Israels Weg durch die Wüste -

archetypische Bilder

für Grunderfahrungen der Wahren Selbstwerdung und

für die Pilgerreise der Menschheit

  Der Exodus des Volkes Israel - Auszug aus den Gefangenschaften in Ägypten, Durchzug durchs Rote Meer, vierzig Jahre Aufenthalt in der Wüste, Einzug ins Gelobte Land - spiegelt die Grundstruktur der Pilgerreise des Neuen Volkes Gottes, der Kirche, und der gesamten Menschheit, wie auch des spirituellen Wegs jedes Menschen.

  Die Erzählungen im Zweiten Buch Mose stellen uns archetypische Bilder vor Augen für Gefährdungen, Fallgruben, Irrwege und für Orientierung, wahrhaftige Selbsterkenntnis und authentische Gottbegegnung. In der hebräischen Bibel wird die Exodus-Geschichte seit dem wohl historischen Datum um 1250 v. Chr. in vielen Varianten erzählt, meditiert und als Spiegel genutzt, um die eigene Lebenssituation zu reflektieren und tiefer zu verstehen. Den Propheten und auch den Betern (der Psalmen) dient sie als Er-Innerung an zwei fundamentale polare Wahrheiten: die Befreiung aus Ägypten durch Jahwe und sein wunderbares Geleit, aber auch an die Neigung des Menschen, die durchtragende Liebe „Gottes" zu vergessen.

Aufbrüche aus versklavenden ungerechten Verhältnissen und „selbstverschuldeten Unmündigkeiten" geschehen meistens erst dann, wenn der Leidensdruck zu stark geworden ist oder das Leben in eine scheinbar ausweglose Sackgasse geraten ist. „Das Volk Israel schrie zum Herrn und JHWH befreite es aus der Knechtschaft Ägyptens." „Als ich am Nullpunkt angekommen war, kam ich zur Besinnung." Ein Aus- und neuer Aufbruch geschieht dann häufig sofort und hastig: „die Hüften gegürtet, Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand." Das Brot bleibt ungesäuert, das Passahlamm wird im Stehen verzehrt.

  Um ans „Andere Ufer" zu kommen, muss der Große Fluss durchquert werden; manches an Besitztümern geht da zu Grunde.

  Das jüdische Passahfest und die christliche Osternachtliturgie erinnern und vergegenwärtigen jedes Jahr diese spannungsreichen Grunderfahrungen des kollektiven und individuellen Lebens: Unterdrückungen und Abhängigkeiten 
  mühsame Prozesse der Befreiung; Unterwegssein 
  Immobilität; Hunger und Durst 
„Sattmacher“; Selbst-Offenbarungen des bildlosen "Gottes" 
  Tanz ums Goldene Kalb; Am-Ende-Sein 
  Auferstehungserlebnisse ...
 

Nach dem Großen Befreiungserlebnis, der wunderbaren Rettung aus den Fluten des Schilfmeers, wartet auf der Jenseite (noch) nicht das Gelobte Land, in dem Milch und Honig fließt, sondern die Wüste.

  Die Wüste - ein ungewohnter und meist unbewohnter Lebensraum, der fast leer ist von vegetativer und animalischer Natur und von jeder Kultur. Das meiste, mit dem wir unser Leben bereichern, umstellen und absichern, fehlt. „Keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld, kein zweites Hemd" (Luk 9,3). Keine festen Häuser, keine Straßen, keine Weinberge oder Weizenfelder. Nur Sand, Steine, brennende Sonne und nachts die endlose Weite eines sternenübersäten Himmels. Hin und wieder ein Dornenbusch, eine Zisterne oder gar eine Oase.

  In der Leere der Wüste und unter dem weiten Sternenzelt des Himmels weitet sich  das Herz und beginnen Sterne im Inneren aufzuleuchten. Einfachheit und Stille wecken häufig den Sinn für das Wesentliche. Für das Volk Israel wird die Ödnis aus Steinen und Sand zum Ort der tiefen unzerstörbaren Erfahrung, absolut geliebt und begleitet zu sein von dem EWIGEN. Mose nannte nach seinem Dornbusch-Erlebnis dieses im Grunde namenlose Geheimnis „JHWH“, „ICH-BIN-DA“.


  Über Jahrhunderte hin haben Israels Propheten den Auszug aus der Knechtschaft Ägyptens und die Wüstenzeit meditiert; ergreifende Worte haben sie ihrem Gott in den Mund gelegt:


So spricht der ICH-BIN-DA:

Ich denke an deine Jugendtreue, an die Liebe deiner Brautzeit,

da du mir nach durch die Wüste gingst ...“ (Jeremija 2,1)


„Einst werde ich sie locken und lasse sie gehen in der Wüste, und da rede ich ihnen zu Herzen. Ich traue mich dir an auf ewig, um den Brautpreis von Gerechtigkeit, Liebe und Treue.“

  Das unbedingte Vertrauen auf den liebend-herausführenden, aber im Grunde bild- und namenlosen JHWH wird schon in der Wüste auf eine harte Probe gestellt, die Israel / Jakob häufig nicht besteht. Hunger und Durst, die ganze Arm-seligkeit des Daseins und zudem die Unanschaulichkeit ihres Gottes will man nicht länger ertragen. Man beginnt zu „murren“, zu nörgeln, zu maulen, zu brummeln, zu m(osern) und zu (kn)urren. Eine grummelnde, mürrische  Unzufriedenheit breitet sich aus.

  „Zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens“ heißt die Parole. Während Mose auf dem Berg Sinai die Tafeln des Gesetzes empfängt („Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen“), tanzt die Gemeinde um den Goldenen Stier, den sie aus ihrem ägyptischen Schmuck hergestellt hat. Israel wird abtrünnig und verfällt dem Götzendienst.

(Kampf der Wüstenväter mit ihren inneren Dämonen - siehe www.adolf.frahling.de/Web-Site/IV._Klares_Herz.html)

Jahwe lässt finden:

Brot aus dem Himmel

und Wasser / Honig aus dem Felsenspalt

„ER ließ Manna auf sie regnen als Speise, ER gab ihnen Brot aus dem Himmel.“ (Psalm 78,24)


„ER säugt ihn (Jakob, das Volk Israel) mit Honig aus Felsenspalten.“ (Deut 32,13)

(Übersetzung: Martin Buber)


„Gedenke all des Wegs, den ER dein Gott in der Wüste dich gehen machte, diese vierzig Jahre, damit er dich beuge, dich zu erproben, zu erkennen, was in deinem Herzen ist.

Er beugte dich, er hungerte dich ab,

und er ließ dich das Manna essen, das du nicht kanntest,

Er wollte dich erkennen lassen:

nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von allem, was der Mund des Herrn spricht.“

(5 Mose / Deuteronomium 8, 2.3)

Manna für (nur) einen Tag

Marc Chagall: Durchzug durch das Schilfmeer: in Gestalt eines Engels geht „Gott“ voran

Marc Chagall: Erschaffung des Menschen

Der Mensch - seit Uranfang getragen von Gott

Marc Chagall: Mose vor dem brennenden Dornbusch

„Gott“ offenbart sich Selbst: Jahwe - ICH-BIN-DA,

der sein Volk aus Gefangenschaften befreit und es hütet wie seinen Augapfel

  Eindringlicher und vielleicht wirksamer als diese abstrakten Überlegungen sind - so denke ich - die anschaulichen Warnungen der alttestamentlichen Propheten. Wenn das Volk Israel in das Gelobte Land gekommen sei, solle es sich hüten, seinen Gott zu vergessen, seinen Reichtum auf eigene Leistungen zurückzuführen und im neuen Wohlstand körperlich und seelisch zu „erfeisten, zu ermasten und zu erwansten“ (Martin Buber).

  Juden wie Christen sollten mutiger werden, über und zu Gott in solchen gefühlsintensiven Bildern zu sprechen:

Der Eine Ewige „Gott“:

- ein Adler, der jeden Menschen auf seinen Flügeln trägt ...

  1. -ist für Israel und für das Neue Volk Gottes, die Kirche, und für die ganze Menschheit wie frischer morgendlicher Tau ...

  2. -eine Mutter, die sich ihren Kindern zuneigt und „sie säugt mit Honig aus Felsenspalten“ (Dt 32,13)

- ein Vater, der seinen Sohn durch alle Lebensschwierigkeiten hindurchträgt ...

- ein verliebter Bräutigam, der um seine Braut wirbt und ihr zu Herzen spricht ...

„Zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens“

murren - nörgeln - maulen - motzen

„Gott“ vergessen

Nachspielen in einer Kindertagesstätte: Manna in der Wüste

„Wie der morgendliche Tau werde ich - JHWH -  für Israel sein."

(Hosea 2, 6)

  Die hebräische Bibel, wesentlicher Bestandteil der Heiligen Schrift der Christen, stellt uns einen Gott vor Augen, der nicht nur echtes Klagen und Schreien hört und darauf eingeht, sondern sogar auf unerwachsenes Geknatsche von Menschen liebevoll reagiert. SEINE grundlose Liebe kennt keine Bedingungen oder Unterbrechungen. Allerdings - so erzählen das zweite Buch Mose und viele Psalmen - erzieht Gott sein Volk wie ein weiser konsequenter  Pädagoge. Oder besser: Wie in einer lebendigen Liebesbeziehung lernen beide Partner über die Erfahrung von Frust, Vergebung und kreativen Neuanfängen.

  Jahwe gibt die nörgelnden Israeliten, die sich in die Unfreiheit mit dem gewohnten Ersatz-Glück durch „Brot und Spiele“ zurücksehnen, nicht auf, sondern er stillt ihren wahren Hunger mit Manna, dem Brot aus dem Himmel, und stillt ihren wahren Durst mit Wasser bzw. Honig aus Felsenspalten.

  „Brot - nur für den Tagesbedarf?“

Der Sozialpsychologe Erich Fromm hat in seiner Analyse „Haben oder Sein“ von 1976 die gesellschaftskritische Relevanz der alttestamentlichen Manna-Erzählung aufgezeigt. Er weist auf die Einschränkungen des „Brot-Wunders“ in 2 Mose 16 hin, die er als Prinzipien einer Gesundung unserer Gesellschaft versteht:


1. Jeder sammelt nur soviel, wie er zum Essen braucht,

2. Keiner hortet über den Tag hinaus.

Die stille, leere Wüste der Gottheit

  Auch Jesus aus Nazareth warnte vor Habgier und Horten von Reichtümern:

„Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motten und Würmer sie zerstören, und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sammelt euch Schätze im Himmel. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz."

(Mt 6, 19f)

  Manna - Weg-Zehrung auf der Pilgerreise, Pro-via-nt „für den Weg“ in ein erfülltes Leben --- aber nur für einen Tag!

  Die christlichen Kirchen, das „Neue Volk Gottes“, haben die (jüdischen) Erzählungen von der langen Wüstenwanderung des Volkes Israel  in den Kanon ihrer Heiligen Schriften als „Wort Gottes“ übernommen und erklären in Sonntagspredigten die Exoduserfahrungen Israels als Modell und Vorbild ihrer eigenen Existenz. Aber gerade in den deutschen Großkirchen ist die Diskrepanz zwischen offiziellem Selbstverständnis als einer Gemeinschaft, die „pilgert“, die befreit mit leichtem Gepäck unterwegs ist, und ihrem realem Erscheinungsbild offensichtlich.  Die kath. und evangelische Kirche in Deutschland und die Mehrzahl ihrer Mitglieder sind seßhaft geworden und haben sich in der „Welt“ eingerichtet. Sie sind schwerfällig geworden unter dem Ballast ihres angehäuften Reichtums, unbeweglich unter der Last ihrer Immobilien, geistig unfrei durch zementierte Traditionen und Ausdrucksformen.

  Und soeben liest meine Frau mir einige Passagen aus dem heute - 27.11.2013 - veröffentlichten Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus vor, der die westliche „Tyrannei des Marktes“ und „Wegwerfkultur“, die „Ökonomisierung aller Lebensbereiche“, die „Ausschließung derer aus der Gesellschaft, die nicht genug leisten“ und die „Vergötzung des Geldes“ heftig kritisiert. Ebenso schonungslos legt er aber auch das Besitz- und Sicherheits-Denken der kath. Kirche und ihrer (hauptamtlichen) Mitglieder offen. Er prangert egoistische Trägheit, mangelnde Spiritualität, Entpersönlichung der Seelsorge an und eine „Grabespsychologie, die die Christen allmählich in Mumien für das Museum verwandelt“, und fordert eine Kirche, die aufbricht aus erstarrten Schablonen, die sich an die Seite der Armen stellt, die sich stets reformiert,  die auf allen Ebenen neue Wege und kreative Methoden der Evangelisierung entwickelt.

Jugendtreffen in Taizé:

eine Woche provisorisch, einfach und beziehungsreich leben

„JHWH führte Israel / Jakob auf die Berge des Landes,

er nährt ihn mit den Früchten des Feldes.

Er säugt ihn mit Honig aus Felsenspalten,

aus Steinkieseln mit Öl.

Mit Butter von Kühen, Milch von Schafen und Ziegen,

mit Fett von Lämmern und Widdern,

dazu Feinmehl aus Weizen und Blut aus Trauben.

Und ölfeist wurde Jakob

- du erfeistest, ermastest, erwanstest -

er verstieß den Gott, der ihn formte

und schmähte den Fels seiner Freiheit.“

(Deuteronomium 32, 9-15 - übersetzt von

Martin Buber)

„Du wirst essen und ersatten.

Aber wahre dich!

Du könntest deinen Gott vergessen.

Wenn du dort isst und satt wirst,

und gute Häuser baust und besitzest,

wenn deine Schafe, Rinder und Ziegen sich vermehren

und Silber und Gold bei dir sich häuft

und dein gesamter Besitz sich vermehrt,

dann nimm dich in acht,

daß dein Herz nicht hochmütig wird

und du den Herrn, deinen Gott nicht vergißt,

der dich herausführte aus Ägypten, dem Sklavenhaus,

der dich gehen ließ durch die große und furchtbare Wüste,

der für dich Wasser aus dem Felsen hervorsprudeln ließ,

der dich in der Wüste mit dem Manna speiste,

das deine Väter nicht kannten.

Dann nimm dich in acht und denk nicht bei dir:

Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben."

(Deut. 8, 7-17)

Ergreifend sind auch die Klagen, die der Prophet Jeremia JHWH in den Mund legt:


„So spricht der HERR:

Ich denke an deine Jugendtreue, an die Liebe deiner Brautzeit,

da du mir nach durch die Wüste gingst ...

Was haben eure Väter an mir Falsches befunden,

daß sie hinweg von mir sich entfernten

und gingen dem Tande nach

und wurden zu Tand?! ...

Ins Obstgartenland ließ ich euch kommen ...

Kaum seid ihr dort gewesen,

wurdet ihr mir abtrünnig ...

Zwiefach Böses getan hat mein Volk:

Mich hat es verlassen, den Quell des lebendigen Wassers,

um sich Zisternen zu graben,

Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten."

(Jeremia 2,1-13)

  Fasziniert von der leeren, stillen Weite der Wüste und gerufen von der inneren STIMME, sind jüdische Propheten wie Elija, Jeremija u.a., Jesus aus Nazareth, Paulus, Buddha, buddhistische, hinduistische, christliche und islamische Eremiten in die Einöde gezogen, um „Gott“ zu begegnen.

  Die äußerliche Vereinfachung der Lebensumstände sollte ein inneres Leerwerden und Sammeln auf das Wesentliche unterstützen und empfänglicher machen für die Erfahrung der „leeren stillen Gottheit“ (Meister Eckhart).

  Wer sich entschlossen auf die Innere Reise begibt, wird einem Abbau oder sogar Untergang seiner bisherigen Selbst- und Gottvorstellungen nicht entkommen. Irgendwann gelangt er an einen Punkt, wo er sich wie ein Ungläubiger oder Atheist vorkommt. Es geht ihm auf, dass der „Gott“, an den er glaubte, nur ein Bild, ein Konstrukt seines Glaubens war. Er spürt oder weiß sogar evident, dass das, was er für Gott hielt, mit der erfahrenen Wirklichkeit nichts zu tun hat.

  Was ihm mentalen Halt geboten hat, fällt von ihm ab und in sich zusammen. Überall Leere - gegenstandslos und farblos, absolute Stille - wortlos und tonlos. Dieses Mysterium kann tödlich erschrecken oder/und überwältigend faszinieren. Wenn er es wagt, „unerschrocken zu Grunde zu gehen“ und sich der Leere zu überlassen, erfährt er paradoxer Weise „Sat-chit-ananda“: unzerstörbares Sein - klares Bewusstsein - Fülle des Glücks. Er erfährt sich Selbst inEins mit dieser weiten Wüste, mit dem unergründlichen GRUND der Seele und des Seins, mit dem omnipräsenten Geheimnis ohne Formen und Namen, das zugleich ungetrennt ist von jedem Einzelnen, ungetrennt von allem, was konkret existiert.

  Bei aller anziehenden Schönheit wirkt eine extreme Sand- oder Steinwüste zugleich abschreckend. Das Auge findet keinen Punkt, an dem es sich festmachen kann, das Ohr keinen Ton, der es füllt. Wenn die optischen und akustischen Reize wegfallen, richten sich Augen und Ohren nach innen, aber dort vernimmt der wenig Erfahrene nur das Gedröhn der ungewohnten Stille und das Chaos der purzelnden Gedanken und Gefühle.

  Absolute Stille und Leere können wir nur schwer aushalten - uns überkommt da schnell der „horror vacui“, eine bedrängende Angst vor der Leere. Die meisten kennen das: leere Kellerräume sind bald angefüllt mit ungenutzten Möbeln, antiquierten technischen Geräten, nicht vererbbaren Erinnerungsstücken .... leere Zeiträume werden kurzweiliger durch Betriebsamkeit und Events .... leere Sinnräume werden zugestellt durch Lebenshilfen aus dem Goldenen Blatt, durch rationalistische Selbstbetrügereien, dogmatische Fixierungen oder werden sogar völlig aus- und abgeschlossen.

(ausführlich in dem Abschnitt „Vom gedachten Gott zur essentiellen Wirklichkeit“ www.adolf.frahling.de/Web-Site/VII._Ohne_Warum.html  und www.adolf.frahling.de/Web-Site/Elija.html)

Der „horror vacui“, die Angst vor der Leere des absoluten GRUNDes

und das Ausweichen in Ersatz - Gründe

„Wer siegt, dem gebe ICH von dem „VERBORGENEN MANNA“ 

(Offg 2, 17)

„Brot aus dem Himmel“ - „SÜß WIE HONIG“

Jahwe führt in die Wüste, damit wir - leer, bloß und ledig aller Sicherungen und Rettungssysteme und jeder Art von Schein-Gründen - uns auf den wahren abgründigen, namen- und bildlosen GRUND verlassen, auf die stille, leere Gottheit und darin Quellen mit lebendigem Wasser, Honig aus dem Felsenspalt, verborgenes Manna, Brot aus dem Himmel, Worte ewigen Lebens, Leben in Fülle finden.

  Von diesem menschlichen Drang, das gefürchtete, vermeintliche Nichts anschaulich und beherrschbar zu machen, bleibt auch der innerste Wesens-Raum, der Seins- und Seelen-GRUND (das, was Christen „Gott“ nennen) nicht unbehelligt. Was in Sternstunden der Selbst-Offenbarung „Gottes“ evident wurde - SEINE/IHRE unbegreifbare Leere, weglose Fremde, attributlose Ledigkeit und Nackheit - wird bald verdrängt und vergessen. Was Mystikern und Lehrern einer theologia negativa als grundloser GRUND allen Gott-Sprechens aufleuchtete, wurde im Laufe der Kirchengeschichte wieder rasch zugestellt durch eine breit aufgefächerte Gotteslehre. Die GRUNDlegenden Selbst-Enthüllungen der stillen Gottheit am Dornbusch in der Wüste (JHWH / ICH-BIN-DA - ein Nicht-Name, den man nicht aussprechen durfte) und auf dem Berge Sinai („Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst dir kein Bildnis von ´Gott` machen und keine Darstellung“) wurden durch den „Tanz ums Goldene Kalb“ bald konterkariert. Unsern Schmuck aus Ägypten schmelzen wir um in einen Goldenen Stier, einen Wachstums-Götzen, um den herum wir unsere Tänze der Verblendung inszenieren. Ein unverfügbarer bildloser Gott ist unbequem, er stört unsere Eigen-Regie. Wie die Israelten tragen wir unser persönliches „Ägypten", die innere Abhängigkeit  von unseren selbstgemachten „Göttern" mit uns bis zum Ende des Weges. Manche haben vermutlich auch nach der Großen Befreiung am „Roten Meer" auf dem notvollen Flüchtlingstreck durch die Wüste noch ein paar ägyptische Götterfigürchen „für alle  Fälle“ in ihren Habseligkeiten versteckt.

  Hans Torwesten ( „Der Mut auf den Grund zu gehen. Von der Unerschrockenheit der Mystik. Verlag vianova. München 2007) hat unseren Trend, vor dem GRUND in Ersatzgründe zu fliehen, aufgedeckt:

  „Das Leben bietet uns so viele Ablenkungen, Zerstreuungen und Ersatz-Gründe an, ... dass wir in der Illusion leben, auch ganz gut ohne einen mystischen GRUND auskommen zu können... Was hat der GRUND zu bieten? Nichts. Er hat keinen Namen und keine Gestalt, er scheint auch kein Interesse daran zu haben, für sich Reklame zu machen. Er steht in keinem Parteiprogramm. Er ist ganz einfach... Er hat nur einen großen Vorteil: Er verändert sich nicht."

  „Gerade das moderne Leben kennt seine Surrogate und Ersatzgründe!" , die aber vergänglich sind, nur kurzfristig Halt und Vergnügen bieten, auf die aber im Grunde kein Verlass ist, „weshalb wir sie erstmal ´verlassen` müssen, um den Grund überhaupt zu finden.

  Doch wenn wir den Grund gefunden haben, wenn wir wirklich ´zu Grunde` gegangen sind, dann brauchen wir all die relativen Ersatz-Gründe nicht zu verteufeln, wir können sie sogar zum Teil genießen. Nur: wir klammern uns nicht mehr an sie, wir definieren uns nicht über sie ...

  Der GRUND mag eine Wüste und Einöde sein, aber aus dieser Wüste erblüht das Wunder des Lebens, aus dem scheinbaren Nichts wird die Fülle erfahrbar, aus dem völligen Sich-Fallen-Lassen in den GRUND quillt die Freude des Seins - grund-los.“   (S. 31 f)

Gudrun Brüne: Tanz um das Goldene Kalb Foto: Werner Grossmann

M.Chagall: Mose empfängt auf dem Sinai die Tafeln des Bundes

II.: Mache dir kein Bildnis von Gott

Marc.Chagall: Tanz ums Goldene Kalb (1966)

  Die stille leere Gottheit enthüllt sich in wunderbaren Zeichen als nährende, „säugende“ Gottheit: JHWH  lässt Brot aus dem Himmel regnen (und die Israelten fragten: „Man-hu?“, „Was ist das?“) und Wasser und Honig aus dem Felsen fließen („ER säugt Israel mit Honig aus Felsenspalten“ - Deut 32, 13). Brot und Wasser, die GRUND-Lebensmittel des Menschen, werden schon von jüdischen Psamenbetern und dann von christlichen Gottsuchern in einem weiten vergeistigten Sinn verstanden. Im Johannes-Evangelium wird Jesus aus Nazareth als der ICH-BIN-DA par excellence vorgestellt. Johannes lässt ihn sagen: „ICH BIN das Brot des Lebens“ und „Das Wasser, das ich ihm gebe, wird in ihm zur Quelle des Wassers, das sprudelt zu unendlichem Leben“ (Joh 6, 48; 4, 14). Im abschließenden Buch der Bibel, der Geheimen Offenbarung (Apokalypse - „Enthüllung“) spricht der erhöhte HERR: „Wer siegt, dem gebe ich von dem verborgenen Manna“ (Offg 2, 17) und „Da! Ich stehe vor der Tür und klopfe: Wer auf meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem trete ich ein, und mit ihm halte ich Mahl - und er mit mir" (Offg 3, 20).

  Paulus, erleuchtet durch die Selbstoffenbarung Christi und SEIN Pneuma vor den Toren von Damaskus, las die Heiligen Schriften seiner Vorfahren im typologischen Sinn oder zutreffender: im pneumatischen Sinn. Wüste, Wolke, Meer, Manna, Wasser, Felsen verstand er als typische Vor-Bilder, als „pneumatische“, geisterfüllte Manifestationen Christi:

„Unsere Väter waren alle unter der Wolke und alle zogen durch das Meer hindurch. Alle aßen dieselbe Geist-Speise (pneumatische Speise - griech.: pneumatikon) und alle tranken denselben Geist-Trank  - sie tranken ja aus einem mitwandernden Geist-Felsen: der Fels aber war Christus"

(1 Kor 10, 1.3.4).

Paulus schaut eine tiefere, pneumatische Dimension der Wüstenwanderung seines Volkes: Christus ist das Wahre Manna, das wahre Wasser des Lebens. ER ist der Wahre Felsen, der mitwandert durch die Wüste und „die Seinen mit Honig säugt“.

„ER säugt ihn (Jakob, das Volk Israel) mit Honig aus Felsenspalten.“

(Deut 32,13-Übersetzung durch Martin Buber; die Einheitsübersetzung ersetzt „Honig“ durch „Wein“)

„Israel nannte das Brot Manna. Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honig süß.“  

(2 Mose 16, 31)


  Heutzutage wagen wir es kaum mehr, mit dem Wort „Süßigkeit“ eine beglückende spirituelle Erfahrung zu beschreiben. In den 60-er Jahren wurde in Sakramentsandachten vor der Monstranz mit der geweihten Hostie stets das dialogische Gebet von Priester und Gemeinde gesprochen: „Brot vom Himmel hast du uns gegeben“ - Alle: „Das alle Süßigkeit in sich enthält.“


  In der herben realitätsnahen Mystik der Zisterziensermönche des 12. Jahrhunderts  waren  „Süßigkeit“ und „Honig“ durchaus angemessene Worte für ihre GRUND-Erfahrung der beglückenden köstlichen Nähe Jesu.

  In Jesus Christus scheint sie auf, in SEINEN Worten und Zeichenhandlungen (Wunderbare Brotvermehrung, Verwandlung von Wasser in Wein auf der Hochzeit zu Kana): die Herrlichkeit Gottes, die kawod Jahwes, die Fülle des GRUNDes. Jedem, der zu IHM kommt, schenkt ER von dem verborgenen Manna: Weg-Zehrung, Weisheit, tiefe Freude, innerstes Eins-Sein, unendliches Leben.

  Diese überfließende Fülle der stillen leeren Gottheit tut sich nur dann auf, wenn der Blick die oberflächlich-materielle Ebene durchschaut und sich auf der anderen Seite des Schleiers (Maya !) hinter dem verhüllenden Vorhang die pneumatisch-verborgene Ebene (die Wirklichkeit der Wirklichkeiten) enthüllt.


Der Evangelist Johannes beschreibt in Kap 6 zwei unterschiedliche Reaktionen auf die Brotrede Jesu: Die einen sind im Herzen erleuchtet und erkennen: Jesus ist der Christus, der „ICH BIN“ -  „das lebendige Brot für das Leben des Kosmos" (6,51), die anderen, die murren, durchschauen nicht den oberflächlichen, vordergründigen Schein und sagen: „Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen?!" (6,41.42 - vgl Mk 6,3 !).

Sieger Köder: Emmaus

„Jesus Christ bread of life, those who come to you will not hunger,

Jesus Christ risen Lord, those who trust in you will not thurst“ (Taizé)

  Marc Chagall kannte die Bibel in- und auswendig. Ihre Weg-Weisungen waren ihm kostbar und köstlich. Weil er es selbst erfahren hatte, konnte er die Worte des Propheten Ezechiel (3, 3) und des Psalmenbeters (19, 11) auf sich Selbst beziehen:

„ER sagte zu mir: Fülle dein Inneres mit dieser Buchrolle, die ich dir gebe. Ich aß sie, und sie wurde in meinem Munde wie Honig süß" und „SEINE Weisungen sind köstlicher als Gold, sie sind süßer als Honig."

Ein honigfließender Gott

„ER säugt das Volk mit Wasser und Honig aus Felsenspalten“

Verborgenes Manna in der Wüste -

Charles de Foucauld

Eucharistie - Abendmahl:

Manna auf der Pilgerreise - Reduktion auf eine Hostie

Sieger Köder: Verklärung

Blind oder das Dritte Auge geöffnet

für das Wahre Wesen?

  Auch die biblischen Erzählungen von der Wüstenzeit - 40 Jahre lang - hat sich Chagall ganz zu eigen gemacht. Er hat sie „gekaut“, innerlich verarbeitet und so ist schließlich ein persönliches Inbild entstanden:


  1. -Das Gezänke und Gemurre des Volkes hat sich gewandelt in Solidarität und staunendes Ergriffensein. Die Menschen stehen eng zusammen, sind einander zugewandt, von egoistischem Kampf um das überlebenswichtige Wasser ist nichts zu spüren. Mit „leeren Krügen“ sind sie gekommen - mystische Voraussetzung, um mit der Fülle des überfließenden Gottes gefüllt zu werden. Viele haben eine Hand auf ihr Herz gelegt, andere tanzen, die Arme zum Himmel gestreckt. Ihre Gestik und Mimik drückt Ergriffenheit und Enthusiasmus (griech. en theos - in Gott) aus.


  1. -Mose wird nicht als Wundertäter, der Wasser aus dem Felsen schlägt, gezeigt, sondern als  mystischer Visionär. Erfüllt von Gottesbewusstsein („die Haut seines Antlitzes strahlte, weil er mit IHM geredet hatte“ - 2 Mose 34, 29), weist er mit dem Gottesstab hin auf den alles transzendierenden Lichtglanz Gottes, dem das Wasser des Lebens entspringt.


  1. -Der Schlusssatz 2 Mose 17,7 - die immer aktuelle Frage der Israeliten: „Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“ („Ist ER drinnen bei uns oder nicht?“ - M.Buber) hat Chagall vermutlich bewogen, in die Mitte des Volkes diesen goldgelben Strom zu malen, ein Symbol für die unaussprechliche Herrlichkeit von JHWH, von ICH-BIN-DA, ein Bild für die Schechina, die Einwohnung Gottes inmitten des Volkes. - Auffällig ist, dass nur ein einziger Mensch aus dieser göttlichen Quelle schöpft, mit einem transparenten Glaskrug. Es ist Marc Chagall selbst, zu erkennen an dem typischen Gesichtsprofil und der Gestalt eines gehörnten Tieres über ihm, das auf vielen Bildern als chiffrierte Selbstdarstellung Chagalls auftritt.


Diese Deutung ergänze ich durch eine eigene Lesart. Als Schlüssel nehme ich Deut 32,13 in der Übersetzung von Martin Buber: „ER säugt ihn (Jakob, das Volk Israel) mit Honig aus Felsenspalten“. Die auffällige Darstellung von Kleinkindern auf den Armen ihrer Mütter und die honig-gelbe Farbgebung des Kawod-Stromes inmitten des Volkes begründen eine solche Interpretation. (Auch die Etymologie von „Honig“ ist aufschlussreich. Das mhd. Wort „honec“ und das ahd. „hona-n-g“ bedeuten „der Goldgelbe“)

  Das von mir lange übersehene Gemälde von Marc Chagall „Mose schlägt Wasser aus dem Felsen“ (Message biblique in Nizza) erzählt eine faszinierende mystische Version der Wüstengeschichte.

  Wir kennen die biblischen Erzählungen (2 Mose 16 und 2 Mos 17, 1-7; 4 Mose 20, 1-11): auf seinem Weg durch die Wüste dürstet und hungert das Volk Israel. Es beginnt zu murren und zu zanken. JHWH, der ICH-BIN-DA erbarmt sich des Volkes: er lässt Manna aus dem Himmel regnen, durch sein Medium „Mose“ Wasser aus dem Felsen fließen und „ER säugt das Volk mit Honig aus Felsenspalten“, wie Martin Buber 5 Mose 32, 12 übersetzt.

  Christliche Wüstenväter im 4. Jahrh., Forscher und Wissenschaftler der Neuzeit, Abenteuerreisende heute - sie ließen sich verlocken von den Schönheiten und Schrecken der Wüsten.

  In der Moderne wird ein Eremit besonders verehrt und nachgeahmt, der 16 Jahre in der algerischen Wüste zubrachte: Charles de Foucauld (1858 - 1916).

  Was bewegte ihn, den Trappistenmönch und Priester, sich in die Ödnis der Sahara zurückzuziehen und dort ein Leben zu führen: kärglich, mühsam, kontemplativ und zugleich sehr kommunikativ?

Ihn lockte

- das verborgene, niedrige und arme Leben des Handwerkers Jesus in Nazareth nachzuahmen

- das Angesicht Gottes zu suchen in der stillen eucharistischen Anbetung und mitten unter den

    Menschen; das Evangelium zu verinnerlichen und zu verwirklichen

- eine gastfreundliche, geschwisterliche und umfassende Liebe, die teilnimmt am Leben der

    Armen und jeden teilhaben lässt


(Zur Spiritualität der „Kleinen Schwestern Jesu“ und anderer Charles de Foucauld-Gemeinschaften, die in den „Wüsten“ der Großstädte leben: siehe www.charlesdefoucauld.de )

Von ihnen wird auch die spirituelle Übung der täglichen Päsenz vor dem „Allerheiligsten“ und eines monatlichen „Wüstentags“ praktiziert, der auch Fortgeschrittenen zu empfehlen ist - aber eher alle drei Monate.

Die Ensiedelei auf dem 2700 m hohen Plateauberg Assekrem, 70 km von Tamanrasset entfernt, bewohnte Charles de Foucauld sporadisch iin seinen letzten Lebensjahren. Außer dem Stundengebet, der eucharistischen Anbetung und der Bibellesung widmete er sich seinen Besuchern (Tuaregs, französische Soldaten etc.) und der Erstellung eines Tuareg-Französ. Wörterbuchs.

Spirituelle Übung: Eine tägliche Zeit der Stille (10-60 Min.) in der „Wüste“

  Eucharistiefeier und Abendmahl wurzeln in den Exodus-Erfahrungen des Volkes Israel. Das Paschamahl, die äußere und innere Befreiung aus jeder Form von Versklavung durch “Ägypten“, die Erfahrungen des ICH-BIN-DA auf der Wüstenwanderung sind bleibende Vor-Bilder des Neuen Volkes Gottes, der Kirche, und ihrer Ausdrucksformen.

  In der Nachfolge Jesu hat auch die kirchliche Tradition wesentliche Vorstellungen und Symbolhandlungen der jüdischen Exodus-Überlieferung übernommen, weiterentwickelt, teilweise aber auch nicht beachtet,

  Einige der auf dieser Seite entwickelten Aspekte könnten im kirchlichen Selbstverständnis und in der kirchlichen Praxis größeren Raum einnehmen: eine theologia negativa („Gott“ als unfassbares Mysterium), eine dynamischere Ekklesiologie (Kirche als wanderndes Gottesvolk, als Provisorium) und eine Reform des kirchlichen Lebenstils (Einfachheit, Beweglichkeit, Vertrauen auf „solo Dios basta“).

Innerhalb eines Paschamahles hat Jesus über das Brot und den Becher mit Wein die Worte gesprochen: „Das ist mein Leib“ und „Das ist der Kelch des Neuen Bundes, mein Blut.“

  Die göttliche Gabe des Manna auf der Wüstenwanderung sieht Johannes, der Verfasser eines mystischen Evangeliums, in Jesus, dem Christus, erfüllt. „ICH BIN das Brot des Lebens“ - lässt er den verehrten Rabbi aus Nazareth sagen. Welch ein Anspruch! In ihm ist der ICH-BIN-DA, das unfassbare und im Grunde unaussprechliche Mysterium leiblich präsent. Und ER schenkt sich Selbst als Brot, Licht, Wahrheit, Auferstehung, Morgenstern, verborgenes Manna, süßen Honig und Wein denen, die den Weg der Erlösung nachvollziehen.

gelingt dann am ehesten, wenn der Kirchenraum sehr einfach, hell und fast leer gestaltet ist mit einem konzentrierenden Blickpunkt.

  Groß St. Martin in Köln und die romanische Kapelle in Taizé sind gute Beispiele. Dass das Volk Gottes unterwegs ist, wird manchmal ganz bewusst durch einen zeltförmigen Kirchenbau vermittelt.


  1. -Eine kurze Besinnung vor oder auf dem Kirchgang bzw. der Fahrt zur Kirche: die nächste 1 1/2

Stunde sehe und erlebe ich auf dem Hintergrund der Exodus-Erfahrungen Israels

- Leer werden, zu Beginn der Feier Ablegen von Ballast, innerem Lärm, Betriebsamkeit ...

  1. -als Lesung und Evangelium evtl. 2 Mose 16 und Joh 6

  2. -Elevation der Hostie: Was-ist-das? verborgenes Manna, der präsente Christus, der „honigfließende Jesus“

  3. -Empfang der Hostie, bewusste Wahrnehmung der reduzierten Form, in der Hostie die pneumatische Speise sehen, die „Süßigkeit“ Christi kosten („Kostet und seht, wie gütig der HERR ist“)

  4. -Nachahmung des einfachen Wüstenlebens im Alltag

Eine Tagebuchnotiz von J.P. am 15.08.2008:


  Wie die Biene von Blume zu Blume fliegt, von Rose zu Baumblüte, vom Rhododendron zum Veilchen, und aus jeder Blüte reichen oder auch kärglichen Honig heraussaugt, so wandere ich von christlichen Mystikern zu Rishis und Gurus, von Zisterziensern des 12. Jahrhunderts zu Sufis des 9.Jahrhunderts und zu Verehrern von Krishna und Tara und sauge und schmecke und sammle den göttlichen Honig.

Durstig und hungrig und sehnsüchtig möchte ich aus jedem Augenblick tagaus - tagein diesen köstlichen Honig, das wahre Manna, das Wasser des Lebens herausschmecken und -saugen.

  Zu einem Neuheitserlebnis kann es werden, wenn man hin und wieder Abendmahl oder Eucharistie feiert in dem Bewusstsein, zusammen mit anderen Pilgern des Neuen Gottesvolkes eine Wegstrecke durch die „Wüste“ zu gehen und Erfahrungen der Israeliten nachzuvollziehen.    

  Seitdem kann ich auch der (kath.) üblichen kümmerlichen Reduktion von Brot und Wein auf eine Hostie, die mit echtem Brot kaum noch zu tun hat, einen tiefen Sinn abgewinnen. Beide Ausdrucksfomen können in die Mitte des Mysteriums führen: die Vollgestalt eines eucharistischen Mahles mit schmackhaftem Brot und köstlichem Wein, aber auch eine Vereinfachung und „Spiritualisierung“ der eucharistischen Gaben auf eine kleine runde Hostie mit einem Christus-Symbol. Im Grunde geht es ja um eine „geistliche Kommunion“, um das Auffinden des „verborgenen Manna“ „wie Honig süß“.

Bei regelmäßiger Übung werden solche Anweisungen irrelevant; der / die Übende ist einfach da vor und in dem ICH-BIN-DA.

Febr. 2014 - 2016

Siger Köder: Abendmahl

   Wenn er aus dem absoluten Schweigen zurückkehrt, wird er vielleicht mit den Worten der Upanishaden sprechen: „ Ich bin Brahman“ - „aham brahma asmi“.


  Als Buddhist könnte er seine Erfahrung so zusammenfassen: „Unendliche Weite - nichts von Heilig“ bzw. „Unendliche Weite - alles heilig.“  Oder er malt das Symbol des leeren Zen-Kreises.

  In allen Lebensbereichen krankt sie an der Existenzweise des Haben-Wollens und Ansammelns. Haben muss aber durch Sein, Profit- und Machtgier durch Beteiligung und die Kommerzialisierung des Lebens durch lebendige Beziehung ersetzt werden.

  „Die Haben-Orientierung schließt andere aus und verlangt mir keine weiteren Anstrengungen ab, um meinen Besitz zu behalten bzw. produktiven Gebrauch davon zu machen ... Sie verwandelt alle und alles in tote, meiner Macht unterworfene Objekte." (S. 79) E.Fromm wertet diese Einstellung als eine Illusion, als ob diese Objekte eine unvergängliche, unzerstörbare Substanz hätten. Aufgrund dieser Fehleinschätzung klebten wir an ihnen, könnten sie nicht loslassen, seien unfrei, denn diese Objekte hätten uns, besetzten und besäßen uns (S. 80).

  Beides müsse beseitigt werden: verschwenderischer Luxus und entwürdigende Armut.

„Nur in dem Maße, in dem wir die Existenzweise des Habens ... abbauen (das heißt aufhören, Sicherheit und Identität zu suchen, indem wir uns an das anklammern, was wir haben, indem wir es ´be-sitzen`, indem wir an unserem Ich und unserem Besitz festhalten), kann die Existenzweise des Seins durchbrechen. Um zu ´sein`, müssen wir unsere Egozentrik und Selbstsucht aufgeben bzw. uns ´arm` und ´leer` machen, wie es die Mystiker oft ausdrücken." (S. 89).

  Neben „Verwandlung“ ist „Manna“ ein weiteres Schlüsselwort, das das Mysterium der Eucharistie aufschließen kann.

  „Man-hu?" - „Was ist das?" „Sie wussten nicht, was das (in Wirklichkeit) war" (2 Mose 16, 15), was sie da auf ihrem Weg durch die Wüste fanden: „etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif" (V. 14), „weiß wie Koriandersamen“ (V. 31). Als sie es aßen, schmeckte es süß wie Honig (V. 31).

  Den „murrenden" Israeliten, die zurück an die „Fleischtöpfe“ Ägyptens“ wollen, wird das „Brot aus dem Himmel" jeden Tag neu geschenkt, frisch wie der Morgentau, aber nur für den einen Tag und jedem nur „soviel du brauchst" (so auch das Motto des Evang. Kirchentages 2013). Gehortet darf es nicht werden - dann wird es wurmig und stinkt.

Marc Chagall: Wasser / HONIG

aus dem Felsen

Eucharistie - Abendmahl:

MANNA

- auf dem Weg durch die Wüste

- für (nur) einen Tag

- verborgen und süß wie Honig

„Wie man Trauben findet in der Wüste, so fand ich Israel.“


„Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb,

ich rief meinen Sohn aus Ägypten....

Ich war da für ihn wie Eltern, die den Säugling an ihre Wangen

heben.

Ich neigte mich ihm zu und gab ihm zu essen und zu trinken."


Wie der morgendliche Tau werde ich für Israel sein."

(Hosea 2,16; 8,10; 14, 1-6)


„Selber habt ihr gesehn, was ich an Ägypten tat:

Ich trug euch auf Adlerflügeln und ließ euch kommen zu mir.

Und jetzt, hört ihr, hört auf meine Stimme

und wahrt meinen Bund."

(Exodus 19, 3-5)


  Gott als Bräutigam und Adler - das Buch Deuteronomium 

vertieft diese Vorstellungen:


"ER euer Gott, der vor euch hergeht, in der Wüste, wo dein Gott dich trug,wie ein Mann seinen Sohn trägt."

(Deuteronomium 1, 31)


„Anteil ist IHM sein Volk, Jakob sein Erbland.

ER findet ihn in der Steppe, im Irrsal der Wüste.

ER umwirbt ihn, er umwartet ihn,

er umhegt ihn wie seinen Augenstern.

Wie ein Adler erweckt seinen Horst,

und über seinen Nestlingen schwebt,

der seine Schwingen ausbreitet, ein Junges aufnimmt

und es auf seinen Flügeln trägt:

so geleitet Jakob alleine der Herr.“ (cap 32)

  Wieviel braucht der Mensch zum Leben? Manche „Glücksforscher“ behaupten, dass ein Verdienst über ein jährliches Einkommen von 60 000 Euro hinaus das Glücklich-Sein nicht wesentlich erhöhen könne. Und: Jeder Deutsche besitze im Durchschnitt 10 000 Gegenstände. Welche sind tot? Wie lange bleiben sie ungenutzt? Und: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch“, aber von was denn sonst?

   Die Analyse der westlichen Überfluss- und Wegwerfgesellschaft durch Erich Fromm trifft heute noch mehr zu als vor 40 Jahren: 

Einfaches Leben in Taizé                                                                                                                                           

  Wenn er ein Christ ist, leuchten ihm die Worte des Mystikers Meister Eckhart ein:

„Gott ist namenlos, denn von ihm kann niemand etwas aussagen oder erkennen ... Was wir von ´Gott` erkennen oder aussagen, das sind mehr wir selber, als daß es Gott, die erste Ursache wäre ... Schweig daher und klaffe nicht über Gott; denn damit, daß du über ihn klaffst, lügst du ... Du sollst Gott bildlos erkennen, unmittelbar und ohne Gleichnis ... Du sollst ihn lieben , wie er ist: ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts." (Pred. 42)...

„Es ist eine Fremde und eine Wüste und ist mehr namenlos, als daß es einen Namen habe, und ist mehr unerkannt, als daß es erkannt wäre." (Pred. 31)

„Gott ist in keiner Weise weder dies noch das." (Predigt 5) (buddhistisch: „Neti - Neti“)

„Manche einfältigen Gläubigen wähnen, sie sollten Gott so sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind eins." (Predigt 7) (Upanishaden: „advaita“ !!)

  (Nach Lukas 24, 42 nährt sich der Auferstandene Christus von „gebratenem Fisch und Honigwaben“. Bedauerlich ist, dass die Einheitsübersetzung, anders als Fridolin Stier, die Einfügung der griechischen Handschrift E „und Honigwaben“ nicht berücksichtigt hat.)

  Und Wilhelm von Thierry (1073-1148) schreibt in den „Orationes meditativae“ von seiner Sehnsucht, das Angesicht des Herrn zu schauen:

  „Schon weht mir etwas entgegen, Herr, wie ein Duft, der von dir ausgeht. Könnte er mich ganz durchdringen, dann müsste ich jetzt in dieser Zeit nichts weiter mehr suchen. Manchmal schickst du mir ein paar Krümel (Manna, Brot aus dem Himmel) zum Trost. Aber was sind sie für meinen sehnsüchtigen Hunger?" (III, 3)

  „Wohin aber, mein Herr, ziehst du jene, die du fest umarmst, wenn nicht an dein Herz? Dein Herz ist jenes süße Manna deiner Gottheit, das du innen, o Jesus, in dem goldenen Krug der Über-Weisheit deiner Seele hast. Selig alle, die deine Umarmung dort hinzieht; selig alle, die du im Verborgenen dieses verborgenen Geheimnisses verborgen hast - in der Mitte deines Herzens." (VIII, 6)

  „Dulcis Jesu memoria“ - beginnt ein Hymnus, der Bernard von Clairvaux (1090-1153), dem Doctor Mellifluus, dem honigfließenden Lehrer zugeschrieben wird: „Süßes Er-Innern Jesu, Du schenkst wahre Herzens-Freuden. Doch süßer als Honig und alles hinaus ist deine süße Gegenwart.“


Jesus, Süßigkeit der Herzen.“ ... „im Ohr ein süßer Gesang, im Munde Honig wunderbar.“ ... „für mich ist Jesus honigfließend.“

ER - JHWH -  säugt das Volk mit Honig aus Felsenspalten  (5 Mose 32, 12)

   Mose weist mit seinem Gottestab hin auf den „Deus mellifluus“, den honigfließenden „Gott“, auf die Herrlichkeit der Liebe Jahwes in Gestalt eines alles umgreifenden goldgelb-roten Lichtkreises.

  ER bildet den tragenden verborgenen Hintergrund aller gemalten Dinge und Geschehnisse. Nur in einem transzendierenden regenbogenförmigen Segment wird er sichtbar - und in einem Honig-Strom (für mich inzwischen die Schlüsselszene des Gemäldes), der durch die Oberfläche durchbricht inmitten des Volkes. ER ist wirklich der verborgene „GoldGRUND“, die Wirklichkeit der Wirklichkeit, eine leere Wüste, unergründlich, und zugleich „durchkitzelt von Freude“ (Meister Eckhart). Und als köstliche Fülle nährt ICH-BIN-DA alles, was existiert mit süßem Honig und lebendigem Wasser und Brot.


  „Sie werden beim Reigentanz singen: All meine Quellen entspringen in dir“ (Psalm 87, 7)

  "ICH BIN dein Gott, der dich herausführte aus Ägypten. Tu deinen Mund auf! Ich will ihn füllen. Ich speise dich mit bestem Weizen (Manna) und sättige dich mit Honig aus dem Felsen"  (Psalm 81, 17)

Jesus war ein Jude. Von Kindheit an hörte er die grundlegenden Geschichten von der Befreiung seines Volkes aus Ägypten und von der Wüstenwanderung und las sie nach seiner Bar Mizwa beim häuslichen Sedermahl oder in der Synagoge auch selbst vor (Luk 4). Jedes Jahr feierte er die Feste, die an die Große Befreiung durch Jahwe erinnerten und sie vergegenwärtigten:


  1. -Sukkot, das Laubhüttenfest - an dem in den judäischen Dörfern das Wüsten-Leben in provisorischen Zelten und Hütten (bis heute) nachgeahmt wird, und man sich erinnert an die Speisung mit Brot vom Himmel und die Tränkung mit lebendigem Wasser oder „Honig aus Felsenspalten“ durch ihren befreienden und nährenden Gott JHWH.


  1. -das Pessachfest, zu dem zur Zeit Jesu alle Juden nach Jerusalem pilgerten, und im Paschamahl des Aus- und Aufbruchs aus dem Sklavenhaus Ägyptens gedachten.


(Von den weiteren jüdischen Festen erwähne ich Rosch ha-Schanah, das Neujahrfest, an dem es Brauch ist, ein Stückchen Apfel in Honig zu tauchen und zu sprechen: „Möge dieses Jahr so süß sein wie der in Honig getauchte Apfel.")

Mystagogische Anregungen:


1. einen Ort und einen Zeitraum (ablenkungsarm bzw.

    - frei) aufsuchen, in dem ich  eine Stunde oder 10 / 20

    Minuten (möglichst täglich) all-ein (!) still bin

  1. 2.Entspannte Sitz- oder Kniehaltung, rituelle Geste oder ein Gebet

  2. 3.sich mental in eine leere Wüste versetzen, still werden, schweigen; innere Bewegungen achtsam wahrhaben und vorbeiziehen lassen wie eine Wolke; sich sammeln auf eine Mitte (Kreuz, Ikone, Mantra - ICH BIN das Brot des Lebens)

  3. 4.Verneigung, Kreuzzeichen, Gebet


Evtl. alle Wüstenerfahrungen einfließen lassen in die Feier der Eucharistie

Ein bewusster Nachvollzug bestimmter Elemente der Wüstenwanderung

                               in der Eucharistiefeier

Das Herrenmahl:

Offene Tischgemeinschaft


Kritische Anmerkungen zum Ausschluss

von evangelischen und wiederverheirateten Christen

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