II.  Platons HÖHLENgleichnis

Platon 428 - 348 v.Chr.

  Platons Höhlengleichnis ist wohl der berühmteste Text der abendländischen Philosophie. Er enthält grundlegende Aussagen zur Situation des Menschen in der Welt, zu seinem Weg der Befreiung und Bewusstwerdung und zur Erkenntnis des Göttlichen (Idee des Guten).

  Platon vergleicht das menschliche Dasein mit dem Aufenthalt in einer unterirdischen höhlenartigen Behausung. Gefesselt, mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, den Kopf fixiert, erblickt der Mensch auf der Wand vor ihm nur die Schatten der Dinge, die er aber für die alleinige Wirklichkeit hält.

  Löste man seine Fesseln und führte ihn aus der Höhle in die lichte Welt mit ihren wirklichen Dingen, würde er seine Schattenwelt für wahr, die wahre Welt für unwirklich halten. Erst allmählich, Schritt für Schritt, nähme er die Realität der Dinge wahr. Schließlich würde er die Sonne anschauen und als Ursache alles Wahren und Guten erkennen.

  Kehrte er aber in die Höhle zurück, um die anderen Menschen über ihre Täuschung aufzuklären, so würden sie ihm nicht glauben. Sie hielten ihre Scheinwelt nach wie vor für die wahre Wirklichkeit.

www.gottwein.de/Grie/plat/PlatStaatHoehle.php (Griechisch-deutscher Text)

Deutungen, Überlegungen


I.  Nach Aussage Platons (wie auch anderer Philosophen und Weisen) leben wir in einem Zustand der Blindheit und Selbsttäuschung.

Wir verwechseln unsere individuellen Vorstellungen, Konditionierungen, Fixierungen mit der Wirklichkeit; häufig projizieren wir unseren Schatten (eigene abgelehnte psychische Anteile) auf andere als Projektionswand und lassen uns von Illusionen leiten.

   Unsere Lebensaufgabe besteht darin: aufwachen; bisherige Wahrnehmungsmuster aufgeben; umkehren;  „nicht in der Finsternis bleiben“, sondern „ins Licht gehen“; Wirklichkeit an-erkennen.

   vgl. meine Webseite „Haiku I“:


Licht durch Gitterstäbe.

Er klammert sich an - hinter ihm

steht die Tür offen.

II.   In aller Blindheit und Fixiertheit existiert in uns ein Ursprungswissen von den göttlichen Ideen (unser wahres Gesicht vor unserer Geburt).

  

   vgl. Platons Auffassung von der Anamnesis (Wiedererinnerung der Seele an die göttlichen Ideen, die sie vor der Geburt aufgenommen hat) und der Mäeutik, der  „Hebammenkunst“ des Sokrates, die dieses verborgene Wissen ins Bewusstsein hebt.


   vgl. auch Goethes Gedicht (Werke, Bd I, S.367, Hamburg 1981) :

„Wär nicht das Auge sonnenhaft, Die Sonne könnt es nie erblicken;

Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, Wie könnt uns Göttliches entzücken?“

  

  Wir haben schon alles, wissen es aber nicht.

III.   Das Enneagramm (s. meine Webseite „Enneagramm“) kann helfen, hinter allem Schein die Essenz, unter allen Lebenslügen die Wahrheit und durch alle Wahrnehmungs- und Verhaltensfixierungen hindurch unser ursprüngliches Gesicht zu entdecken.


(vgl. A.H. Almaas: Facetten der Einheit. Das Enneagramm der Heiligen Ideen. J.Kamphausen Verlag, 2004)




IV.   Bei Enneagramm-Exerzitien 1992 mit Sr. Anneliese Heine lernte ich Anthony de Mello, seine Lebensphilosophie und seine Geschichten kennen und lieben. Manche Gedanken berühren sich mit dem Platonischen Höhlengleichnis.

Bewusstheit


„Erlangt man Heil durch Taten oder durch Meditation?“

  „Weder noch: Heil erwächst aus dem Sehen.“

„Was sehen?“

  „Dass das goldene Halsband, das du erwerben möchtest,   bereits um deinen Hals hängt. Dass die Schlange, vor der du solche Angst hast, nur ein Seil auf dem Boden ist.“

(Eine Minute Weisheit, S. 47)

Der goldene Adler


  Ein Mann fand ein Adlerei und legte es in das Nest einer gewöhnlichen Henne. Der kleine Adler schlüpfte mit den Küken aus und wuchs zusammen mit ihnen auf.

  Sein ganzes Leben lang benahm sich der Adler wie ein Küken, weil er dachte, er sei ein Küken aus dem Hinterhof. Er kratzte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er gluckte und gackerte. Und ab und zu hob er seine Flügel und flog ein Stück genau wie die Küken. Schließlich hat ein Küken so zu fliegen, stimmt`s?

  Jahre vergingen. Eines Tages sah er einen herrlichen Vogel hoch über sich. Anmutig und hoheitsvoll schwebte dieser im wolkenlosen Himmel. „Wer ist das?“ fragte der Adler seinen Nachbarn.

  „Das ist der Adler, der König der Vögel“, sagte der Nachbar. „Aber reg dich nicht auf. Du und ich sind von anderer Art.“

  Also dachte der Adler nicht weiter an diesen Vogel. er starb in dem Glauben, ein Küken im Hinterhof zu sein.


(Warum der Vogel singt S. 76)

Literaturhinweise

Anthony de Mello: Eine Minute Weisheit. Herder-Verlag, Freiburg 1991

ders.: Warum der Vogel singt. Geschichten für das richtige Leben. 1991

ders.: Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein. 1992

ders.: Wie ein Fisch im Wasser. Einladung zum glücklichen Leben. 1993

ders.: Die Fesseln lösen. Einübung in ein erfülltes Leben. 1994

ders.: Meditieren mit Leib und Seele. Neue Wege der Gotteserfahrung. Verlag Butzon u. Berker, Kevelaer 1991

ders.: Dass ich sehe. Meditation des Lebens. Herder-Verlag Freiburg 1990

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V.   Folgendes Experiment lässt unsere Fixiertheit auf gewohnte Wahrnehmungs- und Denkmuster erfahren.


Berühre alle 9 Punkte durch vier Geraden, ohne abzusetzen!

(Lösung siehe unten)

Käfig ohne Gitter


Ein Bär ging in seinem sechs Meter langen Käfig hin und her.

  Als die Gitterstäbe nach fünf Jahren entfernt wurden, ging der Bär weiterhin diese sechs Meter hin und her, als ob der Käfig noch da wäre. Für ihn war er da!

(Wer bringt das Pferd zum Fliegen? S.116)

Zeichnung: Jules Stauber

VI. Aussagen in Weltreligionen


Jüdische  Bibel


- Sie sehen, aber erkennen  nicht. Ihr Herz ist verhärtet, die Ohren verstopft, die Augen verklebt, so dass sie mit ihren Augen nicht sehen, ihr Herz nicht zur Einsicht kommt und sie sich nicht bekehren und geheilt werden. (vgl. Jesaja 6, 10)

- Das  Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf. (Jesaja 9, 1)

- Gott hat mich herausgeholt in die Weite. Er schnürt mich los, denn er hat an mir Lust (Psalm 18)

Christliche Theologie des Abstiegs Christi in die Unterwelt


-  „Der gekreuzigte Christus ist der wahre Orpheus, der die Menschheit als seine Braut aus den Tiefen des dunklen Hades  hervorholte.“ (65)

-  „Christus, ... der von der Höhe ... bis zum Hades gelangt ist, du hast die Türen des Totenreiches aufgetan und von dort heraufgeführt, die lange Zeiten hindurch in dem finsteren Verließ eingeschlossen waren. Du hast ihnen einen Weg nach oben gezeigt, der zur Höhe hinaufführt.“  (Thomasakten um 200)

  1. - Eine Predigt am Karsamstag (2.Jahrh.): „Untergetaucht ist die Gott-Sonne-Christus unter die Erde ... die Tore des Hades öffnen sich. Die ihr vom Leben abgeschieden seid, freut euch! Die ihr in Finsternis und Todesschatten saßet, empfanget das große Licht!“ (111)


(Hugo Rahner: Griechische Mythen in christlicher Deutung, Freiburg 1992)

Frére Eric (Taizé): Auferstehung

Islamische Mystik


- Warum, wenn Gottes Welt doch so groß ist, bist du ausgerechnet in einem Gefängnis eingeschlafen? (Rumi  1207-1273)

Christliches Neues Testament


- Jesus: Ich bin gekommen, damit die Blinden sehend und die Sehenden blind werden. Einige Pharisäer fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? (Johannes-Evangelium 9, 39.40)

- Wach auf, du Schläfer, steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein. (Epheserbrief 5, 14)

- Ich habe vor dir eine Tür geöffnet, die niemand mehr schließen kann. (Offg 3, 8)

  (514a) Danach, fuhr ich fort, betrachte nun unsere menschliche Natur in Bezug auf Bildung und Unbildung mit folgendem Zustand: Stelle dir nämlich Menschen vor in einer höhlenartigen Wohnung unter der Erde, mit einem nach dem Licht hin geöffneten und längs der ganzen Höhle hingehenden Eingang; darin Menschen, die von Kindheit auf an Schenkeln und Hals gefesselt sind, so dass sie dort bleiben und nur nach vorn schauen müssen, aber den Kopf wegen der Fesseln nicht umzudrehen vermögen; das Licht scheine ihnen von oben und von fern von einem Feuer hinter ihnen; zwischen dem Feuer und den Gefesselten sei oben ein Querweg; entlang diesem stelle dir eine kleine Mauer gebaut vor, wie sie die Gaukler vor dem Publikum haben, über die sie ihre Wunder zeigen.

Ὁρῶ, ἔφη.

Ich stelle mir das vor, sagte er.

Christliche Mystik


KEHR UM

Wann du den Rücken kehrst der klaren Sonne zu,

Und siehest nicht ihr Licht - wer machts? Sie oder du?


GEGEN AUFGANG MUSST DU SEHEN

Freund, willst du an Gott selbst das Licht der Sonnen sehn,

So mußt du dein Gesicht hin zu dem Aufgang drehn.


DEIN KERKER BIST DU SELBST

Die Welt, die hält dich nicht, du selber bist die Welt,

Die dich in dir mit dir so stark gefangen hält.

DER HIMMEL IST IN DIR

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir.

Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.


MISS DIR DOCH JA NICHTS ZU

Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn,

Man muß aus einem Licht fort in das andre gehn.


DIE SONNENWENDE

Verwundre dich nicht, Freund, daß ich auf nichts mag sehn:

Ich muß mich allezeit nach meiner Sonne drehn.


EIN WACHENDES AUGE SIEHT

Das Licht der Herrlichkeit scheint mitten in der Nacht,

Wer kann es sehn? Ein Herz, das Augen hat und wacht.


(Angelus Silesius: Der Cherubinische Wandersmann - 1657)

  (514a) Μετὰ ταῦτα δή, εἶπον, ἀπείκασον τοιούτῳ πάθει τὴν ἡμετέραν φύσιν παιδείας τε πέρι καὶ ἀπαιδευσίας. ἰδὲ γὰρ ἀνθρώπους οἷον ἐν καταγείῳ οἰκήσει σπηλαιώδει,

KEHR UM

Wann du den Rücken kehrst der klaren Sonne zu,

Und siehest nicht ihr Licht - wer machts? Sie oder du?

(Cherubinischer Wandersmann)

Lösung:

- aus dem gewohnten  System aussteigen!

- fixierte Seh- und Denk-Muster aufgeben!

III.  HIMMELSTREPPE / HIMMELSLEITER

über die Stufen der Selbstdisziplin und Kontemplation zu Gott aufsteigen

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