Die Suche nach dem Wahren Selbst

X.  Der Ochs und sein Hirte

Eine Zen-Parabel in 10 Bildern

  Im 15. Jahrhundert malte ein japanischer Zen-Mönch zehn Bilder zu der altchinesischen Zen-Geschichte vom Ochsen und seinem Hirten. Seine Tuschezeichnungen erzählen die stufenweise spirituelle Entwicklung aus Vergessenheit über die  Suche zur erneuten Entdeckung der ursprünglichen Wesensgestalt.

  „Mit dem Ochsen soll unser eigenes Herz und unser anfängliches Wesen gezeigt werden. Er weist gleichnishaft in das, was wir anfängliches Selbst, Buddha-Natur oder Ursprung der Wahrheit nennen.“

(Der Ochs und sein Hirte, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2008, S.55)

„Da wir gewöhnlich in den weltlichen Leiden-schaften umherirren, müssen wir eigens zur Heimat unseres eigenen und anfänglichen Wesens zurückkehren.“ (S.60)

Okt. 2010                                    Zur Startseite

  Es ist ein Weg der Bewusstwerdung, den der Suchende gehen muss, der sein Leben wandelt. Der Hirte - das empirische Ich mit all seinen Konditionierungen, fixierten Selbstbildern und ständig wechselnden Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen – erfährt, dass er sein Wahres ursprüngliches Wesen, das Atman – versinnbildlicht durch das uns Europäern fremde Bild eines Ochsen oder Wasserbüffels - nie verloren, aber immer wieder verschleiert und vergessen hat. Er entdeckt wie alle Mystiker, dass sein ewiges Zuhause, das Brahman, der Göttliche Grund – bildhaft dargestellt durch den weißen Kreis - ihn immer und überall getragen hat und trägt. In der Regel muss er lange den Übungsweg gehen und alle Konzepte und Identifikationen loslassen – in manchen bildlichen Darstellungen wird die Gestalt des Ochsen immer weißer und damit unsichtbar -, bis er den Göttlichen Grund als wort-, farb- und formlose Leere – ein weißer Lichtkreis – erlebt. Auch dieses Stadium (Bild VIII) muss er übersteigen. Die Rückreise in das alltägliche Leben verdeutlicht, dass das Reine Selbst / das Göttliche Sein in jeder Form, jeder Farbe und in jedem Wort anwest.

  Andere Weisheitsströmungen und Religionen außerhalb des Zen-Buddhismus haben andere Bilder und Konzepte genommen, um die innerste Wahrheit des Menschen und der Welt zu benennen oder zu veranschaulichen:

-  Engel als Symbole für den bildlosen Gott und das innerste Geheimnis des Menschen (Judentum, Christentum, Islam),

-  die Kostbare Perle, Christus-Natur, „in-Eins-mit-Christus-sein“ (Christentum),

-  Innere Wohnungen, Kristall (Teresa von Avila),

-  Transparenter Grund und „Bürglein“ der Seele (Meister Eckhart),

-  Göttliche Essenz im Menschen (Sufismus),

Advaita, die Nicht-Zweiheit von Mensch / Welt und Gott (Upanishaden),

-  ein weißer Lichtkreis (ZEN, Marc Chagall).

Das Lied von der Perle


  „Als ich ein Kind war und in meinem Königreiche wohnte, dem Hause meines Vaters, erfreute ich mich am Reichtum und Ruhm meiner Herkunft.“

  Den jungen Mann schicken die Eltern nach Ägypten, um die Perle zu holen, die von einer Schlange bewacht wird. Als er dort angekommen ist, entledigt er sich des „safrangoldenen Strahlenkleides“ und legt ägyptische Kleider an; man gibt ihm Drogen und er vergisst seinen Ursprung und seinen Auftrag.

„Ich vergaß, dass ich ein Königssohn war, und vergaß sie, die Perle, und versank in tiefen Schlaf.“

  Sein Vater schickt ihm einen Brief, um ihn wachzurütteln:

„Erwache und erhebe Dich von Deinem Schlaf. Erinnere Dich, dass Du ein Königssohn bist. Gedenke der Perle, erinnere Dich Deines Strahlenkleides.“

  Er besinnt sich, überwindet die Schlange, nimmt die Kostbare Perle, legt die schäbigen Kleider ab und zieht sein Strahlenkleid wieder an.

„Das Bildnis des Königs der Könige war dem Gewand aufgemalt und es glich mir selbst, gleich einem Spiegelbild. Ich sah es in mir und in ihm sah ich mich, und ich erblickte meine Ganzheit.“

  Und er kehrt heim, um dem König die Perle darzubringen.


(Mysterienmärchen aus den syrischen Thomas-Akten cap. 108ff, ca. 250 n.Chr.)

www.celtoslavica.de/sophia/Perle.html

  Auf dieser Webseite wird die buddhistische Bildgeschichte „Der Ochse und sein Hirte“ durch Fotos von einer Kristallkugel begleitet. Wie die „Kostbare Perle“ (oder der „Stein der Weisen“) kann diese ursprünglich transparente Kristallkugel, in der sich das Licht in millionenfachen Farbnuancen bricht, als ein augenfälliges Symbol für unsere ursprüngliche Wesensgestalt, unser Selbst und den Reinigungsprozess der Transparenz stehen. Mystische Gemälde von Marc Chagall in dem Gold-Kreis der Ewigkeit weisen noch stärker auf eine jüdisch-christliche Tradition hin.

  Nicht nur Buddhisten und Zen-Schüler können die in der Ochsenhirtgeschichte ausgedrückte Tiefenerfahrung erleben und praktizieren, sondern auf vielfältige Art und Weise auch Juden, Christen, Muslimen, im Grunde jeder Mensch.

1. Bild: Die Suche nach dem Ochsen

2. Bild: Das Finden der Ochsenspuren

  Auf der Suche nach dem ursprünglichen Wesen gibt es viele Irrwege. Auch das Studium der Heiligen Schriften der großen Weisheitstraditionen lässt nicht automatisch den „Ochsen“ finden. Ein intellektuelles Begreifen der Sutren, der Upanishaden oder der Bibel ist nicht gleichzusetzen mit dem Finden der Innersten Wahrheit. Auch wenn rational verstanden wird, dass alle (theologischen) Konzepte die Eine und Erste oder Letzte Wirklichkeit nicht adäquat erfassen können, sind dadurch nur Spuren erkannt, aber nicht das Innersten Wesen des Seins und des Seelengrundes, das formlose Leere und Nicht-Zweiheit (Einheit von Seele und Gott: mysterium ineffabile) ist.

3. Bild: Das Erblicken des Ochsen

  Das „Dritte Auge“ und das „Dritte Ohr“ öffnen sich und der „Ochse“ wird erblickt, wenn auch nur sein „Hinterteil“. Bisher stellte der Hirte sich vor, dass das Selbst (Seelengrund und Gott) eine Substanz außerhalb oder innerhalb sei. Jetzt erfährt er, dass das gesuchte ursprüngliche Selbst nicht getrennt von ihm ist, dass es kein Zweites ist, sondern leer von jedem Inhalt ist und zugleich Alles einbezieht. Der „Ochse“, das ursprüngliche Sein west in allen Dingen und Gedanken an, wie das Salz im Wasser der Meere oder wie das Gold in Krone, Ring und Kelch. Die ganze Umgebung, in der wir leben, ist nichts anderes als der „Ochse“ selbst („Alles und in Allem: Christus“). Diese Erleuchtungserfahrung transzendiert jegliche Form und Farbe der Oberfläche und verändert die Sichtweise auf die Dinge von Grund auf.

4. Bild: Das Ergreifen des Ochsen

   Es ist nicht leicht, den „Ochsen“ von seinen alten Gewohnheiten, von seinen Leidenschaften und Verblendungen  loszureißen. Es bedarf disziplinierter und ausdauernder Übung, um ihn behutsam und langsam zu zügeln und so die angewöhnten Anhaftungen loszulassen. Dazu gehört auch die Relativierung der  Großen Erfahrung auf der III. Stufe („Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.“)

  Auf den Lorbeeren dieser einmaligen Erleuchtung darf sich der Hirte nicht hochmütig ausruhen. Vielmehr muss die dualistische Sichtweise endgültig aufgegeben und eine nicht-dualistische weiterhin in Demut und mit Entschlossenheit eingeübt werden.

5. Bild: Das Zähmen des Ochsen

  Der Hirte darf nicht aufhören, den „Ochsen“ zu zähmen, d.h. geduldig und streng mit sich die bisherigen Erfahrungen zu internalisieren. Die Erkenntnis, dass das Selbst und das Universum im Grunde leer sind, und dass alle Gedanken und Konzepte nur der Finger auf den Mond, aber nicht der Mond selbst sind, muss nachhaltig und konkret durch Zazen (Sitzübungen), Kontemplation und Vipassana (Klarsicht) ständig realisiert werden. Wenn der Hirte meint, „es geschafft zu haben“, und sich hochmütig arrogant ausruht auf seiner Eins-Erfahrung, verliert sich der Ochse wieder im Staub und Schmutz der Unterscheidungen und Subjekt- / Objekt-Spaltungen.

Immer schon beheimatet im Haus des Seins, im Göttlichen Pleroma; aber dem Wahren Wesen entfremdet

Lichtspuren, Heilige Worte, ein Glitzern der Herrlichkeit

Aufleuchten des Inneren Lichtes

Fließende Balance zwischen Wahrem Selbst und Ego-Kräften

Stärkung des Erfahrungs-Glaubens an die ungeteilte Göttliche Essenz

6. Bild: Der Heimritt auf dem Ochsen

  Auf dem Rücken des Ochsen reitet der Hirte langsam nach Hause. Im rötlichen Abendlicht spielt er auf seiner Flöte. Jeder Takt, jeder Ton ist erfüllt von unvorstellbarem Klang.

  Der Kampf ist vorüber; der Hirt hat die Integration aller Seelen- und Verstandeskräfte erreicht. Man hat tief erkannt, dass alle Unterschiede im Grunde substanzlos sind. Die Einung von Mensch und Welt (und Gott) ist erreicht. Hirt und Ochse kehren heim. Ähnlich wie ein Kind, das fröhlich auf seiner Flöte spielt, bewegt er sich ohne Hemmung frei und frohgemut auf seinem Weg ...

  Alle Dinge nehmen ihren Lauf. Tag für Tag, Stunde für Stunde tut man einfach das, was jetzt dran ist, und geht seinen Weg ohne Hindernis. Der Hirte lebt nun das Hier und Jetzt als seine Ewige Heimat. Aus der Selbstentfremdung kommend („Gott ist in uns zu Hause, wir sind in der Fremde“), hat er nun die Einheit mit seinem ursprünglichen Selbst, mit seinem unaussprechlichen Seelengrund gefunden. Jeder Ton und jeder Rhythmus vermittelt den Klang der Unendlichkeit. Das ist so, weil jede Bewegung der Hand, jeder Schritt mit den Füßen und jeder Grashalm als eine Manifestation des wahren Selbst erlebt wird. Es ist ein wunderbarer Zustand, aber es besteht die Gefahr, dass Zen (und alle kontemplative Erfahrung) nur der Selbstbestätigung dient. Dann ist es wichtig, sich an die Weisung zu halten: Übe weitere dreißig Jahre!

7. Bild: Der Ochse ist vergessen, der Hirte bleibt

  Wir sind angekommen an der 7. Station: Die Präsenz des Ochsen, unseres uranfänglichen Wesens, das wir wiedergefunden und integriert haben, ist so selbstverständlich, dass sie vergessen wird. „Über alle Zeiten und Räume leuchtet das Licht des ursprünglichen Wesens, klar und durchsichtig ... In diesem Einssein, in der Ungeschiedenheit, kommt die Buddha-Natur (Christus-Natur, Nicht-Zweiheit) zum Scheinen“ („Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges ... können uns scheiden von der Liebe Gottes in Christus Jesus“ - Röm 8). Eine große Ruhe ist in das alltägliche Leben eingekehrt. Man ist an nichts gebunden, an nichts Heiliges und an nichts Weltliches. Kein Wölkchen am Himmel  beschattet das Herz. Überall ist der Hirte  zu Hause, auf dem Gipfel des Berges und im Gedränge der Straßen.

8. Bild: Ochs und Hirte sind verschwunden

   Ein weißer Kreis ohne jeden Inhalt. Wie ist dieser Zustand zu erreichen? „Verweile nicht dort, wo die Buddhas sind, geh dort schnell vorbei, wo sie nicht sind.“ Verweile nicht bei religiösen Theorien und Emotionen, lass alle Anhaftungen und Unterscheidungen schnell vorüberziehen. Ochs und Hirte sind vollkommen vergessen. In dieser Vergessenheit verehrt der Schüler weder den Meister, noch schätzt er seinen eigenen Geist. Der Spiegel seines Herzens wird leer und klar, und sein Wesen öffnet sich weit. Er lässt das Irren und hängt sich nicht an die Wahrheit. Er lässt das Sein und hängt nicht am Nichts. Er erfährt die absolute Leere, in der alle Substanz und jedes Seiende aufgehoben ist, aber nicht als Nichts, sondern als Fülle und Licht. „Schneeflocken fallen in die Sonne.“

Große Seinserfahrung, Erleuchtung, Erwachen, Pure Präsenz, Satchitananda

9. Bild: Die Heimkehr in den Grund und Ursprung

  Nachdem der Schüler den Bereich der absoluten Leere und Stille durchlebt hat, wendet sich seine Abgeschiedenheit von  aller Unterscheidung zur Gegenwärtigkeit in allem Unterschiedenem. Die Vielfalt der Dinge und Konzepte erweist sich als die Präsenz und Manifestation des ungeschiedenen Einen. Im Bewusstsein des Schülers ist nun die Welle das Meer, ist das Wölkchen der Himmel, ist die Rebe der Wahre Weinstock. Zu Beginn des Weges war der Berg nur Berg und der Fluss nur Fluss, nach dem Erwachen war der Berg Nicht-Berg und der Fluss war Nicht-Fluss. Gelangen wir auf Stufe 9 in den Ursprung und Grund, ist der Berg durchaus Berg und der Fluss durchaus Fluss. Alles und jedes wird nun in absoluter Weise bejaht, weil es das ungeschiedene Göttliche Mysterium vergegenwärtigt. Alles ist wie einst. Aber das Bewusstsein hat sich geöffnet: Diese unsere konkrete Welt ist in ihren sich ständig verändernden Formen und Farben, so wie sie ist, nichts anderes als das Anwesen des ursprünglichen Wesens („Alles und in Allem: Christus“ -Kol, 3,11).

Im Grunde ist alle Suche unnötig gewesen, denn das Gesuchte war immer schon da. Die Türen zur Erleuchtung standen von Beginn an offen.

Der Hirte ist in sein alltäglich-weltliches Wesen zurückgekehrt, und dort wohnt er im Göttlichen Ursprung und Grund.

Die Eine Wirklichkeit als Symphonie und Tanz „Gottes“, als vielfarbige Christophanie

10. Bild: Auf dem Markt mit offenen Händen

  Das Bewusstsein ist von allen Konzepten und Dualismen gereinigt. Auf dieser Stufe lebt der Mensch in völliger Freiheit und natürlicher Einfachheit. Nichts kann ihn verwirren. Er führt ein Leben in Einklang mit sich Selbst, den Mitmenschen, der Welt und mit Gott, was alles im Grunde eine ungeschiedene Einheit bildet. Von außen ist ihm nicht anzumerken, dass er in die absolute Leere / Lebensfülle, in das Reine Gewahrsein zurückgekehrt ist. Er spielt das Spiel der „vielfarbigen Weisheit Gottes“ wie alle anderen. Keine willkürlichen Normen und Identifikationen binden ihn. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Im Buddhismus heißt diese Seinsart „Lotus im Feuer“ oder „Juwel im Schlamm“. Manche erscheinen auf dieser Stufe wie „heilige Narren“. In jedem Menschen sehen sie die verborgene Buddha- (oder Christus-) Natur (Den Christen unter ihnen ist alles Innere und Äußere: „Christophanie“ - R. Panikkar) Dabei sind sie erfüllt von einem tiefen Mitgefühl mit allen Leidenden. In allen Lebensäußerungen realisieren sie die eine Grundhaltung: „In Gott eintauchen, bei den Armen auftauchen“ (Paul Zulehner).

All - Liebe

Die SUCHE NACH DEM WAHREN SELBST

Die 10 Bilder der buddhistischen Hirt-Ochs-Geschichte

und Gemälde Marc Chagalls

im Lichte west-östlicher Mystik


(www.adolf.frahling.de: November 2011 - März 2013 - 2016)

Heitere Heimkehr: Alles ist erfüllt vom Glanz, Klang, Geschmack und Duft der Unendlichkeit

Klärung des getrübten Geistes und Besänftigung von destruktiven Neigungen

Ich-vergessenes und lobpreisendes Leben im Haus des Seins, im All der Einen Wirklichkeit

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  Wozu das Suchen?

Das eigene ursprüngliche (von Gott geschenkte „paradiesische“) Wesen, symbolhaft in einem Ochsen dargestellt, ist nie verloren gegangen; aber der Mensch, der Hirte, hat sich seinem wahren Selbst entfremdet und sich den Dingen außerhalb zugewendet. Die uranfängliche Buddha-Natur (oder Christus-Natur; „das, was wir ´Gott`  nennen“) birgt der Mensch vollkommen in sich. Frühzeitig wird sie aber verschleiert durch Verblendung, Gier und Hass. Der Hirte hat zwar eine dunkle Ahnung von dem „Inneren Licht“, irrt aber auf dunklen Seiten- und Abwegen umher. Die Rückkehr und das Erwachen erfordert einen Großen Glauben an die permanente Göttliche Präsenz, ein Ungenügen an dem Erreichten und eine feste Entschlossenheit.

  1. 1. Bild: Die Suche nach dem Ochsen


Immer schon beheimatet im Haus des Seins, im Göttlichen Pleroma -  aber dem Wahren Wesen entfremdet