Thomas Zacharias: Aussendung des Geistes (1966)

1.   Kosmologische Deutung des Holzschnittes: Geist Gottes in Allem


  Ich lese dieses Bild als künstlerisch-theologische Darstellung des ganzen Kosmos.

Schon im Ur-Anfang des Universums „schwebte die Ruach Jahwe (die „Geistin Gottes“) über der Urflut“

(1 Mose 1, 3).

  Im Buch der Weisheit heißt es: „Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis.“ (1,7), „In allem ist Dein unvergänglicher Geist.“ (12,1)

  Dieser lebenschaffende und lebenerhaltende Geist wird von Hildegard von Bingen als „Grünkraft“ bezeichnet; sie spricht von einem grünenden Gott“.

  Kirchl. Gebet: „ Sende aus Deinen Geist, und Du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“

Kirchenlied (GL 249): „Der Geist des Herrn erfüllt das All mit Sturm und Feuersgluten,

                                    er krönt mit Jubel Berg und Tal, er lässt die Wasser fluten.

                                    Ganz überströmt von Glanz und Licht erhebt die Schöpfung ihr Gesicht,

                                    frohlockend: Halleluja!“


  Bedenkenswert sind auch interreligiöse Bezüge:

Der chinesisch-taoistische Begriff „Qi“ bedeutet wie „pneuma“ im NT Luft, Atem, Energie, Fluidum. Nach Auffassung des Taoismus durchdringt und begleitet das Qi alles, was existiert und geschieht

(vgl. die „Grüne Tara“ im tibetischen Buddhismus).

  „Es ist der Geist, der die Urwasser ´bebrütet` ...  Es ist der Geist, der seit den Ursprüngen bis zur Vollendung das Aufblühen des ganzen Christus im Universum verwirklicht, das Erwachen aller zur Offenbarung der Söhne und Töchter  Gottes.“


  Henri le Saux genannt Abhishiktananda (Der, dessen Glückseligkeit Christus ist): Innere Erfahrung und Offenbarung, Innsbruck 2005, S. 116

  1. 2.Gesellschaftliche  Deutung des Bildes von Th. Zacharias:  Göttlicher Esprit in Gemeinschaften

Pfingsten

(Westfälischer Meister um 1370)

3.  Individuelle  Deutung des Zacharias - Bildes:  Christus-Pneuma in jedem Menschen


  Ich lese und ver-innerliche das Bild als Skizze der Landschaft meiner Seele und als Hinweis auf meine ureigene und zugleich Geist-erfüllte Transformatorische Arbeit.

  Kein anderer Text bzw. kein anderes Lied hat Menschen dazu so inspiriert wie die liturgische Pfingstsequenz aus dem 12. Jahrhundert:

Komm, heiliger Geist.

Komm, Licht der Herzen.

Süßer Gast der Seele.

Köstliche Erfrischung.

In Mühe und Arbeit: Beruhigung.

In Hitze: Kühlung.

In Leid und Tränen: Tröstung.

O glückseliges Licht,

fülle die Tiefen des Herzens.

Ohne dein lebendiges Wehen

Ist nichts im Menschen heil und gesund.

Wasche, was schmutzig ist.

Tränke, was ausgetrocknet ist.

Heile, was verwundet ist.

Mache biegsam, was verhärtet ist.

Lass entbrennen, was erkaltet ist.

(Auszüge)

Weiterführungen:


Komm, heiliger Geist.

Komm, Pneuma Christi.

Komm, Christus-Atem.

Taue auf, was vereist ist.

Lass fließen, was blockiert ist.

Kläre, was getrübt ist. 

Lass grünen und blühen, was abgestorben ist.

Wecke auf, was schläft.

Öffne, was verschlossen ist.

Weite, was ängstlich ist.

Erfrische, was stickig ist.

Mach sehend, was blind ist.

Mach beweglich, was gelähmt ist.

.......

.......

Noch tiefer geerdet werden können diese theologischen Aussagen über den Atem Gottes in uns durch Integration der Ergebnisse von Psychosomatik, Bioenergetik, Atemtherapien etc.

                                                  Übungen: Geist Gottes atmet in mir


                                                          Kurzfassungen nach Anthony de Mello   


Wahrnehmungsübung: Ich atme aus und ein


Beginne jede Übung, indem du die Empfindungen in verschiedenen Teilen deines Körpers bewusst wahrnimmst...

Dann werde dir deines Atems bewusst. Nimm die Luft wahr, die beim Atmen deine Nase durchströmt, ihre Kühle beim Einatmen, ihre Wärme beim Ausatmen. Spüre, wohin die Luft in deinem Körper strömt, in Lungen, Bauchraum...

Bewerte nicht, verändere nicht, beobachte nur, lass es atmen...



Religiöse Übung: Gott in meinem Atem


Bleibe ein paar Minuten bei der bewussten Wahrnehmung deines Atems....

Bedenke nun, dass die Luft, die du einatmest, mit der Gegenwart und Kraft Gottes erfüllt ist...

Stelle dir die Luft als ein riesiges Meer vor, dass dich umgibt... ein Meer, ganz getönt durch Gottes Liebe...

Die Luft, die du einatmest, ist Gott, mit jedem Atemzug atmest du Gott ein...

Gott – der Atem in meinem Atem, Gott atmet in mir....



Atem-Übung mit Mantren aus der Pfingstsequenz


Nimm deinen Atem bewusst wahr...

Während du einatmest, spüre, wie Gottes Geist dich erfüllt... Fülle deine Lungen mit göttlicher Energie....

Während du ausatmest, stelle dir vor, dass du alle deine Unreinheiten ausatmest.... deine Ängste... deine negativen Gefühle.......

(Entleere dich beim Ausatmen von Verschattungen (C.G Jung), Verdrängungen (S.Freud), Trübungen (Transaktionsanalyse), Fixierungen, Blockaden, Fehlentwicklungen....)

Lege ein Wort aus der Pfingstsequenz an deinen Atem: beim Ausatmen „Angst“, beim Einatmen „Weite“....

Atme aus: Verhärtungen, mentalen Müll, Trübungen....

Atme ein: Gottes lebenschaffenden Geist: Freude, Liebe, Klarheit, Einfachheit...

Wenn du das Enneagramm kennst, atme aus die „Wurzelsünden“ und atme ein die „Geistesfrüchte“ (Bequemlichkeit - Engagement, Eitelkeit - Wahrhaftigkeit, Furcht - Mut,  Rechthaberei - Heiterkeit, Maßlosigkeit - Nüchternheit, Geiz - Losgelöstheit, Unverschämtheit - Transparenz, Stolz - Demut, Neid - innere Balance).

Atme durch die Nase ein, und lass durch den Mund alle verbrauchte Luft restlos aus dem Körper ausströmen.

Stelle dir vor, wie dein ganzer Körper leuchtend und lebendig wird, weil du alle deine Unreinheiten ausatmest... und Gottes lebenspendenden Geist einatmest............

Literatur

- Anthony de Mello: Meditieren mit Leib und Seele, Kevelaer 1984 (Übung 5: Atem-Empfindungen; Übung 6: Gott in meinem Atem; Übung 7: Atem-Kommunikation mit Gott)

- Anthony de Mello: Dass ich sehe, Meditation des Lebens, Freiburg 1985 (Der Ozean)

- Anthony de Mello: Mit allen Sinnen meditieren, Freiburg 1997 (Gott liebt uns – Übung: Atemempfindungen; Lasst euch miteinander versöhnen – Übung: Gott atmen; Gott ist reich an Erbarmen – Übung: Gott atmen. Kommunikation ohne Worte)

- John Callanan: Meditieren mit Anthony de Mello, Freiburg 2000 (Den Geist zur Ruhe kommen lassen – Einleitende Übungen)


www.anthonydemello.info 

(Besonders aufschlussreich ist  Anthonys bebilderte Biographie, geschrieben durch seinen Bruder Bill)

Gottes Geist

als belebendes Wasser

und ansteckendes Feuer


  Blaue Wasserströme ergießen sich von einem Zentrum aus, verzweigen sich, bilden unvorhersehbare Seitenarme und kleine Seen, bewässern erdfarbene, teilweise wüstenähnliche Zonen, lassen sie ergrünen und erblühen. Die Ausbreitung geht nicht glatt vor sich: einzelne Arme stoßen auf Widerstand, andere versiegen in trockener Wüste.

Gleichzeitig springen rote Funken von diesem blau-roten Mittelpunkt über und bilden neue kleine feurige Zentren.

  Wie die ganze Schöpfung (Natur) nur existiert und lebendig bleibt durch den Lebensatem Gottes, so auch die Menschheit. Jede Gesellschaft lebt durch diese göttliche Geisteskraft und von geist-erfüllten, be-geisterten, „brennenden“ Menschen, die allem Ungeist widerstehen.

  In manchen Gemeinschaften wird das spürbar. Taizé ist für mich ein solches Geistzentrum, beseelt und ansteckend durch Gottes Esprit.

  Pneuma (Neutrum!) kann übersetzt werden mit Wind, Hauch, Atem, Geist, Energie.

   In der  Einheitsübersetzung heißt es: „Empfanget den Heiligen Geist!“ Sie fügt  zu „Geist“ das Geschlechtswort „den“ hinzu und verändert dadurch den Sinn des altgriechischen Originaltextes. Zudem wird in ihr „heilig“ groß geschrieben. Die Übersetzer wollen den Eindruck erwecken, als habe Jesus die Dritte Person innerhalb der Heiligsten Dreifaltigkeit, eben den Heiligen Geist mitgeteilt. Diese nachträgliche trinitarische Theologisierung und Personalisierung ist nicht nur exegetisch fragwürdig, sie raubt dieser Erzählung auch ihre Anschaulichkeit, Lebendigkeit, alltägliche Menschlichkeit und ihre spirituelle Sensitivität und Tiefe.


  Joh 7, 38f: „Jesus rief: ´Wenn einer dürstet, komme er zu mir und trinke. Wer an mich glaubt,... aus seinem Innern werden Ströme von lebendigem Wasser fließen`. Das sagte er von dem Pneuma, das alle empfangen sollten, die an ihn glauben.“

Joh 20, 22: Geist Gottes als Christus-Pneuma  

„Jesus hauchte sie an und sprach zu ihnen: Empfanget heiliges Pneuma!

  Nach dem Verfasser dieser österlichen Erzählung teilt der auferstandene Jesus, der überraschend in verschlossenen Räumen gegenwärtig wird, den angstvollen Jüngern Seinen Atem mit: er haucht sie an und deutet dieses An-Atmen als Mit-Teilen von Pneuma, das als heilig bezeichnet  wird.


  Dieses Anhauchen mit heiligem Pneuma durch den auferstandenen Jesus erinnert an das Lebendig-Machen des Erdlings „Mensch“ durch Gott am Anfang der Bibel:

„Und es bildete Jahwe Gott den Menschen (adam = Erdling, Der-aus-Erde) aus dem Staub von dem Erdboden (adamah) und er blies in seine Nase den Atem des Lebens. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (1 Mose 2,7)

Der Auferstandene erscheint der Maria Magdalena

Initiale aus dem Albani-Kodex um 1130

  Thomas Zacharias vollzieht in seinem Farbholzschnitt „Aussendung des Geistes“ (1966) eine Wende von einer „Pneumatologie von oben“ hin zu einer „Pneumatologie von unten bzw. von innen“. In der traditionellen Kunst (und in den Köpfen der meisten Zeitgenossen) wurde „heiliger Geist“ (griech.:  pneuma hagion) zumeist vorgestellt im Symbol einer Taube als persönliche Gabe Gottes, die in besonderen Situationen besonderen Menschen von oben geschenkt worden ist (Mariä Verkündigung, erstes Pfingstfest).

  Th. Zacharias greift andere biblische Überlieferungen auf: heiliger Geist als lebenschaffender Atem Gottes, als Christus-Pneuma in aller Schöpfung und in jedem Menschen.

Heiliger Geist: Atem - Esprit - Grünkraft Gottes

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Bewusstes und zugleich absichtsloses Atmen


  „Atmen, indem man nichts andres tut als atmen, das ist das größte Erlebnis, in dem sich nichts anderes ereignet als der Atem ... Der Mensch ... begibt sich grenzenlos hinein in sein Geheimnis, das alles Denken übersteigt. In diesem Atem ist der Mensch in dem Atem, der in allem ist, und er ist ganz in sich selbst ... Wer diesen Atem erlebt, kann die Autoren der Bibel verstehen, die die letzte und absolute Wirklichkeit mit Heiligem Odem – Sanctus Spiritus – Hagion Pneuma – Ruach benennen. ... Das Unendliche ist in jedem Menschen lebendig , präsent und wirksam im Atem.“


Johannes Kopp: Schneeflocken fallen in die Sonne, Annweiler 1994, S. 168 f



Alles, was atmet, lobe den Herrn. Halleluja


(letzter Vers der hebr. Psalmen, Ps 150, 6)







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