IV.  Jakobs TRAUM von der Himmelsleiter

Mystik und „Große“ Träume

   Mystik heißt Erfahrung Gottes bzw. der göttlichen Essenz im Menschen. Ein Mystiker ist jemand, der erfahren hat und zutiefst darauf vertraut, dass Alles durchströmt und getragen ist von göttlicher Liebe. Mystische Einheits- und Tiefenerfahrungen machen viele Menschen, ohne dass sie diese als solche verstehen und bezeichnen, wenngleich ihr ganzes Leben dadurch be-stimmt und gefärbt ist.

   Die Bibel, zumal die hebräische erzählt häufig von überraschenden Theophanien, die das eigene Leben und die gesamte Wirklichkeit in ein neues Licht tauchen. Solche Gottesbegegnungen finden manchmal in „Großen“ Träumen statt, in denen Menschen unvorhergesehen, wunderbar mit den tiefsten Schichten der eigenen Seele in Kontakt kommen und wo archetypische Bilder aus dem Unbewussten auftauchen - Symbole der Ganzheit, Metaphern des Selbst, Ur-Bilder Gottes.

Jakobs Traum von der Himmelsleiter

und sein Kampf am Jabbok

Chagalls Jakobsfenster in Zürich (1970)

1.  Jakobs Traum und Kampf


   Auch von Jakob, dem Stammvater Israels, werden „Große“ Träume und mystische Erlebnisse berichtet. In der jüdisch-biblischen Überlieferung ist er zu einer Symbolgestalt geworden, die Gegensätzlichkeit, Kampf mit äußeren und inneren Licht- und Schattengestalten und zunehmende Integration verkörpert. (Die Zwiespältigkeit Jakobs könnte man nach dem Enneagramm auch deuten als die Spannung des Enneatypen DREI zwischen „Wurzelsünde“ - Lug und Betrug - und „Geistesfrucht“ - Vertrauen in die Zukunft.)

   Die Bibel erzählt von Auseinandersetzungen schon im Mutterschoß mit seinem Zwillingsbruder Esau, dessen Erstgeburt er vergeblich zu verhindern sucht, dessen Erstlingsrecht auf den Segen des Vaters Isaak er sich aber später unter Protektion ihrer Mutter Rebekka mit betrügerischen Tricks erlisten kann.

  Auf der Flucht vor Esau, seinem Schatten-Bruder, träumt ihm von einer Himmelsleiter, die Erde und Himmel verbindet und auf der Engel auf- und niedersteigen.

  Weiter erzählt die Bibel von einem nächtlichen Ringkampf Jakobs mit einem Unbekannten vor Überquerung des Flusses Jabbok, aus dem er verwundet und gesegnet und mit einem neuen Namen (Israel) herauskommt.

Später versöhnen sich die feindlichen Brüder.

Bruderzwistigkeiten wiederholen sich zwischen seinen 12 Söhnen (vgl. den Verkauf des zweitjüngsten Bruders Josef als Sklaven an die Ägypter).  Auf dem Sterbebett spricht der mit sich und seiner Familie ausgesöhnte Jakob über jeden einen individuellen Segen aus.


   Der Traum von der Erde und Himmel verbindenden Himmelsleiter in Bet-El (Haus der Gottheit) und der Seelenkampf am Jabbok bei Pni-El (Gesicht der Gottheit) dürften die (religiös-psychischen) Schlüssel-Erlebnisse Jakobs gewesen sein: ein „Großer Traum“ und ein nächtliches Erlebnis mit archetypischen Bildern, die aus seinem Unterbewusstsein aufsteigen.

  In seinem Himmelsleiter-Traum gewinnt Jakob das feste Vertrauen, dass der Gott seiner Väter - Jahwe, der Ich-bin-da - ihn in allen Zwiespältigkeiten und Verirrungen seines Lebens trägt und begleitet.

Die Leiter oder Treppe, die Erde und Himmel verbindet, symbolisiert dabei den fließenden Kontakt zwischen Ich-Bewusstsein und dem göttlichen Wesenskern im Menschen (Selbst).

  Der  Kampf mit dem unbekannten Mann findet in der Nacht vor der Begegnung mit seinem Bruder Esau an einer Furt des Jabbok statt. In dieser Phase des Über- und Durchgangs auf neues Lebensterrain tauchen verdrängte Schuldgefühle und Ängste auf. Mit ihnen setzt sich Jakob auseinander und schließlich erhellt das Licht des Bewusstseins (Sonnenaufgang) vollends den Zwist mit seinem Schatten-Bruder.

Die mystische Entwicklung Chagalls

  Seine Radierung von 1931-39 zeigt ein unbefangenes supra-naturalistisches Gottesverständnis (Gott = über der Welt), verwurzelt im jüdischen Glauben. Als Bildzeichen für das Handeln Gottes verwendet Chagall:

- Lichteinfall von oben

- Offenbarungsname JHWH (Ich bin da) am Kopf der Leiter

  1. -Engel schweben auf der Leiter auf und nieder.

Jakob ist in der menschenleeren Wüste gestrandet, schuldig geworden an seinem Bruder und seinem Vater und an dem Gott seiner Väter. In seiner Angst und Bitterkeit steigt - wie ein Wunder von außen und hinter seinem Rücken - aus seinem Unbewussten das Bild der Himmelsleiter auf.

  Dem Träumenden öffnet sich ein Vorhang und ihm wird Einblick in eine hintergründige lichtvolle Dimension gewährt. Eine Leiter verbindet die Erde mit dem Himmel, himmlische Boten zeigen die Transparenz in göttliche Dimensionen an und Jahwe lässt sich sehen und hören.

  „Die Traumleiter Jakobs ist Zeichen dafür, daß die Verbindung zwischen Himmel und Erde nicht abreißt trotz aller Schuld.“

(Christoph Goldmann: Bildzeichen bei Marc Chagall, Bd. II, Göttingen 1995, S. 126)

1.  Radierungen von 1931-1939 / 1956

2.  Message biblique von 1954-1966

Marc Chagall: Jakobs Traum (Message Biblique) (Ausschnitt)

  In der Message Biblique verändert Chagall das für die Darstellung einer Himmelsleiter sich anbietende Hochformat in ein Querformat.  Der „Ort Gottes“  wird von Oberhalb in ein Daneben verlagert.

  Dem träumenden Jakob erscheint ein vierflügeliger Engel in einem großen blauen Transzendenzfeld, das die  rechte hellere Bildhälfte ausfüllt. In der Mitte dieses Engels, der der Darstellung Gottes im Paradies-Bild und in der Dornbusch-Szene (s. Wahres Selbst II) ähnelt, strahlt die Menora, der Leuchter im innersten Tempelbezirk, in gold-gelbem Licht auf. Darüber sieht man die Gestalt des gekreuzigten Jesus und eine Reduktion des hebräischen Gottesnamens Jahwe (JHWH) auf zwei mondsichelförmige Jod.

  In der rechten dunkleren Bildhälfte ruht Jakob; die rote Farbe mag auf sein „pralles“ Leben voll Schuld und Segen hindeuten. Sein Gesicht ist schmerzlich verzerrt, das geschlossene linke Auge ist träumerisch-meditativ nach innen gerichtet, das halb geöffnete rechte Auge blickt den Betrachter an.

Jakob erlebt sich in einem Stadium wachsender Bewusstheit. Sein waches Ich-Bewusstsein nimmt Botschaften einer neuen Lebensorientierung und Warnungen durch seine Wesensstimme  wahr (Chiffren dafür sind der gefallene Engel links unten; der Engel mit dem Schofarhorn, der zur Umkehr bläst und der blaue schattenhafte Engel mit warnender Geste links oben) und es erscheint ihm aus den Tiefen seiner Seele in einem vierflügeligen Engel ein Archetyp der Ganzheit, des Selbst, der göttlichen Essenz.  

3.  Mystische Bilder

  Die Bild-Zeichen für Transzendenz, die Chagall in seinen Radierungen zu biblischen Erzählungen erfand, werden von ihm zunehmend aus dem biblischen Kontext herausgelöst und in Bilder seiner eigenen Lebensgeschichte hineingemalt. Ähnlich wie Jakob verarbeitet auch Chagall seine dunkle Lebensgeschichte durch Traum-Bilder, durch gemalte Imaginationen. Sein Elternhaus mit der offenen Tür und den drei Fenstern im weißrussischen Witebsk, wo Chagall 1887 geboren und aufgewachsen ist und 1915 Bella (Rosenfeld) geheiratet hat, ist auf zahllosen Werken zentral oder am Rande zu sehen. Die schwarz-dunkelblauen und feuerroten Farben lassen den Betrachter ahnen, welches Schicksal von Weltbrand und Judenvernichtung seine Heimatstadt und ihre jüdischen Einwohner erleiden mussten (Witebsk wurde im 2.Weltkrieg fast vollständig zerstört).

  Die Ausrottung des osteuropäischen chassidischen Judentums hat Marc Chagall fast erdrückt. Im Zulassen und malenden Aktivieren der eigenen Quellgründe, in der sich intensivierenden (mystischen) Identifizierung mit Gestalten der jüdischen Heilsgeschichte, mit Mose, mit David, mit Jakob gewinnt er neues Zutrauen in die unzerstörbare Verbindung zwischen Erde und Himmel, Gott und Menschen.

„Wie Jakob habe ich gelegen, tief geschlafen

und während meines Schlafs den Traum geträumt:

ein Engel hebt und hebt empor mich auf der Leiter

und Seelen, längst verloschen, singen um mich her ...

viel süßer noch als Mozart und Bach.“


Marc Chagall: Sur le Pays Neuf, Poèmes, Genf 1975,  S. 85

Zitiert nach: Christoph Goldmann: Bildzeichen bei Marc Chagall Bd.2, S.140)

  Von einem spirituellen Schlüsselerlebnis mit 32 Jahren berichtet Marc Chagall in seiner Autobiographie „Mein Leben“: „Träume suchten mich heim:

  Ein viereckiges Zimmer, leer. In einer Ecke ein Bett und ich darin. Es wird dunkel. Plötzlich öffnet sich die Zimmerdecke, und ein geflügeltes Wesen schwebt hernieder mit Glanz und Gepränge ... Ein Engel!, denke ich. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu viel Licht. Nachdem er alles durchschweift hat, steigt er empor und entschwindet ... ich erwache.

Mein Bild ´Erscheinung` beschwört diesen Traum.

  Diese im Traum erlebte Angelophanie, zunächst verstanden als Auf-Weckung seiner künstlerischen Inspiration durch eine musenartige höhere Kraft, weitet sich in Chagalls Werk aus zu einer Metapher für das Größere über uns und in uns, das in unser Leben einbricht, uns herausfordert, unsere Ich-Grenzen sprengt und uns höhere / tiefere Dimensionen eröffnet.

1.  Bestimmte Worte Jakobs bedenke, verinnerliche und wiederhole ich wie ein Mantra:

  1. -Gott ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht ... Ja, hier ist ein Haus Gottes und eine Tür zum Himmel.

   (1 Mose 28, 16f) (Einatmen: Hier - ausatmen: Haus Gottes oder: Himmelstür)

  1. -Ich lasse DICH nicht, DU segnest mich denn. (1 Mose 28, 27)

  2. -(Jakob zu Esau:) Ich habe nun dein Antlitz angesehen, wie man Gottheitsantlitz ansieht. (1 Mose 33, 10)

  3. -Gott, der mein Hirt war mein Lebtag bis heute, der Engel, der mich erlöst hat (1 Mose 48,15) (Einatmen: Gott - ausatmen: mein Hirt)



2.  Eine lebendige Bibellesung überspringt den „garstigen Graben“ der Historie, überwindet Distanz und fühlt sich in Situationen und Personen ein. Im Spiegel einer biblischen Figur sehe ich mich selbst fremder, klarer, tiefer:

Ich bin Jakob, der

- unter seinen Zwiespältigkeiten leidet

  1. -mit Brüdern und/oder Schwestern konkurriert

  2. -allezeit freien Zugang zu IHM hat

-


  1. 3. Ich imaginiere (wie Jakob oder Marc Chagall) eine Lebenszene oder meine gesamte Lebensgeschichte

Ich er-innere zentrale Ereignisse und Erfahrungen in meinem Leben und die damit verbundenen Gefühle. 

In diesen Erlebnissen ent-decke ich die All-Gegenwärtigkeit Gottes („Haus Gottes“, „Tür zum Himmel“)

  Zunehmend verwendet Chagall das biblische Motiv der Himmelsleiter als Bildzeichen für Erfahrungen in seinem eigenen Leben und stellt er sich selbst als träumenden Jakob dar. In dem Gemälde „La vie“ von 1964, das sein Leben mystisch zusammenschaut (s. Webseite Chagalls Mystik I) hat Chagall sich selbst als Träumenden in die Mitte des Bildes positioniert. Aus ihm wächst eine Leiter heraus, die Zugang in den vielfarbig  ausstrahlenden Doppelkreis der Transzendenz verschafft. Die menschliche Gestalt auf der Leiter - mit einem Hahn als Kopf - ist eines der vielen verschlüsselten Selbstbildnisse Chagalls in diesem Gemälde.

  Am rechten Bildrand hat er sich selbst vor seiner Staffelei abgebildet, von einem Engel umarmt, und mit geschlossenen Augen sein Leben in allen Schichten und Phasen träumerisch imaginierend.

  Auf diesem Gemälde deutet sich schon seine spätere ausdrückliche Identifikation mit einem Engel an.

„Gott ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht ... Ja, hier ist das Haus Gottes und die Tür des Himmels ...“

(1 Mose 28, 16 f)

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  Dass der Himmel offen steht, dass Gegensätze sich vereinigen, wird von vielen Menschen in der erotisch-sexuellen Liebe zwischen Mann und Frau erfahren.

  In dieser Lithographie wird sie von Chagall durch das Motiv der Himmelsleiter mit Engeln ausdrücklich als Ort Gottes und Tür zum Himmel gedeutet.

(Zu den Orten mystischer Erfahrung, die  Dorothee Sölle in ihrem Buch „Mystik und Widerstand“ nennt - Natur, Leiden, Gemeinschaft, Freude - könnte man hinzufügen: Musik, Poesie, Dienst am Nächsten u.v.a.m.)

  Das alltägliche Leben, sein berufliches Tun, die Liebe zu seiner Frau werden von Chagall zunehmend als mystische Erfahrung, als Bet-El, als Wohnort Gottes verstanden und gemalt.

Die Farblithographie von 1976 nimmt die zentralen Motive der Jakobs-Erzählung auf und überträgt sie in das eigene Leben. Chagalls Atelier wird zum Ort der „Schechina“, der Einwohnung Gottes, wo der „Große“ Traum von der Himmelsleiter, auf der Engel auf- und niedersteigen, und der Kampf mit dem unbekannten Engel stattfinden.

  Marc Chagall identifiziert sich mit Jakob und seinen Schlüssel-Erlebnissen - er ist Jakob.

  Die schmerzliche und begückende Traumerfahrung wird hier von seiner Frau Vava begleitet, der nächtliche Kampf am Jabbok gleicht hier eher einem beschwingten Tanz.

5.  Chagall malt sich Selbst als Engel

Spirituelle Übungen: Identifikationen mit Jakob heute

Auf der Jakobsleiter


Die Welt in der ich lebe ist verschlossen

Das Licht geht aus

Die Nacht geht voran

Wo soll ich meine Farben suchen


Die Tränen wo soll ich sie vergießen

Die letzte Freude mein letzter Blick

Geht ins Land meiner Brüder

Ich steige auf ich steige hinab zu ihnen

Mein Traum von der Jakobsleiter

Sieh wie ich mein Kreuz ziehe

Das Gemälde lange Zeit ermüdet singt

Weint zwischen Himmel und Erde


Alle meine Gemälde verstreut über den Friedhof

Steigt auf ein Geruch von verloschenen Kerzen

Von überall laufen die toten Musiker herbei

Sie sprechen das Totengebet

Die Jakobsleiter

Marc Chagall: Vogel im Atelier 1976 (Ausschnitt)

Marc Chagall: Der Traum eines Verliebten 1961 (Ausschnitt)

Marc Chagall: La vie (Ausschnitt)

Marc Chagall: Die Erscheinung 1917 (Ausschnitt)

  Auf zahllosen Bildern Marc Chagalls erscheinen wie in vielen biblischen Erzählungen Engel als Boten Gottes, als Mittlergestalten zwischen Himmel und Erde, zwischen Transzendenz und Immanenz. In der Bibel überbringen sie konkreten Menschen eine Botschaft Gottes. In Chagalls poetischer Imagination sind alle Lebenssituationen, biblisch überlieferte und aktuell-paradigmatische, durchschwebt von Engeln. Wie der häufig in (Chagall-) Blau gemalte Hintergrund zeigen sie an: „Gott ist an diesem Ort.“ Alles Irdische ist unlösbar mit Himmlischem verbunden, Alles ist erfüllt von numinoser Präsenz.

  Diese gläubige Engel-Vorstellung, zumal auf den Bildern, in denen Chagall den Engel-Traum Jakobs als eigene Erfahrung darstellt, darf man psychologisch deuten als ein Ur-Bild der menschlichen Seele, als Stimme des wahren Wesens, als einen Archetyp des Selbst, der göttlichen Essenz in jedem Menschen.  Und besonders das Motiv der Himmelsleiter, auf der Boten Gottes auf- und niederschweben, ist ein besonders beeindruckendes Bild-Zeichen für den fließenden Kontakt zwischen Ich-Bewusstsein und geheimnisvoller göttlicher Tiefe im Menschen.

In seinem letzten Bild vor seinem Tod am 28. März 1985 im Alter von 97 Jahren malte Marc Chagall sich Selbst als

ENGEL

  1. 2.Biblische Texte


  „Und Jakob geriet an jenen Ort., wo er übernachtete, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen, legte ihn unter seinen Kopf und schlief ein.

      Da träumte ihm:

Da, eine Leiter, die auf der Erde steht und bis zum Himmel reicht.

Und da, auf ihr steigen Engel Gottes auf und nieder.

Und da steht Jahwe über ihm und spricht: Ich bin Jahwe, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Segnen werden sich mit dir alle Geschlechter auf Erden. Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst. Ich verlasse dich nicht.

Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, Jahwe ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.

Jakob stand früh am Morgen auf, nahm den Stein, den er unter seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn als Steinmal auf und goss Öl darauf. Dann gab er dem Ort den Namen Bet-El (Haus der Gottheit).“

(1 Mose 28, 10 - 19)


  „Jakob stand in der Nacht auf, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde und seine elf Kinder und durchschritt die Furt des Jabbok. Er nahm sie und ließ sie den Fluss überqueren.

Jakob blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte heraufzog. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, verrenkte er ihm die Hüftpfanne und sprach: Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Streiter Gottes), denn du kämpfst mit Gottheit und Menschheit und gewinnst. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort.

  1. 3.Anmerkung zum Züricher Jakobsfenster


  Diese beiden biblischen Erzählungen hat Chagall in dem Züricher Jakobsfenster (1970) ineinander verschränkt und die Abfolge umgekehrt. Erst nach Kontakt und Kampf mit den Schattengestalten der eigenen Seele gibt es eine Aussöhnung aller psychischen Kräfte und ein Aufsteigen der göttlichen Lichtfunken ins Bewusstsein. 

  Jakobs nächtliches Ringen mit dem „Mann“ bis zur Morgenröte ist in diesem Fensterbild eher ein umarmendes Ausruhen; die verletzte Hüftregion ist in leuchtendem Gelb gemalt: im Anerkennen von Schatten und Verwundungen leuchtet göttliches Licht  auf. (vgl. Chagalls Message Biblique-Gemälde auf meiner Webseite „Taizè“)

  Die Farbe der Transzendenz, das typische Chagall-Blau ist - wie in den Kirchenfenstern von Mainz und anderen Werken - tragender Hintergrund und teilweise Grundfarbe von Traum, Kampf, Himmelsleiter und Engeln.

  Jakob gab dem Ort den Namen Pni-El (Gottes Angesicht) und sagte: Ich habe Gott gesehen, Angesicht zu Angesicht, und meine Seele ist errettet. Die Sonne strahlte ihm auf, und als er an Pni-El vorüber war, hinkte er an seiner Hüfte.“

(1 Mose 32, 23 - 32)

  Die Holocaust-Erfahrungen seines jüdischen Volkes hat Chagall häufig in Kreuzigungs-Bildern verarbeitet: die Leiter ist dort nicht nur ein historisches Detail, sondern lässt sich auch als Aufstieg in eine höhere Dimension , in das Licht „Gottes“ deuten.

  Von der christlichen Frühkirche wird das alttestamentliche Motiv der Himmelsleiter übernommen und auf Jesus übertragen. „ Jesus sprach zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn.“ (Joh 1, 51)  Der Gekreuzigte ist der Ort, an dem und in dem Gott erfahren wird.

  Im späteren Christentum wird dann das Kreuz als „sichre Leiter, darauf man steigt zum Leben“, besungen.

Jakobs Traum  in Witebsk, dem Geburtsort Marc Chagalls

Marc Chagall (1968)  

Übersetzung: Michael Kunze   www.miku-miku.de

Marc Chagall: La vie (1964)  

Die Leiter (1957)

Vision des Jakob 1971

  Marc Chagall hat sich schon früh als Maler verstanden, der eine Botschaft überbringt. So wurde das nur für seine biblischen Bilder in Nizza erbaute Museum „Message Biblique Marc Chagall“ genannt. In seiner Eröffnungsrede 1973 sagte er:

  „Seit meiner frühen Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie ... erscheint mir heute noch als die größte Quelle der Poesie aller Zeiten. Stets habe ich ihre Spiegelung im Leben ... gesucht. Obwohl ich manchmal meine, ein ganz anderer zu sein, zwischen Himmel und Erde geboren zu sein, und obwohl die Welt für mich eine weite Wüste ist, habe ich im Lauf meines Lebens diese Bilder im Einklang mit jenem Traum geschaffen. Diese Bilder stellen nicht den Traum eines einzelnen Volkes dar, sondern den Traum der ganzen Menschheit. ... Malerei und Farbe - sind sie nicht von der Liebe inspiriert? Ist die Malerei nicht allein Widerschein unseres inneren Selbst? ... In dieser Liebe findet sich ... das Wesentliche jeder Religion.“

                                                         Marc Chagall: La vie 1964 (Ausschnitt)

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  Auf diesem Gemälde ist die Schwärze durchschimmert von einem zurückhaltenden (Göttliches anzeigenden) Gelb auf dem Gesicht des Träumenden und im Elternhaus. Und in dieser von zerstörerischem Feuer und dunklem Leid heimgesuchten Szenerie ist eine Leiter aufgestellt, auf der Engel auf- und niederschweben - so erscheint es dem träumend-imaginierenden Jakob-Marc Chagall. Der Ort des kollektiven Leidens, der schmerzhaften Erinnerungen ist für Chagall nicht ausgeblendet, sondern nach einem langen Verarbeitungsprozess in ein Bet-El gewandelt, in ein Haus Gottes.

„ER west an diesem Ort, und ich, ich wußte es nicht!“ (1 Mose 28, 16 - Übersetzung von M. Buber)

3.  Das Kreuz als Himmelsleiter

Chagalls Identifizierung mit dem Gekreuzigten

Vision des Jakob 1971

4.  Chagalls Identifizierung mit Jakob

Weiße Kreuzigung 1938

  Nach den schrecklickem Holocaust von sechs Millionen Juden und nach dem Tod seiner geliebten Frau Bella 1944 wandelt sich das Kreuz immer mehr von einem Leidenssymbol in ein Hoffnungszeichen für transformiertes Leiden.

(Differenzierte Darstellungen finden Sie unter   http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Der_Gekreuzigte_%28Chagall%29.html)

Der gekreuzigte Maler 1941 / 42

  Und bestimmte Bilder Chagalls zeigen noch eindeutiger Chagalls Identifikation mit dem leidenden Christus am Kreuz. In der Radierung „Vision des Jakob“ sind Christus und Chagall (mit seiner typIsierten Physiognomie) ein- und dieselbe Gestalt geworden. Zu Füßen des Kreuzes träumt Jakob / Chagall den Großen Traum von der ewigen Verbindung zwischen Erde und Himmel. Das Kreuz ist zur wahren Himmelsleiter geworden und Chagall selbst der Gekreuzigte, der beides zugleich versinnbildlicht: den Leidenden und den Erhöhten (christlich formuliert: den Auferstandenen).

V.  BRUNNEN

sich mutig und wahrhaftig auf Innere Tiefen einlassen / sich in Gott versenken

Marc Chagall: Jakobs Traum als innere Erleuchtung (Überfangglas)