Nach gelungener Revolution die Siegesfeier am 19. Juli 1979 vor der Kathedrale in Managua

25: „Am Anfang gab es kein Licht,

das Licht war Teil der Finsternis,

und ER trennte das Licht von der Finsternis.

Und das war der Urknall oder die erste Revolution.“


104: „Die Evolution, kosmische Ewigkeiten hindurch,

    als Evolution der Freiheit.

Oder immer bewusstere Materie.

Das Auftauchen der ersten Zelle

    eine Revolution des Universums.

    Es entstand etwas Einzelnes und Freies.

Die dialektische Evolution des Universums

hin zum Himmelreich.“


74: „Noch stöhnt die ganze Schöpfung

über die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen.

Die ganze Schöpfung fordert laut schreiend

die Revolution.“

138: „Und jener Flug über mein Land...

Zuerst der See, ganz ruhig.

            Und in ihm

mein Platz, das, was meine Heimat war, Solentiname.

    Alle Inseln beisammen, sahen aus wie eine Einzige.

Doch konnte ich eine von der anderen unterscheiden.

Die Landzunge, an der unsere Gemeinschaft war.

                                                   Alles zerstört.

Die Bibliothek niedergebrannt. Jene Hängematte unter dem

            Palmdach, mit Blick auf den See.

Elvis und seine Gitarre. Wo hat die Garde sie verscharrt?....

Niemand im Flugzeug ahnt diese Tragödie.

    Der Exilierte, der sein Heimatland von oben sieht...

Mein Land im Krieg.

Ich war unterwegs zum Kongress der

            Sozialistischen Internationale in Lissabon,

die Stimme zu erheben für die blaue Geliebte, die ich

            durch die Wolken sah....

Flug ohne Zwischenlandung übers Paradies.“

160: „Es war eine Woche nach dem Sieg.

Da kamen wir aus Cuba ...

Wir sind alle sehr beschäftigt

    mit den  Enteignungen,

    so vielen Landverteilungen...

    während slle Welt die Barrikaden von den Straßen räumt,

    und die Ermordeten ausgräbt,

    die bombardierten Krankenhäuser repariert,

    die Künstler zu uns ruft,

    für  Strom und Wasser die Leitungen verlegt...

    die  Preise für Grundnahrungsmittel unter Kontrolle...

Zeit ist es, dass eine Million Menschen Lesen lernt...

Fünf Jahre währte diese Nacht.

Und wie schön ist jetzt der Morgen in den Bergen.“


166: „Im runden Fensterchen des Flugzeugs ist alles blau,

bläuliche Erde, grünlich-blau, blau

    (und auch der Himmel),

    alles ist blau,

blau See und Lagunen,

    blau die Vulkane,

je weiter fort, um so blauer die Erde,

blaue Inseln im blauen See.

Dies ist das Angesicht befreiter Erde.

Und wo das ganze Volk gekämpft

hat, denke ich:

    für die Liebe! ...

Deshalb hat Gott sie gegeben,

damit wir in Gemeinschaft auf ihr leben.

Und an allen diesen blauen Orten wurde gekämpft,

    wurde gelitten

    für eine Gesellschaft der Liebe,

    hier, auf dieser Erde.“

166: „Junge Leute, deren Fotos täglich in den Zeitungen standen.

Junge Leute, die jeden Tag die Schreckensliste länger machten...

Die man dann im Leichenschauhaus wiederfand,

am Straßenrand am Bergabhang,

oder auf dem Müllabladeplatz.

    Mit gebrochenen Armen,

herausgerissenen Augen, die Zunge abgeschnitten....

Das Einzige, was ihren Müttern von ihrem Körper blieb,

der leuchtende Blick, das Lächeln, flach

    auf einem Stückchen Papier,

einem Stückchen Karton, das die Mütter wie einen Schatz

    in der Redaktion zeigten....

Sie waren 20, 22, 18, 17, 15 Jahre.“

murieron

para vivir en todas

Sie starben,

um in allen zu leben

188: „Reich Gottes,

100 Mal erwähnt im Evangelium,

oder mehr, 90 Mal im Munde Christi,

geologisch gesehen unser Zeitgenosse.

    Dein Reich komme vom Himmel auf die Erde.

Von der Sklaverei

zur Geschwisterlichkeit des Opfers.“

   In der Regel ist der Begriff „Revolution“ bei uns westlichen Christen negativ besetzt, weil er mit Gewalt und Tötung assoziiert wird. Für Cardenal bedeutete er ein wichtiges Bindeglied zwischen astrophysikalischen Einsichten und seinem Glauben ans Evangelium, an die Frohe Botschaft Jesu. Der Priester und Revolutionär zog eine direkte Linie von den kosmischen Grundgesetzen der Liebe und Vereinigung über die revolutionäre Verwandlung von ungerechten Gesellschaftformen hin zu der Hoffnung der Bibel auf eine „Neue Erde, auf der Gerechtigkeit wohnt“.

    Als „Revolutiion“ bezeichnet Cardenal nicht nur eine Umkehrung gesellschaftlicher Verhältnisse, ein geschichtliches Ereignis, sondern auch das Schöpfungshandeln Gottes in der vor-menschlichen Evolution.

    „Von Costa Rica aus schrieb ich einen ´Brief an das Volk von Nicaragua`, der weite Verbreitung fand. Dort sagte ich, dass das, was uns radikalisiert hatte, das Evangelium gewesen sei, durch die Gespräche, die wir in der Messe darüber führten, und die in vielen Landern veröffentlicht worden seien. Und ich fügte hinzu:

   ´Die Bauern von Solentiname, die dieses Evangelium dikutierten, konnten nicht anders, als sich mit ihren bäuerlichen Brüdern und Schwestern in anderen Teilen des Landes zu solidarisieren, die Verfolgung und Schrecken erleiden mussten. Man sperrte sie ein, folterte sie, ermordete sie, vergewaltigte die Frauen, verbrannte ihre Hütten. Und sie mussten sich solidarisch fühlen mit denen, die aus Liebe zum Nächsten ihr Leben opferten... Wir wussten, dass auch für uns die Stunde des Opfers kommen würde, und diese Stunde ist jetzt gekommen.

   Unsere Gemeinschaft ist jetzt an ihr Ende gelangt.“ (Bd II S. 360 f)

   Und Ernesto Cardenal schließt den zweiten Band seiner Erinnerungen „Die Jahre in Solentiname“ ab mit den Sätzen:

   „Solentiname war von einer paradiesischen Schönheit, doch hatte sich gezeigt, dass in Nicaragua das Paradies noch nicht möglich war...

   Mein Brief endete damit, dass ich nicht an den Wiederaufbau unserer kleinen Gemeinschaft dachte, sondern an den Wiederaufbau des ganzen Landes.

   Tatsächlich dachte ich damals an nichts anderes mehr als an die Revolution.“ (S. 300)

  Nach zwei Jahren erbitterter Nahkämpfe, Bombardierungen, Generalstreiks endlich am 19. Juli 1979 der Umsturz. Somoza war mit seinem Anhang in die USA geflohen. Und auf dem Platz vor der Kathedrale hatte sich eine Menge von ca. 200.000 frenetisch jubelnder und in den Himmel schießender Menschen zusammengefunden und feierten das Fest eines Volkes, wie es eines nicht in 500 Jahre Geschichte erlebt hatte.

   WILLKOMMEN IM FREIEN NICARAGUA. DANK GOTT UND DER REVOLUTION stand auf einem großen Transparent am Flughafen, als der Papst Johannes Paul II ankam. Am 4. März 1983. Kurz vor dem Gottesdienst provozierte der polnische Papst eine Face-to Face-Begegnung mit dem  nicaraguanischen Kulturminister und katholischen Priester.

  „Ich nahm ehrerbietig die Baskenmütze ab und kniete nieder um ihm den Ring zu küssen. Er erlaubte nicht, dass ich den Ring küsste. Und während er den Zeigefinger wie einen Stock schwang, sagte er in vorwurfsvollem Ton zu mir: ´Sie müssen ihre Situation in Ordnung bringen.` Da ich nichts erwiderte, wiederholte er diese barsche Ermahnung. All dies vor laufenden Kameras.

   Mir scheint, dass all das vom Papst gut geplant war.“

   In der Vorstellung des Papstes und seines Nachfolgers Benedikt existierte nur ein dogmatisch-sowjetischer Marxismus und Kommunismus, der atheistisch und antichristlich geprägt war. Die Revolution in Nicaragua hatte eine andere Form von Marxismus hervorgebracht, einen undogmatischen pluralistischen Marxismus, der sich nach Ansicht von Ernesto Cardenal und anderer Befreiungstheologen durchaus mit dem Christentum vereinbaren ließe.

   Viele Priester und Nonnen, die in Armenvierteln arbeiteten und sich der „Option für die Armen“ verschrieben hatten, wurden von Bischöfen und Ordensoberen zurechtgewiesen oder sogar ausgewiesen. Bekannten Befreiungstheologen wurde die Lehrerlaubnis entzogen, was sie aber nicht hinderte, weiterhin durch Vorträge und Veröffentlichungen zu werben für eine Theologie der Befreiung, eine „entprivatisierte Liebe“, für ein Zusammengehen von Christen und Sozialisten.

Der Papstbesuch in Nicaragua am 4. März 1983

Verfolgung der Befreiungstheologie

Papst Johannes Paul II , der neun Jahre nach seinem Tod 2005 heiliggesprochen wurde,

mit Staatspräsident Pinochet (Chile), Präsident Reagan (USA) und Kulturminister Cardenal (Nicaragua)

     In der neuen Regierung wurde Ernesto Cardenal, bisher Sprecher der FSLN, Kulturminister - von 1979 bis 1987. Als erste seiner Amtshandlungen startete er eine fünfmonatige Alphabetisierungs-Kampagne : „Die Dunkelheit in Licht verwandeln“.


   Weitere Überlegungen folgen ...

Zunehmende Radikalisierung der christlichen Gemeinschaft von Solentiname

Verlauf der Sandinistischen Revolution

Theologische Deutung der Revolution als „Kommen des Reiches Gottes“

   Seinen Traum von einer kontemplativen Möchsgemeinschaft auf einer Insel im Großen See von Nicaragua, den Ernesto Cardenal um 1958 als Novize in einem Trappistenkloster träumte, verwirklichte er 1966 auf einer Landzunge der Insel „Mancarrón“.


   „Der Kontakt mit den armen Bauern von Solentiname und die jeweils schlimmere Wirklichkeit unseres Landes trugen dazu bei, dass ich und unsere kleine Gemeinschaft uns mehr und mehr politisierten und radikalisierten.“

Guerilla-Kampf im Untergrund 1977-79

Ende des Projekts „Christliche Kommunität auf einer Insel“

Geglückter Umsturz am 19. Juli 1979

Aktivitäten als Kulturminister

Cardenals theologische Deutung von "Revolution" als „Kommen des Reiches Gottes“

  Cardenals Verständnis von Revolution ist im „Cántico Cósmico“ von 1989 noch optimistisch, ja durchweg hymnisch euphorisch. Ermüdende Querelen innerhalb der Sandinistischen Befreiungsfront und das letztendliche Scheitern der revolutionären Ideale in Nicarragua standen ihm noch bevor.

   Seine Erinnerungen, die Cardenal 2004 mit dem dritten Band „Im Herzen der Revolution“ („La revolución perdida“) abschloss, enden in riesiger Enttäuschung und Resignation, die aber heroisch-spirituell  übertüncht werden. Zur Überraschung aller Experten und zum Entsetzen der Sandinisten endete nämlich die Wahl am 25.02.1990 mit einer Niederlage der FSLN und Ablösung ihrer Regierung. Als Ernesto Cardenall das Ergebnis telefonisch mitgeteilt wurde, stürzte er in ein tiefes Loch.

   „Von Anfang an war es die Vorstellung der jungen Leute, für die Bevölkerung zu arbeiten. Doch zunächst war dies eine rein religiöse Motivation. Dann wurde es eine soziale Motivation, dann eine politische, und schließlich wurden sie Sandinisten. Viele von ihnen gingen irgendwann in den Untergrund. ... Nach dem Erdbeben 1972 waren sie zu der Überzeugung gelangt, dass es keine andere Alternative gab als den bewaffneten Kampf.“ (II 246)

„Abgebrannte Hütten, vergewaltigte Frauen, ermordete Männer, Raub, gefesselte, hungernde Frauen und Kinder, Campesinos, die lebendig aus Hubschraubern abgeworfen wurden, sind das tägliche Bild auf dem Lande.“ 254

  Auch etliche junge Erwachsene der Gemeinschaft von Solentiname brannten darauf, in die Berge zur Guerilla zu gehen. Oktober 1977 überfielen sie  den Militärstützpnkt in San Carlos. Der Angriff scheiterte jedoch. Einige der jungen Guerilleros, unter ihnen Elbis, Donald und Filipe, wurden gefangen genommen, gefoltert und ermordet. Die inzwischen verlassenen Gebäude in Solentiname wurden von der Nationalgarde in Brand gesteckt und zerstört. Nur die Kirche zerstörten sie nicht, sie nutzten sie als Unterkunft für 500 Soldaten. 

   Das II. Vatikanische Konzil hatte auch in lateinamerikanischen Ländern Impulse ausgelöst, sich aus traditionellen Fesseln zu lösen und sich für Freiheit und Geschwisterlichkeit zu engagieren. Um junge Priester, Jesuiten, Franziskaner sammelten sich junge Leute, Studenten, die sich für ein „Aggiornamento“, ein Heutigwerden  der Kirche, für Bildung für alle und sozial-wirtschaftliche Reformen einsetzten.  In Nicaragua mehrten sich Demonstrationen, Besetzungen von öffentlichen Institutionen und Aufstände, auch aufgrund des  brutalen Vorgehen von National-Gardisten und Soldaten gegen diese missliebige aufständischen Gruppen. Viele oppositionelle Intellektuelle flohen ins Ausland oder tauchten in den Untergrund ab.

   In der immer „schlimmeren Wirklichkeit“ Nicaraguas sind vor allem die eklatant ungerechten sozial-politischen Verhältnisse unter dem Somoza-Regime zu sehen, einem Familien-Clan, der von 1934 bis 1979 das Land beherrschte und sich bereicherte. 1972 nutzte die Familie das große Erdbeben, die akute Not und den Wiederaufbau, um Grundstücke, Banken und die Bauwirtschaft an sich zu reißen. Später wurde aufgedeckt, dass die Familie Somoza internationale Hilfsmittel im Wert von rund 500 Millionen US-Dollar unterschlagen hatte. Unterstützt wurde die Familie aufgrund ihrer antikommnunistischen Haltung fast durchgehend von den USA. Der Widerstand gegen das Regime und vor allem gegen das brutale Vorgehen der Nationalgarde wuchs auf breiter Ebene der Bevölkerung.

     Die Übergriffe und Misshandlungen durch die GN, die Guardia Nacional schildert Cardenal detailliert sowohl in senem „Kosmischen Gesang“ als in seinen „Erinnerungen“:

Die christlich-revolutionäre Gemeinschaft in Solentiname war an ihr Ende gekommen. Die meisten jungen Mitbewohner auf Solentiname gingen ins Exil im angrenzenden Costa Rica und führten von diesem Nachbarland einen Gurrillakrieg gegen das Somozaregime. Ernesto Cardenal unterstützte seine Guerilleros, seine „Muchachos“, als Freund und Seelsorger. Beeindruckend sind die Fotos von dem Priester Cardenal und seinen Eucharistiefeiern in der Wildnis von Costa Rica.

   Im Auftrag der FSLN reiste Cardenal in viele Länder und sammelte Verbündete und Gelder für den Befreiungskampf.

Eucharistiefeier mit nicaraguanischen Guerilla-Kämpfer*innen im Urwald von Costa Rica

    Nach dem endgültigen Sieg der Revolution am 19. Juli 1979 wurden zwar die Häuser und Gebäude auf Solentiname wieder aufgebaut. Die Gemeinschaft aber, die der Priester Ernesto Cardenal 1966 gegründet hatte, ist nicht wieder erstanden.

   Am 23. August 1980, als der fünfmonatige „Kreuzzug“ der Alphabetisierung zu Ende ging, versammelten sich in Managua 300.000 Menschen zu einer Feier, die beinahe solche Ausmaße annahm wie die Siegesfeier der Revolution.

  „Der Sieg der Revolution war vor allem ein Sieg der Poesie“, schreibt Cardenal in seinen Erinnerungen. In Dörfern wurden Dichterwerkstätten gegründet, Theatergruppen von Campesinos gebildet, traditionelle Theateraufführungen waren jetzt für die ganze Bevölkerung zugänglich, die naive Malerei wurde gefördert, Folklore und Kunsthandwerk blühten wieder auf.

  „Mehr als die Hälfte der nicaraguanischen Bevölkerung waren Analphabeten gewesen ... Tausende Jugendliche schwärmten am 23. März 1980 ins ganze Land aus, bis in die entlegendsten Winkel, den dichtesten Urwald, die unwegsamsten Berge, und lebten dort mit den Campesinos ..., bis alle die Gebiete frei von Analphabetismus waren, in denen zuvor absolute Unwissenheit geherrscht hatte. Diese jungen Leute, Jungen wie Mädchen, die zum größten Teil aus der privilegierten Oberschicht stammten, lebten also fünf Monate lang mit den Menschen der ärmsten Schichten zusammen. Sie unterrichteten die Campesinos nicht nur, sondern lernten auch von ihnen. Und das Wichtigste war, dass sie sich mit ihnen verbrüderten... Sie verwandelten Dunkelheit in Licht.“ (130)

  Zwei unterschiedliche Auffassungen vom Verhältnis zwischen Christentum und Kommunismus trafen hier aufeineinder. Karol Woityla war sein ganzes Leben lang bestimmt von einer antikommunistischen Einstellung, und so wurde der Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in Polen und anderen osteuropäischen Ländern 1989 in erster Linie ihm, der katholischen Bevölkerung und der Gewerkschaft Solidarnosc zugeschrieben.

  Was dem Papst an der nicaraguanischen Revolution am meisten missfiel, war die Tatsache, dass sie sich nicht gegen ein antichristliches, atheistisches System richtete wie in Polen, sondern gegen einen ungerechten ausbeutenden Kapitalismus, der sich zudem sehr katholisch gerierte. Und vermutlich ärgerte ihn noch stärker, dass diese Revolution, die zutiefst von christlichem Glauben beflügelt war, sich zu kommunistisch-marxistischen Grundsätzen bekannte - ein rotes Tuch für den polnischen Papst. Und dass zu den führenden Revolutionären - zusammen mit seinem Bruder Fernando, einem Jesuiten, auch der katholische Priester Ernesto Cardenal gehörte.

    Ein paar Monate später nach diesem Zusammentreffen mit Papst Johannes Paul II wird Ernesto Cardenal von seinem Priesteramt suspendiert und sein Bruder Fernando aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen.

Auflösung des Kulturministeriums 1987

  Zehn Jahre später - 1989 - besingt der Poet und Revolutionär, der suspendierte Priester und seit 1987 auch dispensierte Kulturminister in seinem „Cántico Cósmico“ die sozial-politischen Maßnahmen nach dem Umsturz und bindet die geglückte Revolution in eine kosmische Vision ein.

   1987 wurde das Kulturministerium aufgelöst. Hinter-Gründe waren u.a. wohl auch die Animositäten und Differenzen mit Rosario Murillo, der Ehefrau von Staatspräsident Daniel Ortega. Cardenal bekam ein Ehrenamt, das Amt  des Präsidenten des nationalen Kulturrates.

  „Ich konnte jetzt fast meine ganze Zeit aufwenden, um den Cántico Cósmico zu Ende zu schreiben.“

Überraschende Wahlniederlage der Sandinisten 1990

   Nach der  Wahlniederlage der Sandinisten 1990 nahm Cardenal seinen Wohnsitz nicht wie geplant wieder auf Solentiname, sondern er blieb auf Bitten seiner Mutter und Schwestern in Managua.


   Am 1. März 2020 starb Ernesto Cardenal, der große nicaruaganische Dichter und Befreiungstheologe,  der in seinen letzten Jahrzehnten in vielen Länders der Erde für eine liebende und klassenlose Gesellschaft warb, in Managua im Alter von 95 Jahren. Der offizielle Trauergottesdienst in der Kathedrale wurde durch aggressive Zwischenrufe und gewalttätige Ausschreitungen gestört. Anhänger der diktatorisch regierenden Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN), aus der Cardenal schon 1994 ausgetreten war, riefen während der Zeremonie Beleidigungen („Verräter“) in Richtung der Angehörigen und Freunde des Literaten sowie gegen Oppositionelle.

   Daraufhin beschlossen seine Angehörigen, den Toten in kleinem Kreise auf Solentiname zu beerdigen.

Letzter, dreiundvierzigster Gesang: „Omega“

502: „Die Kraft, die das Universum

zu seiner Mitte zusammenstreben lässt,

das ist die Liebe....

Punkt des Zusammenstrebens des Universums,

Punkt Omega, schließ mich nicht

    von deinen  Küssen und Umarmungen aus!

Das ist unsere Bestimmung:

wo wir hingehen, von dort kommen wir

    vom Anfang.

Wir hatten einen gleichen Ursprung

    und wir werden uns

vereinen in dem gleichen Schicksal auf einem kleinen Planeten unter den Sternen.

Dein Reich komme.

Es komme die Revolution über die ganze Erde.

Bis Revolution und Erde außerirdisch sind.“

Achtundreißigster Gesang: „Himmelserstürmung auf Erden“


413 ff: „KOINONIA, Kommunismus und Kommunion,

    das ist dasselbe...

Kräfte, die aus den Tiefen des Universums zu uns kommen.

    Diese riesige Solidarität des Seienden

    in der Totalität von Raum und Zeit...

Die Revolution in den Herzen begonnen,

    so dass sie die bewusste Evolution ist.

Die Große Harmonie.

Das Himmelreich auf dieser blauen Erde...

Die Anhäufung vieler Zellen in Gemeinschaft,

das war die Evolution.

    Bis zum Leib Christi...

Harmonische Strukturen ohne Herrschaft.

Die Evolution der Liebe ein ganzes geologisches Zeitalter.

    Die Republik der Himmel...

Nichts wird verhindern können, dass er das Ziel

seiner Evolution erreicht.

    Der Ausbeuter wird Mensch werden....

und unser Land ist ganz himmelsfarben.“

153: „Ich sehe zu den Sternen und ich sage mir:

    Ich habe Deine Weisungen erfüllt.

In unserem kleinen Winkel die Revolution unseres Planeten,

    eine Menschheit ohne Klassen,

    das,

weshalb der Planet um die Sonne kreist.

    Die Vereinigung

    des Universums....

Eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern.

Soziale Gleichheit und Abschaffung aller Herrschaft.“

   Der Blick des großen Poeten und Gott-Suchers auf den Befreiungskampf Nicaraguas war immer kritischer geworden. Zu den „Irrtümern der Revolution“, die Cardenal schon vor der Wahlniederlage angeprangert hatte - "exzessive Bürokratisierung, fehlende Disziplin, Präpotenz gewisser Leute, Fehlen von Rechtschaffenheit, Willkür, Dogmatismus und autoritäre Verhaltensweisen“ (239) - kam nach der Wahl ein entscheidendes Fehlverhalten hinzu: „die hemmungslose Verteilung staatlichen Besitzes“. In der Revolution gehörte alles dem Staat. Bis 1990 hatte kein Mitglied der politschen Führung irgendwelche Güter oder Geldmittel auf seinen Namen besessen. Jetzt wurde in aller Eile vor der Übergabe  der Regierung ein Gestz verabschiedet, dem zufolge jeder, der ein  staatliches Haus bewohnte oder staatliches Land bebaute, dessen eingetragener Eigentümer wurde. Führende Funktionäre wurden zu Millionären. „Sie hatten damals nicht einen Centavo, und heute sind sie Besitzer von Haciendas, von Banken, von Firmen, dicken Bankkonten und Kaffeeplantagen, die sie sich auf betrügerische Weise verschafften.“(291)


   Um nicht ganz trostlos zu enden, greift Cardenal in den Schlusspassagen seiner „Erinnerungen“

(2004) auf seinen „Cántico Cósmico“ (1989) zurück, auf seine Ansicht, dass jede Revolution, auch eine verlorene, die Menschheit dem Himmelreich näherbringt.

„La revolución perdida“- „Die verlorene Revolution“

Irrtümer der Revolution

   „Die Stunden nach Mitternacht waren für mich wirklich <dunkle Nacht>, die dunkelste Nacht meines Lebens, glaube ich. Ich lag in meiner Hängematte und konnte den Willen Gottes nicht verstehen. Wie war es möglich, dass das Volk sich gegen uns gewandt hatte, dass es die Revolution ablehnte? Ich spürte auch, dass meine Poesie an ihr Ende gelangte. Jahrelang hatte ich damit verbracht, die Revolution zu besingen, zuerst sie anzukündigen, bevor sie stattfand, dann sie zu feiern... Was sollte jetzt aus all diesen Gedichten werden? Der Himmel blieb mir verschlossen.“ (Bd III 285)

   „Wir verloren die Wahlen vor allem wegen der Einmischung der Vereinigten Staaten, die militärischen und wirtschaftlichen Druck auf die Bevölkerung ausübten.“ (282)

Seine letzte Ruhestätte auf Solentiname

Ernesto Cardenal erhält die Sterbesakramente

   „Wie nie zuvor lässt die Evolution überall Menschen erstehen, die eine Veränderung wollen ... Männer und Frauen, die die Vorboten dieser Evolution sind. Wir sind ein Prozess, der mit dem Urknall begann. Die Elementarteilchen vereinigten sich zu Atomen, und die Atome zu Molekülen, die Moleküle zu Zellen, die Zellen zu Organismen, bis der Organismus mit menschlichem Bewusstsein entstand, und jetzt vereinigen sich diese Organismen in Gesellschaften.

   Christus hat nur dies gepredigt, das Kommen des Reiches. Dieses Reich, oder Republik des Himmels, ist eine Gesellschaft der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit, der Liebe.

   Das  <Himmelreich>, das ist die Erde und der gesamte Kosmos. Jede Revolution bringt uns diesem Reich ein Stück näher, auch eine verlorene Revolution. Es wird weitere, neue Revolutionen geben. Lasst uns Gott darum bitten, dass seine Revolution geschehe wie im Himmel so auf Erden.“

LIEBE - das Grundgesetz des Universums