„Große Operationen",  mehrwöchige Therapien in Kliniken und längere Rekonvaleszenzphasen zu Hause führen häufig dazu, dass Menschen ihre Lebensauffassung und -einstellung bewusster wahrnehmen und partiell verändern. Diese Erfahrung machte ich „hautnah am eigenen Leib" im zweiten Halbjahr 2009.

   Am Nullpunkt angekommen, wird die eigene "Armseligkeit" und die Einsicht erlebt: Du musst letzten Endes alles lassen, die eigene Körperlichkeit mit der gewohnten Fitness (Sinneswahrnehmungen, Kraft, Beweglichkeit, Aussehen), die eigene Ratio mit ihrem Wissen und Erkenntnisvermögen, und über die eigene Person hinaus geliebte Menschen und alle Habe, mit der Du Dich umstellt hast.

   Vor allem Koma-Patienten werden infolge des sog. „Durchgangssyndroms" mit heftigen Schattenseiten der eigenen Person konfrontiert: mit Aggressivität, Verlassenheitsgefühlen, Verfolgungswahn, Todesängsten etc. Daneben können aber auch Bilder von unbeschreiblicher Schönheit auftauchen.

Kreuz des hl. Servatius

Detail, Trier um 1000

I.  Glauben, dass wir (von G-O-T-T) bedingungslos geliebt sind

   „Gott liebt jeden Menschen bedingungslos " - dieser in der Kinderkatechese und in Predigten häufig gebrauchte Satz erscheint manchem als eine naive Simplifizierung, die der komplizierten und schmerzhaften Lebenswirklichkeit nicht standhält. Oder er wird wie manch anderer christlicher Grundsatz nur mit dem Kopf übernommen, ohne das Herz zu berühren. Dabei ist eine lebenslange entschlossene spirituelle „Arbeit" notwendig, um diese zentrale christliche Botschaft zu verinnerlichen und ganzheitlich zu verwirklichen.

  Ohne Bedingungen geliebt zu werden - leider konterkarikieren die familiäre Erziehung und die kirchliche Verkündigung und Praxis immer wieder diesen tiefen Wunsch.  

  1. 1.Glaubenserschwernisse aufgrund einer fragwürdigen religiös-kirchlichen Sozialisation

Destruktive Botschaft: die Liebe Gottes muss verdient werden

Kirchliche Praxis der Abwertung und Ausgrenzung

  Wir sind Bild und Gleichnis Gottes, wir stammen buchstäblich von Gott ab. „Im Kern unserer Existenz steht keine Ursünde, sondern ein Ur-Segen!". Wir sind „Teilhaber an der göttlichen Natur“

(2 Petrusbrief 1,4).

   Zweifel an unserer guten Identität werden gesät durch bestimmte Theologien („Der Mensch ist von Anfang an böse und verderbt"), destruktive Bann-Botschaften in religiöser Pädagogik (s. unten die Ausführungen zur Transaktionsanalyse) und durch eine bestimmte kirchliche Praxis der Abwertung und Ausgrenzung.

   Die christliche Religion sollte den Gläubigen vermitteln, dass sie nicht erst „würdig" werden müssen für die Liebe durch Gott, dass sie sich die Liebe Gottes nicht erst verdienen müssen, sondern dass sie schon immer von Gott geliebt sind und bleiben trotz aller Schwächen und aller Schuld. Aber „an unser grundlegendes Sein-in-Gott  können wir nur sehr schwer glauben; wir halten es für zu schön, um wahr zu sein. Unser Ego setzt meistens auf Leistung und Erfolg und macht aus Religion einen Wettbewerb in Würdigkeit." Alles, was wir sind und haben, ist im Grunde ein Geschenk; aber unser Stolz verweigert die Annahme dieser Realität.

  „Worauf kommt es mir eigentlich an?", „Was und wer trägt mich in meinem Leben?", „Was kann und darf ich glauben?“  - diese existentiellen Fragen regten erneute Überlegungen zur Mitte des christlichen Glaubens an.

   Die Frage nach dem Dreh- und Angelpunkt der christlichen Botschaft wurde auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) neu gestellt. Den Konzilsvätern ging es außer einem aggiornamento, einer aktuellen Vergegenwärtigung auch um eine Hierarchisierung, um eine Neuordnung der „Glaubenswahrheiten" nach ihrer Bedeutsamkeit. Auch wenn bekannte Theologen wie Karl Rahner sich um eine Kurzformel des Glaubens mühten, blieb das Problem bis heute bestehen: der „normale" Christ sieht in der Vielzahl der lehramtlichen und katechetischen Äußerungen oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Nebensächlichkeiten werden von fundamentalistischen Amtsträgern und Gläubigen in aggressiver Tonlage zur Hauptsache hochstlisiert. Die kirchliche Praxis heute spiegelt zu wenig die Essentials der jesuanischen Botschaft (Einssein mit dem „Vater“, In-Christus-sein, Einfachheit, Solidarität mit Ausgegrenzten, Lebensfreude).  Den Zugang zu christlichen Schatzkammern verhindern nicht selten kirchliche Macht-Haber und Moral-Apostel. Dabei wird von den Gläubigen nach wie vor eine volle Identifizierung mit allem erwartet, was die Kirche lehrt. Der mündige Christ rettet sich vor dieser kirchlichen (Über-)Forderung nach einer gehorsamen Annahme aller „Glaubenswahrheiten" in die Häresie, in eine Auswahl. In der riesigen Schatz- und Gerümpelkammer der christlichen Tradition greift er Orientierungshilfen und Nahrungsmittel heraus, die ihm zu einem geglückten Leben verhelfen und die in seinem Rucksack Platz finden können.

    Wenn diese Krise mit Hilfe von liebevollen Angehörigen (und PflegerInnen) durchgestanden wird, wachsen Offenheit und Vertrauen zueinander, Freude und Dankbarkeit für die kleinen und großen Geschenke des Lebens und die Bereitschaft, sich in die Hände Gottes fallen zu lassen,

   Aufgrund der aufgezwungenen Entschleunigung des Lebens, der Verlangsamung der körperlichen, geistigen und seelischen Funktionen vereinfacht sich auch das „geistliche Leben". Wie der Körper so arbeitet auch der Verstand längere Zeit „auf Sparflamme". Was zunächst als mentale Reduktion erfahren wird, kann aber auch das Bewusstsein und die tägliche Lebenspraxis (Spiritualität) vereinfachen und fokussieren. Der notwendige Ausschluss von bislang selbstverständlichen Aktivitäten, die Reduzierung von Außeneindrücken, der schärfere Blick für Brüchiges und Nebensächliches gehen einher mit der Konzentration auf Wesentliches.

   Auch das spirituelle Leben ist zu vereinfachen. In Abwandlung eines bekannten Buchtitels könnte man sagen:  "Simplify also your spiritual life".


  Drei Essentials gehören zur „eisernen Reserve“ meiner Sinnsuche, zur Mitte meines Glaubens:


Entdecke und realisiere die Glaubenserfahrung,


- dass wir bedingungslos geliebt sind (I.)


- dass Christus in jedem von uns atmet (II.)


- dass wir in der Fülle Christi leben (III.)

  1. 2. TRANSAKTIONSANALYSE (TA): „Bann-Botschaften“ und „Antreiber“ aus unserer Kindheit  erschweren und blockieren den Glauben daran, dass wir bedingungslos geliebt sind

  Auch heute noch ist die Diskrepanz zwischen dem modellhaften Verhalten Jesu, der „Zöllner und Sünder" in seine Mahlgemeinschaft einlud, und einer ausgrenzenden kirchlichen Praxis signifikant (Verurteilung interner Kritiker, Ausschluss  Geschiedener und gläubiger Christen nicht-katholischer Konfessionen vom Kommunionempfang).

  Nach Ansicht von Richard Rohr vermag nur das Glauben an die Gnade Gottes, an seine überfließende,  bedingungslose und unverdienbare Liebe die christliche Religion zu re-formieren und zu trans-formieren. Nur ein authentischer Glaube an diese Mitte der christlichen Botschaft kann das Christentum herausführen aus dem lebensverhindernden Handlungsschema von Belohnung und Bestrafung.

  Gott-sei-Dank sind die aufgezeigten religiös-kirchlichen Phänomene für viele Christen heute zwar ärgerlich, aber im Grunde nur Nebensächlichkeiten. Im Zentrum ihres Glaubens stehen positive Erfahrungen: ein tiefes Angerührt-Sein durch ein bestimmtes Bibelwort, die Freude über erlebte Glaubens-Gemeinschaft, die Faszination durch Schätze der kirchlichen Tradition.

  Wenn Sie eine solche „Perle" für sich entdeckt haben, holen Sie diesen Schatz regelmäßig hervor; schauen Sie ihn bewundernd an - damit wächst auch Ihr Vertrauen in eine Liebe, die alles umfasst und ohne Bedingungen geschenkt wird.

So spricht Gott, der dich geformt hat: Fürchte dich nicht. Du bist mein. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht verbrennen.

(Jesaja 43,2)

(Th.Zacharias: Die drei Jünglinge im Feuerofen)

Gottes Heil leuchtet auf. Alle Könige sehen deinen strahlenden Glanz.

Du bist eine prächtige Krone in SEINER Hand , ein königliches Diadem in der Hand Gottes.

(Jesaja 62,3)

(Goldenes Diadem aus Mykene, ca.1500 v.Chr.

Gott spricht:

Vergisst denn eine Frau ihren Säugling, eine Mutter ihren Sohn? Mögen auch diese vergessen, ich aber, ich vergesse dich nicht. (Jesaja 49,15)

Der Auferstandene Christus:

Ich bin mit euch durch das All der Tage bis zum Voll-Ende der Weltzeit. (Matthäus 28,20)

(Gottesdienst in der Versöhnungskirche von Taizé)

Gott spricht:

Ich habe dich eingeritzt in meine Hände.

(Jesaja 49,16)

(Sog. Franziskuskreuz, Detail)

Unser frühkindliches Vertrauen in eine bedingungslose Liebe wird in der Regel schon bald enttäuscht, erschwert oder sogar zerstört. Auch die liebevollsten und pädagogisch kompetentesten Eltern signalisieren, dass sie ihre Liebe an Bedingungen, an die Realisierung ihrer Erwartungen knüpfen. Und folglich entwickeln wir in der Kindheit das Gefühl: Ich bin (nur) dann liebenswert, wenn ich mich in einer bestimmten Art und Weise verhalte - wenn ich nicht störe, wenn ich mich selbst beschäftige, wenn ich perfekt bin, wenn ich mich beeile, wenn ich es den Anderen recht mache etc.

Die Transaktionsanalyse nennt diese einschränkenden, entwicklungshemmenden Grundbotschaften  "Bann-Botschaften“ und „Antreiber“.

Exkurs: Grundlagen der Transaktionsanalyse (TA)


  Die Transaktionsanalyse (TA) ist ein psychologisches Modell, welches das menschliche Erleben und Verhalten verständlich macht. Angewendet wird die TA in der Psychotherapie, der Beratung, in Organisationen und in der Pädagogik.
  Begründet wurde die TA vom amerikanischen Psychiater Eric Berne (1910-1970).
Die TA ist weltweit organisiert und wurde laufend weiterentwickelt. Sie ist heute in allen oben erwähnten Anwendungsgebieten eine sehr komplexe, differenzierte und hilfreiche Methode, die dazu beiträgt, menschliches Verhalten zu verstehen, Konflikte zu lösen und Leiden zu lindern.

Sie geht aus von der Annahme, dass jeder Mensch aus drei verschiedenen Ich-Zuständen agieren und reagieren kann, die er bereits in der Kindheit entwickelt hat (s. Graphik). Diese bestimmen die Art der Inter-Aktion (Kommunikation mit Anderen) und der Intra-Aktion (innerer Dialog).

Die Bewusstmachung und Veränderung des individuellen Skripts, des jeweiligen Lebens-Drehbuches bildet das Zentrum der Transaktionsanalyse.

  Die Theorie der TA basiert auf einem positiven Menschenbild: jeder Mensch ist einmalig, wertvoll und liebenswert! Jeder Mensch hat das Bedürfnis und die Fähigkeit, eigenständig zu fühlen, zu denken und zu handeln. Daraus folgt auch die Fähigkeit, selbständig zu entscheiden und Veränderungen vorzunehmen.


  Für ein erstes Kennenlernen von TA empfehle ich:

Rüdiger Rogoll: Nimm dich wie du bist, Herder-Verlag Freiburg, 2008, 8,95 EU

Unter http://www.dsgta.ch/download/142dext3wG9Qt.pdf  sind alle Grundbegriffe der TA differenziert erklärt.

  „Bann-Botschaften" sind lebenshindernde oder -zerstörerische Grundbotschaften, die Kindern durch Eltern oder andere nahe Bezugspersonen vermittelt werden, nicht nur durch Worte, sondern noch wirksamer durch Körpersprache und „Atmosphäre“ (Mimik, Gestik, Tonfall, nonverbale Handlungen etc.).

  Ihre besondere Färbung erhalten sie je nach dem, woran die Eltern selber leiden: Unglücklichsein, Enttäuschung, Angst, Ärger, Unzufriedenheit ... Diese Grundbotschaften sind Ausdruck ihrer emotionalen Beziehung zu ihrem Kind, und weniger erzieherisch gemeinte Anweisungen wie die Antreiber.

  Die nachhaltigsten Bann-Botschaften sind:

1. Sei nicht! („Wenn du nicht geboren wärst, wäre meine Ehe nicht geschieden worden.")

2. Du bist nicht wichtig! (kein Augenkontakt, Nicht-Beachtung, Anschweigen)

3. Schaff es nicht!     („Bei dir ist Hopfen und Malz verloren!“)

4. Komm mir nicht zu nahe!   („Lass mich in Ruhe! Du störst!“)

(Weitere Bannbotschaften: Sei nicht du selbst! Hab keine Bedürfnisse! Sei kein Kind! Werde nicht erwachsen! Fühle nicht! Denke nicht! Du gehörst nirgends dazu! Sei nicht gesund!)

Entwicklungshemmendes Selbstverständnis


Ich bin und bleibe ungeliebt.

Ich bin (nur) dann geliebt,

ich bin (nur) dann etwas Wert, wenn ich


- nicht ich bin

- mich nicht für wichtig halte

- nicht denke

- nicht fühle

- nicht zu nahe komme

- es nicht schaffe

- stark bin

- perfekt bin

- mich beeile

- mich anstrenge

- es Anderen recht mache.

stattdessen ERLAUBER


  ICH  DARF

- mit Freude leben

- mich wichtig nehmen

- selber denken

- meinen Gefühlen trauen

- Vertrauen in Menschen haben


- Gefühle und Schwächen zeigen

- auch Fehler machen

- mir Zeit nehmen

- es leicht schaffen

- mich nicht für andere verantwortlich machen

Thomas Kaschten SCJ

TA-Therapeut und -Trainer

Gott Alles in Allem

(1 Kor 15,28)

Gott ist Liebe (1 Joh 4,16)

(Marc Chagall: Das Hohelied der Liebe, Detail)

Hilfen zur Veränderung des Lebensskripts


1. Selbsterfahrung, Erkenntnis des eigenen Lebensskripts mit seinen Blockaden / lebenshemmenden Faktoren und mit seinen entwicklungsfördernden Botschaften / Erlaubnissen; Dankbarkeit und Nachsicht mit Eltern und Berzugspersonen entwickeln


2. Verantwortung für sich selbst übernehmen (für das eigene Fühlen, Denken, Handeln)


3. Neuentscheidungen; Bann-Botschaften und Antreiber durch Erlaubnisse ersetzen


4. Konkrete Schritte der Transformation:

- im inneren Dialog sich selbst positiv bevatern und bemuttern, sich beeltern

- „Goldplättchen sammeln"

  1. -Konservendosen mit lebensfördernden Erfahrungen öffnen

3.  Auswirkung von Bann-Botschaften und Antreibern auf das Gottesbild

  In einem 1 1/2 jährigen TA-Gruppentraining machte ich die Erfahrung, dass Selbsterkenntnis und  Glauben eng miteinander verbunden sind.

  Das eigene Persönlichkeitsskript und Lebensdrehbuch, die individuellen Wahrnehmungs-, Fühl-, Denk- und Verhaltensmuster im Umgang mit sich selbst und anderen Menschen bestimmen auch die Art der Beziehung zu Gott. In Wirklichkeit verhalten wir uns Gott gegenüber nach denselben Grundmustern wie uns selbst und anderen Menschen gegenüber, auch wenn wir diese Wahrheit leugnen oder beschönigen. Der Dialog mit Gott, unser spirituelles Leben verläuft nach denselben Mechanismen, wie wir mit uns selbst (intra) und Anderen (inter) kommunizieren.

  Und deshalb ist eine wahrhaftigere Selbsterkenntnis, eine Bewusstmachung des eigenen Lebensskripts (Lebenseinstellung, Grundbotschaften, angewöhnte Muster der Inter- und Intra-Kommunikation, „Lieblings-Spiele") für ein spirituelles Wachstum unabdingbar.

  Unsere Vorstellungen von Gott sind ja zunächst weitgehend identisch mit unserer frühkindlichen Grundeinstellung zum Leben. Die antrainierten „Ich- bin- nur-dann-geliebt, wenn" - Mechanismen haben wir auf Gott übertragen. Eine fragwürdige religiöse Erziehung, der es mehr um Belohnung und Bestrafung als um bedingungslose Liebe ging, mehr um Pflichterfüllung als um Lebensfreude, mag destruktive Gottesvorstellungen noch verstärkt haben.

  1. 1.Bewusstsein, Bewusstsein, Bewusstsein entwickeln

    Bewusstmachung des eigenen Lebensskripts

    Fehlidentifikationen (Ich bin dann etwas wert, wenn....) bewusst wahrnehmen und auflösen

    Aber: Harke den Mist hierhin, harke den Mist dahin - es bleibt Mist. Du grübelst herum; dabei

    könntest du Perle an Perle reihen zur Freude des Himmels. (Ein chassidischer Meister)

    Sich nicht fixieren auf eigene Konditionierungen, sondern „sie vorüberziehen lassen wie die Wolken“

2. Das Gottesbild reinigen bis zu der Einsicht, dass Gott unbegreiflich (liebend) ist und

    nicht-instrumentalisierbar für unsere Zwecke

  1. 3.Ein neues Selbstverständnis gewinnen: Ich bin von Gott bedingungslos geliebt; Ich bin Sohn / Tochter Gottes; Rückkehr vom verwunschenen Frosch zur ursprünglichen Wesensgestalt des Prinzen / der Prinzessin

  2. 4.Regelmäßig innehalten („Halt an, wo läufst du hin") und innewerden der immer und überall gegenwärtigen Liebe Gottes (20 Minuten täglich)

  3. 5.„Goldplättchen“ (positive Lebenserfahrungen, Perlen der biblischen Botschaft etc.) sammeln und bewundernd vergegenwärtigen

  4. 6. Ein Bibel-Wort über mehrere Tage oder Wochen mit sich herumtragen, es ständig „wiederkäuen", es immer wieder mit der augenblicklichen Situation in Beziehung setzen.

    Repetitio est mater meditationis - Die Wiederholung ist die Mutter der Meditation (Johannes Bours)

Spirituelle Übungen

II.  Realisieren, dass Christus in jedem von uns atmet

  Der amerikanische Franziskanerpater Richard Rohr hat in seinem neuen Buch „Ins Herz geschrieben, Die Weisheit der Bibel als spiritueller Weg, Freiburg 2008", in gewisser Weise der Summe seines Lebens, eine „Verbindung hergestellt zwischen den zentralen Einsichten der Bibel und einer praktisch lebbaren, menschenfreundlichen Spiritualität für Menschen von heute". Dabei scheut er sich nicht, lebensbehindernde Auswirkungen bestimmter Glaubensüberzeugungen und fragwürdige kirchliche Ausgrenzungen bestimmter Personengruppen kritisch aufzudecken.

Ich lebe - aber nicht mehr als Ego. Es lebt in mir Christus.

(Galater 2,20)

Erfahrt ihr nicht an euch selbst, dass Christus Jesus in euch ist?  

(2 Kor 13,5)

Die Liebe Christi ist  in unsere Herzen ausgegossen durch den Heiligen Geist. (Röm 5,5)

  Simplify your life - bei Treffen in Taize in den 70-ger und 80-ger Jahren tauschten wir uns häufig über eine Vereinfachung des Lebensstils aus; hinzu kam eine mentale Vereinfachung, eine Konzentration auf die Essentials des Glaubens.

  Frère Roger Schutz betonte immer wieder: Lebe das vom Evangelium, was du begriffen hast. Eines seiner Lieblingsgebete war: Herr, schenke uns den Geist deines Evangeliums - Einfachheit, Barmherzigkeit, Freude.

  In die Herzmitte des Christentums gehört die Botschaft von dem „Christus in uns". Christus wohnt mit seinem Pneuma, mit seinem heiligen Geist, mit seinem Atem in der Mitte und Tiefe unseres Wesens.

Sprach schon der Anfang der hebräischen Bibel davon, dass der Mensch schlechthin geschaffen wurde aus Erde (adamah) und Atem Gottes, so ist nach Paulus die ganze „Neue Schöpfung" erfüllt von dem Neuen Atem Gottes, dem Pneuma des Auferstandenen Christus.


„Das Pneuma Christi wohnt in euch" (Röm 8,9)

„Erfahrt ihr nicht an euch selbst, dass Christus Jesus in euch ist?" (2 Kor 13,5)

„Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen ausgegossen durch den heiligen Geist" (Röm 5,5)


  Eine kirchliche mystische Praxis ist heute dabei, diese dauernde Einwohnung des pneumatischen Christus in uns neu zu entdecken und zu realisieren.

  Trotz aller Vergessenheit mancher Glaubens-Wurzeln und trotz ärgerlicher Abgrenzungen von „nicht-christlichen“ Gruppierungen  gehört zur Mitte des christlichen Glaubens die Botschaft:

  In jedem Menschen sprudelt ein Lebensquell, leuchtet ein Licht, ist eine Kraft (dynamis) lebendig, die zugeschüttet, verdunkelt, blockiert werden kann, aber im Grunde unzerstörbar ist. Dieser ursprüngliche Wesenskern, dieses unser ursprüngliches Gesicht ist ein Abbild der Ikone Gottes schlechthin: Christus. ER lebt in dem Abgrund unserer Seele und belebt uns durch Sein Pneuma.

  Dieser pneumatische Christus in uns ist der Atem unseres Atems.

1. Bewusstes und absichtsloses Atmen


  „Atmen, indem man nichts andres tut als atmen, das ist das größte Erlebnis, in dem sich nichts anderes ereignet als der Atem ... Der Mensch ... begibt sich grenzenlos hinein in sein Geheimnis, das alles Denken übersteigt. In diesem Atem ist der Mensch in dem Atem, der in allem ist, und er ist ganz in sich selbst ... Wer diesen Atem erlebt, kann die Autoren der Bibel verstehen, die die letzte und absolute Wirklichkeit mit Heiligem Odem – Sanctus Spiritus – Hagion Pneuma – Ruach benennen. ... Das Unendliche ist in jedem Menschen lebendig , präsent und wirksam im Atem.“

(Johannes Kopp: Schneeflocken fallen in die Sonne, Annweiler 1994, S. 168 f)

  1. 2.Christus atmet in mir (Kurzfassungen nach Anthony de Mello)   


Wahrnehmungsübung: Ich atme aus und ein

Beginne jede Übung, indem du die Empfindungen in verschiedenen Teilen deines Körpers bewusst wahrnimmst...

Dann werde dir deines Atems bewusst. Nimm die Luft wahr, die beim Atmen deine Nase durchströmt, ihre Kühle beim Einatmen, ihre Wärme beim Ausatmen. Spüre, wohin die Luft in deinem Körper strömt, in Lungen, Bauchraum...

Bewerte nicht, verändere nicht, beobachte nur, lass es atmen...


Religiöse Übung: Der Atem Christi in meinem Atem

Bleibe ein paar Minuten bei der bewussten Wahrnehmung deines Atems....

Bedenke nun, dass die Luft, die du einatmest, mit der Gegenwart und Kraft Christi erfüllt ist...

Stelle dir die Luft als ein riesiges Meer vor, dass dich umgibt... ein Meer, ganz getönt durch Gottes Liebe in Christus ...

Die Luft, die du einatmest, ist Gott, mit jedem Atemzug atmest du Gott ein...

Christus - der Atem in meinem Atem, Christus atmet in mir....


Atem-Übung mit Mantren aus der Transaktionsanalyse (oder der Pfingstsequenz - siehe unten)

Nimm deinen Atem bewusst wahr...

Während du einatmest, spüre, wie Christi Geist dich erfüllt... Fülle deine Lungen mit göttlicher Energie....

Während du ausatmest, stelle dir vor, dass du alle deine Unreinheiten ausatmest.... deine Ängste... deine negativen Gefühle.......

(Entleere dich beim Ausatmen von Verschattungen (C.G Jung), Verdrängungen (S.Freud), negativen Grundbotschaften (Transaktionsanalyse), Fixierungen, Blockaden, Fehlentwicklungen....)

Lege Schlüsselwörter aus der Transaktionsanalyse an deinen Atem: beim Ausatmen eine negative Grundbotschaft, z. Bsp."Nicht-geliebt", beim Einatmen einen Erlauber, z.Bsp. "Ich darf leben"

oder auch ein Schlüsselwort aus der Pfingstsequenz, z.Bsp. "lux (beatissima)" - "(glückseliges) Licht".

Atme aus: Verhärtungen, mentalen Müll, Trübungen....

Atme ein: Christi lebenschaffenden Geist: Freude, Liebe, Klarheit, Einfachheit...

Atme durch die Nase ein, und lass durch den Mund alle verbrauchte Luft restlos aus dem Körper ausströmen.

Stelle dir vor, wie dein ganzer Körper leuchtend und lebendig wird, weil du alle deine Unreinheiten ausatmest... und Christi lebenspendenden Geist einatmest............

3. Sätze aus dem Gebet um das Pneuma Christi (Pfingstsequenz) in unterschiedlichen Lebensstuationen wiederholen


Komm, heiliger Geist.

Komm, Licht der Herzen.

Süßer Gast der Seele.

Köstliche Erfrischung.

In Mühe und Arbeit: Beruhigung.

In Hitze: Kühlung.

In Leid und Tränen: Tröstung.

O glückseliges Licht,

fülle die Tiefen des Herzens.

Ohne dein lebendiges Wehen

Ist nichts im Menschen heil und gesund.

Wasche, was schmutzig ist.

Tränke, was ausgetrocknet ist.

Heile, was verwundet ist.

Mache biegsam, was verhärtet ist.

Lass entbrennen, was erkaltet ist.


(Auszüge)

Spirituelle Übungen

III.   Achtsamkeit dafür entwickeln,

dass wir in der Fülle Christi (Pleroma) leben

Im Hause des Herrn darf ich wohnen alle Tage (Psalm 23)

Die Wirklichkeit aber ist Christus  (Kol 2,17)

Christus ist Alles und in Allem  (Kol 3,11)

  Manche Christen entdecken heute eine integrale Spiritualität. Sie haben sich verabschiedet von einer dualistischen Theologie, die sich die Gesamtwirklichkeit in drei Stockwerken vorstellte: in der Mitte die Erde als unseren Lebensraum, darunter die Unterwelt mit Hölle und teuflischen Wesen, und über diesen zwei Etagen den Himmel, den Wohnort Gottes und der Seligen. Und sie nähern sich einer stark von östlichen Religionen beeinflussten Advaita-Spiritualität, sehen stärker die Einheit und Nicht-Dualität von Gott und Welt und wachsen in der advaitischen Erfahrung durch bestimmte Meditationsübungen, z.Bsp Zen.

  Vor ca. 10 Jahren bedeutete das Herder-Taschenbuch „Die Welle ist das Meer“ von Willigis Jäger zu einer Mystischen Spiritualität für mich eine Offenbarung. Nachdem ich die theologisch-praktischen Ansätze von Johannes Kopp („Schneeflocken fallen in die Sonne“) und Raimon Panikkar („Christophanie“) zu einer „westöstlichen“ Spiritualität kennen gelernt habe, lese ich Bücher von W.Jäger mit kritischem Interesse: es fehlt mir der ausdrückliche Bezug zur Christus-Mystik des Apostels Paulus und zu mystischer Christologie in der kirchlichen Tradition. So kommt in W.Jägers „Visionen einer integralen Spiritualität“ („Westöstliche Weisheit“) der Name „Christus“ nicht vor.

  Für die beiden „Alt-Meister“ einer west-östlichen Spiritualität, den inzwischen 92-jährigen Raimon Panikkar und den 81-jährigen Johannes Kopp, ist Christus der christliche Name für die Gesamt-Wirklichkeit.

  Einen weiteren Namen für die Ganzheit der kosmisch-menschlich-göttlichen Wirklichkeit verwenden die spätpaulinischen Briefe an die Epheser und Kolosser:  Pleroma - Fülle.

(s. auch meine Webseite „Enneagramm II - II.Pleroma-Fülle“)


  - Es hat der All-Fülle (pan to pleroma)  gefallen, in Ihm (Christus) zu wohnen, um durch Ihn das Alles (griech.: ta panta) zu versöhnen - in Christus hinein. (Kol 1,19)

  - In Christus wohnt das ganze Pleroma der Gottheit leibhaftig (Kol 2,9) und ihr seid in Ihm erfüllt (Kol 2,10)

  - Der hinabstieg ist auch der, der hinaufstieg über alle Himmel, damit Er (Christus) das Alles erfülle (Eph 4,10)

  - Aus Seinem Pleroma haben wir alle empfangen (Joh 1,16)

  - Gott gab ihn (Christus) als Haupt über alles der Kirche, die sein Leib ist, das Pleroma dessen, der das Alles in Allem erfüllt (Eph 1,22f)

  - Bis wir alle gelangen...zum vollkommenen Menschen, zum Maß der Größe des Pleromas Christi (Eph 4,13)


Zusammengefasst werden diese Pleroma-Aussagen in dem Schlüsselwort einer integralen Spiritualität (Brief an die Kolosser 3,11):


ALLES UND IN ALLEM:  CHRISTUS

  1. 1. Die gläubige Sehweise verändern: Unsere Lebenswelt ist nicht eine von Gott getrennte Wirklichkeit, in die  ER von außen immer wieder eingreift, sondern eine auf Gott und Christus hin transparente Wirklichkeit.

  2. 2. Den Blick und das Empfinden für das ursprüngliche Antlitz - Christus gestern, heute und in Ewigkeit - einüben, das durch Alles hindurch und in Allem aufscheint. Die Diaphanie Christi nicht nur in ästhetischen oder kommunikativen Sternstunden wahrnehmen, sondern auch in den Banalitäten und Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens.

  3. 3. Ein grundlegendes Lebensgefühl (Glauben und Vertrauen) dafür entwickeln, dass wir jederzeit und überall im Pleroma Christi leben dürfen.

Spirituelle Übungen

Ein Wunsch des Apostels Paulus in seinem Brief an die Epheser 3, 16 - 19:


Geben möge Gott euch nach dem Reichtum Seiner Herrlichkeit,

dass ihr in Kraft erstarkt zum inwendigen Menschen.

Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen.

In der Liebe verwurzelt möget ihr mit allen Gläubigen fähig werden zu erfassen,

was da die Breite und Länge und Höhe und Tiefe ist, und zu erkennen

die – jede Erkenntnis übersteigende – Liebe Christi.

So werdet ihr erfüllt in das ganze Pleroma Gottes hinein.

Dieser Fisch, ein frühchristliches Symbol für Christus, umfasst alle Facetten des menschlichen Lebens.


(Kollegiums-Geschenk zu einem Dienstjubiläum)

15. 01. 2010

Schritte / Übungen auf dem Weg zu einem größeren Vertrauen, dass wir geliebt sind


Wie können wir unser negatives Selbstbild (Ich bin nicht o.k.) transformieren? Wie können wir aussteigen aus diesem verhängnisvollen „Ich bin nur dann geliebt, wenn ich" - Mechanismus? Gibt es eine Möglichkeit, dem Fluch dieser entwicklungshemmenden Bann-Botschaften und Antreiber zu entrinnen?

Karl Frielinghaus bezeichnet sie als „dämonische Gottesbilder“ (Glück im Unglück, Topos-Taschenbuch 240, Mainz 1994, S.62 ff): den strafenden Richter-Gott, den Willkür-Gott, Todes-Gott, Buchhalter-Gott, den überfordernden Leistungs-Gott.

  Leider ist auch die reformierte Liturgie nicht ganz frei von solchen fragwürdigen Gottesbildern. Manche Kirchenlieder und sogar Kanon-Gebete der Hl.Messe assoziieren einen sadistischen Willkür-Gott, der durch Christi und unser Opfer versöhnlich gestimmt werden soll.

  Dass ein „Ich muss perfekt sein, damit ich anerkannt und geliebt werde - Lebensskript“ besonders empfänglich ist für Buchhalter-Gott-Botschaften, liegt auf der Hand. Wenn ein Kind sich für dieses Lebensdrehbuch entscheidet, weil es erfahren hat, dass jeder Fehler registriert und bestraft wurde, läuft es Gefahr, auch in seiner religiösen Praxis im Bannkreis eines Buchhalter- und Richter-Gottes stehen zu bleiben. Eine Befreiung oder „Erlösung“ daraus braucht Zeit und Neue Entscheidungen.

  1. I. Glauben, dass wir (von G-O-T-T) bedingungslos geliebt sind                            

    Glaubenserschwernisse aufgrund einer fragwürdigen religiös-kirchlichen Sozialisation

    TRANSAKTIONSANALYSE (TA): „Bann-Botschaften“, „Antreiber“ und „Erlaubnisse“

  1. II. Realisieren, dass Christus in jedem von uns atmet

    Spirituelle Übungen

  1. III. Achtsamkeit dafür entwickeln, dass wir in der Fülle Christi (Pleroma) leben

    Spirituelle Übungen

  Diese Antreiber können das Selbstwertgefühl steigern, sie können aber auch die Bann-Botschaften verstärken. Bann-Botschaften und Antreiber können das grundlegende Lebensgefühl bestimmen und das konkrete Handeln beeinflussen. Wer eine oder mehrere verinnerlicht hat, legt demnach das, was ihm begegnet, so aus, dass er diesen Grundbotschaften entspricht; er sucht Situationen auf, die diese bestätigen und arrangiert sogar unbewusst solche Situationen („Spiele").

  Hilfreich sind für eine Neu-Orientierung im Glauben konkrete Erlauber-Personen und Worte und Erzählungen der Bibel, die einen menschenfreundlichen Gott vorstellen, aus dessen Liebe wir niemals herausfallen können (s. Bilder und Bibelworte auf dieser Seite).

  Ein „deistischer“ Gott, der unnahbar über den Wolken thront, wird häufig von Gläubigen etabliert, die die negative Grundbotschaft „Komm mir nicht zu nahe!“ übernommen und zu ihrem Lebensprogramm gemacht haben. Als Kind nahmen sie die elterliche Botschaft wahr - vermittelt durch Körpersprache, „Atmosphäre“, stereotypische Redeweisen: Bleib mir von der Pelle! Du störst mich! Ich habe Wichtigeres zu tun! Und es entwickelte das Skript: Ich bin unwichtig für meine Eltern, für andere Menschen und auch für Gott. Es zieht sich zurück in die Lauernuss, pflanzt eine Dornenhecke (Dornröschen-Skript) um sich herum, fühlt sich später auch als erwachsener Mensch immer draußen und nicht berufen, das Allerheiligste zu betreten, bis er/sie eines Tages erwacht.

  Vielleicht gelingt ihr/ihm ein Durchbruch aufgrund einer beglückenden Erfahrung mit Menschen oder er/sie hört eine göttliche Stimme in sich: Komm zu mir, der Zugang zum innersten Tempelbereich ist für dich immer offen.

Weiterführungen:


Komm, heiliger Geist.

Komm, Pneuma Christi.

Komm, Christus-Atem.

Taue auf, was vereist ist.

Lass fließen, was blockiert ist.

Erfrische, was stickig ist.

Kläre, was getrübt ist. 

Lass grünen und blühen,

    was abgestorben ist.

Mach beweglich, was gelähmt ist.

Weite, was ängstlich ist.

Öffne, was verschlossen ist.

Wecke auf, was schläft.

Mach sehend, was blind ist.

  „Christus ist das christliche Symbol der ganzen Wirklichkeit ... das bedeutet, dass in Christus nicht nur ´alle Schätze der Göttlichkeit` enthalten sind, sondern auch, dass ´alle Mysterien des Menschen` darin verborgen sind und alle Masse des Universums. Er ist ... das kosmotheandrische Symbol par excellence ... der Christus totus.... Christus ist das Symbol der Vergöttlichung des Universums ... Unsere Vergöttlichung wird verwirklicht, wenn wir Teil von Christus totus werden, so dass wir ipse Christus (Christus selbst) sind.“

(Raimon Panikkar: Christophanie, Freiburg 2006, S.195)


  „Der Name Jesus Christus sei leise gesagt, in der Scheu, die immer noch offen lässt, was und wer mit diesem Namen sich offenbart, offen zum immer noch Größeren als stete Forderung und Transzendierung aller Begriffe. Was einzig und allein interessiert, das ist die Wirklichkeit. Jeder suche für sich den Namen, in dem nichts ausgelassen, sondern alles umfasst ist. Ich habe für mich in immer neuer Entdeckerfreude ... diesen Namen gefunden und noch viel mehr lasse ich mich von  ihm finden. Ich rede von ihm zugleich auch namenlos und höre ihn von Ergriffenen und Erfahrenen ausgesprochen als Wesensnatur, als Buddhanatur, als Leere und Fülle: im Nachgehen und Einholen der Liebe, mit der jeder Mensch geliebt ist. (18)

  Irgendwann in meinem Leben wurde mir Christus zu einem Ereignis, über das nichts mehr hinaus, sondern in das alles hineinging. (36)

  Christus ist eigentlich kein Name, sondern ... bezeichnet das Wesen, in dem alles ist und das in allem ist.“ (305)

(Johannes Kopp: Schneeflocken fallen in die Sonne, Christus-Erfahrungen auf dem Zen-Weg, Annweiler 1994)

     Nach Richard Rohr - und diese Ansicht vertrete ich auch - ist das zentrale positive Thema der Bibel: Gottes Großzügigkeit, überall und immer zugänglich, unverdient und bedingungslos geschenkt, in der Regel unerkannt und oft sogar unerwünscht. Diese ungeschuldete Liebe („Gnade“) Gottes wird überfließend, überschwänglich geschenkt. Sie ist nicht bloße Überlebenshilfe, sondern Leben in Fülle. Der Tisch des Lebens ist stets reich gedeckt.

  Das christliche Modell von Spiritualität ist nach Richard Rohr nicht: Wenn ich moralisch lebe, dann werde ich von Gott geliebt; sondern umgekehrt: Mir geht auf, dass Gott mich liebt, und dann werde ich - sozusagen wie von selbst - ein moralisch wacher Mensch. Die Einladung zum Festmahl erfolgt gratis, die Eintrittskarte muss nicht hart erarbeitet werden. Aber offensichtlich ist uns eine Religion lieber, die das Gefühl gibt, aus eigener Anstrengung die Liebe Gottes verdienen zu können.

  Die Gesamt-Bibel versteht Richard Rohr als „einen Text in Arbeit" und nicht als monolithischen Offenbarungsblock, deren Bücher und Einzelaussagen jeweils endgültige, unüberholbare Offenbarungen Gottes ausdrückten. In der „Heiligen Schrift" besteht ein Nebeneinander von schlimmsten Projektionen unserer Ego-Kräfte (Schuldgefühle, Bestrafungs- und Vernichtungsgelüste, Machtgehabe, Rechthaberei ...) auf den fernen / nahen Gott und von überraschenden Durchbrüchen authentischer Offenbarungen Gottes (verstanden als innere Erfahrung des immer präsenten Liebevollen, Schönen, Heilen, Wahrhaftigen - des Sat-Chit-Ananda).

   Wenn die Bibel in ihren exklusiven und alttestamentlich-kriegerischen Segmenten fundamentalistisch wortwörtlich übernommen wird, führt dieses Verständnis häufig zu überheblichem, rechthaberischem Rückzug auf die eigene Gruppe und zu religiös legitimierter Gewalttätigkeit gegen zu Feinden erhobenen Fremden etc. (Kreuzzüge, Hexen- und Ketzerverbrennungen, Vernichtung fremder religiöser Kulturen). Die Bibel kann so mißbraucht werden, um nicht eingestandene eigene Ego-Mächte mit scheinbar göttlicher Erlaubnis oder sogar aus religiösem Pflichtbewusstsein auszuleben. Und so ist die Bibel gerade von monotheistischen Religionsgemeinschaften als höchst gefährlicher „Ratschlag-Geber" benutzt worden, der Vernichtung und Schrecken über manche scheinbar „Außenstehenden" gebracht hat.

Eric Berne: „Die Menschen werden als Prinzen und Prinzessinnen geboren, bis Ihre Eltern sie in Frösche verwandeln.“

  Dieser frühkindliche Entschluss wird meistens vergessen, beeinflusst aber nachhaltig das Lebensskript oder Drehbuch des Menschen. Die Lebenshaltung eines Menschen, der sich für die Einhaltung dieser zerstörerischen Grundbotschaften entschieden hat, wird sein: Ich bin nicht in Ordnung, mit mir stimmt grundlegend etwas nicht, ich bin nicht o.k.

  Um dieses unangenehme und verunsichernde Grundgefühl zu mindern oder zu widerlegen, entschließt sich das Kind im Alter zwischen 3 und 10 (?) Jahren, einen oder mehrere "Antreiber" für sich zu übernehmen:

  Destruktive Grundbotschaften sind verdeckt und den Eltern nicht bewusst und werden häufig unreflektiert von Generation zu Generation weitergegeben.

(„Dein Bruder ist nun einmal klüger!“ „Alte Heulsuse!“  „So ein unsportliches Kind hab ich schon lange nicht mehr gesehen.“ „Dass du kein Mathe kannst, hast du von Mama geerbt.“ „Nie kann man sich auf dich verlassen!“ ....)

  Aber es liegt in der Entscheidung des Kindes, ob es welche Bann-Botschaft für sich übernimmt: Ich habe kein Recht zu leben! Ich bin unwichtig! Ich schaffe es nicht! Ich komme nicht zu nahe! oder andere.

Ja, indem man eine Lebensmöglichkeit entwickelt, die da lautet: Ich bin geliebt und Du bist geliebt (Ich bin o.k.. du bist o.k.)

Und konkreter: Indem wir Bann-Botschaften und Antreiber (mit Hilfe eines Therapeuten) ersetzen durch Erlauber. Erlaubnisse kann man sich selbst, seinem Kind-Ich aus seinem wohlwollenden Eltern-Ich heraus zukommen lassen. Mit einer Erlaubnis kommt der Übende mit seinem unbefangenen, skriptfreien Kind in Beziehung.

1. Beeil dich!

2. Sei perfekt!

3. Streng dich an!

4. Sei stark!

5. Mach` s mir recht!

Sich selbst

bevatern und bemuttern

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