VI.  Aufsuchen der INNEREN WOHNUNGEN

Teresa von Avila, islamische Mystik und tibetische Kalachakra-Mandala

Weg der Hingabe und Achtsamkeit im Hier und Nun

   „ Es bot sich mir an, unsere Seele als eine gänzlich aus einem einzigen Diamanten oder sehr klaren Kristall bestehende Burg zu betrachten, die viele Wohnungen hat, die einen oben, die anderen unten, andere an den Seiten. Und in der innersten Mitte von all diesen Wohnungen liegt die vornehmste, in der die höchst geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele vor sich gehen.“  (I  1,1+3)

„Diese geheime Einung, die mystische Vermählung, findet in der innersten Mitte der Seele statt, wo Gott selbst weilt, und wo es keiner Tür bedarf, durch die man eintritt.“  (VII  2,3)

„Es ist ein Trost, dass ihr jederzeit ohne Erlaubnis der Oberen in dieses innere Schloss eintreten und in ihm herumspazieren könnt. Ihr werdet durch dieses Wissen, in sie jederzeit zurückkehren zu können, in allen Dingen - seien sie auch voller Qual und Mühe - eure Ruhe finden. In jeder der sieben Wohnungen gibt es viele: oben und unten und an den Seiten, mit hübschen Gärten und Brunnen und Labyrinthen  und so entzückenden Dingen, dass ihr vor Lobpreisungen auf den großen Gott, der dies nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, am liebsten vergehen wollt.“ (Nachwort)


Teresa von Avila: Wohnungen der Inneren Burg  (1577)

Die Alhambra - maurische Palastanlage in Granada

Kristallkugel, tibetisches Kalachakra-Mandala und mittelalterliche Buchmalerei:

Christus und die menschliche Seele

  In der Geschichte der Mystik haben sich Bilder herausgebildet, die ansprechender als sachliche Reflexionen den Sinn und das Ziel unserer Lebensreise aufschließen können. Die frühchristlichen Wüstenväter liebten das Bild von der Himmelsleiter oder Himmelstreppe, deren Stufen bzw. Sprossen entschlossen und mutig gegen alle inneren Widerstände erklommen werden müssen, und die letztlich in die Heiterkeit des Herzens und den Lichtglanz Gottes führt.

Manche Christen und Nicht-Christen heute lassen sich inspirieren von buddhistischer Lebensweisheit und praktizieren einen Weg der Versenkung und Kontemplation; sie finden ihre Erfahrungen eher in dem Bild eines Brunnens wieder.

  Der Vergleich der menschlichen Seele mit einem Tempel, einer Burg oder einem Palast mit vielen Wohnungen ist in der Mystik des Christentums, des Islam, des Hinduismus und des Buddhismus zu finden wie auch in manchen psychologischen Modellen. Mystiker aller Couleur haben damit ihre Erfahrung veranschaulicht, dass der „Himmel“ oder „Sat-chit-ananda“ (Sein-Bewusstheit-Glückseligkeit) nicht im Außen zu erreichen ist, sondern immer schon im Innenraum des Menschen präsent ist. Selbsttäuschung, Verblendung, Angst, Gier, Hass und andere konditionierte Egokräfte blockieren allerdings die Zugänge. Deswegen empfehlen Mystiker bestimmte Trainings, und primär die Einübung von Hingabe und Achtsamkeit.

Teresa von Avila: Wohnungen der Inneren Burg

  Die Allegorie einer Seelenburg bildet den überall durchschimmernden Hintergrund  in dem Meisterwerk der spirituellen Weltliteratur, das Teresa von Avila (1515-1582) mit 62 Jahren unter dem Titel „Las Moradas del Castillo Interior“ (Die Wohnungen des Inneren Schlosses) verfasste. Sie sieht die menschliche Seele als eine Burg mit äußeren Wehrgängen und sieben Wohneinheiten, die wiederum aus unzähligen Wohnungen bestehen, die sich in kugelförmigen Schichten um die innerste Wohnung im Zentrum der Seele herum gruppieren, um das Gemach des göttlichen Liebhabers.

  (Die Vorstellung einer wehrhaften, festungsähnlichen Burg wird von Teresa selbst in ihrem Werk unbefangen durch andere Bilder variiert: Paradies, Diamant, Kristall, orientalische Perle, Lustschloss, Gottestempel, Palast. Deshalb erlaube ich mir, in meinen weiteren Darstellungen „Burg“ durch das Bild eines Palastes zu ersetzen, das uns heute eher als „Burg“ die Vorstellung von der Residenz eines Königs vermittelt.)

  Nach Teresa ist die spirituelle Reise zunächst ein mutiger Schritt nach Innen. Betrachtendes und Inneres Gebet sind wichtige Schlüssel, um in diesen Inneren Palast zu gelangen.

  In den ersten drei Wohnungen geht es vor allem um wahrhaftige Selbsterkenntnis (Anerkenntnis sowohl der eigenen Armseligkeit und Sündhaftigkeit wie auch unserer Größe und Kostbarkeit), um den sanften Umgang mit den inneren Dämonen und um das Loslassen von egozentrischen Fehlidentifikationen. Fundament dieses Läuterungsprozesses ist der feste Wille zur Hingabe an Gott allein („solo Dios basta“) und das wachsende Vertrauen zu dem wahren Liebhaber, Christus.

  In den nächsten drei Wohnungen spürt die Seele immer stärker Erleuchtung und Frieden als Liebesgeschenke Gottes. Dennoch bleiben Anfechtungen, Verdunkelungen, Selbsttäuschungen und Fehlverhalten bestehen. Und: die Erfahrung der unbedingten Liebe Gottes muss sich auswirken in praktischer Nächstenliebe.

  Die Tür zur innersten Seelenmitte, zur siebten Wohnung des Inneren Palastes, steht immer offen. Sie ist der Ort der geistigen Vermählung mit Gott. Aber auch diese tiefste Gottverbundenheit führt den Menschen immer wieder hinaus in den Dienst am Nächsten.

Innere Wohnungen in der Sufi-Mystik des Islam

Meine subjektive Rezeption


  Nach gut zwanzig Jahren vertiefte ich mich erneut in Teresas Hauptwerk. Inzwischen hat der Herder-Verlag eine vollständige Neuübertragung mit einer hervorragenden Einführung durch die KarmelitInnen U. Dobhan und E. Peeters ediert. Der geschichtliche Abstand von 433 Jahren schrumpfte immer mehr, die Erfahrungs- und Gedankenwelt Teresas wurde mir immer gegenwärtiger. Fünf Aspekte möchte ich hervorheben:

Bilderreichtum


  Wieder war ich fasziniert von dem Bilderreichtum dieser impulsiven und zugleich sehr nüchternen Ordensfrau. Neben dem zentralen Bild der Wohnungen in einem Inneren Palast, in dessen Zentrum der König wohnt, durchziehen weitere allegorische Motive wie rote Fäden das „Textil“ ihres Werkes:


  1. -Das Bild eines kostbaren Diamanten und eines klaren Kristalls für die menschliche Seele. Ihr innerer Glanz ist immer präsent, wird aber durch unsere Egozentrik verdunkelt.

  2. -

  3. -Die Wasser-Metaphorik. Die Brunnen in den ersten Wohnbereichen werden durch Zufluss über Rohre und Kanäle von außen gespeist (Betrachtendes Gebet), In den innersten Wohnungen sprudelt das lebendige Wasser im Brunnen aus der eigenen Quelle (Kontemplation, Gebet der Ruhe).

  4. -

  5. -die Metamorphose der Seidenraupe in einen Schmetterling als Gleichnis dafür, wie die Seele alte Gespinste und Abhängigkeiten auflöst, um beflügelt zur Freiheit aufzuerstehen.

  6. -

  7. -und schließlich das Symbol der Liebesvereinigung, der mystischen Verlobung und Vermählung, wenn der Bräutigam die Braut in seinen Weinkeller führt.

Demut < >  Hochgemutetheit


  Fundament einer gesunden spirituellen Entwicklung ist für Teresa die Demut - eine geistliche Kategorie, die mir verpönt war, weil sie nach Selbstabwertung und Kriecherei „roch“. Teresa versteht diese Tugend aber als realistische Selbsteinschätzung, die in großer Wahrhaftigkeit alle Selbsttäuschungen, Maskierungen und Verblendungen durchschaut und den Bodensatz von eigener Armseligkeit und Sündhaftigkeit erkennt, schmeckt und annimmt.

  Diese wahrhaftige Selbstwahrnehmung schlägt nur deshalb nicht in Resignation und Verzweiflung um, weil sie im Licht einer anderen Erfahrung existiert. Auf dem Weg in seine innerste Seelenwohnung erkennt der Mensch die „große Schönheit, die Fülle, die Weite und hohe Befähigung seiner Seele“. Sein Glaube an die unverdienbare Liebe Gottes wird zur Gewissheit, dass der Bräutigam Christus im innersten Zentrum seiner Seele wohnt, der alle Innenräume mit Glanz und lebendigem Wasser durchströmt. Nüchtern demütig und fast vermessen hochgemut integriert Teresa diese polaren Erfahrungen: so wie sie kann jeder Mensch erleben, dass er in seiner Sterblichkeit, Schwäche und Sündhaftigkeit unverlierbar und unzerstörbar die Quelle des Lebens, die kostbare Perle, die Liebe Christi in sich birgt.

Gott selbst ist ein Palast


  Teresa vergleicht nicht nur den Mikrokosmos der menschlichen Seele, sondern  auch den Makrokosmos des Universums, ja Gott selbst, mit einem Palast (VI  10,3: Gott selbst ist ein wunderschöner, großer Palast, der die ganze Welt umschließt, in dem wir alle zu Hause sind, und aus dem wir uns nicht entfernen können). Sie ermuntert ihre LeserInnen, immer wieder wie die Biene, die im Stock den Honig bereitet, hinauszufliegen, um den Nektar des Lobpreises Gottes aus den Blüten seiner Schöpfung zu saugen (I  2,8).

GOTT spricht:


O Seele, suche dich in MIR,

und Seele, suche MICH in dir.


Die Liebe hat in MEINEM Wesen

dich abgebildet treu und klar;

kein Maler lässt so wunderbar

o Seele deine Züge lesen.

Hat doch die Liebe dich erkoren

als MEINES Herzens schönste Zier;

bist du verirrt, bist du verloren,

o Seele suche dich in MIR.


In MEINES Herzens Tiefe trage

ICH dein Portrait, so echt gemalt;

sähst du, wie es vor Leben strahlt,

verstummte jede bange Frage.


Und wenn dein Sehnen MICH nicht findet,

dann such nicht dort und such nicht hier;

gedenk, was dich im Tiefsten bindet,

und, Seele, suche MICH in dir.

Du bist MEIN Haus und MEINE Bleibe,

bist MEINE Heimat für und für;

ICH klopfe stets an deine Tür,

dass dich kein Trachten von MIR treibe.

Und meinst du, ICH sei fern von hier,

dann ruf MICH, und du wirst erfassen,

dass ICH dich keinen Schritt verlassen;

und, Seele, suche MICH in dir.


Teresa von Avila

Übersetzung: Erika Lorenz

  Was waren die Inspirationsquellen für Teresas „Inneres Schloss“? Außer dem „Spirituellen Abecedarium“ von Francisco de Osuna (1492-1541) vermutlich auch untergründige Einflüsse durch die islamische Mystik, wie U.Dobhan und E.Peters in der Einführung ihrer Neuübersetzung von Teresas „Wohnungen der Inneren Burg“ (HERDERspektrum 5655) ausführen.


   Aus den zitierten Texten von islamischen Sufis (9. – 16. Jahrhundert) ergibt sich folgendes Gesamtbild:

Tibetische Kalachakra-Mandala

  Kalachakra-Mandalas (sanskrit: Rad der Zeit) sind in Europa vor allem durch Veranstaltungen mit dem Dalai Lama bekannt geworden. Innerhalb eines mehrtägigen Rituals werden Interessenten in das sog. Kalachakra-Tantra eingeweiht. Tibetische Mönche gestalten dabei mit Akribie große (niesanfällige!) Mandalas aus farbigem Sand, die den Kalachakra-Tantrismus visualisieren sollen, einen uralten spirituellen Weg des Buddhismus. Das Ziel dieses Pfades ist - wie im Grunde aller spirituellen Theorien und Programme der Menschheit - das Erkennen der höchsten Wirklichkeit und das Einswerden mit dem Absoluten (Buddhaschaft oder christlich ausgesprochen: Christusförmigkeit).

Imaginationsübung:   Besuch im Tempel der Heilung

Begegnung mit dem heilenden Christus in uns

  Nach der Einkehr in den Innersten Seelenraum führt der Weg zurück in die umgebenden Wohnbereiche und nach draußen in die Weite des Universums und in die Banalität und Kostbarkeit des Alltags. Nach der „Hochzeit“ wartet der Haushalt. In allen Zimmern muss hin und wieder aufgeräumt und geputzt werden. Nach seinem liturgischen Dienst im Allerheiligsten des Tempels geht auch der Hohepriester über die Vorhöfe zurück an seinen Wohnort, in den Familienalltag. Die alltägliche Konfrontation mit den üblichen körperlichen, persönlichen, familiären und sozialen Problemen bleibt auch dem „Erleuchteten“ nicht erspart.

  Teresa von Avila, sufistische und buddhistische Lehr- und Lebensmeister haben spirituelle Wege beschrieben, auf denen jede(r) von uns in die Mitte des eigenen Lebenshauses gelangen kann, in das „Innerste Gemach, wo der König wohnt“, in die „Diamantene Wohnung des Herzens“, in den „Innersten Raum des Palastes, wo die Gottheit thront“. Hier finden wir inneren Frieden, Liebe zu allen Lebewesen, „alle verborgenen Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ (Kol 2,3), Vereinigung mit der Gottheit und die „Kostbare Perle“: das eigene Wahre Selbst.

  Schmerzhaft ist es für alle an dem Kalachakra-Ritus Beteiligten, wenn diese fragilen farbprächtigen Gebilde zum Ende zerstört werden und der Sand zusammengekehrt wird. Auch wenn sich im Relativen das Absolute zeigt, in Formen und Farben das Form- und Farblose, so gilt der buddhistische Grundsatz: „Wenn du Buddha triffst, töte ihn....!“ - das heißt: lasse alle Vorstellungen von „Gott“ los und überlasse dich dem „nackten Sein“!

Sitze ruhig und schließe Sie die Augen.

Nimm wahr, ohne zu beurteilen. Richte deine liebevolle Aufmerksamkeit auf

- Atem

- Körperempfindungen

- Sinneseindrücke

- Gefühle

- Gedanken.

Lass zu, dass sich Verspannungen, physische Schmerzen, seelische Verletzungen, Ängste und Widerstände zeigen. Akzeptiere alles, was da ist, und lass es vorbeiziehen.

Stelle dir vor:


  Du wirst auf magische Weise in das Innerste eines Tempels oder Kraftortes der Heilung gebracht, wo die Atmosphäre voller Klarheit und Liebe ist. Nimm dir Zeit, um diesen Ort mit allen Sinnen wahrzunehmen und ihn bildhaft auszugestalten.

  Nun kommt ein weises Wesen zu Dir in diesen Innenraum. Es ist Christus (oder Buddha oder Krshna oder die Grüne Tara oder Sophia, die Weisheit Gottes). Eine Vorstellung oder ein Bild gestaltet sich. Christus sieht dich an und fragt nach deinem Schmerz, Du antwortest. Er kommt näher und legt eine Hand sanft auf die Stelle deines Körpers, an der deine tiefste Verletzung liegt. Lerne von Christus diese heilende Berührung. Lege deine eigene Hand an die Stelle deines Kummers, als wärest du selbst dieser wunderbare Heiler. Öffne dich deinem Schmerz, wie oft du ihn auch schon weggeschoben oder gegen ihn angekämpft haben magst.  Suche den innersten Kern dieses Kummers, der so lange Zeit in dir verborgen lag.

Lass deine eigene Achtsamkeit wie die Hand Christi werden. Mit dir zusammen berührt Christus achtsam und heilend  deinen Schmerz.


  Bleibe in deiner Vorstellung an diesem heilenden Ort,  so lange du willst. Wenn du ihn verlässt, denke daran, dass du diesen heilenden Innenraum in dir trägst. Du kannst ihn jederzeit aufsuchen.

  Als Vorlagen dienten die  Meditation von Jack Kornfield „Besuch im Tempel der Heilung“ (in: Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen, Wie spirituelle Erfahrung  das Leben verändert, Taschenbuchausgabe Goldmann Arkana 21916, München 2010 S.75f) und Imaginationsübungen von Anthony de Mello: Dass ich sehe.

„Nach der Erleuchtung

Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“

Hingabe und Achtsamkeit im Hier und Nun

  Im Nachwort ermuntert uns Teresa, uns an diesem Inneren Palast der Seele mit seinen unzähligen Wohnungen zu erfreuen. Jederzeit kann man - auch ohne Genehmigung von Kirchenoberen - in ihn eintreten. Es ist ein großer Trost, in diesen Wohnungen und Gärten mit Brunnen und Labyrinthen und vielen entzückenden Dingen herumzuspazieren und den großen Gott zu lobpreisen, der das alles nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat. Diese Erfahrung lässt in allen Dingen - seien sie auch voller Qual und Mühe - innere Ruhe und Frieden finden.

Präsentische Eschatologie


  Mich hat erstaunt, wie wenig eschatologisch Teresa ausgerichtet war, die bei aller frischen Originalität doch auch manchen zeitbedingten theologischen Ballast mit sich herumschleppte. Die unmittelbare Erfahrung der Liebe Gottes entkräftete ihre Angst vor Bestrafung oder die Hoffnung auf Belohnung in der Zukunft. Ihr ganzes Interesse, ihre Impulsivität und ihr kluger Verstand sind fokussiert auf die Nähe Gottes und Liebe Christi in der Gegenwart und nicht auf seine Wiederkunft am Ende der Zeiten. Zwei aktuelle Buchtitel hätte auch sie als Kapitel-Überschriften verwenden können: „Pure Präsenz“ (Richard Rohr) oder „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ (Eckhart Tolle).

Inneres Gebet und alltäglicher Dienst


  Die mystischen Erfahrungen Teresas in ihrer „Seelenburg“ werden häufig mystifiziert, d.h. auf außergewöhnliche Visionen und Auditionen reduziert und als einmaliges elitäres Phänomen idealisiert. Ihre nüchterne Alltagsspiritualität und ihre Ansicht, dass der Zugang ins „Innere Gemach des Königs“ für jeden offen ist, wird dabei übersehen.

  Tiefe geistliche Erfahrungen müssen sich nach Teresas Worten in „Werken, Werken, Werken!“ auswirken. Mit ihren Aktivitäten  (32 Klostergründungen, Reisen, Schreiben von unzähligen Briefen - 480 sind erhalten -), ihrem souveränen Umgehen mit der Inquisition und aufgrund ihrer ironisierenden Betrachtung der herrschenden Frauenabwertung ( „Ich bin ein Weib, und obendrein kein gutes“) ist sie ein authentisches Beispiel für eine überzeugende Integration von Gotteinung und wachem Zeit-Bewusstsein.

  Solche sufitischen Überlieferungen sind von dem spirituellen Lehrer A.H. Almaas in seinem  „Diamantenen Weg des Herzens“ zur „Essentiellen Verwirklichung“, „Essentiellen Befreiung“ und zum „Essentiellen Sein“ weiterentwickelt worden. Buddhistische und westliche Psychologie hat er integriert.

  Gott errichtet im Herzen des Menschen sieben Burgen mit Wehranlagen und Ringmauern, die der Satan wie ein bellender Hund umkreist und in die er sich Einlass zu schaffen sucht. Deshalb muss der Mensch vor allem diese erste Burganlage besonders bewachen und sorgfältig behüten. Die sechs

Befestigungen (medinas), die aus unterschiedlichen Materialien bestehen (Ton, Alaunstein, Bronze, Eisen, Silber, Gold), sind konzentrisch um die innerste Wohnung angeordnet, die aus Gold oder einer Kostbaren Perle besteht. Sie ist das Ziel und der Ruheort der Inneren Reise. Der Weg des Glaubenden in diesen „Wesenskern (Quintessenz) des Herzens“, in das „innere Herz des Herzensgrundes“ führt durch die anderen sechs Wohnungen: Sinnesseele, Herz, Intellekt, Geist, Geheimnis, Verborgenes.

  In der Innersten „goldenen“ oder „diamantenen“ Wohnung findet er schließlich die „Kostbare Perle“, die Vereinigung mit der Gottheit. Er findet zurück zu seiner Essenz, seinem ureigenen, ursprünglichen Wesen.

  In seinen Retreats und Veröffentlichungen zeigt A.H. Almaas differenzierte Wege und Übungen auf, wie der Mensch in seine innerste Seelenmitte, zu seinem Wahren Wesen, seinem ursprünglichen Gesicht, zur Essenz zurückfinden kann.

  C.G. Jung nannte dieses Integrationszentrum den „Archetypus des Selbst“. Nach Ansicht der transpersonalen Psychologie C.G.Jungs wird der Archetypus des Wahren Selbst des Menchen par excellence durch Christus veranschaulicht.

  Christus: mein Selbst, mein ursprüngliches wahres Gesicht, das mich anschaut, in dem ich mich erkenne, Ursprung und Ziel meiner Individuation, meiner Mensch-Werdung.

  Essentielle Substanz ist so schön und groß, dass keine Phantasie ihre Schönheit erfassen und keine Dichtung ihre Größe vermitteln kann. Wie sie uns bewegt und lehrt, übersteigt die wildesten Träume und Phantasien der Menschheit. Ihre Möglichkeiten sind erstaunlich, ihre Kreativität unerschöpflich, ihre Tiefe ohne Ende und ihre Intelligenz grenzenlos. Sie ist ein Wunder - ein Wunder jenseits aller Wunder. Sie ist unsere wahre Natur, unsere innerste Identität.“ 

(A.H. Almaas: Essenz. Der Diamantene Weg der inneren Verwirklichung, S. 98)

  Ähnlich wie Teresa von Avilas „Seelenburg“ und islamisch-sufitische Mandalas stellen auch die tibetisch-buddhistischen Kalachakra-Mandalas ein psycho-physisches Modell des Menschen vor. Diese beeindruckenden Kreisbilder sind zwar um einiges komplexer und (für den Außenstehenden) aufgrund der Vielzahl von Gottheiten und eines sehr differenzierten Systems von Energiezentren und Kanälen komplizierter als Teresas Imagination eines Inneren Palastes mit sieben Wohneinheiten, aber alle drei spirituellen Theorien: spanische Mystik (Teresa von Avila), islamische Mystik (Abu -l-Hasan al-Nuri 9. Jahrh.) und tibetisches Kalachakra (Dalai Lama) stimmen in den Grundstrukturen überein:

  Der Archetypus des Alles transzendierenden Christus-Selbst gewinnt im Johannes-Evangelium in mannigfachen Bildern Gestalt: Ich Bin der Weinstock, die Tür, der Weg, das Licht, das Brot, der Hirte.

  Wie C.G.Jung, der berühmte Tiefenpsychologe, gebraucht auch A.H. Almaas dafür das Bild einer „Kostbaren Perle“. Er spricht auch von einem „Diamanten“, einem „Juwel“, dem „Stein der Weisen“, den man „nirgends finden kann außer in der Lotusblüte des eigenen Herzens“, in der „Stadt des Körpers“, dem „Tabernakel Gottes“.

  (Dieses Bild hat auch Paulus in 1 Kor 6, 19 verwendet: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Geistes Christi ist, der in euch wohnt?“)

  Das sufitische Loblied, das A.H.Almaas auf die Essenz anstimmt, singen christliche Mystiker auf Jesus Christus, „das Wesen, in dem alles ist und das in allem ist“ und „dessen Tempel wir sind“ (2 Kor 6,16).

„Man erfährt Essenz nicht als etwas Fremdes ... Nein, wir erfahren sie vielmehr als das, was wir im Innersten selbst sind. Sie ist zutiefst unser Wesen und ist unser kostbarstes und schönstes Zentrum. In ihr liegt unser Wert und unsere Bedeutung. Sie ist unser Wesen und unsere Identität. Sie ist es, die unsere Herzen bewegt, unseren Geist erleuchtet und unser Leben erfüllt. Sie ist etwas, das unserem Herzen so nah ist, dass nur das Herz selber sie schmecken kann ... Sie ist unsere Wirklichkeit, unsere Wahrheit ... Sie ist das Kostbarste, was es gibt.

   Die Spirituelle Reise führt von außen in die innerste Mitte.

Im Zentrum des inneren Palastes, der Heiligen Stadt ist der Sitz der Gottheit („göttliches“ Schaubild eigener Kräfte und Wesensqualitäten).

Der Mittelpunkt ist umgeben von quadratischen Bereichen, Mauern und Wohnungen.

  Vier Tore eröffnen Zugänge in den Inneren Palast.

Das viereckige Stadtgebilde - dreidimensionale Darstellungen zeigen es als mehrstufige Pyramide - ist umschlossen von mehreren Kreisen, die unterschiedliche Bewusstseinsstufen symbolisieren.

   Der äußere in fünf alternierenden Farben leuchtende Flammenkreis steht für das brennende Bewusstsein, welches im Vorgang der Konzentration alle geistigen Hindernisse und Unreinheiten, das falsche Denken und die Trübungen der Unwissenheit verbrennen soll.

Der zweite Kreis, der Vajira-Ring (Diamantzepter) symbolisiert das reine diamant-klare Bewusstsein, im dritten Kreis mit seinen acht Friedhöfen soll der/die Meditierende alle falschen Bewusstseinsformen loslassen.

  Der innere Ring von Lotusblüten steht für die harmonische Entfaltung der geistigen Schauung, die nur im reinen Bewusstsein möglich ist.

  Offensichtlich ist das Mandala mit seinen symbolischen Formen und Farben ein Spiegelbild des menschlichen Körpers mit seinen physischen, seelischen und geistigen Kräften. Der Meditierende erkennt darin den mühsamen Weg seiner Befreiung aus dem versklavenden Rad  seiner Kondotionierungen und Wiedergeburten.

  Auf dem Weg in die innerste Mitte kann er alle Hindernisse und Blockaden mit Hilfe des buddhistischen Instrumentariums bewusst wahrnehmen und auflösen. Die Geistesgifte von Hass, Gier, Ich-Anhaftung, Stolz, Eifersucht muss er in Heilmittel umwandeln. Bestimmte Bewusstseinszustände muss er einüben, um durch die vier Haupttore eintreten zu können und um in den inneren Raum seiner Ganzheit und wahren Identität (Quadrat und Vierzahl als Ganzheits-Symbole) zu gelangen.

  Die Gottheiten des Mandalas, die er meditierend imaginiert, sind keine außerhalb von uns existierenden Gestalten, die wir anrufen, sondern eher innere Schaubilder eigener Kräfte und Energien, eher Bilder für ein erleuchtetes Sein.

  Hat der Meditierende  die verschiedenen Kreise der Läuterung durchschritten, gelangt er in den Vorhof des Palastes. Er muss durch eines der vier Tore eintreten, die von Türhütern (Liebe, Mitleid, Freude, Gleichmut) bewacht werden. Schließlich gelangt er über verschiedene Stufen ins Innerste des Heiligen Palastes - häufig in der Form einer Lotusblüte vorgestellt -, wo die Gottheit thront.

  Das ist wohl die Quintessenz des Kalachakra-Mandalas: mit tantrischen Visualisierungen sich der uns innewohnenden Weisheit, Liebe und Kraft bewusst zu werden und aus diesem erleuchteten Wissen heraus zu handeln.

  „Als ich heute (2. Juni 1577) den Herrn anflehte, bot sich mir an, unsere Seele als eine gänzlich aus einem einzigen Diamanten oder sehr klaren Kristall bestehende Burg zu betrachten, in der es viele Wohnungen gibt. Die einen oben, die anderen unten, andere an den Seiten. Und in der innersten Mitte von all diesen Wohnungen liegt die vornehmste, in der die höchst geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele vor sich gehen.

  Die menschliche Seeie - dieser so strahlend schöne Palast, eine orientalische Perle, ein Lebensbaum, der an den lebendigen Wassern des Lebens - das ist Gott selbst - gepflanzt ist.

  Auch wenn hier nur von sieben Wohnungen die Rede ist, gibt es in der Seele unzählige: mit hübschen Gärten und Brunnen und Labyrinthen, dass ihr euch vor lauter Lobpreisungen auf den großen Gott am liebsten auflösen möchtet. Wenn ihr einmal gelernt habt, euch an diesem Palast zu erfreuen, werdet ihr durch die Hoffnung, in sie zurückzukehren, in allen Dingen eure Ruhe finden.“

Febr 2011                                           Zur Startseite

Zur Startseite

VII.  Teresa von Avila:

WOHNUNGEN der Inneren Burg bzw.

DES INNEREN PALASTES 


(Auszüge und Kommentierungen)