Advent in New York City - Manhattan  (07. - 14.12.2006)

Reisen


Meinen Sie Zürich zum Beispiel

sei eine tiefere Stadt,

wo man Wunder und Weihen

immer als Inhalt hat?


Meinen Sie, aus Habana,

weiß und hibiskusrot,

bräche ein ewiges Manna

für Ihre Wüstennot?

New York City - 10.12.2006

Der Jetlag lässt mich schon um 3.30 a.m. aufwachen mit diesem Gedicht von Gottfried Benn, das ich im Deutschunterricht habe häufig interpretieren lassen. Von dem Google-Apartment, in dem Margret und ich bei Kristina und Gereon eine Woche lang zu Gast sind, fällt der Blick vom 18. Stockwerk in die Straßenschlucht der 6th Avenue. „Fällt“ mich „die Leere an“? Eher distanzierte Verwunderung über Grandiosität, Tempo und Lärm in Manhattan: der ununterbrochene Verkehrslärm, das Gehupe der yellow cabs, die amerikanisch-heulenden Sirenen der Notfahrzeuge, die ständig eilenden Menschen zwischen 20 und 50 J. (Kinder und Alte sieht man in Midtown selten), die imposanten Gebäude (das Empire State Building ist nur sechs Straßen entfernt).


Köln - 17.12.2006

„Meinen Sie NYC sei eine tiefere Stadt, wo man Wunder und Weihen immer als Inhalt hat?“ Diese leicht arrogant wirkende rhetorische Frage Benns, die von vornherein Transzendenzerfahrungen in Metropolen ausschließt, beschäftigt mich weiterhin.

Ein theologischer Bestseller meiner Studienzeit kommt mir in den Sinn: „Stadt ohne Gott?“ von Harvey Cox. Urbanisierung und Säkularisierung sieht Cox als positive Zeichen des Handelns Gottes, als Herausforderung an die Christen, die verheißene „Neue Stadt Gottes“ (Offg 21) mitaufzubauen.

Meine spirituelle Suchrichtung hat sich in dem einwöchigen Erlebnis von Manhattan verändert: Gott nicht nur „in der Tiefe“ (so Paul Tillich, der berühmte amerikanische Theologe), sondern auch an der Oberfläche; göttliche Gegenwart lässt sich spüren nicht nur in Ruhe und Stille (s. 1 Könige 19, 12: Elija am Berg Horeb: ER war nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, aber dann im sanften, leisen Säuseln), sondern auch in Hektik und Lärm; Ausdruck des Numinosen nicht nur in traditioneller Kunst (mittelalterliche Buchmalerei, Fresken etc.), sondern auch in kultiviertem Kitsch. Die Frage nach der Präsenz von Transzendenz auch in Urbanität und Säkularität stellt sich mir neu.

„Ach, vergeblich das Fahren!“ - Nein, es war eine wunder-schöne Reise nach New York

mit faszinierenden Eindrücken. Allerdings ist auch in der Diashow fast nur die Schokoladenseite von „Big Apple“ berücksichtigt. Hinterhöfe, Sozialwohnungen und vor allem die in ihnen lebenden Menschen kommen kaum vor in meinen




Impressionen und Assoziationen

Bahnhofstraßen und Rueen,

Boulevards, Lidos, Laan -

selbst auf den Fifth Avenueen

fällt Sie die Leere an -


Ach, vergeblich das Fahren!

Spät erst erfahren Sie sich:

bleiben und stille bewahren

das sich umgrenzende Ich.


Gottfried Benn (1959)

Okt. 2007

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New York City II (26. Sept. - 3. Okt. 2007)

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