Mystische Bilder von Marc Chagall (1887-1985)

„La vie“, „Das Leben“ von 1964 bildet einen der Höhepunkte in Marc Chagalls Auseinandersetzung mit seinem jüdischen Gottesglauben und in seiner künstlerischen Darstellung von Transzendenz. Das Miteinander und Ineinander, die Integration von religiösen, transzendenten Bildzeichen (vielfarbig gezackte Sonne, Halbmond als Reduktion des Gottesnamens JHWH auf den Buchstaben Jod), er-innerter kollektiver Geschichte (Judenverfolgungen, Mose am Sinai, Prophet Jeremia) und individuell gelebtem und erlebtem Leben (Malen, Liebe, Musik, Sabbat, Zirkus, Paris ...) machen es zu einem mystischen Gemälde, das Ganzheit und Universalität des Lebens imaginiert.

Die Erschaffung des Menschen (1931-1939)

Marc Chagall: La vie (1964) Ausschnitt

In seinen Radierungen zur Bibel, an denen Chagall 1931-1939 arbeitete und die 1956 veröffentlicht wurden, verwendete er als „Bild-Zeichen“ (Christoph Goldmann s.u.) für den gegenwärtig handelnden und sich offenbarenden Gott den farblosen Lichtkreis, die Farbe Gelb, den Namen Gottes JHWH (Ich bin der „Ich-bin-da“) und die Gestalt eines Engels.

Mose vor dem brennenden Dornbusch (1931-1939)

Mose vor dem brennenden Dornbusch (1954-1966)

Die Erschaffung des Menschen (1956-1958)

In seinen weiteren Arbeiten zu Erzählungen und Liedern der hebräischen Bibel (Message Biblique Chagall: 1954 - 1966) wandeln sich die Bild-Zeichen für Gott. Die Kreisform behält Chagall bei; die Weiße des unzugänglichen Lichtes, das sich als Jahwe geoffenbart hat, füllt sich mit den Prisma-Farben der Schöpfung und/oder mit engelhaften oder menschlichen Zügen; der in den Radierungen abgehoben wirkende weiße Kreis wird in den Handlungsraum von Schöpfung und Geschichte hineingezogen und erscheint als dynamische immanente Energie, die alles Seiende vielfarbig erschafft und sich besonders in Gestalten der jüdischen Geschichte manifestiert.

Lied der Lieder V - Ausschnitte (1957-1966)

Das Hohe Lied der Liebe (1957-1966) - Bild V

http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Hoheslied_der_Liebe_%28Chagall%29.html


   Erstaunlicher Weise ist das „Lied der Lieder Salomos“, obgleich Name und Person Gottes nicht vorkommen, in die jüdische und christliche Bibel aufgenommen worden. Später sind diese Liebeslieder zweier Liebender von Judentum und Christentum ausgelegt worden als poetischer Ausdruck der Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk bzw. zwischen dem Bräutigam Christus und der menschlichen Anima.

   Chagall lässt in seinen Gemälden zum Hohenlied diese Tiefendimension, die Transzendenz aller Liebe durchscheinen und ausdrücklich aufscheinen durch sein Bild-Zeichen des Ewigkeit-Kreises, einen sterngezackten farbigen Doppelkreis, aus dessen innerem weißen Kreis bei intensiverem Hinschauen eine Kopfform und Gesichtszüge hervortreten. Ein menschliches Antlitz Gottes? (Assoziationen an Christus-Ikonen werden geweckt!) Oder eine geheimnisvolle Selbstdarstellung Chagalls? Chagall als Schöpfer der Bilderwelt?

Gesicht im Kreis der Transzendenz

La Vie (Das Leben) 1964

Auswirkungen dieser künstlerisch-spirituellen Auseinandersetzung Chagalls mit der hebräischen Bibel werden sichtbar in anderen nicht-biblischen (mystischen) Bildern, die er  zeitgleich mit seiner Message Biblique (1954-1966) malte.



1.Il concerto 1957


http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Il_concerto_%28Chagall%29.html

2. La vie (Das Leben) 1964

Am rechten Bildrand hat sich der Künstler in diese Bilderwelt einbezogen. Vor seiner Staffelei, die Palette in der Hand, die Augen geschlossen, von einem Engel umarmt, er-innert, verinnerlicht, imaginiert, erschafft er „La vie“,  „Das Leben“, weltlich und göttlich, individuell und universal. Wichtige Stationen seines eigenen Lebens (Hochzeit mit Bella unter dem Brauthimmel; Vorlieben für Zirkus und Musik; die Zeiten in Paris) und seines Volkes (Weitergabe der Dekalog-Tafeln durch Mose; der trauernde Jeremia; Flucht der Juden aus Europa) werden in kleinen Szenerien vergegenwärtigt.

Anmerkungen:

Die  geheimnis- und lebensvolle Bilderwelt Marc Chagalls begann mich stärker zu faszinieren durch Besuche seiner Glasfenster in St. Stephan zu Mainz in den 80-er Jahren und die damit verbundenen  Einführungen durch Pfr. Klaus Mayer.  Ein vertieftes Verständnis gewann ich über Vorträge von Prof. Christoph Goldmann in der Karl-Rahner-Akademie in Köln und seine Arbeit über „Bild-Zeichen bei Marc Chagall“.


Literaturhinweise

  1. -Meyer, Franz: Marc Chagall, life and work, New York 1964

  2. -Haftmann, Werner: Marc Chagall. Gouachen, Zeichnungen, Aquarelle, Köln 1975

- Mayer, Klaus: Ich stelle meinen Bogen in die Wolken, Die Chagall-Fenster zu St.Stephan in Mainz, Echter Verlag Würzburg 1979

- Mayer, Klaus: Wie schön ist deine Liebe, Bilder zum Hohenlied im Nationalmuseum der Biblischen Botschaft Marc Chagall in Nizza, Echter Verlag Würzburg 1984

- Forestier, Sylvie: Marc Chagall, Die großen Gemälde der Biblischen Botschaft, Nizza, Museé National, Message Biblique Marc Chagall, Belser Verlag Stuttgart 1986

- Goldmann, Christoph: Bild-Zeichen bei Marc Chagall, Bd. 1+2, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1995

- Goldmann, Christoph: Das Gelb auf Davids Harfe, Kolorierte Radierungen zur Bibel von Marc Chagall mit meditativen Texten von Christoph Goldmann, Verlag Katholisches Bibelwerk 2004

- Findeisen, Sven: Marc Chagall, Maler des Unsichtbaren, Brunnen Verlag Gießen 2007

- Marc Chagall: Mein Leben, Verlag Hatje Stuttgart 1959

- Vogelsanger de Roche, Irmgard: Die Chagall-Fenster in Zürich, Füssli Verlag Zürich 1971

- Sommer, Rainer: Marc Chagall als Maler der Bibel, Brockhaus Verlag Wuppertal, 1990

- Rotermund, Hans-Martin: Marc Chagall und die Bibel, Verlag Kaufmann Lahr, 1970

- Baal-Teshuva, Jakob: Marc Chagall 1887-1985, Verlag Taschen Köln, 1998

- McNeill, David: Auf den Spuren eines Engels, List-Taschenbuch 60555, Hamburg, 2005

  1. -Riedel, Ingrid: Marc Chagalls Grüner Christus, Tiefenpsychologische Interpretation der Fraumünster-Fenster in Zürich, Verlag Walter Düseldorf, 1985

  2. -Gauss, Ulrike (Hrsg.): Marc Chagall. Die Lithohraphien. Hatje-Verlag 1999

- Buber, Martin: Die Erzählungen der Chassidim, Manesse Verlag Zürich 1949

In dem kreis- und strahlenförmigen Symbol der göttlichen Liebe sind alle Farben der Schöpfung aufgenommen. Der Innenkreis ist gefüllt mit dem Rot und weiblichen Seiten der brennenden Liebe Gottes. Die Farben dieser transzendent-immanenten Sonne enthalten und be-stimmen alle Farbtöne des Lebens. 

So ist ein mystisches Bild entstanden: Das Leben ist in allen individuellen und kollektiven Geschehnissen gefärbt und getönt durch die immer und überall gegenwärtige göttliche Liebe und Energie, die Chagall in vielen Gemälden vergegenwärtigt.


Du selbst muß Sonne sein

Ich selbst muß Sonne sein; ich muß mit meinen Strahlen

das farbenlose Meer der ganzen Gottheit malen

(Cherubinischer Wandermann)

Ein Hör-Bild (Ausschnitt)

Laut-Malerei

Vorstufen zu „La vie“

Mystische Bilder des Alltags

Oktober 2006

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