achtsamkeit im Hier und Nun