Malerei und Musik

Marc Chagall und Orpheus

  Orpheus ist der berühmteste Sänger und Musiker in der antiken Mythologie. Seine Eltern sind Apollo, der Gott der Musik, und die Muse Kalliope, die schönstimmige Patronin der epischen Dichtung. Ihr Sohn Orpheus ist daher ganz und gar von Musik erfüllt; mit seinem Gesang und dem Spiel auf der Lyra bezaubert er alle Lebewesen und Dinge. Steine und Götter vermag er zu berühren und zu entzücken. Bei seiner betörenden Musik heben sich Felsen aus dem Weg, Ströme verändern ihren Lauf, Tiere vergessen ihre Wildheit, er übertönt den gefährlichen Gesang der Sirenen und verwandelt Krieg und Streit in Frieden und Harmonie.

  In der späteren europäischen Rezeption durch Literatur, Musik und Kunst ist seine tragische Liebe zu der schönen Nymphe Eurydike in den Vordergrund gestellt worden. Als diese schon bald nach Hochzeit und kurzem gemeinsamen Glück stirbt und den Gang in den Hades tun muss, eilt er ihr durch ganz Griechenland nach und findet den Eingang zur Unterwelt.

Voll leidenschaftlicher Liebe und im Vertrauen auf seine Musik steigt er hinab und beginnt er nach seiner geliebten Eurydike zu rufen und mit Stimme und Lyra den Tartarus mit göttlichen Klängen zu erfüllen und zu verzaubern.

  Seit Clemens von Alexandria (ca. 150-215 n.Chr.) wurde Orpheus als Präfiguration Christi gedeutet. Vor allem in seinem Abstieg in den Hades sahen die frühchristlichen Kirchenväter ein Vor-Bild für den österlichen Abstieg Christi in die Unterwelt (vgl. meine Webseite "Auferstehung").

Sie sehen in Christus den wahren Orpheus. Er - der göttliche Logos - ist der Sänger par excellence, der das Neue Lied singt. Schon bei der Erschaffung der Welt gab Christus "als das reine Lied auch dem All eine harmonische Ordnung und stimmte den Missklang der Elemente zu geordnetem Wohlklang, damit ihm die ganze Welt zur Harmonie", zu einer wohlklingenden Sinfonie werde. "Der göttliche Logos verschmähte Lyra und Harfe, diese leblosen Instrumente; er erfüllt durch den Heiligen Geist diese Welt und dazu auch den Mikrokosmos, den Menschen, seine Seele und seinen Leib mit Harmonie und preist Gott mit diesem vielstimmigen Instrument und singt zu diesem Instrument, dem Menschen“. (Protreptikos)

Klemens von Alexandrien versteht also die ganze Schöpfung als eine harmonische Sinfonie, komponiert und gespielt durch den göttlichen Orpheus: Christus. Der einzelne Mensch wird als ein Musikinstrument in der Hand Christi gesehen, mit dem dieser göttliche Musikant Gott lobt und preist.

Marc Chagall: Quellen der Musik 1966 (Metropolitan Oper New York - Ausschnitt)

Vor einem spätrömischen Mosaik (2. Jahrh. n.Chr.) in Antakya (Türkei): Orpheus zähmt wilde Tiere durch seinen lyrischen Gesang

Der griechische Mythos

  Auch das Erlösungswerk und die Auferstehung Christi deuten viele Theologen der christlichen Frühzeit (Eusebius, Kyrill u.a.) im erhellenden Licht der mythologischen Orpheus-Erzählung. Christus ist wie Orpheus in die Totenwelt hinabgestiegen; die Mächte des Todes hat er bezwungen und alle Toten (Eurydike) herausgeführt ins Land der Lebenden, und das endgültig, im Gegensatz zu dem mythischen Orpheus, der letzten Endes gescheitert ist.

  Eine berühmte antik christliche Kreuzdarstellung (3.Jahrh.) auf einem Eisenzylinder nennt den gekreuzigten Christus „ORPHEOS BAKKIKOS“  - bacchushafter Orpheus. Für den frühchristlichen Künstler scheinen in Christus die in den hellenistischen Gottheiten Bacchus und Orpheus angedeuteten göttlichen Züge vollendet auf: Durch Kreuz, Auferstehung und Geistsendung schenkt Christus das Neue Lied und den Neuen Wein aus. Er ist der wahre Orpheus, der die Menschheit als seine Braut aus den Tiefen des dunklen Hades heimholt in das Reich des Lichtes und mit ihr ein rauschendes Fest feiert.

  Nach Klemens von Alexandria hat Christus mit seinem neuen Gesang, mit seiner "neuen Melodie die bittere Knechtschaft der tyrannischen Dämonen zerstört ... Er allein zähmte die wildesten Tiere, die Menschen. Die Vögel, das sind die Leichtfertigen; kriechende Tiere, das sind die Betrüger; Löwen, das sind die Jähzornigen; Schweine, das sind die Wollüstigen; Wölfe, das sind die Raubgierigen. Stein und Holz aber sind die Unvernünftigen ... Alle diese wilden Tiere aber und die harten Steine verwandelte das himmlische Lied selbst in sanfte Menschen ... Sieh, was das neue Lied vollbrachte: Menschen hat es aus Steinen, Menschen aus Tieren gemacht ... Menschenfreundlich ist das göttliche Instrument; der Herr zeigt Erbarmen, erzieht, ermahnt, warnt, rettet, bewahrt; Und die sonst wie tot waren und keinen Anteil am wahren Leben hatten, sie wurden wieder lebendig, sobald sie nur Hörer des Gesanges geworden waren." (Protreptikos I,5)

Orpheus-Bilder von Marc Chagall - christlich gedeutet

1.  Quellen der Musik (1966) und Zauberflöte (1967)

  Der Todesfluss Styx hält ihn nicht auf - der Fährmann Charon setzt ihn bereitwillig über. Zerberus, der Höllenhund hört auf zu bellen und die Zähne zu fletschen. Die Töchter des Danaos unterbrechen ihr vergebliches Wassertragen. Der Zwangsneurotiker und Workaholiker Sisyphos macht Pause und setzt sich auf den Stein, der Nimmersatt Tantalus vergisst Hunger und Durst. Die immer nachwachsende Leber des Giganten Tithyos wird nicht mehr von den zwei Geiern zerfressen. Das Rad, auf das der Mörder Ixion geflochten ist, bleibt stehen. Die ganze Unterwelt ist betört und verwandelt durch Orpheus` wundervolle Melodien. Die Totengötter Pluton und Persephone lassen sich durch seinen Gesang rühren und entlassen Eurydike aus ihren tödlichen Banden. Sie darf zurück in die obere Welt unter der Bedingung, dass Orpheus sich nicht nach ihr umdreht, bevor sie die Lichtgrenze erreicht haben.

  Das tragische Ende ist bekannt: Orpheus verlockt seine geliebte Eurydike durch seinen Gesang heraus aus den Fesseln des Todes, dreht sich aber um (weshalb, erzählen die antiken Poeten nicht!), er unterbricht seinen Gesang und seine Musik --- und Eurydike entschwindet für immer im Schattenreich der Toten. Auch Orpheus erleidet später ein bitteres Schicksal: von Mänaden wird er in Stücke zerrissen. Laut Ovid wird er aber im Totenreich wieder mit Eurydike vereinigt.

Christus - der wahre Orpheus

  Die Vorstellung von Christus als dem neuen Orpheus hat die frühe Christenheit sehr bewegt. In den Katakomben, den Grabanlagen und geheimen Gottesdiensträumen der verfolgten Kirche in den ersten drei Jahrhunderten, findet man Fresken, die dieses Motiv aufnehmen. Als neuer Orpheus ist Christus auf einer Wand der Marcellinus-Petrus-Katakomben in Rom dargestellt.


  Er ist der Spielmann Gottes, der die Partitur des Alls komponiert hat und das Lied der Schöpfung ursprünglich anstimmt; jede Galaxie und jedes Atom, alle Menschen, Tiere, Pflanzen und Steine bringen ihren spezifischen Ton und Klang in die Gesamt-Sinfonie ein.

Er ist der Spielmann Gottes, der jeden Menschen eingestimmt hat auf den  göttlichen Ur-Klang und auf diesem Instrument die Melodie Gottes spielt.

Er ist der göttliche Sänger, der die Mächte des Todes mit seinem Gesang verzaubert und die geliebte Menschheit aus dem Dunkel des Totenreiches herausgeführt hat.

Durch das Evangelium des neuen Orpheus ertönt das Neue Lied und die Kirche ist berufen, eine einzigartige Lyra in seiner Hand zu sein. (vgl. den Vortrag von Paul Zulehner unter http://www.dsp.at/ka_kav/pict/vortrag-zwettl-pmz.pdf)

  Auf den beiden riesigen Gemälden (jeweils 9x11m) "Sources of Music" und "Triumpf of Music", die Marc Chagall 1964-66 für die New Yorker Metropolitan Opera schuf, hat er viele Musik-Themen, die schon sein bisheriges Lebenswerk durchtönten, zu einer neuen visuellen Oper zusammen-gefügt, "kom-poniert".

  Ins Auge fällt die Grund-tönung dieser Bilder: Rot, die Farbe der leidenschaftlichen Liebe und Inspiration in "Triumph der Musik", Gold-Gelb, die Farbe des göttlichen Lichtglanzes in "Quellen der Musik". Gold-Gelb als den ganzen Bildraum durchstrahlende Farbe wählte Chagall selten; auf den zwölf Gemälden seiner "Biblischen Botschaft" in Nizza nur einmal, als Mose auf dem Berg Sinai von Gott die Tafeln der Thora empfängt.

  Thora (Weisungen) und Musik versteht Chagall als ursprüngliche Gaben Gottes. In der Bildmitte von "Sources of Music" wird das Gelb transparent für die Nicht-Farbe Weiß, für das "unzugängliche Licht Gottes" (1 Tim 6,16). Dieser Raum der unfassbaren Herrlichkeit und Schönheit Gottes bildet die letzte und tiefste Quelle, aus der die Musik entspringt und hervorquillt.

Aus ihr fließt gleichsam auch die zentrale Gestalt des Bildes: Orpheus heraus.

  Das Christentum hat die antike Götterwelt entzaubert. Die Macht der todbringenden und bestrafenden Unterwelt-Götter hat ein aufgeklärter christliche Glaube als Projektionen menschlicher Ängste und Selbstbestrafungsmechanismen aufgelöst. Wer an Christus und seinen Abstieg in die Welt des Todes und seinen Aufstieg über alle Himmel glaubt (s. Eph 4,10: „Der herabstieg, ist auch über alle Himmel hinaufgestiegen, damit er das All erfülle.“), für den sind alle Bereiche des Lebens und Todes erfüllt von IHM, von seiner Präsenz, Kraft und Liebe. Und alle Schreckgestalten und Gespenster der eigenen Seele verlieren an Macht und bedrängendem Einfluss, wenn man sich ihnen - mit Christus -  mutig nähert, mit ihnen spricht und die ureigene göttliche Melodie nicht aufgibt.

Orpheus` Hinabstieg in lebensbedrohliche Zonen ist getragen von seiner Liebe zu Eurydike. Und so mag dieser altgriechische Mythos dem Glaubenden die Botschaft des Johannes „Furcht gibt es nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht.“ (1 Joh 4,18) bildhaft bekräftigen.

Orpheus vor Pluto und Persephone (ca. 440 v.Chr.)

I am shure I shall see the goodness of my Lord in the land of the living

(Lied aus Taizé)

Corot: Orpheus führt Eurydike aus der Unterwelt heraus (1861)

Der Gekreuzigte als ORPHEOS BAKKIKOS (ca. 250 n.Chr.

Marc Chagall: Triumph der Musik 1966

(Metropolitan Oper New York - Ausschnitt)

Gesang des Orpheus


Am Ufer des Styx

Vor der Großen Überfahrt...


Eurydike die Nacht-Gesichtige verloren

Zurückblicken wie sie:

Tränen und Träume

Lachen und Klagen

Umarmen und Sterben


Die Lyra in den Händen

einstimmen in das Neue Lied

und nachlauschen der eigenen Melodie

Himmlische Stimmen aus Licht

im Land der Lebenden

ER steht am Anderen Ufer

Wer setzt uns über?


Ich werde singen wie Orpheus ...

  Am rechten Bildrand von „Quellen der Musik“ hat Chagall die Vision

Jesajas vom kommenden paradiesischen Frieden aufgenommen.

Im 11. Kapitel entwirft der alttestamentliche Prophet ein Hoffnungsbild

der messianischen Zeit. Ein Nachkomme des Königs und Psalmensängers

David wird Gerechtigkeit, Frieden und Harmonie in die Menschen- und

Tierwelt bringen. "Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt

beim Böcklein, Kalb und Löwe weiden zusammen, ein Kind kann sie

hüten. Der Säugling streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.

Das Land ist erfüllt von der Erkenntnis Gottes."


  Diese Vision Jesajas erscheint als Randmotiv auf vielen Bildern Chagalls. Hier allerdings in einer "orpheischen" Variation: der paradiesische  Friede, der Einklang aller Lebewesen wird durch einen Flöte spielenden Engel bewirkt.

1967 hat Chagall diese Szene in einem eigenen Gemälde "Die Zauberflöte" (s.u.) gestaltet.


  Das Christentum hat die Vison Jesajas von dem zukünftigen Nachkommen Davids und Friedensbringer schon früh auf Jesus Christus bezogen. Anklänge an diese christliche Interpretation lassen sich bei Chagall schon auf seiner Radierung "Messianische Zeit" (1931-39 / 1956) finden. Das Kind in der Mitte von Löwen und Schafen, Schlangen und Lämmern, das die Tiere hütet, versieht er mit einem Heiligenschein - ein starker Hinweis darauf, dass dieses wehrlose göttliche Kind, dieser kleine Hirte der ersehnte messianische Nachkomme Davids ist, der eine endgültige Harmonie zwischen Tier, Mensch und Umwelt herbeiführt.

Diese messianische Gestalt - Christus - verschlüsselt Chagall in den 60-er Jahren dann im Bild-Zeichen eines Flöte spielenden Engels. Auf seiner Zauberflöte spielt dieser göttliche Musikant das Neue Lied der Versöhnung aller Feindschaft und Gegensätze. Die Mächte des Todes besänftigt ER, Missklänge transponiert ER in Wohlklänge, die ganze Schöpfung durchtönt ER mit seinen herrlichen Ac-corden („zum Herzen“) und so vollendet ER die „Anakephalaiosis“, die Rückkehr und Zusammenfassung aller Dinge in Christus (Eph 1,10), die "Neue Erde" (Offbg 21,1), das "Pleroma Gottes" (Eph 3,19), das "Neue Paradies" (Offbg 22, 1f).

Orpheus-Bilder von Marc Chagall - christlich gedeutet

2.  Il Concerto (1957) und Orpheus (1959)

Christus entreißt Adam und Eva der Unterwelt - Ikone aus Taizé

  Motive aus dem griechischen Orpheus-Mythos geben einigen faszinierenden Gemälden Chagalls aus den 50-er Jahren ein geheimnisvolles Flair.

Il concerto (1957) macht das Leben als eine große Sinfonie seh- und hörbar. Die Musik eines Orchesters unter der Leitung eines bockköpfigen Geigenspielers (Selbstbildnis Chagalls?) klingt einem Liebespaar in einem Boot nach, das zum Anderen Ufer übersetzt. Eine orpheische Gestalt mit Lyra geleitet es wie der mythische Bootsmann Charon über den meerähnlichen Fluss hinüber zur Jenseite. Dort steht ein wie ein Zirkusakrobat gekleideter Flötenspieler, der den Betrachter frontal anblickt und ihn seine betörende Musik hören lässt. In der unsichtbaren und zugleich alle Farb-Töne enthaltenden Nicht-Farbe Weiß stimmt er überein mit dem großen Lichtkreis, der die gesamte Szenerie be-stimmt und dem sich ein Tier-Engel mit Geige und eine Kreuzesgestalt in einem gold-gelben Farbfeld zuwenden.


Il concerto ist eines meiner Lieblingsbilder. Es singt das Lied des Lebens von Liebe, Tod und Unsterblichkeit. Mir wichtige bildhafte Aussagen der christlichen Tradition finde ich hier geheimnisvoll angedeutet wieder:

  1. -In dieser Nacht fingen sie nichts. Als der Morgen dämmerte, stand Jesus am Ufer (Johannes 21, 4)

  2. -Die Leute ... stiegen in die Boote ... und suchten Jesus. Als sie ihn am andern Ufer des Sees fanden ... (Johannes 6,25)

  3. -Der Herr ist mein Lied. Mein Saitenspiel ist Oh ER (Psalm 118)

  4. -Was kein Ohr gehört, was in keines Menschen Herz aufgegangen: das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben (1 Kor 2, 9)


  Diese biblischen Verheißungen erfüllen sich auch schon im Hier und Nun. Von Christus, dem göttlichen Logos, dem Ur-Wort und Ur-Klang ist die Musik des Alls getönt und gestimmt.

Er schenkt Seine Freude, Sein Flötenspiel, Seine Lebenszauber, Seine Lust am Leben nicht abstrakt, sondern durch Ereignisse, Begegnungen, Einsichten, Sinneswahrnehmungen, Gefühle, durch den süßen und bitteren Wein unseres Lebens, durch den auf- und durchscheinenden Glanz Seiner Liebe, Weisheit und Schönheit.


  Nach hinduistischer und buddhistischer Praxis bildet das Mantra OM das göttliche Urwort.

„Mit der Silbe OM als Boot,

überquert der Weise den Raum des Herzens

und gelangt ans Andere Ufer,

in den innersten Raum,

der sich ihm offenbart...

und so tritt er ein in die Wohnung Brahmans.“

Der christliche Mönch Henri Le Saux Abishiktananda (Christus ist meine Glückseligkeit)  kommentiert dieses Wort aus den Maitri Upanishaden 6,28 so:

„OM ist die vollkommene Kommunion mit dem Universum für den, der in Gott erwacht ist, und ebenso die Kommunion mit jedem Menschen... Im Rhythmus des Körpers und der Seele des Menschen, seiner Herzschläge, seines Atems wie seiner Gedanken, und ebenso im Rhythmus des Kosmos ... ist OM der Ruf an jedes Wesen, zu seiner Fülle zu gelangen, ja in jedem geringsten Akt, in jedem vorübergehenden Augenblick schenkt es diese Fülle von neuem. Könnte man nicht in christlichen Begriffen sagen, dass OM ... die Rückkehr und Zusammenfassung  von allem in Christus ist ...?“

(Henri le Saux: Die Gegenwart Gottes erfahren, Mainz 1980, S.98)

Christus - der wahre Orpheus (Marcellinus-Petrus-Katakomben in Rom)

In einem zwei Jahre später komponierten Gemälde (1959) steht ebenfalls eine muszierende Gestalt am Anderen Ufer: Orpheus.

  Ich lese die vier vertikal angeordneten Farbzonen als Sequenzen von links nach rechts.

Aus ihrem Lebensbereich (Rot: Lebenslust, Verwundungen) schauen Menschen über den grünen Fluss (Grenze zwischen Diesseits und Jenseits) und eine violette Farbzone (Annäherung an das Jenseits durch Symbole in der Kunst: Pegasus als Bildzeichen für Dichtung?) hinüber zum anderen Ufer (Blau), wo Orpheus wie träumend die Lyra spielt. Drei Frauen hören ihm zu; eine streckt ihm die Hände mit einem Blumenstrauß oder einer Art Schattengesicht entgegen.

Über dem grünen Fluss  leuchtet ein großer  Doppelkreis in gold-gelber Farbe und verbindet die Welt der Lebenden und der Toten. Eine Brücke ist in dem blauen und violetten Farbfeld zu erkennen, die aber den grünen Fluss nicht überspannt. Wie kann man den Fluss überqueren, um in das Land auf der Jenseite zu gelangen?

Auf Kopf und Lyra des Orpheus liegt der Lichtglanz der Sonne, die auch in die dunkle geheimnisvoll-blaue Welt hineinleuchtet.

So wie Orpheus ist Christus in die Unterwelt der Toten hinabgestiegen, hat die Fesseln und Bande des Todes durch Seinen neuen Gesang gelöst und die Menschheit heraufgeführt in das Land der Lebenden. ER ist nicht gescheitert wie letztlich sein mythologischer Vorgänger. Seit Seinem Tod und Seiner Auferstehung erhellt und erwärmt die österliche Sonne endgültig alle scheinbar finsteren und kalten Lebensbereiche.

Chagall: Quellen der Musik - Orpheus 1966 (Metropolitan Oper New York - Ausschnitt)

Chagall: Messianische Zeit

(1931-39/56 - Ausschnitt)

Chagall: Die Zauberflöte

(1967 - Ausschnitt)

Orpheus zähmt wilde Tiere

(2.Jahrh. n.Chr. - Antakya)

Chagall: Il concerto 1957 (Ausschnitt)

Chagall: Orpheus 1959 (Ausschnitt)

05.Mai 2009

  „Verwandlung durch Musik“ und die „Große Überfahrt ans Andere Ufer“ bilden Grundthemen in zahlreichen mythologischen, biblischen und märchenhaften Erzählungen.

Der bekannte Kinderbuchautor Janosch hat folgende Geschichte erzählt:


Der Tod und der Gänsehirt

  Einmal kam der Tod über den Fluss, wo die Welt beginnt. Dort lebte ein armer Hirt, der eine

Herde weißer Gänse hütete. „Du weißt, wer ich bin, Kamerad?" fragte der Tod. „Ich weiß du

bist der Tod. Ich habe dich auf der anderen Seite hinter dem Fluss gesehen."  „Du weißt, dass

ich hier bin um dich zu holen und dich mitzunehmen auf die andere Seite des Flusses?“ „Ich

weiß. Aber das wird noch lange sein.“

"Oder wird nicht lange sein. Sag, fürchtest du dich nicht?"

"Nein", sagte der Hirt. "Ich habe immer über den Fluss geschaut, seit ich hier bin, ich weiß,

wie es dort ist."

"Gibt es nichts, was du mitnehmen möchtest?"

"Nichts, denn ich habe nichts."

"Nichts, worauf du hier noch wartest!"

"Nichts, denn ich warte auf nichts."

"Dann werde ich jetzt weitergehen und dich auf dem Rückweg holen. Brauchst du noch

etwas, wünscht du dir noch etwas?"

"Brauche nichts, hab' alles" sagte der Hirt. "Ich habe eine Hose und ein Hemd und ein Paar

Winterschuhe und eine Mütze. Ich kann Flöte spielen, das macht lustig. Meine Gänse

verstehn' nicht viel von Musik."

Als dann der Tod nach langer Zeit wiederkam, gingen viele hinter ihm her, die er mitgebracht

hatte, um sie über den Fluss zu führen. Da war ein Reicher dabei (...)  Ein Rennfahrer war unter ihnen (...) Ein Berühmter (...) Dann war da ein junger Mensch (...) Ein schönes Fräulein war dabei und viele Reiche, die jetzt nichts mehr besaßen, und noch mehr Arme, die jetzt auch nicht das besaßen, was sie gerne hätten haben wollen. Ein alter Mann war freiwillig mitgegangen (...).

Als sie an den Fluss kamen, wo die Welt aufhört, saß dort der Hirt. Und als der Tod ihm die

Hand auf die Schulter legte, stand er auf, ging mit über den Fluss, als wäre nichts, und die

andere Seite hinter dem Fluss war ihm nicht fremd. Er hatte Zeit genug gehabt,

hinüberzuschauen, er kannte sich hier aus, und die Töne waren noch da, die er immer auf der

Flöte gespielt hatte: er war sehr fröhlich. Das war schön für ihn. Was mit den Gänsen

geschah? Ein neuer Hirt kam.

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Demnächst: Marc Chagall identifiziert sich mit König David

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