III.  HIMMELSTREPPE / HIMMELSLEITER

über die Stufen der Selbstdisziplin und Kontemplation zu Gott aufsteigen

2. Johannes Klimakus (um 580-650 n. Chr.): Treppe zum Paradies

  „Himmelstreppe“ und „Brunnen“ sind zwei weitere beliebte spirituelle Bilder für das Ganze der Lebensreise, für das Transzendieren, das Wachsen des Menschen über alles hinaus, was er von sich selbst und dem, was er G-o-t-t nennt, erfährt und sich vorstellt. Diese beiden Archetypen der menschlichen Seele sind in der hebräischen Bibel verknüpft mit Jakob, dem Stammvater Israels. Jakob träumte den Großen Traum von der Himmelstreppe, die Erde und Himmel verbindet (vgl. meine Ausführungen zu „Jakobs Traum“ S. 26 ff), und Jakob ist es, der einen Brunnen über eine Quelle baute, den sog. Jakobsbrunnen, an dem Jesus 1500 Jahre später ausruhte und einer Frau aus Samarien das Dritte Auge öffnete für das wahre Wasser des Lebens (Joh 4).

  Christliche Mystiker haben diese beiden gegenläufigen Bilder gerne meditiert und als Sprach-Bilder genutzt, um ihren Lebensweg einer authentischen Selbstwerdung und Vereinigung mit Gott überhaupt durch Worte mitteilen zu können.

1. Drei Stufen der spirituellen Entwicklung: Reinigung - Erleuchtung - Einung

  Am Fuße des Berges Sinai, auf dem sich der bildlose Gott ICH BIN DA dem Mose offenbarte, wurde um 630 n.Chr. ein spiritueller Bestseller geschrieben. Autor war ein Mönch namens Johannes, der nach 40 Jahren Eremitendasein zum Abt des Katharinenklosters gewählt wurde. Er gab seinen Aufzeichnungen den Titel „Treppe zum Paradies" (griech. klimax = Treppe, Leiter). Nach seinem Tod erhielt er den Beinamen „Klimakos“.

  Wer heute vom St. Katharinenkloster (1585 m ü.M.) aus den Mosesberg (2285 m) ersteigt, im Dunkeln losgeht, um auf dem Gipfel den Sonnenaufgang zu erleben, und dabei nicht zusammen mit Hunderten von Touris den Normalweg - womöglich auf einem Kamel - wählt, sondern den steileren Treppenaufstieg mit ca. 3750 Steinstufen, den ursprünglichen Mosesweg ----, der kann sich einfühlen und hineindenken in die Erlebnis- und  Gedankenwelt von Johannes, der diesen beschwerlichen Stufenweg vermutlich sehr oft erklommen hat wie ein zweiter Mose.

  Johannes Klimakos beschreibt in der „Treppe zum Paradies“ die spirituelle Entwicklung des Christen als einen sehnsüchtigen und mühseligen Aufstieg der Seele, bis sie endlich ankommt im „Paradies“, bei Gott, „der in unzugänglichem Licht wohnt“, und der die ersehnte „Herzensruhe“ schenkt. Der Weg dorthin führt über 30 Stufen - in Anlehnung an die dreißigjährige verborgene Entwicklung Jesu bis zu seinem öffentlichen Auftreten. Der Aufstieg ist kein billig zu habender Ego-Trip, sondern ein lebenslanger Kampf mit den inneren Dämonen, eine entschlossene und wahrhaftige Auseinandersetzung mit den eigenen „Leidenschaften“.

  Nach dem Einstieg über die ersten drei Stufen (Verzicht und Rückzug, Loslassen von Abhängigkeiten, Triebfeder: Sehnsucht nach Gott) erfolgt über 20 Stufen der anstrengende Reinigungsprozess, die Bewusstmachung und Transformation der angewöhnten destruktiven Denk- und Verhaltensmuster, der sogenannten „Laster“:  Egozentrik, Unsterblichkeitswahn, Verstimmung, Rachsucht, Üble Nachrede, Geschwätzigkeit, Unwahrhaftigkeit, Trägheit, Gaumenlust, Sexuelle Zügellosigkeit, Geiz, Besitzgier, Ruhmsucht, Furchtsamkeit, Aufgeblasenheit, Hochmut.

  Getragen und entflammt wird dieser Kampf von der anziehenden Kraft der „Tugenden“ - Verhaltensweisen, die trainiert werden können und die wirklich taugen: Hören auf die eigene Wesensstimme, Herzensreinheit, Heiterkeit, Verzeihen, Wahrhaftigkeit, Großherzigkeit, Empathie, selbstbestimmte Lebensgestaltung, Wachsamkeit, Vertrauen, Geerdet-Sein. Der Blick auf den „anziehenden“ Gott schenkt der Seele Schwung und Energie; dennoch geht es auf dieser Steilstrecke nicht ständig nach oben, sondern mitunter auch Stufen zurück und nach unten.

  Auch auf den obersten sechs Stufen (Sanftmut, Demut, Gabe der Unterscheidung, zuverlässige Erkenntnis des Willens Gottes, unbedingtes Vertrauen, betende Präsenz, Seelenruhe, Erfahrung des Paradieses im tiefsten Innern, Liebe) spürt der Emporsteigende bzw. -gezogene, dass das Paradies in ihm  (ein Zustand der Ausgesöhntheit mit sich Selbst und des "Ruhens in Gott") bis zum Lebensende gefährdet bleibt.

Einige mystagogische Anweisungen, mit denen W. Müller jeweils seine Erklärung der einzelnen Stufe abschließt:


- Gönne dir immer wieder eine Zeit des Rückzuges. Lass dich nicht zumüllen.

- Komme mit deinem Kern in Berührung. Du bist mehr als deine Karriere, deine Beziehungen, dein Scheitern, deine Defizite.

- Schenke deinem Innenleben genau so viel Aufmerksamkeit wie deinem äußeren Leben.

  1. -Lasse Tränen der Reue über gemachte Fehler zu. Es sind die Tränen, die verhindern, dass du erstarrst.

  2. -Weiche den Gedanken an deinen Tod und deine Endlichkeit nicht aus.

- Lasse deinen Ärger zu, ohne dabei die Liebe zu vergessen.

- Erliege nicht der Rachsucht, die die eigene Seele vergiftet.

- Hüte deine Zunge. Tauche immer wieder einmal ein in dein Schweigen.

- Behalte die Kontrolle darüber, was dir guttut. Ziehe die kleinen Schritte den großen vor, wenn du ein Verhalten verändern willst.

- Lasse Sexualität und Eros zum Segen werden.

- Sei großherzig dir und anderen gegenüber. Vergiss den Blick zum Himmel nicht.

- Gönne dir genug Schlaf, doch verschlafe dein Leben nicht.

- Vertraue auf Gott inmitten von Angst und Furcht.

- Bleibe auf dem Boden, dann schmeckst du auch das wirkliche Leben.

- Vertraue auf deine Fähigkeiten, ohne überheblich zu sein und Gott zu vergessen.

- Vergiss keinen Augenblick: Gott ist größer als alles.

- Sei gütig. Vertraue der Weisheit deines Herzens.

- Nimm dich an. Mache deinen Wert nicht von äußeren Dingen abhängig.

- Lausche in deine verborgene Mitte, um Gottes Willen zu erkennen und zu erfahren.

- Verknüpfe dich im Beten mit Gott

- Überlasse dich den Kräften des Himmels, und du erfährst den Himmel, Gott, in dir.

                               Spirituelle Übung:

                              Das lächelnde Antlitz Gottes, das dich am Ende der Himmelsleiter empfängt


  Stelle dir, vor allem wenn dir der Aufstieg auf der Leiter zum Paradies schwerfällt, das lächelnde Antlitz Gottes (Christi) vor, das dich am Ende der Leiter empfängt. Schließe dabei die Augen und lasse dich stärken und ermutigen durch Gottes Antlitz. Spüre die Kraft, die dich von dort aus anzieht, dich unterstützt bei deinem Aufstieg. Spüre diese Kraft als eine Gegenkraft zu den Kräften und Strebungen in dir, die dich nach unten ziehen wollen, die dir einflüstern: "Lass dich gehen!" Die dich mitunter auch verführen wollen. Spüre die innere Freude, die davon ausgeht, die sich in dir breitmacht, wenn du dich nicht verunsichern lässt, sondern mit Blick auf das lächelnde Gesicht Gottes eine Stufe weiter nach oben gehst, auch wenn es dir Mühe macht und du meinst, es nicht mehr zu schaffen.

(W. Müller: Dreißig Stufen zum Paradies S. 133f)

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Dornbusch des Mose


im Kloster St. Katharina

am Sinai

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Gottesoffenbarung

im Dornbusch

(Marc Chagall)

3. Post-moderne Modelle der Spirituellen Reise

(Dorothee Sölle, Matthew Fox, Friedensreich Hundertwasser)

Dorothee Sölle: Staunen - Loslassen - Widerstehen (Mystik und Widerstand, 1998)

1. Freundschaft mit der Schöpfung  (via positiva)

  1. 2.Freundschaft mit der Dunkelheit, mit dem Loslassen und Seinlassen (via negativa)

  2. 3.Freundschaft mit der Kreativität und unserer Göttlichkeit  (via creativa

  3. 4.Freundschaft mit der Neuen Schöpfung - Mitgefühl, Feier, Eros, Gerechtigkeit                       

   (via transformativa)

  In ihrem „Entwurf einer mystischen Reise für heute“ (Mystik und Widerstand S.122ff) nennt D. Sölle drei Phasen, die ineinander übergehen: Staunen – Loslassen – Widerstehen.

  Auch der amerikanische Theologe Matthew Fox macht Fehlentwicklungen und fragwürdige Akzentuierungen bewusst, die nach wie vor die Praxis  christlicher Spiritualität bestimmen. „Die abendländische Religion muss ein Modell der Spiritualität loslassen, das sich allein auf Sündenfall und Erlösung stützt“ (S. 14). Das Christentum müsse „ja sagen zu Körper, Leben, Kreativität und der ganzen Breite unserer menschlichen Erfahrung“, auch die soziale und ökologische / ökonomische Dimension der Einen Wirklichkeit einbeziehen und andere Paradigmen wiedergewinnen: die Welt als gott-getönt erleben, als durchlässig auf das unaussprechliche Mysterium hin. Die Epiphanie Jesu Christi diene nicht so sehr dem individuellen Heil nach dem Tode, sondern dem Aufbau des Reiches Gottes in der Gesellschaft hier und heute, der Vergöttlichung des Kosmos. 

Friedensreich Hundertwasser: Unendlichkeit ganz nah

  Das „Herz der Dinge“, das „Unfassbare Mysterium“ leuchtet uns eher in Poesie und Malerei auf als in gelehrter Theologie. Jesus verkündete seine Botschaft von dem „Nahen Reich Gottes“ mit Vorliebe durch Bild-Worte und gleichnishafte Erzählungen. Und auch die Mystiker aller Kulturen und Glaubensrichtungen, hinduistische und christliche, islamische und jüdische, drückten ihre im Grunde nicht mitteilbaren Erfahrungen in Sprach-Bildern aus.

  Manchmal wecken Gedichte kongeniale Seelenbilder in uns; und es geschieht immer wieder, dass gemalte Kunst Tiefenschichten in uns anrührt, wie etwa das Kunstwerk „Unendlichkeit ganz nah“ von Friedensreich Hundertwasser.

Friedensreich Hundertwasser: Unendlichkeit ganz nah

(Ausschnitt)

                            Bildbetrachtung


  Ich kann das Bild lesen als meinen Lebensweg nach außen in die geheimnisvolle Welt hinein oder als einen Weg nach innen, als einen vierfachen Treppenweg in die Höhe oder in die Tiefe, als Hin- und Rückreise, als ein Bild für meinen Lebenslauf von Geburt zum Tod.

  Auf leuchtend gelbem Hintergrund führt der spiralförmige Lebensfluss aus der Mitte heraus oder in sie zurück.. Dreidimensionalität, Tiefenstruktur erhält das Bild durch vier Leitern oder Treppen, deren gelbschwarze Sprossen oder Stufen den zentralen Bereich mit den peripheren, auch über den Bildrand hinausgehenden Bereichen verbinden.

  Die goldgelbe Grundtönung des Gemäldes und auch der Titel „Unendlichkeit ganz nah“ erinnern mich an den Grundtenor des Buches von Matthew Fox „Der Große Segen“. Die mystische Reise ist wesentlich und im Grunde eine „via positiva“, weil

Für mich hat die „Unendlichkeit ganz nah“ ein Gesicht. „Christus“ ist der Name über allen Namen für die Weite und Tiefe des Universums, für den unauslotbaren Grund der menschlichen Seele (Kol 3, 11: Alles und in Allem: Christus). Er ist das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, der Ursprung und das Ziel.

  Der mystische Aufstieg ins Göttliche Mysterium ist im Christentum häufig in einem Drei-Stufen-Modell vorgestellt worden, die Dionysios Areopagita um 500 n.Chr. als Reinigung (purgatio), Erleuchtung (illuminatio) und Einung (unio) benannt hat.

  Am Anfang steht die Läuterung des Ich durch Erkenntnis destruktiver Verhaltensmuster, durch Anhalten, Umkehr und Askese (Übungen in Selbstdisziplin). Spirituelle Erziehung auf dieser und den weiteren Leitersprossen ist Entziehung; das Erlernen des neuen Menschen ist und bleibt ein Verlernen des alten. Abstürze sind nicht ausgeschlossen, der Kampf mit den inneren Dämonen muss jeden Tag neu gewagt werden.

Wunibald Müller, der bekannte Theologe und Psychotherapeut aus Münsterschwarzach ist den "Dreißig Stufen zum Paradies" nachgegangen und hat in den Weisungen von Johannes Klimakos ein modernes "spirituelles Lebensprogramm" entdeckt (Echter-Verlag, Würzburg 2010, 9,90 €). "Es sind Ermutigungen, gängige Vorstellungen von Paradies und Glück aufzusprengen. Sie wollen dazu einladen, das Schwarzbrot des Alltags zu essen. ... Es geht dabei um ein Lebensprogramm, das anstrengend sein kann, weil es von uns abverlangt, immer mehr das Kreisen um uns selbst aufzugeben, den Einflüssen von außen zu entsagen, um so immer mehr von innen heraus, beeinflusst von den Einflüsterungen Gottes, unser Leben zu gestalten. Dann aber werden wir mit der Zeit, von Stufe zu Stufe, immer mehr in eine Erfahrungswelt hineingeführt, die uns Glück, Freude, Paradies als Herzensruhe erfahren lässt." (S.8f)

  W. Müller macht deutlich, dass Johannes Klimakos ein feines psychologisches Gespür für die Abgründe und Unzulänglichkeiten der menschlichen Seele hatte.

  Tradierte geistliche Kategorien (Verzicht, Demut), als scheinbare Aufforderungen zur Weltflucht und Selbstverachtung in Verruf geraten, erhalten durch diese aktualisierende Deutung neuen Glanz und spirituelle Kraft.

Kritische Anmerkungen zur Mystik von Johannes Klimakos und anderer „Wüstenväter“


  Als junge Christen im dritten und den folgenden Jahrhunderten die dekadenten Großstädte des Römischen Reiches verließen und sich wie Antonius, Pachomios, Arsenius, Johannes u.v.a.m. für ein eremitisches oder coenobitisches Leben in den Wüstenregionen Ägyptens entschieden, nahmen sie in ihrem kargen Gepäck nicht nur Worte Jesu mit, die sie bis ins Herz getroffen hatten („Wenn du mir nachfolgen willst, verkaufe alles, was du hast und schenk es den Armen!“ „Selig die reinen Herzens sind: sie werden Gott schauen“), sondern auch - unreflektiert - neuplatonische Denkmodelle, die in der Spätantike fraglos anerkannt waren.

  Diese Philosophie trennt zwischen Leib und Geist, Materiellem und Göttlichem, und infiltrierte entscheidend das Menschen- und Weltbild des Christentums bis heute (vom Kirchenvater Augustinus bis zu Papst Benedikt XVI).  Eine ontologische Aufspaltung der Wirklichkeit in Diesseits und Jenseits sowie der Leib-Seele-Dualismus sind bleibende Resultate der Übernahme neuplatonischer Grundansichten. „Oben“ wurde auch im Christentum ein Synonym für Gott und Vollkommenheit, „Unten“ ein Synonym für das Unvollkommene und Schlechte.

  Dass die Innere Lebensreise nicht notwendig mit einem dualistischen Weltbild und mit Leibfeindlichkeit verknüpft ist, zeigen die spirituellen Modelle, die Matthew Fox (*1940) und Dorothee Sölle (1929 – 2003) entworfen haben. Sie betonen stärker die Einheit von Gott und Welt, Materie und Geist. Ihrer Ansicht nach ist die Eine Wirklichkeit von Grund auf gut und gesegnet. Der Zielpunkt der mystischen Reise ist der immanente Gott, das Göttliche In-Sein, das in allen Facetten der Schöpfungswirklichkeit gesucht und gefunden werden kann.

  der „Ur-Segen Gottes“ die ganze Schöpfung durchströmt und SEIN Lichtglanz, die Herrlichkeit und Güte der „Unendlichkeit“, uns in allen Lebensbereichen „ganz nah“ ist. Und auch die vier Leitern oder Treppen ähneln den stufenförmigen „vier Pfaden der Schöpfungsspiritualität“ von M.Fox.

  Der kleine weiße Punkt im Zentrum, kaum zu erkennen, ist der Ursprung und der Zielpunkt der Spirale und der vier Treppen.

Nach Hundertwasser ist die Spirale ein „Symbol des Lebensbeginnes überhaupt“ (http://www.hundertwasser.de/deutsch/werk/malerei/malerei_diespirale.php). Was ist der Ursprung der Kosmogenese  und Biogenese? Was war vor dem Urknall? Wer und wo war ich vor meiner Zeugung und Geburt?

Quellen - Hinweise

Georgios Makedos (Übersetzer): Hl.Johannes vom Sinai, Klimax oder Die Himmelsleiter, Athen 2000

Wunibald Müller: Dreißig Stufen zum Paradies, Ein spirituelles Lebensprogramm, Würzburg 2010

Eva-Maria Kaufmann: Jakobs Traum und der Aufstieg des Menschen zu Gott, Tübingen 2006

Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand, Hamburg 1997

Matthew Fox: Freundschaft mit dem Leben, Die vier Pfade der Schöpfungsspiritualität, Fischer-

    Taschenbuch 2490, Frankfurt a.M. 1998

http://www.hundertwasser.de/deutsch/werk/malerei/malerei_diespirale.php

http://www.af-kulturstiftung.de/index.php/andreas-felger/vita

Jakobs Traum von der  Himmelstreppe

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Die Samaritanerin am Jakobsbrunnen

(Siger Köder)

  Mittelalterliche Mystiker haben diese erste Stufe als die Wiederherstellung der Gottebenbildlichkeit der Seele aufgefasst: Der Seelenspiegel kann das ursprüngliche Gesicht wieder spiegeln, wenn er von Rost und Staub gereinigt wird.


  Der zweite Schritt auf dem mystischen Weg, die Erleuchtung, wird dem uns formenden Christus zugeordnet; die illuminatio wird oft auch als transformatio bestimmt. Christus erleuchtet und "bildet" den Menschen, der dem Geschöpflichen "entbildet" ist, der Abhängigkeiten losgelassen hat und leer geworden ist. Das Absterben des egozentrierten Lebens geht auch auf der Stufe der Erleuchtung weiter. Die Fenster der Seele müssen transparent bleiben, damit das "Glückselige Licht" im Innersten des Menschen durchscheinen kann. Unabdingbar auf dieser Stufe (und auf den anderen) ist eine beständige kontemplative Praxis: Einkehr ins Innerste des seelischen Abgrundes und Versenkung in den bildlosen Grund alles Seienden werden dann als ein- und dieselbe Wirklichkeit erfahren.

  Wenn auch die ersten Sprossen der spirituellen Leiter mit Mühe, Entschlossenheit, Disziplin und Ausdauer erstiegen werden müssen, so sind doch alle Stadien dieser Himmelsreise nicht eigene Leistung, sondern Gnadengeschenk. Und erst recht ist die Einung mit Gott, der Zustand der Herzensruhe und Gottesschau, auch Vollendung oder Vergottung genannt, eine überwältigende Erfahrung, die nicht hergestellt werden kann, und die selten und meist von kurzer Dauer ist. Egoverlust und unaussprechliches Glück, Leere und Fülle sind dann eins.

(vgl. Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand S. 113 ff)

  „Mosche und Aharon und siebzig von den Ältesten Jisraels stiegen hinauf auf den Berg Sinai und sie sahen den Gott Israels. Der Grund unter seinen Füßen war wie mit Saphir ausgelegt und glänzte hell wie der Himmel selbst.  sie schauten Gottheit und aßen und tranken.“

(2 Mose 24,10)

„Jahwe ließ sich sehen von Mosche mitten im Feuer eines  Dornbusches. ER sprach: Mosche! Mosche!

Und Mosche antwortete:

  Da bin ich.

Und ER sprach: Führe mein Volk Israel aus Ägypten heraus! ICH sende dich.

Mosche: Welchen Namen soll ich ihnen nennen?

Da antwortete Gott dem Mosche: Ich bin der Ich-bin-da. Sage ihnen: ICH BIN DA schickt mich zu euch.

Und ER fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sprechen:

ER, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs schickt mich zu euch.

ICH BIN DA ist mein Name für immer.“


(2 Mose 3)

  „Und Mosche stieg alleine auf den Berg.

Er war dort bei IHM vierzig Tage und vierzig Nächte, Brot aß er nicht, Wasser trank er nicht. Dann schrieb er auf die Tafeln die Worte des Bunds, das Zehnwort ...

Es geschah, als Mosche vom Berg Sinai herabstieg, die zwei Tafeln der Vergegenwärtigung in Mosches Hand, daß von SEINEM Reden mit ihm die Haut seines Antlitzes strahlte - Mosche wußte es aber nicht.“

(2 Mose 34)

  Auch in Johannes Klimakos` geistlichem Lebensprogramm „Treppe zum Paradies“ sind diese fragwürdigen neuplatonischen Tendenzen nicht zu übersehen.

- Verzicht und Enthaltung von „Weltlichem“ wird überbetont, Sinnlichkeit, Körperlichkeit und Materielles abgewertet.

- Das Leben wird vornehmlich angesehen als ein Ort des Exils und der Prüfung und nicht als wunderbares Geschenk.

- Auch wenn in den Schriften der „Wüstenväter“ meistens durchklingt, dass der lebenslange Kampf mit den Dämonen im Inneren der Seele stattfindet, so entsteht  doch der Eindruck, dass Engel und Dämonen als reale dem Menschen gegenüber stehende Mächte verstanden werden.

- Das Gottesbild ist oft überpersonalisiert. „Gott“ erscheint als eine väterliche, göttlich-mächtige  Gestalt außerhalb und oberhalb des Menschen.

Und dennoch! Beeindruckend bleibt:

- die Entschlossenheit, Selbstdisziplin und Ausdauer, mit der Johannes Klimakos und andere Wüstenväter den strapaziösen (und manchmal federleichten) mystischen Weg gegangen sind

- ihr psychologisches Gespür für destruktive Kräfte im Menschen und ihr wahrhaftiger Blick auf die Wirklichkeit innen und außen

- ihre demütige Rücknahme des eigenen Ego

- ihre brennende Sehnsucht nach Vollendung

- ihre radikale jesuanische Praxis (wenn auch häufig rigoros gefärbt).

Ikone im Katharinenkloster

(12. Jahrh.)

Staunen


  Der Anfang der Mystik ist das Staunen. Wenn wir als Kinder (oder Erwachsene) die Welt entdecken voll Verwunderung und Bewunderung, wenn wir versunken sind im Schauen, Hören oder Spielen, wenn wir uns d´accord mit Menschen fühlen, uns plötzlich eine tiefe Freude und Dankbarkeit überwältigt, wenn wir das Dasein als ein Wunder fühlen und schmecken – dann machen wir den ersten Schritt auf dem mystischen Weg. Uns „erfasst ein radikales Staunen, das die Schleier der Trivialität zerreißt“. „Staunen oder Verwunderung ist eine Art, Gott zu loben, auch wenn sein Name nicht genannt wird.“

Loslassen


  „Gerade weil unsere Mystik mit dem Staunen und nicht mit der Verbannung beginnt, ist das Entsetzen über die Zerstörung des Wunders radikal.“ Die wunderbare Erfahrung, dass alles gut ist, wird in unserer Gesellschaft verdunkelt und erschwert. In dieser zweiten Phase „vermissen wir Gott“; die Notwendigkeit der Reinigung und des Loslassens wird unausweichlich. Loslassen müssen wir unsere Abhängigkeiten von destruktiven Mechanismen heute (Spaltung der Gesellschaft, Konsumismus, Zerstörung der Schöpfung) und Abschied nehmen von Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten unserer Zivilisation. Die mittelalterliche Mystik empfahl „Abgeschiedenheit“. D. Sölle verbindet mit dieser Wegstrecke des Loslassens die Erfahrung von Leiden und „dunkler Nacht“. Diese Phase des mystischen Weges überlappt sich mit der dritten:

Widerstehen


  Das Einssein mit Gott, das Leben in Gott äußert sich in gelebter Solidarität mit unserer Erde und den auf ihr lebenden Menschen. Lebensverhindernde Strukturen bewusst machen und ihnen mitleidend und aktiv widerstehen, todbringende gesellschaftliche Realitäten transformieren - das geschieht dann aus dem tiefen Vertrauen, dass ich darin eins bin und mitschöpferisch mit der Göttlichen Kraft.

Matthew Fox: Vier Pfade der Schöpfungsspiritualität

(Freundschaft mit dem Leben, Fischer Tb 1998)

Pfad 1 / Treppe 1


- die immanente Güte der Schöpfung bewusst wahrnehmen

- Panentheismus: Gott als durchscheinend erleben

- die Kunst sich zu freuen, Gastfreundschaft und Demut als Erdverbundenheit wiederentdecken

- unser königliches Menschsein: Verantwortung für den Aufbau des Reiches Gottes übernehmen

  1. -Schöpfungsekstase, gesegnete Leiblichkeit als Ausdruck für heiliges Lob- und Dankgebet

Schöpfung als Ur-Segen

Gott loben

Dunkelheiten der Schöpfung

Sich leermachen und loslassen

Kraft der Schöpfung

Zur Quelle zurückkehren

Kreativ sein

Erneuerte Schöpfung

Spaltungen überwinden

In-sein und Mit-sein

Pfad 2 / Treppe 2


- Verdunkelungen, Leiden und Schmerzen zulassen

- Leere annehmen und sich leer machen

  1. -„Gott“ in Leere und Nichts erfahren, ungegenständlich meditieren


Pfad 3 / Treppe 3


- Unsere Vergöttlichung als Ebenbilder und Mitschöpfer Gottes

- von der Betrachtung des gesegneten Kosmos hin zur kreativen Weiterentwicklung (Kosmogenese)

- Kreativität und Phantasie für neues Leben: „eine Spirale der Schönheit in die Welt zurückwirbeln“

  1. -aus der „Quelle des Lebens“ schöpfen, inneren Bildern vertrauen


Pfad 4 / Treppe 4


- Schöpfung erneuern und von ungerechten Verhältnissen befreien

- durch echtes Mitgefühl zum Segen werden (und nicht zum Fluch)

- zu Weisheit, Feier und Spiel zurückkehren

- sich vom schöpferischen Geist Gottes in uns inspirieren und motivieren lassen

  Wer die Mitte oder die Höhe des Lebens überschritten hat, nimmt das Bild von Hundertwasser vermutlich eher wahr als eine mystische Reise nach Innen, als Rückreise zur Quelle, als Abstieg in einen Brunnen. „Freundschaft mit dem Leben“, Lobpreis und Kreativität bleiben wichtige spirituelle Pfade. Dennoch verschiebt sich in dieser Lebensphase die Blickrichtung von äußerer Aktivität stärker in die Innenwelt. Die eigene Endlichkeit wird bewusster wahrgenommen, bislang angestrebte Werte (Erfolg, Besitz, Macht) werden relativiert. Wichtiger wird die Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit. Vielleicht nehmen auf diesem Wege Vertrauen und Gelassenheit zu.

  Alles, was existiert, hat seinen Ursprung und Grund in dem unaussprechlichen grundlosen Geheimnis. Hundertwasser hat es in der äußerst reduzierten Metapher eines unscheinbaren farblosen Punktes dargestellt. Von diesem Zentrum aus kommt die Dynamik des Lebens in Bewegung (vgl. meine Ausführungen zum Hoffnungsbild „Spirale“ S. 101 - 110). Sie tanzt näher oder entfernter um diese Mitte, sie führt nach außen in den bunten Reichtum des Lebens und für den, „der Augen hat zu sehen“, ständig in die herrliche und gütige Nähe der Unendlichkeit.

  Je nach individueller An-Sicht nehme ich die Grundrichtung des Bildes wahr. Wenn ich mich in das Gemälde  hineinversetze, bin ich da eher derjenige, der mühsam aufsteigt oder der wagemutig in den Brunnen springt? Bin ich der, der gerne meditiert, sich versenkt oder der, der in der konkreten farbigen und schmutzigen Welt die Unendlichkeit Gottes erfährt? Identifiziere ich mich mit Mose, seinem nächtlichen Aufstieg und seinem Ruhen in dem bildlosen Geheimnis oder eher mit einem Zen-Mönch, der hofft, durch ständiges Üben und Meditieren Ich-Losigkeit und Erleuchtung zu erlangen?  Sehe ich meine Berufung primär darin, zusammen mit anderen Weggefährten jeder Ungerechtigkeit zu widerstehen und Zerstörung und Spaltung zu transformieren auf eine „Neue Erde“ hin? Oder besteht mein Weg eher darin, in der Präsenz Gottes zu leben und mit der ganzen Schöpfung die „Unendlichkeit ganz nah“ zu loben und zu preisen?

Welchen Weg wähle ich? Welche Treppe, welche Leiter ist mir zugewiesen ?

(„Der Mensch wird des Weges geführt, den er von ganzem Herzen wählt“ - Buchtitel von Johannes Bours)

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  Die christlichen Kirchen müssten wieder die fortdauernd fließende Kraft des Schöpfers, den Großen Segen, „the original blessing“  in den Vordergrund stellen. Fox beruft sich dabei auf die reichen Erfahrungen der christlichen Tradition, besonders der Frauenmystik des Mittelalters (Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg u.a.). Grundlegend für die christliche Spiritualität sei immer ein „Christo-Panentheismus“ gewesen, beginnend mit Paulus, der eine kosmische Christus-Frömmigkeit gepflegt habe („Alles und in Allem: Christus“, „Durch Christus und auf Ihn hin ist alles erschaffen worden“ – Brief an die Kolosser). Christus ist das Dabhar (hebr.), der Logos, das Wort Gottes, die allgegenwärtige Kraft und Energie der Schöpfung.

  Das Modell der Mystischen Reise von M. Fox ist eine Entfaltung und Erläuterung dieses Panentheismus; es stellt vier Pfade der Schöpfungsspiritualität vor, mit jeweils vier bis zehn Stufen oder Stationen.                                                        (Illustrationen: Andreas Felger)

IV.  Jakobs TRAUM von der Himmelsleiter

Mystik und „Große“ Träume

(Marc Chagall)