3.  Erfahrungen der Einheit von Universum, Menschheit und Gottheit


  Christliche Spiritualität ist nicht ein sonntägliches Aufsuchen eines oberen Stockwerkes, in dem das alles passiert, was mit „Gott“ assoziiert wird. Die Präsenz Gottes ist nicht beschränkt auf heilige Zeiten, heilige Orte, „Heilige Väter“, heilige Riten und Worte. Vielmehr ist der „Ort Gottes“ die eine alltägliche empirische Wirklichkeit mit all ihren Dimensionen. Mitten in und am Rande dieser Einen Realität, in all ihren Bereichen kann die Epiphanie und Diaphanie des Göttlichen erfahren werden.


„Der Kosmos ist eine Symphonie, und das, was wir ´Gott` nennen, erklingt als diese Symphonie. Jeder Ort, jeder Augenblick, jedes Wesen ist eine bestimmte Note.“

Willigis Jäger: Die Welle ist das Meer, Mystische Spiritualität, S.84

  Wenn man Holzwegen folgt, gerät man in Sackgassen. Man muss umkehren und auf anderen Wegen Zugänge zum ersehnten Ziel, jesuanisch gesprochen: zum „nahen Reich Gottes“ finden.

  Charismatische Frauen und Männer haben individuell oder als Gemeinschaft in der 2000-jährigen Geschichte des Christentums authentische Wege ausprobiert und Türen ins „Mysterium Christi“  geöffnet, die in bestimmten Epochen vergessen oder doch weniger begangen wurden. Diese gilt es heute wieder aufzuschließen. Oder - um ein anderes Bild zu verwenden - ursprüngliche Quellen und Grundströmungen christlicher Spiritualität, die in den Großkirchen häufig (zugunsten angstvoll und autoritär sich abgrenzender Lehre und Disziplin) vernachlässigt, zugeschüttet oder gar desavouiert worden sind, gilt es heute, neu aufzudecken und sprudeln zu lassen.

Das wäre auch ein grundlegender Beitrag zur Bewältigung der heutigen Kirchen- und „Gotteskrise“.

1. Glauben an Gott als persönliche Erfahrung im Hier und Nun


  Die Unmittelbarkeit des einzelnen Menschen zu „G-o-t-t“ ist

ein Grund-Satz aller Religionen. Augustinus hat ihn im 4.Jahrh.

so formuliert: „Gott ist mir näher als ich mir selbst - Deus

intimior intimo meo“. Petrus spricht von dem „Morgenstern

(Christus), der aufstrahlt in unseren Herzen“ (2 Petr 1,19),

Paulus beschreibt das Christsein immer wieder als seine

Erfahrung, dass „Christus in mir“ ist (2 Kor 13,5) und „wir in

Christus“ sind.

  Diese unmittelbare Nähe der Jesus-NachfolgerInnen zu Gott /

Christus wurde nach der Konstantinischen Wende immer mehr

aufgegeben zugunsten einer vermittelten Gottes- und

Christusbeziehung. Die Kirche, zur Staatsreligion erhoben, und

ihre Amtsträger beanspruchten, dass ihre Vermittlung zwischen Gott und den Menschen heilsnotwendig sei. Im Laufe ihrer vielhundertjährigen Geschichte etablierte sie ein Wahrheits- und Machtmonopol in Sachen „Religiösität“ und „Glauben“. Zu glauben und zu tun, „was die Kirche lehret“, wurde zum entscheidenden Kriterium des Christseins erklärt.

7.  Mystik und Widerstand


  Eine authentische christliche Spiritualität ist immer eng verbunden mit einer überzeugenden gesellschaftlichen Präsenz. Diakonie, ein uneigennütziger Dienst am Nächsten, ist geradezu das Kriterium für die Echtheit von Mystik. Paul Zulehner hat diese polare Einheit auf den Nenner gebracht: In Gott eintauchen und bei den Armen auftauchen.

Diakonie ist dabei zu verstehen nicht nur als b-arm-herzige Zuwendung (mit dem Herzen bei dem  konkreten armen Mitmenschen sein), sondern auch als „entprivatisierte Liebe“ (JB. Metz), als Widerstand gegen Ungerechtigkeit in sozial-ökonomischen Strukturen, als Widerstand gegen lebensblockierende und -verhindernde gesellschaftliche Trends. Dieser kritische Reformwille bezieht sich für Christen auch auf innerkirchliche Zustände (s. Memorandum „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“).

Mystik und Widerstand sind nicht voneinander zu trennen; Eintauchen ins Evangelium Jesu Christi und Widerstand gegen lebenzerstörende Machtstrukturen gehören zusammen.

Tiefere Ursachen für die heutige Kirchen- und Gotteskrise sehe ich in bestimmten Engführungen, Überakzentuierungen und problematischen Trends in der christlichen Theologie und Verkündigung:

  Dass kirchlich-christlicher Glaube vor allem in seiner römisch-katholischen Ausprägung in eine arge Krise geraten ist, ist unübersehbar (März 2011) und an auffälligen kirchlichen Symptomen abzulesen:

  Kirchliche Entfremdung der U-60-Generationen (auch wenn Kommunionkinder und ihre Eltern kurzfristig ein anderes Bild vorgeben), Verlust an Glaubwürdigkeit aufgrund praktizierter Doppelmoral, unübersehbare Diskrepanz zwischen Evangelium Jesu und amtskirchlicher Praxis, Abdriften in ein antimodernes fundamentalistisches Ghetto, schwindender Gottesdienstbesuch und Sakramentenempfang, Missbrauchsskandal, Priestermangel, Zunahme der Kirchenaustritte.

  Nach Ansicht vieler Amtsinhaber ist diese Kirchenkrise eine „Folge der Gotteskrise“ (Papst Benedikt XVI). Sie machen Gottlosigkeit und säkulare Tendenzen („Subjektivismus“, „Konsumismus“, „Liberalismus“, „Relativismus“ etc.) verantwortlich, und leugnen selbst-produzierte Ursachen (mangelnder Mut zu not-wendigen Reformen, autoritärer Handlungsstil, Beharren auf der gegenreformatorischen Theologie und Kirchenpolitik der letzten vier Jahrhunderte).

Holzwege christlicher Spiritualität und Theologie heute

Orientierungspunkte christlicher Spiritualität und Theologie heute

4. Hingabe an den immer und überall präsenten Schöpfer, Erlöser und Vollender des Universums: Christus („Alles und in Allem: Christus“ - Kol 3,11)


  Das Geheimnis der Person Jesu ging seinen ersten Anhängern und den Ur-Gemeinden erst peu á peu auf. In den Evangelien und den Briefen von Aposteln bzw. Apostelschülern ist der Wachstumsprozess im Verständnis der Gestalt Jesu deutlich nachzuvollziehen. Von der Faszination durch den RABBI JESUS, von der Originalität und Frische seiner Erzählungen und „wunderbaren“ Taten leben das Markus-, Matthäus- und Lukas-Evangelium. Hin und wieder leuchten Erfahrungen mit der Epiphanie des Göttlichen in Jesus auf, die im Johannes-Evangelium dann bewusst ausgestaltet werden. Hier wird Jesus ausdrücklich als der Logos Gottes vorgestellt, „durch den Alles geschaffen ist“, der als der „ICH-BIN“ in dem Wirken Jesu und in jedem Schöpfungsphänomen (Licht, Weg, Hirte, Weinstock, Tür etc.) durchscheinen kann. Für Paulus ist Jesus seit seinem Damaskus-Erlebnis der CHRISTUS, der durch sein Pneuma „IN MIR“ wohnt und der als unser universaler Lebensraum verstanden wird: wir leben „IN CHRISTUS“. Schüler des Apostels Paulus erweitern und vertiefen im Epheser- und Kolosserbrief diese Ansätze einer kosmischen Christologie: 

2. Vertrauen auf die grundlegende Güte der Schöpfung


Im Zentrum der Botschaft Jesu und des Christentums steht der Glaube, dass jeder Mensch und die gesamte Schöpfung von Gott bedingungslos geliebt ist. Auch die hebräische Bibel geht von der ursprünglichen Güte der Schöpfung, von dem andauernden Ur-Segen Gottes aus. Daran wirklich zu glauben trotz aller individuellen und kollektiven Leiden, verlangt einen lebenslangen Reifungsprozess. Leider erschwert oder verhindert eine fragwürdige religiös-kirchliche Sozialisation das Wachsen dieser Überzeugung.

6. Gotteserfahrung nicht ohne Selbsterkenntnis


  „Deine Selbsterkenntnis ist ein Schritt zur Gotteserkenntnis. Gott wird für dich sichtbar werden, weil Sein Bild in deinem Innern wiederhergestellt wird.“ (Bernhard von Clairvaux 1090-1153)

Alle Mystiker betonen die wahrhaftige Selbsterkenntnis als notwendige Voraussetzung für jeglichen spirituellen Fortschritt. Durch alle Religionen zieht sich wie ein roter Faden die Erkenntnis, dass wir nichts, schon gar nicht Gott kennen können, ohne uns selbst zu kennen.

  Ein wesentliches Element des Spirituellen Weges besteht in der permanenten Reinigung des eigenen Gottesbildes von Ego-Projektionen. Deshalb ist eine wahrhaftige Selbsterkenntnis eine unabdingbare Voraussetzung für die Begegnung mit dem unverfügbaren Gott.

  Um das wahre Selbst, unser wahres Wesen, das Angesicht Christi in uns zu entdecken, ist es notwendig, dass wir Selbsttäuschungen, Fehlidentifikationen, falsche Abbilder erkennen und läutern, damit das Original, unser ursprüngliches Gesicht, das Bild Christi zum Vorschein kommt.

  In bestimmten Lebensphasen ist ein(e) Begleiter(in) förderlich, vielleicht sogar not-wendig, der (die) nicht nur fromm, sondern auch psychologisch klug ist. In der spirituellen Begleitung haben sich neben der non-direktiven Gesprächsführung nach Carl Rogers weitere psychotherapeutische Modelle als hilfreich erwiesen:

5. Weiterentwicklung der westlichen Christologie und Spiritualität durch die Begegnung mit mystischen Erfahrungen und Weisheitszeugnissen in nichtchristlichen Religionen



Kabir (1440 - 1518) - hinduistischer Mystiker:


O Diener, wo suchst du Mich?

Sieh doch! Ich stehe neben dir.

Weder in Tempeln noch Moscheen wohne ich....

Wenn du wahrhaftig suchst,

wirst du Mich sofort erblicken:

wirst du mich treffen im Nu.

Kabir sagt: O Sadhu!

Gott ist der Atem allen Atems.



Mansur al Halladsch (858 - 922) - islamischer Mystiker:


In meinem Herzen kreisen alle Gedanken um Dich.

Wenn ich nach Osten mich wende, strahlst Du im Osten mir auf;

Wenn ich nach Westen mich wende, stehst vor den Augen Du mir.

Wenn ich nach oben mich wende, bist Du noch höher als dies;

Wenn ich nach unten mich wende, bist Du das Überall hier.

Du bist in allem das Ganze, doch nicht vergänglich wie wir.

Du bist mein Herz, mein Gewissen, bist mein Gedanke, mein Geist,

Du bist der Rhythmus des Atmens; Du bist der Herzknoten mir.

Kirchenkrise - Gotteskrise ?

Christliche Spiritualität und Theologie heute

Holzwege und Orientierungspunkte

Christus,

in Allem, was schön und entstellt ist, schaue ich Dein Gesicht -

in allen Klängen und Wörtern höre ich Dich, den Logos -

in allen Aromen und Gerüchen rieche ich den Duft Deiner Liebe -

in allem, was mir begegnet, Menschen, Ereignisse, Dinge,

   berühre ich Deinen Leib, Deine Hände -

in aller Süße und Bitterkeit schmecke ich Dich, Wein und Brot des Lebens.

In Allem, was ich schaue, höre, rieche, berühre und schmecke,

   spüre ich Deine Weisheit und Liebe.

Gal 2,11: „Ich, Paulus, widerstand dem Petrus ins Angesicht“

(Relief aus Antiochia, um 350)

Petrus plädierte dafür, dass alle Heiden, die Christen werden wollten, vor ihrer Taufe zunächst beschnitten werden müssten.

  Durch die Begegnung mit buddhistischer, hinduistischer, jüdischer oder islamischer Mystik haben

Christen, die sich entschlossen auf den Weg der spirituellen Reise gemacht haben, ihre Erfahrungen mit dem „Kosmischen Christus“ vertieft und erweitert.

  Besonders die Pioniere einer Integration buddhistischer und hinduistischer Spiritualität ins Christentum nach 1945: Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988), Hugo Enomiya-Lassalle (1898-1990), Henri Le Saux (1910-1973), Raimon Panikkar (1918-2010), Willigis Jäger (1925- ), Johannes Kopp (1927- ), Anthony de Mello (1931-1987) haben die westlich-römisch geprägte Christologie wahrhaft katholisch („allumfassend“; nicht nur örtlich, sondern „geistig global“) ausgeweitet.


Die Synthese von Henri Le Saux / Swami Abishiktananda (1910-1973) kurz vor seinem Tod:

   „Ob ich es will oder nicht, ich bin zutiefst an Jesus Christus gebunden und daher an die kirchliche koinonia. In ihm hat sich mir das ´Mysterium` seit meinem Erwachen zu mir selbst und zur Welt gezeigt. In seinem Bild, in seinem Symbol ist es, dass ich Gott erkenne, dass ich mich selbst und die Menschenwelt erkenne.

  Seit meinem Erwachen zu neuen Tiefen in mir (dem Selbst, atman) hier in Indien, hat sich dieses Symbol wunderbar ausgeweitet. Schon die christliche Theologie hat mir die Ewigkeit des Mysteriums Jesu in sinu Patris (im Schoß des Vaters) eröffnet. Später hat Indien mir das kosmische Ganze dieses Mysteriums offenbart.“


  Raimon Panikkar (1918-2010), Sohn eines indischen Vaters und einer spanischen Mutter,

eines Hindu und einer Katholikin:

  „ Ich bin als Christ gegangen, ich habe mich als Hindu gefunden und ich kehrte als Buddhist zurück, ohne doch aufgehört zu haben, ein Christ zu sein.“

„Christus ist das christliche Symbol der ganzen Wirklichkeit ... das bedeutet, dass in Christus nicht nur ´alle Schätze der Göttlichkeit` enthalten sind, sondern auch, dass ´alle Mysterien des Menschen` darin verborgen sind und alle Masse des Universums. Er ist ... das kosmotheandrische Symbol par excellence.“


(vgl.  www.adolf.frahling.de/Web-Site/Kosmischer_Christus_II_%28Ausserchristl._Religionen%29.html)

März 2011 / 2016                                                        Zuir Willkommensseite

Jesuanische Geschwisterlichkeit oder Hierarchie  („Heilige Herrschaft“) ?

2.   Historisierende und soteriologische Überbetonungen


Die Kirchen „sind auf dem Holzweg“,


  1. -wenn sie statt des Ur-Segens die Ur-Sünde, statt der Güte der Schöpfung ihre Verderbheit in den Mittelpunkt stellen,


  1. -wenn sie ihren Gläubigen vorrangig Sündenbewusstsein, Gehorsam, Anpassung an feudalistische Kirchen-Strukturen etc. predigen und Lebensfreude und Selbstvertrauen abwerten,


  1. -wenn sie die „Offenbarung Gottes“ auf das „depositum fidei“ der apostolischen Zeit eingrenzen und stets neue und individuelle „Eingebungen des Geistes Gottes“ nicht wirklich ernstnehmen,


  1. -wenn sie die Gestalt Jesu Christi auf sein Wirken vor 2000 Jahren und sein Erlösertum von der Sünde fokussieren, und seine „Creatio continua“ und stets gegenwärtige Erneuerung und Vollendung der Schöpfung ausklammern,


  1. -wenn sie Jesus Christus hauptsächlich als ethisches Vorbild verkünden und seine heilende Gegenwart in jedem Menschen ausblenden.

3.  Dualisierende Tendenzen


Die Kirchen „sind auf dem Holzweg“,


  1. -wenn ihre Botschaft von Gott in einem überholten dualistischen Weltbild und einem vormodernen übertrieben paternalistischen Gottesbild gefangen bleibt („Gott“ als überweltliche Person, die in die Geschicke der Welt eingreift),


  1. -wenn sie Erfahrungen der Einheit von Mensch, Kosmos und Gott weiterhin als unchristlich desavouieren und ihre Phobie vor pantheistisch-mystischen Erfahrungen nicht aufgeben.

1.  Ekklesiologische Engführungen


Die Kirchen „sind auf dem Holzweg“,


  1. -wenn sie sich selbst als „allein seligmachende“ Institutionen verstehen und Glauben definieren als Für-wahr-Halten bestimmter Begriffssysteme und verabsolutierter Sprachspiele,


  1. -wenn ihnen individuelle religiöse Erfahrungen suspekt erscheinen,


  1. -wenn sie fragwürdige hierarchische Machtstrukturen beibehalten und nicht zu einer jesuanisch-geschwisterlichen Kirche zurückkehren


  1. -wenn ihnen die Durchsetzung einer rigorosen Sexualmoral wichtiger ist als eine Pastoral der Barmherzigkeit und eine fundierte Mystagogie (Einführung in das Göttliche Geheimnis) und spirituelle Begleitung,


  1. -wenn sie weiterhin den Offenbarungen Gottes in Natur und fremden religiösen Ausdrucksformen wenig Ehrfurcht entgegenbringen,


  1. -wenn sie einem wertschätzenden Dialog mit Psychologie, Naturwissenschaften und anderen Religionen ausweichen.      

Pius XII (1939-58) mit Tiara (dreifacher Papstkrone) auf der Sedes gestatoria

  Der schon leicht abgegriffene Satz von Karl Rahner „Der Fromme von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ (Schriften zur Theologie VII, S.22) deutet den notwendigen grundlegenden Kurswechsel in Theologie und spiritueller Praxis an. Der Mensch, der sich an Christus orientiert, also ein Christ, ist jemand, „der etwas erfahren hat“, dessen religiöses Leben sich vom „Für-wahr-Halten“ von Dogmen und kirchlichen Aussagen  gewandelt hat in eigene Erfahrung. Vorbereiter und Auslöser können durchaus Quellen und Schatztruhen der kirchlichen Tradition sein (Biblische Worte und Taten Jesu, Kirchenräume, Liturgie, authentische Christen etc). Zur persönlichen Erfahrung werden sie über eine ansprechende Mystagogie, durch Einübung von Kontemplation und Achtsamkeit auf die göttliche Präsenz im Hier und Nun.

  Schon Kinder können eine intensive Freundschaft mit Christus pflegen. Der Austausch mit Ihm, das innere Gebet überwächst dann im Laufe des Lebens alle angelernten Katechismus-Wahrheiten und fixierten Gottes- und Christusvorstellungen. Und der zum mündigen Christen gewordene Mensch erfährt nun Religiösität und Glauben als seinen ureigenen inneren Prozess, als eine Lebensreise mit vielen Wandlungen und Wendungen. Offen für die unverfügbare Epiphanie und Diaphanie des immer und überall gegenwärtigen Gottes lebt er in der Haltung einer anbetenden Präsenz.

  Als Modell für eine persönliche Christus-Erfahrung könnte in Theologie und Katechese außer den Zeugnissen von MystikerInnen das Damaskuserlebnis des Paulus entfaltet werden. Paulus hat Jesus von Nazareth nie gesehen. In Damaskus öffnet sich ihm das „Dritte Auge“ und er erfährt den immer und überall gegenwärtigen Christus. Wir Christen heute befinden uns in einer ähnlichen Situation: wir kennen IHN zunächst vom Hörensagen (Bibel), können IHN aber persönlich erfahren.

    „Das hinduistische Indien schuf ein schönes Bild, um die Beziehung zwischen Gott und seiner Schöpfung zu beschreiben. Gott tanzt seine Schöpfung. Er ist der Schöpfer, die Schöpfung sein Tanz. Der Tanz ist etwas anderes als der Tänzer, und doch gäbe es keinen Tanz ohne Ihn ... Nur hinschauen: ein Stern, eine Blume, ein welkendes Blatt, ein Vogel, ein Stein. Jeder Teil des Tanzes ist geeignet. Schauen, lauschen, riechen, berühren, schmecken. Und sicher wird es nicht lange dauern, bis du Ihn siehst, den Tänzer selbst!“

Antony de Mello: Warum der Vogel singt, Freiburg 1984, S. 19f


„Ich bin nicht außer Gott und Gott nicht außer mir

Ich bin sein Glanz und Licht und er ist meine Zier.“

Angelus Silesius: Der Cherubinische Wandersmann, Zürich 1979, S.43


„Intensives inneres Gebet führt uns über die Dualität hinaus

in die Einheit, über alle Vorstellungen und Bilder hinaus in

die Wirklichkeit.“

Laurence Freeman: Jesus - der Lehrer in dir, S. 49

  Das Mysterium Christi ließ die Kirchen der ersten vier Jahrhunderte nicht in Ruhe. Wenn auch häufig mitbestimmt von innerkirchlichen Machtkämpfen und politischem Einfluss (etwa von Kaiser Konstantin auf das Konzil von Nicäa 325), gewannen sie auf Konzilien neue christologische Einsichten. Die Kurzformel: „In Jesus Christus sind die menschliche Natur und die göttliche Natur unvermischt und ungetrennt“ ist bis heute ein Geheimnis, ein Koan geblieben, dessen Meditation und Aufdeckung in die innerste Mitte des christlichen Glaubens führen könnte. Denn sie beeinhaltet eine grundlegende anthropologische  Aussage. In Jesus Christus sind das Menschliche und Göttliche vereint, das Endliche und Unendliche, das Materielle und das Spirituelle - unvermischt und ungetrennt. Jesus Christus ist sozusagen der Prototyp jedes Menschen. Nach diesem Entwurf, nach diesem Abbild sind wir Menschen (und die ganze Schöpfung) geschaffen. Die Frage „Wer bin ich?“ könnte der Christ so beantworten: „Ich bin mit Christus in Gott verborgen, und zwar mit jeder Facette meines Lebens. Ich trage in mir, dass der Mensch leidet und auf traurige Weise verwundet ist, aber ich trage in mir auch die Herrlichkeit Gottes, ja ich habe Anteil an der göttlichen Natur.“ - 2 Petr 1,4.

(vgl. R.Rohr: Ins Herz geschrieben S. 81)

  Die Selbst-Offenbarung Christi ist mit dem Tod des letzten Apostels und mit der kirchlichen Kanonisierung der neutestamentlichen Schriften nicht abgeschlossen. Sie erfolgt immer und überall. Seine verborgene universale Gegenwärtigkeit ist nicht kirchlich usurpierbar und auf die Sakramente reduzierbar trotz aller gegenteiligen Bemühungen (vgl. Kardinal Meisner in seinem Fastenhirtenbrief 2009: „Der Priester macht kraft seiner Weihe den eucharistischen Leib Christi gegenwärtig ... ohne Eucharistie verliert die Welt die leibliche Gegenwart Christi“.)

  Die „immerliche“ mystische Präsenz Christi in Allem zu entdecken und wahrzuhaben, scheint mir eine der wichtigsten Aufgaben der christlichen Theologie und Mystagogie („Christus lernen“ - Eph 4,20) im 3. Jahrtausend zu sein.

Christus „tanzt an tausend Orten“ im Universum und im Inneren des Menschen.

„Nun wurde enthüllt...das Geheimnis Gottes: Christus,... sein unerforschlicher Reichtum...die vielfarbige Weisheit Gottes.“ - Eph 3

„Das Geheimnis, seit Äonen verborgen, wurde nun den Glaubenden gezeigt: Christus, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind“ - Kol 1,26 + 2,2f

„Christus wohne in euren Herzen...damit ihr erkennt die alle Erkenntnis übersteigende Liebe Christi, damit ihr in die ganze Fülle (Pleroma) Gottes hinein erfüllt werdet.“ - Eph 3, 17ff

„Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes...

alles wurde durch Ihn und auf Ihn hin erschaffen...

in Ihm wollte Gott die ganze Fülle (Pleroma) wohnen lassen und durch Ihn das All auf Ihn hin versöhnen.“ - Kol 1,19f

„Alles und in Allem: Christus“ - Kol 3,11

März 2011 - überarbeitet 2016                        Zur Willkommenseite