Demnächst:   III.  Salomo - Dichter und Sänger des Hohenlieds der Liebe

  Musik durchtönt viele Farb-Kompositionen Marc Chagalls, für den Betrachter wahrnehmbar in dem faszinierenden Zusammenklang der „Singenden Farben“, erkennbar in dem häufigen Auftreten von Musikanten mit unterschiedlichen Instrumenten (Flöte, Geige, Leier, Harfe, Schofarhorn, Tamburin, Zimbeln, Handtrommel, Cello), ablesbar an manchen Titeln seiner Gemälde („Il Concerto“, „Hommage an Mozart“, „Die Zauberflöte“, „Geigenspieler“, „Lied des Hahnes“, „Blaues Konzert“, „Tanz“).

Chagalls Bühnenbilder für Adams Ballett „Aleko“ und Strawinskis "Feuervogel" in New York begeisterten schon in den 40-er Jahren, Auf-sehen erregten weitere Kunstwerke: das Deckengemälde in der Pariser Oper, die Chicagoer Mosaiken, Wandteppiche in der Knesset von Jerusalem und Kirchenfenster in Europa mit musizierenden Engeln oder dem Harfe spielenden König David.

  Charles Marq, Chagalls Freund und Glasmeister, äußerte in einem Interview: „Chagall war auch ein echter Musikkenner, das wissen die wenigsten. Die klassische Musik kannte er sehr gut, mit einem besonderen Hang zu Schubert. Wenn es mit der Arbeit schlecht voranging, legte meine Frau ein Schubert-Quartett auf! ... Ich glaube, dass er für die Musik, für den Klang eine vergleichbare Sensibilität hatte wie für die Farbe oder die Poesie."

Grundgelegt wurde dieses musikalische Faible in seiner Kindheit in Witebsk. Wenn dort gefeiert wurde, waren immer Musikanten dabei. Ein Geigenspieler aus Chagalls Familie - Onkel Neuch - war eine Zeit lang sein Idol und später auf vielen Gemälden eine Metapher seiner Künstler-Identität.

1.  Szenen aus dem Leben Davids

  Berühmte Genies der Musik hat Chagall oft dargestellt: Orpheus, Salomo, Mozart. Aber David, der erste israelitische König, Harfen-Spieler und Psalmensänger, ist neben Mose Chagalls Lieblingsgestalt. In seinem letzten großen Lebenswerk, der Gestaltung der Kirchenfenster in St. Stephan Mainz ist schließlich eine verborgene Identifizierung des Farbpoeten Marc Chagall mit dem Musikpoeten König David zu finden.


  Die hebräische Bibel erzählt in 60 Kapiteln (1 Sam 16 - 1 Könige 2; 1 Chronik 10 - 29) die Lebensgeschichte Davids (um 1000 v.Chr.): seine Erwählung zum König Israels durch Gott, den Aufstieg am Hofe Sauls, seine erfolgreichen Kämpfe gegen die Philister, Schaffung einer relativ stabilen Friedensordnung, Bestimmung Jerusalems zur Hauptstadt Israels und zum zentralen Kultort. Neben diesen mehr politischen Komponenten machten ihn auch bekannt und berühmt: die Harfenlieder des Psalters, seine Liebe zu Frauen (Bathseba!) und zu seinem Freund Jonathan und die ihm und seinen Nachkommen zugesprochene messianische Erwählung.


  David wurde für die biblischen Erzähler und das künstlerische Schaffen Marc Chagalls zu einem Archetypus des Menschen,

-  der in Depression und Verlassenheit zum Lobpreis zurückfindet,

-  der durch Schuld, Verzweiflung und Klage hindurch immer wieder die eigene ursprünglich-göttliche Melodie entdeckt und singt,

-  der eine Hoffnung durchhält, die alle gesellschaftlichen und individuellen Notlagen transzendiert.




Exemplarische Szenen aus dem Leben Davids wählte Marc Chagall für seine Radierungen zur Bibel (1931-39/56) aus:

1.  David wird durch den Propheten Samuel zum König gesalbt

Der Jüngste, Kleinste wird auserwählt: "Der Mensch sieht in die Augen, ER aber sieht ins Herz.... David war blond, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt" (1 Sam 16)


2.  David bringt Saul den Kopf des Goliath

Er legt die Rüstung Sauls (Helm, Panzer, Schwert) wieder ab und besiegt den Philister Goliath mit Stock, Hirtentasche, Schleuder und fünf Kieselsteinen.

(1 Sam 17)

  1. 5. David begeht Ehebruch mit Batseba, der  Frau seines Feldherrn Urija, den er auf kriminelle Weise umkommen lässt. Der Prophet Natan stellt ihn zur Rede. David bereut, übernimmt die Verantwortung und sühnt seine Taten. Schließlich nimmt er Batseba zur Frau. Ihr erstes Kind stirbt, das zweite ist Salomo, der spätere König. (2 Sam 11)



6.  König David auf der Flucht vor seinem

Sohn Absalom, der ihm den Thron streitig macht und (wie früher Saul) ihm nach dem Leben trachtet.

(2 Sam 15)

3.  Musiktherapie für Saul: „Wann das Gottesgeisten auf Schaul war, nahm David die Leier und spielte mit seiner Hand, da wurde es Schaul wieder geistgeräumig, ihm wurde wohl, das böse Geisten wich von ihm hinweg."

(1 Sam 16, 23)

Übersetzung: Martin Buber

4.  Überführung der Bundeslade nach Jerusalem

"David und das ganze Haus Israels tanzten und sangen vor dem Herrn mit ganzer Hingabe und spielten auf Zithern, Harfen und Pauken, mit Rasseln und Zimbeln."

(2 Sam 6)

7.  David sang IHM dieses Lied, da ER ihn aus der Faust all seiner Feinde und aus der Faust Sauls gerissen hatte: DU mein Fels und Retter. In die Weite hat ER mich herausgeholt, denn ER hat an mir Lust. Ich will DIR singen und spielen.“

(2 Sam 22)

  1. 8. Batseba erinnert

den hochbetagten König David an sein Versprechen, ihren gemeinsamen Sohn Salomo als seinen Nachfolger einzusetzen. David resümiert seine Lebensgeschichte.

(1 Könige 1)

Einen „Nachruf“ auf den ersten König Israels  - seinem Sohn Salomo zugeschrieben - lesen wir in Jesus Sirach 47, 1-11:


„David aus Israel

spielte mit Löwen, als wären es Ziegen,

mit Bären, als wären es Schafe.

In seiner Jugend erschlug er den Riesen,

indem er mit der Hand die Schleuder schwang

und Goliats Hochmut zerbrach.

Darum haben ihn die Frauen besungen:

Zehntausend erschlug er.

Als er die Krone trug,

schlug er die feindlichen Philister.


Bei all seinen Taten stimmte er Loblieder an

auf Gott mit rühmenden Worten.

Er liebte seinen Schöpfer von ganzem Herzen,

alle Tage pries er Ihn mit Liedern.

Vor dem Altar ließ er Saiteninstrumente aufstellen

und schuf Psalmweisen für die Harfenbegleitung.

Den Festen verlieh er Glanz

und verschönerte die Feiertage.

Vom Lobgesang auf Gottes heiligen Namen

hallte das Heiligtum wider schon vor dem Morgen.“

2.  König David - Poet der Musik

Harfenspieler - PSALMENsänger - Tänzer vor IHM

König David auf einem Wandteppich für die Knesset in Jesusalem („Exodus“ 1964-68)

  Dass die biblische Figur des Königs David eine starke Faszination auf Marc Chagall ausübte, zeigt sich auch an zwei größeren Werken aus seinen letzten Lebensjahren.

Von 1977 bis zu seinem Tod 1985 schuf Chagall neun Kirchenfenster für St.Stephan in Mainz.

Als 92-jähriger edierte er 1979 die „Psaumes de David", 30 Graphiken in der Maltechnik der Radierung mit Aquatinta zu ausgewählten Psalmen.


(Marc Chagall / Klaus Mayer: Psalmen in Bildern, Echter Verlag Würzburg, 1995)

  In dem „Buch der Preisungen“ (M. Buber) überwiegen Klage und Bitte. Eine breite Palette von grundlegenden und situativen Gestimmtheiten wird in den 150 Psalmen vor IHM ausgedrückt: Verzweiflung, Trübsinn, Einsamkeit, Klage, Vorwürfe, Hass, Mutlosigkeit, Vertrauen, Freude, Hoffnung, Dankbarkeit, Liebe, Lobpreis.

Chagall wählte für seine „Psalmen Davids“ nicht nur hymnische Harfenlieder aus. Offenbar hatte er eine Vorliebe für die „dynamischen Psalmen“, in denen sich nach Erich Fromm ein Stimmungswandel des Beters ereignet. „Er beginnt in einer traurigen, niedergedrückten, verzweifelten oder angstvollen Stimmung ... am Ende des Psalms aber herrschen Hoffnung, Glaube und Vertrauen.“ Der Beter vollzieht eine innere Transformation, einen „therapeutischen Prozess“. Indem er das, was ihn im Tiefsten bewegt, durchlebt und vor IHM - bittend, klagend, schreiend - ausspricht, kann er Mutlosigkeit, Ängste und Verzweiflung auflösen und darin Vertrauen und Lobpreis wiederfinden.

Ein zerbrochenes Herz

Ps 51,19

Warum schläfst DU, Herr? Ps 44,24

Meine Seele dürstet nach DIR. Ps 143,6

M.Chagall/Ch.Goldmann: Das Gelb auf Davids Harfe, Verlag Kath.Bibelwerk, Stuttgart 2004

Aller Atem preise oh IHN. Hallelu-Jah. Ps 150,6

Psalm 6: Verstört ist meine Seele. DU aber, DU, bis wann noch -!  Entschnüre meine Seele deiner Huld zu willen! Denn im Tod ist kein Deingedenken, im Gruftreich, wer sagt dir Dank?! ... Gehört hat ER die Stimme meines Weinens. Gehört hat ER mein Flehen. ER nimmt mein Beten an.

  Wie sehr sich Chagall in den Psalmendichter David eingefühlt hat, veranschaulichen einige Radierungen, in denen der über 90-jährige Künstler sich selbst mit ins Bild aufgenommen hat. Dem alt gewordenen König David auf der Leinwand nimmt man die Verse des Psalms 39 ab: „Herr, tu mir mein Ende kund und die Zahl meiner Tage. Lass mich erkennen, wie sehr ich vergänglich bin. Meine Lebenszeit ist vor DIR wie ein Nichts. Ein Hauch nur ist jeder Mensch. Und nun Herr, worauf soll ich hoffen? Auf DICH allein will ich harren.“ Vor der Staffelei hat Marc Chagall sich selbst als jungen Maler abgebildet, der mit seiner linken Hand die Grenze zwischen Realität und Kunst überschreitet und wie der von ihm imaginierte König auf den Saiten der Harfe dieses Lied der Vergänglichkeit mitspielt. Am oberen Bildrand erscheinen Bildzeichen der Transzendenz: ein Engel und ein kreisförmiger Licht-Tunnel. 

Durch die Zuordnung  zum Psalm 39 wird auch hier die generelle Funktion der Selbstbildnisse des Malers vor seiner Staffelei überdeutlich: dem Betrachter das Innenleben Marc Chagalls, seine psychische Wirklichkeit sichtbar machen. Es ist der 92-jährige Künstler, der zusammen mit König David die Psalmverse betet und singt.


  Eine weitere Radierung zeigt ebenfalls, dass Chagall die Psalmen nicht einfach illustrieren, sondern sein eigenes Lebensgefühl ausdrücken wollte. Sehr verschlüsselt tut er das in der Radierung zu Psalm 13:

Wie lange noch, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir? Blick doch her, erhöre mich, Herr mein Gott, erleuchte meine Augen, damit ich nicht entschlafe und sterbe. Ich aber baue auf deine Huld, mein Herz soll über deine Hilfe frohlocken. Singen will ich dem Herrn, weil er mir Gutes getan hat.

Eine rätselhafte menschliche Gestalt mit Esel-Hahn-Kopf steht im Vordergrund, die einen dreiarmigen brennenden Kerzenleuchter ans Herz drückt (wie König David im Hintergrund seine Harfe). Es ist der Malerpoet Marc Chagall selbst, der sich häufig in ähnlicher Tiergestalt dargestellt hat. Chagalls innere Bewegtheit, seine Traurigkeit und sein Vertrauen auf IHN (Menora als Bildzeichen für den EWIGEN), berührt den Betrachter aufgrund dieser geheimnisvollen Kodierung in einem Bild noch tiefer als die Darstellung Davids durch Worte und Musik.

  Die vielfältigen menschlichen Erfahrungen, die in den Psalmen zur Sprache kommen - Siege und Niederlagen, Verzweiflung und Vertrauen, Schuld und Hass, Krankheit und Heilwerden, Verfolgung und Rettung, individuelles und kollektives Schicksal - münden schließlich in den Großen Lobpreis Gottes, in das Hallelu-Jah: Preiset oh IHN. Gerade die abschließenden 5 Hallel-Psalmen hat man schon früh dem Dichter und Sänger König David zugeschrieben. Diese Harfenlieder, „Preisungen“ sind erfüllt von Lebensfreude und Musik. David hatte ja nach dem Einzug der Bundeslade in Jerusalem für den Dienst vor den Heiligen Tafeln Leviten bestellt, „die den Gott Israels rühmen, loben und preisen sollten. Einige sollten die Harfen und Zithern spielen, andere die Zimbeln schlagen und weitere ständig die Trompeten blasen.“

(1 Chron 16)

Der sog. „Orchesterpsalm“ 150 hat seinen Ursprung in dieser altisraelitischen Tradition, Gott im Tempel und überall unter dem Himmel mit menschlicher Stimme und allen bekannten Musikinstrumenten zu loben und zu preisen:

Hallelu-Jah - Preiset oh IHN!

Hallelu-Hu

Preiset ihn in seinem Heiligtum,

preiset ihn unter dem Himmel!

Preiset ihn für seine großen Taten,

preiset ihn nach der Fülle seiner Größe!

Preiset ihn mit dem Schall der Hörner,

preiset ihn mit Harfe und Zither!

Preiset ihn mit Pauken und Tanz,

preiset ihn mit Flöten und Saitenspiel!

Preiset ihn mit hellen Zimbeln,

preiset ihn mit klingelnden Zimbeln!

Aller Atem preise oh IHN!

Hallelu-Jah - Preiset oh IHN!


(„Orchesterpsalm“ 150)

Und so ertönt in vielen Psalmen ein wahrhaft kosmisches Lied. Die Ganze Schöpfung, alle Elemente und Wesen werden ermuntert, in diesen universalen Lobgesang Gottes einzustimmen:

Weil Gott alles geschaffen hat als Symphonie seiner Schönheit und Liebe, erfüllen „alle seine Werke" den Sinn ihres Daseins, indem sie, jedes in seiner Weise, seiner Sprache und Tonlage, einstimmen in diesen Großen den Himmel und die Erde erfüllenden Lobpreis des Schöpfers. Mystiker aller Religionen wie zum Beispiel Ernesto Cardenal haben dieselbe Erfahrung gemacht wie der Psalmendichter David und in Worte gefasst:

  "Die Elstern und die Chocoyos erzählen uns von Gott, und es ist Gott, der ihnen die Sprache gegeben hat. Alle Tiere, die im Morgengrauen ihre Stimme erheben, singen Gott ...  Die ganze Natur ist voller Stimmen, alles in ihr ist Gesang, Musik und Tönen. Alle Wesen flüstern oder seufzen, gurren, trillern, pfeifen, brüllen, jaulen, ächzen, wimmern, schreien, weinen oder klagen. Der Gesang der Grillen und Zikaden, das Quaken der Frösche, der Pfiff, mit dem sich die gestreiften Eichhörnchen rufen, alle Stimmen der Natur sind Gebet.“

Hallelu-Jah - preiset oh IHN!


Freuen sollen sich die Himmel,

jauchzen soll das Erdreich,

das Meer dröhnen und was es füllt,

das Gefild sich ergötzen und alles was drauf ist,

dann sollen jubeln alle Bäume des Waldes

vor SEINEM Antlitz, da er kommt.


Singt IHM einen neuen Gesang,

denn Wunderbares hat ER getan.

Schmettert IHM zu, alles Erdreich!

Ausbrecht, jubelt, spielt auf!

Spielt IHM auf mit der Leier,

mit der Leier und Saitenspielschall!

Mit Trompeten und Schall der Hörner

schmettert vor dem König, IHM!

Das Meer dröhne und was es füllt,

das Weltland und die darauf siedeln.

In die Hand klatschen sollen die Ströme,

die Berge jubeln miteinander vor IHM.


Preist IHN, Sonne und Mond,

preist ihn, alle lichten Sterne!

Preist ihn, ihr Himmelshimmel,

und ihr Wasser über dem Himmel!

Preisen sollen sie seinen Namen,

denn er gebot und sie waren geschaffen.

Preist IHN von der Erde her,

Seedrachen, Urwirbel ihr alle,

Feuer, Hagel, Schnee und Dampf,

Sturmwind der vollstreckt seine Rede.

Fruchtholz und alle Zedern,

du Wildlebendes und alles Vieh,

Kriechgereg und geflügelter Vogel,

Erdenkönige und alle Nationen -


Hallelu-Jah - preiset oh IHN!


(Aus Psalm 96, 148 und 98 - Übersetzung M. Buber)

3.  Psalmensänger und Harfenspieler - Mystiker der Farben

König David in Chagalls Kirchenfenstern von St. Stephan Mainz (1977 - 85)

  König David und Marc Chagall  waren musische Poeten, die den Lobpreis auf den Gott sangen, der „Alles in Allem" ist (1 Kor 15,28). Beide waren Laut-Maler, die offensichtlich das „Zauberwort“ kannten, das das „Lied“ zu wecken vermag, das da „schläft in allen Dingen und die Welt hebt an zu singen“ (Eichendorff).


  Sprache ist ursprünglich Onomatopoesie, Lautmalerei. Sie entstand durch Nachbildung des Klanges, des Lautes von Dingen und Tätigkeiten. Geräusche, Töne, Klänge werden in der Wortgestalt hörbar („Kuckuck", „knistern", „schluchzen").  Gerade Lyriker - und König David, der die Psalmenlieder textete, vertonte und auf seiner Lyra begleitete, ist nach Orpheus der zweite Große Lyriker - lieben die Stilmittel „Onomatopoesie" und „Synästhesie" („süße Töne", „schreiendes Rot", „Warmes Grün", „Klangfarben", „goldene Töne").

In den Hallel-Psalmen Davids artikuliert sich der ganze Kosmos. Die jüdische Tradition erzählt dazu folgendes: „Als Gott die Seele des David, des künftigen Psalmensängers schuf, da öffnete er die Tore des Gesangs, er nahm das Trillern der Vögel, das Raunen der Wälder, die angenehmen Stimmen des zarten Windes, der sich zwischen den Zweigen und Blättern hören lässt, das Rauschen der Quellen und Bäche, den Gesang derer, die zu Gott flehen, und ihre Danklieder - und machte daraus eine Seele, die er David einhauchte."


  Ähnliches ließe sich auch von Marc Chagall und seiner Malerei sagen: Chagalls Seele war durchklungen von der Musik der Farben.  Manchmal wird in seinen Bildern durch Farbtöne und Komposition das Gezeigte auch akustisch wahrnehmbar. Bilder als sichtbar gewordene Musik. Eine Art dieser synästhetischen Wahrnehmung ist die Visio-Audition, das „Farben- und Formen-Hören“. Der Betrachter sieht nicht nur die Gestalt des David, sondern hört auch sein Harfenspiel und seinen Lobgesang. Farben beginnen zu singen, Kunstwerke von Chagall, besonders seine großflächigen Kirchenfenster entfalten ihr Volumen wie eine Sinfonie von Schubert.

Psalm 151 Lautmalerei


Hallelu-Jah - Preiset Jahwe!

Hallelu-Hu - Preiset oh IHN!

Töne und Laute - preiset oh IHN


Donnern und Bllitzen - preiset oh IHN

Sturm und Hauch - preiset oh IHN

Glitzern des Sirius - preiset oh IHN

Funkeln des Morgensterns - preiset oh IHN

Plätschern der Wasser - preiset oh IHN

Quaken der Frösche - preiset oh IHN

Wispern der Gräser - preiset oh IHN

Summen der Hummeln - preiset oh IHN

Zirpen der Zikaden - preiset oh IHN

Knistern der Feuer - preiset oh IHN

Trillilieren der Lerchen - preiset oh IHN


Kuckuck und Uhu - preiset oh IHN


Schnattern und gackern - preiset oh IHN

Quieken und meckern - preiset oh IHN

Wimmern und ächzen - preiset oh IHN

Glucksen und kichern - preiset oh IHN

Jubilieren und ruhen - preiset oh IHN

Alle Töne und Laute - preiset oh IHN


Zimbeln und Tin-whistle - preiset oh IHN

Pauken und Tuba - preiset oh IHN


Hallelu-JÁH - Jerusalem und New York

preiset oh IHN

OM und HUM - Sannyasin und Yogis

preiset oh IHN

Hare Krishna Rama Rama - Bhakti und Gopis preiset oh IHN

Allahú - Rumi und Derwische

preiset oh IHN

Kyrios und Jesús - Maroniten und Kopten

preiset oh IHN


Aller Atem preise oh IHN

Kirchenfenster in Zürich

Lebensbaum-Fenster in Sarrebourg

Preist den Herrn unsern Gott

Gesang aus Taizé nach Daniel 3

Farbige Glasfenster in Jerusalem, Mainz, Zürich und Chichester

David-Fenster der Kathedrale von Chichester (endgültiger Entwurf)

  Am 6. November 1984 - 5 Monate vor seinem Tod - vollendete Marc Chagall die drei Querhausfenster der St.-Stephans-Kirche in Mainz. Er war 97 Jahre alt.

Blau - die Farbe des Himmels -, die Transzendenz und Transparenz symbolisiert, bildete schon den Grundton der sechs Fenster, die Chagall die Jahre zuvor seit 1977 in St. Stephan gestaltet hatte.

Auf den neuen Licht-Wänden komponiert und dirigiert er nun eine wahre himmlische Farbsymphonie. Der „Himmel über und hinter allen Himmeln", das Blau der Unendlichkeit ist jetzt nicht nur Hintergrund von biblischen Gestalten (Adam und Eva, Noah, Abraham und Sara, Jakob und Rebekka, Mose, David und Batseba, Deborah, Jesus), sondern selbst zum Thema geworden.

Chagall verzichtet auf figürliche Darstellungen; in 18 blauen Farbtönen, von denen 8 in der Glashütte neu entwickelt werden mussten, erschafft Chagall in seinem letzten großen Lebenswerk ein Abbild des Himmels selbst, und der Betrachter gewinnt eine Ahnung von dem unergründbaren und zugleich transparenten göttlichen Geheimnis: Gott, der „Alles in Allem" ist (1 Kor 15,28).

Jeder Mensch ist immer und überall von dieser unendlichen Liebe umfangen; angedeutet ist das durch eine menschliche Gestalt in der unteren linken Ecke des nördlichen Querhausfensters, die gleichsam eingetaucht ist in das Meer der Unendlichkeit. Ihre Umrisse sind nur vage angedeutet, aber Krone und Harfe identifizieren sie eindeutig: es ist der Harfe spielende König David, der auf die vielfarbigen Chorfenster zurückschaut; aufgenommen und geborgen in diesem Meer, in diesem Himmel der unendlichen Liebe mag er wohl die „Großtaten Gottes" seit Beginn der Schöpfung besingen und preisen.

  Alle Fenster hat Marc Chagall mit Lotfarbe signiert: „ChAgAll". Auf dieser himmlischen Lichtwand fehlt seine Unterschrift. Weshalb?

Ich übernehme gerne die Erklärung von Klaus Mayer, der 1974 als Pfarrer in St.Stephan den weltbekannten Künstler mutig anfragte, den eine lebenslange liebevolle Freundschaft mit Chagall (gest. 1985) und dessen Frau Vava (gest. 1993) verband, der in wunderbaren Bildbänden (s. Literaturhinweise) Chagalls Arbeit an den Kirchenfenstern in Mainz begleitete, dessen inspirierende allwöchentliche Meditationen in St. Stephan ich in den 90-er Jahren ein paarmal miterleben durfte.

Für seine Beschreibung und Deutung der Querhausfenster hat Pfr. Mayer die persönliche Form eines Briefes an den verstorbenen Marc Chagall gewählt:

"Sie, mein sehr lieber Herr Chagall, haben David, nicht sich selbst, in dieses Fenster eingebracht, weil Sie sich - wie die vielen Davidbilder in Ihrem Kunstschaffen erkennen lassen - sehr gerne mit ihm identifiziert haben. Wie König David dienten Sie dem Gotteslob: David mit Liedern zur Harfe und Sie mit Pinsel, Farbe und Palette. So haben Sie sich selbst in David ins Bild gesetzt und wohl deshalb auf Ihren Namenszug in diesem Fenster verzichtet. Die Signatur geschieht hier im Bild, in David, gleichsam einem Pseudonym für Sie selbst."  (S. 50)

  Am Tag vor seinem Tod lithographierte Marc Chagall sich selbst als Maler in Engelsgestalt; in seinem letzten Großen Lebenswerk, den Mainzer Kirchenfenstern, deutet er seine Identifizierung mit dem Psalmensänger und Harfenspieler König David an, indem er seine übliche Signatur „ChAgAll“ durch eine Darstellung dieser biblischen Gestalt ersetzt.

Lobpreisend wie David, gleichsam eingetaucht in das himmlische Meer der Unendlichkeit, schaut Chagall zurück auf sein Kunstschaffen, auf die von ihm gemalten Chorfenster, auf die Große Farbsymphonie seines Lebenswerkes, auf seinen Hallel-Psalm, sein „Harfenlied" auf die Liebesgeschichte des EWIGEN mit  dem Menschen und der ganzen Schöpfung:


„Aller Atem preise oh IHN"


(Letzter Vers der Psalmen, übersetzt von Martin Buber)

Literaturhinweise

Marc Chagall / Klaus Mayer: Der Gott der Väter, Bilder und Texte zum Mittelfenster, Echter Verlag Würzburg 1978

Marc Chagall / Klaus Mayer: Ich stelle meinen Bogen in die Wolken, Bilder und Texte zu den flankierenden

    Mittelfenstern, 1979

Marc Chagall / Klaus Mayer: Herr mein Gott wie groß bist Du, Bilder und Texte zu den seitlichen Fenstern, 1981

Marc Chagall / Klaus Mayer: Die Himmel der Himmel fassen Dich nicht, Bilder und Texte zu den Querhausfenstern

    1986

Marc Chagall / Klaus Mayer: Psalmen in Bildern, Echter Verlag Würzburg 1995

Klaus Mayer: Ich habe die Bibel geträumt, Marc Chagall - Maler und Mystiker, Echter Verlag Würzburg 2009

Marc Chagall / Christoph Goldmann: Das Gelb auf Davids Harfe, Verlag Kath. Bibelwerk Stuttgart 2004

4.  Spirituelle Übungen

Auf Gott lauschen


  1. 1.Nimm eine entspannte Haltung ein. Spüre deinen Körper-Empfindungen nach. Nimm deinen Atem bewusst wahr.

  2. 2.Lausche auf die Geräusche, Klänge, Töne in deiner Umgebung ... die nahen ... die fernen ... die lauten ... die leisen ... Denke nicht nach, sondern höre nur ...

  3. 3.Höre die einzelnen Geräusche und Töne als einen Akkord, als eine Sinfonie.

  4. 4.Lass dich in dieses Konzert hineinfallen. Du bist ein Stimme darin.

  5. 5.In jedem Ton, in jedem Klang berührt dich Gott - leicht, angenehm, beruhigend, harmonisch.

  6. 6.Höre auf die Stimme tief in dir, auf das Lied Gottes in dir, auf sein Wort. Lausche auf das Mantra, das erklingt: JESUS, CHRISTUS, OM, FÜLLE, WEITE oder .....

  7. 7.Fühle, wie dieser Klang, dieses Wort dein ganzes Sein durchströmt ....

  8. 8.Spüre, wie dieser Ur-Ton in allen Geräuschen und Äußerungen deiner Umgebung mitsingt und mitklingt .... jedes Ding und jedes Lebewesen - ein Ton in diesem kosmischen Konzert: Kieselsteine, Hortensien, Amseln, Beagles, Autos und Glocken, Kölsch und Kiswaheli, Luft und Wolken ...

  9. 9.In diesem Ur-Klang wird alles eins und harmonisch, klar und schön. Lass dich voll und ganz davon erfüllen.

  10. 10.Beende die Übung, wenn es dir gut erscheint.


nach Anthony de Mello: Mit allen Sinnen meditieren, Übung 8 und 9, Freiburg 1997

Mantra-Gebet mit Psalmen


Die Psalmen sind das Gebetbuch von Juden und Christen. Im jüdischen Tempelgottesdienst und im Chorgebet christlicher Mönche blieben die Psalmen die bedeutendste Form des Gebetes.

Gemeinsames Psalmodieren kann nach wie vor die Erfahrung vermitteln, einen wichtigen Part innerhalb des Kosmischen Lobpreises zu spielen.

Daneben bleiben die Psalmen eine Goldmine für das persönliche Beten.


Übung


Suche einen ruhigen Platz.

Achte wertungsfrei auf die Empfindungen deines Körpers und deinen Atem ...

Werde dir der Gegenwart Gottes bewusst ...

Wähle einen Psalmvers aus:

„Gott Du mein Gott, Dich suche ich. Meine Seele dürstet nach Dir.“ (63,2)

Wiederhole den Satz immer wieder. Lass die Worte durch ihre ständige Wiederholung in dein Gefühl und in deine Gedanken sinken, so dass sie Teil von dir werden ....

Du schmeckst und kostest die Worte, während du sie wiederholst ....

Wahrscheinlich wirst du den Satz automatisch verkürzen auf wenige Worte oder nur ein Wort, z.Bsp. „Du mein Gott“ oder nur „DU“ ....

Verbinde dieses Heilige Wort mit deinem Ein- und Ausatmen ....

Schließe die Verinnerlichung eines Psalmwortes mit einer rituellen Geste (Verneigung, Kreuzzeichen o.a.) ab.


Dieses Psalmwort kann zu einem Mantra werden, das dich den ganzen Tag begleitet.


nach Anthony de Mello: Meditieren mit Leib und Seele, Übung 30 und 31, Kevelaer 1984



Ausgewählte Psalmworte


- Hallelu-Jah

- Preiset oh IHN

  1. -Aller Atem preise oh IHN

  2. -Lobe den Herrn meine Seele

  3. -Lass Dein Antlitz über uns leuchten

  4. -Gott mein Gott bist DU. In Sehnsucht suche ich Dich. Meine Seele dürstet nach Dir (63,2)

  5. -Mein Lied und mein Saitenspiel ist oh ER

  6. -Du zeigst mir den Weg zum Leben

  7. -Er führte mich hinaus ins Weite (18,20)

  8. -Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter aufs Morgenrot (130,6)

  9. -Mit meinem Gott überspringe ich Mauern (18,30)

  10. -ER, mein Gott, durchschimmert meine Finsternis (18,29)

  11. -Ein reines Herz, o Gott

  12. -Mein Gott mein Gott warum hast DU mich verlassen?

  13. -Wie lange noch, Herr, vergisst du mich ganz? Wie lange noch verbirgst du dein Gesicht vor mir? (13,2)

  14. -Aus der Tiefe rufe ich Herr zu DIR (130,1)

  15. -Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Im Haus des Herrn darf ich wohnen alle Tage meines Lebens. (23,1.6)

  16. -Mein Licht und meine Freiheit ist ER, vor wem mich fürchten? (27,2)

  17. -Kostet und seht, wie gut der HERR ist; selig der Mensch, der Ihm vertraut (34,9)

  18. -Bei Dir ist die Quelle des Lebens. In Deinem Licht sehen wir Licht (37,7)

  19. -Singt IHM einen neuen Gesang, singt IHM alles Erdreich (96,1)

  20. -Aller Atem preise oh IHN (150,6)

30.05.2009          

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