Die theologische Vorstellung und Erfahrung von der Diaphanie Gottes, dem Durchscheinen und Aufleuchten Gottes in allen Schöpfungswerken (vgl. Teilhard de Chardin) wird durch farbige Kirchenfenster augenfällig bestätigt. Kunstwerke aus bemaltem farbigen Glas leben von dem natürlichen Sonnenlicht, das durch die bunten Scheiben in den Gottesdienstraum einfällt und die Intuition für das weiße göttliche Ur-Licht weckt, das sich prismatisch in den unzähligen Farbtönen seiner Schöpfung bricht.


  Die Transparenz dieser Kunstform ist besonders der „Licht- und Farbpoesie"  Chagalls angemessen, dessen Anliegen es schon frühzeitig war, „eine vierte, fünfte, eine psychische Dimension" aufleuchten zu lassen „als Wirklichkeit hinter oder unter der äußeren Realität."

  Die Glasmalerei entdeckte Marc Chagall erst im Alter von fast 70 Jahren.

  1957 wird er gebeten, in der Taufkapelle der Dominikaner in Assy farbige Kirchenfenster zu schaffen. Aber seine Kunst in den Dienst eines christlichen Sakralraumes stellen - wäre das nicht Verrat an seinem eigenen Volk? Er wendet sich an jüdische Freunde um Rat. Die Antworten durch den israelischen Staatspräsidenten „Das überlasse ich Ihrem eigenen guten Geschmack." und den Oberrabbiner von Frankreich „Das hängt davon ab, ob Sie selber daran glauben oder nicht" zerstreuen seine Bedenken.

Bis an sein Lebensende 1985 (mit 97 Jahren) gestaltet er großflächige Glasmalereien in christlichen Kirchen: in Assy (1956/57), Moissac (1962), Metz (1959-68), Tarrytown (1963/64), Tudeley (1967/74/78), Zürich (1969/70), Reims (1973/74), Chichester (1978), Sarrebourg (1976/78), Le Saillant (1978/82) und in Mainz ((1977-84).

  Berühmte Glasfenster gelingen ihm zudem in der Synagoge der Hadassah-Universität Jerusalem (1960-62), im Haus der UNO New York (1964), in Nizza 1971/72) und Chicago (1976/79).

Metz

Reims

  1. 1. Die Farbe „Blau" bildet häufig den Grundton seiner Glasmalerei. „Blau" ist die Farbe der Durchsichtigkeit von Himmel und Wasser, die Farbe der Transzendenz, die Höhe und Tiefe übersteigt, die transparent ist für das Göttliche über, unter, neben und in uns.

  2. 2. Auf diesem Hintergrund der göttlichen All-Diaphanie entwickelt Chagall ein figürliches biblisches Bildprogramm: die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen von der Schöpfung an über die großen Gestalten des Bundes Gottes mit seinem Volk Israel und der Menschheit (Abraham, Jakob, Mose, David, Jesaja, Jeremia, Elija) und über Jesus Christus bis hin zum Aufstrahlen der Neuen Stadt Gottes.

  3. 3. Die Mitte seiner Kirchenfenster nimmt Jesus Christus am Kreuz ein, die in anderen Darstellungen verwendeten Bildzeichen für den jüdischen Martyrer (Gebetsschal, Gebetskapsel, Gebetsriemen) lässt er weg. Christus erscheint als der Erhöhte, als der Auferstandene - ein Christusbild, das gewachsen ist und das Chagall entwickelt hat aus seiner Glaubensquelle, der Bibel, und aus Urbildern seiner Seele.

  Beim ersten Besuch des Fraumünsters in Zürich am 12.09.1967 „erschrak“ Chagall über die „Höhe und Schmalheit“ der Fenster. Aber gerade diese ungewöhnlichen Größenverhältnisse evozierten eine geniale Komposition.


  Die Entstehungsgeschichte wird dokumentiert von Irmgard Vogelsanger-de Roche: Die Chagall-Fenster in Zürich. Orell Füssli Verlag Zürich 1971. Ihr Mann Peter Vogelsanger, Pfarrer am Fraumünster, hatte die Neugestaltung der Chorfenster durch Marc Chagall initiiert.

Zürich

Sarrebourg

Mainz

  Schon die ersten Skizzen Chagalls stellen das Bildmotiv des Baumes in die Mitte, der auch die seitlichen Fenster und das Mauerwerk dazwischen (in Mosaiktechnik) überranken sollte. In der Baumkrone erscheint der erhöhte Christus am Kreuz. Die hingekritzelten russischen Worte „Regenbogen“ und „Auferstehung Christi“ lassen die theologische Grundidee Chagalls, seine „Message Biblique“  erkennen.

  Besonders in die Augen fällt die klare Verteilung der Farben. Die Primär-Farben „Blau“, „Gelb“ und „Rot“ bestimmen die seitlichen Fenster, die Mischfarbe „Grün“ das Mittelfenster.

  Außer diesem regenbogenartigen Zusammenklang der Farben, dem Rot im Prophetenfenster, dem Blau im Jakobsfenster, dem Grün im Christusfenster, dem Gelb im Jerusalemfenster und dem Blau im Thorafenster glasmalt Chagall inhaltlich eine Zusammenschau der christlichen Heilsgeschichte: vom absoluten Ursprung der Schöpfung  über jüdische Stammväter, Propheten, Könige und die Passion und Auferstehung Jesu Christi bis hin zur Vollendung in der Neuen Stadt Gottes.

  Das grüne Fenster im Fraumünster ist ein Schöpfungs-Bild. Es zeigt das Wachstum des Lebens vom göttlichen Ursprung bis zur schönsten Blüte der Evolution: Christus.


  Der fünffenstrige Regenbogenbaum - der Regenbogen ist ein Zeichen des Bundes Gottes mit der Erde und allen Lebewesen  (1 Mose 9,13) - wurzelt in einem rot-goldenen Edelstein, im Ur-Anfang, dem Ursprung aller Spielarten des Lebens, in der ursprünglichen Einheit des Ganzen, im Punkt Alpha der kosmischen Evolution.  Dessen rotgoldene Farbe durchstrahlt neben vielen Gelbtönen  auch die Häuser des sehnsüchtig erwarteten Neuen Jerusalem im Seitenfenster zur Linken. Die Herrlichkeit Gottes im Anfang wird voll und ganz am Ende der Zeiten offenbar werden.

  (Im gelben Zion-Fenster fällt inmitten des Neuen Jerusalem ein grünes Farbfeld auf, das vegetative Metaphern aus der Offenbarung des Johannes für die Neue Stadt Gottes aufnimmt (Neue Erde, Garten mit Wasserströmen und Bäumen ... ). Auch das Haus der Familie Chagall in Witebsk mit der charakteristischen Tür und den Fenstern ist Bestandteil dieser endzeitlichen transformierten Stadt.)

  Schon dicht über dem göttlichen Wurzelgrund wird der Stamm des Lebensbaumes flankiert von zwei purpurroten Farbfeldern, die sonst nur in der Mandorla des Auferstandenen sichtbar werden: Wunden und Schmerz bestimmen schon bald die Anfänge, werden aber in neues Leben hinein transformiert.


  Ungewohnt für christliche Betrachter ist die Dominanz der Farbe „Grün" in dem zentralen Chorfenster einer christlichen Kirche. „Grün" ist die Farbe der Natur, des Pflanzenreichs, der Vegetation. Viele Menschen verbinden diese Farbe mit der Wiedergeburt der Natur im Frühling nach dem winterlichen Wie-tot-Sein, mit dem ersehnten Grünen und Blühen von Pflanzen und Bäumen. „Grün" ist so zur „Farbe der Hoffnung" geworden, zum Farbsymbol für neuen Lebensmut, für individuelle und soziale Erneuerung.

  In der traditionellen Ikonographie und Theologie des Christentums dominieren andere Farben. Der Untergrund vieler Ikonen oder mittelalterlicher Tafelbilder besteht häufig aus aufgetragenen Goldschichten. Die Erlösungstat Jesu Christi steht dort im Vordergrund und die Natur  spielt da eine nur untergeordnete oder gar fragwürdige  Rolle als „entnuminisierter Steinbruch“ für die umgestaltenden Aktivitäten des Menschen.

In dem zentralen Züricher Kirchenfenster Chagalls dagegen „geht es um nichts Geringeres als um die Einsetzung der Viriditas (Grünkraft) ins Zentrum der Religion: um eine Theophanie des Grün.“  - so Ingrid Riedel in ihrer beeindruckenden Monographie „Marc Chagalls Grüner Christus, Ein ganzheitliches Gottesbild - Wiederentdeckung der weiblichen Aspekte Gottes. Tiefenpsychologische Interpretation der Fraumünster-Fenster in Zürich, Walter-Verlag Düsseldorf 1985, S. 102“


  Am intensivsten erfährt der Mensch die Grünkraft der Natur in dem Wachstum eines Baumes, der in dem Humus der Erde wurzelt, emporwächst, grünt, blüht und fruchtträgt.

  Im Züricher Fraumünster stellt Chagall dieses Menschheitssymbol des Lebensbaumes in den Mittelpunkt. Aus goldgelbem Ursprung und blauem Stamm entfaltet sich grünes Ast- und Blattwerk. In dieser grünenden Fülle erscheint Maria mit dem Jesuskind. nicht historisiert, sondern durch die lindgrüne Farbgebung ihres Leibes und Gewandes universalisiert als Mutter des Lebens, als Metapher für Mütterlichkeit und Fruchtbarkeit der Natur. Sie ähnelt Baum-Göttinnen etwa der ägyptischen Religion. Das Lamm zu ihren Füßen mag den Einklang zwischen Tierwelt und Natur symbolisieren oder auch im Blick auf das kommende Schicksal des Kindes das Motiv des leidenden Opferlammes aufnehmen.


  Konstitutiv für alle fünf Fenster ist die Bewegung von unten nach oben, eine Dynamik des Aufstiegs: anschaulich in der Himmelfahrt des Elija (rotes Prophetenfenster), im Aufstieg auf der Himmelsleiter (blaues Jakobsfenster), im Aufbau des Neuen Jerusalem (gelbes Zionsfenster).

  In den beiden Fenstern zur Rechten und zur Linken erträumen und besingen die - neben Mose - biblischen Lieblingsgestalten Chagalls diese Vision.

  Auf der Höhe der Edelsteinwurzel  des grünenden Lebensbaumes ist im rechten blauen Seitenfenster der träumende und zugleich wache Stammvater Jakob abgebildet, dessen ganze Gestalt zum Grünen Christus hin geöffnet ist. Vielleicht träumt ihm schon von der Wurzel Jesse, dem Stammbaum Jesu, von der Neuen Himmelsleiter, dem Kreuz, oder von dem Erhöhten Christus in der Krone des Lebensbaums.

  Auf der gleichen unteren Bildebene im gelben „Neue-Stadt-Fenster“ preist König David, der Dichter der Psalmen, vor einem Bäumchen mit Vogel die alten und kommenden Wundertaten Gottes. Er spielt auf der Harfe, sein Blick ist nach innen gewendet.

  Die unauflösbare Verbindung von Lebensbaum und Gottheit fand schon auf einigen der großflächigen Gemälde zur Message Biblique Marc Chagall (1954-66) einen unnachahmlichen Ausdruck.


  1. 1. Im Paradies, das „nicht als prähistorisch-metaphysische Lokalität“ zu verstehen ist, sondern als „Erfahrungsraum eines jeden Menschen“ (Goldmann 104), erhebt sich der Baum der All-Erkenntnis, ein sich in roten, blauen und violetten Kreisen entfaltender Blütenbaum mit einer Schlange, einem Zeichen für die Gefährdung der ursprünglichen paradiesischen Einheit. In dem paradiesischen Farbbaum und über dem prototypischen Menschenpaar davor schwebt ein engelhaftes Wesen mit ausgebreiteten Armen, das sich allem Lebendigen zärtlich zuwendet.

  2. 2. Dieses anthropo- und angelomorphe Bildzeichen für Gott wird in dem nachfolgenden Gemälde der Vertreibung aus dem Paradies abstrahiert. Wie schon auf Radierungen zur Mose-Geschichte oder  in mystischen Bildern der 50-er Jahre (Il concerto) erscheint die göttliche Transzendenz als bildloser weißer Lichtkreis in der Krone des blühenden Lebensbaumes, der die Farbigkeit der Schöpfung repräsentiert.

  3. 3. Nach Exodus 3 offenbarte sich die Gottheit dem Mose mit dem Namen „J-H-W-H“, Jahwe, der „Ich-bin-da“. Erstaunlich ist, dass Chagall diesen geheimnisvollen fernen und doch so nahen Gott, dessen Heiliger Name im Judentum nicht ausgesprochen werden durfte (außer einmal im Jahr durch den Hohenpriester im Allerheiligsten des Tempels), in einem Bild-Zeichen darstellt, das unbefangen tradtionell-religiöse und vegetativ-naturhafte Elemente vereinigt. Das bildlose göttliche Geheimnis wird von ihm wieder dargestellt in der Gestalt eines Engels mit ausgebreiteten Armen, Gesicht und Oberkörper sind ins Grün der Vegetation getaucht. Der ihn umgebende Lichtkreis leuchtet in den Farben des Regenbogens und wächst sozusagen aus dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch, einem Baum der Selbst-Offenbarung Gottes, heraus.


Der grünende Baum des Lebens und das Alles durchströmende und umgreifende Göttliche Geheimnis, von Chagall in ur-religiösen Bildzeichen (Christus am Kreuz, weißer Lichtkreis, Engel mit ausgebreiteten Armen, Aureole in den Farben des Regenbogens) ausgedrückt, bilden zusammen die Einheit und Ganzheit des Lebens.

  Das ganze Weltall durchströmt er mit lebenschaffendem „grünenden“ Geist. Seine Worte „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15) kann man weiterimaginieren:


  Christus selbst ist der Baum des Lebens, der Weltenbaum, der die grünende Erde und alle Sterne des Universums in sich trägt. In der Geschlechts- und Beinregion wandelt sich das Smaragdgrün in ein goldgelbes  Grün. Dieses grün-goldene Licht be-stimmt auch die Gloriole um seinen Kopf. Assoziationen an eine kostbare Blüte werden geweckt durch blut-rote und violette Farbfelder und die Form einer Mandorla, die den auffahrenden Christus aufnimmt.

  Chagall stellt uns in diesem Kirchenfenster einen Christus vor, der das traditionelle christliche Bild erdet, weitet und ganzmacht. Die grüne Farbgebung vor allem integriert Natur und Vegetation in das Bild eines universalen Christus, der Ikone Gottes schlechthin.

  In diesem Grünen Christus von Marc Chagall bilden Schöpfer, Erlöser und Vollender endlich wieder eine Einheit.


Das grüne Christus-Fenster im Züricher Fraumünster öffnet dem Betrachter das Verständnis für den universalen Christus, der Alpha und Omega, Ursprung, Grünkraft und Krönung der kosmischen Evolution ist. In ihm vollzieht sich die „Anakepalaiosis von Allem“ (Eph 1,10), eine Aufgipfelung des Weltalls, die Vereinigung von Himmel und Erde.

  Im grünen Fenster durchwächst der Lebensbaum rot-violette und blau-schwarze Zonen und bringt als Krönung, als schönste Blüte den alle anderen Fenster überragenden Grünen  Christus hervor.


   Seine langestreckte Gestalt, mit dem Kreuz gleichsam verschmolzen, scheint zu schweben und in bläulich-gelb aufgehelltes Grün aufzufahren. Sein Haupt, gekrönt von einer Gloriole, neigt sich der linken Seite zu. Die Augen sind weit geöffnet, seine ausgebreiteten Arme reichen über die Fensterzone hinaus. „Wenn ich erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen." (Joh 12,32)

  Das Gesicht Christi und sein Leib sind stellenweise transparent (vgl. die Verklärung Jesu - Mt 17) für das ungeschaffene, ungebrochene weiße Licht der Ewigkeit Gottes. Solche Durchlässigkeit für das reine Göttliche Licht hinter Allem ist auch an anderen Stellen der fünf Glasfenster zu erkennen, an bedeutungsvollen Stellen (Gesicht des Mose, Thora-Tafeln, Kind auf dem Arm Marias) und an unscheinbaren. Blütenhafte Farben geben der Gestalt Christi den Charme von vollendeter Schönheit und den Glanz von Vollkommenheit. Die Grüne der Natur ist zur Grundfarbe dieses kosmischen Christus geworden. „Er ist über alle Himmel aufgestiegen, um das All zu erfüllen.“ (Eph 4,10).

Maler mit Taube 1978 (Ausschnitt)

  In überraschender Analogie zu diesem im Grünen Glasfenster von Zürich und auf Gemälden der „Biblischen Botschaft“ zentralen Bildmotiv des Lebensbaumes, der gekrönt ist durch eine Aureole der Transzendenz, steht der künstlerische Schaffensprozess unseres „Poeten der Farbe“.

Baum der Erkenntnis  (Ausschnitt)

Baum der Selbst-Offenbarung Gottes (Ausschnitt)

Lebensbaum (Ausschnitt)

  In seiner Rede zur Einweihung der Fraumünster-Fenster am 05.09.1970 sagte Marc Chagall:

  „In diesem Fall habe ich mich an die Bibel gehalten, dieses großartige universale Buch. Seit meiner Kindheit hat sie mich mit Visionen über das Schicksal der Erde erfüllt und mich in meiner Arbeit inspiriert... Da in meinem Innenleben der Geist und die Welt der Bibel eine große Stelle einnehmen, habe ich versucht, das in dieser Arbeit hier auszudrücken.

Es ist wesentlich, Bestandteile der Welt zu repräsentieren, die nicht sichtbar sind und nicht die Natur mit allen ihren Aspekten nachzubilden. ...

Oft habe ich das Wort „Chemie" in der Kunst verwendet. Diese Chemie kann auch im Leben selbst vorhanden sein....

Man muss nicht außerhalb der Natur, sondern in sich selbst suchen, wo sich die Schlüssel von Harmonie und Glück befinden.“

Übersetzung: Michael Kunze  www.miku-miku.de

  Schon seit den frühen 50-er Jahren war nach Franz Meyer, dem Schwiegersohn von Marc Chagall (S. 542ff)  „Chemie“ zum „Schlüsselwort seiner künstlerischen Kreativität“ geworden. Unter „chimie“, besser übersetzt mit „Alchemie“, verstand Marc Chagall das Um- und Einschmelzen von Bildern der Seele in Farben und Formen. Diesen inneren Malprozess, diese „geheimnisvolle Transformation von psychischer Energie in eine sichtbare Form“ (Meyer a.a.O.) bezeichnete er auch als „construction psychique“. Nach Chagall muss ein Künstler die aus den Tiefenschichten seiner Seele aufsteigenden Bilder „natürlich“ verarbeiten, nicht „artifiziell“. Er sollte nur die „Bilder malen, die er in sich trägt“ (Goldmann S. 48), „die mit ihrem psychischen Ursprung in Einklang stehen“. Haftmann vergleicht diese „construction psychique" mit dem alttestamentlichen „Bild von einer Leiter, über die der Mensch mit dem Göttlichen kommuniziert ... auf  deren Sprossen die diffusen inneren Bewegungen und Bilder  nach oben und in die Klarheit der Anschauung steigen" (S.11). „Wenn du Chagall fragen würdest, was er mit ´Chemie` meint, würde er auf einen Baum zeigen." (Meyer 542)


Seinem Schwiegersohn Franz Meyer gegenüber bezeichnete Chagall 1952 seine Kunstwerke als „Spiegelbilder meines Herzens“ (S.545). Ein Gemälde von 1978,  „Maler mit Taube“,  spiegelt dieses Kunst- und Selbstverständnis. Aus seinem Herzen, aus seiner Personmitte steigen wie ein Seelenvogel, wie eine kindliche ursprüngliche Inspiration Traum-Bilder auf, denen er auf der Staffelei vor ihm sichtbaren Ausdruck verleiht.


  Frappierender Weise stimmen die konstitutiven Gestaltungselemente des Grünen Christus-Fensters im Züricher Fraumünster mit den Prinzipien des künstlerischen Gestaltungsprozesses Chagalls überein. Wie der Lebensbaum wurzelt in dem göttlichen Urgrund, durch Wund- und Schattenzonen hindurchwächst und als schönste Blüte den verwandelten Grünen Christus hervorbringt, in dem die ursprüngliche und gewonnene Einheit des Ganzen sichtbar wird, so steigen in dem künstlerischen Schaffensprozess Chagalls archetypische Bilder aus den tiefsten Schichten seiner Seele auf, die er psychisch und künstlerisch durcharbeitet und die schließlich in Kunstwerken einer geheimnisvollen Einheit von Natur und Über-Natur ihren augenfälligen Ausdruck finden.

  Marc Chagall wählte für die Neugestaltung der Züricher Fraumünster-Fenster als zentrales Bildmotiv das Symbol des Baumes, aus dem ein „Grüner Christus am Kreuz“ emporsteigt.

4. In den biblischen Erzählungen vom Garten Eden (1 Mose 2) symbolisiert der Baum des Lebens die uranfängliche Fülle, den „Pleromatischen Paradieseszustand“ (C.G.Jung), und der Baum der Erkenntnis die Gefährdung dieser ursprünglichen Einheit. Von den Kirchenvätern im 2. und 3. Jahrhundert und durch die christliche Ikonographie im Mittelalter wurde häufig eine enge symbolische Beziehung zwischen diesen Paradies-Bäumen und dem Kreuz Christi, dem wahren Lebensbaum, hergestellt.

  Die bemalte Holzdecke von St. Michael Hildesheim (um 1230) stellt im ersten Hauptfeld das Paradies, die ursprüngliche Einheit der Menschen mit sich Selbst, untereinander und mit Umwelt und Gott dar. Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis und die Folge ist Trennung und Zwiespalt. Aber schon ist in der Krone des Lebensbaumes Christus zu sehen, der Alles wieder zusammenführt (Anakephalaiosis - die Aufgipfelung des Alls; s, Eph 1, 10).

  Über diesem Paradies-Feld entfaltet sich aus der Lende des Jesse in weiteren großen Kreisen der Stammbaum Jesu bis zur Mandorla des auferstandenen Christus, der Alles vollendet.

  Der „Baum in der Mitte des paradiesischen Gartens“ (1 Mose 3,3) wird durch diese Miniatur in einem Missale aus dem 15.Jahrh. als ein ambivalenter Baum mit zwei Hälften dargestellt: Er kann zum „Baum des Todes“ oder zum „Baum des Lebens“ werden. „Durch einen Baum kam der Tod, durch das Holz des Kreuzes das Leben.“ In dem Grün der Baumkrone rechts erscheint Christus am Kreuz. Die von ihm ausgehenden Früchte werden von der Kirche, der neuen Eva, als „Speise der Unsterblichkeit“ weitergegeben.

  1000 Jahre vor diesen bildlichen Darstellungen hatten schon bestimmte Kirchenväter eine universale Theologie des Kreuzes als Lebensbaum entwickelt.

  Weil Christus, das Wort Gottes, dem Menschen durch das Kreuz den Zugang zum Leben eröffnet hat, bedeutet das Kreuz auch für den einzelnen Menschen Baum des Lebens oder auch Leiter in den Himmel: „Dieses Holz des Kreuzes ist mir eine Pflanze zum ewigen Heil ... unter seinen Wurzeln schlage ich Wurzeln, mit seinen Ästen strecke ich mich aus ... an seinen Früchten habe ich vollkommene Freude." So spricht Irenäus von Lyon nicht nur von der kosmischen „Anakephalaiosis“, einer universalen  Aufgipfelung und Vereinigung in Christus von Allem, was auf Erden und im Himmel ist (Eph 1,10), sondern auch von einer individuellen „Anakephalaiosis“, einer Versöhnung der Gegensätze und Widersprüche im Menschen.


  Diese durch die patristische Christologie symbolisch angedeutete innnerpsychische Aussöhnung wird durch die Analytische Psychologie (C.G.Jung, Ingrid Riedel u.a.) explizit auf den lebenslangen, unvollendbaren Individuationsprozess des Menschen bezogen (vgl. S. 121 ff). Bestimmte Archetypen des Unbewussten, Ur-Bilder der menschlichen Seele, zu denen auch der Lebensbaum und Christus am Kreuz gehören, unterstützen den Wachstums- und Transformationsprozess des Individuums hin zu einer geheilten und heilenden Ganzheit.

Weltesche „Yggdrasil“

August 2008 / 2016                            Zur Willkommenseite

Grüner Christus


I.  Kirchenfenster - Diaphanie des göttlichen Lichtes

II.  Grüner Christus im Züricher Fraumünster-Fenster

IV.  Chagalls Schaffensprozess

als „Al-chemie“ und „Psychische Konstruktion“

V. Die Symbolik von Baum und Kreuz

VI.  Spirituelle Übungen

Kirchen, vor allem gotische Kathedralen, sind Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach dem Göttlichen. Sie symbolisieren das Himmlische Jerusalem.

Diese Neue Stadt Gottes, aufgebaut bis zum Ende der Zeiten, wird nach Offg 21 erleuchtet durch die Herrlichkeit Gottes. Jedes der zwölf Tore besteht aus einer Perle, jeder Mauer-Grundstein aus einem kostbaren Edelstein.

Die Tore bleiben  immer geöffnet, damit man die Pracht und die Kostbarkeiten der Völker hineintragen kann (Jes 60 / Offbg 21).

  Wie Edelsteinwände können bei hellem Sonnenlicht auch heute noch gotische Glasfenster (Chartres, St. Denis, Kölner Dom) oder Kirchenfenster von Marc Chagall (Metz, Zürich, Mainz) wirken und einen Abglanz des himmlischen Jenseits vermitteln.

  Seine Glasmalerei kommentierte Chagall so: „Farbfenster haben ganz einfache Bedingungen: Materie und Licht. Für eine Kathedrale oder eine Synagoge, das bleibt sich gleich: etwas Mystisches durchdringt das Fenster. Für mich stellt ein Kirchenfenster die durchsichtige Trennwand zwischen meinem Herzen und dem Herzen der Welt dar.“

III.  Paradies-Bäume und der Baum der Offenbarung

(Message Biblique 1954-66)

  Nach Gregor von Nyssa (335-394) will „uns das Kreuz Christi durch

seine Gestalt, die nach vier Seiten auseinandergeht, und dessen vier

Balken von einem Mittelpunkt zusammengehalten werden“,

belehren, dass der Gekreuzigte der ist, „der auch das Universum in sich eint und harmonisch verbindet, indem er die verschiedenartigen Dinge  zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfasst.“


Hippolyt von Rom (170 - 235) betrachtet das Kreuz als Weltenbaum. „Das Kreuz, dieser himmelweite Baum ist von der Erde empor zum Himmel gewachsen. Unsterbliches Gewächs, reckt er sich auf mitten zwischen Himmel und Erde. Er ist der feste Stützpunkt des Alls, der Ruhepunkt aller Dinge, die Grundlage des Weltenrunds, der kosmische Angelpunkt. Er fasst in sich zur Einheit zusammen die ganze Vielgestalt der menschlichen Natur. Von unsichtbaren Nägeln des Geistes ist er zusammengehalten, um sich aus seiner Verbindung mit dem Göttlichen nicht zu lösen. Er rührt an die höchsten Spitzen des Himmels und festigt mit seinen Füßen die Erde, und die weite mittlere Atmosphäre dazwischen umfasst er mit seinen unermesslichen Armen.“


Irenäus von Lyon (135-202) hat heute eine große Anziehungskraft, weil er uns unmittelbar die Welt der ersten Christen miterleben lässt. Er wurde im zweiten Jahrhundert geboren und wuchs in der Stadt Smyrna an der Westküste der heutigen Türkei auf. Dort hörte er noch den betagten Bischof Polykarp predigen, einen Jünger des Apostels Johannes.

Irenäus bezieht die Aussage von Eph 3,18 („In der Liebe verwurzelt möget ihr erkennen, was da die Länge und Breite und Höhe und Tiefe ist, und die alle Erkenntnis übersteigende Liebe Christi, damit ihr erfüllt werdet in die ganze Fülle Gottes hinein“) auf den Logos, das Wort Gottes, „das die Höhe, d.h. die himmlischen Dinge, erleuchtet, und die Tiefe, die weit unter der Erde liegt, durchschreitet, und Ost und West, Nord und Süd durchschifft und die Zerstreuten von allen Seiten zur Erkenntnis des Vaters zusammenruft." Dieser Christus ist „in die gesamte Schöpfung hineingekreuzigt“, d.h. er ist „allen Dimensionen des Alls in der Form des Kreuzes eingezeichnet.“

  In Christus vollzieht sich die Erlösung des ganzen Kosmos. Dieses allumfassende Heil Christi lässt sich durch die Kreuzesform symbolhaft darstellen.

Der innere Baum


  Wir betrachten einen Baum, nehmen ihn dann in unser Inneres, und merken nach einiger Zeit, wie wir mit ihm übereinstimmen. Wir werden mit ihm identisch. Er wird zum Zeichen unseres Wesens und hilft uns, tiefer zu unserem Wesen zu kommen. Es kann sich dann eine weitere Stufe einstellen, bei der wir unser Leben aus und in dem letzten Geheimnis erfassen und tiefer verwirklichen.


  Wir sitzen gesammelt in Meditationshaltung, lassen den Atem gehen, werden von seinem ruhigen Rhythmus zu noch tieferer Ruhe geführt und verharren bewegungslos mit geschlossenen Augen.


Wir stellen uns vor:

  Wir sind in einer schönen Parklandschaft auf einer Wanderung ... durch Wiesen und Wälder und über Hügel geht der Weg. Nun kommen wir aus dem Wald auf eine größere Wiese, auf der ein schön und frei gewachsener Laubbaum steht ... Wir schauen ihn an ... wir sehen die Ansätze der Wurzeln, die in den Boden greifen ... den kräftigen Stamm, der sich erhebt ...

sehen die Stelle, an der die Äste beginnen ... die weite, rundliche Krone, mit ihren Ästen und Zweigen, aus denen die Blätter und die Blüten hervorgekommen sind .... Wir schauen den Baum in Ruhe an, diese gesunde, kräftige, reiche Gestalt, und lassen ihn auf uns wirken ... Der Baum ist wohltuend. Wir lassen ihn in uns eindringen. Wir schauen hin und atmen ihn ein ... immer tiefer kommt er in unsere Mitte ... nun steht er mitten in unserem Leib ...

  Die Wurzeln dringen in unsere Leibestiefe. Immer tiefer wachsen sie in unseren Grund ... breiten sich darin aus ... wurzeln dort ...

  Über den Wurzeln in mir erhebt sich der kräftige Stamm. Langsam wächst er hinauf bis zur Herzhöhe ... Er gibt mir Halt, Stehkraft, Beständigkeit. Ich lasse mich von diesem kräftigen Stamm halten, tragen, beschenken ... ich nähre mich von ihm ... ich bin dieser Stamm ...

  Über dem Stamm entfalten sich in mir die stärkeren Äste und die vielen kleinen Zweige ... nach allen Seiten ... nach vorn und hinten ... rechts und links ... und nach oben ... Ich entfalte mich, gebe meinem Wesen Zeit, sich zu entfalten, hinaus in die freie Luft ... Blätter wachsen hervor, an tausend Stellen ... sie atmen die Luft ein, die mich umgibt ... leben von ihr ... Sie empfangen das Licht, das von oben kommt ... Beides lasse ich geschehen ... Ich fühle beglückt dieses Leben.


  So stehe ich kraftvoll in mir, tief verwurzelt in meinem Grund ... kräftig getragen von dem Stamm ... entfaltet in den Zweigen ... blühend, fruchtbar für andere ... emporgestreckt nach oben ... und hinaus in die Welt ... nach allen Seiten gerichtet ... und doch zusammengehalten, eins in mir ... Ich fühle mein Dasein ... ich spüre mein Wesen ... ich vollziehe es. Es ist mir aufgegeben.

  Während ich so in Fülle stehe, weiß ich, wohin die Wurzeln reichen: in den letzten, tragenden Grund ... Die Zweige entfalten sich in den umgebenden, freien, lufterfüllten Daseinsraum und sein Geheimnis ... Das ganze Wesen wächst empor, streckt sich nach oben ... empfängt von dort Licht .... Mein Wesen blüht und trägt Frucht ... denen zur Freude, die um mich sind ... und zur Ehre jenes Unsichtbaren, aus dem alles hervorgeht, bei dem alles endet ... Verwurzelt ... umgeben ... hingestreckt ... beschenkt ... blühend und fruchttragend ... überall streckt sich mein Wesen in das umfassende Geheimnis und lebt aus ihm.


(Klemens Tilmann: Übungsbuch zur Meditation, Zürich/Einsiedeln/Köln 1964  S. 119f)

1. Gestalt und Entwicklung des Baumes sind ein Gleichnis des Menschen. In der Erde wurzeln, in den Himmel hinein wachsen, grünen, blühen und Frucht tragen, schließlich welken und sterben - diese Lebensgesetze bestimmen auch den Menschen. Im Schoß einer Mutter wächst er heran und erblickt er das Licht der Welt, er entfaltet seine Anlagen und Fähigkeiten, ist Anderen Nahrung und Heimat, bis er im hohen Alter oder auch in jungen Jahren stirbt.


2. Darüber hinaus ist der Baum ein Symbol für das Leben allgemein; an ihm ist der bunte Kreislauf der Jahreszeiten und die ständige Entwicklung und Wandlung alles Lebendigen beispielhaft abzulesen. Freigebig spendet er Nahrung und Holz, Schutz und Schatten, und gilt deshalb als ein natürliches Zeichen für die Mütterlichkeit der Erde.

  Von unseren Vorfahren und und in anderen Naturreligionen  wurden bestimmte emporragende oder breit verzweigte Bäume als Sitz von Göttern oder anderen numinosen Wesen und Mächten verehrt.

  Die Weltesche „Yggdrasil" repräsentierte in der germanischen Mythologie den Weltenbaum im Zentrum des Alls, die Verbindung zwischen Erde und Himmel, die Konjunktion aller kosmischen Bereiche, des Unterirdisch-Chthonischen, des Lebens auf der Erde und des Überirdisch-Göttlichen. Seine Wurzeln tauchen hinab bis zum Herzen der Erde und seine Krone stützt das Himmelsgewölbe.   Er versinnbildlicht den staunenswerten und erschreckenden Kosmos von Stein, Pflanze, Tier, Mensch, Erde, Sternenwelt, und den Lebensrhythmus von Vergehen und Neu-Werden.


3. Die hebräische Bibel stellt die „Weisheit Gottes", die göttliche Chokma, lateinisch sophia, häufig in dem vegetativen Bild eines wurzelnden, wachsenden, grünenden, blühenden, Frucht tragenden, duftenden Baumes (Zeder, Ölbaum, Palme, Oleander, Zimtstrauch, Terebinthe, Weinstock) dar. In dem Symbol dieser Weisheits-Bäume ist die kreative Liebe Gottes vor aller Zeit und ihre Grünkraft in jedem Schöpfungswerk zusammengefasst (vgl. „Grünender Christus").

Zur Willkommenseite