VIII.  STILLE in der WÜSTE

Elija

Vom „Gottes“-Kämpfer zum Mystiker

Eine Reise vom Außen in die HÖHLE DES HERZENS

  Sein Name ist Programm: „Elija“ heißt „Mein Gott ist Jahwe“.

Ein Prophet mit elementarer Gewalt, ein Hitzkopf, der verzehrendes Feuer auf die vermeintlichen Feinde Jahwes und Regenfluten auf die ausgetrocknete, unfruchtbare Erde vom Himmel herabruft, der am Ende seines Lebens in einem Feuerwagen zum Himmel auffährt.

  Ein Mann, der alles hergibt: der hungernden Witwe von Sarepta seine knappen Essensvorräte und ihrem verstorbenen Sohn seine gottgeschenkte  körperliche und geistige Power (Elija streckt sich dreimal über den Toten aus und überträgt ihm so seine eigene Lebenskraft).

  Eine prohetische Gestalt, die starke Gegensätze in sich vereinigt, die sich innerlich verbunden fühlt mit elementaren Naturmächten und Gewalten (Wirbelstürme, Feuer, Erdbeben, Wasserfluten), aber auch Zugang gewinnt zur „Höhle des Herzens“ und darin zum bild- und wortlosen Gott der „Großen Stille“.

  Unvermittelt tritt er auf; wenig erfahren wir von seiner bisherigen Lebensgeschichte, er lebte wahrscheinlich um 850 v. Chr.  In wissenschaftlicher Exegese und in Predigten wird er primär dargestellt als kompromissloser Prophet, der sich mit allen Mitteln und ausschließlich für die Verwirklichung des  „Willens Gottes“ engagiert. Diese Sichtweise wird hier kritisch angefragt; die spirituelle Entwicklung von einem (fragwürdigen) feurigen Gotteskrieger zu einem Mystiker des „verschwebenden Schweigens“ scheint mir eher sein Persönlichkeitsprofil und seine spirituelle Entwicklung auszumachen.

Elija in der Höhle am Gottesberg

Lichtkreis Gottes im „Hohenlied der Liebe“


(Montage aus Bildern von Marc Chagall)

  Der Redakteur von „I  und II Könige“ hat die ihm überlieferten selbständigen Elija-Episoden in einen Gesamtzusammenhang eingeordnet:


1.  Elija kündigt dem König Ahab eine mehrjährige Trockenheit an

und verbirgt sich in der Wüste, wo er von Raben morgens und abends mit Brot und Fleisch versorgt wird.


2.  Einer Witwe von Sarepta, die ihn in der großen Hungersnot speist, hilft er mit einem Wunder: Ihr Mehltopf und ihr Ölkrug werden nicht leer.


3.  Ihren toten Sohn erweckt er wieder ins Leben, indem er sich dreimal über ihn ausstreckt.


4.  Auf dem Berg Karmel fordert Elija die verhassten Baal-Propheten zu einem „Gottesurteil“  heraus. Nur sein Brandopfer wird angenommen, und die 450 feindlichen Propheten werden niedergemetzelt.


5.  Elija fürchtet die Rache der Königin Isebel und flieht in die Wüste. Er setzt sich unter einen Wacholderstrauch und will sterben. Doch ein Engel rührt ihn mehrmals an und spricht: Steh auf und iss!


6.  Und er steht auf und wandert vierzig Tage und Nächte durch die Wüste bis zum Gottesberg Horeb (Sinai).


7.  Dort lässt sich in einer Höhle Gott von ihm erfahren, aber weder in einem heftigen Sturm noch im Erdbeben noch im Feuer, sondern in einem „sanften, leisen Säuseln“.


8.  Elija lässt 150 Männer, die als Boten des Götzenverehrers König Ahasja zu ihm kommen, durch Feuer vom Himmel vernichten.


9.  Schlussepisode: Elija überquert mit Elischa, seinem Schüler, trockenen Fußes den Jordan und wird dort, „am anderen Ufer“, im Wirbelsturm in einem Feuergefährt mit Feuerrossen zum Himmel entrückt.


Auf dieser Webseite wird die Reihenfolge dieser Erzähleinheiten teilweise verändert. Als „Roter Faden“ dient mir die „Spirituelle Entwicklung vom leidenschaftlichen Gotteskämpfer zum barmherzigen Mystiker“.

Elija der „Gottes“-Kämpfer

  Mit Feuereifer und elementarer Gewalt kämpft er für die „Sache Gottes“, wie er sie versteht. Wie ein fundamentalistischer Gotteskrieger kennt er nur die Alternative: Jahwe oder Baal. Dass er selbst auch – wie die Baalspropheten - einen Götzen verehrt, auf diese Idee kommt er nicht.

  Durch eine Feuerprobe (1 Kö 18: „Der Gott, der mit Feuer antwortet, ist der wahre Gott“) will er beweisen, dass er auf der richtigen Seite steht, den richtigen Gott anruft und nicht, wie er den Baalspropheten und dem Volk vorwirft, „auf beiden Seiten hinkt“.

  Nach dem gelungenen Gottesbeweis – sein Brandopfer ist von seinem „Gott“ durch Feuer vom Himmel angenommen worden – lässt er alle Baalspriester niedermetzeln.

  Elija will den tradierten Jahwe-Glauben rein bewahren; deshalb der fanatische Kampf gegen die neue Baals-Religion („eifrig geeifert habe ich für DICH, den Umscharten Gott“ – M.Buber), und gegen jede Religionsvermischung. Er betrachtet die kanaanäischen Fruchtbarkeitskulte als Bedrohung für den exklusiven mosaischen Jahwe-Glauben.

Elija tötet 450 Baalspriester

Elija „geht zu Grunde“ und begegnet seinem Engel

  „Elija ging eine Tagesreise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod.“

(1 Kö 19, 4).

  Elija ist am Nullpunkt angekommen; er möchte sterben. Er fühlt sich wie ausgebrannt (Burn-out-Syndrom?); sein leidenschaftlicher hitziger Kampf gegen die kanaanäische Fruchtbarkeitsreligion hat ihn zermürbt.  Reichlich verbrannte Erde hat er hinter sich zurückgelassen. Nun ist er selbst in die Rolle des Verfolgten geraten. Mit diesem aufgezwungenen Rollentausch beginnt seine Reise von außen nach innen, vom Ego zum Selbst, aus dem Käfig fragwürdiger religiöser Traditionen und vom Blendwerk der vordergründigen Welt in den Schoß aller Dinge.

  Zurück lässt er sein bisheriges Ich-Bewusstsein, seine Illusion, die Welt nach seinen frommen Vorstellungen gestalten und verändern zu können. Darin ist er gescheitert. Er versinkt in den Schlaf.

  In dieser regressiven Phase, in der die tiefe Enttäuschung zugelassen wird, dass alle Erwartungen und hehren Pläne zerbrochen sind, kommt er seinem wahren Seelengrund näher; im doppelten Sinn des Wortes „geht er zu Grunde“ (Hans Torwesten). Die aufgezwungene Aufgabe seines Selbstbildes und seiner bisherigen Fehlidentifikationen erlebt Elija wie ein Sterben seiner Persönlichkeit. Er muss einige kleine Ego-Tode sterben, damit er sein wahres Selbst finden kann; erst nachdem er alle illusionären Auffangnetze und Scheinsicherheiten, die in Wahrheit nur „Ersatz-Gründe“ bieten für eine brüchige Selbst-Sicherheit, aufgegeben hat, findet er den wahren Halt, den „grundlosen Grund“, den überpersönlichen göttlichen Grund, der zugleich sein Seelengrund ist.

  Als der kämpferisch-extravertierte  Elija die ersten Schritte der Einkehr nach Innen getan hat, begegnet er seinem Engel, der ihn mehrmals ermuntert: „Steh auf und iss!“ Diesen von Gott geschickten Engel kann man als archetypisches Bild für den unzerstörbaren Wesenskern des Menschen deuten, als bildhaften Ausdruck der ursprünglichen und im Grunde nie zu verlierenden Wesensgestalt. Sein bisheriges Selbstbild ist zerbrochen  und „zu Grunde gegangen“; aber in seinem tiefsten Seelengrund findet er, was unzerstörbar ist: Liebe, Weisheit, Kraft, Hoffnung, Geduld, Toleranz, Mitgefühl, Klarheit. Essentielle, göttliche Kräfte erwachen in ihm; er ist bereit aufzustehen, aufzuerstehen. Dieser Wesens-Engel nährt, belebt und ermutigt ihn; durch seine Weisung gewinnt Elija neue Orientierung; aber es bedarf noch einer längeren Wüstenwanderung, um vollends aus Verblendungen und Illusionen zu erwachen.

Elija in der Wüste  -   der leere Lichtkreis Gottes in seinem Seelengrund

(Montage aus Bildern von Marc Chagall)

Marc Chagall: Elija in der Wüste

(St.Stephan, Mainz)

Vierzig Tage und Nächte in der Wüste

  Bis er endgültig ankommt an dem Ort der eigentlichen Selbst- und Gottesoffenbarung, muss Elija noch eine lange spirituelle Reise von außen nach innen durchstehen. Vierzig Tage und Nächte ist er unterwegs in der Wüste - eine traditionell-biblische Metapher für das „Fasten“ des Leibes und der Seele, für die „Entleerung“ von Ego-Kräften, um der Göttlichen Essenz einen weiten Raum zu schaffen. Der Blick richtet sich von den körperlichen und seelischen Verfettungen, von den überschätzten Macht-, Besitz- und Image-Resourcen auf die essentiellen Depots, auf die Vorräte des „inwendigen Menschen“.

  Die Wüste ist auch der Ort, an dem man mit den dämonischen Schattengestalten der eigenen Seele konfrontiert wird (vgl. den vierzigtägigen Wüstenaufenthalt Jesu und den Zug der Israeliten aus Ägypten durch die Wüste ins Gelobte Land, der vierzig Jahre dauerte). Die Leere der Wüste bietet eine große Chance, in ihrem Spiegel die Hohlheit bestimmter Lebensimpulse zu erkennen und ihrer ledig zu werden. Elija kann in diesem Wüstenaufenthalt, fern von jeder Ablenkung durch Sinneseindrücke und alleine mit sich selbst, zur Einsicht gelangen, dass hinter seiner bewussten Motivation, ausschließlich den Willen des alleinigen Gottes Jahwe zu verkünden und umzusetzen, noch andere Impulse lauerten: Geltungssucht, Vergeltungsdrang, eine lodernde Wut, die seine Klarsicht trübte. Er durchschaut seine Verblendung; sein Feuereifer entsprang nicht (nur) einem egolosen brennenden Herzen, sondern war vermischt mit eiferndem Fanatismus; sein Einsatz für die „Sache Gottes“ gründete auch in Kontrollsucht, Machtgier und einem egozentrischen Sendungsbewusstsein.

Für Elija wäre es wichtig, diese elementaren dunklen Kräfte seiner Seele nicht wieder nach außen zu projizieren und zu bekämpfen, sondern sie anzunehmen und ihren mächtigen Einfluss zu mildern.

  Die Begegung mit seinem Engel, d.h. die Erfahrung der Göttlichen Essenz in ihm Selbst und eine „vierzig Tage“ lang in der Wüste eingeübte klare Sicht auf alle leisen Regungen seines Geistes und seines Herzens weisen ihm vollends den Weg zu dem Ort der Selbst- und Gottesoffenbarung.

  In der Leere und Stille der Wüste löst Elija sich auch von allen „lärmenden“ Gottesbildern. Er lernt, die gewohnten imposanten Gottesbilder („Dein Gott, Israel, ist ein verzehrendes Feuer. Er ist ein eifersüchtiger Gott.“ - 5 Mose 4,24) zu relativieren, die kämpferischen Stimmen in sich zu überhören und in den Bereich des Schweigens und der Stille einzutauchen. Diese mystische Dimension der Wirklichkeit erlebt er als ein „Sichloslassen ins Nichts“, als ein „Freiwerden von den Götzen, die jeder hat und zu denen er sich wegzuschleichen pflegt“ (Martin  Heidegger).

Elija hat sich vom aktiven Verfechter des einzig wahren Gottes zum Lauschenden gewandelt, der auf die stille Wahrheit hört, „die wie auf Taubenfüßen daherkommt“ (Nietzsche).

Elija in Erschöpfungsdepression unter einem Wacholderstrauch in der Wüste

(Siger Köder)

Mystische Gotteserfahrung in der Höhle seines Herzens

  Am Sinai, dem Berg der Gottesoffenbarung an Mose, findet er endgültig den Zugang zu der Höhle seines Herzens und zum bild- und tonlosen Gott.

„Dort kam er in die Höhle und wollte dort nächtigen. Da, SEINE Rede an ihn: ... stelle dich vor MEIN Antlitz!

  Und da, vorüberfahrend ER:

ein Sturmbraus, Berge spellend, Felsen malmend:

ER im Sturme nicht -

und nach dem Sturm ein Beben:

ER im Beben nicht -

und nach dem Beben ein Feuer:

Er im Feuer nicht -,

aber nach dem Feuer eine Stimme verschwebenden Schweigens.

  Es geschah, als Elijahu hörte:

er verhüllte sein Antlitz mit seinem Mantel

und trat hinaus, stand am Einlaß der Höhle.“

(1 Könige 19, 9-13 / übersetzt von Martin Buber)


  In der Bibel, vor allem im Alten Testament, werden Theophanien sehr realistisch als ein äußerlich wahrnehmbares Geschehen zwischen Menschen und einem personalen Gott geschildert. Weil ein solcher Realismus den biblischen Autoren aber unangemessen vorkam, um das Wirken des bildlosen, ganz anderen Gottes darzustellen, nahmen sie ein literarisches Mittel zur Hilfe: Sie bedienten sich geistiger Zwischenwesen, Boten, Engel, die die vermeintlich große Distanz zwischen Gott und Welt überbrückten. Ein modernes Bibelverständnis fragt heute nach den menschlichen Tiefenerfahrungen, die hinter diesen wunderbaren Gottes- und Engelerscheinungen stehen. Welche Innen-Erfahrungen sind in diesem literarischen Gewand ausgedrückt?

  Die Beschäftigung mit Drewermanns tiefenpsychologischer Auslegung von biblischen Erzählungen, mit den mystischen Schriften Meister Eckharts und Teresa von Avilas, und mit den vedantischen Erfahrungen von Henri Le Saux ließen mich die Theophanie Jahwes in der Höhle am Gottesberg als eine innere Erfahrung verstehen, die außer Elija viele Menschen machen.

  An dieser „Gotteserscheinung“ fällt auf, dass sich der Ewige nicht in einer Vision, sondern in einer Audition offenbart, „in der Stimme eines feinen Schweigens“ (G. v. Rad).

  Jede Erfahrung des Göttlichen Du-Alles („Gott“, „Jahwe“, „Brahman“, „Allah“, „Nirwana“ ...) findet im Herzen des Menschen statt.

  In den Upanishaden ist es die Höhle (guha), das Selbst, das innere Heiligtum, wo Brahman (der allem Seienden immanente Grund) und Atman (der tiefste Seelengrund) sich offenbaren. „Brahman ist vorübergegangen und seine Berührung hat den Menschen als ganzen verwandelt, angefangen von seiner innersten Tiefe.“ (H. Le Saux: Die Spiritualität der Upanishaden S. 58). Meister Eckhart spricht von der „stillen Wüste der Gottheit“, dem „Bürglein“ der Seele, dem „Inneren Tempel“ der Gottheit, wo „das sanfte Säuseln“ (Einheitsübersetzung), die „Stimme eines verschwebenden Schweigens“ (Buber) vernommen wird.

  Das Leben in der Wüste hat Elija vorbereitet auf die Erfahrung des „Stillen Gottes“. In der Leere der inneren Wüste sind alle scheinbaren Sicherheiten und stützenden Gedankensysteme entschwunden. Er hat gelernt, die lärmenden Stimmen und Botschaften im Innern zu überhören, und auf die Wesensstimme zu lauschen. Auch vertraute Gottesbilder sind verblasst. Abgrundtiefe Einsamkeit, totale Stille und völlige Leere tuen sich auf.

  Gerade an diesem Nullpunkt setzt „Gott“ an. Besonders hier kann es geschehen, dass die Einsamkeit tröstet, die Leere mit Freude erfüllt und die wortlose Stille als die Ant-Wort erfahren wird.


  Nach Meister Eckhart ist das Göttliche Mysterium in Allem und über Allem „eine Fremde und eine Wüste und ist mehr namenlos, als dass es einen Namen habe, und ist mehr unerkannt, als dass es erkannt wäre. Könntest du dich selbst vernichten nur für einen Augenblick, ja ich sage, selbst für kürzer als einen Augenblick, so wäre dir alles das eigen, wie es in sich selbst ist.“ (Predigt 2)

  Das ist der mystische Weg in allen Religionen, den auch Elija geht: sich leer machen, zu Grunde gehen und in „Gott“ neu auferstehen.


  Wenn jemand sich selbst auf den Grund geht, findet er darin die Einheit von allem, was exisiert. Er hört damit auf, die Wirklichkeit in Schwarz und Weiß, in Rein und Unrein, in Gottgläubige und Götzendiener aufzuspalten. So verdampft auch allmählich die Neigung Elijas, die ungläubige Welt apokalyptisch durch einen Feuerbrand reinigen oder gar verbrennen zu wollen.

  Zwischen dem Höhlenerlebnis des Elija und den spirituellen Erfahrungen, die die christlichen Ordensleute Hugo M. Enomya-Lassalle und Henri Le Saux im Zusammenleben mit japanischen Zen-Mönchen bzw. hinduistischen Eremiten machten, gibt es interessante Berührungspunkte. P. Lassalle etwa nannte sein Zen-Zentrum in einem Gebirge nahe bei Tokio „Höhle des Göttlichen Dunkels“.


  Im 20.Jahrh. verwirklichte der französische Benediktiner P. Henri Le Saux (1910-1973) die mystischen Ansätze des Propheten Elija. Sein ganzes Leben war ein Weg zu dem „anderen Ufer“ d.h. zu Gott, und eine Erfahrung der „Großen Stille“ in der „Höhle des Herzens“.

  1948 wird ihm erlaubt, zusammen mit Abbé Monchanin in Indien am Ufer des Kavery einen Ashram zu gründen und dort als christlicher Mönch und Hindu-Sannyasi zu leben. Täglich feiern sie Eucharistie und vertiefen sich in die Quellen des Christentums und des indischen Vedanta (Upanishaden). Nach 1950 verbringt er lange Perioden in den Höhlen des heiligen Berges Arunachala in Südindien. „Es waren dies Zeiten des Eintauchens in das Hindu-Milieu, die eine entscheidende Etappe auf seinem Fortschreiten zum ´anderen Ufer` bedeuteten. Tatsächlich ereignete sich dort, im Schweigen und in der Einsamkeit des eremitischen Lebens der erste große innere Durchbruch , die grundlegende Erfahrung, deren Echo wir in seinem geistlichen Tagebuch ... finden:

´Die Erkenntnis dieser alldurchdringenden Gegenwart Gottes in meinem Tun wie in meinem Sein, wie in allen Dingen ... Sartori, die Erleuchtung, ist die wahre Taufe, diese neue Vision seiner selbst und der Welt.` ...

Im Laufe seiner Einkehrzeiten schrieb er 1952/53 ´Guhantara`(das Wort bedeutet: „der in der Höhle wohnt“, sowohl in der äußeren Höhle wie im Grund seines Herzens).“ (Henri Le Saux: Die Spiritualität der Upanishaden, München 1980, S.10ff)

  Danach lebt er viele Jahre als christlich-hinduistischer Eremit in den Schneewüsten des Himalaya.

  Unter dem Namen „Abhishiktananda“ („Meine Glückseligkeit ist Christus“) wird er bekannt. Zwei zentrale Themen aus der biblischen Elija-Überlieferung tauchen in seinen Büchern und Briefen häufig auf: das „Große Schweigen Gottes in der Höhle des Herzens“ und das „Andere Ufer“ (des Jordan):

  „Ich habe den Gregorianischen Gesang wie selten einer geliebt, aber jetzt habe ich die Melodie entdeckt, die alles übertrifft, ich verliere mich im Schweigen des OM.“

  „In sich selbst hinabtauchen in die Tiefe seiner selbst, sein eigenes Ich vergessen ... nicht ich erreiche den Grund, der Grund selbst offenbart sich, in dem er dieses ´Ich`vernichtet. Ich kann nur untergehen, aber wenn ich untergehe, erwache ich: resurrexi et adhuc tecum sum“ (Introitus der Ostermesse: Ich bin auferstanden und immer bei dir).

  „Christus ist das Ziel des Universums. ... der Christ hat die Aufgabe, ... an der Vollendung des Universums in Christus und an dem immer herrlicheren Kommen Christi in jedem Menschenherzen mitzuwirken ... Damit der Christ seinen Bruder – hier den Hindu – an dieser Herrlichkeit teillassen kann, muß er diesen Bruder da suchen, wo er schon ist: im Grund der Höhle seines Herzens, am anderen Ufer seiner selbst, an der Quelle! Nur da vermag er seinem Bruder zu sagen, dass im Innersten der Höhle von Arunachala das Herz Christi ist, und daß die Quelle der Schoß des Vaters ist, das andere Ufer, wo ihn Jesus erwartet.“

Die Rückreise

  Und Elija „verhüllte sein Antlitz mit seinem Mantel und trat hinaus“

(1 Kö 19, 13). Er geht wieder hinaus in sein alltägliches Dasein als ein „Neugeborener“. Nachdem er Gott in dem tiefen Schweigen seines Herzens vernommen hat, begibt er sich erneut und erneuert auf den Weg seiner Sendung.

  Im 40-tägigen Wüstenaufenthalt hat er Achtsamkeit für die leisen Regungen des Geistes und des Herzens trainiert und in dem Höhlenerlebnis eine tiefe Verbundenheit mit dem lebendigen Gott und allem Lebenden erfahren. Daraus resultiert nun ein echtes Mitgefühl mit der leidenden Kreatur, eine wahrhaftige Sym-Pathie, eine tiefe Compassion mit Leiden und Not und eine aktive „B-Arm-Herz-igkeit“ (mit dem Herzen bei den Armen sein). Der bekannte Pastoraltheologe Paul M. Zulehner hat diese „grund-legende“ mystische Erfahrung in einer Art spirituellem Logo zusammengefasst: „In Gott eintauchen, bei den Armen auftauchen.“

  Ähnlich wie 900 Jahre später Jesus nach seinem 40-tägigen Rückzug in die Wüste und seiner Gotteserfahrung im Jordan (er hört DIE STIMME und erfährt sich Selbst als Sohn Gottes) wird auch Elija von SEINEM feurigen Geist bewegt, zurückzukehren und in einem neuen Gottesbewusstsein zu handeln. So vermag er - ähnlich wie Jesus - die Hungersnot der Witwe in Sarepta zu wenden - ihr Mehltopf und ihr Ölkrug gehen nie mehr zur Neige - und ihren verstorbenen einzigen Sohn wieder ins Leben aufzuerwecken.

                Der Erwachte ist zum Erwecker geworden.

Elija erfährt den „Stillen Gott“ in der Höhle am Gottesberg und in der Höhle seines Herzens

(Montage aus Bildern von Marc Chagall)

Pater Henri Le Saux  in den Höhlen des Heiligen Berges Arunachala in Südindien

In einer Höhle erleben Petrus, Jakobus und Johannes blind und sehend zugleich die Metamorphose Christi.

Neben dem verklärten Christus befinden sich Elija und Mose in dem Lichtkreis des Ewigen.

Elija hat sich gewandelt - in seinem Bewusstsein.


  Mit Feuereifer verfolgte er die „Sache Gottes“. Als er wie ausgebrannt in die Wüste floh, wollte er „mit Nichts mehr zu tun haben“ und allem sterben. Er „ging zu Grunde“  und fand auf diesem Weg das „Nichts“, d.h. Alles, aber entblößt von allen Vorstellungen und Anhaftungen. Die Leere offenbarte sich als Fülle. In der Höhle am Gottesberg, in der „Höhle seines Herzens“ gewann er Zugang zu dem „Stillen Göttlichen Mysterium“.

Sein inneres Brennen, seine feurige Hingabe, sein heißes Engagement sind geblieben, aber gewandelt. Hinter und unter seinem lodernden Fanatismus hat er die stille Glut des lebendigen Gottes, das „Innere Licht“ und die wahre Erleuchtung entdeckt. Lange Zeit hat er aufgrund seines „leidenschaftlichen“ Temperaments „Leiden geschaffen“, am Berg Sinai hat die leise STIMME Gottes sein Herz beruhigt. Nun ist er brennend erfüllt davon, was die Upanishaden „Sat-chit-ananda“ nennt: Bewusstheit – Sein – Glückseligkeit.


  Die Wunschvorstellung von einem Gott, der mit feurigen Blitzen dreinschlägt, hat er aufgegeben. Seine feurige Liebe zu Jahwe ist zu einer brennenden Sehnsucht nach Vereinigung mit dem Grund des Seins gereift. 

Seit dem Schlüsselerlebnis in der Höhle am Gottesberg befindet sich Elija im Grunde schon am „Anderen Ufer“, nach Vorstellung der Upanishaden und Henri Le Sauxs der Ort, wo eine unzerstörbare Einheit zwischen Göttlichem Seinsgrund und Seelengrund besteht.


Am Ende seines Lebens überquert er zusammen mit seinem Lieblingsschüler Elisäus trockenen Fußes den Jordan (den Styx, das Rote Meer, den Übergang zur Jenseite) und erreicht das „Andere Ufer“. Feuer und Sturm wirbeln ihn empor, in einem Feuergefährt gezogen von Feuerrossen fährt Elija in den Himmel auf.

Elija fährt in einem Feuerwagen zum Himmel auf

Der Ewige erscheint Elija in einer Höhle am Horeb: nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern in einem sanften leisen Säuseln.

(M.Chagall: Farbholzschnitt)

HÖHLE 


dunkel leuchtende höhle

wo wir

wärme suchen und zuflucht

bei feuer und freunden 


schöne höhle

du gott 

in der wir

immer schon gingen

und wussten es nicht  


KURT MARTI

Im Bewusstsein der Einheit mit dem lebendigen Gott vermag Elija einen Toten wieder ins Leben zu erwecken

(M.Chagall: Farbradierung)

Elija fährt zum Himmel auf

(Marc Chagall: Propheten-Fenster im Fraumünster  Zürich

Appell


1

Geh nicht als ein Erlöschender

Geh nicht als ein Erlöschender

Geh nicht als ein Erlöschender

in das Erlöschen


Brenne

Brenne

Wir sind Fackeln mein Bruder

Wir sind Sterne

Wir sind Brennendes

Steigendes

Oder wir sind nicht

gewesen


2

Ein Körper

wie der unsere

ist nur die Hülle des Ballons

lichtdurchlässig


(Hilde Domin)

Sept. 2011 / 2016                                  Zur Startseite              

Spirituelle Übungen

  Die meisten Meditierenden beginnen ihre Meditation mit einem Ritual, dem Anzünden von Kerzen, einer Verneigung, dem Berühren des Bodens mit der Stirn, einem Kreuzzeichen, dem Sprechen eines bestimmten Gebetes o.a.

  Manche schlagen eine Klangschale an, hören konzentriert den allmählich verschwebenden Ton und folgen ihm innerlich in ein ton- und klangloses Schweigen.

  Marc Chagall hat für eine der Außenwände des Musée Biblique in Nizza ein riesiges Mosaik (715 x 570 cm) geschaffen, auf dem die kosmische Dimension der Himmelfahrt des Elija aufleuchtet. Der Feuerwagen, auf dem Elija in anbetender Haltung sitzt, bildet die Mitte, die von einem hellen Oval, dem Lichtkreis des Ewigen, umfasst ist. Elija wird nicht emporgerissen in eine andere Dimension, wie auf dem Züricher Glasfenster dargestellt, sondern er hat Eingang gefunden in das Zentrum und den Grund des Universums, das repräsentiert wird durch die zwölf Tierkreiszeichen.

  Für Elija gibt es in Fragen der Gottesverehrung nur ein Entweder-Oder: Jahwe oder Baal. „Wie lange noch wollt ihr auf beiden Seiten hinken?!“ oder wie M.Buber übersetzt: „Bis wann noch wollt ihr auf den zwei Ästen hüpfen?!“ (1 Kö 18, 21) salopp formuliert: „Ihr könnt nicht auf zwei Hochzeiten tanzen!“ Und diesen Allein-Jahwe-Glauben will  er mit allen Mitteln erzwingen.


  Wie das Judentum konnten auch das Christentum und der Islam nicht immer der Neigung widerstehen, einen exklusiven überpersonalisierten Monotheismus gewaltsam durchzusetzen (Kreuzzüge, Missionierung Amerikas, Dschihad). Möglicherweise diente die Ausrottung der Baalspropheten, die in ekstatischen Feiern ihre Fruchtbarkeitsgötter verehrten, im Mittelalter als zusätzliches biblisches Alibi dafür, um tausende heilkundige Frauen auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Leider gibt es auch aus jüngster Zeit schreckliche Beispiele für die Instrumentalisierung Gottes („Gott will es!“) für Gewalt und Terror: der terroristische Angriff am 11. September in NYC (Osama Bin Laden: „Da ist Amerika von Gott an seiner empfindlichsten Stelle getroffen worden.“); der Kosovokrieg, in dem orthodoxe Popen die Waffen der serbischen Scharfschützen segneten und auf der anderen Seite römisch-katholische Kämpfer Kroatiens geweihte Marienbilder auf ihre Gewehre klebten. Oder der Norweger Anders Breivik, der, weil er sich von Gott berufen fühlte, aus Islam-Haß fast achtzig junge Menschen erschoss.


  Auch Elija fühlt sich in göttlicher Mission beauftragt, die eigene und vermeintlich absolute religiöse Wahrheit durch die Niedermetzelung von Hunderten „heidnischer“ Feinde zu beweisen.

Aber er wird gezwungen, seine gewalttätige Religion und Theologie („Gotteslehre“) grundlegend zu verändern.

  Die Auffahrt am „Anderen Ufer“ in einem Feuerwagen  (des Sonnengottes) zum Himmel ist ein mythisches Bild für die Lichtverwandlung des Sterbenden in Gott. Das „Seelenfünklein“ wird aufgenommen in das all-erleuchtende Licht Gottes.  Die Schlusszene ist eine Kontrastgeschichte zu der nihilistischen Sicht, die das Lebensende als einen endgültigen Sturz in die Dunkelheit, als ein Fallen ins Nichts, als ein Verlöschen des Lichts ansieht.. Hier finden wir die Anfänge eines Auferstehungsglaubens, der in vielen vorchristlichen Mythen sich ausbreitete und in den Erzählungen von Hadesabstieg, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Ausdruck fand.

1.  Suche Dir einen Ort, an dem Du Dich wohlfühlst und nicht gestört wirst.

2.  Nimm eine aufrechte Sitzhaltung ein.

3.  Schließe die Augen und entspanne Dich. Nimm Deinen Leib und Deinen Atem bewusst wahr.

4.  Lasse störende Empfindungen, Gedanken und Gefühle geschehen und vorbeiziehen.

5.  Wiederhole innerlich im Rhythmus des Aus- und Einatmens eine Anrufung Gottes oder ein Heiliges Klang-Wort (Jesus,  Jissúuus, Christús, Maranatha, DU, AUM oder Ich-Bin...)

6.  Lade das Wort auf mit Hingabe und Liebe.

7.  Kehre immer wieder zu diesem Wort zurück, wenn Du abgelenkt wirst.

8.  Lasse alle Bilder und Vorstellungen und überlasse Dich dem nackten Sein und dem Schweigen. Bleibe in der unmittelbaren Gegenwart.

9.  Halte diese Gebetsübung 20 Minuten einmal oder zweimal am Tag durch (in der Frühe und vor dem Abendessen)

10.  Übe auch mitten im geschäftigen Alltag: konzentriere Dich auf Deinen Atem und atme Dein Mantra aus und ein.

Übung der ungegenständlichen Kontemplation

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Mystische Gotteserfahrung von P. Henri Le Saux

(Abishiktananda: Christus meine Glückseligkeit)

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