2008 und 2009 wandelten meine Frau und ich jeweils ein Woche mit einer Pilgergruppe auf den Spuren des Apostels Paulus. Fotos, Impressionen und Kommentare finden Sie auf folgenden Seiten:


1.  Auf den Spuren des Apostels Paulus in der Türkei  (28.03. – 04.04.2008)

    (Antakya-Myra-Ephesus-Pamukkale-Laodizäa-Kolossä-Perge)  

    http://www.margret.frahling.de/Webseite/Tuerkei_Lykien.html

    http://www.adolf.frahling.de/Webseite/Paulusreise_Ephesus.html

2.  Paulus und die Anfänge des Christentums

    Eine biblische Studienreise des kath. Stadtdekanates Köln  (28.02. - 07.03.2009)

    http://www.adolf.frahling.de/Webseite/Damaskus_Antiochia.html


  1. - Köln - Frankfurt - Damaskus (Souk al-Hamidye, Omayyaden-Moschee, Azem Palast, Kan Assad

    Pascha, Thomas-Tor, Gerade Straße, Haus des Hananias, Kassiounberg)

-  Maalula, Klöster Mar Sarkis u. Thekla (1), Krak des Chevaliers (2), Homs, Apameia (3)

-  Aleppo (Zitadelle, Hallawije-Schule), Antiochia (Antakya/Hatay)

-  Tarsus (Paulusbrunnen, Stadttor, Ulu Camii, Pauluskirche), Issos (333 v.Chr. Alexander-Schlacht) (4)

-  Antakya (Mosaikenmuseum, Petersgrotte, Seleukia)

-  „Tote Städte“, Simeonskloster, Qalb Lhoze (5)

-  Aleppo - Frankfurt - Köln

Auf den Spuren des Apostels Paulus in Syrien und in der Türkei

Ach, DU, enthülle uns das Leuchten Deines Angesichts


18.08.2017                                                                                                                                             Zur Startseite

Mystisch-universales Christus-Bewusstsein

in den Briefen des Paulus

an die Gemeinden in Ephesus und Kolossä

(Teil III)

Paulus - Fresko in Ephesus

(ca. 470)

3. Pleroma (Fülle): Einheit von Universum - Gott - Menschheit

4.  Das gesamte Universum entwickelt sich. "Wird" auch "Gott"?

"Das Wachstum Gottes wachsen lassen" (Kol 2, 19)

V. Erfahrungsglauben - Erleuchtung - panchristisches Bewusstsein

  Dass Paulus bevorzugt die Wörter "Wachsen" und "Aufbau" verwendet, wenn er seine Vorstellungen von dem  kosmischen Management Gottes darlegt, passt zu seiner Biographie. Er führte ein Leben voller Veränderungen. Entscheidend war seine Erleuchtung und Lebenskehre vor Damaskus. Etwas Neues wollte er aufbauen auf seinen Missionsreisen, Tausende von Kilometern legte er zurück - meistens zu  Fuß, "per pedes apostolorum", auf Eselsrücken oder per Segelschiff. Und so entstanden und wuchsen in Syrien, in der Türkei, in Griechenland, auf Zypern, Kreta und Malta christliche Gemeinden heran. Dabei war ihm das Wachsen und Reifen der einzelnen Christen in Glaube, Liebe und Hoffnung ein Herzensanliegen. Besonders im zweiten Teil seiner Briefe sind sehr differenzierte Anweisungen für das individuelle Wachstum in Erkenntnis und Handeln zu finden. Sein Wunsch in der Einleitung des Briefes an die Kolosser umfasst zwei wichtige Grundlinien der Christwerdung: geist-erfülltes verantwortungsvolles Handeln und wachsendes Gottes-Bewusstsein: "Ich höre nicht auf für euch zu beten, damit ihr in jedem guten Werk Frucht tragt und hineinwachst in die Erkenntnis Gottes"  (K 1, 10).

Aus den Briefen an die Gemeinden in Ephesus und Kolossä:

Wachstum des Einzelnen, Aufbau und Wachstum des Leibes Christi und des Einen Kosmischen Hauses Gottes, Mit-Entwicklung des Wachstums Gottes


- Ich höre nicht auf für euch zu beten, damit ihr in jedem guten Werk Frucht tragt und hineinwachst in die Erkenntnis Gottes  (K 1, 10)


- In Jesus Christus wächst  der ganze Bau in einem harmonischen Gleichgewicht zu einem Heiligen Tempel im Herrn" (Eph 2,21)


- Wahrhaftig und in Liebe lassen wir das Welt-All auf IHN hin wachsen, der das Haupt ist, Christus, von dem her der ganze Welt-Leib in einem harmonischem Gleichgewicht gehalten und gefestigt durch jedes Band der Unterstützung - je nach der Energie und dem Maß eines jeden Gliedes - das Wachstum des Leibes schafft zum Aufbau Seiner Selbst in Liebe (E 4, 15.16) 


  1. -Christus, das Haupt, aus dem heraus der ganze Leib, durch Bänder und Sehnen versorgt und zusammengehalten, das Wachstum Gottes wachsen lässt  (Kol 2, 19)

   Kirchliche Verkündigung beschränkt das Wirken Gottes gerne auf bestimmte Zeiten und Räume, auf die Geschichte Israels, das Leben Jesu in Palästina und das sakramentale kirchliche Handeln. Gott habe ein für alle Mal durch Jesus Christus gesprochen, und die göttliche Offenbarung sei mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen - so heißt es. Dieses "depositum fidei", ja das gesamte Heilswerk "Gottes", die Erlösung der Menscheit werde von der (kath. !) Kirche verwaltet und sakramental fortgeführt. Eine solche zeitliche und kirchliche Begrenzung des göttlichen Wirkens wird aber schon in vielen Gründungsurkunden des Christentums überschritten.

  Die spätpaulinischen Briefe an die Gemeinden in Ephesus und Kolossä haben das Ganze der damals bekannten Wirklichkeit im Blick, "das Alles" (griech.: ta panta), außer den Juden die Völker der Erde und den gesamten Kosmos. Sie schreiben von der Fülle Gottes, dem göttlichen Pleroma Christi, der Alles in Allem erfüllt. Dieses göttliche Pleroma umfasst und erfüllt Alles: Gott, Universum und Menschheit.

  1. -In Christus wohnt das ganze Pleroma (jedes Pleroma ?) der Gottheit leiblich (K 2, 9)


  1. -Gott hat das ganze Pleroma in Christus wohnen lassen, um das Alles durch ihn zu versöhnen auf

  ihn hin (Kol 1, 19.20)


  1. -Christus ist zuerst hinabgestiegen in die tieferen Teile der Erde und dann aufgestiegen über alle

  Himmel, damit er das Alles erfülle (...) bis alle gelangen in die Einheit der Erkenntnis des Sohnes

  Gottes, in den vollendeten Menschen, in die Vollreife des Pleromas Christi (E 4, 9.10)


  1. -Zu erkennen die Liebe Christi, die die Erkenntnis übersteigt, damit ihr erfüllt werdet in das ganze Pleroma Gottes hinein (E 3, 18)


  1. -Das Hausmanagement (die Ökonomie) des Pleromas der Zeiten, das Weltall (ta panta) in Christus zu vereinen (E 1, 10)


  1. -Die Kirche, die sein (Christi) Leib ist, das Pleroma dessen, der Alles in Allem erfüllt

  (pleromatisiert) (E 1, 23)

Wohl in keinem anderen Paulusbrief ist so häufig die Rede von "Erkenntnis" wie in seinen Briefen an die Epheser und Kolosser.

Paulus wünscht ihnen, dass sie ....


  1. - erfüllt werden mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistgewirkten Einsicht

   und hineinwachsen in die Erkennrtnis Gottes (K 1, 9)

  1. - ausziehen den alten Menschen und anziehen den neuen Menschen, der erneuert wird zur

    Erkenntnis gemäß dem Abbild dessen, der ihn erschaffen

    hat (K 3, 9.10)

  1. - erfassen, was da die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und die (alle) Erkenntnis

    übersteigende Liebe Christi erkennen (E 3, 19)

  1. - in die Erkenntnis Gottes hineinwachsen (K 1, 10)

  2. - nun erkennen die vielfarbige Weisheit Gottes (E 3, 10)

  3. - erkennen, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses ist (K 1, 27)

  4. - und alle erleuchtet werden, was die Ökonomie des Mysteriums ist (E 3, 9)

  5. - vereint werden in Liebe und in den ganzen Reichtum der vollen Überzeugung des Bewusstseins

    hinein, zur Erkenntnis des Mysterium Gottes: Christus

    (K 2, 2)

  1. - Erneuert werden in einem Geist-bestimmten Bewusstsein (E 4.23)

  2. - Erwache du Schläfer, steh auf von den Toten und Christus wird dir leuchten (E 5, 14)

IV. Göttliche Offenbarung - Enthüllung des Mysteriums

Aus den Briefen des Paulus an die Gemeinden in Ephesus und Kolossä:


-  In aller Weisheit und Einsicht hat Gott uns kundgetan das Mysterium seines Willens (E 1, 9)

-  Der Gott unseres Herrn Jesus Christus gebe euch den Geist der Weisheit und Enthüllung 

    (E 1, 17)

  1. - Gott hat mir gemäß seiner Enthüllung das Mysterium kundgetan (E 3, 3)

  2. - Allen ans Licht bringen, was das Haus-Management (oikonomia) des Mysteriums ist  (E 3, 9)

-  Meine Einsicht in das Mysterium = Christus, das nun im Pneuma enthüllt wurde  (E 3, 4.5)

-  Die Oikonomie Gottes, die mir gegeben wurde, den Logos Gottes zu erfüllen, das verborgene

    Mysterium, das nun aufgeschienen ist  (K 1, 25.26)

  1. - Gott wollte euch erkennen lassen, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Mysteriums ist:

   Christus in euch (K 1,27)

-  Ich darf den unausforschlichen Reichtum Christi verkünden und alle erleuchten, was die

    Ökonomie des Mysteriums ist (E 3, 8.9)

-  Gott wollte bekannt machen, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Mysteriums unter den

    Völkern ist, nämlich Christus in euch  (K 1, 27)

  1. - Damit ihre Herzen hingeführt werden in die Erkenntnis des Mysteriums Gottes: Christus, in

    dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind  (K 2, 2.3)


  1. 3.Pleroma (Fülle): Einheit von Universum - Gott - Menschheit

  2. 4."Das Wachstum Gottes wachsen lassen"

     (Kol 2, 19)

  1. IV.Enthüllung des Mysteriums

  2. V.Erfahrungsglauben - Erleuchtung - panchristisches Bewusstsein




Anhang: Auf den Spuren des Apostels Paulus in Syrien und in der Türkei

  Mit dem Begriff "Pleroma" wird eine dualistische Trennung zwischen Gott und Welt überwunden. "Pleroma" fasst die Dynamik des gesamten göttlichen Heilshandelns durch Christus zusammen vom Beginn der Schöpfung über Erlösung und Offenbarung hin zur Vollendung des Universums. Die All-Fülle ist zwar schon immer vorgegeben, entwickelt sich aber bis zur Vollendeten Fülle, wenn die gesamte kosmische und humane Evolution in diese Gott-Fülle integriert ist.

  Das Pleroma, "die ganze Fülle" ist identisch mit der gesamten materiell-geistigen, menschlich-göttlichen Wirklichkeit. Materie und GEIST, das ungeschiedene EINE und das unterschiedliche Viele bilden eine integrierte Einheit. In dieser gläubigen non-dualen Sicht vereint "Pleroma" die Fülle des Seins und die Fülle Gottes, Endliches und Unendliches, Vergängliches und Ewiges, Brahman und Maya, Bitternis und Süße, Leiden und Freude, Katastrophen und Aufschwünge der Menschheit ...

Es gibt nichts, was sich außerhalb dieses Pleromas befände.

  Die "Fülle Gottes" ist vom Ur-Anfang und in ihrer dynamischen Entwicklung christisch geprägt: Durch Christus ist das All der Wirklichkeit erschaffen. In Christus hat Alles Bestand, in Seinem Leibe werden im Laufe der Weltgeschichte alle Polaritäten vereint. Es gibt keine kosmische Wirklichkeit außerhalb von Christus, dem Mysterium Gottes, dem Einen neuen Menschen, der das Weltganze in sich vereint.


  In den exegetischen und theologischen Kommentaren ist ein auffälliger Widerstand gegen eine solche nonduale kosmisch-universale Lesart des Epheser- und Kolosserbriefes festzustellen. Eine Erschaffung des Weltalls durch Christus im Ur-Anfang oder gar eine "creatio continua" durch Christus werden in eine theologische Nische abgeschoben. Im Bewusstsein der meisten Christen sind "Schöpfung / Natur/ Universum" und "Christus" zwei völlig unterschiedliche voneinander getrennte Wirklichkeiten. Das Leben mit Gott und Christus scheint sich danach in einer sakralen Sonderwelt abzuspielen, abgetrennt von aller Profanität und Materialität und verbunden mit einem skeptisch-kritischen Bilck auf den verweltlichten, individualistischen, relativistischen, antikirchlichen Zeitgeist unserer Gesellschaft.

  In den grundlegenden christosophischen Aussagen des Epheser- und Kolosserbriefes tun sich Horizonte und Dimensionen auf, die weit über dogmatische und konfessionelle Grenzen hinausgehen.

PLEROMA

Einheit von Materie, menschlichem Bewusstsein und göttlichem GEIST

  Wenn sich christliches Glauben immer noch - vor-modern - in einem statischen Weltbild aufhält, wird  die Schöpfung primär angesehen als Bühne für das Drama der Erlösung vor 2000 Jahren und für die Wiederkunft Christi und das Weltgericht am Ende der Zeiten und nicht als der eigentliche und bleibende Ort der göttlichen Präsenz und kreativen Transformation. Die göttliche Ökonomie - man könnte übersetzen: das göttliche Haus-Managemant des gesamten Universums - hat immer die Totalität von Materie, Leben und Geist und ihre dynamische Entwicklung im Blick und im Sinn, und nicht nur das Seelenheil der Mitglieder von Sondergruppen. Das Alles soll nach Eph 1, 10 in Christus unter Einem Haupt und in Einem Leibe transformiert und vereint werden. Und diese Evolution des Ganzen geschieht mit göttlicher  "Dynamik" und "Energie" (zwei in Eph und Kol beliebte Ausdrücke für das Handeln Gottes, die im christlichen Glauben eine sehr untergeordnete Rolle spielen).

  In seinen späten Lebensjahren öffnete sich sein vorrangiges Interesse an dem geist-lichen Aufbau der christlichen Gemeinden, an dem "Bau der Kirche im GEIST", für die Erkenntnis einer göttlichen Baugeschichte  des gesamten Kosmos.

  Zwei Aussagen des Heiligen Paulus transzendieren sogar die christische Kosmologie von Teilhard de Chardin, der im 20. Jahrhundert den Christus-Glauben mit der modernen Evolutionstheorie versöhnte, und die zweite wird in der Regel - losgelöst vom biblischen Text - sogar als unchristliche Blasphemie verurteilt, weil sie ein deistisches Bild von einem unveränderlichen Gott im Ruhestand in Frage stellt.

  1.  In der Vorstellung von Paulus wird das Wachstum der Schöpfung auf den Punkt Omega hin nicht nur vorangetrieben durch Christus selbst, den Ur-Anfang Alpha und die immanente Energie der Evolution, sondern wir, die Menschen, sind die eigentlichen Kreatoren dieses kosmischen Prozesses: "Wir lassen das Alles auf Christus hin wachsen" (Eph 4, 15).

  Paulus verwendet das griechische Verb "auxanein" also nicht nur intransitivisch ("Bäume wachsen"), sondern auch transitivisch: etwas zum Wachsen bringen, wachsen lassen. "Auxanein" weist eine Fülle von Konnotationen auf:  verbessern, vermehren, vergrößern, beschleunigen, intensivieren in Qualität und Quantität, vorantreiben, veredeln, ankurbeln, modernisieren, beleben, bewerkstelligen, aktivieren, steigern, optimieren, neu gestalten, ausgestalten, erhöhen, ausführen, erbauen, ausbauen, zur Vollendung bringen, vollenden, vervollkommnen, vervollständigen, kultivieren, weiter entwickeln ... In diesen Aktivitäten wird anschaulicher, wie eine christliche Ko-Kreativität konkreter aussehen könnte.

Jede aktive Entwicklung auf höhere Stufen von Bewusstsein, von Solidarität und Freiheit kann Ausdruck dafür sein, dass wir "das Alles - die gesamte Schöpfungsgeschichte - wachsen lassen auf Christus hin".

  Auch die Aussage von Paulus in Eph 4, 15.16: -- "Wahrhaftig und in Liebe lassen wir das Welt-All auf IHN hin wachsen, der das Haupt ist, Christus, von dem her der ganze Welt-Leib in einem harmonischem Gleichgewicht gehalten und gefestigt durch jedes Band der Unterstützung, je nach der Energie und dem Maß eines jeden Gliedes, das Wachstum des Leibes schafft zum Aufbau Seiner Selbst in Liebe"  -- nimmt Erkenntnisse der Moderne vorweg:

- Wir, die Menschen, sind verantwortlich für den Aufbau, die  Humanisierung des Weltleibes, und

- Jede*r trägt dazu bei nach dem Maß seiner individuellen Begabungen.


  2.  Aber die zweite Aussage könnte die traditionelle Gotteslehre in ihren Grundfesten erschüttern:  "Durch Christus lässt der ganze Welt-Leib das Wachstum Gottes wachsen" (Kol 2, 19).

Das Wachstum Gottes wachsen lassen? Gott wächst und wir tragen dazu bei? Eine solche Vorstellung wirft alle gewohnten statischen Bilder von einem Gott um, der ewig unverändert und gleich bleibt. Aber diese vermeintlich häretische Aussage kann unser Gottes-Bewusstsein auf neue Stufen heben und zu der Einsicht inspirieren, dass Welt und Gott, Evolution und Absolutes, Schöpfungsentwicklung und Göttlicher GEIST eine dynamische Einheit bilden. Die sog. "Prozesstheologie" hat dazu neue Modelle entworfen.

  Wenn wir uns von einem dualistischen Weltbild verabschieden und damit von einem supranaturalen "Gott", in der Gestalt eines Klempners, Patriarchen oder eines  Ruheständlers, der sich auf eine einsame Insel zurückgezogen hat, bleibt für einen "Gott" Platz nur innerhalb dieser Einen Wirklichkeit, verbunden mit jedem Mikro- und Makrokosmos. Da aber diese evolutive Realität unvollkommen ist, permament im Werden, mit offenem Ausgang - wie hat das Göttliche daran teil? "Wird" etwa auch "Gott"?

Älteste bekannte Paulus - Darstellung, entdeckt 2009 in den Katakomben der Tecia

(ca .250 n.Chr.)

Ruinen des Amphitheaters in Ephesus,

in dem vermutlich Paulus seinen Christus-Glauben verkündigte in der Auseinandersetzung mit den Siberschmieden (Apg 19)

  Immer wieder musste sich die Menschheit von der Illusion verabschieden, das Rätsel des Seins endgültig entschlüsselt zu haben. Einsteins scheinbar ewig gültige Relativitätstheorie wird heute als ein durch die Quantenmechanik überholtes Modell angesehen. Die Behauptung, endlich das entscheidende Gottes-Gen im Gehirn lokalisiert zu haben, wurde bald von der Neurologie zurückgenommen. Unsere innere und äußere Wirklichkeit bleibt rätselhaft, ihre bleibende Geheimnishaftigkeit wird immer deutlicher bewusst.

  "Mysterium" und "Enthüllung" sind zwei häufig vorkommende Kategorien in der paulinischen Christosophie. Die übliche Übersetzung von "apokalypsis" durch "Offenbarung" weckt die fragwürdige Vorstellung, das Geheimnis der Weltgeschichte sei ausgewählten Personen durch einen persönlichen Gott (durch Einflüsterung des Heiligen Geistes) wie eine Information mitgeteilt worden, die dann in dem Buch der Bücher, der Bibel schriftlich fixiert wurde, ein für alle Male Gültigkeit besitze und - nach kath. Verständnis -  durch das offizielle Lehramt, durch Bischöfe und Papst verbindlich tradiert und ausgelegt werde. Nach Paulus ist aber diese Enthüllung, Entschleierung, Offenlegung keine Verbal-Offenbarung, keine sprachliche Weitergabe von ewigen Wahrheiten, sondern eine Erleuchtung der Herzen, eine von Gott geschenkte Einsicht, eine alle Ratio übersteigende Gnosis in das Geheimnis des universalen andauernden göttlichen Managements. Das Mysterium bleibt Mysterium, es ist grundlegend unausschöpfbar, "unaustrinkbares Licht". Und die Einsicht in die Offenbarung Gottes, in göttliche Enthüllung dessen, "was die Welt im Innersten zusammenhält", ist abhängig von der Tiefe und Weite des Bewusstseins des jeweiligen Menschen. Jesus von Nazareth war offensichtlich in besonderer Weise begnadet und befähigt, das Bewusstsein zu öffnen für den "Vater", den Grund des Seins, für den eigenen göttlichen Ursprung ("ICH BIN") und die unverbrüchliche Einheit mit dem väterlichen und mütterlichen GRUND ("Ich und der Vater sind eins").

  Nach dem Tode Jesu öffnete sich das Gottes- und Christus-Bewusstsein seiner Nachfolger in kosmische Dimensionen. So schreiben der späte Paulus und Schüler von ihm, dass ihnen "die Ökonomie des universalen Mysteriums" in Jesus Christus enthüllt und aufgestrahlt sei. Und sie feiern und  preisen ihn in dem Christus-Hymnus Kol 1, 15-20 als Ursprung, kreative Dynamik und Vollendung der universalen Wirklichkeit:

Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes,

der Erstgeborene aller Schöpfung.

Denn in ihm wurde erschaffen das Alles:

in den Himmeln und auf der Erde,

das Sichtbare und das Unsichtbare ...

Das All(es) ist durch ihn und auf ihn hin

erschaffen.

Er ist vor Allem

und das All(es) ist in ihm zusammengehalten.

Und er ist der Kopf des Leibes, der Kirche.

Er ist der Ursprung,

der Erstgeborene aus den Toten,

auf dass unter Allen er der Erste würde.

Denn es hat dem ganzen Pleroma Gottes

gefallen,

in ihm zu wohnen

und durch ihn zu versöhnen das All(es)

auf ihn zu.

    Die Enthüllung des universalen Mysteriums durch "Gott" ist abhängig vom Bewusstsein des Empfängers. Ja: nur im menschlichen Bewusstsein - in dieser Kombination von Herz und Kopf - kann sie geschehen. Das Geheimnis wird zur Wahrheit, griech.: aletheia - Unverborgenheit. Das ewige Nun (E 3,5) offenbart sich immer wieder bis zum Ende der Zeiten in konkreten Menschen, in Jesus, in Buddha, in Teresa von Avila, und in ihrem GEIST in Dir und mir. Das Dritte Auge öffnet sich; eine transrationale Bewusstheit, die Ratio und liebende Emotion integriert hat, ist gewachsen oder ist überraschend da: DAS ist es.

Paulus benennt dieses universale Mysterium des Seins:  CHRISTUS.

    "Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie."

(Franz Kafka: Tagebücher 1910-1923 - Kapitel 13, 18. Okt. 1921)