Mystisch-universales Christentum II


Bewusstseinsstufen und Gottesbilder

transzendieren und integrieren

Balance von drei Gesichtern des göttlichen Mysteriums: ES-DU-ICH

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Gott 1.0 Beige: Archaische Stufe des Überlebenswillens

Existieren

kollektiv: entstanden seit etwa 100 000 Jahren

individuell: Baby-Alter

Gottesbild: Gott als Mutterbrust oder „große Hand“

Gott spricht: Vergisst denn eine Frau ihren Säugling, eine Mutter ihren Sohn? Mögen auch diese vergessen, ich aber vergesse dich nicht. (Jesaja 49, 15)


Gott 2.0 Purpur: Magisch-animistische Stufe der Ahnengeister und Sippe

Sicherheit

entstanden seit ca. 50 000 Jahren

Märchenalter

Gottesbild: Geister, Totenreich der Ahnen, Stammesgötter ("Gott Abrahams, isaaks und Jakobs")

Magische Elemente in Naturwundern (Hochzeit zu Kana)  und Heilungsgeschichten (Blindenheilung mit Speichel - Markus 8, 23)


Gott 3.0 Rot: Egozentrische Stufe der Machtgötter und Kämpfer

Macht, Eroberung, Aggression

entstanden seit etwa 10 000 Jahren

Trotzalter

Gottesbild: Machtgötter, Kriegsgott, Vernichter der Feinde

ER dein Gott schreitet vor dir her wie ein verzehrendes Feuer. ER ists, der die Amakiter vertilgt (5 Mose 9,3)


Gott 4.0 Blau: Absolutistische Stufe der Wahrheit und Werte

Ordnung, Moral, Abgrenzung

entstanden seit etwa 5 000 Jahren

Gottesbild: der einzige Gott, Allmächtiger, Schöpfer, Richter

Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Gesetz des Herrn ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise (Psalm 19, 8)

Jesus: Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben, sondern um zu erfüllen (Matthäus 5,17)



Gott 5.0 Orange: Rationale Stufe des Strebens und Forschens

Freiheit, Vernunft, Effektivität

entstanden seit etwa 650 Jahren (Renaissance, Aufklärung)

Gottesbild: a-theistischer Gott, Was den Menschen unbedingt angeht, Urgrund des Seins

Mach dir kein Bildnis von Gott (2 Mose 20.4)

O Abgrund des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes. Wie unergründlich sind seine Wege (Römer 11,33)

Gott wohnt in unzugänglichem Licht (1 Timotheus 6,16)


Gott 6.0 Grün: Relativistische Stufe der sozialen Verantwortung

Gleichheit, Toleranz, Sensibilität

entstanden seit etwa 150 Jahren

Gottesbild: ein menschenfreundlicher, mütterlicher Gott, Gott als Liebe, Gott in allen Religionen

Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes  (Titus 3,4)

Gott ist Liebe (1 Johannes 4, 8)



Gott 7.0 Gelb: Systemisch-integrative Stufe des multiperspektivischen Einbeziehens aller Stufen

Zusammenschau, Einheit von Polaritäten

entstanden seit etwa 60 Jahren

Gottesbild: Ineinander von Gott und Mensch

Aus Gott und durch Ihn und auf Ihn hin ist die ganze Schöpfung (Römer 11,38)

Jesus: Ich und der Vater sind eins (Johannes 10,30)


Gott 8.0 Türkis: Integral-holistische Stufe der globalen Vernetzung

Mystische Universalität in Denken und Handeln

entstanden seit etwa 40 Jahren

Gottesbild: Gott als pulsierender Prozess, als Poet der Welt, als GEIST, milieu divin, Pleroma

Damit ihr fähig werdet zu erfassen, was da die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen die - jede Erkenntnis übersteigende - Liebe Christi, auf dass ihr erfüllt werdet in das ganze Pleroma Gottes hinein (Epheser 3, 18f)

Damit Gott Alles in Allem werde (1 Korinther 15, 28)


Gott 9.0 Koralle: Noch unbekannte nächste Stufe, der weitere folgen können

Allverbundenheit

Gottesbild: Gott als unser Werdenkönnen

  Schüttet eine radikale „theologia negativa“ nicht das Kind mit dem Bade aus?  „Gott“ um Gottes willen lassen, alle Gottesbilder um der „nackten Gottheit“ relativieren, wie es Meister Eckhart, Mechthild von Magdeburg, Teresa von Avila u.v.a.m. anraten? Alle Vorstellungen von Gott aufgeben? Ein bildloses Christentum? Eine wortlose Theologie? Wie soll das zugehen? Wäre das nicht ein Widerspruch in sich?! Denn Theo-Logie ist das Wort von Gott (griech.: logos tou theou), sie vermittelt Annäherungen an Gott durch Wort und Bild.



Aufscheinen des Göttlichen Mysteriums in Manifestationen und Inkarnationen



  Nach christlicher Anschauung hat sich „Gott“, das Göttliche Geheimnis geoffenbart; jeder Mensch kann Seine Diaphanie, Sein Durchscheinen in Allem, was existiert, und Seine Epiphanie, Sein Aufscheinen in Jesus und vielerlei Gestalten (Buddha, Ramakrishna, „Menschen gleich um die Ecke nebenan“) erfahren und nachvollziehen. Dem gläubigen Christen ist er unüberbietbar aufgeleuchtet in der Inkarnation Seines Logos in Jesus, in der Person Jesu Christi, dem „Bild, der Ikone des unsichtbaren Gottes“ par excellence (Kol 1, 15).

  Die geschlechtslose, bilder-, formen- und farbenlose Gottheit hat sich manifestiert, materialisiert; und manchmal oder im Grunde allezeit und jederorts „enthüllt sie das Leuchten ihres Angesichts“ (Psalm 4,7). Den „Einen Geschmack“ (Ken Wilber), den Einen Duft, den Einen Ton, den Einen Glanz kann in vielfältiger Form wahrnehmen, wer seine inneren transrationalen Sinne geöffnet hat. Eine solche mystische Disposition, das Gespür für das gott-farbene, gott-duftende, gott-tönende, gott-leuchtende Mysterium der Wirklichkeit, für die durch und durch „gottige“ (Johannes Tauler) Realität, ist in jedem Menschen angelegt.

  Weise Frauen und Männer aller Kulturen, Poeten und Maler, haben solche tiefen Wahrnehmungen ins Wort und ins Bild gebracht. Seit über fünfzig Jahren habe ich die Ikone des „dreifaltigen Gottes“, die Miniatur einer Vision der Hildegard von Bingen vor Augen und im Herzen. Sie  entspricht meiner persönlichen Schlüsselstelle im Griechischen Testament „Das All(-es) und in Allem: Christus“ (Kol 3,11)

  Gemalte Bilder und Bildworte von Gott können den Blick in das Innerste Mysterium sowohl verstellen als auch öffnen. Immer wieder sind bestimmte Vorstellungen des unsichtbaren Gottes verwechselt worden mit der Sache selbst. Aber sie sind nicht der Mond selbst, sondern nur der Finger, der auf den Mond hinweist; sie bilden Bergpfade zum Einen Gipfel oder - um ein anderes Sprachbild zu gebrauchen - Schlüssel, die Türen in den innersten Tempelraum aufschließen können, sie sind aber nicht die Göttliche Essenz an sich.

Hildegard von Bingen:

Dreiheit in der wahren Einheit (Rupertsberger Kodex um 1180)

Fragwürdige Gottesbilder



  „Gott sei Dank gibt es nicht, was 60 bis 80 Prozent der Zeitgenossen sich unter Gott vorstellen“ (Karl Rahner).

Augustinus: „Si comprehendis, non est Deus“ - „Wenn du meinst, IHN/SIE/ES begriffen (Begriffe!) zu haben, ist es nicht Gott“.

  Viele christlich sozialisierte Jugendliche und Erwachsene halten sich für A-Theisten oder gar Anti-Theisten, weil sie ihren bisherigen „Gott“ als einen von Menschen gemachten Götzen entlarvt und vom Podest gestoßen haben, einen „eingebildeten Gott“, der sie klein machte und zu Sündern abstempelte, der sich in Notsituationen als ohnmächtig erwies, oder den ihre erwachte Vernunft als vorrationales Produkt von infantilen Projektionen durchschaute. Es war ein Akt der Selbst-Befreiung, als sie einen strafenden, repressiven „Gott“, eine außerirdische vergöttlichte Überfigur oder einen konfessionellen Hausgott aus ihrem Bewusstsein streichen konnten.

  Notwendiges Upgrade des dominanten kirchlichen Bewusstseins 4.0



  Für die Trans-Formierung in ein mystisch-universales Christentum kann das Stufen-Schema von „GOTT 9.0“ wertvolle Impulse liefern. Es animiert, sich entschlossener auf die individuelle Reise hin zur Bewusstheit des Wahren Selbst zu begeben, und es bietet ein universal-evolutives Modell, um religiöse Ausdrucksformen der Göttlichen Essenz einordnen, verstehen und transformieren zu können. Wandlungsbarrieren der christlichen Kirchen (und des individuellen Lesers) werden durch die AutorInnen aufgedeckt, aber nicht offen oder subtil als „falsches Bewusstsein“ verachtet, sondern als wertvoll und notwendig für den Prozess einer Integralen Spiritualität  hingestellt. Dass die kirchliche Glaubenspraxis sich immer noch dominant auf der Stufe 4.0 (Werte, Regeln, Moral) bewegt bzw. festsetzt und die nicht-transformierten Schattenseiten offen zu Tage treten (Prärationalismus - vormodernes dualistisches Weltbild // Fundamentalismus - Verabsolutierung bestimmter Glaubenspositionen // Präliberalismus - Argwohn gegenüber emanzipatorischen Bewegungen etc), ist auch für mich in den vergangenen Jahrzehnten oft eine ärgerliche Realität gewesen. Mit Rationalität (5.0) und Liberalität (6.0) hat sich vor allem die kath. Kirche immer schwer getan und tut es noch heute. Ich sehe aber aufgrund der Lektüre von „GOTT 9.0“ auch, dass eine kirchlich-religiös gelebte Bewusstseinstufe 6.0 (Toleranz, Offenheit, Selbstbestimmung, Sensibilität) mangel-haft bleibt, wenn sie die Errungenschaften von 4.0 (Verbindlichkeit, Loyalität, Verlässlichkeit, Treue etc.) nicht integriert hat.

   Weil das christliche Programm allgemein noch auf veralteten Betriebssystemen (Windows XP /  3.0 / 4.0 etc.) läuft, ist ein Upgrade, eine Höherstufung des kollektiv-kirchlichen Bewusstseins von vormodernen mythisch-doktrinären Stufen auf rationale, integrale, nonduale/mystische Stufen unbedingt erforderlich. Ein großer Nachholbedarf besteht in der Integration der großen Erkenntnisse der Neuzeit (unendliches Universum bzw. Multiversa, Evolution und wissenschaftliche Ergebnisse in Psyche- und Hirnforschung), d.h. der rationalen, übermythischen Stufe 5.0., und der wahrhaftigen Akzeptanz von modernen Freiheitsbewegungen (Demokratie, Frauenrechte etc.), d.h. der liberal-pluralistischen Stufe 6.0.

Bewusstseinsstufen und Gottesbilder



  Mentale Bilder von Gott sind ein Leben lang zu reinigen - evtl. auch zu löschen -, zu transzendieren und zu integrieren. Die Frage ist nur: nach welchen Maßstäben? Im Anschluss an Graves Bewusstseinsebenen, von dem sie die (plakativen) Farbzuordnungen übernommen haben, und Ken Wilbers Integraler Theorie haben M.Küstenmacher / T.Haberer / T.Küstenmacher in ihrem 2010 erschienenen Buch „GOTT 9.0“ differenziert entfaltet, dass Gottesbilder und alle religiösen Ausdrucksformen zu tun haben mit der jeweilig erreichten individuellen und kollektiven Bewusstseinstufe.

  In der evolutiven Phase der Anthropogenese (seit ca. 100 000 Jahren) hat sich das Bewusstsein der Spezies „Mensch“ immer mehr enttrübt, differenziert, geweitet, gesteigert bzw. vertieft. Mit diesem Wachstum des Bewusstseins haben sich auch die Vorstellungen von dem, was „Gott“ genannt wird, gewandelt.

  Das folgende Grundschema und die Cartoons habe ich www.gott90.de  entnommen und durch Gemälde Marc Chagalls und Bibelstellen, die unterschiedliche Bewusstseinsebenen spiegeln,  ergänzt.


„Ach HERR enthülle uns das Leuchten Deines Angesichts“

(Psalm 4, 7)

in der Ruhe und Dynamik des Universums

in dem Großen Du der Natur und der menschlichen Geschichte

in der Verborgenheit des Seelengrundes

in der Mit-Erschaffung einer universellen Menschheit



„Noch blicken wir ja nur durch einen Spiegel - in Rätselgestalt -,

dann aber von Angesicht zu Angesicht“  (1 Korinther 13, 12)

  Das vielfarbige Viereck der gesamten Schöpfung, durchleuchtet von einem Silber- und einem Goldkreis: GEIST und GRUND, in ihrer Mitte ein Mensch: CHRISTUS - das Herz der Welt, der Prototyp eines jeden Menschen. 

weitere Bild-Erklärungen unter: www.adolf.frahling.de/Web-Site/Gruenender_Christus.html

Anthropomorphe und trans-personale  Gottesbilder

von Marc Chagall

Modelle der Transformation:

Himmelstreppe oder / und Brunnen



  Das Stufen-Modell von Wilber und M. u. T.  Küstenmacher/Haberer greift das archetypische Bild der Himmelsleiter auf (vgl. meine Webseiten zu „Jakobs Traum“ (www.adolf.frahling.de/Web-Site/Jakobs__Traum_%28Chagall%29.html) und „Himmelstreppe“ (www.adolf.frahling.de/Web-Site/Himmelstreppe.html). Als alternatives Modell könnte man das Ur-Bild des Brunnens verwenden  (vgl. www.adolf.frahling.de/Web-Site/Brunnen_%28Kontemplation%29.html).

  Die „Himmelsleiter“ mit ihren zahlreichen Stufen assoziiert Kategorien von 5.0 (kraftvolle Entschlossenheit, Blick nach Oben, Unabhängigkeit, Erfolgsorientiertheit) und ist eng verbunden mit einem dualistischen Welt-Gott-Schema.

  Das Paradigma des Abstiegs in die Tiefe eines „Brunnens“ evoziert eher trans-rationale und trans-effiziente Denk- und Fühlmuster von 7.0 - 9.0 (allerdings auch prä-rationale Muster). Auf seiner kollektiven und individuellen Reise taucht der Mensch bis in die Wurzeldimensionen des Daseins hinab, in den GRUND, in dem Alles EINS ist und ungetrennt. Dieses „Zu-Grund-Gehen“ ist zu verstehen als mystisches „Sich-Lassen“, als radikales „Hineinsterben“ in den Einen GRUND, in ein „Trans“ und nicht als nette Regression in ein „Prä“, in einen archaischen, prä-rationalen Bewusstseinszustand.

Ausschnitte aus Kunstwerken Marc Chagalls (von oben nach unten): 1.Die Erschaffung des Menschen, Glasfenster in St. Stephan Mainz 1978; 2.Paradies, Message Biblique 1974; 3.Jahwe überreicht die Gesetzestafeln, Radierung zur Bibel 1931-39/56; 4.Selbstoffenbarung Jahwes, Radierung zur Bibel; 5.Hoheslied der Liebe 1957-66; 6.Christus, Roter Ochse und Madonna 1950;  7.La vie 1964

2. Umcodierung von Außen nach Innen, von Lehre in Mystik,

von Für-Wahr-Halten in persönliche Glaubenserfahrung: Gott-im-Menschen

Veränderung des Menschenbildes: vom gottlosen Sünder

zum „Mitinhaber der göttlichen Natur“ (2 Petr 1, 4)



Künftiges christliches Menschenbild: ein von Gott getrennter Sünder  oder ein Wesen „von Gottes Geschlecht“ (Apg 17,29) ???



  Das vormoderne räumlich-dualistische Glaubensparadigma, in dem Gott grandios überhöht wurde zum „heiligen, unnahbaren, ganz anderen Gott“, hatte als Kehrseite der Medaille das Portrait eines durch die Erbsünde verderbten, auf die unverdiente Gnade „Gottes“ angewiesenen Menschen. Aufgrund dieser Spaltung in einen „Heiligen Gott“ und einen „sündigen Menschen“, wurde eine Theologie entwickelt (Erbsünde, Androhung von Hölle und Verdammung, Ausschließlichkeit der kirchlich-sakramentalen Heilsvermittlung), die ihre Gläubigen herabwürdigte und manipulierbarer machte.

  Je entschiedener sich das Christentum verabschiedet aus dieser mythisch-dualistischen  Beurteilung von Gott und Mensch, wird es eigene urchristliche Offenbarungen wieder aufdecken, die den Menschen anschauen als „Ebenbild Gottes“ (1 Mose 1, 26), als „Mitinhaber der göttlichen Natur“ (2 Petr 1, 4), als ursprünglich und essentiell ungetrennt von dem EINEN.

Die relativ unbekannte Jesusepisode „Joh 10, 34 -36“ wird stärkere Beachtung finden: Als fanatische Glaubensbrüder (Stufe 3.0 !) Jesus steinigen wollen wegen Gotteslästerung: „Du bist nur ein Mensch und machst dich zu Gott,“ antwortet er ihnen: „Ist nicht in eurem Gesetz geschrieben: Götter seid ihr? Wenn es von jenen als Göttern sprach, an die das Wort Gottes ergangen, wie könnt ihr zu dem sagen, den der Vater gesandt hat: Du lästerst Gott - weil ich gesagt habe: Gottes Sohn bin ich?“

Ja, wir Menschen sind Söhne und Töchter Gottes, wir sind „von Gottes Art, von Gottes Geschlecht“, wie es Paulus in seiner Areopag-Rede in Athen ausführt (Apostelgeschichte 17,29).

1.  Von einem dualistischen, supranaturalistischen Theismus zu einem en-pan-theistischen und trans-personalen Gottglauben: Gott-in-Welt, Welt-in-Gott

Umcodierung von Oben nach Unten in das Ganze der Schöpfung



  Theologische Neuorientierungen von Dietrich Bonhoeffer: „Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig“ oder von Paul Tillich: „Gott - die unendliche Tiefe und der unerschöpfliche Grund allen Seins“; „Gott = das was uns unbedingt angeht“ sind an der Gemeindebasis kaum angekommen und innerlich kaum mitvollzogen worden. Ein künftiges mystisch-universales Christentum wird eine Umcodierung von Oben in den GRUND vornehmen. „Gott“ wird aus einem erdachten Über-Raum in die konkrete Lebenswelt (Natur, Menschen, Kultur) und Innenwelt des Menschen umziehen.

  Wenn es einen Gott gibt, dann ist ER/SIE/ES per definitionem das Sein des Seienden, nicht ein Teil, nicht ein Seiendes neben oder über vielen anderen Teilen, sondern das Ganze.

„Gott erschuf alle Dinge so, dass sie nicht außerhalb von ihm sind, wie unwissende Menschen meinen. Vielmehr fließen zwar alle Kreaturen (aus Gott) aus, bleiben jedoch in Gott." (Meister Eckhart).

  Wenn man das Universum als Materialisation des absoluten GEISTES ansieht, dann gibt es keine Zeit und keinen Ort, wo der GEIST („Gott“, „Christus“) nicht IST. Am Jakobsbrunnen erklärt Jesus der Samariterin: „Gott ist GEIST (pneuma). Nun ist die Stunde, dass er angebetet wird nicht in Jerusalem oder auf besonderen Bergen, sondern im GEIST und in Wahrheit.“ (Joh 4,21-24)

  „Gott ist unmittelbar in allen Dingen per Präsenz, Potenz und Essenz.“ (Thomas von Aquin)

  "Wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebensogut wie in der Kirche oder in der Wüste oder in der Zelle ... weil alle Dinge ihm lauter Gott werden...

Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einem gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben ...

Wer Gott so hat, der nimmt Gott göttlich, und dem leuchtet er in allen Dingen; denn alle Dinge schmecken ihm nach Gott.“

(Meister Eckhart: Traktat 6)

„Der Absolute GEIST ist die wahre Natur aller Lebewesen. Er ist jetzt da, ewig, unwandelbar. Wenn wir das erfahren, erfahren wir unser wahres Gesicht, unser Urantlitz, wie es im Zen genannt wird. Dieses unser wahres Gesicht, das Eine, wiederzuerkennen ist das Ziel aller spirituellen Wege. So sag mir, was ist dein wahres Gesicht? Was ist dein ursprüngliches Gesicht? Welches ist dein Gesicht, das immer und ewig und unwandelbar dein eigenes Gesicht ist? Dieses Gesicht, das dir niemand nehmen kann? Dieses dein wunderbares Gesicht, das du selber bist?“


(Willigis Jäger: Westöstliche Weisheit, Visionen einer integralen Spiritualität, Stuttgart 2007, S. 113)

  Wenn ein „gedachter Gott über den Wolken“ in Luft aufgelöst wird, wenn alle fixierten Bildnisse von Gott als Projektionen und Anthropomorphismen durchschaut werden, muss mit diesem Göttersturz nicht auch die Personalität des unsichtbaren Ewigen aufgegeben werden. Eine personale Beziehung zum DU Gottes bleibt für den christlichen Glauben wesentlich (s.u.).


Die Hand Gottes (Fresko in St.Clement Tahull, 1123)

Zensho W. Kopp:

Das reine Sein (Ausschnitt)

www.tao-chan.de/chan_zensho_malerei.html



„Alles ist der Eine Geist, neben dem nichts anderes existiert. Dieser Geist ist der allen unseren Erfahrungen zugrundeliegende universale Urgrund... Er ist die unwandelbare göttliche Wesenheit und der Schöpfer aller Dinge. Wenn auch ´aus ihm, durch ihn und in ihm` das ganze Weltall sein Bestehen hat, so ist er doch seiner wesenhaften Natur nach still, rein und leer.“


(Z.W.Kopp: Im Farbenrausch des Göttlichen,

Darmstadt 2011, S.96)

  Auf dem Weg in ein lebendiges Christentum der Zukunft sind manche „eingebildeten“ Barrieren zu übersteigen: vor allem die Phobie vor einem östlichen Pantheismus, der „Gott“ als Person in Frage stellen könnte, und der Argwohn gegenüber persönlichen mystischen Erfahrungen, deren „Subjektivismus“ und „Relativismus“ das Gebäude von vermeintlich exklusiven Gottesoffenbarungen und ewigen Wahrheiten zum Einsturz bringen könnten. Meiner Meinung nach ist die Realisierung des variierten Rahnerschen Satzes unumgänglich: „Das Christentum der Zukunft wird einen universal-mystischen Weg gehen oder es wird nicht mehr sein.“

  Manche christliche Gemeinschaften leben schon heute diese mystische Universalität auf überzeugende Weise. Der Austausch zwischen vielen Nationen und die Gottesdienste in Taizé atmen einen urchristlichen Esprit. An diesem Ort und in diesem Geist wird ein Stufenweg beschritten von äußerlicher Lehre zu mystischer Erfahrung, von hereronomen Für-Wahr-Halten zu authentischer Überzeugung, von einem vorgeschriebenen „GoTT“ zu einem selbsterfahrenen Gott. Es ist ein dauernder Weg nach Innen in das Einssein mit Gott, der immer wieder zurückführt in die Eine Wirklichkeit Gottes außen.

Aus dem „überhellen Licht“ öffnet sich die segnende Hand Gottes bis an Rand der Schöpfung.

Gott, die Essenz von Allem, ist Liebe.

  Wenn sich das Christentum weiterentwickelt hin auf  transmythische und transrationale Bewusstseinsstufen, werden die Selbst-Erkenntnisse christlicher Mystiker Allgemeingut:


Meister Eckhart (1260 - 1328):


„Es ist eine Kraft in der Seele, die (Akkusativ!) weder Zeit noch Fleisch berührt; ... sie ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ganz so grünend und blühend in aller der Freude und Herrlichkeit, wie er in sich selbst ist...

Gott ist in dieser Kraft wie in dem ewigen Nun.... Dieser Mensch wohnt in einem Lichte mit Gott; darum ist in ihm (dem Menschen !)  ... eine gleichbleibende Ewigkeit.“  (Predigt 2)


„Es gibt etwas (in der Seele), das über dem geschaffenen Sein der Seele ist und an das kein Geschaffensein, das (ja) nichts ist, rührt; ... es ist göttlicher Art verwandt, es ist in sich selbst eins, es hat mit nichts etwas gemein. Hierüber kommen manche Pfaffen zum Hinken. Es ist eine Fremde und eine Wüste und ist mehr namenlos, als daß es einen Namen habe, und ist mehr unerkannt, als daß es erkannt wäre.“  (Predigt 31)


„Gott ist im Grunde der Seele mit seiner ganzen Gottheit.“

(Predigt 11)

Johannes Tauler (1300 - 1361):


„So besitzt dieser (Seelen-)Grund  in seiner Tiefe, durch Gnade alles, was Gott von Natur besitzt.“  (H 29)


„Die Seele trägt in sich einen Funken, einen Grund, dessen Durst Gott, der doch alle Dinge vermag, nicht löschen kann, es sei denn, er schenke sich ihm selbst.“ (H 36)

„Dadurch wird die Seele ganz gottfarben, göttlich, gottförmig. Sie wird durch Gottes Gnade all das, was Gott von Natur ist, in der Vereinigung mit Gott, in dem Einsinken in Gott ... Ganz gottfarben wird sie da; könnte sie sich selber erblicken, sie hielte sich für Gott.“  (H 37)


Im Lichte dieser mystischen Erfahrungen erscheinen bestimmte Standardgebete der Hl. Messe und Abendmahlsfeier sehr fragwürdig:  „Ja, du bist heilig, großer Gott...  So bringen wir dir ... dieses heilige und lebendige Opfer dar. Schau gütig auf die Gabe deiner Kirche. Denn sie stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat.“ oder das Bittgebet vor der Kommunion: „O Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach.“ (Manche formen es um: „O Herr ich bin gewürdigt, dass Du ...“)

Die dadurch transportierten Vorstellungen eines „Heiligen Gottes“, der durch ein Opfer, das Blut des Lammes, mit den „unwürdigen Menschen“ „versöhnt“ werden will, stehen doch in einer krassen Spannung zu dem Gottes- und Menschenbild von Meister Eckhart, Johannes Tauler und Basisaussagen der Bibel.

Hildegard von Bingen:

Der Kosmosmensch

(Lucca-Kodex um 1240)

INEINS von Gott, Christus, Kosmos und Mensch

„Der inwendige Mensch ist aus dem Grund der Gottheit gekommen und nach dem lauteren Gott gebildet und wird wieder dorthin eingeladen und hineingerufen und hingezogen, dass er all des Guten teilhaftig zu werden vermag, das der wonnigliche Grund von Natur besitzt ... Wie Gott in dem inwendigen Seelengrund den Grund gelegt hat und sich verborgen und bedeckt darin aufhält – wer dies wahrnehmen, erkennen und betrachten könne, der wäre ohne Zweifel selig. Und hat auch der Mensch seinen Blick nach außen gekehrt und geht in die Irre, so fühlt er doch ein ewiges Locken und eine Neigung hierzu ... denn dies - das himmlische Gut - trägt und zieht ihn immer fort in das Allerinnerste.“  (Predigt 6)

Künftiger Glaubensweg: von Außen nach Innen in den „Seelengrund“, von äußerlicher Lehre zu mystischer Erfahrung, von heteronomen Für-Wahr-Halten zu authentischer Überzeugung

  Eine Öffnung auf außerchristliche Lebensweisheit hin lässt heute immer mehr Christen einen inneren Weg gehen und eigene mystische Quellen entdecken. Auf meinen 10 Webseiten „Suche nach dem Wahren Selbst“ (www.adolf.frahling.de/Web-Site/Wahres_Selbst_%28Ochs_und_Hirte%29.html) habe ich im Anschluss an die buddhistische Parabel vom Ochsenhirten 10 Stationen der mystischen Reise dargestellt.

Danach ist jeder Mensch - ob Christ oder Buddhist - eingeladen, den Weg der Transformation vom Ego zum Wahren Selbst zu gehen. Niemandem bleibt es dabei erspart, „sein Leben zu verlieren, um es zu gewinnen“ (Jesus), zu „entwerden“, „zunichte und zu-Grunde-zu-gehen“ (Meister Eckhart), „leer zu werden“ von Gier, Hass und Verblendung (Buddhismus). Geistliche Begleiter (Wüstenväter, Teresa von Avila, Johannes Bours u.v.a.m.) in Christentum (und allen Religionen) haben eine differenzierte Mystagogie entwickelt, deren Grundphasen von jedem Normal-Christen alltäglich, aber häufig zu wenig bewusst und entschlossen vollzogen werden, weil diese „Einführung ins Mysterium“ in der kirchlichen Praxis nur eine unbedeutsame Rolle spielt oder als eine Sache für elitäre Auserwählte abgestempelt wird. Aber über heute beliebte  östliche Methoden und Techniken gewinnen viele Christen wieder einen Zugang zu geistlichen Traditionen des Christentums und damit zu praktikablen Wegen zur Freundschaft und Vereinigung mit Gott, dem EINEN in Allem.

„Es ist doch ein schwerer Schimpf und eine große Schande, daß wir ... Christen ... recht wie blinde Hühner herumlaufen und unser eigenes Selbst, das in uns ist, nicht erkennen und gar nichts darüber wissen: das ist die Wirkung unseres zerteilten und nach außen gerichteten Wesens, und daß wir zuviel Nachdruck auf die Sinne legen, und wenn wir tätig sind, auf unsere Vorhaben: Vigilien, Psalter und ähnliche Übungen, die uns so stark beschäftigen, daß wir niemals in uns selbst kommen können.“ 

(Predigt 44)

Johannes Tauler (1300 - 1361):

Predigten Bd. I und II, Johannes Verlag Einsiedeln 2011


„Dieses Reich (Gottes) ist eigentlich im Allerinnersten des Grundes, sobald der Mensch mit aller Übung den äußeren Menschen in den inneren, geistigen hineingezogen hat, und dann die zwei Menschen – der Mensch der sinnlichen und der der geistigen Kräfte – sich gänzlich in den allerinnersten Menschen erheben, in den verborgenen Abgrund des Geistes, worin das wahre Bild Gottes liegt, und dieses sich in den göttlichen Abgrund erschwingt, in dem der Mensch von ewig her in seiner Ungeschaffenheit war.“  (Predigt 62)

„Wie kann es dazu kommen, daß das innere Auge so verblendet ist, daß es das wahre Licht nicht sieht? ... Woher, glaubt ihr wohl, kommt das, daß der Mensch auf keine Weise in seinen Grund gelangen könne?

Das kommt daher, daß so manche dicke, schreckliche Haut darüber gezogen ist, ganz so dick wie eine Ochsenstirn: die haben ihm seine Innerlichkeit verdeckt, daß weder Gott noch er selber da hineingelangen kann  ... manche Menschen können dreißig oder vierzig solcher Häute haben, dick, groß, schwarz, wie Bärenhäute (Hochmut, Eigenwillen, Härte, Leichtfertigkeit, Unachtsamkeit) ... Solche Dinge bilden alle dicke Häute und große Hindernisse, die dem Menschen die Sicht verdunkeln... Von ihren Götzen wollen sie nicht lassen, welcher Art sie auch sind ... Abgötter ... Die Bilder, die man von diesen besitzt, die machen die Hindernisse aus. Die Felle bedecken die inneren Augen und Ohren so dicht, daß die Augen der Vernunft nicht sehen können, wovon sie selig werden.“ (Predigt 51)

Statue Taulers am Straßburger Münster

„Gott lebt, west und wirkt in der Seele. Dadurch wird die Seele ganz gottfarben, göttlich, gottig. Sie wird durch Gottes Gnade all das, was Gott von Natur ist, in der Vereinigung mit Gott, in dem Einsinken in Gott ... Ganz gottfarben wird sie da; könnte sie sich selber erblicken, sie hielte sich für Gott.“ 

(Predigt 37)

3.  Tripolare Einheit von drei Gesichtern des göttlichen Mysteriums:

GEIST als ES - GEIST als DU - GEIST als ICH

ICH: GEIST in der ersten Person


  Willigis Jäger erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der im Tempel unbedingt das Antlitz der verehrten Göttin sehen wollte, das durch einen Schleier verhüllt war. Wer den Schleier lüfte - so hieß es - müsse sterben. Als er bereit war, ging er in den Tempel und enthüllte das Angesicht der Göttin. Was geschah? Hinter dem Schleier schaute er sich Selbst, sein wahres Wesen, das hinter dem Schleier des Ich verborgen war. (Westöstliche Weisheit, S.96)

DU:  GEIST in der zweiten Person


  Judentum, Christentum und Islam haben das unergründliche Geheimnis primär in personalen Bildern vorgestellt. Die Beziehung zu einem persönlichen Gott gehört zu den Essentials der monotheistischen Religionen. Der Eine, unbegreifliche Gott ist aus seiner Verborgenheit herausgetreten und ist aufgeleuchtet in seinen Schöpfungswerken und in Ereignissen der Geschichte. Gott ist das große Gegenüber, dem sich der Mensch in Anbetung, Hingabe und Dankbarkeit nähert. Einen erstarrten dualistischen, allzu vermenschlichten Gottesglauben haben mystische Bewegungen innerhalb des Monotheismus immer wieder transzendiert und verlebendigt. Christliche Mystiker, Sufis im Islam und

Anhänger der jüdischen Kabbala überstiegen einen übertriebenen Dualismus zwischen „Gott“ und Welt und kultivierten das Bewusstsein, dass das Große DU sich mitten im persönlichen und kosmischen Leben versteckt hat und dass man überall, vor allem in den Tiefen der menschlichen Seele Seine Lebendigkeit, Glückseligkeit und Menschenfreundlichkeit entdecken und berühren kann.

ES:  GEIST in der dritten Person


  Jedes „Gesicht Gottes“ ist eine bildliche Vorstellung, schon das Wort „Angesicht“ bedeutet eine Vermenschlichung des im Grunde unaussagbaren Geheimnisses. Solche Erkenntnisse der eigenen „theologia negativa“ (s.o.) hat die christliche Theologie oft außer Acht gelassen und und sich dadurch den Zugang zu dem „Gesicht Gottes in der dritten Person“ verstellt.

  Mit der Vorstellung eines Gottes als GRUND in der Tiefe der menschlichen Seele und der Gesamtwirklichkeit hat sich das offizielle Christentum (und damit auch die Volksfrömmigkeit)  immer schwer getan. Wie Judentum und Islam berief es sich auf Offenbarungen „Gottes“ von außen, die es in Doktrin und Dogma für immer und ewig festschrieb. Mystische Zugänge wurden und werden als angemaßte „Privatoffenbarungen“ disqualifiziert. Noch stärkere Widerstände entwickelte es gegen alle Formen von Gottesglauben, die angeblich die Personalität Gottes leugneten. Mit dem Vorwurf eines unchristlichen Pantheismus wurden nicht nur fromm-kluge Leute  wie Teresa von Avila oder Willigis Jäger u.v.a.m. hinausgedrängt und östliche Religionen argwöhnisch betrachtet, sondern auch ureigene Traditionen einer nondualen das Ganze betrachtenden Mystik verleugnet.

Diese Verdrängungsgeschichte gilt es heute aufzuarbeiten und zu transzendieren und in diesem Prozess das „Gesicht Gottes in der dritten Person“ zu integrieren.

  Als unsere Vorfahren, die Frühmenschen vor ca. 2 000 000 Jahren sich aufrichteten, weitete sich ihr Gesichtskreis und sie sahen den „gestirnten Himmel über uns". Augen, Geist und Herz öffneten sich für die Wunder und Schrecken immer weiterer Bereiche des ganzen Universums - der „homo erectus“ begann „Gott" zu spüren und zu denken. Unterschiedliche Stufen des wachsenden Sinnes für das Ganze, eines sich differenzierenden Gottes-Bewusstseins haben K.Wilber, M.u.W.Küstenmacher/T.Haberer u.a. in ihren Publikationen (s.o) dargestellt. Sehr inspirierend für ein Hineinwachsen in ein mystisch-universales Christentum fand ich ihre Ausführungen zu einer Balance der „Drei Gesichter Gottes“, die sich in den Weltreligionen herausgebildet haben. Das Allerinnerste, die Essenz der universalen Evolution,  das, was in der bisherigen Menschheitsgeschichte „Gott“, „Brahman“, „Atman“, „Jahwe“, „Allah“, .... genannt wird, sehen die o.a. Autoren in drei „Gesichtern Gottes“ zusammengefasst: der absolute GEIST („Gott ist GEIST“ - Joh 4,24) als ICH, als DU und als ES.

Das Lied DU


Wo ich gehe: du

wo ich stehe: du

nur du, wieder du, immer du

du, du, du


Ergehts mir gut: du

wenns weh mir tut: du

nur du, wieder du, immer du

du, du, du


Himmel: du, Erde: du

oben: du, unten: du

wohin ich mich wende, an jedem Ende

nur du, wieder du, immer du

du, du, du


Martin Buber (1878 - 1965),

jüdischer Religionsphilosoph

Wer bist Du,

süßes Licht,

das mich erfüllt
und meines Herzens Dunkelheit erleuchtet?
Du leitest mich gleich einer Mutter Hand...
Du bist der Raum, der rund
mein Sein umschließt und in sich birgt...
Du, näher mir als ich mir selbst
und innerlicher als mein Innerstes
und doch untastbar und unfassbar
und jeden Namen sprengend: DU -
Heiliger Geist - ewige Liebe!


Edith Stein (1891 - 1942),

Philosophin und Ordensfrau

Khatum


O DU,

die Vollkommenheit von Liebe, Harmonie und Schönheit,

Herr des Himmels und der Erde, öffne unser Herz,

damit wir Deine Stimme vernehmen, die ständig in unserm Innern erklingt.

Enthülle uns Dein göttliches Licht, verborgen in unserer Seele, damit wir das Leben besser erkennen und verstehen...

Sende uns den Frieden Deines Göttlichen Geistes, und vereine uns alle in Deinem vollkommenen Sein.  Amen.


Ein Gebet der Sufis

Ein Gesicht im

innersten  Kreis

der Ewigkeit


Marc Chagall: Hoheslied

der Liebe (Ausschnitte)

Der Eine Geist


(Zensho W.Kopp:

Im Farbenrausch des Göttlichen,

Darmstadt 2011, S.96)

  Das, was wir „Gott“ oder den absoluten „GEIST“ nennen,  manifestiert sich im Wirbel der Galaxien, in Geburt, Leuchten und Tod von Billiarden  von Sternen, in der Entstehung und wundervollen Entfaltung von Lebewesen, in der Geschichte der Menschheit und ihrer Kulturen. Dieses dritte Gesicht erfahren wir als das „Große ES“, als das komplexe Gewebe der gesamten Wirklichkeit innen und außen, als Werden und Vergehen in dem ewigen kosmischen Prozess. G-TT ist das Ganze, der/die/das EINE. Das „Große DU“ ist zugleich das „Große ES“, Tänzer und Tanz der universalen Evolution sind EINS.

 

  Christliche Mystiker sprechen von dem „unergründlichen GRUND“, von der „Gottheit“ oder „Gottigkeit“ (Tauler) des Ganzen. Ken Wilbers Bezeichnung „Der EINE Geschmack“ ist mir lieb geworden. Sie stammt vermutlich aus dem Gedankenkreis von Meister Eckhart: „Gott schmeckt sich selbst. In dem Schmecken, in dem Gott sich schmeckt, darin schmeckt er alle Kreaturen. Mit dem Schmecken, mit dem Gott sich schmeckt, damit schmeckt er alle Kreaturen nicht als Kreaturen, sondern die Kreaturen als Gott. In dem Schmecken, in dem Gott sich schmeckt, in dem schmeckt er alle Dinge." (Willigis Jäger, Westöstliche Weisheit S.52)


Wie kann dieses im Grund gesichtslose Gesicht erfahren werden? Östliche Religionen haben differenzierte Wege und Methoden erprobt, die in ihren Grundzügen auch von christlichen MystikerInnen empfohlen werden: Alle Bilder von Gott müssen verlassen und überstiegen werden auf die form- und namenlose Gottheit, auf das Brahman oder Nirwana hin.   Eingeübt werden kann diese Ent-bildlichung, dieses Leerwerden von allen „Gott“-Vorstellungen  über Methoden der Zen-Meditation oder der ungegenständlichen Kontemplation.

Der nur von wenigen erreichte „GRUND“ ist eine „stille Wüste“, aber zugleich ein „wahrer Blütengarten“ (J.Tauler) „grünend und blühend“, „durchkitzelt von Freude“ (Meister Eckhart).

  Der „EINE lautlose Ton“ wird hörbar in der Symphonie der Schöpfung, in dem „Gesamtklang der Welt“. Das „Innere Dunkle Licht“ bleibt unseren blinden Augen meistens verhüllt. Weil diese strahlende Weiße sich jedoch in unendlich viele Farben und Nuancen prismatisch bricht, kann es uns in allen Mikro- und Makrokosmen durchschimmern und aufleuchten.

Der Wirbel von Galaxien:

ein göttlicher Tanz

„Wer Ohren hat zu hören und Augen zu sehen“ (Matthäus 13, 13-17), kann in Allem, was innen und außen existiert, wahrhaben, dass das Eine verborgene Angesicht uns anschaut und anspricht in grenzenloser Liebe.

Mein Ich. mein Selbst, mein Seelengrund - eines der essentiellen  Gesichter Gottes? Da müssen die meisten Christen einen langen inneren Weg gehen, um diese Vorstellung nicht als Gotteslästerung zu empfinden, sondern zu erwachen in das Bewusstsein, im innersten Wesen „ein Schmetterling zu sein in der Hülle einer Raupe“, im tiefsten Kern von unzerstörbarer göttlicher Natur zu sein.


  In der Glaubenspraxis von östlichen und westlichen Religionen haben Menschen das göttliche ICH-BIN erfahren und in ihren Heiligen Schriften mitgeteilt.

  Christen berufen sich auf Jesus Christus, dem sie „gleichgestaltet sind“, und auf seine grundlegende Selbst-Aussage: „Ich und der Vater sind dasselbe“ (Johannes 10, 30). Der indische Jesuit Raimon Panikkar erhob das Wort Jesu „Götter seid ihr!“ (Johannes 10, 35) ins Zentrum seiner christlichen Anthropologie.

  In christlichen Kreisen wird ein solches „göttliches“ Selbst-Bewusstsein von Meister Eckhart, Al-Halladsch, Henri Le Saux, Willigis Jäger, Barbara Marx Hubbard u.v.a.m. immer noch als Irrlehre und Todsünde, als hochmütiges und stolzes Aufbegehren gegen „Gott“ desavouiert.


Ein Wort des Heiligen Kirchenlehrers Augustinus könnte da eine andere, mystische Perspektive eröffnen: „Wir sind nicht nur Christen geworden, sondern Christus selbst. Steh fest und staune voll Freude: wir sind Christus geworden! Christus spricht in uns, betet in uns, leidet in uns, lebt in uns: wir sind ER selbst (nos ipse sumus).“  (Johanneskommentar 21.8)



Demnächst wird diese Webseite erweitert durch Überlegungen zu einer mystisch-universalen Christologie, zu einer Christosophie.

Von dem islamischen Mystiker Al-Halladsch (857-922) wird erzählt: Auf die Frage des Sufi-Meisters Dschunaid, an dessen Tür er geklopft habe: „Wer ist dort?“ habe Al-Halladsch mit einem der 99 Namen Allahs geantwortet: „Ana`l Haqq! - „ICH BIN die schöpferische Wahrheit.“ Ein anderer vielzitierter Vers „Ich bin der, den (Gott) ich liebe, und der, den ich liebe, ist Ich“ belegt sein „göttliches“ Selbstbewusstsein.


Mansur al Halladsch (857 - 92)

„Im tiefsten Grund des Ich, meines Ich, bist Du, Du, o mein Gott, tiefer in mir als ich mir selber bin.

Du Seele meiner Seele, Leben meines Lebens,

Selbst meines Selbstes, Selbst jedes Selbstes...

Du bist mein Ich...

o tiefstes Zentrum in mir,

o mein tiefstes, ursprüngliches und überwesentliches Ich...

Aus den tiefsten Tiefen der Seele erhebt sich das unaussprechliche ewige Wort ICH BIN. Aham brahma asmi - ICH BIN BRAHMA.“


Henri Le Saux (1910-73)

christl. - hinduistischer Mönch

„Gott ist nicht fern einem jeden von uns. Denn in IHM leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Denn wir sind Gottes Geschlechtes, von Gottes Art“  (Apg 17, 28)


Wir sind „Mitinhaber der göttlichen Natur“  (2 Petr 1, 4)

„Gott ist im Grunde der Seele mit seiner ganzen Gottheit.“

Meister Eckhart: Predigt 11

  Sehr überzeugend zeichnet die amerikanische Zukunftsforscherin Barbara Marx Hubbard (geb. 1929) in ihrem Buch „Vom Ego zur Essenz, Burgrain 2003" ihre persönliche Entwicklung nach, die Verschiebung ihrer Identität von einer egozentrierten Persönlichkeit zu dem göttlichen essentiellen Selbst, das sie selbst und jede/r ist im innersten Wesen, das sie mit „Meine Geliebte" anspricht, die sie jeden Morgen in ihrem inneren Heiligtum, ihrer „Rosenkammer" aufsucht, deren Präsenz sie den ganzen Tag spürt, der sie die Führung ihres Lebens überlässt und die sich immer offensichtlicher im Gesamt ihrer Persönlichkeit inkarniert.

„Zuvor (d.h. vor ihrer „Geburt" mit 69 Jahren) hatte ich diese Präsenz in mir als Christus oder Gott erfahren, doch jetzt ... schien sie wirklicher und greifbarer zu werden. Sie schien ich selbst zu sein!" (S. 60f) Diese vorsichtige Beschreibung wandelt sich dann in mutige Selbst-Aussagen: ICH BIN Essenz, ICH BIN Liebe, Weisheit, Vertrauen, Mut, Kraft. ICH BIN eins mit Allem, was ist (S. 108, 101 u.a.).

Das strahlende Licht der Gottheit


In unserem vollkommenen Loslassen und Hineinsterben in den göttlichen Grund offenbart sich uns das Licht, nach dem wir alle suchen. Den Sinnen und dem Verstand unzugänglich, ist es die strahlende Herrlichkeit unseres wahren Selbst.

  Barbara Hubbard übersteigt die traditionelle mystische Erfahrung, dass das Göttliche Gesicht uns in dem unergründlichen Seelengrund aufleuchten kann. Vornehmlich umkreist Hubbards visionäres Denken einen weiteren göttlichen „Gesichtsausdruck“: ICH BIN Ko-Kreator, Mit-Schöpfer der allgegenwärtigen und omnipotenten kosmischen Intelligenz. Der göttliche GEIST begegnet dem modernen Menschen nicht nur in seinem innersten Seelengrund, sondern iinkarniert sich in seinem schöpferischen Tun, in der Mit-Erschaffung  einer planetarischen Menschheit und des „Universellen Menschen".


(vgl. www.adolf.frahling.de/Web-Site/Universale_Eucharistie.html)

Zensho W. Kopp (Zen-Meister).

Im Farbenrausch des Göttlichen

Text S.62 / Bild S.19

Das innerste Mysterium im Menschen:

Absoluter Grund-Heiliger Geist-wahrer Gottmensch

Matthias Grünewald

Auferstehung

Isenheimer Altar (um 1510)

30.03.2015

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