Spirituelles Training in der Fastenzeit:

Lärm-Stimmen überhören, auf die Wesensstimme lauschen

November 2010                                                                                     Zur Startseite

  1. 1. Ohren und Augen verschließen 


Erzählung aus den Tausendundein Nächten (756-ste Nacht):

Prinzessin Perizade steigt auf den Berg, um die kostbarsten Dinge zu gewinnen. Gegen die bedrängenden äußeren und inneren Stimmen bei ihrem Aufstieg verstopft sie ihre Ohren.

2.  Das Dritte Ohr und das Dritte Auge öffnen


Glasfenster in Taizé von Frére Eric: Einzug des verborgenen Königs in Jerusalem

Es wird erzählt:

Nach einem Gespräch mit einer alten Einsiedlerin erkennt Prinzessin Perizade plötzlich, dass ihrem vollkommenen Leben auf einem königlichen Schloss drei Dinge fehlen: der Sprechende Vogel, der Singende Baum und das Goldene Wasser. Sie beginnt unaufhörlich über die Worte der weisen Frau nachzusinnen und macht sich schließlich fest entschlossen auf die Suche nach diesen Kostbaren Seltenheiten. Auf ihrer inneren Reise muss sie einen hohen Berg ersteigen. Sie hört auf die Warnungen eines Derwisches, sich beim Aufstieg nicht von bedrängenden inneren und äußeren Stimmen aufhalten zu lassen und sich nicht umzudrehen. Die Verwandlung in einen schwarzen Stein wäre die Konsequenz.

Finsternis ist Gottes Versteck: Liebe spürt ihn auf.


Christus „hat die Finsternis zu seinem Versteck gemacht“ (Ps 17, 12). Deshalb sagt der Prophet zu ihm: „Wahrhaftig, Du bist ein verborgener Gott, Du König Israels und sein Erlöser“ (Jes 45, 15).

Balduin von Ford (um1140-1191)


„Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn“ (Eph 5, 8).

Schaut auf das ewige Licht, das sich für eure Blicke so gedämpft hat, daß sich auch einer mit schwachen und trüben Augen dem nahen kann, der im unzugänglichen Licht wohnt. Seht das Licht im Schimmer einer Scherbe, die Sonne in der Wolke, Gott im Menschen; im irdenen Gefäß unseres Fleisches den Glanz der Herrlichkeit, den Widerschein des ewigen Lichtes.

Die Hoheit verbirgt sich in der Menschheit, die Macht in der Demut.

Guerric von Igny (um 1070-1157)

Gott, der im unzugänglichen Licht wohnt, will nicht, daß man ihn überhaupt nicht kennt und, da man ihn nicht kennt, auch nicht liebt. Deshalb glimmt er mit einem ganz winzigen Funken seines Lichts in unserem Herzen. Von dort her eröffnet er sich uns mehr und mehr und zeigt uns sein Wesen. Gott aber ist Liebe, wie der Apostel sagt: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen.“ (Röm 5, 5)

Balduin


Das Sinnesorgan der Seele ist die Liebe. Was die Seele wahrnimmt, nimmt sie mittels der Liebe wahr.

Wilhelm von Saint-Thierry (um 1073-1148)


Wir schauen Gott in der Liebe. Denn die Liebe ist lichtvoll und macht die Augen hell.

Balduin


(Bernhardin Schellenberger: Ein Lied das nur die Liebe lehrt, Texte der frühen Zisterzienser-Mönche, Freiburg 1981,

S. 49ff)

Und wirklich: Schon nach den ersten Schritten erhebt sich ein furchtbarer Wirrwarr von Beschimpfungen, höhnischen Einflüsterungen und phantastischen Versprechungen. Die Prinzessin lässt sich nicht beirren und verwirren, furchtlos und kraftvoll geht sie ihren Weg. Schon im Gespräch mit dem Derwisch hatte sie die Ohnmächtigkeit dieser aufdringlichen Stimmen erkannt: Macht können sie nur ausüben, wenn man sie ihnen gibt. Außerdem hatte sie mit weiblicher Klugheit zu einem wirksamen Mittel gegriffen: am Anfang dieser gefährlichen Wegstrecke hatte sie ihre Ohren mit Baumwolle verstopft und auch ihren Inneren Dialog besänftigt. Und so führen sie ihre Sehnsucht, ihre furchtlose Entschlossenheit und Klugheit unbeschadet auf den Gipfel. Sie erhält den „Sprechenden Vogel“, den „Singenden Baum“ und das „Goldene Wasser“ (die ich als Symbole ihrer neu gewonnenen seelischen Ganzheit verstehe) und herrscht mit Hilfe dieser Kostbarkeiten frei und glücklich über ihr Königreich, "bis Der zu ihnen kam, der die Freuden schweigen heißt und die Freundesbande zerreißt ... Er, der Schnitter für den Auferstehungstag."