IX.  SPIRALE

Zurück in den All-Ursprung - Hinüber in die Unendlichkeit

Okt. 2010 / 2016                        Zur Startseite

  Ein Puppenwagen hat ausgedient.

Er wird in seine Bestandteile zerlegt und auf den Müll geworfen.

Ein kleines Rädchen, schön anzuschauen mit seiner purpurroten Scheibe und seiner hellen Gummifelge, landet vielleicht auf dem Flohmarkt.

  Viele vertraute, wertvolle Dinge rangieren wir aus - verbraucht, abgenutzt, nutzlos geworden.

Gebrauchen und verbrauchen wir so auch Menschen?

(Jesus von Nazareth wurde außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem „entsorgt“.)


  Durch Veränderung des An-sehens gewinnt das Weggeworfene neuen Wert.

Auch banale, alltägliche Gebrauchsgegenstände (Tesafilm-Rollen, Flummis, Milchdöschen, CD-Scheiben) können das Geheimnis der Mitte entschleiern.

„Das Mysterium findet auf dem Hauptbahnhof statt.“ (Joseph Beuys)

  Unter den Mitte-Zeichen, die mir Kolleginnen und Kollegen zur Verabschiedung aus dem Schuldienst (in der Aula des Erzbischöflichen Berufskollegs Köln Abt. Sachsenring am 22.06.2006) schenkten, befinden sich manch rätselhafte und interpretationsbedürftige Dinge.

Recycling des Nutzlosen

Kreis, Rad und Kreuz als universale Symbole

Spirale - ein geo- und psychometrisches Urbild  für Entwicklung und Zentrierung

  Was wäre die Menschheit heute ohne die Erfindung des Rades als Spinnrad, Töpferscheibe und Wagenrad im 4. Jahrtausend v.Chr.?

Diese revolutionäre Technik basierte auf der Grunderfahrung des Kreises, der sich in Sonne und Vollmond überwältigend manifestierte. Die Kreisform wurde zu einem kollektiven Archetypus für Ganzheit und Vollkommenheit. Der Kreis ist das Runde schlechthin, ohne Anfang und Ende, mit einem klaren Mittelpunkt, um den sich Alles dreht, und so ein Symbol des Absoluten, das Alles zusammenhält und in sich birgt.


  Im Buddhismus ist das Rad eines der wichtigsten Symbole. Es  ist eine Metapher für spirituelle Transformation und Wiedergeburt und präsentiert die Lehren Buddhas. Das Dharmachakra, das Rad der Lehre und Neugeburt mit seinen acht oder fünfzehn Speichen soll den Menschen über sein Leiden hinausführen zu Ganzheit und Vollständigkeit.

  Die Nabe, das Zentrum des rotierenden Lebens-Rades, ist unbewegt und damit Symbol für den unbewegten Beweger. Wie in dem „Genagelten Rad“  ist die Mitte ein Loch, Leere, Nichts. Diese zentrale Leerstelle, ein ausdehnungsloser Punkt Null, wird zur Metapher für das namen-, form- und farbenlose Mysterium.

  Die Speichen bzw. der Radkörper verbinden Nabe und Felge. Inneres und Äußeres, unsagbares Geheimnis und quantifizierbares Leben bilden eine abgerundete Einheit. 

Dharmachakra - Rad der Lehre (7.-11-Jahrh.)

  Das christliche Bild-Zeichen schlechthin ist das Kreuz.

Manchen heutigen Zeitgenossen ist es ein anstößiges Zeichen für Sadomasochismus geworden, viele Gläubige betrachten es aber als ein Symbol der Ganzheit. Die beiden Kreuzesbalken schneiden sich und ergeben einen Schnittpunkt in der Mitte eines Kreises. Die vertikale Linie verbindet Unten und Oben, Erde und Himmel, Tiefe und Höhe;  die horizontale Linie Rechts und Links, Vorne und Hinten. Das Kreuz integriert beide Lebensrichtungen: Offenheit für das Göttliche Geheimnis in der Höhe und der Tiefe und Umarmung von Kosmos und Menschen (Kreuz als Plus-Zeichen +).  So ist die Kreuzesform anschaulicher Ausdruck der Vereinigung aller Gegensätze und von daher konnte das Kreuz Christi - historisch gesehen: ein Folterinstrument - als ein universales Zeichen der Versöhnung verstanden werden.

  In Theologie und Kunst der frühen Christenheit war dieses Verständnis offensichtlich sehr präsent.

  Nach Gregor von Nyssa (335-394) will „uns das Kreuz Christi durch seine Gestalt, die nach vier Seiten auseinandergeht, und dessen vier Balken von einem Mittelpunkt zusammengehalten werden“, belehren, dass der Gekreuzigte der ist, „der auch das Universum in sich eint und harmonisch verbindet, indem er die verschiedenartigen Dinge  zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfasst.“

  Schon Irenäus von Lyon (135-202) interpretiert das Kreuz als ein kosmisches Symbol. Christus ist „in die gesamte Schöpfung hineingekreuzigt“, d.h. er ist „allen Dimensionen des Alls in der Form des Kreuzes eingezeichnet.“

  In Christus vollzieht sich die Erlösung und Vereinigung des ganzen Kosmos.

  Auch auf frühchristlichen Fresken und Mosaiken, auf keltischen Grabkreuzen und in gotischen Rosettenfenstern bilden die UR-Formen „Kreis“ „Rad mit Speichen“, „Mittelpunkt“  mit dem Kreuz Christi ein harmonisches Ganzes. 

  Im Anfang war .... die Spirale.

Als die Urmaterie vor ca. 14 Milliarden Jahren explodierte, breitete sie sich mit unfassbarer Schnelligkeit in die Leere des Universums aus. Rotierende spiralförmige Galaxien entstanden - die Urform des Lebens. Vor ca. 400 Millionen Jahren tauchten Ammoniten auf, von uns heute als versteinerte Spiralen bestaunt. Überhaupt offenbart  „Mutter Natur“ eine Vorliebe für die Kreis- und Spiralform. Diese beiden geo-metrischen Grundfiguren in Natur und Kosmos, denen die Menschheit permanent begegnete, wurden zu psycho-metrischen Gestalten, zu archetypischen Bildern der Seele. In Felsritzungen der Steinzeit bis in die Malerei und Grafik der Moderne fanden sie künstlerischen Ausdruck.

Rad-Rosette Kathedrale Orvieto (um 1300) Im Zentrum der Kopf Christi

San Apollinaire in Ravenna (6.Jahrh.)

  Die Spirale wurde geradezu zum Markenzeichen Friedensreich Hundertwassers (1928-2000).


  "Die Spirale ist das Symbol des Lebens und des Todes

  Sie liegt genau dort, wo die leblose Materie sich in Leben umwandelt.

  Ich bin davon überzeugt, daß der Schöpfungsakt sich in Spiralform vollzogen hat.

  Unsere Erde beschreibt den Lauf der Spirale. Wir gehen im Kreis, aber wir kommen nie wieder an den Punkt zurück, der Kreis schließt sich nicht, wir kommen nur in die Nähe des Punktes, wo wir gewesen sind. Das ist typisch für eine Spirale, daß es ein scheinbarer Kreis ist, der sich nicht schließt.

  Die echte und gerechte Spirale ist nicht geometrisch, sondern vegetativ, sie hat Ausbuchtungen, wird dünner und dicker und fließt um Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellen.

  Die Spirale bedeutet Leben und Tod nach allen Richtungen. Nach außen verläuft sie in die Geburt, ins Leben und anschließend durch ein sich scheinbar Auflösen ins zu Große, in außerirdische, nicht mehr meßbare Bereiche.

  Nach innen kondensiert sie sich durch Konzentration zum Leben und wird anschließend in unendlich kleinen Regionen wieder etwas, was wir als Tod bezeichnen, weil es sich unserer messenden Wahrnehmung entzieht."

http://www.hundertwasser.de/deutsch/werk/malerei/malerei_diespirale.php

  Bewegt sich die Dynamik der Spirale von außen nach innen, oder von innen nach außen?

Bislang habe ich sie - ähnlich wie das Labyrinth - als einen Weg in die Mitte gelesen. Aber stärker als bei der Figur des Labyrinthes spüre ich ihre zentrifugale Kraft. Ihre Energie bezieht sie aus der geheimnisvollen dunklen Mitte, die sie in immer neuen Umdrehungen umkreist; sie wächst über sich hinaus bis ins Unendliche. Sie entspringt dem All-Ursprung (engl. spring = Quelle, Brunnen, Frühling, Triebfeder; vgl. http://www.linguee.de), sie  tanzt das Leben und wird durchs Leben gewirbelt, aber immer nah oder fern um die Mitte herum. Sie bildet ein anschauliches Zeichen für Veränderung, Dynamik und spielerische Leichtigkeit und ist ein spirituelles Symbol für den Transformationsweg des Menschen.

  Aber neben der zentrifugalen bleibt die zentripetale Lebensbewegung bestehen: die Rückkehr in den form- und namenlosen Urgrund. Die Spirale ist ein Symbol für beide Richtungen: Entwicklung / Expansion und Konzentration, Über-sich-hinaus-Wachsen in die Höhe und Weite und SELBST-Entdeckung und -Gewinn in der Tiefe, Hinreise und Rückreise, Geburt und Tod.

  Siehe auch die Betrachtungen zu Gemälden von Friedensreich Hundertwasser S. 23 -25

Unendlichkeit ganz nah

Friedensreich Hundertwasser1994

(Ausschnitt)

  Motivähnliche Bilder von der Kreuzigung Jesu kamen mir in den Sinn.

  Alfred Manessier malte 1951 die „Dornenkrone“; spitze Dornen durchdringen den Kreis nach innen und nach außen.

  Oder das kleine Kreuz von Hermann Kunkler (viele Jahre von Johannes Bours verehrt), das übergroß die Nägel zeigt, mit denen Füße und Hände Jesu durchstochen sind. Eine Hand hat sich gelöst und öffnet sich für die Menschen unter dem Kreuz. Ähnlich wie Hundertwasser sieht dieser Künstler Verwundung und liebevolle Hingabe auf dem Hintergrund von Ganzheits-Symbolen (Kreis und Kreuz, die vier Balken sind mit Amethysten verziert).

  Auch das Kruzifix aus dem Neumünster in Würzburg verbindet Kreuzesform, Nägel und eine liebevolle Geste des Gekreuzigten.


  Solche ikonografischen Beispiele mögen dazu beitragen, dem „Genagelten Rad“ von Herbert Rosner einen Sinn zu geben. Dennoch bleibt dieses kleine Kunstwerk geheimnisvoll und rätselhaft.

Das Rad und das  Pünktlein


  Rabbi Jizchak Meir erging sich einmal an einem Spätsommerabend mit seinem Enkel im Hof des Lehrhauses. Da begann er zu reden:

„Wenn einer Vorsteher wird, müssen alle nötigen Dinge da sein: ein Lehrhaus und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter, und einer wird Diener und so fort. -

Und dann kommt der böse Widersacher und reisst das innerste Pünktchen heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktchen fehlt.“

Der Rabbi hob die Stimme: „Aber Gott helfe uns: man darf’s nicht geschehen lassen!“                              (Martin Buber: Erzählungen der Chassidim)

Mein Abschiedsgeschenk: Mit einem Labyrinth bemalte Steine

  Dass die Achsen-Nabe leer geblieben ist - vermutlich unbeabsichtigt -, interpretiere ich als intuitives Erfassen einer Weisheit aller Religionen: dass alles, was existiert, einem Ursprung entspringt, der - zwar in vielen Namen ausgesprochen - letztlich aber nicht in Name und Form gefasst werden kann.

  Unser individuelles und das gesamte kosmische Leben umkreist dieses Mysterium der Leere-Fülle und kehrt in diesen Ursprung zurück.

  Über seine Funktion hinaus, einen Puppenwagen zu tragen und in Bewegung zu halten, kann dieses Rädchen  tiefere Bedeutungsschichten, ja Archetypen der Menschheit aufscheinen lassen. Die universale Symbolik von Kreis, Rad und Spirale tritt ins Bewusstsein. Urplötzlich erkennt man: Kosmisches und individuelles Leben ist eine „runde Sache“, im Grunde ist alles gut und vollkommen.


   Wenn da nicht die 15 Nägel wären, die der Künstler in die Felge geschlagen hat !!!

  Auch wenn sie das Gesamtbild einer abgerundeten Ganzheit nicht aufheben, so bedeutet die zusätzliche Nagelung doch einen gewaltsamen Eingriff. Die Felge ist 15mal durchstochen und verletzt.

  Den Symbolen „Rad“ und „Spirale“ wird ein „Mehr“ hnzugefügt: ein Mehr an Realitätsnähe und konkreter Lebenserfahrung. Wunden, Blut und Schmerzen werden auch in einem „runden“ Lebenslauf (Rad) und einer gelungenen Selbst-Entwicklung (Spirale) erfahren.

Dingsymbole der Mitte  und Labyrinthsteine

Erinnerungs-Zeichen

Verabschiedung am 22.06.2006

  „Auch wenn es viele Verletzungen im Leben gibt, durch andere und sich selbst - der innerste Kern wird nicht davon berührt oder gar zerstört. In der Mitte jedes Menschen existiert ein Bereich (wie im Zentrum eines Wirbelsturms), der still und ruhig ist und von der äußeren Unruhe nicht tangiert wird, der göttliche Bereich, voll des Lebens und der Liebe.“   (M.F.)

Alfred Manessier: Dornenkrone (1951)

Verwundete Ganzheit

  Das gesamte Werk Hundertwassers kreist um das Ur-Symbol „Spirale“. Häufig hat er sie mit einer Kreuz-Struktur verbunden, siehe die „Tränenspirale“ von 1962 (rechts unten).

  Ebenso wie Hundertwasser, der einer traditionellen Ikonographie (wie auch häufig einer vorgefundenen Architektur) neuen Glanz und eine vertiefte Bedeutung verlieh, sieht auch mein ehemaliger Kollege Herbert Rosner (http://www.herbert-rosner.de/) ein „Mehr“ in überlieferten Dingen, Bildern und Formen. Sein kleines Kunstwerk - ein Rädchen eines ausrangierten Puppenwagens, mit einer Goldenen Spirale bemalt und mit 15 Nägeln genagelt - spricht es aus: dieses „Mehr“ in alltäglichen Gebrauchsdingen über ihre Funktionalität hinaus.

  „Uns muss es heute gelingen, eine Wäscheklammer in einer Vitrine durch unseren Blick und unsere Fragen so zu verfremden, dass ... wir unter der Oberfläche eines vertrauten Gegenstandes einen Augenblick lang die Kräfte des Universums spüren.“ (Donata Elschenbroich: Die Dinge, 2010)

  Durch die Auswahl eines Rades unter der Überschrift „Zeichen der Mitte“ und die Bemalung mit einer goldenen Spirale deutet der Künstler schon an, dass er dem unscheinbaren Puppenwagen-Rädchen einen tieferen Symbolwert zumisst. Dieser alltägliche Gebrauchsgegenstand - einer Kinderwelt zugeordnet, die sich lebendig entfaltet - wird zu einem Ding-Symbol für den Kreislauf und jegliche Entwicklung des Lebens.

Gustav Klimt: Lebensbaum (1909)

Kreuzigung Christi und Lebensbaum mit spiralförmigen Ästen

Apsis-Mosaik in der Basilika San Clemente in Rom (um 1150)

  1987 übernahm Hundertwasser zusammen mit anderen Künstlern die Neugestaltung der Kirche St. Barbara in Bärnbach / Steiermark. Das Glasfenster in der Taufkapelle zeigt eine farbprächtige Spirale, die auf ein blaues Kreuz in der Mitte zuläuft bzw. von ihm ausgeht.

  Auch die Rückwand des Altarraumes gestaltete Hundertwasser um. Der Blick der Gottesdienstteilnehmer fällt wie bislang auf ein traditionelles großes Holzkreuz, auf das der Leib Christi genagelt ist. Aber die Kreuzigung erscheint seit 1987 auf einem neuen Hintergrund, einem Strahlen-Kranz aus größeren Mosaiksteinen. Die Kreuzung der beiden Balken, das dornengekrönte Haupt und die ausgebreiteten Arme Christi sieht man nun als Mittelpunkt und Energiequelle für ein leuchtendes Sich-Ausbreiten in alle vier Himmelsrichtungen.

  Ein ausrangiertes Rädchen eines Puppenwagens, bemalt mit einer Goldenen Spirale und genagelt mit 15 Nägeln kam mir erneut vor die Augen und in den Sinn, und es weckte überraschende Assoziationen an Ursymbole der Menschheit und christliche Kreuzesdarstellungen.



  1. 1.Ein nutzlos gewordener Gebrauchsgegenstand wird recycelt.

  2. 2.Kreis, Rad und Kreuz als universale Symbole

  3. 3.Spirale - ein geo- und psychosymmetrisches Zeichen für Entwicklung und Zentrierung

  4. 4.Verwundete Ganzheit

Gallen-Priory Kreuz um 1000

Apsis-Mosaik in

San Apollinaire in Ravenna (6.Jahrh.)

Grabmal mit Kreuz und Spirale

Kruzifix, Neumünster in Würzburg (um 1350)

Hermann Kunkler:

Christus und der Schächer

Spirale-Steine zur Taufe von Ferdinand

Baum - Schmetterling - Spirale - Löwe/Elefant

Bemalte Steine zur Taufe oder zum Geburtstag unserer Enkelkinder

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