Golgotha oder Christus gewidmet 1912

(Ausschnitt)

Chagall und der Gekreuzigte

Die weiße Kreuzigung 1938 (Ausschnitt)

Kreuzigung in Gelb 1942 (Ausschnitt)

Selbstbildnis mit Wanduhr

1947 (Ausschnitt)

Heilige Familie 1950 (Ausschnitt)

Gelber Christus mit Wanduhr 1957

Grüne Kreuzigung

Erschaffung des Menschen

1956-58 (Ausschnitt)

Jakobs Traum

von der Himmelsleiter

1955-66 (Ausschnitt)

Obsession  (Besetzung/Anfechtung) 1943

Wer war Jesus für Marc Chagall (1887 - 1985) ?

Welches Christus-Bild vermitteln seine Gemälde und Glasmalereien? 

  Chagalls farbige Träume wurzeln tief in seiner russisch-jüdischen Herkunft. Die Vorfahren des Malers waren Chassidim, wie die meisten Juden in Witebsk.


  Nach Martin Buber ist der Chassidismus „wesentlich ein Hinweis auf ein Leben in Begeisterung, in begeisterter Freude... Ohne die messianische Hoffnung abzuschwächen, erregte die chassidische Bewegung sowohl in den geistigen wie in den einfachen Menschen, die ihr anhingen, eine Freude an der Welt wie sie ist, am Leben wie es ist, an jeder Stunde des Lebens in der Welt, wie diese Stunde ist. ... sie zeigte dem Einzelnen ... den Weg zu dem Gott, ´der mit ihnen inmitten ihrer Unreinheiten wohnt`... sie beseitigte faktisch die Trennungsmauer zwischen dem Heiligen und dem Profanen, indem sie auch jede profane Handlung heilig vollziehen lehrte. Ohne in einen Pantheismus abzugleiten, ... machte sie göttliche Strahlungen, glimmende göttliche Funken in allen Wesen und Dingen erkennbar, und unterwies, ... wie man sie ´heben`, sie erlösen, sie mit ihrer Urwurzel wiederverbinden könne ... Mit allem Tun und Lassen bekundet der echte Chassid, dass trotz all des unsäglichen Leidens der Kreatur doch der Herzpuls des Daseins göttliche Freude ist und dass man stets und überall zu ihr durchdringen kann.“ (M.Buber: Erzählungen der Chassidim S.16-27)

 

  Dieser chassidische Geist blieb stets Nahrung und Grundlage der Kunst Chagalls. Als bleibende Elemente seiner Kunst nannte er selbst 1953 außer „Chimie“ und „construction psychique“ (Goldmann 48) die „Mystik der Ikone“ und die „Mystik des Chassidismus“.


  Von Kindheit an war Chagall mit der hebräischen Bibel, dem Alten Testament  vertraut, die er regelmäßig las. Sein Sohn David McNeil berichtet: „Jeden Abend vor dem Einschlafen las Papa in der Bibel.“ (S.108)

  In seiner Rede zur Eröffnung des Musée Message Biblique Marc Chagall in Nizza hieß es programmatisch: „Seit meiner frühen Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie erschien mir immer und erscheint mir auch heute noch als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten. Stets habe ich ihre Spiegelung  im Leben und in der Kunst gesucht. Die Bibel ist wie ein Nachklang der Natur, und dieses Geheimnis habe ich weiterzugeben gesucht... Malerei und Farbe – sind sie nicht von der Liebe inspiriert? Ist die Malerei nicht allein der Widerschein unseres inneren Selbst? ...

Wir sollten unser Leben ... mit den Farben der Liebe und Hoffnung ausmalen. In dieser Liebe findet sich ... das Wesentliche jeder Religion. Für mich entspringt die Vollkommenheit in der Kunst und im Leben aus dieser biblischen Quelle.“

  Als Chagall später gefragt wurde: „Meinen Sie die ganze Bibel – also auch das Neue Testament?“ antwortete er: „Selbstverständlich, sie sind untrennbar!“

1. Erstes Kreuzigungs-Bild 1912: Das blaue Kind Jesus in grüner Aureole

2.  Bilder des Gekreuzigten zwischen 1938 und 1950:

Verarbeitung des jüdischen Martyriums und von Bellas Tod

3. Darstellung des Gekreuzigten nach 1950:

Vom exemplarischen jüdischen Martyrer zum

Bildzeichen für Transformation, Erlösung und Auferstehung

4.   Der Gekreuzigte auf Glasfenstern in christlichen Kirchen          

  Zwischen 1909 und seinem Tod 1985 malte Chagall eine große Anzahl von Kreuzigungs-Bildern. Darstellungen weiterer neutestamentlicher Szenerien sind nur spärlich vertreten (Der verlorene Sohn, Der barmherzige Samariter).

  Von einer untergründigen Faszination durch die Christus-Gestalt als junger Künstler zeugen auch Chagalls Aussagen in seiner Autobiographie „Mein Leben“ (S.126): „Ich wollte wissen, was er – Rabbi Schneersohn – über Christus dachte, dessen blonde Gestalt mich schon seit langem beunruhigte“  und in einer Rede von 1949: „ Die symbolische Figur von Christus war mir immer vertraut, und ich war entschlossen, ihr aus der Vorstellung meines jungen Herzens heraus Gestalt zu geben. Ich wollte Christus als ein unschuldiges Kind zeigen. Heute sehe ich das natürlich anders. Als ich dieses Bild in Paris malte, versuchte ich, mich psychologisch von der Auffassung eines Ikonenmalers zu befreien, wie von der russischen Kunst überhaupt.“


  Kostitutive Bildelemente des „Grünen Christus-Fensters“  im Fraumünster Zürich (1970) sind schon in diesem ersten Christus-Bild von 1912 zu erkennen: die Dominanz der Farbe „Grün“ in einer Kreuzigungsszene, Vegetation und Lebensbaum, Christus als Auferstandener, das Mutter-Kind-Motiv.

Christus mit Kerzen 1941 (Ausschnitt)

  Erst 25 Jahre später wendet sich Marc Chagall erneut dem  Motiv der Kreuzigung zu. (Seit 1931 hatte er mit Gouachen und Radierungen zur hebräischen Bibel begonnen.)

1945: Die Seele der Stadt


  Chagall malt sich zweigesichtig: das grüne Gesicht wendet sich rückwärts seiner toten Frau zu, die aus dem oberen Bildteil mit Häusern in Witebsk und Thorarolle gleichsam herausfließt, das andere schaut auf das noch unvollendete Gemälde, auf dem schon ein Tierkopf in Blau und die Umrisse des Gekreuzigten mit Tallit zu erkennen sind. Die linke Hand des Künstlers verweist auf dieses innere Bild, das in seiner Seele aufgestiegen ist und nun Gestalt gewinnt.

  Die Gouache Christus mit Kerzen“ von 1941 nimmt unter den Kreuzigungs-Bildern Chagalls eine Ausnahmestellung ein. Zu Füßen des Gekreuzigten - mit jüdischem Gebetsschal und Heiligenschein dargestellt - hat sich, hinter den zwei brennenden Kerzen kaum zu erkennen, ein jüdischer Mann niedergeworfen, mit der Stirn den Boden berührend, dahinter streckt ein anderer Hände und Arme flehend (oder preisend?) dem Gekreuzigten entgegen.  Im Hintergrund sind schwebende Engel - einer mit brennender Kerze - zu erkennen.

  Ein Grüner Christus, abgelegt hinter einem brennenden Bauernhaus, aus dem eine Familie mit ihren Habseligkeiten flieht. Versteht Chagall das Kruzifix als Hoffnungszeichen?

Auferstehung am Flussufer 1947

  Am 2. Sept. 1944 stirbt Chagalls Frau Bella. Ihr Tod ist ein furchtbarer Verlust für ihn. Über Monate ist er unfähig zu arbeiten.  Dann entsteht eine Reihe von Selbstbildnissen des Malers vor seiner Staffelei, die generell die Funktion haben, dem Betrachter das Innenleben des Malers, seine psychische Wirklichkeit, seine Imaginationen (Verbildlichungen) sichtbar zu machen.

Heilige Familie 1950


  Das Bildmotiv einer Mutter mit Kleinkind ist häufig in seine Pogrom- und Holocaust-Bilder eingearbeitet. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen schaut sie den Betrachter an und eröffnet so den von Chagall beabsichtigten Dialog mit ihm (vgl. Goldmann: Mutter mit Kleinkind 100). Diesem leidvollen Schrecken entspricht auch der Gekreuzigte als Schmerzensmann.

Andere Bildelemente hingegen wecken Trost und Hoffnung: die menschliche Gestalt mit Eselskopf und brennender Kerze in der Hand (Selbstbildnis Chagalls!), der kniende jüdische Arbeiter mit roter Thorarolle, die große schützende Vatergestalt und an erster Stelle das Kind auf den Armen der Frau; die grüne und gelbe Farbe geben ihm eine Schrecken und Leiden überwachsende Bedeutung von Hoffnungsträger und numinosem Glanz.                    

  Vielleicht klingen die zukunftsweisenden Worte aus dem Propheten Jesaja 9 an, die Chagall vertraut waren: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht. Über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. ... Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Fürst des Friedens.“ Und Jesaja 7, 14: „Seht, die junge Frau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“

Engel (Archetypen des Selbst) einen Blumenstrauß. Chagall: „Ich bin eigentlich nur ein Maler von Blumensträußen.“ Mit ihnen huldigt der Künstler dem Leben, der Liebe, der Schönheit, dem Göttlichen.



Rote Dächer !953/54


   Dieses große Gemälde (229x213 cm) verblieb immer im Privatbesitz Chagalls und hing lange Zeit in seinem Wohnzimmer in Vence sozusagen als seine Visitenkarte. Auf diesem Bild hat er sich dreimal selbst dargestellt: als Bräutigam mit Blumenstrauß, als jüdischer Proletarier mit blauer Thora-Rolle und als Maler mit Palette, der sich in einer Geste der Ehrerbietung und Verehrung zur Mitte des Bildes hin verbeugt, wo im Dorfzentrum seiner Heimatstadt Witebsk der Gekreuzigte in Goldgelb aufleuchtet. Christus ist in göttliches Licht getaucht, räumlich bildet er das Zentrum des Bildes. Bildet er auch mental und psychisch die Mitte Marc Chagalls, des Liebenden, des frommen Juden und des Malers?

Sehr gefühlsintensive Christus-Bilder malte Chagall

in den Jahren 1951-53

  1. 2.Die Huldigung unter dem Kreuz 1952


zeigt eine Frau mit großem offenen Auge und weit geöffnetem Mund, die sich selbst voller Hingabe mit einem Blumenstrauß ins Licht hält und dem so nahen und zugleich einer anderen Dimension zugehörigen lichtvollen Christus am Kreuz „huldigt“. Die Körpersprache beider Personen lässt eine intensive Beziehung zwischen ihnen spüren.

Links im Dunkel steht eine menschliche Gestalt mit Eselskopf (chiffrierte Selbstdarstellung Chagalls), die eine (Himmels-) Leiter in den von oben einfallenden Lichtstrahl trägt und sie evtl. auch besteigt.

3.  Lithographie-Version 1960 des Gemäldes "Quai de la Tournelle" 1953


  Eine merkwürdige Gefühls-Ambivalenz bestimmt die Beziehung zwischen dem ins Bild einschwebenden Gekreuzigten und der kauernden, in sich gekrümmten nackten weiblichen Gestalt mit Blumenstrauß, eine Unausgeglichenheit von erotischer Anziehung und Kontakt- und Sprachlosigkeit, eine Spannung zwischen Traurigkeit und Hingabe.

Rätselhaft-erschreckend wirkt zudem die durch die Frau „besessene“ oder „besetzte“ Gestalt eines ca. 6 Jahre alten Jungen, der die Arme ähnlich ausgebreitet hat wie der Gekreuzigte.

Rotermund fallen „zwei sehr gegensätzliche Erlebnisbereiche“ auf, „die durch die konträre Farbigkeit hervorgerufen werden“ (120), windet sich aber um eine womöglich desavouierende Bezugnahme zu dem persönlichen Erlebnishintergrund Chagalls herum (1946 Geburt seines Sohnes David durch Virginia Haggard; 1951 wird er von V. Haggard und Sohn David verlassen; 1952  heiratet er Vava Brodsky).

  Ich stimme überein mit der abschließenden Bewertung durch Rotermund: „Es ist dies eines der intimsten Bilder des Künstlers“ (120)

   Zwischen 1938 und 1953 musste Marc Chagall eine leidvolle Lebensphase bestehen, die geprägt war durch kollektives Leid des jüdischen Volkes, Zerstörung seiner Heimatstadt Witebsk und individuelle Schicksalschläge (Tod seiner Frau Bella, Trennung von Virginia und ihrem gemeinsamen Sohn David). Er entdeckte und entwickelte eine Reihe von heilenden Bildzeichen, von religiösen Symbolen aus seiner jüdisch-biblischen und der christlichen Tradition : Urbilder der menschlichen Psyche, die ihm zu neuer Kreativität und  persönlicher Wandlung verhalfen bzw. diese zum Ausdruck brachten.

Rote Dächer

  Nach der Edition seiner 105 Radierungen zur „BIBLE“ 1955, an denen er seit 1931 arbeitete, begann Chagall mit dem großformatigen Gemäldezyklus „Die Biblische Botschaft“, den er 1966 mit fünf Bildern zum „Hohenlied der Liebe“ vollendet.

  Die Art, wie Chagall die  Kreuzigung Christi auch auf Gemälden seiner Message Biblique ins Bild gesetzt hat, dokumentiert, dass er das Kreuz als ein universales religiöses Symbol versteht.


  Auf dem ersten Bild von 1956-58 „Die Erschaffung des Menschen“ ist die Kreuzigungsszene Bestandteil des oberen Drittels, des göttlichen Offenbarungsbereichs, Sie ist erfasst vor allem von der gelben Spektralfarbe des rotierenden Lichtkreises der Transzendenz und steht in räumlich naher Korrespondenz zu dem gelben Feld der Selbstoffenbarung Gottes am Sinai. Chagall sieht das Kreuz Christi nicht so sehr historisch, sondern deutet es mystisch: das jüdische Martyrium (vgl. die Holocaust-Szene links unten) ist von Gott angenommen und in sein Licht getaucht. Ein Engel huldigt dem Gekreuzigten mit einem Blumenstrauß. Die Leiter am Kreuz deutet als Himmelsleiter einen möglichen Aufstieg in den Bereich der Transzendenz an.


  Auch in „Jakobs Traum“ wird die gekreuzigte Christus-Gestalt eingeordnet in das in Blau gehaltene Feld der Transzendenz, zwischen die Bild-Zeichen des vierflügeligen Engels mit Menora und die beiden mond- bzw. fischförmigen Abreviaturen des Gottes-Namens JHWH.

So wird Christus am Kreuz zu einem neuen Bild-Zeichen Chagalls für das göttliche Geheimnis der Transformation von Leiden und Sterben in Auferstehung und neues Leben hinein.

  Eine ähnliche Sprache spricht auch das 1972 gemalte Bild „Das Dorf“. Der  inzwischen 85jährige Künstler  – am rechten Bildrand mit Farbpalette und enthusiastisch-grünem Gesicht dargestellt – malt und deutet seine Erinnerungen an seinen Heimatort Witebsk.

Chagalls religiöse und mystische Wurzeln

Auf vielen Bildern Chagalls wird unterschiedlichen Empfängern ein Blumenstrauß entgegengestreckt: dem Schöpfer-Gott, einer geliebten Frau, dem gekreuzigten Christus, oder auch bestimmten Glaubenssymbolen, der Thora, dem siebenarmigen Leuchter, dem Schofarhorn. Häufig überreichen

Christ against blue sky 1951

Lithographie-Version 1960 des Gemäldes

Quai de la Tournelle 1953

Huldigung unter dem Kreuz 1952

  1. 1. Christus gegen blauen Himmel 1951


  Über den Dächern von Witebsk (mit Chagalls Elternhaus und Pokrowskaja-Kirche) breitet der Grüne Gekreuzigte seine Arme aus. Ihm streckt sich sehnsüchtig eine schlanke Frau mit weiblichen Rundungen entgegen, gekleidet in ein knöchellanges weißes (Toten- oder Braut-) Kleid, das am unteren Rand mit einer Tallit-Borte verziert ist. Überlebensgroß sind neben dem Kreuz ein Hahn, der auf vielen Gemälden Chagalls auftaucht, und der Kopf eines gehörnten Tieres im Halbrund eines roten Kreises abgebildet, Metaphern für Sexualität und Lebenslust. Der Kopf des grünen Gekreuzigten ist von einem gelben Lichtkranz umgeben.  Chagall scheut sich nicht, bestimmte von ihm entdeckte und „psychisch durchgearbeitete“ Bild-Zeichen für Eros und Vitalität mit dem christlichen Symbol des Kreuzes zu einem Bildganzen zu vereinen.

4.  Offerings 1959


  Über den Dächern von Witbsk werden dem Gekreuzigten „Opfergaben“ dargebracht: von einer Tier-Gestalt ein mehrkerziger Leuchter (Menora oder Chanukkaleuchter - s. Goldmann 91/47), von einer Frau ein Blumenstrauß, ein weiblicher Engel erhebt preisend den linken Arm. Eine große weibliche Figur schwebt von oben zu dem Gekreuzigten hin und berührt seinen Kopf mit ihrer Hand.

Der Gekreuzigte auf Gemälden der MESSAGE BIBLIQUE (1955-66)

  Vor seinem Auge und dem des Betrachters entsteht eine abgerundete Welt - sichtbarer Ausdruck seiner Innenschau, gemalter Großer Traum, in dem sich alle seelischen Details und Symbole zu einem Bild der Ganzheit, zu einer Manifestation des "Selbst" zusammenfügen.

  Witebsk, der Ort seiner Kindheit, seiner Hochzeit mit Bella, 1917 von der russischen Oktober-Revolution heimgesucht, im zweiten Weltkrieg dann fast völlig zerstört, wird überragt durch den Gekreuzigten. Der um die Hüften gewundene Gebetsschal weist auf den Juden Jesus hin, auf sein exemplarisches Martyrium. Die Farbe Gelb für den gekreuzigten Leib und der große weiße Lichtkreis um den Gekreuzigten herum zeigen, dass die Christus-Gestalt erhöht ist in die Herrlichkeit des Ewigen hinein. Die mondsichelartige Lichtverbindung mit der transzendenten Dimension außerhalb des Bildes verstärkt diesen Eindruck.

  Der Maler am rechten Bildrand verbeugt sich vor Christus (Archetypus des Selbst, in dem das unfassbare göttliche Geheimnis uns ganz nahekommt). Seine Hände streckt er dem Gekreuzigten, der den Maler anschaut, in einer Art Gebetsgeste entgegen.

  Links ist ein Brautpaar mit Blumenstrauß abgebildet.

  Einen großen Raum der unteren Bildhälfte nimmt ein rotes Tier mit lichtstrahlförmigen Hörnern ein, das mit seinen Vorderbeinen einen brennenden siebenarmigen Kerzenleuchter trägt. Ein gleichartiges kleineres rotes Tier entspringt sozusagen der Leibesmitte des Künstlers. Ein weiteres Tier, ein Hahn, ist zu Füßen des Gekreuzigten abgebildet.

  Gerade dieses Gemälde und andere Selbstbildnisse vor der Staffelei (La vie!! - vgl.Chagalls Mystik I) bieten sich wie bestimmte literarische Kunstwerke (siehe Drewermanns Märcheninterpretationen!) für eine tiefenpsychologische subjektale Deutung nach C.G.Jung an, in der "alle vorkommenden Personen, Geschehnisse und Dinge als Anteile, Kräfte und Vorgänge in ein und derselben Psyche interpretiert" werden. Danach kämen in den Tiergestalten  animalische Seiten, erotisch-sexuelle Kräfte des Malers zum Ausdruck; der brennende Leuchter könnte Erleuchtung durch das göttliche Ur-Licht versinnbildlichen;  das Kreuz mit dem „Goldenen Christus“ symbolisierte in seiner Vereinigung der polaren vier Richtungen die Ganzheit, das ursprüngliche und wiedergewonnene Selbst des Künstlers.

Für Chagall gewinnen zentrale Glaubenssymbole des Judentums (Leuchter, Schofarhorn, Thora-Rolle u.a.) und des Christentums (Kreuz) eine ursprüngliche, archetypische Bedeutung, die ihren konfessionellen, manchmal dogmatisch eng gefassten Sinn übersteigt. Deshalb kann er sie auch wie selbstverständlich, wenngleich für orthodoxe Betrachter manchmal anstößig, mit Dingsymbolen aus unserer „Allzu-Menschlichen“ Realität verbinden. „Sakrales“ bildet zusammen mit dem „Profanen“ eine Einheit. Eine rote Kuh hält den Heiligen Leuchter in den Vorderhufen, eine weißgekleidete wohlgerundete Frau umarmt den Gekreuzigten,

  Woher auch zentrale religiöse Bildzeichen im Werk Chagalls (Engel, Gekreuzigter, Mutter mit Kind, Himmelsleiter, Kerzen, Lichtkreis)  ursprünglich  stammen mögen, aus Judentum oder Christentum oder noch früher aus den Tiefenschichten seiner Seele – Marc Chagall hat sie in seiner eigenen künstlerischen Liebes- und Leidensgeschichte neu entdeckt, psychisch durchgearbeitet und ihnen sichtbaren Ausdruck auf der Leinwand verliehen.


  So erscheint das Gemälde "Das Dorf" als ein Spiegelbild seelischer Ganzheit Marc Chagalls. Religiöse archetypische Bilder (Christus am Kreuz, Leuchter, Lichtkreis) sind mit  Symbolen und Metaphern aus Triebwelt und persönlicher Lebensgeschichte zu einem integrierten geglückten Lebensbild zusammen-gewachsen.

  Chagalls erstes Kreuzigungs-Bild von 1912 stieß auf heftige Kritik von jüdischer Seite. Es wurde – zu Recht – als Annäherung an ein christlich-mystisches Christus-Bild verstanden und abgelehnt, weil es nicht der Vorstellung von Jesus als einem jüdischen Martyrer entsprach.

  In einer grünen Aureole hängt an einem angedeuteten Kreuzesbalken eine kindliche Gestalt. Unter dem Kreuz stehen eine übergroße männliche und eine kleinere weibliche Figur, schon von Franz Meyer, dem Schwiegersohn Chagalls, als die Eltern Jesu, Josef und Maria, gedeutet.

  „Beide sind eingebettet in das Grün des Erdbodens und ihre Gewänder sind verziert mit Blumen und Weinranken, so dass sie einen pflanzenähnlichen Charakter haben. Sie sind verwurzelt in der Erde und daher geben sie noch evidenter die wahre Freiheit wieder, ausgedrückt in der Gestalt Christi am Kreuz, erglänzend im übernatürlichen Blau. Er ist der zentrale Blick- und Schwerpunkt des Ganzen; und der Titel  Christus gewidmet, unter dem das Bild 1913 ausgestellt wurde, trifft einen essentiellen Aspekt.  Chagalls Vorliebe für diese geheimnisvolle Gestalt hat sie sogar noch erhöht über und hinter die aktuelle Szene. Deshalb sagte er auch: ´In der genauen Bedeutung gab es da kein Kreuz, sondern ein blaues Kind in der Luft. Das Kreuz interessierte mich weniger`...

  Auf der einen Seite könnte man das Kind – ganz im Sinne des Künstlers, interpretieren als Ausdruck von Unschuld und jugendlicher Kraft des wahren Christus, hervorgerufen durch die Annahme seines Leidens. Aber das Kind am Kreuz ist auch eine Referenz an Vorstellungen, die aus antiken Mythen stammen. Das Symbol des Kreuzes leitet sich ab vom Baum des Lebens, mit dem – wie ein Sinnbild der ursprünglichen weiblichen Stärke – das Bild des Gottessohnes verbunden ist. Es wäre aber falsch, diesen unterschwelligen Sinngehalt des Gemäldes als eine  Rundum-Erklärung des Kunstwerkes zu gebrauchen... Die Figur des mythologischen Fährmanns Charon öffnet eine weitere Gedankenlinie. Mit ihm setzt man über ins Paradies jenseits des Wassers, zu dem – laut Chagall - Christus durch seine grandiose Torheit den Weg eröffnet hat.“ (F.Meyer 173f)

1947: Selbstbildnis mit Pendeluhr, drei Jahre nach dem Tod von Bella gemalt


  Eine tiefe Traurigkeit und Innigkeit bestimmt das blau-grüne Angesicht des Malers, sein Blick ist nach innen gerichtet, der rote aus seiner Herzgegend herauswachsende Tierkopf (Bild-Zeichen für die Gefühls- und Triebwelt im Menschen) drückt eine brennende, aber ruhige Hingabe aus. Chagalls inneres Schaubild hat vor ihm auf der Leinwand sichtbaren Ausdruck gefunden.

  Marc Chagall kannte natürlich die tradtionelle christliche Ikonographie in den russisch-orthodoxen und westlichen Kirchen. Ein üblicher Topos ist die Anwesenheit von Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu, von Maria, der Mutter Jesu und weiteren Frauen unter dem Kreuz.

  Chagall imaginiert hier ein sehr intimes, mystisches Bild. Bella ist in einem weißen Gewand (Brautkleid? Totenkleid? Metapher für ihre Seele? Oder darf man die weißgekleidete Bella als eine Metapher für die Anima Marc Chagalls verstehen?) an die Seite eines gekreuzigten Juden getreten. Mit der Stirn berührt sie seinen Kopf, ihre linke Hand liegt auf dem Herzen des Gekreuzigten: eine liebevolle, erotische Verbindung zwischen der Seele Bellas und der Chagalls? Auf einigen Kreuzesbildern dieser Phase hat sich Chagall offensichtlich selbst als Gekreuzigten dargestellt!! Oder darf man aus dieser inneren und äußeren Verbildlichung eine Art Anempfehlung der toten Bella an einen Christus lesen, der das Leiden schon durchschritten und verwandelt hat? Die grüne Farbe seines Leibes und seine ausgebreiteten Arme, von Chagall einer Wanduhr mit goldgelbem Zifferblatt und Pendel (s.u. Gelber Christus mit Wanduhr 1957) angefügt, einem Bild-Zeichen für Gottes Ewigkeit in aller schwingenden Zeit, mögen diese Vermutung bestärken.


  1947 malt Chagall ein Auferstehungsbild Auferstehung am Flussufer“ – so benennt er es selbst -, ein Bild der eigenen inneren Aussöhnung, der Verwandlung von Verzweiflung, Schmerz und Trauer in Annahme der Realität und Hoffnung.

  Der Gekreuzigte Christus ist ihm zu einem inneren Bild für Auferstehung geworden. Er bildet sozusagen eine Brücke zwischen seiner drei Jahre in Dunkel getauchten Welt der künstlerischen Inspiration und der Welt der äußeren Realitäten. Immer noch als Jude erkennbar, schwebt Christus als Auferstandener in einer höheren Dimension, mit der linken Hand berührt er den Fluss des Lebens. In der den Gottesnamen JHWH verschlüsselnden Chiffre der Mondsichel (vgl. Goldmann 95f) wird die Präsenz „Des Ewigen“ in allen Dimensionen der Wirklichkeit sichtbar.

(weitere Erklärungen der „drei Selbstbildnisse als Zeugnisse der Krise“ in Findeisen 88ff)

Zwischenresümee: Verborgene Christus-Mystik Marc Chagalls

  Wieso erlangte das Bild des Gekreuzigten eine solch zentrale Bedeutung für Chagall, und nicht der Fundus von Hoffnungsbildern aus seiner jüdisch-biblischen Herkunftsgeschichte? Etwa Exodus-Symbole der Befreiung aus Ägypten - alljährlich vergegenwärtigt in der Pessach-Feier -, der Wüstenaufenthalt mit täglichem Manna, der Einzug ins Gelobte Land? Oder Klage- und Dankpsalmen? Oder Rettungserzählungen (Jeremia in der Zisterne, Daniel in der Löwengrube, Elija in der Wüste o.a.)?


Die Sprache seiner Bilder (s.o.) scheint mir eindeutig zu sein: Die Person Jesu, des gekreuzigten Juden, wandelt sich für Chagall zunehmend zum Inbild der Seele für erlittenes und transformiertes Leiden. Er löst sich von (jüdisch und christlich) dogmatisch fixierten Jesus-Bildern und entdeckt in dem Gekreuzigten ein Ur-Symbol der menschlichen Seele, das seine Identität nicht gefährdet, sondern bereichert, in dem er sich Selbst neu findet. In diesem Prozess gelangt Chagall zunehmend zu einer Integration von Eros und Religion,  von Vitalität  und Spiritualität.


Der historische am Kreuz hingerichtete Jesus von Nazareth wird für Chagall immer intensiver und ausdrücklicher zu einer universalen Gestalt, zu einem Christus der Auferstehung, der Verehrung und Hingabe evoziert. In ihm hat Chagall ein Schlüssel-Bildzeichen gefunden, das alle Leidens- und „Auferstehungs“-Erfahrungen seines Volkes von Abraham angefangen bis in die unmittelbare Gegenwart zusammenfasst und in sich birgt (vgl. sein Gemälde von 1955 „Die Durchquerung des Roten Meeres“: In die Auferstehungszone am anderen Ufer hat Chagall einen „Goldenen Christus“ am Kreuz gemalt).  Seine höchst intensive Identifizierung mit dieser religiösen Bild-Gestalt - nie ausdrücklich in Worte gefasst, aber in der Sprache gerade seiner Nachkriegsbilder augenfällig - hat mystischen Charakter.


  Die auf "Selbstbildnis mit Wanduhr" von 1947 ins Bild gesetzte innige Vereinigung der toten Bella bzw. der eigenen Seele Chagalls mit dem leidenden Christus weckt ebenso wie das Gemälde „Christ against blue sky“ von 1951 oder die Lithographie "Huldigung unter dem Kreuz" von 1952 Assoziationen an mittelalterliche christliche Mystik. Zisterziensermönche (Wilhelm von Thierry u.a.) entwickelten über die Meditation des "Hohenliedes der Liebe" eine erotische Brautmystik. Ihr wesentlicher Charakterzug ist die leidenschaftliche Hingabe der menschlichen Seele an Gott und dessen brennende Sehnsucht nach der Liebe der Menschen.

Die Mystikerin bzw. die Anima des männlichen Mystikers fühlt sich tief in das Leiden des geliebten Christus ein, wird eins mit Ihm, erfährt eine reinigende Transformation und darin Auferstehung und Neugeburt.


  Bestimmte Kreuzesdarstellungen Chagalls 30 Jahre nach dem Holocaust und Bellas Tod zeigen noch eindeutiger die Identifikation Chagalls mit dem leidenden Christus am Kreuz. In der Radierung „Vision des Jakob“ sind Christus und Chagall (mit seiner typIsierten Physiognomie) ein- und dieselbe Gestalt geworden. Aber das Kreuz hat sich im Bewusstsein Chagalls von einem Leidenssymbol zur Himmelsleiter gewandelt. Wie der bedrängte und flüchtende Jakob hat auch Marc Chagall erfahren: „Gott ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht ... Ja, hier ist ein Haus Gottes und eine Tür zum Himmel“ (1 Mose 28, 16f).

Union Church in Tarrytown,

Pocantico Hills (USA 1963-66)

Kathedrale Notre-Dame Reims 1973-74

Der Lebensbaum  Franziskanerkapelle Sarrebourg 1976-78

Kathedrale Saint-Etienne Metz 1959-62

Verehrung

Vision des Jakob 1972

Der gekreuzigte Maler  1941/42

Fraumünster

Zürich 1969-70

Maler und Christus 1938/40

(Ausschnitt)

20.07.2008 / 2016                        Zur Willkommenseite

Der Grüne Christus

(Fraumünster in Zürich  1970

  Eines der bekanntesten und am häufigsten kommentierten Jesus-Bilder Chagalls ist wohl

Die weiße Kreuzigungvon 1938. 

  Inmitten von Judenverfolgungs-Szenen erblickt man die Gestalt des Gekreuzigten. Als Lendenschurz trägt er einen jüdischen Gebetsschal, die herkömmliche Inschrift INRI ist in einer zweiten Zeile in hebräischer Schrift voll ausgeschrieben. Chagall stellt Jesus hier wie auf späteren Kreuzigungsbildern als den leidenden Gottesknecht dar   (vgl. Jesaja 53: „Er wurde verachtet, ein Mann der Schmerzen. Unsere Krankheiten hat er getragen.  Durch seine Wunden sind wir geheilt. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht.“)  Für Chagall ist der gekreuzigte Jesus der  exemplarische jüdische Martyrer.

  Darüber hinaus ist aus bestimmten Bild-Zeichen schon eine weitere Sinn-Deutung erkennbar. Der Lichteinbruch von oben signalisiert dem Betrachter einen Einfall der Transzendenz; in dem Gekreuzigten ist das Martyrium des jüdischen Volkes durch Gott angenommen. In seinen Radierungen zur Bibel seit 1931 verwendete Chagall dieses Bildzeichen des Lichteinfalls von oben bei Jakobs Traum, Tod des Mose, Davids Lobgesang und Jeremia in der Grube (Goldmann S. 19, 41, 59, 81). Er stellt Jesus also in eine Reihe mit den großen Gestalten des biblischen Judentums. Das dem Christentum entnommene Bild-Zeichen des Heiligenscheins und die brennende Menora zu Füßen des Gekreuzigten deuten auf eine große Verehrung durch den Künstler hin. Chagall stellte damit eine eigenes Jesus-Bild vor, für viele Christen eine provokative Erinnerung an den Juden Jesus, für viele Juden eine anstößige, „christlich gefärbte“ Jesus-Rezeption, die der Lehrmeinung nicht entsprach.


  Weitere Kreuzigungs-Bilder wie zum Beispiel die Kreuzigung in Gelb folgen, durch die Chagall die Schrecken des 2. Weltkrieges und den Holocaust seines jüdischen Volkes verarbeitet. In einer Szenerie von Weltbrand und Untergang, von Zerstörung seines Heimatdorfes Witebsk und Flucht vermitteln religiöse Symbole des Judentums und des Christentums eine erste Sinndeutung und anfängliche Hoffnung. Die geöffnete Rolle der Thora, ein Engel mit Schofarhorn (s. Goldmann 117ff) und brennender Kerze und der gekreuzigte Jesus sind wie rettende Zeichen eingepflanzt in diese untergehende Welt. Die Gebetsriemen am Arm und die Lederkapsel auf dem Haupt mit dem Text des „Schema Israel“ - „Höre Israel“ kennzeichnen den Gekreuzigten als frommen Juden; die Lichtglorie um sein Haupt grenzt für orthodoxes jüdisches Empfinden an Gotteslästerung, da ein solcher Lichtkreis nur dem Ewigen zukommt. Marc Chagall hat sich offensichtlich aus streng jüdischer Orthodoxie gelöst und eine eigene religiöse Vorstellung und Beziehung gewonnen.

Verehrung des gold-gelben Gekreuzigten durch den Künstler

Das Dorf (1972)