Communio mit „Gott“ durch die Welt

Christliche Welt-Spiritualität


Die Diaphanie Christi in Allem wahrnehmen

Interdependenz einsehen und

Dankbarkeit (griech.: eucharistia) einüben

Schöpfungsgeschichte fortschreiben

Christifizierung kleiner und großer Lebenswelten


Kosmogenese und Anthropogenese als Christogenese

und Aufbau der „Neuen Stadt Gottes“ verstehen

(Teilhard de Chardin)

  Wenn die Feier des Abendmahls oder der Eucharistie nichts oder wenig mit dem „wirklichen Leben“ zu tun hat, weshalb daran teilnehmen? Im Bewusstsein der meisten 20 - 60-jährigen, die „mitten im Leben stehen“, auch derer, die katholisch oder evangelisch sozialisiert wurden, hat die zentrale kultische Feier der Christen ihre existentielle Bedeutsamkeit weitgehend eingebüßt.

  Gottesdienst und konkretes alltägliches Leben in Familie und Beruf werden als zwei voneinander getrennte Welten erlebt: die eine hautnah, unausweichlich, alle körperlich-seelisch-geistigen Kräfte berührend und beanspruchend - die andere exotisch abgehoben, ein Relikt aus Omas Zeiten.

  Papst Johannes XXIII und die Bischöfe des II. Vatikan. Konzils (1962-65) öffneten Türen und Fenster und ließen frische Zugluft hinein in eine muffige Kirche. Sie selber wagten Schritte hinaus und entdeckten im „Zeitgeist“ der Welt „Zeichen Gottes“ und „Elemente der Wahrheit und der Heiligung“.

  Unter den folgenden Päpsten zog man sich wieder auf scheinbar sichere, aber nicht-zeitgemäße, weltfremde vorwissenschaftliche  Glaubens-Bastionen zurück. Die Zugbrücken wurden wieder hochgeklappt.

  Soweit das - äußerst reduzierte und vereinfachte - christlich-kosmologische Modell Teilhards. Mancher mag es abtun als abgehobene, unrealistische Kopfgeburt. Mich haben seine redlichen und leidenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Naturwissenschaft und kirchlichem Glauben inspiriert,

-  den herkömmlichen „christlichen“ Dualismus zwischen Gott und Welt immer tragfähiger zu überbrücken,

-  in Jesus den immer größeren Universalen Christus-Evolutor zu entdecken

und schließlich

  1. - die Welt, meinen kleinen und unseren globalen und den kosmischen Lebensraum, als den wesentlichen Ort Seiner All-Gegenwärtigkeit und heilschaffenden Liebe zu erfassen

- und „durch Ihn und mit Ihm und in Ihm“ den Pegel von Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit und Lebensqualität, wenn auch meistens kaum spürbar, anzuheben.

  Neuzeitliche Theologen und Mystiker haben den o.a. thomistischen Grundsatz, der auf einen statischen, geozentrischen Kosmos bezogen war, adaptiert an das moderne kosmisch-evolutive Weltbild. Im 20. Jahrhundert hat vor allem der Jesuit und Paläontologe Pierre Teilhard de Chardin (1881 - 1955) durch seine Synthese von Erkenntnissen der Astronomie, Geologie, Biologie und einer mystischen universalen Christozentrik in theologisch-kirchlichen Kreisen für intellektuellen Furore gesorgt. Auch mich haben seine Schau und sein Entwurf der Einen christifizierten Welt im Werden seit Studentenzeiten ab 1962 fasziniert und herausgefordert zu eigenem Nachdenken und Meditieren.

Die Architekten


Ein Haus aus Phantasie
von Sternen das Dach


.....


Ja es gibt sie noch
Erbauer immaterieller Wohnungen
hinter Beton und Stein
errichten sie den Raum
für uns alle.


(Rose Ausländer 1976)

Ein welt-fremdes Christentum?

  Weltraumfahrt, Astronomie und Paläontologie haben unser Weltbild räumlich und zeitlich fast unvorstellbar ausgeweitet. Das sich ständig ausdehnende Weltall entstand vor ca. 14 Milliarden Jahren.

  Die wichtigsten Phasen der Evolution nach dem „Big Bang“, dem Sekunden später eine „Blitz-Inflation“, eine räumlich immense und zeitlich unvorstellbar schnelle Aufblähung der geplatzten Materie, folgte, sind bekannt: Geogenese (vor ca. 9 Milliarden Jahren entsteht unser Sonnensystem mit seinen Planeten) - Biogenese (vor ca. 3 Milliarden Jahren entwickelt sich Leben auf unserer Erde: von Einzellern über Fische, Amphibien, Insekten, Vögel und Reptilien zu Säugetieren) - Noogenese/Anthropogenese (Auftauchen von Bewusstsein und Geist / Menschwerdung erst vor ca. 2 Millionen Jahren). Die meisten Entwicklungslinien und die Übergangsursachen von Materie zu Leben (Bios) und von Leben zu Bewusstsein (Nous) sind rätselhaft geblieben. Und niemand kann vorhersagen, wieviele Milliarden Jahre dieser evolutive kosmische Prozess noch  andauern und wohin er führen wird.

Paradigmenwechsel in der Moderne

Kosmisches Denken

  Diese drei Schocks der Neuzeit durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Galileo Galilei, Charles Darwin und Sigmund Freud scheinen auch in der Postmoderne immer noch nicht verarbeitet zu sein. Immer noch halten „fromme“ Menschen und fundamentalistische Gruppen fest an dem Kreationismus, einer wörtlichen Auslegung der bibl. Schöpfungserzählung, dem Glauben wider alle Vernunft, dass ein überweltlicher Gott den Kosmos vor ca. 6000 Jahren fix und fertig geschaffen habe. Ein Umdenken, eine Integration astronomischer und evolutiver Erkenntnisse in die christliche Spiritualität ist da dringend notwendig. Es gälte, unsere „Planetisation“ und die gesamte Kosmogenese als den eigentlichen Ort „Gottes“ anzusehen und darin den göttlichen „GEIST, der den Erdkreis erfüllt“, zu entdecken; und zweitens: die positiven gesellschaftlichen Wandlungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse in die eigene Theologie, Sprache und Liturgie aufzunehmen.

Unsere individuelle Lebenszeit auf der Erde - für den Christen eine gefährliche Versuchung,

sein ewiges Seelenheil zu verpassen?

Mit gerunzelter Stirn betrachtete man nach dem Konzil  die Entwicklung der Gesellschaft draußen, und die neuen Päpste verurteilten die „-Ismen“ außerhalb ihrer Mauern: Individualismus, Laxismus (in der Sexualmoral, nicht in der Finanzmoral!), Konsumismus, Subjektivismus, Libertinismus, Relativismus (in Glaubensfragen) und warnten vor einer „Verweltlichung“ der Kirche. Reaktionäre Gruppen fühlten sich päpstlich bestätigt, und es entwickelte sich innerhalb der kath. Kirche ein neues Phänomen, ein aggressiver Fundamentalismus, der antimoderne Positionen hartnäckig verteidigt und auch die Bischöfe, die pastorale Aus-Wege aus erstarrter Dogmatik und lebensfremder Sexualmoral suchen, heftigst attackiert.

   Andere kirchliche Vertreter, u.a. Papst Franziskus, kritisierten und kritisieren mit dem Stichwort „Verweltlichung“ den materiellen Reichtum ihrer Kirche, ihre Immobilität, höfisches Zeremoniell und klerikales Machtgehabe und sie fordern eine „arme Kirche für die Armen“.

Diese Selbstkritik betrifft aber mehr den Lebensstil als die Lehre und die Verkündigung der Kirchen. Nach wie vor tuen sich ihre amtlichen Vertreter schwer, überholte Weltbilder und Bewusstseinsstufen aufzugeben und das Evangelium Jesu Christi mutig in universale und freiheitliche Denkmodelle zu integrieren.

  Dazu gehörte außer einer unvoreingenommenen Wertschätzung der „Welt“ (Materie, Weibliches, Fortschritt, Energie, Vitalität, Kreativität, Lebensfreude) und einem Heilsoptimismus für alle Menschen auch ein geweitetes globales, ja kosmisches Denken.

Eine Synthese von Evolutionstheorie und christlicher Theologie:

Kosmogenese als Christogenese (Pierre Teilhard de Chardin)

  Ich lebe von den kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Leistungen meiner Vorfahren und Zeitgenossen. Wo  immer ich mich befinde, zu Hause, an meinem Arbeitsplatz, in der City einer Großstadt oder in der Natur - alles um mich herum ist geschaffen worden durch den Einfallsreichtum, Fleiß und Schweiß anderer Menschen und durch die kreative Kraft von „Mutter Erde“. Luft zum Atmen, Sonnenwärme, Wasser zum Leben, Früchte aus allen Ländern - ohne mein Zutun ist der Tisch des Lebens reichgedeckt. Fast alle kulturellen Errungenschaften um mich herum verdanke ich Anderen: Stühle, Bücher, Kunstwerke, Teppiche, Werkzeuge, der Laptop auf meinen Knien, Fernsehen und Straßenbahnen, Strom aus der Steckdose, Wasser aus der Leitung; die Zutaten zu meinem Essen haben eine Menge von Anbau, Pflege, Ernte, Verarbeitung, Transport gekostet. Alles, was ich an Fähigkeiten besitze, habe ich von anderen abgeschaut und erlernt: Sprechen, Lesen, Schreiben, Rechnen, Kenntnisse von antiker Philosophie, Tischtennisspielen, Faszination durch TA......

  Was von dem, mit dem ich hantiere, was ich innerlich und äußerlich besitze, was mich umgibt, habe ich selbst ausgedacht und hergestellt? (Fast) Nichts!

Was wäre ich ohne Sauerstoff, Wasser, Sonne, ohne die Inspiration durch Kultur und ohne den permanenten Service der Wirtschaft? Wenn ich mich immer wieder betrachte in diesem Netz der Verbindungen und Abhängigkeiten, bröckelt mein Selbstbild eines autonomen, unabhängigen Ichs gewaltig.

  Wenn ich tiefer hinschaue, ist es nicht zu übersehen:

Ich stehe auf den Schultern meiner Vorfahren, ich lebe von den Produkten unzähliger, anonymer Menschen und von Erkenntnissen und Kreationen großer Denker, Künstler, Liebenden. Mein Selbst-Sein ist wesentlich Inter-Sein.

III.  Auswirkungen von beruflichem und sozialem Handeln auf den Bau

der Neuen Stadt Gottes

Schöpfungsgeschichte fortschreiben

II.  Die Interdependenz aller Dinge und Handlungen (Thich Nhat Hanh) -

Abhängigkeiten einsehen und Dankbarkeit (griech.: eucharistia) einüben


                            Spirituelle Übung zu einem alten Kirschbaum-Schrank mit

                            eisernen Beschlägen   

  Meine Überlegungen auf diesen Seiten möchten dazu einladen, unsere Welt, das Leben im begrenzten alltäglichen Bereich und auf unserem Planeten insgesamt als Haus „Gottes“ im Entstehen zu betrachten und die großen und kleinen Wunder in Natur, Kultur und Zivilisation bewusster

Integration einer leidenschaftlichen Liebe zur Erde in die christliche Spiritualität

wahrzunehmen und zu bewundern. Sie möchten Impulse vermitteln, sich mit Leidenschaft, Hingabe und Kreativität auf diese Eine von „Gott“ erfüllte Welt einzulassen, die berufliche Arbeit und das tägliche „Walten und Schalten“ als Mitwirken am Aufbau einer „Neuen Erde“, der „Neuen Stadt Gottes, in die die Völker ihren Reichtum und ihre Kostbarkeiten hineintragen“ (Jes 60, 11; Offg 21, 26) hochzuschätzen, die „Schöpfungsgeschichte der Erde fortzuschreiben“ und in den „Lobgesang des Alls“ einzustimmen.


  Wem als Kind oder Jugendlichem in einer Muschel an der Nordsee, in einem rötlich verfärbten Buchenblatt, in Tautropfen auf einem Spinnennetz, in einem Amselgesang frühmorgens, durch Weltraumfotos von unserem blauen wie ein Saphir funkelnden Planeten „Erde“, in dem nächtlichen Sternbild des Orion ..... das Wunder der Natur und des Universums aufgegangen ist, 

-   oder in der Weite des Kölner Doms, in den „Vier Temperamenten“ von Paul Hindemith, in dem Gedicht „Der römische Brunnen“ von C.F. Meyer, in der  Architektur von .dlx, in einer ersten einfachen Armbanduhr, in einem iPhone 5 ..... die Schönheit, Intelligenz und  Schaffensfreude in Kunst, Kultur und Technik,

Die „Neue Stadt Gottes, in die die Völker ihren Reichtum und ihre Kostbarkeiten hineintragen“ (Offg 21,26)

Montage aus Hunderwasser. Good morning city, Kristallkugel undChristus-Mosaik in der Hagia Sophia -Moschee in Istanbul

  Das Universum und unser Planet ist eine Werdewelt, die sich in riesigen Zeiträumen über Kosmogenese, Geogenese, Biogenese, Anthropogenese entwickelt und immer weiter entwickeln wird. Ursprung ist Christus, der göttliche „Logos, durch Den Alles geworden ist“ (Joh 1, 3), er ist das „Alpha und das Omega, der Uranfang und das Ziel“ (Offg 22, 13).

  In der bisherigen Evolution über 14 Milliarden Jahre hin sind Grundlinien zu erkennen: eine fortschreitende Verlebendigung und Vergeistigung der Materie, die in der menschlichen Spezies zu einer wachsenden Personalisierung und Vereinigung führt und konvergiert in einen globalen, ja kosmischen Endzustand, wo „das Alles Christus ist“ (Kol 3, 11), „in dem Gott Alles in Allem sein wird“

(1 Kor 15, 28).

  Dabei befindet sich die Anthropogenese erst im Stadium der Schwangerschaft. Die Evolution des Bewusstseins, des menschlichen Geistes steht erst am Anfang, sowohl individuell als auch kollektiv. Bewusstsein umfasst alle geistigen Kräfte, rational-analytisches Denken und intuitives ganzheitliches Erfassen. Es wird sich evolutiv ausweiten, vertiefen und schärfen. Milliarden von mehr oder weniger autonomen Bewusstseins-Zentren stehen heute noch isoliert nebeneinander. Die Geburt eines von göttlicher Liebe und Erkenntnis durchformten individuellen und kollektiven Bewusstseins geschieht bei dem Homo sapiens schon vereinzelt. Auch wenn in vielen Großen Gestalten aller Religionen und Kulturen und ebenso in einer unübersehbaren Schar von anonymen Menschen eine authentische Transformation vom Ego zum Wahren Selbst, also eine echte Menschwerdung schon aufscheint, so sind doch erst an einem weit entfernten Horizont Anzeichen zu erkennen, die Hoffnung auf eine verwandelte Neue Erde entzünden, die herangewachsen ist zu der Einen alles umfassenden und durchpulsierenden Fülle Gottes.

Dualistische Sicht von Gott und Welt:

Gott-Vater thront oberhalb der Erdkugel

  Dass das Gedächtnismahl des Todes und der Auferstehung Jesu zu tun hat mit Selbstwerdung der Feiernden, dass es Vorbilder hat z.Bsp. in der Speisung der Israeliten mit Manna auf ihrem Weg durch die Wüste, dass dieses rituelle Mahl nicht abzulösen ist von der Offenen Tischgemeinschaft, wie Jesus sie pflegte -  s. die vorherigen Seiten - , gehört zu den Glaubens-Standards der Christen. Dagegen nimmt ein Verständnis der zentralen rituellen Feier als Konsekration der Hostie „Erde“ (Teilhard de Chardin) in evgl./kath. Theologie und Predigt einen relativ bescheidenen Platz ein und ist den meisten Gottesdienstbesuchern fremd.

Unsere Erde im Goldkreis des Ewigen

  „Gottes Wort (der Logos Gottes = Christus), durch das alles geschaffen ist, ist selbst Fleisch geworden, um in vollkommenem Menschsein alle zu heiligen und das All zusammenzufassen. Der Herr ist das Ziel der menschlichen Geschichte, der Punkt, auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte.“

(Pastorale Konstitution „Gaudium et spes“ des II. Vatikanischen Konzils, Nr. 45: Christus, Alpha und Omega)

Christliche Welt-Frömmigkeit

Globale Spiritualität

  Es ist Zeit, dass die christlichen Kirchen ihre Botschaft vom „Himmel“ stärker erden. Ein defensiv festgehalter Dualismus von „Gott“ und Welt ist nicht mehr vereinbar mit einem zunehmenden evolutiven Bewusstsein. Verschüttete ur-christliche Quellen und Perlen könnten wieder aufgedeckt werden, wenn sich das theologische Denken grundlegend erneuern würde. Wie kann man an den „Einen Gott“ glauben und ihn zugleich trennen von Materie, Mensch und Universum?! Wenn es einen „Gott“ gibt, ein „Absolutes Sein“ in allem Seienden und nicht neben oder über allem Seienden, wenn ohne seine schöpferische All-Präsenz nichts existieren kann, wenn man an die Fleischwerdung des Ewigen Logos glaubt, wenn man auf eine „Neue Erde“ hofft, dann müsste sich das Hauptinteresse auf diese „Eine Welt Gottes“ richten.

  Christlich-spirituelle Praxis würde die beiden Seiten des menschlichen In-der-Welt-Seins vereinen, eine Mystik der offenen Augen für die Eine evolutive Wirklichkeit und die Spiritualität einer engagierten Humanisierung (= Christifizierung) des Individuums und der Gesellschaft.

I.  Die Diaphanie Christi und seinen Schöpfungs-Tanz bewusst wahrnehmen

profan erklärten Ort auf dieser Erde. „Christus“ ist nicht gebunden an die heiligen Orte und religiösen Sprachspiele einer bestimmten Kultur und Geschichte. ER ist „Alles und in Allem“ (Kol 3, 11).

In ihm sind das Endliche und das Unendliche, das Göttliche und das Menschliche, Materie und Geist, Zeit und Ewigkeit vereint. Der „immer größere Christus“  umfasst das Universum und durchpulst es mit seiner kreativen Energie. Seine creatio continua bestimmt den Wirbeltanz der Schöpfung, seine incarnatio continua vollzieht sich ständig in jedem mikro- und makromateriellen Prozess.


  Eine ähnliche non-duale Theologie vermittelt Willigis Jäger in seinen Publikationen und Kursen: „Gott lässt sich nicht von der Evolution trennen. Gott ist Kommen und Gehen. Gott ist Geborenwerden und Sterben. Er ist der Tänzer, der die Evolution tanzt.“ (Willigis Jäger: Die Welle ist das Meer, S.84)

„Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?" 

(1 Kor 4, 7)


  Sie sitzen im Wohnzimmer, den Laptop auf den Oberschenkeln.

Ihr Blick fällt auf Ihren schönen alten Kirschbaum-Schrank. Und Sie fragen sich:

Wer hat wann diesen Schrank an diesen Ort getragen?

Von wem habe ich ihn geerbt?

Wo stand er früher? In welchen Häusern und Räumen?

Welcher Schreiner hat ihn wann hergestellt?

Wer hat sein Design erfunden?

Woher stammten die Materialien? Holz, Leim, Glasur, Eisen-Beschläge, Scheiben?

Wo mag der Kirschbaum gefällt und in Bretter gesägt worden sein? Von wem?

Welche Lebensgeschichte hatte er hinter sich? Wer hat ihn angepflanzt, gepflegt, seine Kirschen genossen, in seinem Schatten ausgeruht?

Vielleicht hat eine Amsel einen Kirschkern in fruchtbare Erde fallen lassen. Regen und Sonne haben ihn keimen und wachsen lassen.

Woher kam der Regen?

Sie könnten an dieser Stelle dem planetarischen Kreislauf des Wassers nachspüren und auch der Entstehung und Entwicklung von Sonne und Erde.

Ich sehe die fein ziselierten Eisenbeschläge. Welche kosmische Geschichte hat das Material Eisen hinter sich? Ich sehe unseren Glutball Erde vor 8 Miliiarden Jahren, die Erkaltung des Magma, die Bildung von Metallen und Mineralien ...

„HERR, mach, dass ich sehe, dass ich Dich sehe, dass ich Dich sehe und Dich fühle als den Allgegenwärtigen und Allbelebenden."

(Teilhard de Chardin: Peking, 20.10.1945)

Christus tanzt zusammen mit dem Menschen die Schöpfung

(Albani-Psalter um 1140)

Illusionäre Zukunftserwartungen ???

Zerstörung der Umwelt !  Kriege und Spaltungen !

  Die Menschheit - auf dem Weg zu wachsender Humanisierung der globalen Gesellschaft, zur Partizipation aller an allen Gütern der Erde, zu umfassenderer Solidarität, zu sensiblerer Gott-Fühligkeit, zu echtem Respekt vor der Vielfalt der Kulturen und Religionen, zu vereintem Engagement für die bedrohte Umwelt ?? Die momentane Realität auf unserem Stern sieht leider anders aus. Gewalt und Habgier bestimmen weitgehend das menschliche Handeln. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter, sowohl was die gesamte Menschheit als auch einzelne Nationen angeht. Spaltungen und offene Feindschaften zwischen Religionen und Kulturen werden vertieft. Die Zerstörung der Umwelt nimmt bedrohliche Züge an.


  Und dennoch: nicht zu übersehen sind die positiven Signale, die eine realistische Hoffnung auf eine geeinte globale Gesellschaft begründen. Das Bewusstsein wächst und ist nicht zu stoppen, dass die Menschheit eine terrestrische Schicksalsgemeinschaft bildet; die weltweite kommunikative und wirtschaftliche Vernetzung wird immer enger; Politiker aller Nationen und zahllose Gruppen setzen sich ein für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.


  Relativ zur Gesamtgeschichte des Kosmos gesehen, durchläuft die Menschheit bisher erst eine embryonale Phase mit Geburtsschmerzen und Wachstumsschwierigkeiten. Innerhalb der evolutiven Kosmogenese vom Ur-Blitz bis heute (ca. 14 Milliarden Jahre) füllt die Anthropogenese einen minimalen Zeitraum von ca. 2 Millionen Jahren. Nimmt man das Bild eines 24-Stunden-Tages für die gesamte Zeit der Schöpfung, so dauert der bisherige Prozess der Menschwerdung erst 12 Sekunden !!!


    Gefühlsmäßig betrachten wir unsere körperliche, psychische und geistige Existenz als abgeschlossen. Aber weshalb sollte das Gehirnvolumen der menschlichen Spezies nicht weiter wachsen über 1400 Gramm hinaus? Die durchschnittliche Lebensdauer hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verlängert. Mit einer zunehmenden Aufhellung der unbewussten Anteile unserer Psyche aus dem Tierreich wird auch unser Verhalten solidarischer werden. Dass sich das menschliche Bewusstsein immens entwickeln und weitere Baugesetze der Evolution entschlüsseln wird, ist schon abzusehen.

  Wer die Kohärenz und Interferenz aller Phänomene bewusst wahrnimmt, fühlt eine tiefe Dankbarkeit gegenüber Menschen und kosmischen Kräften, die ihm den Tisch des Lebens reich decken. Zugleich wagt er es als Christ immer zuversichtlicher, sein alltägliches Tun und Lassen „mit göttlichem Stolz“ als Mitwirken an dem Bau der „Neuen Stadt Gottes“ (Offg 21) zu begreifen. Ihm wird sein berufliches und soziales Handeln, mag es noch so unscheinbar sein, zu seiner wesentlichen christlichen Lebensaufgabe. Der Planet „Erde“ wandelt sich für ihn von einer statischen Lebensbühne, auf der er sich moralisch zu bewähren hat, in das Objekt und Material einer göttlichen Verwandlung. Die „Welt“ versteht er nicht mehr primär als Exil, sondern als „Haus Gottes, in dem er wohnen darf alle Tage seines Lebens“ (Psalm 22, 9) und dessen „Baugeschichte“ er „fortschreiben“ darf.

  Als amerikanische Meteorologen entdeckten, dass kleine Abweichungen langfristig ein ganzes Klima-System verändern können, stellten sie die Frage: „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ Seitdem spricht man von einem „Schmetterlingseffekt“. Alles hängt mit allem zusammen. Meine überschaubare kleine Lebenswelt ist wie unsere globale Welt ein Organismus von wechselseitigen Abhängigkeiten und Beeinflussungen.

Interdependenz  -  Intersein  -  Interferenz

Wechselseitige Abhängigkeit und Beeinflussung

„Der Engel zeigte mir die Heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes. Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis....

Ihre Mauer ist aus Jaspis gebaut, und die Stadt ist aus reinem Gold wie aus reinem Glas.

Die Grundsteine der Mauer um die Stadt sind mit edlen Steinen aller Art geschmückt:

  „Die Neue Stadt kommt von Gott vom Himmel herab“ - die Schau der Endzeit durch Johannes in der „Geheimen Offenbarung“ vollzieht sich im Rahmen seines apokalyptisch-dualistischen Weltbildes. Die Theologie der Moderne, die von einer Evolution des Alls ausgeht, ist dabei, die theologischen Implikationen eines apokalyptischen Dualismus zu überwinden. Denn die Vorstellung eines überweltlichen Gottes oder von bösen Mächten, die in das Welt-Geschehen von außen eingreifen, das sich auf einem im Wesentlichen nicht veränderbaren Erde-Schauplatz abspielt, ist heute nicht mehr zu halten. Und gerade das Bild einer Stadt für das ersehnte universale „Heil-Land“ ist offen für eine Integration in unser evolutives Weltbild.

  „Haus“ ist ein in der Bibel beliebtes Bild, um die allumfassende Präsens und Gastfreundlichkeit  Gottes vor Augen zu stellen: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ (Joh 14,2). Jesus vergleicht häufig das wachsende Reich Gottes mit einem Haus, in dem jeder zuhause sein darf, seinen täglichen Dienst verrichtet und mit dem Gastgeber isst und trinkt.


  Die hebräische Bibel beginnt im sog. „Buch Bereschit“ oder „Buch Genesis“ mit der rückwärts gewandten Prophetie eines ursprünglichen Paradieses, eines Gartens, in dem der Mensch (Adam = Erdling) d´accord mit sich, mit der Schöpfung und mit Gott lebt. In den Schlusskapiteln der griechischen Fortsetzung, der sog. „Geheimen Offenbarung“, steigt in dem Seher Johannes die Vision der kosmischen Zukunft in Gestalt einer „Neuen Stadt Gottes“ auf:

Transformation des „Weltraumschiffes Erde“ in eine Neue Stadt Gottes

(Montage: Foto unseres blauen Planeten und „Good morning city“ von Friedensreich Hundertwasser)

  In dieser Einen Stadt Gottes „gibt es keinen Tempel“. Die herkömmlichen von Menschen geglaubten Trennungen zwischen Gott und Welt gelten nicht mehr. Die alten Dualismen „Gott-Welt“, „profan-sakral“, „religiös-weltlich“, „menschlich-göttlich“ sind aufgehoben in der ursprünglichen und nun vollendeten Einheit. Die ganze Stadt ist erhellt und erfüllt von der Herrlichkeit Gottes.  „Gott“ und seine wehrlose Liebe, verkörpert in dem „Lamm“, ist Alles in Allem. (Nach dieser Vision sind Tempel, Kirchen, Heilige Schriften und Heilige Riten etc. nur vorübergehende (Lebens-) Mittel auf dem Weg der Transformation des Menschen und des Kosmos, nicht aber die Erfüllung selbst).

  Ihre „Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen“. Jeder kann zu jeder Zeit ein- und ausgehen und reiche Weide finden (vgl. Joh 10,9). Türwächter und Verbotsschilder mit Einlassbedingungen existieren nicht mehr.

  „Die Stadt ist aus reinem Gold gebaut, ihre Grundmauern bestehen aus edlen Steinen, ihre Tore aus kristallklaren Perlen. Und die versöhnten Völker tragen ihren Reichtum und ihre Kostbarkeiten in die ´Goldene Stadt`“. Die Herrlichkeit Gottes, Sein Lichtglanz, Seine Doxa ist identisch mit der Doxa, der Pracht und den Herrlichkeiten der Menschen. „Die Herrlichkeit Gottes - das ist der lebendige Mensch“ (Irenäus von Lyon).

Die edlen Baumaterialien und kostbaren Errungenschaften der unterschiedlichen Völker kann man als Metaphern deuten für den Formen- und Artenreichtum der Schöpfung, für die vielfältigen Errungenschaften in Politik, Wissenschaft, Kunst und Technik.

  Der Aufbau der „Neuen Stadt Gottes“ hatte eine Miliiarden Jahre lange Vorgeschichte. Nun sind Geogenese und Anthropogenese vollendet. Die evolutive Vergöttlichung hat nicht nur in einzelnen Menschen Gestalt angenommen, sondern in der ganzen Menschheit und ihren Lebensräumen. Ihr intellektuelles und ethisches Bewusstsein hat sich entwickelt in die ganze Fülle Gottes hinein (vgl. Eph 3, 19)

  Ob das individuelle Handeln zur „Amorisierung“ (Teilhard), zur „Durchliebung“ der planetarischen Gesellschaft beiträgt oder doch Spaltung, Gier und Verblendung verstärkt, hängt grundlegend von der Menschwerdung des einzelnen ab. Eine authentische Transformation möglichst vieler Individuen vom Ego zum Wahren Selbst, von einem unbearbeiteten Minerale zu einem transparenten Kristall (vgl. meine Webseiten www.adolf.frahling.de/Web-Site/Enneagramm_III.html,  „Innere Wohnungen“,  „Selbstwerdung“ und „Kosmischer Christus III“) ist wohl die Grundvoraussetzung dafür, dass die Menschheit hinwächst auf das Ziel der Evolution seit 14 Milliarden Jahren: eine „Neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt“ (2 Petr 3,13), ein „Festmahl für alle Völker“ (Jesaja 25, 6), eine „Neue Stadt, die von der Herrlichkeit Gottes erleuchtet ist“ (Offg 21, 23).

An zwei Unternehmen, denen ich familiär verbunden bin, ist mir der Einfluss von beruflichem und sozialem Handeln auf eine wachsende Humanisierung der Gesellschaft besonders deutlich geworden.

Jede gelungene Transformation von Lebensräumen fördert die globale Metamorphose. Die Architektur-Philosophie von dlx in Dortmund könnte als Allegorie dienen für die Gestaltung jeglicher Art von sozialen Gebilden: von Partnerschaft, Familie, Vereinen, Gemeinden, kath. Kirche,  Europa, globaler Gesellschaft. In der gesamten Evolution der Menschheit käme es darauf an, die Erkenntnisse und Errungenschaften der Vorfahren nicht ideologisch-totalitär zu überspringen, sondern die „Kostbarkeiten und den Reichtum“ der Vorfahren - und weltweit gesehen - aller Kulturen und Religionen achtsam aufzunehmen und kreativ weiterzuentwickeln.

  Im Vergleich zu traditionellen Wörterbüchern kann man mit Linguee in etwa das 1000-fache an zweisprachigen übersetzten Texten durchsuchen. 2009 startete das Kölner Unternehmen die erste große Suchmaschine für Übersetzungen auf Deutsch und Englisch. Bald folgten große europäische Sprachen wie Spanisch, Französisch und Portugiesisch. Seitdem ist Linguee immer globaler geworden. 2013 wurden Russisch, Japanisch und Chinesisch (Mandarin) hinzugefügt. Inzwischen kann der Nutzer auf ca. 250 Sprachkombinationen zurückgreifen.

  Deutsche Muttersprachler können seit Februar 2014 Übersetzungen in Bulgarisch, Dänisch, Englisch, Estnisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Lettisch, Litauisch, Maltesisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Schwedisch, Slowakisch, Slowenisch, Spanisch, Tschechisch und Ungarisch durchsuchen.

Entnommen: www.dlx.eu

  Anders als der imaginierte paradiesische Garten im Ur-Anfang der Menschheit, der in 1 Mose 2 als fertiges Geschenk Gottes verstanden wird, ist eine Stadt gänzlich das Produkt menschlichen Er-Schaffens. Das im Ursprung des Universums schon genetisch angelegte, disponierte Reich Gottes, das Pleroma Gottes, die Neue universale Stadt Gottes, die zu ihrem Wahren Wesen gereifte Menschheit, die in Frieden, Freiheit, Solidarität und Glückseligkeit (Ananda) zusammenlebt, erlangt ihre vollendete Gestalt nur durch das Mitwirken, die Ko-Kreation der Menschen. Bis zur endgültigen Transformation sind noch äonenlange Phasen des Aufbaus, Umbaus, Abbaus, Anbaus und Wiederaufbaus zu erwarten. Zusammenbrüche und Abbrüche, einstürzende babylonische Türme genau so wie architektonische Meisterleistungen werden die „Baugeschichten“ in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Architektur etc. bestimmen. Jeder Mensch fügt dem Gesamtbau ein Steinchen hinzu, manche liefern für das Eine Haus Gottes sogar „Grund-, Eck- und Schlusssteine.“ „Baustellen“ wird es in allen Bereichen der Gesellschaft geben; manche werden eine oder viele Generationen lang unbehoben andauern.

  Jeder trägt mit seiner unscheinbarsten Handlung bei zum Aufbau oder zum Abbau einer essentiell humanen Gesellschaft, die identisch ist mit der gott-erfüllten Stadt. Auch wenn der Alltag und die berufliche Tätigkeit vielen Menschen als mühe-volles „Steinekloppen“ erscheint, verbirgt sich dahinter ein müh-“seliges“ Mit-Bauen an der zukünftigen „Neuen Erde“.

  Das Eine universale Haus Gottes und der Menschen, eine Metapher für eine mit sich, mit der Natur und mit Gott ausgesöhnte Menschheit, besteht aus kostbaren Mineralien, aus Gold, Kristallen, Perlen, Edelsteinen: Jaspis, Saphir, Chalzedon, Smaragd, Sardonyx, Sardion,  Chrysolith, Beryll, Topas, Chrysopras, Hyazinth und Amethyst. In jedem Menschen hat die Evolution ihr vorläufiges Ziel erreicht: sie ist sich ihrer selbst bewusst geworden. Allerdings ist es in der Regel ein lebenslanger Weg der Wandlung, bis er seine aus der Biogenese stammenden Ego-Kräfte geläutert hat und zu seinem Wahren Universellen Wesen erwacht. Jeder Mensch: ein kostbarer einmaliger Edelstein in der Hand Gottes (Jes 62, 3) oder nicht-religiös ausgedrückt: die wertvollste Frucht der kosmischen Evolution.

  Amethyste, Smaragde, Saphire usw. sind während der Phase der Geogenese entstanden. Heißes Magna, die Ursuppe von Mineralien ist aus dem Erdinnern aufgestiegen, hat sich abgekühlt und unter dem enormen Druck haben sich Atome vereinigt u.a. zu edlen Kristallen. Nach der Ausgrabung muss Golderz im Feuer geschmolzen und geläutert, Kristalle und Perlen müssen vom Dreck gesäubert und Rohdiamanten wie alle Edelsteine geschnitten, geschliffen und poliert werden, damit der verborgene Glanz zum Vorschein / Aufscheinen kommt.

  Für CG Jung waren solche alchemistischen Wandlungen treffende Analogien für den menschlichen Individuationsprozess zum Wahren Selbst (vgl.http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Archetypus.html). Alle Religionen und Weisheitslehren bezeugen es: Wenn der Mensch seine Ego-Kräfte integriert hat, wenn er durch Läuterung im Schmelzofen des Lebens transparent geworden ist, oder auch nach seinem biologischen Tod im Fegfeuer oder durch Wiedergeburten gereinigt wird, kann das in ihm angelegte „glückselige Licht“, sein wahres göttliches Wesen, der „Christus in mir“ durchscheinen. (vgl. meine zehn Webseiten zum Wahren Selbst` in Verbindung mit den 10 Stationen der chinesischen Parabel vom ´Ochs und seinem Hirten`).

  Frei geworden von Hass, Gier und Verblendung und in Kontakt oder sogar Eins mit dem göttlichen Universellen Wesen in ihm, wird der „erwachte“ Mensch zum Mit-Erschaffer der Neuen Erde, der Neuen Stadt, die erfüllt ist von der Herrlichkeit Gottes und dem Reichtum und den Kostbarkeiten der Völker.

Transformation vom Ego zum Wahren Selbst

  Nicht nur G8-Verhandlungen der Mächtigen unserer Zeit, sondern das Sein und alltägliche Handeln jedes Einzelnen, jede kleine Geste, das rechte Wort im rechten Augenblick, das Engagement in Familie und Beruf, eine neue Entdeckung, die Architektur eines Gebäudes, Fortschritte in neurologischer oder genetischer Forschung usw. können eine unvorhersehbare und meist nicht wahrgenommene Kette von Wirkungen auf den gesamten planetarischen Organismus auslösen - negativ und positiv!

  Wenn ein individueller Knotenpunkt in einem Beziehungsgeflecht zugenommen hat an Hingabe, Kreativität, Leidenschaft, Lebensdichte, Kraft, Klarheit, Compassion, Gerechtigkeit, Liebe - dann werden auch benachbarte Knotenpunkte angehoben. Die globale „Amorisierung“ (Teilhard de Chardin), die „Durch-Liebung“ der Erde ist ein wenig vorangekommen.

  Der direkte Bezug von „Linguee“ zur globalen Verständigung, einem signifikanten Kriterium der vollendeten planetarischen Einheit, ist unübersehbar. Die Differenzierung der Vielfalt und nicht ihre Auflösung in dem Ganzen ist auch ein Grundprinzip einer christlich verstandenen evolutiven Zukunftsorientierung, die nicht nur auf Konvergenz und Vereinigung abzielt, sondern Differenzierung und Personalisierung fördert und integriert.  Zu der verschwenderischen Fülle, dem „Reichtum, den die Völker in die Neue Stadt tragen“ (Offg 22, 5) gehört auch die Vielfalt der Sprachen. Das Ziel besteht nicht in einer gleichmacherischen  Einheit, nicht in „Esperanto“, einer vereinheitlichten Weltsprache, sondern im tönereichen Einklang einer vielfarbigen Kommunikation zwischen unterschiedlichen Kulturen. Nicht Mono-Tonie, sondern Poly-Phonie und Syn-Phonie. Nicht Ein-Tönigkeit, sondern Zusammen-Klang.

Dualistisch-exklusives Denken überwinden


  Das heißt: ohne Phobie vor einem christlich fundierten Pan(en)theismus eine neue Anschauung und Sprache finden,

-  die die gewohnten Dualismen (Gott/Kirche-Welt; Natur-Übernatur; Sünde-Gnade; Schöpfung-Erlösung, Humanismus-Christentum etc.) zusammenführt,

-  die die Welt - Kosmos, Erde, Materie, Leiblichkeit - nicht mehr primär als Exil oder als gottfeindlichen Lebensraum ansieht, sondern als den essentiellen Ort Gottes entdeckt, als die Manifestation dessen, „der unmittelbar in allen Dingen ist per Essenz, Präsenz und Potenz" (Thomas v.Aquin). Diese allgegenwärtige essentielle Energie  = „Gott“ ist nicht getrennt von der Einen evolutiven Wirklichkeit (Kosmogenese), der GEIST nicht von Materie. In einer solchen Spiritualität wäre Gottesliebe selbstverständlich mit einer leidenschaftlichen Liebe zur Erde verbunden.

Fundamente einer ausdrücklich-christlichen Welt-Spiritualität

Christus ist unser Friede. Er erschuf die Zwei in sich zum einen neuen Menschen in einem Leibe. Ihr seid nun nicht mehr Fremdlinge und Aushäusige, sondern Hausgenossen Gottes, aufgebaut auf dem Grundstein der Apostel und Propheten, der Schlußstein ist Christus Jesus selbst. In Eins mit Ihm wird der ganze Bau sich zusammenfügen und hinwachsen zu einem Heiligen Tempel im Herrn. In Ihm werdet auch ihr miteingebaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.


(Paulus an die Epheser 2, 19f)

  In Anlehnung an den berühmten Satz von Karl Rahner „Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein“ könnte man sagen: „Das Christentum der Zukunft wird eine mystisch-universale Religion sein oder es wird nicht mehr sein.“

  Mit einem klaren Blick auf die krisenreiche Übergangsphase von Menschheit und Erde bemühen sich heute auf allen Kontinenten christliche Gemeinschaften um ein reformiertes evolutives Bewusstsein, um eine neue globale Spiritualität, in der das Leben aus den Quellen des Glaubens mit einer weltzugewandten, geerdeten Orthopraxie verbunden ist.

  Die folgenden Grund-Orientierungen könnten u.a. die  Fundamente einer solchen erneuerten christlichen Spiritualität bilden.

Christus-Bilder universalisieren


  Der paulinische mystische Dreiklang (ein dreistimmiger Ac-cord, der „zu Herzen geht“) „1. Alles in und durch Christus - 2. Christus in mir - 3. Christus: die geliebte Person“ ist leider mono-ton oder duo-ton geworden. Verkündigung und Katechese beschränken sich meist auf den 3. „Ober-Ton“ (Quintton): Christus - der historische Jesus, ein hilfreiches ethisches Ideal, mein mystisches Gegenüber.

  Der 2. „Zwischen-Ton“ (Terzton) wird in einer künftigen mystischen Spiritualität bewusster wahrgenommen und gesungen werden:

Evolutives Bewusstsein und ko-kreatives Handeln entwickeln


  Das heißt: Die Welt als Werdeprozess, als Kosmogenese (Teilhard), als creatio continua begreifen. Dass die Evolution auch im individuellen Bereich des Menschen entscheidend weitergeht, ist den meisten ein ungewohnter Gedanke. Die neurologische, psychische und ethisch-pragmatische Entwicklung des Menschen ist mit dem Auftreten des homo sapiens seit ca. 50 ooo Jahren (Gehirnvolumen, Aufhellung des Unbewussten, Liebesfähigkeit) nicht abgeschlossen. In vielen Individuen erwacht ein essentielles Höheres Bewusstsein.

  Quantensprünge sind zur Zeit vor allem in der kollektiven Noogenese festzustellen. Die Menschheit erlebt die Morgendämmerung eines globalen Bewusstseins. Verantwortendes planetarisch-ökologisches und weltweit-soziales Denken und Handeln wird unausweichlich.

  Wenn Christen ausgehen von einer unzerstörbaren Einheit von Evolution und „Gott“, von dem Glauben, dass „Gott“ die geheimnisvolle Entelechie, die wirkliche Antriebskraft in diesen Entwicklungen ist, steigen sie bewusst in die Mit-Gestaltung, in die Ko-Kreation ein. Mit „göttlichem Stolz“ engagieren sie sich für globale Geschwisterlichkeit, eine heilsame Natur und eine Kultur, die individuelle und kollektive Menschwerdung essentiell fördert

Das eigene Sein und Handeln als Ko-Kreation mit „Gott“ verstehen


  Wenn ein solches universales Christus-Bewusstsein, ein drei-stimmiges Glauben an Christus als mein geliebtes DU, an Christus als meine Wesensgestalt (ICH) und an die Vollendung von Erde und Kosmos in IHM (ES) die Augen aufschlägt, gewinnt meine Existenz und mein Handeln eine evolutive Bedeutung. Dann kultiviere ich die neue Sichtweise, dass jede noch so unscheinbare Handlung, durch die ich Gutes, Wahres oder Schönes verwirkliche, sich auswirkt auf die Christogenese des Ganzen und den universalen Pegel von Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit, Glückseligkeit anhebt.

Der Aufbau der Neuen Stadt - Schöpfungsgeschichte fortschreiben

  Diese geringe Offenheit gegenüber der Sehweise, dass Eucharistie zu tun hat mit einer Verwandlung von Materie und Kosmos, war mir Anlass, möglichen Ursachen nachzugehen, die ich primär in verfestigten Denkmustern vermute. Zu wenig hat sich die christliche Glaubenslehre aus einem statisch-dualistischen Weltbild gelöst (Ein Gott außerhalb hat eine fertige Welt produziert, auf deren Bühne sich das Drama von Erlösung und Verdammung des Individuums abspielt), eine biblisch fundierte kosmische Christologie ist kaum weiterentwickelt worden, eine authentische Weltfömmigkeit als Mitarbeit am Aufbau der Neuen Stadt Gottes steht immer noch im Schatten der Abwertung von Materiellem und Weltlichem. Hinzu kommt unsere alltägliche Kleinkariertheit, die selten über den Zaun unserer kurzen Lebenszeit und unseres kleinen Lebensraumes hinwegschaut und ihn faktisch erlebt - vorkopernikanisch - als eng begrenztes Biotop auf einer horizontalen Scheibe „Erde“.

  Solche einengenden Denk- und Fühlmuster möchte ich bewusster machen und weiten und Zugänge zu einem christlichen evolutiven Bewusstsein eröffnen.

Hieronymus Bosch: Der Heuwagen (um 1515) -

Eine warnende Bild-Metapher für die Lebensreise des Menschen:

Vom Sündenfall über Lebensgier in die Hölle

  In der Jheronimus Bosch - Ausstellung in ´s-Hertogenbosch (22.03.2016) faszinierte und erschreckte mich besonders das Triptychon „Der Heuwagen“. Vor ca. 500 Jahren gemalt, spuken bestimmte Aspekte der dargestellten „christlichen“ Sicht auf Anfang, Verlauf und Ende der menschlichen Geschichte auch heute noch in den Köpfen der meisten Christen und Nicht-Christen herum.

  Auf der linken Bildtafel sind die Anfänge des Kosmos  zu sehen. Ein Gott-Vater thront weitab über allem irdischen Geschehen. Erschreckt hat mich, dass Bosch, der die eigentliche Erschaffung der Welt weggelassen hat, an den Anfang der kosmischen Geschichte  - noch vor den drei Paradiesesszenen (Erschaffung der Eva, Sündenfall, Vertreibung) - den „Engelsturz“ in Szene setzt, der nach der „Geheimen Offenbarung“  das Ende der Welt einläutet. Geflügelte, ungezieferhafte Wesen stürzen aus dem göttlichen Bereich hinunter und infizieren schon vor aller Zeit den Garten Eden mit Bosheit und Sünde. Eine erschreckende Vorstellung vom Beginn und Wesen der Schöpfung!! Schon in ihrem Ursprung ist sie verseucht von widergöttlichen teuflischen Mächten!!???

  Der Jahrhunderte lang verteidigte Antimodernismus scheint immer noch einen bedeutenden Platz bei kirchlichen Vertretern und Gruppierungen einzunehmen. Drei schockierende astronomische, biologische und psychologische Erkenntnisse der Neuzeit sind bis heute noch immer nicht fraglos anerkannt.

  Der Erfahrung „In der Hl. Messe bzw. der Abendmahlsfeier komme ich und meine Lebenswelt nicht vor“ entspricht komplementär die Ansicht, manchmal noch als Frage formuliert: „Wo spielt denn das, was Ihr ´Gott` nennt, in meinem Leben eine Rolle?!“  Es scheint, dass das Christentum mit all seinen Vorstellungen von Gott, Christus, Erlösung etc. und seinen Ausdrucksformen unter eine innerkirchliche Käseglocke geflüchtet ist bzw. sich in eine lebensfremde Über- oder vergangene vormoderne Fantasiewelt verflüchtigt hat.

- der astronomische Nachweis durch Kopernikus und Galileo Galilei, dass nicht die Erde das Zentrum des Weltalls bildet

- der Schock durch Charles Darwins Evolutionstheorie, dass der Mensch sich aus dem Tierreich entwickelt hat

- und die psychologische Erkenntnis Siegmund Freuds, dass das Verhalten des Menschen weitgehend bestimmt wird durch unbewusste Kräfte in ihm und nicht nur durch Vernunft und freien Willen. 

Vernachlässigte Integration von modernen Erkenntnissen (Kosmos, Evolution, Psyche)

in die christliche Spiritualität

  Dazu gehörte außer einer unvoreingenommenen Wertschätzung der „Welt“ (Materie, Weibliches, Fortschritt, Energie, Vitalität, Kreativität, Lebensfreude) und einem Heilsoptimismus für alle Menschen auch ein geweitetes globales, ja kosmisches Denken.

  Von der Integration einer solchen kosmischen Theologie ist die christliche Verkündigung und Liturgie „meilenweit“ bzw. „Lichtjahre weit“ entfernt.

  Viele liturgische Texte, die weltweit vorgeschrieben sind, schauen nicht über den Tellerrand der römischen Stadtliturgie oder des „christlichen Abendlandes“, dem ganze Erdteile noch unbekannt waren, hinaus. Und das Neu-Denken einer Gotteslehre, die das überholte statische und zeitlich minimalisierte Weltbild verlässt und ausgeht von einem unendlichen Universum, das sich ständig weiterentwickelt und wandelt, wird - so mein Eindruck - in Gemeindegottesdiensten, an theologischen Fakultäten und Bischofssitzen zu wenig gewagt.

  Dualistisch-statische Denkmuster und die Abwertung des „irdischen“ Lebens bestimmen nach wie vor die christliche Glaubenslehre und Volksfrömmigkeit. „Unsere Heimat aber ist im Himmel“ - heißt es schon bei Paulus (Phil 3, 20). Sogar in dem neuen Jugendkatechismus „Youcat“ von 2010 wird die Eingangsfrage „Wozu sind wir auf der Erde?“ so beantwortet: „Um Gott zu erkennen und zu lieben, nach seinem Willen das Gute zu tun, und eines Tages in den Himmel zu kommen.“ Der eigentliche Ort Gottes und des Menschen sei also der „Himmel“ - ein räumliches und zeitliches Jenseits; eine Über-Welt, getrennt von irdischen Welten; eine zukünftige Welt, die eines Tages in unsere erfahrbare Wirklichkeit von außen hereinbricht und diese neu macht. Konträr zum Himmel, „unserer wahren Heimat“, wird unsere Erde, auf der wir leben - als ein Exil, als ein Ort der vorläufigen Verbannung deklariert! Folglich besteht die Lebensaufgabe des Christen darin, dem Willen des droben thronenden Gottes zu entsprechen, im künftigen Endgericht der rechten Seite der Guten zugeordnet zu werden (und so der ewigen Verdammnis in der Hölle, einem verborgenen Bereich unterhalb der Erdscheibe, zu entkommen) und endgültig in die himmlischen Wohnungen aufgenommen zu werden. Die besten Chancen werden dem Christen eingeräumt, der sich weltlicher Dinge enthält und bis zu seinem Tod „tadellos“ und „unbefleckt“ bleibt.

Eine vormoderne christlich-dualistische Sicht von Gott/Welt und ihrer Zukunft:

Christus thront oberhalb der Erdkugel und richtet die Menschen nach ihrem Lebenswandel.

40 % kommen in die Hölle, 40 % ins Fegfeuer, 20 % gelangen direkt in den Himmel.

(Lucas Cranach der Ältere: Das Jüngste Gericht 1513)

Das Paradies

Engelsturz

Erschaffung des Menschen

Sündenfall

Vertreibung aus Paradies

Die Hölle

Weltenbrand

Turmbau zu Babel

Von teuflischen Wesen  gequälte Menschen

Das menschliche Leben

Thronend-richtender Christus

Vergnügliches Leben zwischen Engel und Teufel

Der Zug des Heuwagens - Kampf ums „Heu“

Sieben Todsünden

  Das Leben der Menschen im Exil zwischen Vertreibung und endgültiger Katastrophe am Ende der Zeiten stellt Bosch auf der Mitteltafel seines Triptychons dar.

Vermutlich wollte Hieronymus Bosch durch sein Gemälde primär die Betrachter kritisch hinweisen auf ihr sündiges und kurzsichtiges Treiben, aber untergründig-selbstverständlich werden fatale Grundansichten auf Gott, Welt und Mensch mittransportiert, die noch immer in den Köpfen vieler Zeitgenossen herumgeistern.


Weltbild

Drei Stockwerke: Himmel / Erde / Hölle

Die Welt ist fertig geschaffen; im Wesentlichen verändert sie sich nicht. Sie dient als Bühne für das Drama von Sündenfall und Erlösung.

Schon von Beginn an ist sie infiziert durch das Böse.


Gottesvorstellung

ist anthropomorph-personal: erster Beweger, Zuschauer, Richter über den Wolken


Selbstverständnis des Menschen

Aus dem Paradies wegen seines Sündenfalls vertrieben; als erbsündiger Exilant ständig gefährdet durch dämonische Kräfte; seine Lebensaufgabe: den Verführungen zur Sünde widerstehen, um so in den Himmel zu kommen.

Gold-gelbes Heu, überdimensional gestapelt auf einem vierrädrigen Karren, der aus dem verlorenen Paradies „via direttissima“ in die Hölle gezogen wird, füllt die Mitte des Bildes. Um diese goldig strahlende Herrlichkeit dreht sich auch das ganze Sinnen und Trachten der Menschen. Hoheitsvoll folgen ihr / ihm Papst und Könige. Um das kostbare Gut herum ist ein mörderischer Kampf entbrannt. Jeder versucht etwas von diesem Reichtum einzuheimsen - mit Leitern und Forken, mit Fäusten und Ellbogen, mit Messern und Keulen. Viele kommen unter die Räder und bleiben auf der Strecke. Nur ganz oben auf dem angesammelten Heu spielt sich ein vergnügliches Leben ab. Zwei Menschenpaare verlustieren sich mit Musizieren und Herzen und Küssen. Dass sie nach der Flöte eines teuflischen Dämons tanzen, bemerkt nur ein nach Christus-Hilfe ausschauender Engel.

  Aber dieser Christus scheint in seiner überirdischen gold-gelben Herrlichkeit dem menschlichen Getriebe nur hilflos zuzuschauen.

  Ohne dass die Beteiligten es merken, fährt der Lebenskarren geradewegs in die Hölle. Den kirchlichen und weltlichen Herrschern und ihrem Gefolge ist durch den riesigen Klumpen Gold die Sicht auf die drohende Katastrophe versperrt, andere sind völlig abgelenkt durch Konkurrenzkampf, Neid, Habgier, Wollust oder durch andere der sieben Todsünden oder Laster.

  Gezogen wird der Heuwagen  von einer Meute skuril-fratzenhafter Gestalten. Ich denke, vor allem solche monsterhaften Phantasie-Figuren wecken unser Interesse  an den Bildern von Hieronymus Bosch.  Lust an der Angst? Erschrecken vor eigenen dämonischen Kräften?

  Die unübersehbare Mitte des Bildes und des dreiphasigen kosmischen Dramas: ein Karren voll beladen mit Heu. (Getrocknetes) Gras diente schon biblischen Autoren als ein Sinnbild für die Vergänglichkeit des Lebens. „Des Menschen Tage sind wie Gras. Er blüht auf wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin“ (Psalm 103, 15). Und in 1. Petrus 1, 24 heißt es: „Alles Fleisch ist wie Gras ... das Gras verdorrt.“ Vermutlich kam für H. Bosch eine weitere Bedeutung hinzu, die er aus einem flämischen Sprichwort kannte: „De wereld is een hooiberg – elk plikt ervan, wat hij kan krijgen“ - „Die Welt ist ein Heuhaufen, ein jeder pflückt davon, soviel er kann“.

  Die ganze Welt mit all ihrem verschwenderischem Überfluss wird da verglichen mit einem goldgelben Heuhaufen, von dem jeder nimmt, was er kriegen kann. In unseren Vergleichen für Besitz und materiellen Reichtum sagt man ja auch: Der hat „Geld wie Heu“. Der aufgetürmte Heuwagen hat zwar dieselbe gold-gelbe Farbe wie die überirdische Sphäre Christi über ihm. Aber kein Mensch - so Hieronymus Bosch - scheint zu kapieren, dass der Wagen nur wertloses Stroh transportiert, und dass der riesige Heuhaufen ein falscher, aber sehr verführerischer Abglanz der göttlichen Herrlichkeit ist.

Gemähtes und geheutes Gras - gold-gelb: eine Bild-Metapher für alles, was unsere Habgier reizt, aber schnell verdorrt und vermodert.

Das schon im Ursprung durch böse Mächte infizierte Leben der Menschen enthüllt sich für den Außenbetrachter als ein Tanz um das Goldene Kalb, als ein Kampf um ein Stückchen aus dem Großen Kuchen. Die Menschen lassen sich verführen von den sieben Todsünden .... und zwangsläufig mündet ihre Lebensreise im höllischen Feuer, das auf der rechten Bildtafel dargestellt ist.

  Die Bestrafung für Hochmut, Habgier, Wollust, Rachsucht, Völlerei, Missgunst und Faulheit im Feuer der Hölle malte wohl keiner so anschaulich, erfindungsreich und skuril wie Hieronymus Bosch.

Höllenängste und und nicht eingestandene sadistische Wünsche könnten die verborgenen Wurzeln dieser Malereien sein.

Teuflische Mischwesen - halb Mensch halb Tier - quälen schon im Eingang der Hölle die Verdammten mit ersten höllischen Qualen, während riesige Feueröfen den Hintergrund erhellen. Überdimensonale tierische Mäuler verschlingen die Neuankömmlinge. Nackte Leiber werden auf Folterräder gespannt, andere von Lanzen und Pfeilen durchbohrt.

Das Bild von Kirche verändern


  „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein“ (Karl Rahner). Aber immer in Verbindung mit seinen Wurzeln, mit den Vätern und Müttern seines kath. oder/und evang. Glaubens und in geschwisterlicher Kommunikation mit allen Menschen. Christsein lässt sich von Kirche-Sein im Grunde nicht trennen.

„Der Heuwagen“ - Ein Kontrastbild zu einer postmodernen christlichen Welt-Spiritualität

  Soviel wissen wir: unser Planet Erde am Rande unserer Galaxie ist innerhalb des unendlichen Universums mit seinen Milliarden Michstraßen mit jeweils Milliarden von Gestirnen und einer Ausdehnung von 46 Milliarden Lichtjahren (???) ein mickriges Sandkörnchen am Meeresufer. Aber ein Sandkorn, auf dem sich das Wunder der Entstehung von Leben und Bewusstsein ereignet(e)! Der Mensch ist im Vergleich zur gesamten Kosmogenese - ob man sein erstes Auftreten vor 2 oder 10 Millionen Jahren ansetzt - zwar eine Eintags- bzw. Sekundenfliege. Aber er ist die erste Spezies, die denkt, die sich immer weiter auf höhere mystisch-universale Bewusstseinsstufen transformieren wird, und die fähig und gefordert ist, immer bewusster an der  Vollendung unseres „Blauen Planeten“ mitzuwirken!

-   oder wen Vitalität und Energie in Sport, Beruf etc. sozusagen „vom Stuhl gerissen hat“,

-   oder wer völlige Hingabe in Familien, im privaten Umfeld oder in sozialen Einrichtungen bewundert hat  ..... ,

  der weiß von der spontanen aus dem Innersten aufsteigenden Reaktion von Staunen und Dankbarkeit. Später erkennt und verbalisiert er vielleicht auch, dass sich in diesen wunderbaren Eindrücken und Unternehmungen ein „Etwas“ geoffenbart hat, wirklicher und beeindruckender als alles bisher Wahrgenommene und Gehändelte, aber kaum durch Worte mitteilbar.

  Wer kennt nicht diese überraschende Faszination und Ergriffenheit durch Dinge, Erfindungen, Geschehnisse in allen Lebensbereichen? Religionen und Weisheitslehren haben sie als Aufscheinen des Göttlichen im Irdischen, als Offenbarung einer allgegenwärtigen göttlichen Energie gedeutet, als Enthüllung des „mysterium fascinosum et tremendum“, als „Gott“.

  Thomas von Aquin (1225 - 1274), der in der kath. Kirche unumstrittenste Star-Theologe hat solche tiefen In-Welt-Erfahrungen in einer Sentenz zusammengefasst: „Gott ist unmittelbar in Allem per Essenz, Präsenz und Potenz“

(Summa theologiae III, q 6, art 1, ad primum).

Grundansichten Teilhard de Chardins

  Teilhard bezeichnet diesen äonenlangen Entwicklungsprozess als „creatio continua“

(andauernde Schöpfung) und „incarnatio continua“ (fortwährende Inkarnation), in der sich Christus Materie und Geist „einverleibt“. Alles wird Leib Christi. Die Kosmogenese ist Christogenese. Auch wenn „Christus“ das energetische Zentrum des evolutiven Universums und der eigentliche „Evolutor“ und finale Anziehungspunkt „Omega“ ist, tragen Menschen und Menschheit zur Verwandlung in eine „Neue Erde“ (Offg 21) entscheidend bei.  

  Wie die Zukunft unseres „Weltraumschiffes Erde“ in 10 Millionen Jahren oder auch nur in 50 Jahren aussehen wird, kann niemand vorhersagen. Den visionären Optimisten könnte man illusionäres Wunsch-Denken oder eine Wolkenkuckucksheim-Mentalität nachsagen, den Pessimisten auf der anderen Seite aber auch provinzielles, zeitlich und räumlich beschränktes Denken und einen ängstlichen Unglauben, was die evolutive (göttliche !) Energie des Universums hin zu höherem Bewusstsein angeht, hin zu Personalisierung  und Vereinigung.

   Das Gesicht Christi nicht nur in Bibel und Sakramenten, sondern auch in Natur und „profaner“ Geschichte zu suchen und zu enthüllen, darin sind wir Christen wenig trainiert. Manche Frauen finden Zugang zu der „Diaphanie Christi“ durch die Oberfläche der Wirklichkeit hindurch über Hildegard von Bingen, die von einer „Grünkraft Christi“ sprach, die uns zur Zeit (1. Mai) geradezu in die Augen springt.

(vgl. www.adolf.frahling.de/Web-Site/Gruenender_Christus.html)


  Außer Teilhard de Chardin hat mir der indische Priester und Grenzgänger zwischen West und Ost Raimon Panikkar (1918 - 2010) die Augen geöffnet für die „Christophanie“ (Titel seines letzten Buches) in allem, was existiert. Er betrachtet die Gesamtwirklichkeit und ihre Dynamik als Manifestation Christi. Christophanie, das Aufscheinen des Mysteriums jeder Wirklichkeit,  ereignet sich nicht nur an Heiligen Stätten, in Domen, Kirchen, Tempeln, Moscheen, Synagogen, sondern an jedem noch so als weltlich /

  Alle Dinge und wir selbst sind aus Sternenstaub gemacht. Jedes Atom in unserem Körper oder im Universum verdankt seine Existenz und Konsistenz der Elementsynthese im Innern der Sterne; und Psyche und Verhalten des Menschen sind mitgeprägt durch evolutiv gewachsene Mechanismen bei Tieren und Hominiden.

Die „Neue Stadt Gottes“ - biblische Visionen einer Transformation der Erde

der erste Grundstein ein Jaspis,

der zweite ein Saphir,

der dritte ein Chalzedon,

der vierte ein Smaragd,

der fünfte ein Sardonyx,

der sechste ein Sardion,

der siebte ein Chrysolith,

der achte ein Beryll,

der neunte ein Topas,

der zehnte ein Chrysopras,

der elfte ein Hyazinth,

der zwölfte ein Amethyst.

Und die zwölf Tore: zwölf Perlen;

ein jedes der Tore ist je aus einer Perle.

Und die Straßen der Stadt: lauteres Gold - wie durchscheinend Glas.

Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt. Denn der Kyrios der Gott der Pantokrator ist ihr Tempel - und das Lamm.

Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, dass sie ihr scheinen. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie. Und ihre Leuchte ist das Lamm. Und die Völker gehen den Weg in ihrem Licht. Und die Könige der Erde bringen ihre Pracht in

die Stadt. Ihre Tore werden den ganzen Tag nicht geschlossen - Nacht wird es dort nicht geben. Und sie tragen die Herrlichkeit und die Kostbarkeiten der Völker in die Stadt.“

(Offg 21, 9 - 22, 5; vgl Jesaja 54, 11.12;  60, 11)

1.  Mitbauen an der Neuen Stadt Gottes

2.  Jeder Mensch: ein kostbarer Edelstein, ein wichtiger Baustein der Neuen Stadt

3.  Evolutive Spiritualität:

     eine Neue Erde mit-erschaffen - die Neue Stadt mit-aufbauen

Baugeschichten fortschreiben  -  globale Verständigung

Konkrete Projekte

A.  Erstes Projekt:  Architektur.dlx in Dortmund (Sebastian Franssen / Markus Stratmann)

will u.a. Baugeschichten fortschreiben - so die Firmenphilosophie.

B.  Zweites Projekt: Das Startup - Unternehmen Linguee“ (Dr. Gereon Frahling / Leonard Fink) in Köln bietet ein kostenloses Online-Wörterbuch und eine Suchmaschine für Übersetzungen von Ausdrücken und Phrasen an.

In einem evolutiven Bewusstsein, in einer globalen Spiritualität und und ebenso in einer ausdrücklichen christlichen Weltfrömmigkeit geht es darum, achtsam zu werden für die zerbrechliche Kostbarkeit unserer Erde und den Einfluss jeder noch so unscheinbaren Handlung auf das Ganze. Eine solche Achtsamkeit lässt ein kosmisches Denken wachsen und motiviert zu einer bewussten Verbesserung auch kleiner sozialer Biotope. Überall sind Menschen beteiligt an der Sanierung von Baustellen und dem Aufbau neuer Lebensqualität:

- Pädagogen, die sich engagieren für allein-gelassene Kinder und neue Bildungskonzepte entwickeln,

- Wissenschaftler, die weitere Baugesetze der Evolution entschlüsseln,

- der Chefkoch einer Kantine, der durch Umstellung auf gesunde Produkte zugleich neue Vernetzungen zu örtlichen Bio-Bauern herstellt und so eine lebensraumnahe Wirtschaftsstruktur im Kleinen schafft,

  1. -Ehrenamtler, die mit ihrer Hingabe und Freude kommunikative Zentren bilden in Sportvereinen, Seniorentreffs, Hausaufgabenbetreuung für Migrantenkinder ...


  Der Wert solcher öffentlicher Engagements für das Ganze liegt auf der Hand. Es wäre die Aufgabe von Bildung und Religion, das Selbstbewusstsein der vielen Unbekannten zu stärken, dass auch sie mit jeder noch so unscheinbaren Handlung zum Aufbau oder zum Abbau einer essentiell humanen Gesellschaft beitragen, die identisch ist mit der gott-erfüllten Stadt. Auch wenn der Alltag und die berufliche Tätigkeit von vielen Menschen als mühe-volles „Steinekloppen“ erlebt wird, verbirgt sich dahinter ein müh-“seliges“ Mit-Bauen an der zukünftigen „Neuen Stadt“.

Christus in mir, sein GEIST in mir - mein Wahres Selbst, „mein wahres Wesen - inwendig jenseits all meiner Ego-Kondtionierungen. Unverlierbar vorgegeben, verborgen und voller Energie drängt es alle Schichten meines Daseins zu durchströmen und Stufe um Stufe Gestalt und Form anzunehmen.“  (s. meine Webseiten „Enneagramm III - Transformation“ und „Eucharistie und Selbstwerdung“)

  Einen empfänglicheren Resonanzboden wird eine globale christliche Weltfrömmigkeit für den ersten Ton bieten, den dunklen GRUND-Ton, den „immer größeren Christus“ (Teilhard), den „Christus in-nominabilis“, den mit keinem Namen benennbaren GRUND (Meister Eckhart), der im Ur-Anfang aus sich herausgetreten ist und sich ins Wort gebracht hat und als „Christus omnio-nominabilis“ (R. Panikkar)

offenbart. Dieser Christus ist „Alles und in Allem“ (Kol 3, 11), „Nihil extra Christum“: nichts, kein Mikro- oder Makrokosmos ist von IHM getrennt. Diesen Christus universalis wird man immer tiefer als „Christus evolutor“ erkennen, der das „Alpha und das Omega“ (Offg 22,13) ist, die permanente Antriebskraft und der Zielpunkt der kosmischen Evolution. Seine Inkarnation in Jesus wird man begreifen als einen entscheidenden Schritt in der Vergöttlichung von Materie, Mensch und Kosmos. Die  gesamte Kosmogenese wird bewusst werden als Christogenese, als Wachsen des Leibes Christi bis zur vollendeten Fülle

Bestimmte Kirchen-Bilder aber wird er hinterfragen und womöglich aufgeben. Er wird Kirche akzeptieren und lieben als eine Dienerin dieser allgegenwärtigen Christogenese, die ständig den allwirkenden Esprit (GEIST) Gottes sucht, entdeckt, den Menschen aufdeckt und sich als Kooperierende mit diesem außerhalb ihrer Kirchenmauern heilschaffenden Gott versteht. Kirche wird für die Christen kein Selbstzweck sein, Liturgie und Sakramente verstehen sie als vergegenwärtigendes Feiern der Omni-Essenz, Omni-Präsenz und Omni-Potenz Christi in Allem, was existiert. Das ausdrücklich sakramentale Handeln der Kirche schafft keine neue Ding-Wirklichkeit neben der alltäglichen Realität. Oder wenn doch - dann besteht diese neue Wirklichkeit, die Wirkung des Sakraments in einem neuen oder erweiterten Christus-Bewusstsein. Die Mitfeier von Eucharistie, Eheschließung, Taufe, Firmung etc. öffnet die TeilnehmerInnen für die Gewissheit der Präsenz Christi allerorts und jederzeit und und erfüllt sie mit Lebensfreude und Dankbarkeit.

Liturgie und Sakramente als zeichenhaft-vergegenwärtigendes Feiern

der Berührungen „Gottes" durch Dinge und Geschehnisse

(Zusammenfassung)

1.  Heilige Zeichen - Sakramente - Göttliche Berührungen

Die Schöpfung als Ur-Sakrament

Liturgie und Sakramente als vergegenwärtigendes Feiern der kreativen Präsenz Christi in Allem, was existiert

2.  Sakrament des Augenblicks

Berührung des Göttlichen im Hier und Nun

3.  Eucharistiefeier - Abendmahl:

Verwandlung und Selbstwerdung

Transformation und Konformation mit und in Christus

4.  Eucharistiefeier - Abendmahl: Manna

           - auf dem Weg durch die Wüste

            - für (nur) einen Tag

            - verborgen und süß wie Honig

5.  Das Herrenmahl: Offene Tischgemeinschaft

Kritische Anmerkungen zum Ausschluss evangelischer und wiederverheirateter Christen

6.  Kommunion mit "Gott" durch die Welt - Geerdete christliche Spiritualität

  - Die Diaphanie Christi in Allem wahrnehmen

    - Interdependenz einsehen und Dankbarkeit

        einüben

    - Schöpfungsgeschichte fortschreiben

    - Christifizierung kleiner und großer

         Lebenswelten      

    - Kosmogenese und Anthropogenese

        verstehen als Christogenese und Aufbau

        der "Neuen Stadt Gottes"

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Entnommen: www.linguee.de