Febr. 2012 / 16                           Zur Startseite

Eine Episode als Einführung


  Von einem Austausch zwischen Theaterleuten und Theologen in Münster erzählte Spiritual Johannes Bours. Ein bekannter Schauspieler habe den Psalm 23 vorgetragen:


Der Herr ist mein Hirte,

nichts fehlt mir.

Er lässt mich ruhen am Wasser des Lebens,

er erquickt meine Seele.

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht,

ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.

Du deckst mir reich den Tisch,

und übervoll ist mein Becher.

Und wohnen darf ich im Hause des Herrn

alle Tage meines Lebens.


  Danach sei er als Vertreter der Theologen gebeten worden, ebenfalls diesen Psalm zu Gehör zu bringen, was er auch getan habe.

Nach einem anschließenden kurzen Schweigen habe der Schauspieler sich wieder zu Wort gemeldet und zu ihm gesagt: „Ich kenne den Text des Psalms, Sie, Herr Spiritual, kennen den Hirten.“ ----

  Spiritual Bours hatte sich ein Leben lang immer wieder in dieses jüdische Gebet versenkt und die ursprüngliche Erfahrung des Autors und Sängers König David nachvollzogen und in seiner eigenen Lebensgeschichte verwirklicht. Der Rezitator kannte den Psalm auswendig, Johannes Bours kannte ihn inwendig.

Der Ochs und sein Hirte - eine chinesische Zen-Geschichte

2. Bild: Das Finden der Ochsenspur


  Die anfängliche Erfahrung, dass er ein Teil des großen harmonischen Ganzen ist, dass ein inneres Licht in ihm leuchtet (1. Station: Die Suche des Hirten nach dem Wahren Selbst), kann der Mensch in allen Phasen seiner Lebensreise machen. Häufig bewegen solche ersten „Seinsfühlungen“ ihn, sich neugierig und dann immer entschlossener auf den Inneren Weg zu begeben. Überall entdeckt er Spuren und Zeichen dieses unfassbaren Mysteriums, das ihn innerlich berührt hat und fasziniert.

In dem zweiten Stadium seiner Lebensreise findet der suchende „Hirte“ Spuren des „Herzens-Ochsen“, d.h. seiner eigenen wahren Wesensgestalt, in überlieferten Heiligen Schriften.

  „Der Schüler hat die Sutra und die Wortsammlungen der alten Weisen gelesen und mit der Zen-Übung begonnen. Dadurch gewann er eine allgemeine und begriffliche Kenntnis über sein eigenes Herz und ursprüngliches Wesen. Allein, er vermag es noch nicht, aus sich selbst dieses ursprüngliche Wesen sich anzueignen.“

  „Der Hirte weiß bisher nur verstandesmäßig um diese Wesensgesetze. Er vermag es noch nicht, das Licht seines eigenen und ursprünglichen Wesens scheinen zu lassen und in diesem Lichte die Welt des Anwesenden hell zu erblicken.“

  Die Heiligen Schriften „der alten Meister sind nur die Spur, nicht die Wahrheit selbst (dargestellt in der Metapher des Ochsen) ... Erst wenn wir uns im Lassen von all diesem den wahren Herzens-Ochsen angeeignet haben, können wir erfahren, daß das eigene Herz und das ursprüngliche Wesen unseres Selbst in allen Zeiten und an allen Orten unwandelbar besteht.“


(Der Ochs und sein Hirte, Eine altchinesische Geschichte, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2008)

Erfahrungen des Wahren Selbst, des ICH BIN DA

in der jüdisch-christlichen Bibel und in den indischen Upanishaden

Mose erfährt: „ICH BIN DA“ (JHWH)


  Von Marc Chagall wissen wir, dass er täglich in der hebräischen Bibel las. Vermutlich kannte er dadurch viele Verse der Thora und der Psalmen auswendig. Von innen her - inwendig - kannte er die weisen Stammväter seiner jüdischen Religion und ihre Gotteserfahrungen: Jakob, Dawid, Elija, Mose u.a. Die Erzählungen von ihrem spirituellen Weg und ihren Theophanien wurden für Chagall zunehmend zu Spuren oder sogar Präfigurationen seiner eigenen ICH BIN DA - Erfahrung.

      Selbst- und Gotteserfahrungen durch Jesus von Nazareth


  Wie der Hirte in der Zen-Geschichte musste auch Jesus einen längeren inneren Weg gehen, bis er zur Bewusstheit seines wahren Selbst, biblisch gesprochen: zur Erkenntnis seiner Gottessohnschaft gelangte. Sein Selbst-Bewusstsein, dass er eins mit dem „Vater“ sei, wie er den „Ur-Grund“ benannte, wuchs im Laufe seines kurzen Lebens. Die religiöse Praxis des jüdischen Alltags führte ihn ein in den Glauben an den bildlosen Gott, der sich dem Volk Israel offenbart und einen Bund mit ihm geschlossen hatte. Vermutlich kannte er die Thora bald aus- und inwendig, was seine Diskussion als 12-jähriger mit den Schriftgelehrten im Tempel von Jerusalem bezeugt (Luk 2,41ff).

  Sein Schlüssel- und Erleuchtungserlebnis (in außersemitischem Kontext „Advaita“, „Sartori“, „Samadhi“, „Kensho“  o.a. genannt) hatte er bei seiner Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer. Bereit zur totalen Entblößung und Kenosis (Leerwerdung, Selbsterniedrigung) sah er den Himmel offen und hörte er die Stimme: Du bist mein geliebter Sohn.

  Eine weitere Erfahrung seines absoluten ICH BIN DA, der ungetrennten Einheit, der Nicht-Dualität mit dem „Vater“ machte er nach Darstellung der Evangelisten auf dem Berge Tabor bei seiner Verklärung (griech.: metamorphosis). Blitzartig leuchtete ihm das Wissen auf: Ich bin nicht getrennt vom Seinsgrund, ich bin Christus, eins mit dem „Vater“, ewig im Schoß des „Grundes“.

Christus-Erfahrungen durch Zenmeister Johannes Kopp


  Dass der Zen-Weg zum wahren Selbst zu einer vertieften Christus-Erfahrung führen kann, bezeugt Pater Johannes Kopp in seinem Buch „Schneeflocken fallen in die Sonne“ (S. 57, 60, 69, 81, 83):


„Seitdem ich auf den Zen-Weg gekommen bin, wird mir immer klarer: Mein Koan ist Jesus Christus...

  Jesus Christus... ist ein Name der unendlichen Wirklichkeit. Nicht ein Name unter anderen, der sich von anderen abgrenzt, sondern der alles entgrenzt. Deswegen ist er ebenso ein Nichtname und kein Name. Er ist mir kein Gegenüber – wie könnte ich dem Unendlichen gegenüber sein! Ich würde mich aus dem Unendlichen herausnehmen und damit das Unendliche begrenzen und zerstören.

  Erlöse uns, Herr, von dem Wahn, als wärest Du uns gegenüber wie irgendjemand und laß uns die erlösende Wahrheit aufleuchten, dass wir in Dir sind und Du in uns...

  Der Zen-Weg führt aus der Welt der Begriffe in den Zustand der Ergriffenheit...

  Der Name ´Jesus Christus` muß aufhören, nur eine Benennung... zu sein. Er muß der Weg sein, den du gehst und auf dem du wirst, was du deinem Wesen nach schon bist.... Der Name Jesus Christus klingt im Einklang, wenn er klingt in allem. Und alle Dinge sind naß aus dem Meer dieses Namens, in dem es kein Außerhalb gibt...

  Wenn ich mich in Christus erkenne, dann erkenne ich alles und alle in Christus, und zwar in seiner namenlosen, anonymen, aber wirklichen und schöpferischen Präsenz.

Christus

der Gute Hirte  -

Priscilla-Katakomben

in Rom

  „Christus lernen“ (Eph 4, 20), der „Alles in Allem ist“ (Kol 3, 11)


  Über das Hören von Jesus-Geschichten zu Hause, in der Kirche, in der Schule, dann über das Lesen in Kinderbibeln geschehen die ersten Berührungen. Für manche Christen und die meisten nichtchristlichen Zeitgenossen bleibt Jesus ein berühmter Mensch aus vergangenen Zeiten, vielleicht als ein ethisches Vorbild geschätzt. Viele Christen entdecken - häufig schon in der Kindheit - ein Mehr in diesem Jesus. Er wird zum Ansprechpartner und Freund, der einen stets begleitet. Dass er der Christus ist, „in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind“, in dem „ICH BIN DA“ aufgestrahlt ist, der „Alles in Allem ist“, der „in mir“ ist und „in Dem wir“ sind, geht den meisten erst dann auf, wenn sie einen intensiven Glaubensweg gegangen sind. Der „main stream“ des Christentums fördert leider nur in geringem Maße dieses Bewusstsein, in Christus wirklich (ontologisch) eins zu sein mit dem Absoluten Grund. In der Verkündigung erscheinen Gott und Christus fast nur als Gegenüber, als göttliche Personen, von denen wir getrennt sind. Dieser tragische Dualismus des Christentums, der grundlegenden Aussagen der Bibel (Johannes-Evangelium, Paulusbriefe) nicht entspricht, könnte durch intensiveres Meditieren der Bibel und auch mit Hilfe des Zen-Weges oder der Advaita-Erfahrung (Nicht-Dualität) östlicher (und westlicher !!) Mystiker besänftigt und ergänzt werden.

  Marc Chagall hatte ein ausgeprägtes Faible für Theophanien in der hebräischen Bibel („Altes“ oder „Erstes Testament“).

  In seinen Gemälden wird es augenfällig: „Gott erscheint“, „Gott scheint auf“, Er offenbart sich den Menschen in Epiphanien, im „Aufscheinen“ seines unaussprechlichen Geheimnisses, seines Namens und seiner Bundesliebe zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten; und zugleich in permanenter Diaphanie, im „Durchscheinen“ Seiner Herrlichkeit durch jedes Schöpfungsphänomen hindurch. Transzendenz ist die Grundtönung der Malkunst Marc Chagalls; vor allem in den Werken seiner zweiten Lebenshälfte (Grundfarbe „Rot“ in den Gemälden zum Hohenlied der Liebe und Grundfarbe „Blau“ in den Kirchenfenstern von St. Stephan in Mainz) ist das „Durchscheinen des inwendig Jenseitigen“ (J. Kopp) nicht zu übersehen.

  Der Betrachter von Chagalls Biblischen Gemälden oder seinen Kirchenfenstern gewinnt den Eindruck, dass hier ein Künstler die buchstabengetreue Oberfläche der biblischen Erzählung nach innen überstiegen (transzendiert) hat und dass in vielmals gehörten Bibel-Geschichten von Mose, David, Jakob oder Elija eine innerste Mystische Erfahrung, die intime Begegnung zwischen Gott und Mensch durchscheint.

  Chagalls Interesse galt ja nicht so sehr dem einmaligen vergangenen Ereignis als vielmehr dem „Immerlichen“ darin, der bleibenden Bedeutung der erzählten Gotteserscheinung; in den verschlüsselten Selbstbildnissen, die auf seinen großen Biblischen Bildern auftauchen, übernimmt er häufig typische Kennzeichen der von ihm verehrten biblischen Gestalten für die eigene Person: Lichtstrahlen wie bei Mose, Königskrone und Lyra wie bei David oder Salomon; Himmelsleiter-Visionen und Engelskämpfe wie bei Jakob. Marc Chagall ist Jakob, er ist David, er ist Mose.

  Das bedeutet: Wenn ich heute 3000 Jahre nach Mose diese Erzählung lese und meditiere, kann die historische Oberfläche transparent werden und können Spuren der „Puren Präsenz“, der „Absoluten Gegenwärtigkeit“, des „Brahman“ und „Atman“ sichtbar werden. Ich kann mich mit Mose identifizieren und eine Ahnung gewinnen von dem „Geist und Leben“ in den „toten Buchstaben“, von dem „immerlichen“ Mysterium in dem einmaligen Erlebnis eines jüdischen Schafhirten in der midianitischen Wüste vor ca. 3250 Jahren.

  Ich bin Mose.  Die in 2 Mose 3 dargestellte Gotteserscheinung kann mir eine Ahnung vermitteln, dass ich wie Mose nicht getrennt bin von dem ICH BIN DA und dass ich mir darin meines eigenen ICH BIN DA, meines wahren Selbst bewusst werde.

Kosmischer Christus mit Heiligem Buch

Fresko in der Basilika  Knechtsteden (1160)

Pater Johannes Kopp -

christlicher Mönch und Zen-Meister

  Zwei grundlegende Phänomene des kollektiven und individuellen Spirituellen Weges sieht Chagall in Eins: ICH BIN DA-Erfahrung und Befreiung aus (äußerer und innerer) Sklaverei. Voll und ganz durchstrahlt von dem weißen farblosen Licht des ICH BIN DA, das in der Nachbarszene die göttliche Wolke, die erhellt und verdunkelt, bestimmt, kniet Mose vor dem brennenden Dornbusch in der Weite der Wüste. Seine Augen sind nach innen gerichtet. Dort befindet sich der eigentliche Ort dieser Gotteserfahrung. Blitzartig weiß sich Mose in Eins mit ICH BIN DA.

  Die Gotteserfahrung des Mose vor dem brennenden Dornbusch verbindet Chagall mit dem Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer, den Mose anführt. Der Künstler ist durch das Meditieren des Buches Exodus zu der Einsicht gelangt, dass der von ihm so sehr verehrte Mose, ungetrennt von seinem JHWH-Erlebnis, ein neues Selbst-Bewusstsein entdeckte; er weiß sich berufen, sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens herauszuführen durch die verschlingenden Wasser des Schilfmeeres hindurch, und nach einer 40-jährigen Wüstenwanderung in ein „Land, das von Milch und Honig fließt“. Auf diesem Ölgemälde (312x195cm) vereint Chagall Selbsterfahrung und Sendung, Erleuchtung und Dienst an den Menschen, „Kontemplation und Kampf“, Mystik und Politik.

Eine abstrakte anthropo- bzw. angelomorphe Darstellung Gottes hält die Polarität der beiden Grund-Erfahrungen  zusammen.

Mose führt die Israeliten in die Freiheit. Göttlicher Glanz (s. den gold-gelben Mosekopf im Gemälde oben links) erleuchtet ihn. Mit Worten der Upanishaden darf man vielleicht sagen: Sat-Chit-Ananda erfüllt ihn (unbegrenztes Sein - reines Bewusstsein - Glückseligkeit). Er schaut voraus auf die zwei Tafeln der Göttlichen Weisung, die er auf dem Berg Sinai von Gott empfangen wird. Diese für das Judentum (und auch das Christentum) fundamentale Offenbarungsszene hat M. Chagall wiederholt ins Bild gebracht.

  Chagall: Mose vor dem brennenden Dornbusch  (Message Biblique Marc Chagall -1955 / 65)              

„Jahwe ließ sich sehen von Mosche mitten im Feuer eines  Dornbusches. ER sprach:

Mosche! Mosche!

Und Mosche antwortete:

Da bin ich.

Und ER sprach: Führe mein Volk Israel aus Ägypten heraus! ICH sende dich.

Mosche: Welchen Namen soll ich ihnen nennen?

Da antwortete Gott dem Mosche: Ich bin der Ich-bin-da. Sage ihnen: ICH BIN DA schickt mich zu euch.

Und ER fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sprechen:

ER, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs schickt mich zu euch.

ICH BIN DA ist mein Name für immer.


(2 Mose 3)

„Empor stieg Mosche und Aharon, und siebzig von den Ältesten Jisraels. Sie sahen den Gott Jisraels ... sie schauten Gottheit und aßen und tranken.“ (2 Mose 24,10)

Und Mosche steigt alleine auf den Berg.

„Er war dort bei IHM vierzig Tage und vierzig Nächte, Brot aß er nicht, Wasser trank er nicht. Dann schrieb er auf die Tafeln die Worte des Bunds, das Zehnwort ...

Es geschah, als Mosche vom Berg Sinai herabstieg, die zwei Tafeln der Vergegenwärtigung in Mosches Hand, daß von SEINEM Reden mit ihm die Haut seines Antlitzes strahlte - Mosche wußte es aber nicht. (2 Mose 34)

Im 5. Buch der Thora sind Reden des Mose an das Volk Israel überliefert:

Antlitz zu Antlitz redete ER mit euch am Berg mitten aus dem Feuer - ich aber stand zwischen IHM und euch - ...“

„Höre Jisrael: ER unser Gott, ER Einer! ...So seien diese Reden auf deinem Herzen ...


(5 Mose 5 - Übersetzung von M.Buber)

Mit keiner anderen biblischen Gestalt hat sich Marc Chagall, dessen Geburtsname „Mosche“ hieß, so sehr identifiziert wie mit Mose. Wie bei Mose auf dem „Gesetzesfenster“ in Zürich (s.u.) füllten die beiden „Tafeln der Vergegenwärtigung“ und die gesamte Thora  auch die Mitte, den Herzraum Chagalls aus. Mose, erkennbar an weit geöffneten Augen, den beiden Steintafeln und zwei Strahlenbündeln, ist nicht nur - neben Engeln - das häufigste Bildzeichen im Werk Chagalls, sondern auch ein Vor-Bild seiner verschlüsselten Selbst-Darstellung. Auf dem Schöpfungs-Gemälde der Message Biblique ist über dem Elternhaus Chagalls in Witebsk ein Mensch mit gehörntem Ziegenkopf und einer Thorarolle in den Händen zu sehen. Es ist der Künstler selbst.

  Christoph Goldmann hat darauf hingewiesen, dass Chagall in seinen Vorstudien die ursprünglich  vorgesehenen Strahlenbündel am Kopf dieses Ziegen-Menschen in zwei Hörner verändert hat. Seit der falschen Übersetzung des hebräischen Wortes  „qaran“ - „strahlend“ in „gehörnt“ wurde Mose noch von Michelangelo mit zwei Hörnern dargestellt. Dass Marc Chagall sich als neuer Mose verstanden hat, wird auch an bestimmten verbalen Äußerungen deutlich: „Bin ich nicht ein anderer Mose, der nicht hineingehen wird nach Jerusalem? Sein ganzes Leben kämpfte er für Gott und schuf die Bibel für sein Volk. Ich, ich trage seinen Namen. Ich allein habe herausgemeißelt seine Gesetzestafeln“. (Zitiert nach Goldmann: Bildzeichen I, S.92)

  Auch an der Benennung „Message Biblique“ für seine zentralen biblischen Gemälde wird ersichtlich, dass Marc Chagall sich wie Mose als Bote verstanden hat, als Überbringer der Selbst-Offenbarung des ICH BIN DA. Bestätigt wird diese Annahme auch durch die Lithographie, die Chagall kurz vor seinem Tod geschaffen hat: Er stellt sich selbst vor seiner Staffelei als einen Engel, als einen himmlischen Boten dar.

  Die Deutung durch den christlichen Mönch Henri Le Saux, der die zweite Hälfte seines Lebens als hinduistisch-christlicher Sannyasin in Indien lebte, haben mir die Augen für die advaitische Dimension der mosaischen Gottes- und Selbsterfahrung geöffnet:

  „Die Offenbarung des Namens Jahwes ... besitzt zuerst einen existentiellen Wert. Sie zielt bei ihrem Empfänger nicht auf das Aneignen einer intellektuellen Erkenntnis, sondern auf eine Antwort seines ganzen Wesens, auf eine lebendige und existentielle Reaktion, die alle Kräfte und Fähigkeiten seiner Person beansprucht. Sie verlangt den ´Glauben`. Der Name Jahwes faßt tatsächlich die ganze prophetische und evangelische Offenbarung zusammen. Gott ist ADSUM: ´Ich bin dir gegenwärtig`. Auch der Mensch ist Gott gegenüber in seinem tiefsten Wesen adsum.

Die Erfahrung der Weisheit ist die Erfahrung des adsum Gottes im Grunde meines eigenen adsum.“ 

(Henri le Saux: Die Gegenwart Gottes erfahren, Mainz 1980, S. 102)

  Das Ölgemälde „Mose empfängt die Tafeln des Gesetzes“ schließt den Zyklus „Message Biblique Marc Chagall“ im Museum von Nizza ab. Es ist das einzige Bild, auf dem die gold-gelbe Farbe der Kawod Jahwes, der „Lichtglanzherrlichkeit“ Gottes dominiert.

Marc Chagall: Mose empfängt die Tafeln des Gesetzes

Message Biblique Marc Chagall (1955-65)

Mose empfängt die Gesetzestafeln (1950-52)

  Auf der Suche nach dem Wahren Selbst entdeckt der Hirte der Zen-Geschichte Spuren und Hinweise in den Heiligen Schriften seiner Religion. Das „Buch der Bücher“, die Bibel, enthält in vielen Abschnitten und Versen die „Kostbare Perle“, „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“, nach denen jeder Mensch im Grunde seines Herzens verlangt. Aus der Verborgenheit treten sie ins Licht des Bewusstseins, wenn man danach sehnsüchtig gräbt. Ihren Geschmack entfalten sie erst dann, wenn man das „Wort des Lebens“ behutsam kostet; wahres Brot des Lebens wird es, wenn man die Worte bedächtig kaut, sie „wiederkäut“, sie immer wieder „im Herzen bewegt“.

Spirituelle Übungen

Spuren des Göttlichen, des wahren Selbst

in Heiligen Schriften entdecken

Persönliches Bibellesen:

Worte der Bibel auf das eigene Leben beziehen

Sich in die „Gesinnung“ Jesu einfühlen und im alltäglichen Leben nachahmen

Persönliches Bibellesen:

Worte der Bibel „wiederkäuen“, „sich einverleiben“

  Komm zur Ruhe und begebe dich in die Gegenwart Gottes ...

Wähle einen Text, der dir bekannt ist (Evangelium, Psalm, Imitatio Christi o.a.).

Nehmen wir an, dass du den Psalm 23 gewählt hast:

  Eine vergessene Anleitung zur Christus-Meditation aus dem 17. Jahrhundert hat Johannes Bours wiederentdeckt und in seinem „Geistlichen Lesebuch“ „Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt“ dargestellt.

  Diese Meditationsmethode richtet sich ganz auf die Gestalt Jesu Christi in den Evangelien. Im Fokus der Betrachtung steht die „Haltung“ Jesu, seine Lebenseinstellung, seine innere Gesinnung. Der Meditierende möchte eine „intima cognitio“, eine innige Erkenntnis Jesu und des eigenen wahren Selbst gewinnen. Beispiele dafür: Jesu Liebe zu den Ausgegrenzten, sein Abscheu vor Selbstgerechtigkeit, seine intime Verbundenheit mit dem „Vater“, dem Ur-Grund des Seins.

 

  Nach einer Phase der äußeren Vorbereitung und inneren Sammlung lese und betrachte ich die gewählte Perikope.

1.  Ich fühle mich in die innere Haltung, die Gesinnung Jesu ein, die in dieser Szene zum Ausdruck kommt.

Ich schaue sie anbetend an (Preisung, Dank, Freude).

2.  Wie ist es bei mir mit dieser Lebenseinstellung?

Ich öffne mich dieser Gesinnung Jesu und nehme sie auf in mein Leben.

  1. 3. Was kann ich tun aus dieser Kraft und Weisung Jesu?

In Kurzform:


1.  Jesus vor Augen

2.  Jesus im Herzen

  1. 3. Mit Jesus Hand in Hand wirken

Abschließen kann man die biblische Betrachtung mit einem Gebet:

Komm, Herr Jesus,

und lebe in mir.

in der Fülle Deiner Kraft,

in der Lauterkeit Deiner Wege,

in der Heiligkeit Deines Geistes,

und bezwinge alle böse Macht

durch Deinen Geist,

zur Ehre des Vaters. Amen.

Der Himmel öffnete sich und ich sah eine Erscheinung Gottes ...

Und ER sagte zu mir:

Mensch, fülle dein Inneres mit dieser Buchrolle, die ich dir gebe!

Ich aß sie,

und sie wurde in meinem Munde wie Honig süß.

„Nimm und iss!“

Marc Chagall:

Die Berufung des Ezechiel

(Letztes Blatt der 105 Radierungen zur BIBLE - 1956)

II.  Spuren des Göttlichen

in schriftlich überlieferten Erfahrungen

Zweites Bild der Zen-Parabel „Der Ochs und sein Hirte“: Das Finden der Ochsenspur

Marc Chagall: Selbstoffenbarung „Gottes“ am Sinai als ICH BIN DA

  Die meisten Menschen kommen in Berührung mit dem, was wir „Gott“, „brahman“, „JHWH“, „Allah“, „Tao“, „Advaita“ o.a. nennen, über Bräuche und Riten ihrer Geburts-Religion.

  Religiöse Ausdrucksformen in Familie, Kirche, Tempel, Moschee, Synagoge und Gesellschaft (Gebete, Bilder, Feste, Sabbat, Taufe, Erstkommunion, Ramadan, Vesakh, Synagogenbesuch, Religionsunterricht, Bar Mizwa, Upanayana, Zuckerfest etc.) wecken ein Gespür, einen anfänglichen Glauben daran, dass unser Leben umfasst ist von einer höheren Macht.

  Im Kontext der ersten Erfahrungen mit einer bestimmten religiösen Praxis werden Psalmen, Jesus-Erzählungen, Sutren und Suren aus den Heiligen Büchern dieser Religion gehört und gelesen. Solche Heiligen Schriften können dann unterschiedlich bedeutsam werden; was dem Einen wie eine leere Worthülse oder als ein exotisches Relikt aus vergangenen und fremden Kulturen  erscheint, wird einem Andern zu einer Spur, der er neugierig nachgeht. Dem Dritten wird ein Wort Jesu oder Buddhas zu interessanten Fußstapfen, in die er einsteigt. Er probiert vielleicht zunächst, ob sie zu ihm passen; schließlich geht er bedingungslos den von IHM vorangangenen Weg („Wer mir nachfolgt, geht nicht in der Finsternis, sondern hat das Licht des Lebens“ - Johannes 8, 12). Bei einem Vierten vermögen sie sogar ein blitzartiges Erleuchtungserlebnis auszulösen.

Die hebräischen, griechischen, arabischen oder Sanskrit-Buchstaben von Heiligen Schriften kleiden „Große Seinserfahrungen“ in Worte, Begriffe, Formulierungen, die von einer vergangenen Kultur und einem begrenzten Denk- und Sprachsystem abhängen. Dennoch enthält jedes dieser verehrten Bücher (Veden, Upanishaden, Pali Kanon, Thora, Bibel, Koran u.a.) Spuren und Enthüllungen des Unsagbaren Mysteriums, das Alles erfüllt. 

Spuren des Göttlichen in Heiligen Schriften

  Sobald der spirituelle Sucher wie der Hirt der Zen-Geschichte eine Spur des „Wahren Selbst“ entdeckt hat, begibt er sich auf den geistigen Weg, um der ursprünglichen Intuition in dem gelesenen oder gehörten Offenbarungs-Wort „auf die Spur zu kommen“. Wie ein Streichholz hat es ein inneres Licht in ihm entzündet; es hat eine adäquate innere Erfahrung geweckt und aktiviert, die schon immer präsent, aber nicht bewusst war. Wer einmal eine Bibelstelle wie eine Liebeserklärung Gottes empfunden hat, wird sich wie der Zen-Hirt entschlossen auf die Suche begeben, um dem liebenden „Gott“ selbst zu begegnen. Das wahre Wissen von Gott / Christus / Buddha, von Seins- und Seelen-Grund wird animiert durch Lesen und Studieren der Heiligen Schriften, erschließt sich aber wirklich erst im Verinnerlichen, im Meditieren, im „Wiederkäuen“ von Heiligen Worten und im alltäglichen „Bewahrheiten“. Auf diese Weise kann die Frische der ursprünglichen Inspiration nachempfunden werden und leuchten plötzlich ungeahnte Entsprechungen in der eigenen Seele auf. Bibelverse, Koransuren oder Sutras der Upanishaden werden zu Spiegeln, in denen der Mensch sich selbst entdeckt in seiner tiefsten Wahrheit.

Marc Chagalls Identifizierung mit Mose

und die künstlerische Darstellung seiner ICH BIN DA - Erfahrung

ICH BIN DA -

Offenbarung an Mose

(CHagall: Radierung 1954)

Verklärung Christi

  Mose erlebte seinen spirituellen Durchbruch erst zu Beginn seines letzten Lebensdrittels. 40 Jahre hatte er am Hof des Pharao gelebt, 40 Jahre hütete er die Schafe seines Schwiegervaters in den Steppen von Midian, bis ihn eine Theophanie aus seinem gewohnten Leben als Schafhirte herausriss.

  Am Gottesberg Horeb leuchtete ihm aus einem brennenden Dornbusch ICH BIN DA auf (2 Mose 3). So übersetzt Martin Buber den Namen Gottes, das hebräische Tetragramm JHWH, das in der griechischen Septuaginta mit „Kyrios“ und in deutschen Übertragungen mit „Gott“, „Herr“, „Jahwe“ oder „Jehova“ und in der Ökumenischen Bibelausgabe ebenfalls wie durch M. Buber mit „Ich-bin-da“ wiedergegeben wird. Dieser Heilige Gottesname, der bei den Juden nur einmal im Jahr am Versöhnungstag vom Hohenpriester ausgesprochen werden durfte, wurde im Zuge der Hellenisierung des Christentums philosophisch als das „Absolute Sein“ verstanden. Mir selbst ist erst in den vergangenen fünf Jahren die Nähe dieser Gottesbezeichnung zur Mystik von Meister Eckhart und zu der vedantischen Theologie der Nicht-Dualität, des „Advaita“  aufgegangen.

  Über die Antwort des Mose auf den Ruf Gottes habe ich bisher weggelesen. In ihr schwingt das große ICH BIN DA mit. „ER rief ihn mitten aus dem Dornbusch an: Mosche! Mosche! Und Mosche antwortete: Da bin ich.“

  Die Erleuchtung im Jordan und auf Tabor bildete die Grundlage für sein Handeln und Sprechen, besonders nachvollziehbar in seinen Ich-Bin-Worten: „Ich bin der Weinstock, der Weg, die Tür, das Licht, das Brot, ICH BIN der gute Hirte, ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Diese Worte  gipfeln in seiner Selbstaussage des Absoluten ICH BIN: „Ehe Abraham (oder Mose) war, BIN ICH“ (Joh 8, 58) und „Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, werdet ihr erkennen, dass ICH BIN“ (Joh 8, 28). Paulus fasste diese johanneischen Selbst-Erkenntnisse im Kolosserbrief (3, 11) so zusammen: „Alles und in Allem: Christus“  oder als Erfahrung Jesu Christi umformuliert: „ICH BIN Alles und in Allem“.

  Biblische Perikopen:

Durch Jesus gewinnt Zachäus Ansehen (Luk 19,1ff)

Jesus macht das Leben des Bartimäus hell (Mk 10,46ff)

Jesus lässt Petrus über die Wasser zu sich kommen (Mt 14)

Jesus reinigt den Tempel (Mt 21,10ff)

Falsches und rechtes Sorgen (Luk 12,22ff)

Jesu Dank an den Vater (Mt 11,25ff)

Jesus wird verklärt (Luk 9,28ff)

Jesus und der reiche junge Mann (Mk 10,17ff)

Jesus und die Kinder (Mk 10,13ff)

Vom Herrschen und vom Dienen (Mk 10,35ff)

Oder:


1.  Ich blicke auf Jesus

2.  Ich vereinige mich mit ihm

  1. 3. Ich handle mit ihm

  Mose schwebt gleichsam zwischen Himmel und Erde, sein Mund und seine Augen sind staunend geöffnet; andere Weisheitstraditionen würden sein Erlebnis als Innere Erleuchtung, Sartori, Kensho o.ä. bezeichnen. Das Gesicht von Mose spiegelt die alles erhellende Herrlichkeit von ICH BIN DA wieder. Und so hat Chagall die Gestalt des Mose typisiert: die Augen sind weit geöffnet, und von seinem Haupt strahlt der Lichtglanz Gottes aus.

  Mose ist voll und ganz präsent, fast eins mit den „Tafeln der Vergegenwärtigung“. Aus Stein bestehen diese beiden Tafeln, von beiden Seiten beschrieben mit „dem Finger Gottes“; für Mose und Chagall aber präsentieren sie die Fülle des Seins und der Bewusstheit, die „Quelle, aus der alles stammt“. Hergereicht aus der dunklen „Wolke des Nichtwissens“, vergegenwärtigen ihre „Zehn Worte“ den / die / das „ICH BIN DA dein Gott“. Diese SEINE Reden hat Mose auf sein eigenes Herz geschrieben, er hat SEINE An-Gebote, die Offenbarung Gottes in eigene Erfahrung transponiert. Auf weiteren Darstellungen Chagalls erscheint Mose wie ein enthusiasmiertes Medium (grüne Gesichtsfarbe), das die Weisungen und den Lichtglanz des ICH BIN DA empfängt und umgehend an sein Volk weiterleitet.

  Im Grunde kann diese „Große Seinserfahrung“ (Dürckheim) nicht in Worte gefasst werden. Mystische Texte der Bibel und der Upanishaden bezeichnen sie als „ICH BIN“ - Erfahrung. Exemplarisch sollen hier einige schriftliche Zeugnisse, die uns von Jesus, Mose und Henri le Saux (1910-73) vorliegen, entfaltet werden.

  Es käme darauf an, die Bibel zu hören und zu lesen, wie Jesus es nach Darstellung des Evangelisten Lukas (4, 16ff) getan hat: In seinem Heimatdorf Nazareth ging er nach seiner Gewohnheit am Sabbattag in die Synagoge. Und er stand auf, um vorzulesen. Er rollte die Buchrolle auf und las aus dem Propheten Jesaja (61,11) vor: „Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat. Armen Heilsbotschaft zu bringen, hat er mich gesandt ...“ Dann rollte er das Buch zusammen, setzte sich und begann zu reden: „Heute ist dieses Schriftwort erfüllt worden“ - in der Person Jesu vor 2000 Jahren und potentiell in jedem achtsamen Leser heute im Jahre 2012.

  Heilige Schriften wie Jesus lesen heißt: sie „heutig machen“, sie auf die persönliche Situation jetzt und hier beziehen und sich des Wahren Selbst bewusster werden.

  Lies, bis du auf ein Wort, einen Ausdruck, einen Satz stößt, der dich besonders anzieht ...

Vielleicht ist es der Vers „Du deckst mir reich den Tisch“.

Wiederhole den Satz immer wieder - das kann halblaut oder innerlich geschehen ...

Lass die Worte durch ihre ständige Wiederholung in dein Gefühl und in deine Gedanken sinken, so dass sie Teil von dir werden: DU deckst mir reich den Tisch ... DU deckst mir reich den Tisch ... Du deckst mir reich den Tisch ......

Du schmeckst und kostest die Worte, während du sie wiederholst ...

  Wahrscheinlich wirst du den Satz automatisch verkürzen, und einmal jenen, dann einen anderen Ausdruck besonders beachten: „mir reich den Tisch“ ... „reich den Tisch“ .... „reich den Tisch“... „reich den Tisch“ ... „mir“ ... „mir“ ... mir“ ... „DU“ ... „DU“ ... „DU“ .....

  Du fühlst dich tief angerührt. Du bist voll und ganz präsent. Du bist erfüllt von dem Bewusstsein: Mein Tisch des Lebens ist reich gedeckt - außen und innen ...

  Und in Freude und Dankbarkeit sprichst du immer wieder: „DU“ ... „DU“ ... „DU“ .......


(Als Vorlage diente die Übung 30 aus „Meditieren mit Leib und Seele“ von Anthony de Mello)


            Der Herr ist mein Hirte,

            nichts fehlt mir.

            Er lässt mich ruhen am Wasser des Lebens,

            er erquickt meine Seele.

            Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht,

            ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir.

            Du deckst mir reich den Tisch,

            und übervoll ist mein Becher.

            Und wohnen darf ich im Hause des Herrn

            alle Tage meines Lebens.

Mose erfährt ICH BIN DA am Dornbusch

Mose schaut ICH BIN DA und empfängt das Zehntwort

Marc Chagalls Identifizierung mit Mosche

3. Bild: Das Erblicken des Ochsen


Erwacht

Aufleuchten des Inneren Lichtes