Dass die Eucharistie einen reichen Schatz an Lebensfülle, Weisheit und Transformationspotential  in sich birgt, habe ich (geb. 1941) in unterschiedlichen Situationen erfahren.

Einige persönliche Impressionen:

Der lebenslange Weg der Verwandlung und Selbstwerdung


  „Die Verwandlung unseres unerlösten Lebens in ein heiles und befreites Leben“ (Anselm Grün: Eucharistie und Selbstwerdung, S.60), die in der Eucharistie oder im Abendmahl gefeiert wird, muss vorbereitet und verwirklicht werden im alltäglichen Leben.


  In die unten dargestellten graphischen Modelle einer lebenslangen Transformation sind Grundüberzeugungen der „Metaphysischen Anthropologie“ Karlfried Dürckheims, einer Transpersonalen Psychologie, der Bioenergetik von A. Lowen, des „Diamantenen Weges“ von A.H. Almaas und einer ganzheitlichen christlichen Spiritualität (Anselm Grün, Richard Rohr, Johannes Tauler u.a.) eingeflossen.

-  Taize: Morgengebet mit Kommunionfeier (Persönliches Beten und Meditieren in 20-minütiger Stille:  „Ganz weg“ und zugleich „voll da“ sein; tiefe Verbundenheit mit Christus, die im Empfang von Leib und Blut Christi einen leibhaftigen symbolischen Ausdruck findet)

-  Abendmahl im familären Kirchenraum einer evangelischen Gemeinde (Fest der Einheit mit Christus und untereinander: in kleinen Gruppen umstehen die Gläubigen im Kreis den Altar und essen von dem Einen Brot und trinken aus dem Einen Kelch)

-  Eucharistiefeier bei Exerzitien (kleine Mahlgemeinschaft von Menschen, die sich einander geöffnet haben und einen gemeinsamen spirituellen Weg gegangen sind)

-  Lateinisches Hochamt im Kölner Dom (Empfinden von universaler Verbundenheit mit christlichen Vorfahren, ihren Schicksalen und Traditionen, mit Menschen vieler Hautfarben und Sprachen, mit himmlischen Mächten und Kräften)

-  Bergmesse oberhalb des Züricher Sees nach erster Landung auf dem Mond (1969) - der neue Blick auf unsere Erde: ein kostbarer blauer Edelstein auf schwarzem Samt (Bewusstsein: „wir sitzen alle in einem Boot“, Lobpreis und Verantwortung für die eine kostbare Erde, Verwandlung in die Neue Stadt Gottes)

  Die Eucharistie- oder Abendmahlsfeier - ein Weg der Verwandlung, der Menschwerdung, der Kon-Formation, der Gleichgestaltung mit Christus, der Trans-Formation in das Wahre Selbst des Menschen hin zu einer mystischen Einheit mit „Gott“?

Vier Kostbarkeiten der Eucharistie sollen auf dieser und weiteren Seiten ins Licht gehoben werden:

-  Eucharistie und Selbstwerdung des Menschen (Kon-Formation mit Christus)

-  Manna in der Wüste für (nur) einen Tag - verborgen und süß wie Honig

-  Offene Tischgemeinschaft (Inklusion statt Exklusion)

  1. - Kosmische Liturgie und Christogenese des Universums

1.   Lebenslange Wandlung und Selbstwerdung

Trans-formation und Kon-formation mit Christus

Entwicklung eines „Falschen Selbst“, einer konditionierten Persönlichkeit, die die ursprüngliche Wesensgestalt verstellt


  In der Regel wird die ursprüngliche Wesensgestalt schon bald nach dem Eintritt des Menschen in das raumzeitliche Leben mehr oder weniger verstellt, überdeckt durch viele „Häute und Felle“ (Johannes Tauler), verhüllt und vergessen.

  Das wachsende Ich-Bewusstein bleibt oberflächlich, die errungene „Persönlichkeit“ (Almaas) richtet sich ein in erfolgreichen Rollen und Verhaltensweisen, die scheinbare Sicherheit geben. Verblendet nimmt das „Welt-Ich“ (Dürckheim) nicht mehr wahr, dass es ein „Falsches Selbst“ (R. Rohr) gestrickt hat.

  Ihr GRUND-Konsens besteht in der Überzeugung, dass jeder Mensch in seinem tiefsten Innern, in seinem Kern geprägt ist von unzerstörbarer überraumzeitlicher Göttlicher Essenz (die Alles in Allem erfüllt). Im Grunde unbegreifbar, hat diese wirklichste Schicht der Wirklichkeit unterschiedliche Namen gefunden: „SeelenGRUND“, („SeinsGrund“) „Wahres Selbst“, „Einwohnung des Heiligen Geistes“, „Göttlicher Atem“ (in Allem, was existiert), „Glückseliges Licht“, „Christus-Natur“ (jeder Wirklichkeit), „Kostbare Perle“, „Unsterblicher Diamant“,  „Buddha-Natur“, „Atman“, („Brahman“), „Liebe“ (die Alles in Allem erfüllt) ...


  DIeser innerste Tempelraum kann einem erscheinen wie totale Leere - einsam, weg- und bildlos  -, über den ich nicht verfügen kann, den ich nicht mit Vorstellungen und Gefühlen besetzen und besitzen kann. Er kann auch aufleuchten als Fülle, Seinsverbundenheit mit Allem, reines Bewusstsein und Glückseligkeit:

  Mein wahres Wesen - inwendig jenseits all meiner Ego-Kondtionierungen. Unverlierbar vorgegeben, verborgen und voller Energie drängt es alle Schichten meines Daseins zu durchströmen und Stufe um Stufe Gestalt und Form anzunehmen.


  Altchinesische Zen-Meister haben die lebenslange Suche nach dem Wahren Selbst in der berühmten Parabel vom Ochs und seinem Hirten in zehn Stationen dargestellt. Im Westen ist sie bekannt geworden durch zehn markante Tuschezeichnungen aus Japan.

  Der Hirte - das empirische Ich mit seinen Konditionierungen, fixierten Selbstbildern und ständig wechselnden Gefühlen und Gedanken – erfährt, dass er sein Wahres ursprüngliches Wesen, das Atman – versinnbildlicht durch das uns Europäern fremde Bild eines Ochsen oder Wasserbüffels - nie verloren, aber immer wieder verschleiert und vergessen hat. Er entdeckt wie die Mystiker aller Kulturen und Epochen, dass sein ewiges Zuhause, das Brahman, der Göttliche Grund – bildhaft dargestellt durch den weißen Zen-Kreis - ihn immer und überall getragen hat und trägt. In der Regel muss er lange den Übungsweg gehen, die Schattenkräfte der eigenen Seele integrieren und alle Konzepte und Identifikationen loslassen, bis er sein Wahres Selbst / den Göttlichen Grund als wort-, farb- und formlose Leere  erlebt. Auch dieses Stadium (Bild VIII) muss er übersteigen und zurückreisen in die Vielfalt und Buntheit seines alltäglichen Lebens.

  Diese buddhistische Parabel hat mir das Mysterium auch des christlichen Lebensweges tiefer erschlossen. Auf zehn Webseiten unter „Wahres Selbst“ habe ich Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen ihrer 10 Stationen mit christlichen GRUND-Anschauungen entfaltet.


   Besonders meine Ausführungen zur V. Station (www.adolf.frahling.de/Web-Site/V.Innerer_Einklang.html) können hilfreich sein für ein tieferes Verständnis der christlichen Selbst-Werdung.

  Die Eucharistiefeier ist für kath. Christen ein Ort der Einübung in eine echte Selbstwerdung und der Verwandlung unseres unerlösten Lebens in ein freies, erleuchtetes Leben. Ihr Zentrum bildet nicht eine magisch-materialistisch missverstandene Transsubstantiation, sondern der individuelle und gemeinsame Weg der Wandlung „durch, mit und in Christus“. Die Hl. Messe schenkt nicht automatisch und auf magische Weise eine innere Verwandlung. Erst die alltäglich eingeübte Transformation des inneren und äußeren Lebens führt zu einer intensiveren Vereinigung mit Christus in der Eucharistie; anderseits kann eine lebendige Teilnahme an der Eucharistie die Selbstwerdung und die lebenslange „Imitatio Christi" beflügeln.

  Eine innere Metamorphose, eine existentielle Verwandlung geht einer fruchtbaren Eucharistiefeier immer schon voraus, kann aber in ihren Symbolen und Riten immer wieder vergegenwärtigt, vergewissert und bewusster realisiert werden.

Gleichgestaltung mit dem Christus-Mysterium


  Paulus hat in seinen Briefen Grundzüge einer Wandlung, einer Symmorphose und Metamorphose der Christen in das Ur-Bild Christi entworfen.

-  Röm 8, 29: „Die Gott im voraus erkannt hat, hat er dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben“ (wörtlich übersetzt: dem Bild, der Ikone seines Sohnes symmorph zu werden), „damit er sei: Erstgeborener unter vielen Brüdern.“

-  2 Kor 3, 18: „Wir werden in dasselbe Bild verwandelt“ (metamorphoumetha = Präsenz, nicht Futur!)

-  Röm 12,2: „Gleicht euch nicht den Schemata dieses Äons an (syschematisesthe), sondern verwandelt euch, wagt die Metamorphose (metamorphousthe) durch die Erneuerung des Denkens (nous - Vernunft, Bewusstsein); verwandelt, transformiert euch durch die Erneuerung eures Bewusstseins.“

„Dem Bild Christi kon-formiert werden“ ist ein dynamisches Geschehen. Wir nachvollziehen das Christus-Mysterium, das die Wesensstruktur eines jeden Menschen ausmacht. Mit der Zeugung und Geburt nimmt der überraumzeitliche Seelenfunken eine individuelle vergängliche Gestalt an („Inkarnation“). Erst allmählich entdecken wir in und unter unserer konkreten Lebensgeschichte unser wahres

Prozess der Transformation und Selbstwerdung


  Den Weg der Verwandlung vom Ego, das sich identifiziert mit brüchigen materiellen, sozialen und geistigen Errungenschaften, zum wahren Selbst haben spirituelle Meister - jüdische, buddhistische, hinduistische, christliche, islamische - in unterschiedlichen Modellen und Facetten gelebt und zur Sprache gebracht. In den Grundstrukturen stimmen diese „Weisungen ins wirkliche Leben“ überein: Der Mensch hat auf seinem Lebensweg viele Wandlungen und Transformationen zu bestehen und einzuüben. Meistens erst nach der Lebensmitte und in der Regel ausgelöst durch die Erfahrung von Trauer, Schmerz, Ohnmächtigkeit oder unstillbarer Sehnsucht gelangt er zum Bewusstsein seines unverlierbaren göttlichen Wesens. Er erkennt, dass sein Wahres Selbst aber aufgrund von Ego-Kräften verdunkelt, verschleiert oder blockiert ist. In einem lebenslangen Prozess der Abkehr und Einkehr, des Loslassens und der Hingabe, des Leerwerdens und der Transparenz für das göttliche Sein in ihm gewinnen seine essentiellen Kräfte (Mit-Sein, klares Bewusstsein, kraftvolle Energie, Freude) an Raum und Intensität.

  Die „Essenz" (Almaas), das „Große Leben" (Dürckheim), das „Christus-Pneuma" (Paulus) will in allen Schichten seiner Existenz, im Fühlen, Denken und Verhalten offenkundig werden und auch die von ihm gestaltete Welt bestimmen.

  Die Gleichförmigkeit mit Christus ist keine moralisch-idealistische Selbst-Überforderung, sondern der natürliche Entwicklungsweg des Menschen. Im Wesentlichen besteht er aus zwei Momenten: Bewusstsein entwickeln für das angeborene wahre (Christus-) Wesen und durchlässig werden für diese Ursprüngliche Wesensgestalt in allen Bereichen der eigenen Person, in Herz, Kopf, Bauch und Hand.. Es ist weder eine übermenschliche noch wesensfremde Gestalt und Form.


  Christlich gesprochen ist diese existentielle Wandlung, diese lebenslange Trans-Formation bzw. Metamorphose des Menschen eine Kon-Formation bzw. Symmorphose (Gleichgestaltung) mit dem umfassenden Christus-Mysterium; sie eliminiert nicht einfach individuelle Dispositionen und (Fehl-) Entwicklungen, sondern „verklärt“ das persönliche Gewordensein von Innen heraus. Verwundungen bleiben Merkmale jedes Auferstandenen; unsere „verklärte Leiblichkeit“ verliert aber ihre Begrenztheit und kommuniziert mit Allem.

  Damit der Mensch zu sich Selbst kommt und wächst in der Gleichförmigkeit mit Christus,

sind stille Zeiten der persönlichen Einkehr notwendig, auch während der Feier der Eucharistie. Viele Teilnehmer sind dankbar für Pausen, für Minuten eines gefüllten Schweigens, die das ständige „Wortgeklapper“ unterbrechen. Geeignete Leerstellen sind die „Gewissenserforschung“ vor dem Bußakt, das „Sacken Lassen“ von Worten der Lesung, des Evangeliums oder einer mystagogischen Predigt und das Innere Gebet nach der Kommunion. Zu empfehlen ist auch, sich Zeit zu lassen und zu sich Selbst zu kommen vor und nach dem Gottesdienst.

  Inspiriert durch die Weg-Weisungen dieser beiden spirituellen Meister, könnten einige der Schritte in die ersehnte Selbstwerdung und Symmorphose mit Christus in der Abendmahls- und Eucharistiefeier bewusster vollzogen werden.

Komm, heiliger Geist.

Fließe in uns, Pneuma Christi.

Ströme in uns, Göttlicher Atem.


Komm, Licht der Herzen,

süßer Gast der Seele,

süße Erfrischung.

O glückseliges Licht,

fülle die Tiefen des Herzens.

Ohne dein lebendiges Wehen

Ist nichts im Menschen heil und gesund.

Wasche, was schmutzig ist.

Tränke, was ausgetrocknet ist.

Heile, was verwundet ist.

Mache biegsam, was verhärtet ist.

Lass entbrennen, was erkaltet ist.


Taue auf, was vereist ist.

Kläre, was getrübt ist.

Mach sehend, was blind ist.

Lass grünen und blühen, was abgestorben ist.

Weite, was ängstlich ist.

Mach beweglich, was gelähmt ist.

Wecke auf, was schläft.

Öffne, was verschlossen ist.

Lass fließen, was blockiert ist


(Pfingstsequenz um 1220)

   „Eingeschlafen in Gefängnissen“ (Rumi), d.h. gefangen in fixierten eigenmächtigen Fühl-, Denk- und Verhaltensmustern spürt es schließlich kaum noch, wie weit und lebendig der essentielle Innenraum seines Wahren Selbst ist.

Die mentale Abwehr dieser unverfügbaren Wesenebene in ihm wirkt sich auch aus auf Gefühle und Körperlichkeit. In der Gefühlsschicht führt dieser meist unbewusste Widerstand zu Unterdrückung authentischer Gefühle und zu Ersatzgefühlen; und in der Muskelschicht häufig zu chronischen Verspannungen, zu muskulären Panzerungen und blockierten Chakren (s. A. Lowen: Bioenergetik).


  Haltungen und Verhaltensweisen, die im Grunde eine De-Formation anzeigen, eine Entfremdung vom Wahren Wesen, also „unnatürlich" sind, erscheinen schließlich als ganz natürlich und „menschlich".

- Anselm Grün: Eucharistie und Selbstwerdung, Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach 1990

- Karlfried Graf Dürckheim: Der Alltag als Übung. Vom Weg zur Verwandlung, Huber Verlag Bern 1987, 9.Auflage

- A.H.Almaas: Essenz, Der diamantene Weg der inneren Verwirklichung, Arbor Verlag Freiamt im Schwarzwald 1997

- Richard Rohr:  Das Wahre Selbst: Werden, was wir wirklich sind, Herder Verlag Freiburg 2013

  Der bekannte Benediktinermönch Anselm Grün hat in seiner Broschüre „Eucharistie und Selbstwerdung“ die „fünf Speichen im Rad der Verwandlung“, die der Begründer der „Initiatischen Therapie“. Karlfried Graf Dürckheim in „Der Alltag als Übung“ expliziert hat (Kritische Wachheit, Loslassen, Eingehen in den Grund, Neuwerden, Bezeugung und Bewährung im Alltag), aufgenommen, variiert und auf das innerlich-aktive Mitfeiern der Eucharistie bezogen: „Der Weg menschlicher Selbstwerdung vollzieht sich in vier Schritten: im Annehmen, Loslassen, Einswerden und Neuwerden... Diese vier Schritte der Menschwerdung bilden auch die Struktur der Eucharistiefeier“ (Grün S.14)

November 2013 - 2016

Unterschiedliche Transparenz des Wahren Wesens durch alle Schichten hindurch


  Nach dem indischen Heiligen Ramakrishna (1836-86) gibt es vier Gruppen von Seelen: die gebundenen, jene, die sich nach Befreiung sehnen, die befreiten und die schon-immer-freien. Er beschreibt mit dieser Klassifizierung den jeweiligen Ist-Zustand von erwachsenen Menschen.

  Meine graphischen Modelle zu Selbstwerdung und Transformation zeichnen - in plakativer Gegenüberstellung - den Entwicklungstand der gefangenen + sich nach Befreiung sehnenden Menschen (Modell I) und der befreiten + immer freien Menschen (Modell II). Sie erwecken vielleicht den Eindruck von unrealistischer Schwarz-Weiß-Malerei. Im wirklichen Leben  geht die individuelle Entwicklung in sehr unterschiedlichen Abstufungen und Phasen vor sich. Weil ein überraumzeitliches Heilsein jeden Menschen ursprünglich prägt, entpuppen sich die meisten nach ihrer körperlichen Geburt als „Sonnenkinder“, auf andere aber fallen schon früh spürbar dunkle Schatten. DIe einen sind genetisch und sozial reich gesegnet, die anderen weniger reich. Fast alle entwickeln als Kinder not-wendige Überlebensstrategien, die ihre ursprüngliche Offenheit und Lebensfreude blockieren. Aber der Grad und die Dauer solcher Abwehr und Abspaltung ihres Wahren natürlich-christischen  Wesens („anima naturaliter christiana“ - Tertullian um 200 n.Chr.) sind individuell höchst unterschiedlich. Und so begegnen uns zu unserer Verwunderung und Faszination auch immer wieder Menschen, die offensichtlich Befreiung erlangt haben oder sogar immer schon zu den Freien zählten.

  Aber auch ihr Prozess der Wandlung und Transformation ist erst mit ihrem körperlichen Tod beendet und schreitet nach Ansicht der Religionen sogar nach dem raumzeitlichen Lebensende weiter fort („Fegefeuer“, „Bardo“ - unterschiedliche Bewusstseinszustände, „Reinkarnation“).

Graphisches Modell I - Entwicklung eines „Falschen Selbst“

Graphisches Modell II - Selbstwerdung: Transparenz für inwendige Transzendenz

Tibetisches Kalachakra-Mandala mit pneumatischem Christus als psycho-physisches Modell des Menschen

Johannes ruht am Herzen Jesu (Joh 13,23) ca. 1320

Pfingsten (Westfälischer Meister - um 1370)

Verschattungen,Verschlossenheit,

Blockaden, Verwundungen,

Verblendungen, Abspaltungen

Durchlässigkeit, Klarheit, Fließende Energien, Offenheit, Transparenz


  1. 1.Sammlung auf unser Christus-Wesen hin und „Kritische Wachheit“ für Blockaden, Verhärtungen und Verwundungen. Ehe der kultische Gottesdienst beginnt: --- sich sammeln vor dem Angesicht Gottes, stille Konzentration sowohl auf die eigene Herz-Mitte, auf mein ursprüngliches lichtvolles Angesicht als auch auf mein Gewordensein.  IHM alles anvertrauen, vor IHM keine Geheimnisse haben. Im Bußakt die Wahrheit meines Lebens anschauen, Schatten- und Sonnenseiten, aber nicht in Sünderpose, Zerknirschung und Selbstbestrafung. Wahrhaftig das in den Blick nehmen, was der Wesensfühlung und der Transparenz des Wesens durch alle Schichten hindurch im Wege steht. Das Licht der Bewusstheit auf Fehlhaltungen, Blockaden des Wahren Selbst und blinde Flecken fallen lassen und alles annehmen (Der übliche Bußakt und das Sündenbekenntnis bewirken wegen ihrer  Formelhaftigkeit und der rasanten Geschwindigkeit, mit der sie „über die Bühne gehen“, häufig nur ein diffuses Schuldgefühl, aber kein differenziertes Bewusstsein für eigene Fehlentwicklungen).

  1. 2. „Loslassen des Ichs, des Falschen Selbst, d.h. mentale, emotionale und leibhaftige Fehlhaltungen auflösen. Mit Christus sterben. Identifikationen mit vergänglicher Ego-Persönlichkeit loslassen und „opfern“.  Brot und Wein als Ding-Symbole unserer verwandelnden Arbeit in der Weinkelter und im Feuerofen unseres Alltags verstehen. Alles, was mir bewusst ist, auf die Patene legen (Gabenbereitung) und zu Gott erheben (Elevatio der eucharistischen Gaben durch den Priester). Alles „Gott“ hinhalten und ihm überlassen.  Das ist  kein bequemer, rituell abgehobener Akt, sondern ein schmerzliches Aufgeben und Sich-Trennen von Fehlidentifikationen (Festhalten an Besitz, Status, Ruhm, Ego-Ansprüchen ...). Mit Jesus leer werden, sich in seine Kenosis (= Leerwerdung) einlassen. In den Riten von Gabenbereitung und Wandlung alles Egohafte „drangeben“, brüchige Identifikationen aufgeben und (im Anblick des Kreuzes) das annehmen, was mein Leben durchkreuzt; viele kleine Tode sterben. Denn „unser alter Mensch (unser Falsches Selbst) ist zusammen mit Christus gekreuzigt worden“ (Röm 6,6).

  1. 3. „Eingehen in den Grund“. Kleine Seinsfühlungen oder gar eine Große Seinserfahrung  bedeuten zugleich die Erfahrung des eigenen Wesens und umgekehrt. Sich hingeben zusammen mit Christus.  Einswerden mit der Gottheit im heiligen Mahl, in der Kommunion, wenn wir Leib und Blut Christi essen und trinken. Zulassen, dass das Christus-Mysterium alle Schichten unserer Person durchströmt und neu belebt. Wir werden, was wir essen: Leib Christi, und so werden wir eins mit „Gott“ und miteinander in unserem tiefsten unverlierbaren Wesen.

  1. 4. „Neuwerden“ als nie abgeschlossene Verwandlung und Gestaltwerdung der eigenen Person und der Welt; wachsende Transparenz für Transzendenz, für das „Inbild“ und „Urbild“: Christus. Sich verwandeln lassen in dem Ritus der Wandlung und Kommunion; Leib Christi empfangen und mit allen Zellen Leib Christi werden; gleichförmig, eins werden mit Christus; sich mit „ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit allen Kräften und Gedanken“ in das Mysterium von Tod und Auferstehung einlassen.  Christus lässt sich „leibhaftig“ in seiner verklärten und ungebundenen Materialität berühren und symbolhaft-körperlich in unsere leiblich-geistige Existenz hinein assimilieren. Essen und Trinken von verwandeltem Brot und Wein werden symbolhafter Ausdruck dafür, dass wir die Energie, das Pneuma und die Liebe Christi leibhaft-geistig in uns aufnehmen  und dadurch in allen Schichten unserer Existenz umgewandelt werden.                                                                                                      Diese äußerst dichte Symbolhandlung heißt es bewusst nachzuvollziehen im äußeren Vollzug und vor allem im nachfolgenden Inneren Gebet. Die zeichenhafte leibhafte Vereinigung mit dem Auferstandenen ruft und drängt nach einer bewusst vollzogenen pneumatischen Vereinigung im Inneren Gebet.                           (Eine intensive Kommunionfrömmigkeit ist leider „aus der Mode gekommen“. Nur selten wird eine stille Zeit nach dem Kommunionempfang bewusst eingehalten und gestaltet und noch weniger mystagogisch vorbereitet. Bestimmte Formen, die ein persönliches Sich-Vereinen-mit-Christus förderten - beten mit den Händen vor den geschlossenen Augen, stille Frühmessen u.a. - werden heute eher als zu individualistisch und dem Gemeinschaftscharakter der Eucharistie abträglich desavouiert. Bestürzend ist auch der Wandel in Gestaltung und Gebrauch der Gebets- und Gesangbücher für den Gottesdienst. Gebete von Mystikern und Heiligen vor und nach der Kommunion sind eliminiert, Anregungen zum persönlichen Beten in Alltagssituationen minimiert worden. Zudem werden die zur Verfügung gestellten Exemplare fast nur noch für den Gesang gebraucht.) 

  1. 5. „Bezeugung und Bewährung im Alltag“: „Jede Lebenssituation ... kann zum Anlaß werden, das Rad der Verwandlung weiterzudrehen und alle Schritte zu vollziehen: kritische Erkenntnis der eigenen Fehlhaltungen, Loslassen, Einswerden in völliger Hingabe, Zulassen und Aufnehmen des Inbildes und Bewährung im rechten Vollzug.“ (Dürckheim S. 120) In Christus durchlässiger geworden und im tiefsten Wesen eins mit Menschen neben mir und überall, können wir das In-sein in Christus und Mit-Sein im alltäglichen Hier und Nun bewusster wahrnehmen und verwirklichen.

Aus Predigten des Mystikers Johannes Tauler (1300 - 1361):


  „Das heilige Sakrament verzehrt und löst auf alles Schlechte, Unnütze und Überflüssige, wirft es aus und hinweg, und Gott geht (in den Menschen) ein, und sobald er mit dieser Speise in den Menschen gekommen ist, so wirkt sich das in jeder Äußerung des Lebens aus, in der Liebe, der Gesinnung, den Gedanken, derart, daß alles neuer, lauterer und göttlicher wird. Dieses  Sakrament vertreibt die Verblendung und läßt den Menschen sich Selbst erkennen.“ (30. Predigt)


  „Willst du in Gottes Innerstes aufgenommen, in ihn verwandelt werden, so mußt du dich deiner selbst entäußern, aller Eigenliebe, deiner Neigungen, aller Tätigkeit, aller Anmaßung, (kurz) aller Weise, in der du dich selber besessen hast ... Je tiefer dieses Zunichtewerden (Zu-Grunde-Gehen) ist, um so wesentlicher und wahrer ist die Vereinigung ... So viel der Entäußerung, so viel des Gottwerdens ...

  Fändest du, daß das Sakrament dir eine Hilfe sei für die Entäußerung (des Deinen), so könntest du es zwei- oder dreimal in der Woche oder sogar täglich empfangen; du sollst aber zum Tisch des Herrn gehen, nur wenn du findest, daß dir dies zu deiner Entäußerung helfe.“ (31. Predigt)

2.   Wandlung und Selbstwerdung des Menschen -

die Eucharistie- und Abendmahlsfeier als symbolhafte Vergegenwärtigung und inspirierender Impuls

Schulgottesdienst des Erzb. Berufskollegs Köln (Sachsenring) in St. Maria im Kapitol

  „Wandlung“ ist wohl die wichtigste Kategorie im katholischen Eucharistieverständnis. Gemeint ist damit die „Transsubstantiation“ von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi. Seit Thomas von Aquin (13. Jahrh.) konzentrierte sich der theologische Blick immer ausschließlicher auf den Moment

in der Heiligen Messe, in dem der Priester über die Gaben von Brot und Wein die Konsekrationsworte aussprach: „Das ist mein Leib“ - „Hoc - est - corpus - meum“ und sie damit „verwandelte“. Eine solche Fokussierung mit entsprechender Inszenierung (der Priester sprach die durch eindrucksvolle Pausen voneinander abgesetzten lateinischen Worte gebeugt und fast beschwörend in die Gaben von Brot und Wein hinein) verstärkte fragwürdige theologische Verengungen: die „Realpräsenz“ Christi wurde reduziert auf Hl.Messe, eucharistische Gaben und Tabernakel; mit einer zunehmenden Klerikalisierung kamen die übrigen Anwesenden immer stärker in die Rolle von Nur-Betrachtenden; von ihnen wurde vorrangig ein fester Glaube an das Wunder der Transsubstantiation erwartet, und weniger ein persönliches Wachstum in der „Imitatio Christi“ gefördert.

  Mir geht es in diesen Überlegungen um ein existentielles Verständnis der eucharistischen Wandlung. Die eigentliche Wandlung der Messe besteht in der Verwandlung der teilnehmenden Menschen. Die „Transsubstantiation“ bzw. „Transsignifikation“ von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi geschieht um der Verwandlung der Versammelten willen. Sie selber sollen der „Leib Christi“ werden. Die Wandlung der „Früchte der Erde“ geschieht in Beziehung zur Transformation der Teilnehmer. Diese legen mit Brot und Wein ihre Freuden und Leiden in die Opferschale, sie lassen sich hineinnehmen in die Hingabe Christi, in sein Sterben und Neuwerden, und so gehen sie weiter voran auf ihrem Weg der Gleichgestaltung (Konformation) mit Christus hin zur wahren Menschwerdung.

Selbstwerdung mit Hilfe des Enneagramms

  Unser „Kleines Ich“, unser „Pseudo-Selbst“ ist ein sich ständig veränderndes Konstrukt und vergänglich, spätestens im Tod wird es sterben. Unsterblich ist der Göttliche GRUND in uns. Fast absurd ist es, dass wir das am Leben erhalten und konservieren wollen, was zum Sterben bestimmt ist. „Wir verlieben uns - zumal in der ersten Lebenshälfte - eher in das Sterbliche und Vergehende als in das, was lebt und ewig leben wird.“ (R. Rohr 77)

  Diesem illusionären Ego-Trend gilt es ein offenes Gewahrsam für das unzerstörbare ursprüngliche Wesen entgegenzusetzen. Ein „Zu-Grunde-Gehen“ in zweifachem Sinne ist angesagt: eine Kultur der kontemplativen Einkehr in den WesensGRUND und eine Einübung in das Sterben unseres „Falschen Selbst“. Letztlich haben wir überhaupt keine andere Wahl als zu sterben und alles, an das sich unser Ego klammert, loszulassen. Immer wenn wir Identifikationen mit Rollen, Status, Besitz etc. oder fixierte (auch religiöse!) Weltbilder aufgeben, sterben wir einen kleinen Tod. Existentielle Wandlung und wahre Menschwerdung sind not-wendig mit vielen kleinen Toden verknüpft. Und so gründet wahre menschliche Transformation auf der Öffnung des Herzens zum ursprünglichen Wesen und auf der „Übung des Alltags“, die primär ein Prozess der Ent-wöhnung, des Ver-lernens ist.

  DIe Transformation beginnt in der Regel mit einer Re-formation, mit einer Rück-Formierung. Zunächst müssen gewohnte Lebensmuster, angelernte Ansichten, gewachsene De-formationen zurückgelassen bzw. rückentwickelt werden.

„Der Mensch soll sich innerlich in allen Dingen hineinbilden in unsern Herrn Jesus Christus, so dass man in ihm einen Widerschein aller seiner Werke und göttlichen Erscheinung finde. Und es soll der Mensch in vollkommener Angleichung, soweit er´s vermag, alle Werke Christi in sich tragen. Du sollst wirken, und Christus soll Gestalt annehmen.“

(Meister Eckart: Reden der Unterweisung 18)

ursprüngliches Gesicht („Sohn Gottes“, „Tochter Gottes“) und unser Einssein mit dem ewigen Mysterium der Einen Wirklichkeit („Vater“); in liebevoller Verbundenheit mit allem, was existiert, werden unsere eigenmächtigen Ego-Kräfte immer mehr durchkreuzt („Leiden“, „Kreuzigung“), bis schließlich spätestens im Tod unsere Wahre Eine Natur freigesetzt wird („Auferstehung“).

Eucharistiefeier  -  Abendmahl: 

Verwandlung und Selbstwerdung

Transformation und Konformation mit und in Christus

Bestandteil des Gottesdienstes in Taizé:  20-minütiges Schweigen

  Die Überlegungen zu der dankbaren Feier von Transformation, Selbst-Werdung und Gleichförmigkeit mit Christus mögen manchem als zu individualistisch erscheinen. Ein Pendant dazu werden die weiteren eucharistischen Betrachtungen zur Verwandlung des Miteinander („Offene Tischgemeinschaft“) und unserer Erde („Kosmische Liturgie“) bilden.

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Eucharistie - Abendmahl:

MANNA

- auf dem Weg durch die Wüste

- für (nur) einen Tag

- verborgen und süß wie Honig