I.  Hoffnungsbild LABYRINTH

Der Weg führt in die Mitte

    November 2008 - 2016                                                Zur Startseite                                                   

  Wer den Eingang betritt, gerät in ein unübersichtliches Gewirr von Wegen und Gängen. Den Drang in die Mitte behindern immer wieder Umwege, Rückwege, scheinbare Irrwege. Der Eintretende muß den gesamten Raum des Kreises durchwandern, in Rundgängen und Geraden, in Annäherung und Entfernung, bis plötzlich, erhofft, aber unerwartet, der Innenraum, die Mitte erreicht ist.

  Der vermeintliche Irrgarten erweist sich als ein geordnetes System von Gängen, die mit Sicherheit  ins Zentrum führen. Es kommt offensichtlich darauf an, den gesamten Kreisraum, periphere  und zentralere Bereiche, zu durchlaufen, nicht stehenzubleiben, das Weitergehen nicht abzubrechen, um sich Selbst dann mit Sicherheit in der Mitte des gesamten Wegsystems wiederzufinden. Ängste, in Sackgassen zu geraten, sich zu verirren, werden am Ende aufgehoben in der Er-fahrung von Finden und Ankommen.

Labyrinth auf dem Schulhof am Sachsenring Köln (www.berufskolleg-erzb-koeln.de) im Sommer 1993

  Labyrinthfiguren, entgegen heutigem Sprachgebrauch zu unterscheiden von Irrgärten, in denen der Eintretende sich hoffnungslos verlaufen kann, lassen sich nachweisen als prähistorische Felsritzzeichen, auf kretischen Münzen, in römischen Bodenmosaiken etc. Als Umgangsfiguren sind sie noch erhalten in einigen Kathedralen aus dem Mittelalter. In Chartres lädt heute noch ein Fußbodenlabyrinth mit einem Durchmesser von 13 m die Kirchenbesucher zum Abschreiten des ganzen Weges (294 m) ein. In jüngster Zeit wurden Labyrinthformen in den Treppenabsatz zur Krypta im Kölner Dom, in den Fliesenbelag vor der Hauskapelle des Maternushauses und in den Kirchenvorplatz von St. Severin eingearbeitet  und 1993 auf dem Schulhof am Sachsenring  ausgelegt (Gesamtdurchmesser: 680 cm, Durch-messer des inneren Kreises: 180 cm, Breite der Gänge: 41 cm, Länge des Weges: 81 m).

Eintreten in das Labyrinth des Lebens ... alleine und mit anderen unterwegs sein... in vermeintliche Sackgassen geraten... sich vom Wesentlichen entfernen und sich ihm annähern...schließlich  an-kommen, Sinn und Erfüllung erfahren - diese Grundstruktur menschlichen Lebens entdeckten die Schülerinnen und Schüler der FSU 4 nicht nur in individuellen und kollektiven Lebens-geschichten heute, sondern auch in Grimmschen Märchen (Das Wasser des Lebens, Der goldene Vogel u.a.) und biblischen Erzählungen: Das Volk Israel gelangt nach lebenslanger Wüstenwanderung ins „Gelobte Land“; die Weisen aus dem Morgenland  finden unter dem Stern den Weg in das „Haus des Brotes“ (Bethlehem); ein Kaufmann gibt sein Leben für die Suche und den Erwerb der „kostbaren Perle“; verlorene  Söhne und Töchter  finden Annahme und Gemeinschaft  in einem  Zuhause; die Menschheit zieht  ein in die „Neue Stadt Gottes“.

Und so wurden von der Fachschulklasse spielerisch weitere symbolhafte Ausdrucksformen überlegt  und geschaffen: Ins Labyrinth kroch eine Raupe aus dunklen Asphaltsteinen, die sich in der Mitte als Schmetterling entpuppte; In den Innenkreis wurde ein Baum (des Lebens) gestellt. Durch welche  weiteren Dingsymbole ließe sich die Erfahrung im Innenraum ausdrücken? Durch einen reich gedeckten Tisch, ein einladendes Haus, eine Sonne, eine Osterkerze, durch fröhlich miteinander feiernde Menschen...

Das Gebilde auf dem Schulhof, gelegt aus Hunderten von Kiesel-steinen, die die Klasse aus einem Baggerloch bei Widdersdorf herbeigeschafft hatte, wurde mehr und mehr zu einem  visuell und motorisch erlebbaren  Symbol, zu einer Brücke zwischen alltäglicher Erfahrung und Bibel, einem Fensterblick in eine tiefere Lebensdimension. Das Hoffnungssymbol Labyrinth spricht nicht in abstrakter Begrifflichkeit,  sondern ist sinnlich wahrnehmbar, anschaulich und ausprobierbar. Wer sich einläßt in dieses Wegesystem Labyrinth, kann er-fahren: Du darfst darauf vertrauen, daß dein Lebensweg ankommt, daß dein Leben in allem verqueren Durcheinander getragen ist von einer Mitte, daß du dich selbst und Gott findest.

  An einem Morgen kamen Kinder aus der Kindertagesstätte St. Josefshaus zum Sachsenring. In den Tagen vorher hatten sie eigene Erlebnisse erzählt und Geschichten gehört, wie Menschen sich verirren, getrennt werden, in einen Raum der Geborgenheit gelangen. Was narrativ angeklungen war, konnte nun auf dem Gang durchs Labyrinth  leibhaftig  erlebt werden: vorsichtiges Eintreten und Weitergehen, stürmisches Rennen, scheinbares Zurückgehen, Angst, Ungeduld, Hoffnung. Dann schließlich  die Freude des Ankommens im Innenraum. Die Kinder fanden, in einer Schatztruhe versteckt, die „kostbare Perle“, eine große Kristallkugel, die in allen Farben des Regenbogens leuchtete. Oder  sie wurden nach einem weiteren Durchlaufen des 81m langen Weges in der Mitte von der Erzieherin empfangen und umarmt.

    Adolf Frahling










Aus der von mir redigierten Festschrift Hier bin ich zuhaus

75 Jahre Berufsbildende Schulen des Erzbistums Köln Am Sachsenring (1996)

Collage von Sabeth 9 J. und Gereon 7 J.

Theseus besiegt den Minotaurus im Labyrinth (besser: Irrgarten) von Kreta

(Miniatur in einem Codex des 12.Jahrh.)

  1. - Größe und Form bestimmen

    Ich empfehle eine einfache Labyrintform;

    den Innenkreis großzügig bemessen (180 cm Durchmesser)


  1. - Materialien besorgen

    (Kieselsteine, großer Nagel / Schraubenzieher o.ä.,

    4 m - Schnur: Knoten im Abstand der Labyrinthwände)


  1. - Mit Hilfe der Schnur, befestigt an dem Nagel in der   Mitte,

    Innen- und Außenkreis bestimmen und mit Kieselsteinen auslegen, danach die weiteren Gänge  

Bauanleitung eines Labyrinths

Das Leben ist

beständiges Gehen

im Labyrinth

Ankommen

und Aufbrechen

Zur Mitte finden

und sie wieder verlassen


Du fragst:

Was ist nun in der Mitte?


Alles


(Gernot Candolini)


   Das Labyrinth lädt ein,

in aller Verwirrtheit, Unvollkommenheit und Schmerzhaftigkeit des Lebens

die Schönheit des Ganzen zu entdecken.

Es lädt ein,

sich unbeirrt auf den Weg zu machen.

Es lädt ein,

zur Mitte aufzubrechen

und zu Hause anzukommen.

I.    Der Große Weg

(Friedensreich Hundertwasser 1955)


ist ein Mandala, ein Meditationsbild. Solche Bilder der Mitte üben auf den Betrachter eine konzentrierende, einsammelnde Wirkung aus. Sie können helfen, intuitiv Wege in die Mitte zu finden, in das Herz der Welt (Gott) und zugleich in die eigene Wesensmitte.


  „Der Große Weg“: Ein Bild für mein eigenes Leben.

Aus dem Bildrand unten links löst sich langsam und schmal ein grüner Weg. Zaghaft bahnt er sich durch das Blau des Untergrunds und umrundet das Ganze immer kräftiger. Ring legt sich um  Ring - nicht regelmäßig, sondern schief, ruckweise, unberechenbar. Am Ende mündet die Spirale des langen Weges im weiten Blau der Mitte.

Spirituelle Übungen

Anleitungen

zur persönlichen Meditation

(Auszüge aus den Handzetten)

  Das Fastenzeit-Projekt am Bonner Münster verbindet die Motive „Labyrinth“ und „Tod und Auferstehung Christi“.

  In der Mitte des Labyrinths steht das sogenannte „Franziskuskreuz“ aus dem 11.Jahrhundert. 

Christus ist der wahre Theseus, der im innersten Zentrum der Erde und des Menschen die todbringenden Mächte besiegt und Rückkehr ins Leben eröffnet.

(Foto und Gestaltung: Norbert Bach   www.citypastoral-bonn.de/fastenzeit2008)

II.  Christus im Zentrum des göttlichen Geheimnisses und der Schöpfung

(Vision der Hildegard von Bingen um 1147)


  Das lichtvolle Rund aus Silber und Gold, Symbol der Gottheit, ist eingerahmt durch ein farbenprächtiges Rechteck - die Vierzahl und Buntheit symbolisieren die Schöpfung. In der Mitte des Göttlichen Geheimnisses steht eine saphirblaue Menschengestalt: Christus. Seine Hände hält er uns geöffnet hin: Friede sei mit euch. Kommt, seht und kostet.


  Schau ruhig auf das Bild, laß es auf dich wirken, verinnerliche es.

So entsteht das Bild neu in dir: Christus - Herz und Mitte des Alls, das innerste Leben in dir.

Der Gang durchs Labyrinth kann ein Spiegelbild deines Lebens sein.

    Wenn du in der Mitte

    angekommen bist -

                             

   

                                        

  1. - überlege, was du im Zentrum vorzufinden

  hoffst,

  1. - erinnere dich an Mitte-Erfahrungen in deinem   Leben (tiefe Verbundenheit mit einem Menschen, Einklang mit der Natur)

   Wenn du

   durch das Labyrinth gehst -


   achte  darauf:


  1. - wie du gehst (entschlossen, stolpernd, flott, zaghaft...)

  2. - was du fühlst (ich bin neugierig, ungeduldig, voller

   Erwartung...)

  1. -was du denkst (Erinnerungen, Assoziationen...)

Schreibe eine wichtige Erfahrung, die du auf deinem Weg durch das Lebens-Labyrinth oder in der Mitte gemacht hast, auf die Rückseite dieses Zettels, und hefte ihn an die Pinnwand.


(Religionspädagogik an den Berufsbildenden Schulen des Erzbistums Köln Am Sachsenring)

Suche mit dem Finger oder mit Hilfe eines Bleistiftes den Weg in die Mitte.

Du kannst den Lebensweg des Menschen er - fahren. Du gerätst in ein Gewirr von Gängen, die immer neu in Sackgassen zu enden scheinen. Manchmal glaubst du, die Mitte erreicht zu haben --- und gleich darauf sieht es so aus, als ständest du erneut am Anfang, wie eine Raupe oder eine verschlossene Nuß. Es ist ein Gehen und Suchen und Suchen und Gehen über Jahre. Alles kommt darauf an, nicht aufzugeben, nicht zurück zu wollen, sondern trotz aller Irrgänge die Mitte anzustreben.

Denn Mitte heißt hier: Selbstfindung und Begegnung mit Gott, Verwandlung und neues Leben.

  Das Ur-Symbol des Labyrinths ist auch in unserer Kulturgeschichte verknüpft mit dem altgriechischen Mythos von Theseus.

Die Stadt Athen war von Minos, dem König der Insel Kreta, unterworfen worden. Alle neun Jahre kamen Abgesandte, um den auferlegten Tribut zu holen: Sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen sollten es sein, die in das berühmte Labyrinth von Kreta - der wohl ein Irrgarten war - eingeschlossen und dem Minotaurus darin, einem furchterregenden Wesen, halb Mensch halb wilder Stier, vorgeworfen wurden.

  Als dieser Tribut zum dritten Mal verlangt wurde, stand Theseus, der Sohn des Königs, in der Vollversammlung auf und erklärte sich bereit, selbst nach Kreta zu segeln, um den Minotaurus zu bezwingen, andernfalls aber zu sterben.

Christus: der Wahre Theseus - Das Fastentuch im Bonner Münster 2008

  Die Überlegungen zum Ur-Symbol LABYRINTH sind vor allem inspiriert durch Bücher von Hubertus Halbfas (Der Sprung in den Brunnen / Religionsbuch für das 4. Schuljahr). Alles über Labyrinthe ist zu finden in „Hermann Kern: Labyrinthe, München 1982“; Gernot Candolini (www.labyrinthe.at) gibt eine Fülle von praktikablen Erfahrungen weiter.                                               

                                                                                               Erstveröffentlichung:  November 2008                                                                                        

  „Wege in die Mitte finden“ - diese religionspädagogische und spirituelle Suchrichtung ergänze ich inzwischen durch eine andere: „Jederzeit und überall ist die Mitte zu finden“.

  „Der Bau der Welt ist so, als habe sie überall ihr Zentrum und nirgends eine Peripherie, denn Umkreis und Zentrum ist Gott, der überall und nirgends ist.“ (Nikolaus von Kues, 1401-1464)

  Christus, die Mitte des Menschen und des Universums, ist nicht nur das Alpha und das Omega, das A und das Z, sondern auch das A, B, C, D, E, F, G, H, i, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, U, V, W. Er ist nicht nur der Ursprung und das Ziel, sondern auch der WEG.

   Die Wirklichkeit unserer Umwelt und der menschlichen Seele ist vielschichtig. Ihre Höhe, Tiefe und Weite scheinen unermesslich zu sein. Lebensmeister sprechen von einer vierten, fünften ... Dimension und teilen ihre Erfahrung mit: Alles ist im Grunde Nicht-Zwei.

  Einen Weg in das innerste Geheimnis des Lebens ermöglicht ein mehr intuitives, transrationales Gewahren. Alle Religionen verstehen unsere Gesamtwirklichkeit als getragen und durchströmt von göttlicher Essenz. Wenn schon das Alles insgesamt ein sprechendes Zeichen von absoluter Güte und Schönheit ist, so öffnen doch bestimmte zentrale Lebens-Phänomene das Herz und das Auge für tiefere Schichten, für den GRUND (Meister Eckhart), für das Wahre Wesen.

  Licht, Sonne, Kreis, Weg, Haus, Tür, Mahl, Hochzeit ... zählen dazu. Es sind Ursymbole der im Innersten guten Schöpfung und heilende Bilder der Seele. Sie weisen hin auf die immanente Transzendenz, auf die göttliche Essenz in Allem, was existiert. Sie sind Fenster in die Unendlichkeit, sie haben eine aufschließende Kraft, sie öffnen das "Dritte Auge" und bewirken Vertrauen und Hoffnung für die eigene Lebensreise.

Hoffnungsbilder der inneren Reise

Aus dem reichen Schatz der Menschheit kommen hier folgende Symbole ins Bild und zur Sprache:


- Labyrinth

- Himmelsleiter

- Quell-Brunnen

- Höhle

  1. -Innere Wohnungen, Haus

  2. -Baum

- Metamorphose der Raupe in einen Schmetterling

- Verwandlung von Blütennektar in Honig durch die Biene

- Feuerofen

- Diamant, Kristall

- Rad und Spirale

- Weißer Kreis (Enso)

Im Labyrinth des Lebens begegnet man nicht dem Minotaurus.

Im Labyrinth begegnet man sich selbst.

Nachdem viele Ego-Tode gestorben sind, findet man

die Mitte allen Lebens.

Christen nennen sie CHRISTUS.

             Ein religionspädagogisches Projekt in der Fachschule für Sozialpädagogik


  Ein rätselhaftes, kreisförmiges Gebilde ( 6,80m Durchmesser) aus hellen Kieselsteinen, von Schülerinnen und Schülern der FS/U4 auf dem Schulhof ausgelegt, bewegte im Sommer 1993 Phantasie und Füße.

Indianisches Labyrinth

auf dem Schulhof der BerufsbildendenSchulen des Erzbistums Köln Am Sachsenring

im Sommer 19992

Labyrinth im Innenhof des Maternushauses in Köln Herbst 1993

Tag der kath. Fachschulen des Erzbistums Köln

Vorstellung eines rel.-päd. Projekts: Wege in die Mitte finden

Erinnerungs-Zeichen: Bemalte Labyrinth-Steine

Meine Verabschiedung am 22.06.2006 in der Aula des

Erzbischöflichen Berufskollegs Abt. Sachsenring

(S. auch Hoffnungsbild „Spirale“)

  Als Theseus in Kreta gelandet und vor dem König erschienen war, verliebte sich dessen Tochter Ariadne in ihn und schenkte ihm ein Fadenknäuel, dessen Ende er am Eingang des Irrgartens festknüpfen und in den Irrgängen ablaufen lassen sollte, bis er in die Mitte gelangt sei, wo der Minotaurus hauste.

  Und so drang Theseus ein in die Dunkelheit und Wirrnis des Labyrinths, gelangte in den Grabesschlund gedärmhaft verschlungener Wege und kämpfte im dunkelsten Grund der Höhle mit dem Ungeheuer, bis er es besiegte. Der abgespulte rote Faden der Ariadne aber war ihm eine Hilfe, aus der Tiefe des Labyrinths wieder hinauszufinden, um mit neuer Kraft die Heimfahrt anzutreten.


(Hubertus Halbfas: Der Sprung in den Brunnen, Düsseldorf 1985, S. 37 f)

II.  Platons HÖHLENgleichnis

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