Kosmischer Gesang

Ernesto Cardenals "cántico cósmico" (1989)

Erste Leseeindrücke

  Beide, der Befreiungstheologe und der Zen-Meister, sind verbunden in dem Lobpreis Gottes, in dem Hymnus auf seine All-Liebe und im Einstimmen in den vielstimmigen göttlichen Gesang des unendlichen Universums:

"Am Anfang war der Gesang. Den Kosmos schuf er (Gott) singend. Und deshalb singen alle Dinge." (E.Cardenal: Gesänge des Universums S. 24)

"Einzigartig, unverwechselbar, einmalig bin ich diese Note in der Symphonie ´Gott` und bin zugleich die Musik, die zeitlos erklingt." (W.Jäger: Westöstliche Weisheit S. 107)

Ernesto Cardenal ((20.01.1925 - 01.03.2020):

Gesänge des Universums

Cántico Cósmico 1989

Willigis Jäger (07.03.1925 - 20.03.2020):

Westöstliche Weisheit

Visionen einer integralen Spiritualität 2007

  Zwei große spirituelle Lehrer, die auf eine frische individuelle Art die christliche Botschaft verkündeten und lebten, sind im März dieses Jahres 2020 verstorben; überraschender Weise sind beide auch im selben Jahr (1925) vor 95 Jahren geboren: Ernesto Cardenal und Willigis Jäger. Aber nicht nur gemeinsames Geburts- und Sterbejahr eint sie, sondern vor allem eine ähnliche astrophysikalische Sicht auf Universum, Mensch und "Gott" - eine zutiefst gläubig-christliche Sicht, auch wenn beide aufgrund ihrer unkonventionellen modernen Theologie mit Redeverboten belegt oder sogar vom Priesteramt suspendiert wurden.

  Die medialen Nachrufe auf den "Priester, Revolutionär und kosmologischen Sänger" Ernesto Cardenal weckten bei mir Erinnerungen an eindrückliche Leseerfahrungen in den sechziger und siebziger Jahren ("Zerschneide den Stacheldraht", "Das Buch der Liebe", "Das Evangelium von Solentiname"). Mein Interesse an seiner Lebensgeschichte und seiner "Konfession" wurde neu entfacht durch die Nachricht von seinem Tod.  Und ich vertiefte mich in sein mir bis zu diesem Zeitpunkt unbekanntes Poem "Gesänge des Universums" (Cántico cósmico - wörtlich übersetzt: Kosmischer Gesang // Originalversion: https://cpalsocial.org/documentos/898.pdf).

  Als Sohn wohlhabender Eltern 1925 in Granada, Nicaragua, geboren, genoss Ernesto Cardenal ein privilegiertes Leben. Er studierte Philosophie und Literatur in Mexiko und New York - dieses Studium schloss er mit einer Dissertation ab.  Längere Reisen führten ihn nach dem 2. Weltkrieg in die Schweiz, nach Italien und Spanien, und später durch alle Erdteile. Schon während seines Studiums sympathisierte er mit revolutionären Bewegungen. 1954 beteiligte er sich an dem Aufstand gegen den Diktator Somoza und musste aus Nicaragua fliehen. Seine Entscheidung 1957, in den Schweigeorden der Trappisten in Gethsemanie / Kentucky (USA) einzutreten, hat seinen Beweggrund wohl in einer lebenswendenden mystischen Erfahrung (s.u.). Thomas Merton, inzwischen weltbekannter Bestseller-Autor, wurde sein Novizenmeister.

  Nach zwei Jahren Mönchsleben verließ er Gethsemanie und studierte in Mexiko und Kolumbien kath. Theologie. 1965 wurde er in Managua zum Priester geweiht.

  Noch im selben Jahr gründete er auf der Inselgruppe Solentiname im Nicaragua-See eine Gemeinde von Bauern und Fischern, die die urkirchliche Utopie einer "kommunistischen" Gütergemeinschaft verwirklichen wollte (vgl. Apg 2, 44 ff: "Sie hatten alles gemeinsam ... Sie brachen in ihren Häusern das Brot"). Aus sonntäglichen Predigtgesprächen entstand nach den "Lateinamerikanischen Psalmen" sein wohl bekanntestes Buch, das "Evangelium der Bauern von Solentiname". Die Botschaft Jesu vom nahen Reich der Himmel wurde geerdet und im marxistischen Sinne verstanden als Aufruf zu "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit". Die ungerechten Verhältnisse im Land wurden immer kritischer gesehen und etliche junge Leute der christlichen Kommune schlossen sich der sandinistischen Befreiungsfront an. Als das Somoza-Regime am 19. Juli 1979 gestürzt und eine neue Regierung etabliert wurde, wurde Ernesto Cardenal Kulturminister.

  Ein berühmtes Foto von 1983 zeigt, wie Papst Johannes Paul II auf einer Südamerikareise dem vor ihm knieenden Kulturminister mit erhobenem Zeigefinger die Leviten liest wegen dessen  politischer Aktivität, die der Papst für unvereinbar mit dem Priesteramt hielt. Ein Jahr später wurde E.Cardenal von seinen priesterlichen Funktionen suspendiert.

  Enttäuscht auch von der neuen Politik seines ehemaligen Companero Daniel Ortega, nunmehr Staatspräsident, zog sich Cardenal immer mehr in ein mönchisches Leben zurück und arbeitete an seinem "Hauptwerk", wie er selbst es bezeichnete, "Cántico cósmico", das 1989 veröffentlicht wurde.

  Bis zu seinem Tod war er als Buchautor und Befreiungstheologe engagiert unterwegs auf Vortragsreisen in aller Welt, zahlreiche Gedichtbände entstanden. Seine internationale Popularität wuchs, zumal in dem vereinigten Deutschland, wo er schon 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte. Im Februar 2019 hob Papst Franziskus die von seinem Vor-Vorgänger gegen Ernesto Cardenal verhängten Sanktionen auf.

  Ein Jahr später, am 1. März 2020 starb Ernesto Cardenal - Poet,  Prester, Marxist, Mystiker und kosmischer Sänger - im Kreise seiner Freundinnen und Freunde in Solentiname. 

Kurzbiographie Ernesto Cardenals

Gesänge des Universums

(Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1995)

Erste Leseeindrücke

  Mein erster Leseeindruck: Eine Aneinanderreihung von Gedankensplittern, „Patchwork“, ein Cocktail  aus Äußerungen von Koryphäen der Astrophysik, Bibel-Zitaten, Mythen von indigenen Völkern, aus der Philosophie der Vorsokratiker, aus eigenen poetischen Natur-Impressionen,  persönlichem Engagement im nicaraguanischen Befreiungskampf und Tiefenerfahrungen im Leben mit "Gott".

  Erst im Laufe des Lesens gruppiert sich der chaotische Steinhaufen zu einem Mosaik, wird in den zusammengestoppelten Flicken ein gestaltetes Textil erkennbar und dem Betrachter kommt ein grandioses Gesamtpoem vor Augen.

  R136, ein Galaxienhaufen, der die massereichsten Sterne enthält, die jemals entdeckt wurden. Die hellsten Sterne sind mehr als 8.000.000 mal so hell wie unsere Sonne.

  Inzwischen habe ich ein Foto mit Cardenal vor seiner Schreibmaschine gefunden, das seine Arbeitsmethode sichtbar macht: Der außerordentlich Weitgereiste und Belesene unterstrich das Festzuhaltende nicht mit einem Bleistift, sondern notierte es auf Zetteln, die er später wieder hervorholte und collagenartig zu einem neuen Gesang „komponierte“, zusammenfügte.  Poetische, sprachlich flüssige, gefühlsintensive Passagen wechseln ab mit bruchstückhaften Zitaten aus dem Zettelkasten, deren inhaltlichen Zusammenhang der/die Leser/-in oft selbst herstellen muss.

  Der Poet selbst vergleicht seine Dichtkunst mit dem Schöpfungshymnus in 1 Mose 1: „Wie aus einem Chaos von Notizen zu Gottesvorstellungen der Naturvölker, aus meinen Aufzeichnungen auf kleinen Zettelchen, kann dieses Lied entstehen.“ (489)

Vom "Urknall am Anfang" (1. Gesang) bis "Omega" (43. Gesang),

der "Hochzeit des Universums mit ´Gott`"

Strukturähnlichkeiten zwischen Bibel und "Gesänge des Universums"

   Erst allmählich, beim zweiten Lesen des scheinbaren Sammelsuriums in den 43 Gesängen nimmt der Cántico cósmico die Form einer Großen Dichtung an, eines Weltepos`, das - wie die  Bibel - das vielgestaltige Wunderwerk der Schöpfung vom Anfang bis zum Ende der Zeiten in einer sprachlichen Gestalt darstellt. Cardenal hat offensichtlich die Poesie und Struktur der Bibel nachgefühlt und vermutlich auch bewusst imitiert.

   Das "Buch der Bücher" beginnt mit dem Anfang der Schöpfung ("Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde")  und das letzte Buch der Bibel, die Geheime Offenbarung, schließt ab mit der Beschreibung des himmlischen Paradieses am Ende der Zeiten. Die Introduktion in seine "Gesänge des Universums" überschreibt Cardenal mit "Der Urknall" und den finalen 43. Gesang mit "Omega"

(vgl. Offenbarung 1,8: "Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der ist und war und kommt, der Herrscher über Alles").

  Auf den Seiten zwischen Textanfang und -schluss begegnet dem Leser jeweils eine bunte Mixtur unterschiedlichster Sprachformen und Quellen. So sind in die hebräisch/griechische Bibel  von ca. 1200 v.Chr. bis ca. 100 n.Chr. mythologische Texte (Adam und Eva, Kain und Abel, Sintflut, Turmbau zu Babel) aufgenommen worden, Erzählungen von Knechtschaft und Befreiung, historische Daten, Weisheitsliteratur, Psalmengesänge, Liebesgedichte, prophetische Mahn- und Trostreden, Gleichnisse Jesu, frühchristliche Briefe und apokalyptische Visionen vom Ende der Welt. Der "Kosmische Gesang" Ernesto Cardenals - veröffentlicht 1989 - deutet die Weltgeschichte, oder besser: die Entwicklung des Universums im Licht von postmoderner Evolutionstheorie, Astrophysik, Molekularbiologie und von christlich-biblisch-mystischer Erfahrung. Als weitere Instrumente der Deutung werden Modelle der antiken Philosophie, marxistische Theorien und Forschungsergebnisse von modernen Ethnologen herangezogen.

Die erste Seite in der Lutherbibel von 1534

Was war "Am Anfang"

oder besser:

"IM Anfang"?