16.03.2009

Eine biblische Studienreise des

kath. Stadtdekanates Köln

vom 28.02. bis 07.03.2009


Vorbereitung: Frau Dr. S.Sailer-Pfister, Frau S.Cornet

Leitung: Frau H.Bartscherer, Herr Prälat J.Bastgen


Reiseführer: Herr Amer Derky (Syrien)

                    (www.syrien-guide.de)

                   Herr Cengiz Altuntas (Türkei)


Journalistische Begleitung: Frau B.Jünger

                  (Sendetermine werden bekanntgegeben

                   unter http://www.katholikenausschuss.de/)



Reiseverlauf


-  Köln - Frankfurt - Damaskus (Souk al-Hamidye, Omayyaden-Moschee, Azem Palast, Kan Assad Pascha, Thomas-Tor, Gerade Straße, Haus des Hananias, Kassiounberg)

-  Maalula, Klöster Mar Sarkis u. Thekla (1), Krak des Chevaliers (2), Apameia (3)

-  Aleppo (Zitadelle, Hallawije-Schule), Antiochia (Antakya/Hatay)

-  Tarsus (Paulusbrunnen, Stadttor, Ulu Camii, Pauluskirche), Issos (333 v.Chr. Alexander-Schlacht) (4)

-  Antakya (Mosaikenmuseum, Petersgrotte, Seleukia)

-  „Tote Städte“, Simeonskloster, Qalb Lhoze (5)

-  Aleppo - Frankfurt - Köln

Saulus / Paulus


- in Tarsus (Türkei) geboren vermutlich um die Zeitenwende

- als ca. Dreißigjähriger unmittelbare Erfahrung des universalen Christus bei Damaskus

- Rückzug für drei Jahre in die Arabische Wüste süd-östlich von Damaskus

- Verkündigung des "Weges" in Kilikien (Tarsus) und Syrien (Antiochia, Damaskus)

- Erste Missionsreise nach Zypern, Südtürkei 46/47 n.Chr.

- Apostelkonzil in Jerusalem 49

- Weitere Missionsreisen nach Ikonium ..., Ankyra, Troas, Philippi, Thessalonich, Korinth, Athen, Ephesus (dreijähriger Aufenthalt) u.a. zwischen 49 und 57

- Ankunft in Jerusalem, Verhaftung, Gefangenschaft in Cäsarea 57-59

- Reise nach Rom 59/60

- Märtyrertod in Rom 62 n.Chr.  (???)

Tarsus

Geburtsort des Juden Saul

Damaskus

Mystisches Schlüssel-Erlebnis des Christenverfolgers

Antiochia / Antakya

Öffnung des Juden-Christentums auf alle Völker hin

Empfang in Damaskus durch Gregorius III, griechisch-katholischer  Patriarch von Antiochien, Alexandrien, Jerusalem und dem ganzen Orient, der sich als Brückenbauer zwischen Christen, Juden, Moslems und Moderne versteht

Reise - Impressionen



  Unmittelbare Reise-Eindrücke:

pulsierendes Leben in den Millionenstädten Damaskus und Aleppo: Suqs mit orientalischen Basaren;  großartige Moscheen aus der Omayyadenzeit, ottomanische Paläste wie aus 1001 Nacht, Karawansereien, 10-stöckige Wohnblocks mit Klimareglern, Satellitenschüsseln und großen Wasserbehältern auf den Dächern (wie in NYC) , Muezzinrufe per CD und Lautsprecher von den Minaretts, Hotels mit orientalischem Flair und arabischer bzw. türkischer Küche, ein mittelalterlich anmutendes Leben in den Dörfern auf dem Land.


Und zusammen mit 37 kath. Christen aus dem Erzbistum Köln und unseren kompetenten und liebenswürdigen Reiseführern Amer und Cengiz auf Entdeckungsreise nach Mosaiksteinchen aus der Zeit der Anfänge des Christentums und der Mission des Apostels Paulus. Eindrucksvoll und die Imagination anregend das Hören der entsprechenden Passagen aus der Apostelgeschichte an den originären Schauplätzen „Damaskus“, „Antakya“ und „Tarsus“, und die tägliche Feier der Eucharistie.


Und immer wieder anschauliche Spuren der frühchristlichen Vergangenheit, ablesbar an gut erhaltenen Ruinen von christlichen Basiliken oder an unscheinbaren Details in altehrwürdigen islamischen Moscheen.


Die heutige Situation christlicher Kirchen in Syrien und der Südtürkei wurde deutlich in Gesprächen in Damaskus mit Gregorius III, dem griechisch-katholischen Patriarchen von Antiochien, Alexandrien, Jerusalem und dem ganzen Orient; mit dem chaldäisch-katholischen Bischof von Aleppo Antoine Audo in Iskenderun; mit dem Apostolischen Vikar von Anatolien Bischof Luigi Padovese in Tarsus; und mit Sr. Barbara und P. Domenico in Antakya. Manche unserer Ansichten entpuppten sich als Fehlurteile; freudig überraschte die selbstverständlich gelebte Ökumene mit evangelischen und orthodoxen Kirchen und der praktizierte interreligiöse Dialog mit Muslimen und Juden - vor allem in Antakya.


  Es war eine professionell organisierte, rundum gelungene Reise, überaus reich an biblischen und kulturellen Eindrücken.

( siehe Webseite „Reise-Impressionen" - Klicken Sie auf  das Foto rechts)

Reise-Reflexionen

Paulus und die Anfänge des Christentums


  Meine „Reisebetrachtungen" fokussieren sich auf die drei zentralen paulinischen Orte „Tarsos", „Damaskus" und „Antiochia", und reflektieren und aktualisieren die Erzählungen der lukanischen Apostelgeschichte und wesentliche Aussagen von Paulus in seinen Briefen.

I.  Damaskus

Ort einer Christus-Erfahrung, die das Leben von Saulus/Paulus

und der Urkirche grundlegend veränderte

II.  Antiochia

Konflikt zwischen Petrus und Paulus:  Öffnung des Christentums

auf alle Völker hin?

III. Tarsus

Geburtsort des Juden Saul - Interreligiöser Dialog / Tiefenökumene

  Von Damaskus, der ältesten dauerhaft besiedelten Stadt der Welt, schwärmten seit den Anfängen Dichter und Reisende als der „Rose des Orients“, als  „Oase in der Wüste“, als „Abbild des himmlischen Paradieses“. Und wirklich: Noch heute ist hier etwas zu spüren von dem Atem der Hochkulturen von Ost und West, die sich in Syrien verschmolzen und/oder ablösten.

  Vor den Toren von Damaskus ereignete sich vor 2000 Jahren ein weltbewegendes Ereignis, das aber in den Annalen der zeitgenössischen Geschichtsschreiber nicht erwähnt wird: eine der Geburtsstunden des Christentums, das sogenannte Damaskus-Erlebnis des Juden Saul, geboren als römischer Bürger in Tarsus, in Jerusalem durch den berühmten Pharisäer Gamaliel streng nach dem Vätergesetz erzogen, einer der erbittersten Verfolger der Anhänger des neuen „Weges". An der Steinigung des Diakons Stephanus war er beteiligt, auf der Jagd nach weiteren Abweichlern vom jüdischen Gesetz  widerfuhr Saulus dann vor Damaskus ein „umwerfendes", sein bisheriges Leben umkehrendes Erlebnis.

In seinen Briefen erwähnt Paulus den Ort seiner Schlüssel-Erfahrung und Lebensumkehr - Damaskus - nicht. Aber der Inhalt des Erlebnisses selbst wird immer wieder thematisiert:


- Gott hat es gefallen, seinen Sohn in mir zu offenbaren (Das „in“ wird in der deutschen Einheitsübersetzung unterschlagen!!!) (Gal 1, 15f)


- Ich habe Jesus Christus unsern Kyrios gesehen (1 Kor 9,1)


- Christus gab sich zu schauen auch mir (1 Kor 15,8)


- Ich bin von Christus ergriffen worden (Phil 3, 12)


- Durch Offenbarung (Enthüllung, griech. apokalypsis) ist mir das (Christus-) Mysterium kundgemacht worden (Eph 3,3)


  1. -Gott, der gesprochen: Aus Finsternis erstrahle Licht - erstrahlt ist er in unseren Herzen; auf dass aufleuchte die Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi (2 Kor 4,6)

  Paulus selbst hat das überraschende Widerfahrnis vor den Toren von Damaskus als eine mystische Christus-Erfahrung erlebt und in Worte gefasst. In der unmittelbaren Begegnung mit dem Auferstandenen - und sicherlich vertieft und bereichert durch weitere Christus-Erfahrungen während seines dreijährigen Aufenthaltes in der syrischen Wüste - gewinnt er ein neues Selbst-, Welt- und Gottesverständnis: Das Ärgernis des Gekreuzigten lernt er als Zeichen der unverbrüchlichen Liebe Gottes verstehen; seine bisherige Lebenskonzeption kehrt er völlig um; er fühlt sich berufen, als Apostel Jesu Christi dessen Heilsbotschaft allen Völkern zu verkünden. Eine spirituelle Grundmelodie, die sein apostolisches Wirken und seine Briefe durchziehen wird, beginnt zu erklingen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal,2,20) und „Alles und in Allem Christus“ (Kol 3,11).

  Unsere Vorstellung von dieser Schlüssel-Erfahrung des Paulus ist einseitig von den lukanischen Schilderungen in der Apostelgeschichte geprägt, und kaum durch die (spärlichen) Hinweise von Paulus selbst in seinen Briefen.

Laut Apostelgeschichte 9,1-19; 22,4-16 und 26,12-18  sieht er eine Lichterscheinung bzw. hört er eine Stimme, die ihn zu Boden wirft und sich dann zu erkennen gibt: „Ich bin Jesus, der Nazoräer, hinter dem du herjagst. Doch steh auf! Denn dazu ließ ich mich dir sehen, um dich herauszugreifen als Diener und Zeugen dessen, als was du mich gesehen - und dessen, was du noch sehen wirst." (22, 15f)  Die Augen geöffnet, aber erblindet, wird Paulus in Damaskus hineingeführt in das Haus des Juda an der „Geraden Straße". Nach drei Tagen Blindheit und Fasten kommt ein Jünger namens Hananias auf Weisung des Kyrios zu Paulus und legt ihm die Hände auf: „Saul, Bruder! Der Herr hat mich gesandt: Jesus, der sich dir zu sehen gab, damit du wieder aufblickst und erfüllt werdest mit heiligem Geist." Gleich fällt es Paulus wie Schuppen von den Augen. Er steht auf und lässt sich taufen.

Er bleibt einige Tage in Damaskus, gerät aufgrund seiner Verkündigung „Jesus ist der Sohn Gottes, der Christus" in Todesgefahr, kann ihr aber in einem Korb, der von der Stadtmauer herabgelassen wird, entfliehen (9,1-25).

  Und Lukas fügt dieser Erzählung an: „In Jerusalem eingetroffen, versuchte Paulus, sich den Jüngern anzuschließen."

  Solche und ähnliche Aussagen der Apostelgeschichte (zwischen 80 und 90 n.Chr. entstanden) und ebenso die theologische Rezeption des paulinischen Damaskus-Erlebnisses bis heute erwecken den Eindruck, dass Paulus direkt  nach seiner Schlüsselerfahrung die „Säulen" der jungen christlichen Kirche (Petrus, Jakobus, Johannes) in Jerusalem aufgesucht und von ihnen das Evangelium übernommen habe und „nach einer kurzen Verdauungspause" frisch ans Werk der „Heidenmission" gegangen sei. Diese Vorstellung wird durch (authentische) Aussagen von Paulus in seinen Briefen, zumal im Galaterbrief (geschrieben ca. 54 n.Chr.) grundlegend in Frage gestellt:

„Das Evangelium, das ich verkündigt habe, stammt nicht von Menschen. Ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch die Offenbarung (Enthüllung) Christi empfangen. Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe, und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte. ... Als es aber Gott gefiel, seinen Sohn in mir zu offenbaren (enthüllen), damit ich ihn unter den Völkern (Einheitsübersetzung: „Heiden") verkündige - da zog ich keinen Menschen zu Rate. Ich ging auch nicht sogleich hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ich ging weg nach Arabia und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.

  Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas (Petrus) kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. ...

  Danach ging ich in das Gebiet von Syrien und Zilizien.

Vierzehn Jahre später ging ich wieder nach Jerusalem hinauf aufgrund einer Offenbarung und legte der Gemeinde - insbesondere den ´Angesehenen` - das Evangelium vor, das ich unter den Völkern verkündige."

  Der mystische Erfahrungshintergrund und die grundlegende Christus-Mystik des Apostels Paulus wird zur Zeit neu entdeckt. Bekannte kath. Theologen wie Anselm Grün oder Eugen Biser veröffentlichten Bücher zum „Mystiker Paulus“. Nach Eugen Biser (Der unbekannte Paulus, Düsseldorf 2003, S.274) ist Paulus „nicht nur Mystiker, sondern der Entdecker und Begründer der christlichen Mystik ...  ist weder die Lebens- noch die Denkleistung des Apostels zu verstehen, wenn er nicht als Mystiker begriffen und gewürdigt wird ... seine Mystik ist von zwei Pfeilern getragen: der ... von Paulus vielfach gebrauchten Formel  ´in Christus`  und der selteneren, aber gleichgewichtigen ´Christus in mir`.“  Biser spricht von einer „Paulus-Verdrängung schon in altchristlicher Zeit“ , weil er „mit seiner ... Botschaft jede Systembildung und Verfestigung bedrohte“ (S.16).

Stadtansicht Damaskus 17. Jahrh.

Hananias-Kapelle

Die antiochenische Gemeinde wuchs rasch, unterschiedliche Vorstellungen führten zu Spannungen; vor allem das Zusammenleben von ehemaligen Juden und Nichtjuden in einer christlichen Gemeinde bedurfte einer Klärung. An der zentralen Frage „Ist die jüdische Beschneidung ein notwendiger Initiationsritus für alle, die Christen werden wollen?“ schieden sich die Geister.

Paulus vertrat vehement die Position, dass für die „Völker“ ein direkter Zugang zu dem Mysterium „Christus“ bestehe. Den Umweg über einen vorangehenden Beitritt zum Judentum schloss er aus. Im Licht der Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor Damaskus und in der Syrischen Wüste hatte er verstanden, dass für die Nichtjuden im Augenblick ihres Übertritts zum Evangelium Jesu Christi die Beschneidung, die mosaischen Speise- und Sabbatvorschriften etc. nicht mehr notwendig waren.

Petrus hatte sich ebenfalls aufgrund einer Vision (Apg 10,9-48) für diesen Weg entschieden, wich aber auf  Druck von „Beschnittenen“, die die Beschneidung für alle neuen Christen forderten, ebenso wie Barnabas von der „Wahrheit des Evangeliums“ ab. Als Kephas dann von Jerusalem nach Antiochia kam, „widerstand ich ihm ins Angesicht, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte“ (Gal 2,11ff).

Eine endgültige Einigung erreichte die junge Kirche erst auf dem Apostelkonzil in Jerusalem im Jahr 49 n.Chr.: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch (den Nichtjuden) keine weiteren Lasten aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden“  (Apg 15,28f).

  Wie Damaskus gehörte auch Antiochia zu den ersten christlichen Gemeinden, die von aus Jerusalem vertriebenen jüdischen Anhängern des neuen „Weges“ gegründet wurden. Außer Diaspora-Juden interessierten sich mit der Zeit auch hellenische Nichtjuden für den neuen Christuskult. Inspirierende und leitende Figur der antiochenischen Kirche war Barnabas, der schon bald von Paulus unterstützt wurde. „In Antiochia nannte man die Jünger zum erstenmal Christen“ (Apg 11,19-26).

In der Petrus-Grotte in Antakya versammelte sich vermutlich die erste christliche Gemeinde von Antiochia mit Barnabas, Paulus und Petrus. (Fotos: Hans-Peter Esser)

Relief Petrus und Paulus (Antiochien um 350 n.Chr.)

Fresko Berg Athos (um 1150)

Umarmung von Petrus und Paulus

Paulus - Ikone

vermutlich 4. Jahrh.

  Auch seiner kritischen Anmerkung stimme ich zu: „Das Selbstzeugnis Paulus` von seiner mystischen Erfahrung wurde von Seiten des Lehramts (auch in den letzten Jahrhunderten) verdrängt, unterdrückt zugunsten einer doktrinalen Auffassung und einer zunehmenden Vergegenständlichung des Glaubens“ (S.29).



Meiner Ansicht nach basiert Christentum auf vier Säulen:

  1. -Institution / Petrus (Tradition, Ausdrucksformen, Gemeinschaft, kollektive Wurzeln, Strukturen, kirchliche Charismen und Ämter, Lehre)

  2. -Theologie / Paulus (Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit  eigener Tradition und aktuellen Entwicklungen und Denkmodellen in globaler Gesellschaft und Weltreligionen)

  3. -Mystik / Johannes, Paulus (Individuelle unmittelbare Erfahrung des Pneumatischen Universalen Christus)

  4. -Diakonie / Stephanus (Dienst, Solidarität)

Das Haus der katholischen Kirche scheint sich zur Zeit in einer Schieflage zu befinden, weil der „petrinische Pfeiler“ zu hoch und mächtig geworden ist. Die „johanneische“ und die "paulinische Säule“, Mystik und (ursprungstreue und weltoffene) Theologie, müssen verstärkt werden.


„Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“

(Karl Rahner)

Heute ist wieder „religiöses Erleben aus erster Hand gefragt, das einen erfasst, heilt und verändert."

(Paul Zulehner)

  An den besuchten Stätten der frühen Christenheit - besonders eindrucksvoll in dem Austausch mit den Verantwortlichen der kath. Gemeinde St.Peter und St.Paul in Antakya - (siehe auch www.margret.frahling.de  Taizé/Antiochien) wurden immer wieder Fragen nach der Einheit innerhalb der kath. Kirche und der christlichen Konfessionen miteinander und nach der Öffnung des Christentums auf Islam, Hinduismus, Buddhismus und Moderne hin thematisiert.

  Wünschenswert erscheint mir eine Intensivierung des ökumenischen Dialogs zwischen dem Petrusamt und den evangelischen Kirchen, die Paulus und seine Botschaft seit der Reformation immer besonders geschätzt haben.

  Eine weitere Überlegung: Müsste nicht im 3.Jahrtausend die Öffnung des ursprünglichen Judenchristentums auf die Völker („Heiden") hin globaler erfolgen? Müssten nicht endlich die Schätze nicht-westlicher Kulturen  aus Asien, Afrika, Südamerika und nicht-christlicher Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam) höher wertgeschätzt und integriert werden in ein wahrhaft katholisches, universales Christentum?

  Karl Rahner hat einmal gesagt, dass das Vatikanum II erst durch die Anerkennung der anderen geistigen und religiösen Kulturen in der Welt einen großen und zweiten Schritt getan hat, um Weltkirche zu werden. Der erste Schritt erfolgte vor 2000 Jahren - vor allem durch Paulus - von der jüdischen in die griechisch- lateinische Welt.

  Wenn man heute Tarsus besucht, mag sich die Imagination am Ort seiner Geburt, am Paulusbrunnen, am Kleopatra-Tor, in der Pauluskirche mit Hilfe der biblischen Texte in das Leben des historischen Paulus hineindenken und -fühlen. Das meiste muss sie ergänzen.


  An allen Stätten des frühen Christentums wurde mir erneut bewusst, dass die erlebten und vorgestellten Ausdrucksformen des Christentums (aramäische Ursprache, syrische Haus-Liturgie, Integration von vorchristlichen Mysterienkulten, Frauen als Gemeindeleiterinnen, Kirchbau, Initiationsriten u.a.) innerhalb bestimmter Kulturen gewachsen und auch wieder vergangen sind. Die Fremdheit urchristlicher Spuren fasziniert und hilft, heutige kirchliche Überidentifikationen mit bestimmten Riten, Organisationsformen, Versprachlichungen zu relativieren oder sogar aufzugeben und immer wieder auf die Mitte des christlichen Glaubens hin zu reformieren, die nach Paulus heißt: Christus in mir - Wir in Christus.

Auf die Frage: „Was schätzen Sie ganz persönlich an Paulus?“ in einem Interview am 26.01.2009 antwortete der für die „Einheit der Christen“ und den „Interreligiösen Dialog“ zuständige Kurienkardinal Walter Kasper:
„An Paulus beeindruckt mich besonders seine Christusverbundenheit. Von Christus her, mit ihm und in ihm zu leben, war ihm seit seiner Damaskuserfahrung alles. Das ist die Mitte christlicher Existenz.“

In Tarsus, der Hauptstadt der römischen Provinz Kilikien, wird Paulus zu Beginn unserer Zeitrechnung geboren. Seine Eltern geben ihm den Namen des ersten Königs Israels Schaul. Das tägliche Leben wird gänzlich bestimmt durch die Religion und den Glauben seines jüdischen Volkes (Kleidung, Nahrungsmittel, Erziehungstil, tägliche Gebete, Ritualgegenstände, Tauchbäder, Schabbatfeier, Gottesdienste in der Synagoge, in- und auswendiges Lernen der Thora, Bar Mitzwa, Hochzeits- und Trauerriten, jährlich wiederkehrende Feste: Pessach, Purim, Jom Kippur, Sukkot, Rosch haSchana u.a.)

Gleichzeitig atmet er als römischer Bürger und in der Nähe der Kilikischen Pforte die Luft der ganzen damals bekannten Kultur- und Geistesgeschichte. Tarsus ist eine multireligiöse Metropole mit 300000 Menschen. Er begegnet der antiken Philosophie, der römischen Götterwelt und den hellenistischen Mysterien-Kulten.  Er wird die nahegelegene Kilikische Pforte, durch die die Heere von Semiramis, Xerxes, Darius, Kyros, Alexander, Harun al Raschid u.v.a.m. gezogen sind, kennen gelernt haben. Dieser „Eng-Pass“ im Taurusgebirge mit der Breite eines Eselspfades bildete schon vor Alexander dem Großen den einzigen Durchgang, die alleinige Verbindung zwischen Ost und West (und für Vogelzüge zwischen Nord und Süd). Dieses Tor durchschreitet er selbst später auf Missionsreisen nach Ephesus, Athen, Korinth etc. Auch die Kreuzfahrer, von deren imposante Burgen wir den Krak des Chevaliers besichtigt haben, werden im 11. und 12.Jahrh. diesen Weg nehmen.

Eucharistiefeier in der Pauluskirche

Gebet und Reinigung im Hof der Großen Moschee in Tarsus

Orpheus betört wilde Tiere (röm. Mosaik)

Eine kleine Moschee in Tarsus


  Gerade die paulinische Polarität von Beheimatung in einer bestimmten Glaubensform (Judentum in Tarsus um die Zeitenwende) und universaler Offenheit (Kultur, Philosophie und Glaube im augusteischen römischen Weltreich) könnte ein Paradigma für eine wahrhaft katholisches (allumfassendes) Christsein sein.

Fotos: Hans-Peter Esser

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Paulus

und die Anfänge des Christentums

Auf den Spuren des frühen Paulus (ca. 3-46 n.Chr.)

in Tarsus, Damaskus und Antiochia (Antakya)

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