„Willst du gesund werden?“ (Joh 5, 6)

Die Widerstände eines Gelähmten gegen seine Heilung

Deutung einer biblischen Heilungserzählung

mit Hilfe einiger Aspekte der Transaktionsanalyse (TA)

  Innerhalb der Schriften des Neuen Testamentes ist eine Entwicklung und eine Ausweitung in der Christologie nicht zu übersehen, die auch nach der offiziellen Anerkennung von bestimmten Schriften als „heilig“ und „kanonisch“ nicht abgeschlossen ist. Es dauerte Jahrzehnte, bis das frühe Christentum allmählich begriff, dass sich in dem Auftreten des Jesus aus Nazareth eine alles Bisherige überstrahlende historische Epiphanie des Schöpfer-Christus ereignet hatte, und dass in Jesu Worten und Handlungen schon die Herrlichkeit des österlichen Pneumatischen Christus aufgeschienen war.

  Besonders der Evangelist Johannes, der an der Brust Jesu geruht und dessen „Herztöne gehört" hatte, entwickelte eine mystische Schau des Lebens Jesu. Seine wunderbaren Taten, Seine Heilungen etc. deutete er als Zeichen, in denen die Herrlichkeit Gottes sich offenbarte und die Jesus tun konnte, weil Er sich zutiefst eins fühlte mit allen Menschen und dem väterlichen und mütterlichen Urgrund alles Seienden, den er vertrauensvoll „Abba" nannte. Schon in den synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas) leuchtet diese verborgene und nur geahnte Göttlichkeit des historischen Jesus immer wieder auf (Ihre Glaubenszeugnisse wurden ja auch erst im Licht der österlichen Selbst-Offenbarung des Christus Jesus verfasst).

  Gerade die Heilungserzählungen vermitteln einen Eindruck von der menschenfreundlichen Liebe „Gottes", die immer und überall die Menschen trägt, die aber in dem Tun des Jesus aus Nazareth unüberbietbar anschaulich und hörbar wurde. Die Sym-pathie, das Mit-Leiden „Gottes“ mit den Verwundungen, Krankheiten und Schmerzen seiner Geschöpfe wird sichtbar in den anrührenden Gesten Jesu: Ausgegrenzte blickt er an, zu Kranken beugt er sich herab, blinde Augen heilt er durch Streicheln, Aussätzigen streckt er seine Hand entgegen und berührt sie angstlos, Tote fasst er an der Hand.

  Auf den Miniaturen des Codex Aureus (Goldenes Evangeliar von Echternach - um 1040) hat die körperliche Zuwendung des heilenden Christus einen faszinierenden Ausdruck gefunden.

  Da liegt ein Mensch schon 38 Jahre an der „Quelle des Heils" und wartet darauf, dass sich das Wasser bewegt - für ihn.

38 Jahre bewegungsunfähig darauf warten, dass sich etwas bewegt in seinem Leben.

Ein ganzes Menschenleben auf das große Wunder warten, das alles verändert.

38 Jahre Lahmheit und Unbeweglichkeit.

Er hat sich dran gewöhnt; seine Krankheit wird zum Lebensinhalt (Vers 5 wörtlich: „ein Mensch, sich haltend in seiner Krankheit“).  Aber eines Tages wird das Wunder doch geschehen - so hofft er.

Wir kennen diese verrückten Hoffnungen:

- Wenn wir umgezogen sind, dann hören die Streitigkeiten mit den Nachbarn auf.

- Wenn ich erst einmal Abitur gemacht habe, bin ich ein freier Mensch.

- Wenn ich erstmal verheiratet bin, dann wird es mir gutgehen.

- Wenn ich im Lotto gewonnen habe, bin ich nicht mehr einsam.

  1. -

  Alles wird erwartet von äußeren Faktoren in der Zukunft, von anderen Menschen, magischen Mächten, einem anderen Wohnort etc. Selbst kann ich nichts tun, um meine Lebensträume jetzt und hier zu realisieren, denn ich bin krank, kraftlos und gelähmt.

  Relativ emotionslos und ohne Körperkontakt geht Jesus  mit einem Kranken am Teich von Bethesda um.

  Aber zunächst die Erzählung von Johannes, der die Wirklichkeit in ihrer göttlich-menschlich-kosmischen Einheit schaut und in seinen zeit- und kulturbedingten Denk- und Sprachformen darstellt, und der hier die Erkrankungs- und Gesundungsszene am Teich von Bethesda gleichsam mit den Augen eines Transaktionsanalytikers durchschaut.

Die Heilung eines Gelähmten am Teich von Bethesda (Johannes 5, 1 -18)

Gekürzter Text der Erzählung (nach Fr. Stier)


  Jesus stieg hinauf nach Jerusalem. Dort gibt es beim Schaftor einen Teich namens Bethesda (Haus der Gnade) mit fünf Säulenhallen. In ihnen lagen viele Kranke („Kraft-lose"), Blinde, Lahme, Ausgezehrte, die auf die Bewegung des Wassers warteten. Denn ein Engel des Herrn stieg von Zeit zu Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als Erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.

Dort war auch ein Mensch, der achtunddreißig Jahre seine Krankheit hatte.

Als Jesus den sah, wie er dalag, und erkannte, dass er schon lange Zeit so verbringe, sagt er zu ihm: „Willst du gesund werden?“

Der Kraftlose antwortete ihm: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich trägt, wenn das Wasser in Wallung gerät. Derweil ich aber selber gehe, steigt ein Anderer vor mir hinab.“

Sagt Jesus zu ihm: „Steh auf! Nimm deine Bahre! Und geh einher!“  ----

Und sogleich ward der Mensch gesund, und er nahm seine Bahre, und er ging einher.

Schwerpunkte der Heilungs - Erzählung

  1. 1. Warten auf ein Wunder


  1. 2. Lähmung als psychosomatische Erkrankung


  1. 3. Neu-Entscheidung: Willst du gesund werden?


  1. 4. Opferspiele: Keiner hilft mir!


  1. 5. Therapie durch Jesus: Steh auf! Nimm deine Bahre! Geh einher!


  1. 6. Heilung des Menschen aus seiner Wesensmitte heraus

  Der Lahme am Teich von Bethesda antwortet Jesus nicht (aus seinem ER):

„Ja, ich will gesund werden. Ich nehme mein Leben selbst in die Hand!“

und auch nicht: „Nein, Ich habe soviele Vorteile durch meine Krankheit, die möchte ich nicht aufgeben: alle bemitleiden mich, andere hilfsbereite Menschen besorgen mir das Essen etc.“

sondern aus seinem Lieblings-Ich-Zustand, dem angepassten Kind-Ich: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich trägt.“ 

Ein „Jammerdepressiver"? Er spielt ein typisches Opfer-Spiel: die eigene Power wird abgewertet, ja abgegeben (Nicht-Kraft = wörtliche Übersetzung für a-sthenia - Krankheit). In dem Psycho-Spiel „Holzbein“ kennt er sich bestens aus. Ein versteckter Vorwurf wird gegen die so wenig hilfsbereiten Menschen erhoben. Als Lebens-Motto steht vielleicht auf seinem T-Shirt „Ich Ärmster" oder „Keiner hilft mir" oder „Wenn ich gesund wäre, dann würde ich ja  ...“


  Vielleicht ist das aber auch der Kern seiner Lebensproblematik: Ich habe keinen Menschen, der mich trägt. Diese traurige und vielleicht traumatische Erfahrung hat er nicht verarbeitet, sondern in Kraftlosigkeit und Unbeweglichkeit somatisiert.


„Derweil ich aber selber gehe, steigt ein Anderer vor mir hinab".  Erstaunlich ist, dass er die Möglichkeit sich nicht tragen zu lassen, sondern selber zu gehen, sogar ausspricht. Aber: ein Anderer ist schneller; die Andern sind fitter, besser, schöner, klüger, erfolgreicher - sie hindern mich daran, erfolgreich, klug, schön oder gesund zu sein.


  Der Gelähmte hat die grundlegende Lebenseinstellung: Ich bin nicht o.k. - die Andern sind o.k. Damit hat er eine Rechtfertigung für seine Lähmung gefunden. Er will nicht geheilt werden. Er zieht das Leiden an seiner Krankheit den Härten vor, die ein gesundes Leben mit sich bringt. Denn auch ein gesundes Leben hat einen gewissen Preis. Für die meisten von uns bedeutet es, dass wir Arbeit, Verantwortung und die Spannungen und Lasten des Lebens auf uns nehmen.


  Erstaunlicherweise sind manche Menschen lieber krank, als dass sie den Preis für das Gesundsein zahlen wollen. Manche Menschen, die Angst vor dem Leben haben, haben sich zur Regression entschieden, zum Rückzug in eine schützende Schale, in Krankheit, in ein psychisches Abwehrsystem. Er wird sich dem Gesundwerden widersetzen, denn er empfindet Leben und Gesundheit als gefährlicher und fordernder als Krankheit. Er wird seine Krankheit beklagen; er nutzt sie aber, um Zuwendung zu erpressen.


  Seine Passivität, seine Weigerung, Verantwortung für sich und seine Handlungen zu übernehmen, wird deutlich auch in dem anschließenden Dialog mit den Pharisäern: „Der Mann, der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Bahre und geh!“  Für die Übertretung eines jüd. Gesetzes, seine Heilung am Sabbat, macht er Jesus verantwortlich.

  Die Krankheitsgeschichte des Gelähmten und seine Heilung lassen sich mit Hilfe der Transaktionsanalyse (TA) tiefer verstehen. Dieses Analyse- und Therapiemodell geht aus von der Annahme, dass jeder Mensch aus drei verschiedenen Ich-Zuständen agieren und reagieren kann, die er bereits in der Kindheit entwickelt hat. Diese bestimmen die Art der Inter-Aktion (Kommunikation mit Anderen) und der Intra-Aktion (innerer Dialog).


  Eine ausbalancierte Ordnung aller drei Ich-Zustände mit dem ER als rationaler und verantwortungsvoller Schaltstelle ist häufig nicht gegeben. Wenn einem destruktiven Ich-Zustand die Oberhand überlassen wird, kann das zu erheblichen Störungen im psychischen und somatischen Haushalt des Menschen führen.

  Der Gelähmte am Teich Bethesda verhält sich passiv. Passivität im Sinne von TA bedeutet die Nicht-Aktivierung und Abwehr von drei ureigenen Kräften, den sog. "Drei Ps":

- Protection, dem Selbst-Schutz durch das internalisierte positive kritische Eltern-Ich

- Permission, Erlaubnis durch das fürsorgliche Eltern-Ich (Sich be-eltern), und vor allem von

- Power, der Kraft und Energie des konstruktiven freien Kindes in uns.

  Stattdessen wird das destruktive angepasste Kind-Ich mit seinen lebensverhindernden Grundbotschaften energetisch aufgeladen: Ich habe kein Recht zu leben! oder: Ich schaffe das nicht! Ich bin nicht so gesund wie andere! Ich muss mich schonen! o.a.

2.  Lähmung als psychosomatische Erkrankung

1.  Warten auf ein Wunder

+++++ Transaktionsanalyse  -  Ich-Zustände, drei Ps und Passivität  -   TA +++++

  Solche in der Kindheit übernommenen Grundeinstellungen können später, wenn sie unbewusst bleiben, zu körperlichen Leiden beitragen, deren Ursachen rein medizinisch nicht zu erklären sind. Plötzliche Erblindungen, Hauterkrankungen, Lähmungen im Sprech- und Bewegungssystem sind häufig unbewusste Ausdrucksformen von psychischen Problemen: sie somatisieren hintergründige seelische Konflikte. Ein ungelöster psychischer Konflikt wird auf körperliche Erscheinungen verschoben und dadurch eine Scheinlösung erreicht (Konversionsstörung).


  Unter der Krankheit der Lähmung leiden wir alle mehr oder minder, in einer kurzen Phase oder ein Leben lang. Wer hätte sich nicht schon einmal wie gelähmt gefühlt? Das Leben verlief resigniert, passiv, antriebslos; und vielleicht wurden auch körperliche Symptome dieser inneren Lähmung sichtbar.

  Aber der Grund für diese Immobilität von Körper und Geist lag eher in einer Unbeweglichkeit der Seele, in einer Art psychischem Totstell-Reflex. Tiefe Ängste, ob vor dem Versagen oder Schuldig-Werden in der Zukunft oder wegen einer resignativen Einschätzung des vergangenen Lebens, wurden fehlverarbeitet. Vielleicht trübte oder blockierte eine in der Kindheit übernommene Bann-Botschaft „Du hast kein Recht zu existieren!“ oder „Du wirst es nicht schaffen!“  die rationalen Einsichten und Neu-Entscheidungen des Erwachsenen-Ich-Zustands.

  „Das ganze Leben scheint an einer Stelle, unter dem Druck eines bestimmten Ereignisses, blockiert zu sein, und man kommt über diesen Punkt nicht hinweg; alles kreist um diese eine Stelle, an der das Leben stehenblieb, so als wären die Nervenleitungen zu den Armen und Beinen seither wie abgeklemmt" (s. die tiefenpsychologischen Interpretationen von bibl. Heilungsgeschichten  durch Eugen Drewermann).

Die Zuständigkeit und Verantwortung  für das eigene Leben wird verdrängt, die Bedeutung der eigenen Existenz wird geleugnet und man sieht sich als Opfer einer unmenschlichen Gesellschaft.

  Nach dieser psychosomatischen Deutung  basieren die muskulären Lähmungen des Kranken in Bethesda auf Verdrängungen; sie können geheilt werden, sobald die Angst verschwindet, die die Verdrängung erzwingt.

Die befallenen Organe bleiben selbst nach jahrelang anhaltender Blockierung ihrer Funktion weitgehend intakt. Nach Beseitigung der seelischen Störung können sie ihre normale Tätigkeit sofort wieder aufnehmen. Ein jahrelang Gelähmter kann also plötzlich wieder gehen.

TA: Trübung des Erwachsenen-Ich-Zustands (ER) durch das aK


Bei einer Trübung wird das ER, die rationale und verantwortungsvolle Schaltstelle des Menschen, durch das destruktive EL (Vorurteile) oder das destruktive K (Phobien, Einbildungen) überschwemmt und teilweise außer Kraft gesetzt.

3.  Neu-Entscheidung: Willst du gesund werden?

  Der Kranke, der da schon 38 Jahre am Teich liegt und auf das große Wunder wartet, wird von Jesus angesehen und „erkannt“. Jesus begegnet dem Lahmen liebevoll und durchschaut die Hintergründe seiner Krankheit. Mit der Frage: „Willst du gesund werden?" geht er direkt an den Kern des Lebensproblems des chronisch Kranken heran und „pro-voziert“ diesen dadurch: Er ruft ihn heraus aus seinen gewohnten Lebensmustern, aus Passivität, Bewegungslosigkeit, Einsamkeit. Jesus fragt nicht mit übertriebener Empathie: „Möchtest du evtl.?" oder: „Es wäre doch schön, wenn du wieder auf die Füße und  ans Laufen kämst." (Konjunktiv!!). Schon beim ersten Kontakt gibt er dem Gelähmten zu verstehen, dass dieser selbst mit seiner eigenen Kraft und Entscheidung angefragt ist. Jesus „betuttelt“ ihn auch nicht aus einem destruktiven überfürsorglichen Eltern-Ich, was dieser vielleicht erwartet hat - ist doch sein Lieblings-Ich-Zustand das angepasste, sich unglücklich fühlende, knatschige Kind-Ich. Jesus spricht „auf Augenhöhe“, von ER zu ER mit ihm: „Willst du wirklich? Gesund-werden könnte gefährlich werden. Bist du bereit, die Konsequenzen zu tragen, den Preis für deine Gesundheit zu zahlen: Neu-Organisation deines Lebens, Wohnungssuche, Broterwerb, Aufbau von Beziehungen etc.?“

Bevor der Bettler Bartimäus aus seiner Blindheit und Absonderung erwacht, wird er von Jesus gefragt:

„Was willst du, das ich dir tun soll?“ (Mk 10, 51)



Eine Kurztherapie in der TA stellt drei Fragen:


1. Was fühlst du?

2. Was denkst du?

3. Was machst du?

4.  Opferspiel: Keiner hilft mir!

Die Heilung eines Gelähmten und die Auferweckung der Schwiegermutter von Petrus

Der Gelähmte agiert aus einer „Opfer-Position“,  aus seinem aK (s. Mimik, Körperhaltung). Er  versucht bei Vorübergehenden das fEL anzusprechen, er sucht „Retter“.

Jesus durchkreuzt diese Transaktion; er spricht aus seinem ER das ER des Kranken an.

5.  Therapie durch Jesus: Steh auf! Nimm deine Bahre! Geh einher!

TA: Ein Egogramm


will darstellen, welche Ich-Zustände jemand bevorzugt und welche er nur selten einsetzt.

  Wie agiert und reagiert Jesus?

Er hat die Fähigkeit ins Herz des Menschen zu sehen. Hinter dem Jammern und der Unbeweglichkeit erkennt er den psychischen Konflikt und das seelische Leiden des Gelähmten. Bei aller Gewöhnung an seine Erstarrung und seine Abhängigkeit von Anderen trägt auch dieser chronisch Kranke den tiefen Wunsch in sich, gesund zu sein und selbst zu fühlen, zu denken und zu handeln. Es ist noch genügend Selbstvertrauen und Kraft in ihm vorhanden. Dass Jesus auf ihn zugeht, ihn ansieht (dieser gewinnt an echtem Ansehen!) und ihn fragt: „Willst du gesund werden?“ mobilisierte schon ein wenig seinen Willen zu einer Neu-Entscheidung, zu einem Ausstieg aus seinen Somatisierungen.


   Jesus lässt sich nicht in die Position eines Ersatz-Helfers (-fEL: überfürsorgliches Eltern-Ich) manipulieren. Er durchkreuzt das übliche Jammern und Sich-hilflos-Machen des Lahmen, reagiert aus seinem ER und spricht - mit einem Anteil seines konstruktiven kritischen Eltern-Ichs (protection!) die Personmitte des Gelähmten an: „Steh auf! Nimm deine Bahre! Geh einher!“

  Die Aufforderung durch den „Auferstandenen“ „Steh auf!" klingt wie eine Ermunterung, wie die Erlaubnis „Du kannst aufstehen.“ Viele Menschen haben diese Worte aus dem Mund Jesu, des Christus, gehört und sind aufgestanden, ja auferstanden zu einem neuen Leben: der blinde Bartimäus am Straßenrand von Jericho (Mk 10,46-52), der tote Jüngling von Naim (Luk 7,11-17). Sie sind nach einem langen „Schlaf“ „erwacht“ und „aufgestanden“. Sie haben ihre „Bahre“, wie Fridolin Stier übersetzt, ihre „Totenbahre“ verlassen und vielleicht verbrannt. Und sie sind „einhergegangen“; sie sind gewandelt, „lust-gewandelt“.

  Das Wort Jesu kam offensichtlich an. Es traf den springenden Punkt und hatte therapeutische Wirkung.

„Erwache und steh auf! Du kannst dich selber bewegen! Schmeiß die Krücken weg! Verbrenn deine Totenkiste! Stell dich auf die eigenen Füße! Beweg dich! Schau dich um! Die Welt ist nicht nur ein Krankenlager! Registriere den Reichtum des Lebens! Geh auf die Menschen zu! Du bist ein Geschenk an sie!“

  Als der blinde Bettler Bartimäus Jesus um Hilfe anschreit, artikulieren die Jünger eine zentrale Botschaft der Kirche: „Hab Mut! Steh auf! Er ruft dich!“ (Mk 10,49) Und Bartimäus springt auf, lässt alles hinter sich, seinen Mantel, seine Bettlerschale, seine Krücke, und läuft auf Jesus zu.

Bertolt Brecht: Die Krücken (1938)


Sieben Jahre wollt kein Schritt mir

  glücken.

Als ich zu dem Großen Arzte kam,

Fragte er: Wozu die Krücken?

Und ich sagte: Ich bin lahm.


Sagte er: Das ist kein Wunder,

Sei so freundlich, zu probieren!

Was dich lähmt ist dieser Plunder.

Geh, fall, kriech auf allen Vieren!


Lachend wie ein Ungeheuer

Nahm er mir die schönen Krücken,

Brach sie durch auf meinem Rücken,

Warf sie lachend in das Feuer.


Nun, ich bin kuriert: ich gehe.

Mich kurierte ein Gelächter.

Nur zuweilen, wenn ich Hölzer sehe,

Gehe ich für Stunden etwas schlechter.

6.  Heilung des Menschen aus seiner eigenen göttlichen Wesensmitte heraus

  Wie werden wir gesund und heil?

Die alte Geschichte von der Spontan-Heilung des Gelähmten am Teich von Bethesda scheint inkompatibel zu sein mit unserer heutigen Lebenssicht. Vielen „aufgeklärten“ Zeitgenossen erscheint sie als Ausdruck eines überholten magischen Weltbildes: bestimmte Menschen (oder Orte) sind ausgestattet mit Wunderkräften, die zu überraschenden unerklärbaren Heilungen verhelfen. Überspringt dieser naive Glaube nicht alle naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Moderne?

Wenn wir mehr zwischen den Zeilen lesen und hinter das äußere Verhalten der Handlungspersonen schauen, können wir Zugang gewinnen zu dem bleibenden Sinn und der aktuellen Bedeutung von biblischen Wunderheilungen.

  Was in Geist und Seele des Kranken vor sich geht, wird von Johannes verschwiegen. Zwischen der Ermunterung durch Jesus „Steh auf! Nimm deine Bahre! Geh einher!“ (V. 8) und der adäquaten Umsetzung durch den Gelähmten (V. 9) können wir uns einen langen Gedankenstrich vorstellen, der einen inneren Dialog und eine jahrelange Therapiearbeit des kranken Menschen verschweigend anspricht. Der Vorgang der Heilung wird in dieser wie in anderen Wunder-Erzählungen auf einen Zeitraum von ein paar Minuten komprimiert. In einer einzigen Szene können aber ganze Lebensabschnitte verdichtet sein (s. „Verdichtungs- und Zeitrafferregel“ von Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese Bd. I, S.380). Und so dürfen wir uns die plötzliche ganzheitliche Gesundung als einen längeren Prozess vorstellen, in dem das eigene Lebensskript bewusst wird, die Schmerzen, die wir aus unserer Vergangenheit mitbrachten, verarbeitet und die Traumata unseres vernachlässigten Kindes geheilt werden. Und so lösen sich auch Somatisierungen auf: der Blinde, der „das alles nicht mehr mit ansehen“ wollte, entwickelt neue Perspektiven, der von Dämonen Besessene lässt sich nicht mehr „besetzen und besitzen“, der Gelähmte lässt seine „Krücken“ und gewinnt Schwung und Elan zurück.

30.01.2010  /  2016                 Zur Willkommenseite

TA:Destruktive Lieblings-Postionen:


  1. -Opfer (überangepasstes Kind-Ich)

  2. -Retter (überfürsorgliches fEL)

  3. -Verfolger/Täter (überkritisches kEL).


Aus diesen bevorzugten Ich-Zuständen heraus werden die entsprechenden Psycho-Spiele inszeniert.

  1. -Eric Berne: Spiele der Erwachsenen

  2. -ders.: Was sagen Sie, nachdem Sie „Guten Tag“ gesagt haben?

  Wie werden wir gesund und heil?

Jack Kornfield (Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens, EconTB) weist auf zwei Wege hin:

- eine Vertrauensbeziehung aufbauen zu Menschen, die uns begleiten auf dem Weg heraus aus Verschlossenheit, Schuldgefühlen und Ängsten.

  1. -die Praxis der liebevollen und bewussten Achtsamkeit auf alle Lebensbereiche ausweiten (Körper, Herz, Geist, Umgebung).

Ein weiterer ausdrücklich „christischer“ Weg geht über den „Weg“ schlechthin, über Christus.

  Dem Lahmen am Teich von Bethesda muss dieser Jesus aus Nazareth wie ein Geschenk des Himmels vorgekommen sein. Von ihm fühlte er sich bis auf den Grund seiner Seele verstanden und angenommen. In dem Jesus aus Nazareth erlebte er Christus, sein ursprüngliches Heil-Sein, sein Einssein mit sich Selbst,, mit Anderen, mit Gott und dem Kosmos. Die Worte Jesu „Ich rede nicht aus mir selbst; der Vater, der in mir wohnt, er selbst ist am Werke“, „Ich bin der Weg und das Leben“,  „Ich bin gekommen, damit sie Leben in Fülle haben.“ waren in seiner Existenz erfahrbar.

  Durch das Vorbild Jesu gewann er neues Vertrauen darauf, zur Mitte der Welt, zu dem großen Geheimnis zurückzufinden, und in der Verbundenheit mit allem die schmerzliche Isolation und Unbeweglichkeit zu durchbrechen. In dem Wundertäter vor ihm, dem „Heiland der Welt“ leuchtete ihm die Menschenfreundlichkeit Gottes auf.

  Die wunderbaren Heilungen Jesu bedeuten keine Durchbrechung von Naturgesetzen durch eine göttliche Allmacht, die von außen eingreift, sondern eher eine Wiederherstellung der ursprünglichen guten Weltordnung. Das Wunder besteht darin, dass Menschen wieder in Berührung mit ihrer heilen Wesensmitte kommen und  zu dem Vertrauen, dass sie im Grunde nie getrennt oder abgespalten waren von der göttlichen Kraft und Güte in ihnen und in Allem, was existiert.

(vgl. Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese Bd.I, 1983, S.114ff)

Sitzen Sie ruhig und schließen Sie die Augen.

Nehmen Sie sich wahr, ohne zu beurteilen. Richten Sie ihre liebevolle Aufmerksamkeit auf

- Atem

  1. -Körperempfindungen

  2. -Sinneseindrücke

  3. -Gefühle

  4. -Gedanken.

Lassen Sie zu, dass sich Verspannungen, physische Schmerzen, seelische Verletzungen, Ängste und Widerstände zeigen. Akzeptieren Sie alles, was da ist, und atmen Sie sanft und liebevoll hinein.

Passivität löst keine Probleme, weder im sozialen noch im intrapsychischen Bereich.

Ausdrucksformen:

1. Nichts tun oder etwas Anderes tun; erwarten, dass Andere etwas tun - deshalb machen sich Andere zu Rettern oder Verfolgern

2. Überanpassung; den realen oder eingebildeten Wünschen Anderer entsprechen

3. Agitation; stereotypes nicht zielgerichtetes Handeln; großer Kraftaufwand ohne zu denken

4. Gewaltanwendung

- gegen sich selber (Somatisierung)

- gegen andere

Heilung eines Blindgeborenen

Heilung des Gichtbrüchigen

Heilung des Kraftlosen am Teich von Bethesda

(Codex Aureus von Echternach um 1040)

Steh auf! Nimm deine Bahre und geh einher!

Heilung des blinden Bartimäus

Stellen Sie sich vor:


  Sie werden auf magische Weise in das Innerste eines Tempels oder Kraftortes der Heilung gebracht, wo die Atmosphäre voller Klarheit und Liebe ist. Nehmen Sie sich Zeit, um diesen Ort mit allen Sinnen wahrzunehmen und ihn bildhaft auszugestalten.

  Nun kommt ein weises Wesen zu Ihnen in diesen Innenraum. Es ist Christus (oder Buddha oder Krshna oder die Grüne Tara oder Sophia, die Weisheit Gottes). Eine Vorstellung oder ein Bild gestaltet sich. Christus  sieht Sie an und fragt nach Ihrem Schmerz, Sie antworten. Er kommt näher und legt eine Hand sanft auf die Stelle Ihres Körpers, an der Ihre tiefste Verletzung liegt. Lernen Sie von Christus diese heilende Berührung. Legen Sie Ihre eigene Hand an die Stelle Ihres Kummers, als seien Sie selbst dieser wunderbare Heiler. Öffnen Sie sich Ihrem Schmerz, wie oft sie ihn auch schon weggeschoben oder gegen ihn angekämpft haben mögen.  Suchen Sie den innersten Kern dieses Kummers, der so lange Zeit in Ihnen verborgen lag.

Lassen Sie Ihre eigene Achtsamkeit wie die Hand Christi werden. Mit Ihnen zusammen berührt Christus achtsam und heilend  Ihren Schmerz.


  Bleiben Sie in Ihrer Vorstellung an diesem heilenden Ort,  so lange Sie wollen. Wenn Sie ihn verlassen, denken Sie daran, dass Sie diesen heilenden Innenraum in sich tragen. Sie können ihn jederzeit aufsuchen.

(Als Vorlagen dienten die  Meditation von Jack Kornfield „Besuch im Tempel der Heilung“ (a.a.O. S.75f) und Imaginationsübungen von Anthony de Mello: Dass ich sehe.)

  Nach dem Tod Jesu machten seine Anhänger neue Erfahrungen mit ihm. Sie erlebten ihn als Bleibenden, als gegenwärtige Kraft und Energie Gottes in der Praxis der neuen Gemeinden und im Innersten ihrer Person. Aus dem „Gegenüber“ wurde ein „In“.  Besonders Paulus sprach von dem wunderbar heilenden Jesus als von dem „Alles erfüllenden Christus in uns“. Mit seinem „Heiligen Geist“, seinem „Pneuma“, mit seinem heilenden Atem atmet und lebt er in uns und macht uns heil.

Der „Christus in uns" ist ein inneres Schaubild unserer ursprünglichen Wesensmitte und der uns innewohnenden Liebe, Kraft und Weisheit.  In seinem Spiegel werden uns unsere negativen Selbstbilder und ihre Deformierungen bewusst und wir er-innern uns unserer ursprünglichen Wesensgestalt, sind wir doch alle als Abbild und Idee einmes absoluten Geistes erschaffen.

  Christi Geist, sein Pneuma, sein Atem in uns kann dieses ursprüngliche Bild wiederherstellen.

Im Kern sind wir selbst Christus, im Grunde haben wir selbst alle Christus-Eigenschaften: Liebe, Bewusstsein, Glückseligkeit, göttliche Energie, Rein- und Heilsein.

Imaginationsübung:   Besuch im Tempel der Heilung

Begegnung mit dem heilenden Christus in uns

Christus - der Innere Heiler

Egogramm des Gelähmten

  Jesus lebte aus dem Vertrauen in die Güte des Alls. Und in den Kranken, die Augen, Ohren, Mund und Herz  vor der Wirklichkeit verschlossen hatten oder erstarrt und unbeweglich dem Leben gegenüber geworden waren, weckte er dieses ursprüngliche Wissen. In dem Spiegel des Einsseins Jesu mit Gott, der Quelle des Lebens, und allen Geschöpfen erkannte der Gelähmte sich selbst, seine Abspaltungen und Verdrängungen, seine Isolierung und Einsamkeit, den Verlust der Einheit, sein Herausfallen aus der Mitte der Welt und des eigenen Herzens.

Die Heilungs-Bilder etstammen dem „Codex Aureus“, dem „Goldenen Evangeliar“ aus Echternach um 1040

Heilung eines

Leprakranken

Heilung von

zwölf  Aussätzigen

Heilung eines

von Dämonen Besessenen

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Den aufrechten Gang lernen

Jesus und die gekrümmte Frau (Luk 13, 10-17)

Heilung und Bioenergetik