Christosophie

Vertiefung und Ausweitung

des Christus-Bewusstseins


Christus: mein Gegenüber, mein geliebtes DU


Vom historischen Jesus zum Universalen Christus

Vom Christus-Bewusstsein Jesu

über christologische Begrifflichkeit

zu christosophischer Ergriffenheit

8.Mai 2015

1. Transformation von mythologisch-dualistischen Modellen hin zum Paradigma der Allgegenwärtigkeit Christi


  In dem heutigen ruhelosen Umbruch der planetarischen Gesellschaft werden die Religionen neue Antworten anbieten und vorleben müssen. Überholte magische, kriegerisch-missionarische und segmentierende Paradigmen müssen transformiert werden. Auch dem Christentum steht ein schmerzlicher Wandlungsprozess bevor. Bislang verdrängte wissenschaftliche Erkenntnisse (Einheit und Evolution des Universums) müssen ebenso integriert werden wie die heute fraglos anerkannten Freiheitsrechte. 

  Auf dem Weg in ein mystisch-universales Christentum wird sich neben dem Sprechen über und zu „Gott“ die Christologie und Christus-Mystagogik wandeln. Auch wenn die meisten Theologen und Amtsträger sich von einem prärationalen mythologischen Christus-Verständnis verabschiedet haben - ein dualistisches Zwei-Welten-Schema und die Vorstellung einer Himmelsreise des göttlichen Erlösers, eines Abstiegs auf die Erde und einer Rückkehr in den himmlischen Warteraum bis zu seiner Wiederkunft, prägen immer noch das Glaubensbewusstsein der meisten Gläubigen: Hier unten unser Lebensraum „Erde“, dort oben die eigentliche Welt Gottes, von der uns ein väterlicher Gott vor 2000 Jahren seinen eingeborenen Sohn herabgeschickt habe. Durch dessen 33- bzw. 3-jähriges Heilswirken, vor allem durch seinen blutigen Kreuzestod,  sei „Gott“ mit der sündigen Menschheit wieder versöhnt worden. Nach seiner Auferstehung sei der Gottessohn wieder in den Himmel aufgefahren, habe sich zur Rechten des Vaters niedergesetzt und werde am Ende der Zeiten wiederkommen, um zu richten die Lebenden und die Toten.

  Diese mythologische Deutung des Christus-Mysteriums zu entmythologisieren und Christus in unserem non-dualen evolutiven Universum zu beheimaten, wird ein Hauptanliegen der künftigen Christologie und Mystagogik sein. Auf Lehrstühlen, Bischofssitzen und Kanzeln, im Gemeindeleben und in individueller Spiritualität muss entschiedener mit Kopf und Herz daran gearbeitet werden, dass Christus aus der Verbannung in einen überirdischen Warteraum und den Fesseln einer exklusiv-ekklesiozentrischen Deutung befreit wird. Christus, „das Wort Gottes, ohne das nichts geworden ist von dem, was geworden ist“ (Joh 1, 3), kann gehört und gesehen werden nicht nur an geweihten Orten, in sonntäglichen Veranstaltungen und sakramentalen Handlungen; Sein Angesicht kann aufleuchten hier und nun und immer und überall. Denn: „Nihil extra Christum“ - „Es gibt nichts, das sich außerhalb von Christus befände“. Oder wie es der Heilige Thomas von Aquin in seiner „summa theologiae“ ausdrückt: „Christus ist unmittelbar in allen Dingen per Präsenz, Potenz und Essenz.“

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  Wie kann es geschehen, dass uns mitten in unserem „normalen“ Leben die Augen auf- und übergehen und wir wissen: Das ist es! Wie kann es uns Christen geschehen, die wir den Namen „Christus“ für das Göttliche Mysterium in Allem verwenden, dass wir uns von Jesus dem Christus berührt fühlen, dass Sein „Heiliges Antlitz“ uns aufleuchtet?

  Schleier und Sichtblenden bestehen in der natürlich-evolutiven Begrenztheit unseres Bewusstseins und in dem wechselhaften Hin und Her und Auf und Ab von Schlafen und Erwachen, Blindheiten und klarerem Sehen jedes Individuums.

  Einen inneren Sinn zu entwickeln für das „Mehr als“, für das „Dahinter“, für das „unergründliche Mysterium“ scheint heute im Jahr 2015 aber auch aufgrund bestimmter gesellschaftlicher Trends, aufgrund der Säkularisierung unserer Gesellschaft immer schwieriger zu werden. Zunehmende Trivialisierung und Banalisierung vertreiben den kollektiven Sensus für die Geheimnishaftigkeit und Abgründigkeit des Lebens. Und auch die Faszination, das „Gefesseltsein“ durch die Vielfalt und Buntheit von beeindruckenden  Errungenschaften und Lebensmöglichkeiten (Konsum, Reisen, technische Mittel) scheint die Blickrichtung eher eindimensional zu fixieren. An- und innezuhalten, den Blick über den begrenzten Tellerrand dessen, was hier und jetzt ansteht, auf beständige Tiefendimensionen zu richten, wird außerdem durch die ansteigende Beschleunigung in allen Lebensbereichen erschwert. Der rasante digitale und gesellschaftliche Zeittakt führt nicht in Pausen des Auf- und Durchatmens, sondern in permanente Atemlosigkeit. Das übliche „Getriebe“, die Zerstreuung durch die Vielfalt von Außenreizen und der Trend zur Banalisierung begrenzen das Interesse auf die fesselnde Oberfläche und halten es darauf fest. Welch eine Illusion, wenn wir den beständigen grundlosen GRUND verleugnen und uns anklammern an das, was scheinbar festen Halt bietet, aber eines Tages zerplatzt wie eine Seifenblase!

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Transzendierung und Integration der westlich geprägten Christologie

in eine allumfassende Christosophie

Universale Christophanie - das Aufleuchten von drei Gesichtern Christi:

DU (Epiphanie) - ES/WIR (Diaphanie) - ICH (Enphanie)

und unsere wachsende Christosophie

Erstes Angesicht Jesu Christi - mein geliebtes DU, mein Gegenüber,

mein inwendiger Lehrer

  Nach einer ersten faszinierenden Jesus-Begegnung hören wir vielleicht wie die ersten Jünger (vgl. Johannes 1, 38 f) Seine innere Stimme: „Was suchst du?“ Und ich frage Jesus persönlich an: „Meister, wo wohnst Du? Wo ist dein eigentlicher Ort?“ Auch ich erhalte seine Antwort: „Komm, mach dich auf den Weg - so siehst du.“ 

  Und ich imaginiere weiter die Stimme Christi: „Ich enthülle dir das Leuchten meines Angesichts. Du wirst mein Antlitz schauen, beim Erwachen dich sattsehn an meiner Gestalt“ (Psalm 4, 7; 17, 15).

Wenn wir den „Weg“ hinter Ihm her und zusammen mit Ihm und in Ihm gehen, erfahren wir wie Paulus „das Leuchten des Lichtglanzes Gottes im Angesichte Jesu Christi“ (2 Kor 4, 6) und die Hoffnung wächst: „Noch blicken wir ja nur durch einen Spiegel - in Rätselgestalt -, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Noch erkenne ich nur zum Teil, dann aber werde ich voll erkennen, wie ich selbst voll erkannt bin" (1 Kor 13, 12).


  Im Anschluss an Ken Wilber (Integrale Spiritualität S. 218 ff) haben M.u.W.Küstenmacher u. T.Haberer eine Zusammenschau von „Drei Gesichtern Gottes“ entwickelt (GOTT 9.0 S. 266 ff) (vgl. auch www.adolf.frahling.de/Web-Site/II.Mystisch-univers._Christentum.html). Ihre grundlegenden theo-logischen Überlegungen übertrage ich im Folgenden in eine Integrale Christologie / Christosophie, auf „Drei Gesichter Christi“.

  Zur Unterscheidung: Christus ist für Christen das Symbol, der Name für die ganze Wirklichkeit; in Christus ist Alles zusammengefasst, was „im Himmel und auf Erden ist“.

  Jesus (Jehoschua) ist ein Eigenname und bezeichnet den Rabbi aus Nazareth, der Juden und Griechen derart faszinierte, dass sie seine einzigartige Botschaft vom Königtum Gottes und sein souveränes heilendes Wirken weitererzählen mussten. Nicht nur das! Sie gaben ihre Überzeugung weiter, in diesem Jesus zu dessen Lebzeiten und vertieft nach dessen Tod die „Fülle des Lebens“, die „bislang verhüllte Wahrheit par excellence“ erfahren zu haben. Als Bezeichnung dafür verwendeten seine Nachfolger aus dem Judentum das Wort „Messias“ - „Gesalbter“; schon sehr früh setzte sich die griechische Übersetzung „Christos“ - „Christus“ durch. Dieser Titel und Gattungsnamen transzendiert die Funktion des Eigennamens einer Person und wurde zum „Namen über allen Namen“, zum Inbegriff des „Göttlichen Mysteriums aller Wirklichkeit“, das sich in der Person Jesu offenbart, enthüllt hatte. Die Menschen, die Ihm nachfolgten - nach dem bevorzugten Hoheitstitel ihres Meisters nannte sie sich jetzt „Christen“ -, erinnerten sich jetzt nicht nur an diesen einmaligen Menschen und seine bewegenden Gleichnisse und wunderbaren Handlungen, sondern sie kamen zusammen, um diese omnipräsente göttliche Inkarnation kultisch zu verehren: „Kyrie eleison“, „Du allein bist der Heilige, du allein der Herr, du allein der Höchste, Jesus Christus“ (Gloria),  “Maranatha“ - „Komm Herr Jesus“.

Bibliodramatische Annäherungen an Jesus-Geschichten: Die Heilung eines Menschen mit einer verdorrten Hand  („sich das Leben nehmen“)

http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Verdorrte_Hand.html


Psychologische Betrachtungsweisen: Die „Heilung des Gelähmten“ mit Hilfe von Transaktionsanalyse  verstehen und zur Erhellung eigener Lebensproblematik nutzen (Opferspiele beenden)

http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Gelaehmter.html


Bioenergetische Annäherung: Die Heilung einer gekrümmten Frau (Den aufrechten Gang wagen)

http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Aufrechter_Gang.html

Verklärung (Sieger Köder)

Erwachen, erleuchtet werden, SEIN Antlitz schauen

Rembrandt van Rijn

Christus (1648)

Verklärter Christus

(S. Köder - Ausschnitt)


  1. 2. Wandel von autoritätsfixiertem Glauben zu religiöser Empirie, zu persönlicher Christosophie


  Damit der Glaube an Jesus den Christus Zukunft hat, müssen außer dem vormodernen mythologischen Denkmodell auch die seit der Konstantinischen Wende 313 n.Chr. wuchernden imperial-doktrinären und exklusiv-sakramentalistischen Engführungen überschritten und geweitet werden. Ängste vor unmittelbarer mystischer Christus-Erfahrung, die nicht mehr kontrollierbar wäre, und vor der „Freiheit des Christus-Pneuma“ (vgl. 2 Kor 3, 17: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“), haben eine christliche Spiritualität, die auf persönlicher Erfahrung gründet, be- und verhindert. In den vergangenen 30 Jahren ist durch die Großkirchen der Eindruck verstärkt worden, dass echte Christus-Beziehung nur oder hauptsächlich über Lehramt, Tradition und Heilige Schrift (in ihrer verbindlichen Deutung durch das Lehramt) und über Sakramentenempfang vermittelt werde. Unsere Gesellschaft hat aber die absolutistische Bewusstseinsstufe (4), die sich in diesem engen kirchlich-doktrinären Denken spiegelt, weitgehend überwunden. Politik und Kultur bewegen sich inzwischen selbstverständlich auf rationalen, individualisierenden und integrierenden Stufen (5-7) (vgl. Küstenmacher u.a.: GOTT 9.0, zusammengefasst auf meiner Webseite www.adolf.frahling.de/Web-Site/II.Mystisch-univers._Christentum.html), wobei allerdings szientistische und libertinistische Verabsolutierungen nicht zu übersehen sind. Auch das Christentum wird wie alle Religionen (vor allem der Islam) den mühsamen Transformationsweg durch Rationalität (Stufe 5), Liberalität (6) und Versöhnenden Pluralismus (7) hindurchgehen müssen, um schließlich - entsprechend dem evolutiven Drang zur einen Neuen Welt Gottes hin -  auf höheren mystisch-universalen Bewusstseinsebenen authentisch und ansteckend zu denken und zu handeln.

  Damit wird sich auch das Christus-Bewusstsein der Christen weiten und vertiefen. Bibel, kirchliche Tradition und lebendiges Gemeindeleben bleiben die wichtigsten Initiativ-Faktoren für eine persönliche Beziehung zu dem „Christus-Alles-in-Allem“, müssen aber zu jeder Zeit aus einer toten Buchstabentreue in göttlichem GEIST verlebendigt werden.

3.   Von der Faszination durch Jesus als ethischem Vorbild

        zu einer inneren Liebesbeziehung und

        zur Erkenntnis der eigenen Christus-Natur


  Der Königsweg hin zu einem tieferen und alltagstauglichen Christus-Bewusstsein führt über die Bibel und speziell über die Evangelien und die Mystik des Apostels Paulus, der den historischen Jesus vermutlich nie erlebt hat, aber aufgrund einer Christophanie vor Damaskus zum inspirierendsten Christus-Mystagogen wurde.

  Auf vielfache Art kann der biblische Jesus Christus heute zu „glänzen“ beginnen. Bilder in Kinderbibeln stehen häufig am Anfang einer beginnenden Faszination durch Jesus. Erstkommunion-Katechese, Religionsunterricht, gute Predigten, später dann auch individuelle Bibel-Betrachtungen, „Bibel Teilen“ oder bibliodramatische Annäherungen in einer kleinen Gruppe können Impulse dafür liefern, dass einem  unvermutet wie den Emmausjüngern „das Herz brennt.“

  Auch wenn die meisten Zeitgenossen heute auf die Frage nach dem wichtigsten Buch ihres Lebens nicht mehr die Antwort des „ungläubigen“ Bert Brecht geben werden: „Sie werden lachen: die Bibel“, so wird doch der Jesus der Bibel generell als animierendes ethisches Vorbild geschätzt. Je nach subjektiver Wertehierarchie sind die Präferenzen unterschiedlich. In Medien und auf Tatoos ist er oft der Superstar, der Schöne (Diogo Morgado) oder der rebellische Prophet. In jüngeren Jesus-Büchern liegt der Fokus häufig auf seiner Solidarität mit Entrechteten oder Er wird entkleidet auf den sterilen vermeintlich historischen Kern.


  Manche Bibel-Leser werden angezogen oder befremdet durch ein bestimmtes Wort oder einen Wesenszug Jesu, der ihr Interesse weckt: sein achtsames Hinschauen auf Menschen am Rande, die Einfachheit seines Lebensstils und die Klarheit seiner Worte, seine eindeutige Kritik an der Heuchelei des damaligen religiösen Establishments, seinen Rückzug in Wüsten und Bergeshöhen, sein Verrauen in den „Abba“, das offene von Berührungsängsten freie Zugehen auf seine Mitmenschen.

  Auf einer weiteren Stufe trifft sie vielleicht ein bestimmtes Wort mitten in ihrem Alltagsbewusstsein: „Geh und verkaufe alles und gib es den Armen“ (wie bei Franz von Assisi), „Liebst du mich?“, „Wer mich sieht, sieht den Vater“, „Ich bin gekommen, damit sie Leben in Fülle haben“  u.v.a.m.  Die Erkenntnis beginnt zu dämmern, dass der Christus der Evangelien präsent bleibt, dass er ein lebendiges Gegenüber ist, dass seine Worte Licht und Leben sein können, dass sie das konkret gelebte Leben in Frage stellen und erhellen können.

Zur Erkenntnis Jesu Christi zu gelangen, heißt dann nicht nur: ein wissenschaftlich abgesichertes Bild des historischen Jesus gewinnen, und auch nicht: die kirchlich-christologischen Festschreibungen fraglos übernehmen und auch nicht: das Apostolische Glaubenbekenntnis aus dem 5.Jahrh. voll positivem Glaubenswillen nachbeten.

  Jesus Christus erkennen, das Leuchten seines Angesichtes wahrhaben ist ein mystischer Akt, eine sehr persönliche intuitive Einsicht in das innerste Wesen der eigenen Existenz und der gesamten Wirklichkeit.

  Vielen Menschen heute bedeutet dieser Jesus nicht mehr als die Erinnerung an eine beliebige geschichtliche Persönlichkeit; viele Christen aber haben in der Nachfolge der Jüngerschaft diesen Jesus irgendwann brennenden Herzens als den Auferstandenen erkannt, und schließlich als den CHRISTUS creator et evolutor, den „Christus Alles in Allem“ (Kol 3, 11). ER ist ihnen aus dem Dunkel der Menschheitsgeschichte und der Abgeschlossenheit ihres individuellen vordergründigen  Lebens hervorgetreten. Sie haben Ihn an sich herankommen lassen; irgendwann spürten sie, dass Er verbändelt ist mit ihrer individuellen  Lebensgeschichte, ja, es dämmerte ihnen und wurde vielleicht zur Gewissheit, dass Er ihr ureigenes Leben und Licht und ihre innerste Wahrheit IST, und dass ER Wege öffnet in den verborgenen universalen göttlichen Raum von Glückseligkeit, Reinem Bewusstsein und Leben in Fülle (hinduistisch: Sat-Chit-Ananda).

  Wissenschaftliche und doktrinäre Christologie wandelt sich dann in Christosophie, Christus-Lehre in Christus-Weisheit. Christus wird erfahren als der „Eine Geschmack“ des Lebens (griech. sophia - latein. sapientia; sapere: schmecken, kosten).

  Thomas von Aquin (1225 - 74) und seinen Zeitgenossen war nur ein begrenztes geographisches Segment unseres Planeten, Europa und Umgebung, vorgestellt als Erdscheibe, bekannt - und er hielt es für die gesamte irdische Welt, die Gott vor ca. 5ooo Jahren geschaffen habe. Sonne, Mond und Sterne sah er als Lampen, von Gott am Himmelsgewölbe aufgehängt. Welche wahrhaft universale Theologie würde er heute entwickeln im Wissen um die unendliche Weite des Weltalls mit Milliarden von Galaxien, Sonnensystemen und Sternen? Und die Einsicht in das Faktum einer universalen Evolution der ganzen „Schöpfung“ seit 14 Milliarden Jahren? Sie würde seine genialen Überlegungen zum Verhältnis von „Gott“, Welt und Mensch vermutlich revolutionieren.

  Wenn man allein schon sieht, wie sich innerhalb der Bibel und des Urchristentums das ursprünglich jüdisch geprägte Christus-Bewusstsein aufgrund der Verschmelzung mit hellenistischem Gedankengut geweitet und vertieft hat, welch ungeheuerliche Transformation steht dem Christentum dann noch bevor, wenn es sich respektvoll und fasziniert auf immer noch fremd gebliebene asiatische Philosophiesysteme und folkloristisch interessante, aber inhaltlich immer noch abgelehnte uralte religiöse Weisheitslehren (Buddhismus, Taoismus, Hinduismus) einlässt???

Einmal kam einer und sagte zu mir:

„Komm, sei nicht widerspenstig. Öffne den Mund und iss, was ich dir gebe!“


Ich schlug die Augen auf, da kam eine Hand und in der Hand ein Buch. Eine Stimme sagte: „Iss, kaue dieses Buch, iss!  Fülle dein Inneres mit diesem Buch. Fülle dein Inneres mit der ganzen Welt, die in diesem Buch aufgeschrieben ist. Kaue und verdaue. Nimm Alles in Dein Herz auf.“


Und ich nahm und aß, und es schmeckte süß wie Honig.


(Ezechiel cap. 2 und 3)

Der inkarnierte Göttliche Logos Jesus CRISTUS kann aufscheinen oder auch nur durchschimmern in DU -------- ES/WIR -------- ICH:


  1. *Epiphanie Christi im DU Jesu -  das verehrte, geliebte Gegenüber; dominantes Göttliches Gesicht im  Christentum


  1. *Diaphanie Christi im ES - das Ur-Eine, dem Alles entströmt und in das Alles mündet; die gesamte Evolution als Wortung, als Aufscheinen des Göttlichen Logos; der mit-leidende „Gott“, der immer größere Christus, die kreative Sophia, das Pleroma, die Vereinigung von GEIST und Materie, der wachsende kosmische Leib Christi; die Essenz, Präsenz und Potenz in allen Dingen; „Wir in Christus“; „Das Alles und in Allem: Christus“ (Kolosser 3, 11), „Christus“ - der christliche Name für das namen- und formlose Mysterium, die unergründliche Gottheit, das Leben jeden Lebens, die Bitterkeit jeder Bitterkeit, die Wahrheit jeder Wahrheit, das Licht jeden Lichtes, das Dunkel jeden Dunkels, die Schönheit jeder Schönheit, die Freude jeder Freude


  1. *Enphanie Christi, die Christophanie im ICH - mein Wahres Selbst, meine Innerste Essenz, das     intime glückselige Licht in mir, „Christus in mir“ (vgl. Teresa von Avila: Wohnungen des inneren Palastes“)

Bildnachweis: 1. Albani - Psalter (12. Jahrh.);  2. Ernst Barlach: Der Auferstandene und der „ungläubige“ Thomas  (1930)

  Je mehr ich mich einlasse auf den biblischen Jesus, auf das „WORT Gottes, das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Johannes 1, 1.9), desto intensiver erfahre ich Ihn als ein lebendiges DU, als ein Gegenüber, das/der mich in eine Liebesgeschichte verwickelt, mich mit Leben und Freude erfüllt, aber auch kritisch korrigiert. Manchmal erscheint Er mir wie ein Fremder, dann wieder mir näher als ich mir selbst, wie mein ureigenstes Wahres Ich („Selbst“), das mein Leben erhellt und mich herausführt aus angewöhnten Fühl-, Denk- und Handlungsmustern.


Facetten der Beziehung zu Jesus Christus:


-  Jesus, mein Freund, dem ich alles erzählen kann

-  Jesus, mein Vorbild, mein Ideal, dem ich nacheifere  (der gütige Helfer, der kritische Kämpfer gegen jede Form von Ungerechtigkeit, der sich solidarisiert mit den Ausgegrenzten)

-  Jesus, der Leidende und Gekreuzigte, dem ich alles Leiden anvertraue

-  Jesus Christus, der Auferstandene, der verborgen in unserer Mitte lebt

-  Christus, mein innerer Lehrer, den ich wie Maria aus Magdala, nachdem sie den Auferstandenen „erkannte“ (Joh 20, 16), oder wie der blinde Bartimäus bei seiner „Erleuchtung“ (Markus 10, 51) mit „Rabbuni“ („Mein Meister“, „Mein Sadguru“) anspreche

-  Christus, der Liebhaber meiner Seele,  mein tiefstes DU, das tiefste DU meines innersten Wesens

  Im Mittelpunkt der christlichen Mystagogie steht bis heute die Hinführung zum Göttlichen Du, das ohne Wenn und Aber liebt und und vom Menschen „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit aller Kraft und allen Gedanken“ (Luk 10, 27) geliebt werden möchte. Es ist das dominante Gesicht Gottes im Christentum. Jesus, der Christus, wird verstanden und erfahren als personales Gegenüber. In der Regel lernen wir ihn kennen über biblische Erzählungen (Kinderbibeln zu Hause, Religionsunterricht) und bildliche Darstellungen. Aufgrund einer beginnenden spirituellen Praxis - kindliches Abendgebet, Kommunonfrömmigkeit - entsteht und wächst eine persönliche Beziehung zu Ihm, die sich im Jugend- und Erwachsenalter häufig fokussiert auf ein oder einige wenige Bibelworte („Ich bin der gute Hirt“, „DU hast Worte ewigen Lebens“, „Alle suchen DICH“), auf eine bestimmte Anrede („Du Jesus“, „Mein Herr und mein Gott“). Eine starkes Gefühl der Anziehung und Hingabe kann sporadisch entflammen und wieder erlöschen.

Christosophische Übungen

I.  Persönliches Bibel-Schmecken


Aufscheinen des Angesichts Christi als DU

des WORTES GOTTES in biblischen Worten

Albrecht Dürer: Apokalypse (1494)

Christo-sophie: Christus-Weisheit, Christus-Geschmack, Der „Eine Geschmack“

Griech. sophia - lat. sapientia: Weisheit

Lat. sapere: schmecken

Persönliche Schlüssel-Worte auswählen und immer wieder er-innern

  Dass ein und dieselbe Jesus-Erzählung unterschiedliche Saiten im Menschen anrühren und zum Klingen bringen kann, habe ich in der rel.- päd. Ausbildung von Erzieherinnen erlebt. Als Beispiel nehme ich „Jesus begegnet dem blinden Bartimäus“ (Markus 10, 46 - 52):

Ikone aus Taizé

Jesus Christ, bread of life, those who come to you, will not hunger.

Jesus Christ, risen Lord, those who trust in you, will not thirst.

(Gesang aus Taizé)

Weitere Methoden einer existentiellen Bibelbetrachtung

Persönliches Bibellesen: Ruminatio

Worte der Bibel meditativ wiederholen „wiederkäuen“, „sich einverleiben“


(„Benediktinische“ Methode nach Anthony de Mello)

Geistliche Schriftlesung: http://www.abtei-st-hildegard.de/?p=229

Komm zur Ruhe und begib dich in die Gegenwart Christi ...

Wähle einen Text, der dir bekannt ist (Evangelium, Psalm).

Als Beispiel wähle ich einen kurzen Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium (7, 37f):


        Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag,

        stellte sich Jesus hin und rief:

        Wer Durst hat, komme zu mir,

        und es trinke, wer an mich glaubt.

        Wie die Schrift sagt:

        Aus seinem Innern

        werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.


Lies, bis du auf ein Wort, einen Ausdruck, einen Satz stößt,

der dich besonders anzieht ...

Vielleicht ist es der Vers „Wer Durst hat, komme zu mir“.

Wiederhole den Satz immer wieder - das kann halblaut oder innerlich geschehen ...

Lass die Worte durch ihre ständige Wiederholung in dein Gefühl und in deine Gedanken sinken, so dass sie Teil von dir werden: „Wer Durst hat, komme zu mir“... „Wer Durst hat, komme zu mir“...

Du schmeckst und kostest die Worte, während du sie wiederholst ...

Wahrscheinlich wirst du den Satz automatisch verkürzen, und einmal jenen, dann einen anderen Ausdruck besonders beachten: „Durst“... „komme zu mir“... „komme zu mir“...

Du bewegst dieses Wort in deinem Herzen, du kaust es, bis es sein Aroma und seinen Geschmack entfaltet und dir „in Fleisch und Blut übergeht“.


Du fühlst dich tief angerührt. Du bist voll und ganz präsent. Du bist erfüllt von dem Bewusstsein: „Jederzeit kann ich zu DIR kommen. DU stillst meinen Hunger und Durst.“


(Als Vorlage diente die Übung 30 aus „Meditieren mit Leib und Seele“ von Anthony de Mello)

vgl. http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/II._Hl.Schriften.html

  In der Abschlussrunde von Exerzitien während meiner Studienzeit teilte jeder die Bibelstelle mit, die ihn zur Zeit am intensivsten beschäftigte. Ich nannte den Vers 37 im ersten Kapitel des Markus-Evangeliums: „Alle suchen (nur) DICH (Christus).“


  Im Zusammenhang mit Teilhard de Chardins Schau des „Kosmischen Christus" und Karl Rahners Theologie vom „Anonymen Christentum" (jeder Mensch, auch ein Nicht-Christ ist in seinen existentiellen Erfahrungen von Vertrauen, Hoffnung und Liebe  - ob bewusst oder unbewusst - transzendental  auf Christus bezogen) verstand ich diese Aussage der Jünger Jesu als eine Erkenntnis, die weit über den vordergründigen historischen Schriftsinn hinausgeht.

  In dem Jesus, der aus dem Einsein mit dem „Vater" lebt, der Menschen zur Liebe befreit, scheint das auf, was jeder Mensch sehnsüchtig sucht: Fülle und Ganzheit, bedingungslose Liebe, vollkommene Wahrheit und Schönheit. Danach suchen alle Menschen: Hindus und Muslimen, Juden und Buddhisten, Christen und Atheisten, Cro-Magnon-Menschen und Mathematik-Professoren, heute und seit den Anfängen der Anthropogenese.

  Der Epi- und Diaphanie dieses Allumfassenden Mysteriums werden unterschiedliche Namen gegeben. Für die ersten Nachfolger Jesu und heutige Christen heißt der Name Jesus „CHRISTUS, der Alles und in Allem ist" (Kol 3, 11), „dessen Herrlichkeit wir geschaut haben" (Joh 1, 14).

(Webseite „Kosmischer Christus I“)

  Wie der blinde Bartimäus mit einem großen Vorschuss an Vertrauen einfach auf die unsichtbare Stimme zuläuft, so auch Petrus nachts auf dem See. Seine Kollegen schreien aus Furcht vor der gespenstischen Erscheinung. Petrus folgt der Aufforderung „Komm!“ des Unbekannten und doch irgendwie Vertrauten: er steigt aus dem einigermaßen sicheren Boot aus, wagt sich auf die abgründigen Wasser und geht in die Dunkelheit hinein auf Jesus zu (Matthäus 14, 22 ff). 


  Eine weitere tiefsinnige Erleuchtungsgeschichte wird in Joh 21, 1 ff erzählt: Nach dem Tod Jesu wandten sich Petrus und andere Apostel wieder ihrem Fischergewerbe zu, aber „in jener Nacht fingen sie nichts. Als der Morgen dämmerte, stand Jesus am Ufer. Aber sie wussten nicht, dass es Jesus war.“ Schließlich tun sich dem Jünger, den Jesus liebte (dem Mystiker Johannes), die Augen auf und „er sagt zu Petrus: Es ist der HERR (Kyrios)!“ Und impulsiv - wie er nun einmal ist - stürzt sich Petrus ins Wasser und schwimmt ans „Andere Ufer“, wo der Auferstandene auf einem Kohlenfeuer Fisch und Brot bereitet hat.

Ich selbst liebe die Szene, in der der Blinde alles liegen und stehen lässt, was ihm bisher noch ein Stückchen Sicherheit geboten hat, seinen Mantel, seinen Blindenstock und seine Schale mit den erbettelten Münzen: „Und er läuft auf Jesus zu.“

  Auf meine Frage „Welche Szene hat Sie in der Bilderbuch-Geschichte von Kees de Kort besonders angesprochen?“ wurde häufig der „natürliche“, magisch nicht überhöhte Vorgang der Heilung des Blinden genannt. Andere fühlten sich durch die Szene und den Satz „Und Jesus blieb stehen“ tief berührt. Jesus ist achtsam; er hört und sieht das Leiden von Menschen, er geht nicht einfach vorbei und weiter.

Unsere damals dreijährige Tochter beeindruckte besonders das atemlose Schreien des Bartimäus: „Jesus hilf ma mir!“

Auf eine Frage Jesu eine wahrhaftige persönliche Antwort geben

Johannes Bours: Und Jesus fragte ihn, Freiburg 1983


Was sucht ihr?  (Was suchst Du?) Joh 1, 38

Was willst du, das ich dir tue? Mk 10, 51

    Rabbuni, ich möchte sehen

    Schenk mir ein hörendes Herz

    Führe mich heraus aus meiner Angst

Warum habt ihr (hast du) solche Angst? Habt ihr

    (Hast du) noch keinen Glauben? Mk 4, 40

Willst du (wirklich) gesund werden? Joh 5, 6

Ihr aber - für wen haltet ihr mich? (Du aber -

    für wen hälst du mich?) Mk 8, 29

Liebst du mich? Joh 21, 17

Persönliches Bibellesen:  Worte der Bibel auf das eigene Leben beziehen

Sich in die „Gesinnung“ Jesu einfühlen und im alltäglichen Leben nachahmen

Eine vergessene Anleitung zur Christus-Meditation aus dem 17. Jahrhundert hat Johannes Bours (1913 - 1988) wiederentdeckt und in seinem „Geistlichen Lesebuch“ „Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt“, Herder-Verlag Freiburg 1986, dargestellt.

Diese Meditationsmethode richtet sich ganz auf die Gestalt Jesu Christi in den Evangelien. Im Fokus der Betrachtung steht die „Haltung“ Jesu, seine Lebenseinstellung, seine innere Gesinnung. Der Meditierende möchte eine „intima cognitio“, eine innige Erkenntnis Jesu und des eigenen wahren Selbst gewinnen. Beispiele dafür: Jesu Liebe zu den Ausgegrenzten, sein Abscheu vor Selbstgerechtigkeit, seine intime Verbundenheit mit dem „Vater“, dem Ur-Grund des Seins.


Nach einer Phase der äußeren Vorbereitung und inneren Sammlung lese und betrachte ich die gewählte Perikope.

1.  Ich fühle mich in die innere Haltung, die Gesinnung Jesu ein, die in dieser Szene zum Ausdruck kommt.

Ich schaue sie anbetend an (Preisung, Dank, Freude).

2.  Wie ist es bei mir mit dieser Lebenseinstellung?

Ich öffne mich dieser Gesinnung Jesu und nehme sie auf in mein Leben.

3. Was kann ich tun aus dieser Kraft und Weisung Jesu?

In Kurzform:


1.  Jesus vor Augen

2.  Jesus im Herzen

3.  Mit Jesus Hand in Hand wirken


Oder:


1.  Ich blicke auf Jesus

2.  Ich vereinige mich mit ihm

3.  Ich handle mit ihm

Ich lese die Erzählung im Markus-Evangelium 10, 46-52 (siehe oben)

Ich versetze mich mental an den Ort des Ereignisses und erlebe das Heilungs-Geschehen aus der Perspektive der Handlungspersonen.


Ausführlicher dargestellt auf:

http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/X.Auf_dem_Markt.html

Existentielles Bibelbetrachten: Imaginations-Übungen

Sich identifizieren mit den Personen in einer Begegnungsgeschichte

     (Heilung des Blinden Bartimäus)

Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge aus Jericho hinauszog, saß ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus, am Weg. Als er hörte, es sei Jesus von Nazareth, fing er an zu schreien: Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!

Viele herrschten ihn an, er solle schweigen. Doch er schrie nur noch viel lauter: Sohn Davids, erbarme dich meiner!

  Da blieb Jesus stehen und sprach: Ruft ihn her!

Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Getrau dich, steh auf, ER ruft dich!

Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.

  Da sagte Jesus zu ihm: Was willst du, das ich dir tun soll?

Der Blinde sagte zu ihm: Rabbuni, dass ich sehe.

  Und Jesus sprach zu ihm: Geh, dein Glaube hat dich gerettet.

Und gleich konnte er sehen, und er folgte Jesus auf dem Weg.

Schritte


Ich lese die Perikope, in der die Jesus-Frage steht und verweile bei dem ausgewählten Vers.


Ich verstehe die Frage Jesu als eine Anfrage an mich persönlich. Aufsteigende Gefühle, Erinnerungen, Gedanken lasse ich zu und komme damit vor SEIN Angesicht.

Wahrhaftig nehme ich mein gewordenes Leben in den Blick.


In einem vertrauensvollen Dialog spreche ich aus, was mich innerlich bewegt.

Durch das WORT werden wir neu zur Weisheit befähigt ...

Wenn ich spüre, wie mein Sinn geöffnet wird für das Verständnis der Heiligen Schrift, oder wie das WORT der Weisheit gleichsam aus meinem Innersten hervorsprudelt:

dann zweifle ich nicht, dass der Bräutigam da ist. Denn das sind die Schätze des WORTES, und aus seiner Fülle empfangen wir all dies.


Bernhard von Clairvaux: Hoheliedpredigt 85 und 69

Mein Geliebter, ER lugt durch die Gitter

(Hoheslied der Liebe 2,9)

Alles und in Allem: Christus

(Kolosserbrief 3, 11)

Demnächst:


Zweites Angesicht Christi - Christus in mir:

mein innerstes DU und ICH,

mein ursprüngliches Wahres Selbst,

das in mir Gestalt annehmen will

Christosophische Übungen


2.  Das DU-Angesicht Christi in jedem Menschen, der mir begegnet, wahrhaben

  Aus dem Matthäus-Evangelium (cap 25)

Jesus sprach:

  Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt, werden alle Menschen vor ihm versammelt. Dann wird der König zu denen auf seiner Rechten sagen: Herbei ihr Gepriesenen meines Vaters! Nehmt zum Erbe das Königtum, das euch bereitet ist seit Urbeginn der Welt. Denn hungrig war ICH - und ihr habt MIR zu essen gegeben. Durstig war ICH - und ihr habt MICH getränkt. Fremdling war ICH - und ihr habt MICH aufgenommen. Nackt war ICH - und ihr habt MICH bekleidet. Im Kerker war ICH - und ihr seid zu MIR gekommen. Dann werden die Gerechten sagen: Herr, wann haben wir DICH hungrig, durstig, fremd, nackt, krank oder im Kerker gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird sagen: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan - MIR habt ihr es getan.


  Zu Recht wird diese Rede Jesu als ein Hauptimpuls für christliche Barmherzigkeit und Caritas geschätzt und und dient als theologisches Fundament der „Option für die Armen“. In dieser „Christosophischen Übung“ konzentriere ich mich auf eine weitere Bedeutungsschicht: Christus ist verborgen präsent in Fremden, Kranken, Gefangenen, ja in jedem Menschen. Der konkrete Mensch mir gegenüber ist ein wesentlicher Ort des Aufscheinens des DU-Gesichtes Christi. 

- in der Begegnung die eigene (abwertende, konkurrierende, kontrollierende...) Konditionierung bewusst wahrnehmen und ruhen lassen

- neugierig sein auf den Anderen und seine verborgenen Schätze

- jeden Menschen als Verkörperung göttlicher Essenz ansehen

- in sich und Anderen das ursprüngliche Gesicht, die Ikone Christi wahrnehmen

  1. -in Freud und Leid des Andern Christus berühren, Seine Liebe, Seine Kraft, Seine Klarheit und Freude

  Diese christliche Übung ähnelt dem buddhistischen „Namaste“, der traditionelle Verbeugung mit zusammengelegten Handflächen vor dem Anderen: Ich verbeuge mich vor dem Göttlichen in dir.

Ein Christ könnte bei jeder Begegnung innerlich sprechen: „Ich grüße dich als den Christus, der in dir Gestalt annimmt.“

(s. auch 1 Joh 3,2:  „Noch ist nicht zum Vorschein gekommen, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir, wenn ER erscheint, IHM gleich sein werden“)

CHRISTUS im Mitmenschen entdecken und lieben

Eine Übung des Alltags