Fünf großformatige Gemälde zum hebräischen „Hohen Lied der Liebe“ schmücken einen kleinen intimen Raum des „Musée National Message Biblique Marc Chagall“ in Nizza. In wunderbaren Farben und geheimnisvollen Motiven ertönt hier das alttestamentliche und zugleich ewige „Lied der Lieder“, das „Schir ha Schirim“, der „Gesang der Gesänge“ auf die Liebe.

Am 7.Juli 1973 wurde das eigens für 17 biblische Bilder Chagalls geschaffene Museum eröffnet. Im Vorwort zum Katalog schreibt der 88-jährige Maler:

  „Seit meiner frühen Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie ... erscheint mir heute noch als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten. Stets habe ich ihre Spiegelung im Leben gesucht ...

Malerei und Farbe - sind sie nicht von der Liebe inspiriert? Ist die Malerei nicht allein Widerschein unseres inneren Selbst? ... Da jedes Leben zwangsläufig seinem Ende zugeht, sollten wir unser Leben, solange es dauert, mit unseren Farben der Liebe und Hoffnung ausmalen. In dieser Liebe findet sich die gesellschaftliche Logik des Lebens und das Wesentliche jeder Religion.

Vielleicht werden junge und ältere Menschen in dieses Haus kommen, um hier einem Ideal der Brüderlichkeit und Liebe nachzuspüren, wie es meine Farben und Linien erträumt haben ...

In der Kunst wie im Leben ist alles möglich, wenn es auf Liebe gegründet ist.“

Die Bilder zum „Hohenlied der Liebe“ Salomos hatte Chagall in den Jahren 1957 bis 1966 gemalt. Liebe war für ihn die Quelle seines Lebens und seiner Kunst. Die langjährigen Ehen mit Bella Rosenfeld (1912-44) und Vava Brodsky (1952-85) haben in vielen Portraits seiner Geliebten und in Bildern von Liebenden, Brautpaaren etc. einen gefühlsintensiven (und nach Ansicht mancher Betrachter auch einen idealisierten) Ausdruck gefunden. Verschwiegen wird von seinen Biographen manchmal das Zusammenleben mit Virginia Haggard (1945-52) nach dem plötzlichen Tod seiner geliebten Bella. Wenn man die Aufzeichnungen (Sieben Jahre der Fülle) seiner „Lebensabschnittsgefährtin“  und seines Sohnes David McNeil (geb. 1946 - Auf den Spuren eines Engels) liest, wird auch die komplizierte Seite der Liebesbeziehungen Chagalls erkennbar.

Getragen und beschwingt durch die Erfahrung von Liebe in seinem eigenen konkreten Leben malte Marc Chagall viele seiner bekanntesten Bilder. Inspirieren ließ er sich zudem durch die Liebes-Poesie in Welt-Literatur und hebräischer Bibel. In den unvergesslichen Liebespaaren der Menschheitsgeschichte, Odysseus und Penelope, Eurydike und Orpheus fand er ein Spiegelbild seiner eigenen Erfahrungen. Die grundlegende Polarität und Einheit von Liebenden, von Mann und Frau, faszinierte ihn auch an biblischen Paaren: Adam und Eva in der Paradieserzählung, König David und Bathseba und schließlich die beiden Liebenden und Geliebten im „Gesang der Gesänge“: König Salomo und Sulamith.

Das hebräische Hohelied der Liebe

König Salomo und Sulamith

Das „schir ha schirim", das „Lied der Lieder", der „Gesang der Gesänge" (M. Buber) der hebräischen Bibel ist eine Sammlung von Liebesliedern. Es ist kein Buch über die Liebe, sondern es enthält wirkliche Liebeslieder, von Liebenden gesungen: sinnlich, vital,  bilderreich, erotisch. Obschon dem Weisheitslehrer Salomo zugeschrieben, dem dritten König Israels nach Saul und David, sind es keine weisen Aphorismen über Sinn und Vergänglichkeit der Liebe, sondern spontane Gedichte von jungen Verliebten. Intime Gefühle werden geäußert und gewagte Vergleiche herangezogen. Die meisten Passagen hören sich an wie Auszüge aus Liebesbriefen oder einem intimen Tagebuch.


In der folgenden Text-Bildzuordnung orientiere ich mich an:

Marc Chagall / Klaus Mayer: Wie schön ist deine Liebe, Bilder zum Hohenlied, Echter Verlag Würzburg 1984

                                          Bild I: Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz (8,6)


Er: „ Du bist schön, meine Freundin, ja du bist schön, zwei Tauben sind deine Augen.“

Sie: „Schön bist du, mein Geliebter, verlockend. Frisches Grün ist unser Lager, die Zedern sind unser Dach, Zypressen die Wände.

Mein Geliebter ruht wie ein Myrrhebüschel an meiner Brust. Eine Zypertraube ist mein Liebhaber.“ (1,13-17)

Er: „Unter dem Apfelbaum habe ich dich geweckt."

Sie: „Setze mich wie ein Siegel dir auf das Herz. Steck mich als Siegelring an deine Hand."

                                        Bild II: Ich schlief, doch mein Herz war wach (5,2)


Sie: „Ich schlief, doch mein Herz war wach. Horch, mein Geliebter klopft."

Er:  „Öffne mir, meine Schwester und Freundin. Mein Haar ist voll Tau, meine Locken voll Tropfen der Nacht."

Sie: „Ich öffnete meinem Geliebten - doch Er war verschwunden, hinweg. Mir stockte der Atem, er war weg.

Ich suche ihn, nicht finde ich ihn.

Ich rufe ihn, nicht entgegnet er mir." (5,5.6)


„Auf meiner Ruhestatt in den Nächten

suche ich ihn, den meine Seele liebt,

suche ich ihn und finde ihn nicht.

Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze,

ihn suchen, den meine Seele liebt.

Ich suchte ihn und ich fand ihn nicht.

Kaum war ich an an den Wächtern vorbei,

da fand ich, den meine Seele liebt.

Ich packte ihn und ließ ihn nicht los." (3,1-4)


Sie: „Du, den meine Seele liebt,

sage mir: Wo weidest du die Herde? Wo lagerst du am Mittag?

Wozu soll ich erst umherirren

bei den Herden deiner Gefährten?"

Er: „Wenn du das nicht weißt, du schönste der Frauen,

dann folge den Spuren der Schafe,

dann spürst du mich auf." (1,7.8)

„Ein verschlossener Garten bist du, meine Braut.

Ein Lustgarten sprosst aus dir,

Granatbäume mit köstlichen Früchten, Henna und Narde,

Gewürzrohr und Zimt, Weihrauch, Myrrhe und Balsam. (4,12-14)

                                                          Bild III: Am Tag seiner Hochzeit


„Ihr Töchter Jerusalems, kommt heraus und schaut, ihr Töchter Zions: König Salomo mit der Krone.

Damit hat ihn seine Mutter gekrönt, am Tage seiner Hochzeit, am Tag seiner Herzensfreude." (3,11)

„Dreh dich, dreh dich, Sulamith, lass dich betrachten, dreh dich im Reigentanz.“ (7,1)

Sie: „Im Weinkeller bin ich mit ihm, in der Liebesschenke, wo er statt Wein seine Liebe mir ausschenkt.“

                                                Bild IV:  Zieh mich hinter dir her! Lass uns eilen!


Sie: „Mit Küssen seines Mundes bedeckte Er mich. Süßer als Wein ist deine Liebe. Dein Name ist ein duftendes Öl. Komm zieh mich mit dir, ich folge dir nach. Der König zieht mich in seine Gemächer. Jauchzen wollen wir und und uns freuen an dir." (1,1-4)

ER: „Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut, ja verzaubert mit einem Blick deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette.

Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut, wieviel süßer ist deine Liebe als Wein, der Duft deiner Salben köstlicher als alle Balsamdüfte.

Von deinen Lippen, Braut, tropft Honig. Der Duft deiner Kleider ist wie des Libanon Duft.“

(4,9-11)

                              Bild V: Wie schön bist du und wie reizend, du Liebe voller Wonnen


Sie: „Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt, er hüpft über die Hügel. Der Gazelle gleicht mein Minner, dem jungen Hirsch.

Ja draußen steht er, an der Wand unsres Hauses. Er lugt durch die Gitter.“ (2,8.9.)

ER: „Wer ist sie, die glänzt wie das Morgenrot, wie der Mond so schön, strahlend weiß wie die Sonne, prächtig wie Himmelsbilder? (6,10)

„Stark wie der Tod ist die Liebe. Ihre Gluten sind Feuergluten, eine Lohe oh von IHM her!

Die vielen Wasser vermögen nicht die Liebe zu löschen, die Ströme können sie nicht überfluten." (8,6.7)

Selten ist ein bedeutender lyrischer Text der Weltliteratur ähnlich kongenial in Farben und Linien ausgedrückt worden. Grundmotive, die im Hohenlied der Liebe in Worte gefasst sind, leuchten auf den fünf Bildern Chagalls in einer neuen Alchemie der Farben auf:  Sinnlichkeit, Zärtlichkeit, Schönheit, Leiblichkeit, Behutsamkeit, Leidenschaft, Sehnsucht, Suche, Trennung, Vereinigung, bräutliche Liebe, Poesie und Spiel.

Marc Chagall erweist sich einmal mehr als ein „lyrischer Maler“, als ein „Malerpoet“.

Seine Bild-Poesie berührt wie die Wort-Lyrik des „Gesanges der Gesänge“ unmittelbar Tiefenschichten der Seele und bedarf im Grunde keiner wortreichen Erklärung.


Dieser Zweiklang von Wort und Bild wird zu einem Akkord durch Musik, auf dieser Webseite durch  „songs of love“, die P.Janssens und O.G.Blarr 1973 zu Texten aus dem Hohenlied der Liebe von Wilhelm Willms komponierten, und weiter unten durch die Kantate 49 „Ich geh und suche mit Verlangen“ von JS Bach.

2.  Chagalls Liebesmystik


Wenn „ein Mystiker jemand ist, der erfahren hat und zutiefst darauf vertraut, dass Alles durchströmt und getragen ist von göttlicher Liebe“ (Webseite „Chagalls Mystik III - Jakobs Traum), dann darf Marc Chagall zu Recht ein Mystiker genannt werden. In seinen fünf Gemälden zum Hohenlied der Liebe wird diese grundlegende mystische Lebenssicht augenfällig.

Die dominierende Grundfarbe „Blau“ seiner Kirchenfenster in Mainz - fast 20 Jahre später - wird eine mystische Grundstimmung bewirken. Die Besucher gewinnen eine Ahnung von dem Himmel der Himmel, von der unermesslichen Weite und Tiefe der göttlichen Transzendenz.

Seine Liebes-Bilder in Nizza sind durchglüht von der Leidenschaft der göttlichen Liebe, symbolisiert durch die Grundfarbe „Rot“. Alles Figürliche - Menschen, Bäume, Tiere, Landschaften - hat Anteil an dieser Farbe des Feuers und der Lebendigkeit, der Liebe und der Begierden, des Eros (amor) und der Agape (caritas). Das Geheimnis des Lebens, das sich in jedem Wesen und Ding der Schöpfung verbirgt, ist LIEBE.

Marc Chagall hat zum Hohenlied Bilder der Ganzheit geschaffen. Irdische und himmlische Wirklichkeit vermählen sich; Natur und Städte (Jerusalem, Witebsk, St.Paul de Vence) werden zum Festsaal der Liebe; die Sehnsucht der Liebenden findet Erfüllung, Braut und Bräutigam vereinigen sich; Meditationen über die Liebeslieder von König Salomo und Sulamith und Erinnerungen an die eigene Hochzeit  bilden eine Einheit mit Chagalls gegenwärtigem Erleben; die Sehnsucht nach Liebe erfasst den Menschen bis in seine Träume, bis in sein Unterbewusstsein hinein. Das Leben ist ein Preislied auf die Liebe; Flöte, Tamburin, Schofarhorn, Leier begleiten es.

Die verborgenen und ausdrücklichen Bild-Zeichen der Transzendenz wirken wie natürliche Bestandteile der Szenarien. Ein gold-gelber Halbmond erhellt die Nacht und ist zugleich eine chiffrierte Abkürzung des Gottesnamens JHWH. Eine Hand greift aus einem Ort jenseits des Bildrahmens nach dem Davidstern und symbolisiert SEIN Liebesverlangen. Himmlische Wesen, Engel durchschweben die Räume der Liebe, und alles wird über- und durchstrahlt von der Sonne der LIEBE, die alle Farbtöne der Schöpfung in sich vereinigt.

deine Augen zwei fenster daraus die seele schaut - Musik: Peter Janssens / Text: Wilhelm Willms

unsere stunden zu zweit apfelblütenzeit - Musik: Peter Janssens / Text: Wilhelm Willms

liebeserklärung - Musik: Oskar Gottlieb Blarr / Text: Wilhelm Willms

Gesang der Gesänge:

ein Lied auf die Liebe zwischen Mensch und GOTT (?)


Muss diese Überschrift nicht mit einem Fragezeichen enden oder sogar als unzutreffend gestrichen werden? Denn der Name „Gott" oder ein ausdrücklich religiöser Satz kommen in diesem „Hohenlied der Liebe“ nicht vor - ein „gott-loses" Buch also?

Umso erstaunlicher ist, dass diese erotischen Dialoge zwischen zwei Liebenden - Salomo und Sulamith - im Judentum und Christentum als Heilige Schrift, als Wort Gottes anerkannt wurden.

Im Volk Israel bestand seit  Abraham, Isaak und Jakob ein Grundkonsens in der Erfahrung, dass der EWIGE einen unauflösbaren Bund eingegangen ist mit der Erde und dem Menschen, dass die Geschichte eine Liebesgeschichte Gottes mit dem Menschen ist.

Dieser grundlegende Glaube der Väter wurde in allen Generationen überprüft und vertieft durch aktuelle Erfahrungen. Eine bestimmte Sprache musste gefunden werden, um dieses ungeahnte, beglückende, aber im Grunde unsagbare Mysterium aussprechen und weitergeben zu können. Zumal von den Propheten wurde die wechselvolle Geschichte Israels gerne in Kategorien einer Beziehung zwischen Mann und Frau gedeutet. Sie erinnerten immer wieder an „die erste Liebe“ zwischen Gott und den aus Ägypten befreiten Israeliten in der Wüste, an den Bund Gottes mit ihnen und sein Treueversprechen am Sinai; sie warnten aber auch ständig vor „Ehebruch“ und „Gottvergessenheit“. Im Vertrauen auf die unverbrüchliche Treue dieses Gottes richtet sich ihr Blick häufig in die Zukunft: Spätestens am Ende der Tage darf die „bräutliche Liebe“ zwischen Gott und Israel voll und ganz erlebt werden.

Die Dynamik der Liebe zwischen Mann und Frau diente vor allem dem Propheten Hosea (um 740 v.Chr.) als Erfahrungshintergrund und Sprachhilfe, um die kollektive Geschichte Israels mit seinem Gott auszudrücken.

In Symbolhandlungen hält er seinem Volk einen Spiegel vor: Hosea heiratet eine Hure, um Israel zur Erkenntnis zu führen, dass es den Ehe-Bund mit Gott gebrochen hat, weil es mit fremden Götzen „verhurt hurt" (1,2), dass JHWH aber trotz aller Ehebrüche seines Volkes diesem treu bleibt. Das Bild einer Ehe zwischen Gott und Israel bestimmt die Mahn- und Trostreden des Propheten:


„Hört das Wort des Herrn: Der Herr erhebt Klage gegen die Bewohner des Landes. Es gibt keine Treue und Liebe und keine Gotteserkenntnis im Land.“ (4,1) 

„Israel hat es mit Dirnen getrieben, ein Hurgeist ist ihnen im Innern.“ (5,3)

„Eine Dirne bist du, denn du hast deinen Gott verlassen.“ (9,1)

„Ich bestrafe sie für alle Feste, an denen sie den Götzen Rauchopfer dargebracht hat. Sie hat ihre Ringe und ihren Schmuck angelegt und ist ihren Liebhabern gefolgt, mich aber hat sie vergessen - Spruch des Herrn.

Darum will ich selbst sie verlocken. Ich will sie in die Wüste hinausführen und sie umwerben.“ (2,15f)

„ICH traue dich mir an auf ewig.

ICH traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen.

ICH traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: dann wirst du MICH erkennen.“ (2,21)

Auch im Buch des Propheten Jesaja wird der „Gottesbund mit dem Volk Gottes“ in poetischen Bildern vorgestellt:


„Man ruft dich mit einem neuen Namen.

Du wirst zu einer prächtigen Krone in der Hand des Herrn,

zu einem königlichen Diadem in der Rechten deines Gottes.

Man nennt dich ´Meine Wonne` und dein Land ´Die Vermählte`.

Denn der Herr hat an dir seine Freude,

und dein Land wird mit ihm vermählt.

Wie der junge Mann sich mit der jungen Frau vermählt,

so vermählt sich mit dir dein Erbauer.

Wie der Bräutigam sich freut über die Braut,

so freut sich dein Gott über dich."

(62, 3-5)

Von dieser Grundüberzeugung Israels her, mit Gott gleichsam vermählt zu sein, wird auch verständlich, dass die Liebeslieder im „Gesang der Gesänge“ allegorisch als Dialog der Liebe zwischen JHWH und seinem Volk gelesen und gesungen wurden.

Ein weiterer Grund für die Aufnahme des „Hohenliedes“ in den Kanon der Heiligen Bücher mag auch folgender gewesen sein: Trotz einer aufklärenden Entgötterung der Welt hatte das Judentum immer ein Gespür dafür, dass die Welt erfüllt ist von SEINER Herrlichkeit, dass die absolute LIEBE in jeder Liebe, wo und wie immer sie erlebt wird, aufscheint.


Nach Ansicht des jüdischen Theologen Pinchas Lapide wurde das Hohelied in der Geschichte Israels unterschiedlich ausgelegt:

1. Als Hochzeitslied zweier Menschen, die die Liebe beflügelt;

2. Als Sehnsuchtslied der Seele,die zu Gott emporsteigen will;

3. Als Liebeslied Israels, dessen Begehren auf Gott gerichtet ist;

4. Als Gleichnis aller Entzweiung auf Erden, die ihre Heilung in der Einswerdung sucht;

5. Als Zwiegespräch zwischen Leib und Seele, die den Weg zur vollen Synthese erstreben;

  1. 6.Als messianischer Gesang des Erlösers und seiner Heilsgemeinde.“ (Das Hohelied ... S.23)


Mich hat überrascht, dass in der Übersetzung von Martin Buber der Name Gottes, des EWIGEN und Gewaltigen, doch einmal vorkommt: „Stark wie der Tod ist die Liebe. Ihre Gluten sind Feuergluten, eine Lohe oh von IHM her!“ (8,6) Die „gewaltigen Flammen der Liebe“ (deutsche Einheitsübersetzung) übersetzt Buber, der sich immer eng am Wortlaut bewegt, als „eine Lohe oh von IHM her“. Also klingt schon im hebräischen Urtext an, dass die „Glut der Liebe“, von „IHM, dem Gewaltigen“ ausgeht.

01.07. 2009

                       1.  Hebräische Bibel: Liebesbund zwischen JHWH und Israel

3.  Christliche Liebesmystik: Christus und Seelengrund



Das frühe Christentum fasste die eigenen und die Liebes-Erfahrungen des Judentums in das Edelstein-Wort: „Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm." (1 Joh 4,16). Die  Botschaft: „Liebe Gott mit ganzer Seele und mit allen Kräften, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ (5 Mose 6,5 und Markus 12,30) ist das Lebensprogramm beider Weltreligionen.

Tief berührt auch heute noch das „Hohelied der Liebe" im ersten Korintherbrief des Apostels Paulus.


Das „Gott-lose" „Lied der Lieder" wurde - wie alle anderen alttestamentlichen Schriften -  schon durch die christlichen Theologen der ersten Jahrhunderte auf den Neuen Bund Gottes mit den Menschen bezogen. In der Kirche (und in Maria) sahen sie die geliebte Braut Gottes, die Gott in Christus bis zum Äußersten liebt. Und so konnte auch der hebräische „Gesang der Gesänge" als eine allegorische Darstellung der Liebe zwischen Gott/Christus und der Kirche ausgelegt werden.


5.  Christliche Liebesmystik heute



Das „Hohelied der Liebe“ wird bis heute auf vielerlei Weise gesungen. Die Liebe als caritas-amor-sexus bleibt das bewegendste Thema der Menschheitsgeschichte und jedes individuellen Lebenslaufes. Dass diese Liebe von Gott kommt (vgl. 1 Joh 4,7: „Die Liebe ist aus Gott; jeder der liebt stammt von Gott.“), ja etwas Göttliches ist, dass die Liebe Gottes in jeder erotisch-sexuellen Liebe durchscheinen kann, und dass Gott „mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen Gedanken und allen Kräften“ geliebt werden möchte, haben Mystiker wie Rumi, fromme Hindus, Zisterzienser des Mittelalters und auch Marc Chagall leidenschaftlich erfahren und durch lyrische Gesänge, Predigten und Bilder mitgeteilt. Ihre poetische Liebesmystik vermag auch uns heute in tiefen Schichten unserer Seele anzurühren; wir erwarten aber, dass sie kompatibel ist mit unseren heutigen individuellen Überzeugungen, gesellschaftlichen Erfahrungen und psychologischen Erkenntnissen.

Auszug aus dem Paradies

Ursprüngliche Einheit und Gefährdung im Paradies

Als sich die kirchlich-spirituelle Praxis später auf eine ekklesiale Dominanz von Lehre und Moral gegenüber individuellem Erfahrungsglauben und auf einen autoritär geprägten Gottesglauben verengte, setzten sich immer wieder mystische Bewegungen von diesen Engführungen innerhalb der Kirche ab - noch vor der mittelalterlichen Frauenmystik die Zisterzienser im 12. Jahrhundert.


Das „Hohelied der Liebe“ im Alten Testament meditierten sie als einen Liebesaustausch zwischen Christus und der Seele, als eine bildhafte Darstellung ihrer eigenen Liebesgeschichte mit Gott. Sie entwickelten eine Spiritualität mit stark innerlichen und affektiven Zügen: es ging ihnen um persönliche Erfahrung, um Unmittelbarkeit des Einzelnen zum WORT Gottes, um die Imitatio Christi, einem Trainingsprogramm mit dem Ziel, dem Abbild Gottes - zugleich Urbild der eigenen Seele - immer ähnlicher zu werden; im Zentrum ihrer monastischen Praxis stand die intime mystische Identifikation mit der Braut des Hohenliedes (Sulamith - eigene Seele) und der sehnsüchtige Wunsch nach Vereinigung mit dem geliebten Bräutigam (Salomo - Christus).


Das Hohelied Salomos wurde zur geistlichen Lieblingslektüre dieser mönchischen Bewegung, die als strenge Asketen nach neuen authentischeren Lebensformen („secundum naturam vivere - nach der Natur leben“) suchten.

(vgl. Schellenberger S.10ff).

„In diesen Asketen ist eine geradezu weibliche, frauliche Sensibilität erwacht: sie haben sich mit Vorliebe mit der Braut des Hohenliedes identifiziert und deren Suchen und Finden des Geliebten als ihre eigene Liebesgeschichte mit Gott beschrieben. Ihr Ich haben sie als ´anima` erlebt, als ´Seele`, die sich nach Gott sehnt." (15)

„Dabei hatten sie einen ganz eigenen Zugang zum Wort der Schrift: weder jenen einfältig fundamentalistischen (buchstäbliche Auslegung) .... noch den distanziert wissenschaftlichen der modernen Exegese. Sie haben die Bibel gelesen, wie ein Liebender ein Liebesgedicht liest: als Niederschlag und Auswortung jener Liebe, die sie selbst erfasst hatte ... für sie war die Bibel das Lese- und Gesangbuch ihrer eigenen Liebesgeschichte mit Gott." (21)

Offensichtlich blieb diese frühe Brautmystik frei von versponnener Regressivität und neurotischer Sublimierung der Sexualität. Sie war integriert in eine erwachsene Lebenspraxis. Pfeiler dieser anziehenden Spiritualität waren neben einer intimen Christus-Fömmigkeit ein sehr einfacher Lebenstil, harte körperliche Arbeit, ausgeprägter Gemeinschaftssinn, sechsstündiger Chorgesang täglich, aktives gesellschaftliches Engagement (Bernhard von Clairvaux), Marienverehrung, nüchterne Ästhetik in Kirchenbau und Liturgie.

Ihnen gelang - so Berhardin Schellenberger in der Textsammlung „Ein Lied das nur die Liebe lehrt, Herderbücherei 904, Freiburg 1981" - „ein faszinierendes Lied, ein Lied auf die Liebe Gottes und des Menschen. Neu angestimmt, vermag dieses Lied im Herzen dessen, der es hört, unmittelbar eigene Erfahrungen zu wecken, oder doch wenigstens die Sehnsucht nach ihnen."

„Ein solches Lied kann nur der Geist der Liebe lehren,

es lässt sich nur in der Erfahrung lernen.

Wer es erfahren hat, erkennt es wieder,

und wer noch nicht, soll glühen in der Sehnsucht,

nicht: mehr von ihm zu wissen,

sondern: an der Erfahrung teilzuhaben.

Dies Lied klingt nicht im Ohr:

es jubelt auf im Herzen.

Es tönt nicht von den Lippen,

sondern erregt in tiefer Freude.

Nicht Stimmen schwingen da in eins,

sondern die Strebungen der Herzen.

Es ist nicht draußen zu vernehmen,

es schallt nicht offen auf dem Markt.

Nur die es singt, vernimmt den Klang

und der, dem sie es singt:

die Braut und ihr geliebter Bräutigam.“


(Bernhard von Clairvaux, 1. Hoheliedpredigt)

(Schellenberger: Ein Lied, das nur die Liebe lehrt S.7)

Graduale cisterciense (um 1340)

Der Gekreuzigte neigt sich zum

Hl. Bernhard herab

Zisterzienser-Antiphonar (um 1350)

Miniaturen zur Agnes-Legende:

Christus und Seele (Anima)

Krishna zählt bei den Hindus zu den meistverehrten Inkarnationen des obersten Gottes Vishnu. Um ihn ranken sich durch die Jahrtausende hin mythologische Geschichten, in zahllosen Gesängen wird er verehrt und geliebt als göttlicher Liebhaber.

Es wird erzählt:

Die Mädchen (Gopis) von Brindaban sind auf den schönen Jüngling mit der dunkelblauen Hautfarbe aufmerksam geworden. Krishna spielt, wie alle Hirten, die Flöte, doch er spielt sie besonders anmutig. Wenn der Klang seiner Flöte aus den Wäldern ertönt, laufen sie ihm voll Liebessehnsucht entgegen. Doch Krishna entzieht sich ihnen.

Eines Abends - die Hitze des Sommers lässt nach, Monsunregen erfrischen die Luft, Pfauen stolzieren auf den Weiden am Yamuna-Ufer, die Bäume blühen in üppiger Pracht, der Mond gießt ein zauberisches Licht über die Wiesen und Wälder - ertönt Krishnas Flöte. Die Gopis eilen herbei, um mit Krishna zu singen und zu tanzen. Da steht der Gott, mit der Flöte in der Hand, gekleidet in einem goldgelben Dhoti, umkränzt von Blumen, auf dem Haupt eine Krone aus Pfauenfedern: Wunderschön anzusehen ist er, der Dunkelfarbene. Nun entfaltet sich ein Rundtanz mit Krishna in der Mitte und den Gopis im Reigen ringsum. Krishna stillt die Leidenschaft der Mädchen und ihr Glück ist unermesslich.

Die Anführerin der Gopis ist Radha, welche die bevorzugte Geliebte von Krishna wird. Manchmal jedoch wendet sich Krishna von ihr ab und lässt sie plötzlich allein. Dann schwillt Radhas Herz in eifersüchtiger Sehnsucht und wartet auf eine neuerliche Vereinigung mit ihrem Herrn. So schwankt das Leben der Gopis zwischen sehnsüchtiger Erwartung, jubelnder Vereinigung und erneutem Trennungsschmerz.

(vgl. M. Kämpchen: Krishnas Flöte, Religiöse Liebeslyrik aus Indien, Herderbücherei 752, Freiburg 1979, S.16f)

Die Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit dem „Gesang der Gesänge"  in der hebräischen Bibel frappieren. Über das Hohelied hinaus überträgt aber die vishnuitische Lyrik die Liebesbeziehung zwischen Liebhaber und Geliebtem, zwischen Krishna und Radha ausdrücklich auf das Verhältnis „Mensch - Gott". Die geliebte Radha wird zum Sinnbild der menschlichen Seele, die von Gott (Krishna) geliebt wird und nach ihm verlangt.

„Die werbende Flöte in Krishnas Hand bedeutet die Anziehungskraft Gottes für die Seelen; ja die Flöte selbst wird oft als Seele bezeichnet, die sich von allen Weltdingen entleeren muss, bevor Gott ihr wunderbare Musik entlocken kann. Krishnas goldgelbes Gewand ist Zeichen seiner göttlichen Majestät, seine dunkelblaue Hautfarbe ist ein Symbol für die Ewigkeit. Die Pfauenfedern auf seinem Haupt sind ein Sinnbild der Unsterblickeit. ... Der Rundtanz mit Krishna in der Mitte symbolisiert Gott als den Ursprung des Lebens, von dem die Seelen (Gopis) ringsum Nahrung und Kraft schöpfen. Ihr Kreis um den göttlichen Ursprung ist das Universum selbst; ihr Tanz das große, herrliche Spiel (Lila), welches die Seelen, die an Gott hangen, auf dieser Welt spielen dürfen. ... Krishna schenkt allen, die zu ihm kommen, Erfüllung ihrer Sehnsucht. Doch manchmal lässt er sie allein. Alle Seelen auf dem Weg zu Gott müssen jene Wechsel von sehnsüchtiger Erwartung, jubelnder Vereinigung und Trennungsschmerz durchmachen, bis sie reif geworden sind zur unvergänglichen Schau Gottes.“


Krishnas Flöte, Religiöse Liebeslyrik aus Indien, Herder Freiburg 1982, S. 16ff

4.  Islamische und hinduistische Liebesmystik: Rumi und Krishna



Nicht nur im Judentum und Christentum erklingt das „Hohelied der Liebe“, das Gott dem Menschen ins Herz gelegt hat. Noch ausdrücklicher und ekstatischer singen es  hinduistische und islamische MystikerInnen.

Fast zeitgleich mit den Zisterziensern, die in Burgund eine neue Kunst der Gottesliebe entwickelten, erschuf Mewlana Jalaluddin Rumi, einer der bedeutendsten Sufis und Dichter des Islam, in der heutigen Osttürkei seine mystischen Gesänge auf die Liebe Gottes.  Es wird erzählt, dass in der Mitte seines Hauses eine Säule stand, um die er singend in Ekstase tanzte, während seine Schüler seine Gott-trunkenen Lieder niederschrieben.

Gott durch Liebe näher zu kommen war für Maulana, wie für die meisten Sufis, der Weg zur wahren Erfüllung im Leben. Der Grund für seine Berühmtheit ist, dass er die Fähigkeit besaß, diese Botschaft in Poesie von großer Schönheit wiederzugeben. Er beschrieb mit derselben poetischen Kraft die Freude, Gott zu begegnen, wie die Trauer, von Gott getrennt sein zu müssen. Wie andere mystische Dichter bezeichnete er Gott als den Geliebten und die menschliche Seele, die auf der Suche nach Gott ist, als den Liebenden.

„In seiner reichen Bilderwelt von Sonne, Mond und Gestirnen, von Gärten, Blumen, Vögeln und Gewässern, und im Geliebten (männlich oder weiblich), im Weinschenk und Lautenspieler verherrlicht Rumi die immer gegenwärtige göttliche Wirklichkeit ... Oft wählt er für Gott Metaphern von Licht und Klang ...  Bald ist die liebende Seele ein Falke, der dem Trommelton seines Herrn folgt, bald eine Liebende, die dem Klang des Lautenspielers lauscht, bald die Laute selbst, die gespielt werden will."  (Hrsg. K.u.L. Thylmann: Gesänge des tanzenden Gottesfreundes, Herderbücherei 679, Freiburg 1978, S.11)

„Keine Freude konnte ich in beiden Welten finden, fern von dir, mein Geliebter. Viele Wunder habe ich gesehen, du Wunderbarer.

O auserwählter Mundschenk, o Augapfel, meine Liebe ist dein.

Du bist wie Milch und Zucker, du bist Sonne und Mond. Du bist Vater und Mutter.

O unzerstörbare Liebe, o göttlicher Minnesänger. Du bist meine Bleibe und Zuflucht, einen Namen wie deinen habe ich nirgends gefunden.

Wir sind wie Eisenstücke und deine Liebe ist der Magnet. Du bist die Quelle der Sehnsucht.“ (S.82)

„Die irdische Welt gibt  tausend Bildern Form, welches davon ist das unsere? ... Vielleicht - wenn ein Vogel geflogen käme und trüge als Halsband die Geheimnisse Salomos ...

Rebhuhn und Falke fliegen zusammen ...

Aber sind nicht die sieben Himmel noch diesseits des Empyreums, der göttlichen Gegenwart? Unsere Reise geht zu den Rosengärten der All-Einheit.“ (S.58)

Gottesliebe, Nächstenliebe und Selbstliebe bilden eine untrennbare Einheit. Der Lieblingsjünger Jesu, Johannes,  betont die Geschwisterliebe als Voraussetzung für eine wahrhaftige Liebe zu dem Numinosum G-o-t-t: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“ (1 Joh 4,20); moderne Humanwissenschaften haben aufgezeigt, dass echte Nächstenliebe (und Gottesliebe) ohne gereifte Selbstliebe nicht gelingt. 

Meine Liebe zu Gott / Christus verläuft auf derselben Ebene, in denselben Bahnen wie die Liebe zu meinen Nächsten und zu mir selbst. Das bedeutet, dass meine Liebe zu Christus nicht frei ist von den Schwierigkeiten, Komplikationen, Enttäuschungen, Verletzungen, die auch meine Beziehung zu geliebten Menschen und zu mir selbst  mitbestimmen. Lieben ist zwar eine Grundanlage im Menschen, aber auch eine Kunst, die gelernt werden muss und kann. In jeder Liebesgeschichte - ob mit Gott oder mit Menschen -  muss ein Prozess der Reinigung, einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den eigenen und fremden Schattenseiten durchstanden werden.  Die Identifikation des vorgestellten Bildes vom Geliebten mit der idealisierten oder negativ fixierten Eltern-Imago muss aufgelöst werden. Eigene Verstrickungen in Hass, Gier und Machtspiele  müssen durchschaut und einengende Erwartungen an den Anderen zurückgenommen werden. Darin sind weltliche und mystische Liebe einander völlig gleich.

Erwachsenes Erlernen der Kunst der Liebe bedeutet zunächst realistisches Wahrnehmen und Verlernen von konditioniertem Fühlen, Denken und Verhalten, und Zurücknehmen von Projektionen; es wird aber auch einhergehen müssen mit dem Mut, an den göttlichen Kern in uns, an die unzerstörbare Liebe in uns zu glauben und sich unseres „ursprünglichen Gesichtes vor unserer Geburt“, unseres Selbst bewusst zu werden.

„Die Liebe Gottes manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! In der Fähigkeit, sich selbst in seiner Eigenart lieben zu dürfen, und nicht nur in dem, was wir uns ständig an- und umhängen, um zu beweisen, dass wir wertvoll, klug, hübsch, erfolgreich sind . Nein! Wir sind einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts Besseres passieren." (Christoph Schlingensief in seinem Krebstagebuch am 24.03.2009).

Christus: Ich geh und suche mit Verlangen Dich,  meine Taube, schönste Braut.

(Bach-Kantate 49)

Geliebte: Ich bin herrlich, ich bin schön, meinen Heiland zu entzünden. 

(Bach-Kantate 49)

Meditative Übung: Die Tausend Namen Gottes


Diese Übung nimmt die islamische bzw. hinduistische Praxis auf, die 99 bzw. Tausend Namen Gottes zu rezitieren. Jeder Name hat eine tiefe Bedeutung und offenbart einen Aspekt des Göttlichen.


1. Komm zur Ruhe und nimm Deine Körperempfindungen und deinen Atem bewusst wahr.....

2. Werde dir der Anwesenheit Christi, des Auferstandenen Herrn, bewusst....

3. Rede Ihn an, wie du es gewohnt bist......

4. Erfinde wie eine Verliebte neue Namen für Ihn....

    (Aus den Psalmen: Mein Fels, Lied, Befreier, Hirte ... 

     wie Rumi: Sonne, Rose, Weinschenk, Geliebter ....)

5. Sprich bei jedem Ausatmen einen Namen ... Wenn ein Name dir besonders gefällt, wiederhole ihn und verweile dann liebevoll bei ihm......

6. Stelle dir vor, dass ER Namen für dich erfindet. Welche Namen erfindet ER für dich? Was empfindest du, wenn ER dich bei diesem Namen ruft?.............

Dieser letzte Schritt der Übung wird dich vielleicht sehr bewegen. Manche Menschen hindert ihr negatives Selbstbild daran, liebevolle Worte über sich zu hören. Andere blockieren sich durch den Einwand: Alles nur Einbildung.

Vielleicht machst du die Erfahrung: Dieser „ein-gebildete" Christus spricht aus, was ich an Liebe, Freude, Stärke, Klarheit, Bewusstheit, Attraktivität .... in mir habe. Alle Namen, die ich für mich erfinde und IHN sprechen lasse, können die bedingungslose Liebe Christi zu mir niemals voll ausschöpfen.


nach Anthony de Mello: Meditieren mit Leib und Seele, Kevelaer 1984, S.149ff


Dieses innere Gebet lässt sich auch verstehen als Wechselgespräch zwischen meinem begrenzten, kurzsichtigen  Ich-Bewusstsein und dem Selbst, meinem ursprünglichen göttlichen Wesen.

Vielleicht geht irgendwann dieser innere Dialog zwischen mir und IHM über in Schweigen, in grundloses Vertrauen, dass Ich und Du nicht getrennt sind.

Christus: Ich hab dich je und je geliebet,

und darum zieh ich dich zu mir. 

Seele: Wie bin ich doch so herzlich froh,

dass mein Schatz ist das A und O, der

Anfang und das Ende. (Bach-Kantate 49)

Pfarrer Klaus Mayer, der Marc Chagall bewegen konnte, die berühmten neun Kirchenfenster für St. Stephan in Mainz zu schaffen, erinnert in dem Postscriptum seiner Betrachtungen zum „Hohenlied der Liebe“ an eine Begegnung mit Chagall im „Musée National Message Biblique Marc Chagall“ in Nizza:

„Es war am Sonntag, dem 20. November 1983, im Saal des Hohenliedes. Unerwartet erschienen Marc und Vava Chagall zu einem kurzen Besuch im Museum ... Aus innerem Ergriffensein von seinen Bildern und der Atmospäre des Raumes kamen die Worte, die der 96-jährige geradezu andächtig sprach:


                                                         „DIEU EST ICI!“ - „GOTT IST HIER!“

Der zentralen Botschaft des Christentums „Du bist - wie jeder andere Mensch - ohne Bedingungen, sozusagen „rundum geliebt“ zu glauben, fällt den meisten Menschen sehr schwer. Zu häufig ist ihnen verkündet worden, dass sie auch von Gott nur dann geliebt werden, wenn .... Wenn sie ihre Sünden bereut haben, wenn sie umgekehrt sind, wenn sie getauft sind, wenn sie sich an bestimmte Gebote und Regeln halten. Sie sind davon überzeugt, dass die Liebe Gottes verdient werden muss.

„Gott hat uns zuerst geliebt,“ „Nichts vermag uns zu trennen von der Liebe Christi“ - diese Frohe Botschaft sollte die kirchliche Pastoral heute mehr denn je in den Vordergrund stellen. Sie sollte eine neue Mystagogie anbieten: eine praktikable Einführung in das Mysterium der Liebe, ein spirituelles Programm,

  1. -wie die Liebe Christi, Seine Weisheit, Kraft und Schönheit im eigenen Herzen und in Allem entdeckt werden kann

  2. -wie die Blockaden der eigenen Liebesfähigkeit wahr- und angenommen werden können

  3. -um eine wirklich persönliche Liebesgeschichte mit Jesus Christus zu beginnen und zu pflegen.

  4. -um das „Innere Gebet“ zu lernen und zu üben, einen lebendigen wahrhaftigen Austausch mit dem Christus in uns.

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