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I.  Jean-Pierre de Caussade (1675-1751): Sakrament des Augenblicks

  Ein „Seelenführer“ aus dem Jesuitenorden, Jean-Pierre de Caussade, hat meines Wissens den Ausdruck „Sakrament des Augenblicks“ geprägt und darin seine theologisch-spirituellen Überzeugungen zusammengefasst. Als Spiritual und Exerzitienmeister wurde er immer wieder um Rat in Fragen des „geistlichen Lebens“ gebeten. Seine Antwortbriefe wurden in Auszügen abgeschrieben und weitergegeben. Über hundert Jahre verschollen, wurden diese Brieffragmente um 1860 neu entdeckt und in einer Sammlung publiziert.

  Ich zitiere einige Grund-Aussagen aus der 1947 im Herder-Verlag erschienenen Ausgabe

„Jean-Pierre de Caussade: Ewigkeit im Augenblick. Von der Hingabe an die göttliche Vorsehung. Ausgewählt und übertragen von W. Rüttenauer, eingeleitet von Romano Guardini“.

  Caussade transzendiert ein enges exklusives Sakramentenverständnis, das begrenzt ist auf kirchlich festgelegte Räume, Zeiten und Riten. Ihm ist an einer persönlichen authentischen Beziehung zu dem heilsamen (sakramentalen) Wirken Gottes gelegen, die in jeder Lebenssituation verwirklicht werden kann. Weil er an einen Gott glaubt, der in jedem Atom und bei jedem Wimpernschlag berührbar ist und uns anrührt, der in jedem Augenblick die Schätze seiner Liebe und Schönheit anbietet, kann er unbefangen von dem „Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks“ sprechen. „Heilige Zeichen“, durch die sich das Göttliche enthüllt und wirksam handelt, sind für ihn nicht auf „sakrale“ Orte und Festtage begrenzt, sondern im „wirklichen Leben“ zu entdecken. Berührungen des Göttlichen finden auf dem Marktplatz, bei der Betrachtung des Sternenhimmels, in Talkshows, auf dem Kinderspielplatz, im Hauptbahnhof, beim Einkaufen und Kartoffelschälen statt.

II.  Achtsamkeit als Sakrament des Augenblicks

(Thich Nhat Hanh *1926)

Augenblick


Mein sind die Jahre nicht,
die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht,
die etwa mögen kommen;

Der Augenblick ist mein,
und nehm ich den in acht,
so ist der mein,
der Zeit und Ewigkeit gemacht.

(Andreas Gryphius)


Zum Augenblicke dürft' ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!

(Johann Wolfgang Goethe)


Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,
Von dem goldnen Überfluß der Welt!

(Gottfried Keller)


Ach HERR enthülle uns

das Leuchten Deines Angesichts.

(Psalm 4, 7)

Glückselig die Augen, die sehen, was ihr seht. (Jesus im Lukas-Evangelium 1. 18)


Der Gott unseres Herrn Jesus Christus gebe

euch den Geist der Weisheit und Enthüllung ...

Er erleuchte die Augen eurer Herzen.

(Paulus im Epheserbrief 1, 18.19)

  Die ursprünglich geschenkte Be-Gab-ung, im Augenblick zu verweilen, müssen wir als Erwachsene erst wieder zurückgewinnen.

Kinder können im Hier und Jetzt voll und ganz aufgehen; für sie existiert nur das Eine in der unmittelbaren Gegenwart (diese Holzeisenbahn, die durch einen Tunnel von Bauklötzen fährt, oder das Geräusch des Steines, der „Platsch“ macht). Vergangenes und Zukünftiges existieren nicht. Mit Augen, Ohren, Nase, Mund, Haut und Händen sind sie bei diesem Einen.

  Über unsere Sinne berühren wir die Wirklichkeit außen und werden wir zugleich in unserem Innern angerührt. Wenn wir im Jugendalter die „Augen und Ohren unseres Geistes“ entdecken, sind wir aus der ständigen Gegenwärtigkeit schon herausgefallen. Hoffnungen und Sorgen, die eine im Grunde nicht-existierende Wirklichkeit betreffen, lenken uns von dem real-existierenden Augenblick ab. Die Eine Wirklichkeit mit ihrer göttlichen Essenz liegt uns vor Augen und erfüllt unser Inneres. Aber wir sind blind, „haben Tomaten auf den Augen“, unsere Ohren sind auf unsern gepflegten Tinnitus fixiert  -----  da brauchen wir neue Brillen und Hörgeräte, die höhere/tiefere Frequenzen und Lichtwellen durchlassen.

  Erstaunt hat mich die Nähe zu Grund-Aussagen östlicher Spiritualität.


  1. 1.Für „Gott“ verwendet Caussade außer dem stark voluntaristisch geprägten Begriff „Wille Gottes“ auch apersonale Bilder wie „Meer“ oder „Abgrund“. Neben diesen transpersonalen bleiben ihm aber auch personale Gottesbilder und eine persönliche Beziehung zu dem „Göttlichen DU“ bedeutsam.

  2. 2.Manche Aussagen wie „Alles ist eines, alles bist du selbst“ könnten auch dem Munde eines indischen Advaita (Nicht-Dualität)- Lehrers entstammen.

  3. 3.Vermutlich kannte Caussade weder buddhistische noch hinduistische Weisheitstraditionen. Umso erstaunlicher wirken für den heutigen Leser die Übereinstimmungen mit der buddhistischen Spiritualität der Achtsamkeit. Ähnlich wie Thich Nhat Hanh und andere buddhistische Lehrer leitet er seine Adepten an, sich auf das Hier und Nun zu konzentrieren, und dem gegenwärtigen Augenblick mit Wachheit, Klar-Blick und Hingabe zu begegnen. Die Göttlichen Schätze enthüllen sich für Caussade wie für Thich in den äußeren und inneren Geschehnissen der unmittelbaren Gegenwart.

  4. 4.Beide spirituellen Lehrer stimmen auch darin überein, keine religiöse Ausdrucksform zu verabsolutieren, sondern „G-o-t-t“, das Göttliche Mysterium, ob man es „Buddha“ oder „Christus“ nennt,  „in all den Gestalten entgegenzunehmen, in denen er sich ... mitteilt.“

  Thich Nhat Hanh (Thây), geb. 1926 in Vietnam, ist buddhistischer Mönch und einer der profiliertesten  spirituellen Lehrer eines  sozial „engagierten Buddhismus“. Durch seine zahlreichen Publikationen, durch Vorträge in aller Welt und Retraits in von ihm gegründeten spirituellen Zentren (Plum Village in Südfrankreich u.a.) vermittelt er eine meditative Praxis, die sich auf den unmittelbaren alltäglichen Augenblick konzentriert (Übung der Achtsamkeit, Sitz- und Gehmeditationen, Geführte (Atem-)Meditationen u.a.) und auf den Grund-Ansichten des Buddhismus beruht. Wichtig ist ihm der „Dialog der Liebe“ mit unterschiedlichen buddhistischen Traditionen und mit dem Christentum.

  „Bist du imstande, dich selbst tief zu berühren und andere tief zu berühren, so berührst du die andere Dimension, die Dimension der letzten Wirklichkeit.

  Mitfühlende Augen sind die Augen, die tief schauen und tief verstehen...

  Verstehen ist der Schlüssel, der uns das Tor zur Liebe öffnet. Verstehen entwickelt sich im Verlaufe tiefen Schauens. Meditation bedeutet, tiefes Schauen zu üben, die Dinge tief zu berühren.

Achtsamkeit verhilft dir dazu, vollkommen lebendig zu werden und jeden Augenblick deines täglichen Lebens tief zu erleben. Achtsamkeit hilft dir dazu, mit den kraftspendenden und heilkräftigen Wundern des Lebens in Berührung zu kommen.

Wir müssen erkennen lernen, dass wir Frieden, Stabilität und Freiheit im Hier und Jetzt zur Verfügung haben, und zwar ganze vierundzwanzig Stunden am Tag.

Kommentierung

  Der Ausgangspunkt der Spiritualität von Caussade und Thich Nhat Hanh ist ihre Überzeugung, dass der verborgene Reichtum, den wir überall suchen, nicht später oder woanders zu finden ist, sondern im Hier und Nun - genau da, wo wir in diesem Augenblick sind. Als Jünger von Ignatius von Loyola kannte und praktizierte Caussade sicherlich die „Geistlichen Übungen“ seines Ordensgründers, vor allem die „Unterscheidung der Geister“. Und deshalb war er auch trainiert in der ehrlichen Wahrnehmung von Hindernissen, die die Berührung des Göttlichen ver- oder behindern (im Buddhismus „Vipassana“ genannt).

Im Unterschied zu seinem jesuitischen Vorgänger hat der Buddhist Thich Nhat Hanh eine differenzierte Achtsamkeits-Praxis konzipiert, die die Leiblichkeit des Übenden stärker miteinbezieht und die mit unterschiedlichen Methoden ein „tiefes Anschauen“ leibhaft einübt, z.Bsp. in der Gehmeditation oder in der Sitzmeditation. Dabei kann er auf östliche Traditionen zurückgreifen, die im Westen immer mehr „Übende“ finden, vor allem auf Zazen (Sitz-Meditation) und Vipassana (Achtsamkeits-Meditation).

III.  Berührung des Göttlichen (Sakrament) im Hier und Nun – christliche Grundlegungen

  Eine lange spirituelle Reise geht in der Regel der Erkenntnis voraus, dass das letzte Ziel aller Religionen identisch ist, und nur unterschiedlich in Sprache gefasst wird: sich der eigenen Wesensnatur bewusst werden (buddh.: „Ich bin brahman“ oder christl.: „Ego sum Christus ipse“ - Augustinus).

Ich nenne drei Impulse, die mir bedeutsam waren und vielleicht exemplarisch sind:



Ausweitung einer verengten Jesulogie in eine kosmische Christologie

durch Teilhard de Chardin, Epheser- und Kolosserbrief, Wilhelm von Thierry u.a.


  In der Entwicklung einer lebendigen Christus-Beziehung könnten folgende Phasen durchlaufen werden: mit Jesus-Bildern groß werden, die eine intensive Liebe entfachen, die aber immer fragwürdiger erscheinen und transzendiert werden; vom „privaten“ Jesus zum Erlöser der Welt; vom Gekreuzigten, der Schuldgefühle bereitet, zum Jesus Christus, der Leben in Fülle schenkt; vom historischen Jesus als ethischem Vorbild hin zu Christus, der Alles in Allem ist.

  Auf unzähligen Buch- und Internetseiten ist inzwischen die spirituelle Praxis von Thich Nhat Hanh differenziert dargestellt worden. Zwei Gesichts-Punkte scheinen mir besonders bedenkenswert:

1) seine Grund-Ansicht des „Inter-being“, des „Interseins“ und die daraus resultierenden konkreten Übungen, und

  1. 2)seine Ansätze, Buddhismus und Christentum miteinander zu „versöhnen“.



Interbeing - Tiefes Schauen


  Die eigene Verbundenheit mit vielen bekannten und anonymen Menschen und unsere gegenseitige Abhängigkeit bewusst zu machen, ist ein Ziel der Religionspädagogik schon bei Vorschulkindern. Wer hat das Butterbrot geschmiert? Woher kommt das Wasser aus dem Wasserkran oder welchen Weg nimmt die Banane bis auf unseren Tisch? Wenn solche Fragen aufgeworfen und bedacht werden, gewinnen schon Kinder einen anschaulichen Eindruck davon, dass wir fast alles in unserem Leben anderen Menschen verdanken, und sie bekommen eine anfängliche Ahnung von der globalen Vernetzung aller Dinge. Für die Einsichts-Meditation bleiben solche banal anmutenden Sachverhalte ein dauerndes Übungsfeld. Durch ein „tiefes Schauen“. wie Thich es lehrt, gewinnen sie an kosmischer Weite und Tiefe. Die grundlegenden kosmisch-evolutiven Kräfte kommen in den Blick, die Erd-, Wasser-, Luft- und Sonnenhaftigkeit alles Seienden. Unser Einssein mit Allem leuchtet auf.

  In seiner Spiritualität bevorzugt Thich, von seinen Jüngern „Thây“ genannt, kleine Schritte. So legte er zu seinem 80-sten Geburtstag (2006) seinen Schülern eine Palette von Intersein-Meditationen vor und wünschte sich von jedem die kontnuierliche Realisierung einer dieser spirituellen Übungen, z.Bsp.:

  Thây nimmt die selbstverständlichen Grund-Gegebenheiten unseres Lebens in den Blick: unser Ein- und Ausatmen, unser Gehen, unser Essen, unsere ambivalente Gefühls- und Gedankenwelt. Er leitet an, tiefer hinzuschauen und in Allem die Grund-gelegte Seinsverbundenheit zu entdecken und die Samen von Bewusstheit, Frieden, Freude, Glück (Sat-Chit-Ananda) zu bewässern. Von Thich bekam ich auch entscheidende Impulse, um meine geistige Vernetzung mit familären und christlichen Traditionen dankbar zu erkennen.

  Durch ständiges Üben im „Tiefen Anschauen“ erfolgt ein Perspektivenwechsel „vom Haben zum Sein“ (Erich Fromm). Die tägliche Nahrung, materielle und geistige Güter werden nicht mehr als eigene Errungenschaften oder privater Besitz angesehen, den man erkaufen kann, sondern als Geschenke, an dem viele Menschen und die kosmischen Kräfte beteiligt sind, als „heilige“ Gegebenheiten der Gottheit, ja als „sakramentale Gaben Gottes“, die mit Freude und Dankbarkeit empfangen werden dürfen.

Dialog der Liebe zwischen Buddhismus und Christentum


  Was an den Konzepten Thichs von manchen Zeitgenossen als Patchwork-Religiösität abgelehnt wird, erscheint mir eher als Offenheit, als erstrebenswertes klarsichtiges Gewahrsein eines erfahrenen Mystikers oder - in buddhistischer Terminologie formuliert - eines Erwachten. Thây weiß um die Relativität aller religiösen Begriffe, Denksysteme und Riten. Er weiß, dass die Weisheit der Religionen gespeist wird aus ihrer Unergründlichen Gemeinsamen Quelle, die unterschiedlich in Worte gefasst wird. Durch ständiges Üben im „Tiefen Anschauen“ durchschaut er religiöse Formen und Formeln (Buddha, Christus, Heiliger Geist, Vater, Nirwana, Sakramente, Brahma, Atman usw. und aus anderen religiösen Traditionen: Allah, Tao, Waka Tanka, Jahwe) auf ihre letzte Wirklichkeit, auf den unergründlichen und unaussprechbaren Grund hin. Aufgrund seiner mystischen Erfahrung des Seins- und Seelengrundes begegnet er auch nicht-buddhistischen Traditionen, zumal christlichen mit Achtsamkeit und Achtung.

  Sich der eigenen Wesens-Natur bewusst werden, ob man sie nun „Buddhaschaft“ oder „Gleichförmigkeit mit Christus“ nennt, ist das Ziel eines jeden fruchtbringenden interreligiösen Dialogs.

  In dem folgenden Abschnitt möchte ich in diesen Dialog eintreten und dabei stärker als Thây ausgehen von verborgenen Schätzen meiner Herkunfts-Religion, dem Christentum katholischer Prägung.

  Durch Max Frischs Sammlungen von  „Dankbarkeiten“ und naturalen Impressionen in einem „Katalog“ (Tagebuch 1966-1971) und durch Bertolt Brechts lyrischen Text  „Vergnügungen“ könnten Sie sich dazu inspirieren lassen, individuelle Dankbarkeiten und Vergnügungen zu vergegenwärtigen.

IV.  Spirituelle Übungen

Einen Katalog von Dankbarkeiten oder Freundlichkeiten erstellen

Dankbarkeiten


- die Mutter

- die Tatsache, dass ich sehr früh einem jüdischen Menschen begegnet bin

- der frühe Tod des Vaters

- die Begegnung mit Brecht

- daß ich Kinder habe

- die Freude an Speisen

- daß ich eine Zeit lang Architektur ausübte

- die Spannung zwischen Mundart und Schriftsprache

- ein Rockefeller-Stipendium

- die Späte des Erfolgs

- daß Ehrgeiz nachläßt

.....

Katalog


Kastanien, die aus ihrem grünen Igel springen und glänzen / Schneeflocken unter der Lupe / Steingärten japanisch / Buchdruck / Karawane mit Kamelen am gelben Horizont / Regen am Eisenbahnfenster nachts / eine Jugendstil-Vase beim Antiquar / Morgenlicht durch grüne Jalousien / Handschriften / Haar und Haut von Kindern / Baustellen / das blaue Blitzlicht von Schweißbrennern / Was man mit dem Teleskop sieht / Fotos aus dem Anfang des Jahrhunderts / Spur von Vogelfüßen auf Schnee / ein Totengesicht am Tag nach dem Tod / Kaleisdoskope, die man schütteln kann / Kiesel in einem Bergbach / Spinnweben gegen Sonne im Wald / Hochöfen / Mädchenbildnis der eigenen Mutter, in Öl gemalt von ihrem Vater / .............

usw.

usw.

usw.

Freude (Bejahung) durch bloßes Schauen.

Der gegenwärtige Augenblick – bewusstes Ein- und Ausatmen  (Thich Nath Hanh)

Übung des Kontemplativen Gebets

1.  Suche Dir einen Ort, an dem Du Dich wohlfühlst und nicht gestört wirst.

2.  Nimm eine aufrechte Sitzhaltung ein.

3.  Schließe die Augen und entspanne Dich. Nimm Deinen Leib und Deinen Atem bewusst wahr.

4.  Lasse störende Empfindungen, Gedanken und Gefühle geschehen und vorbeiziehen.

5.  Wiederhole innerlich im Rhythmus des Aus- und Einatmens eine Anrufung Gottes oder ein Heiliges Klang-Wort (Jesus (Jissúuus), Christús, Maranatha, DU, AUM  oder Ich-Bin...)

6.  Lade das Wort auf mit Hingabe und Liebe.

7.  Kehre immer wieder zu diesem Wort zurück, wenn Du abgelenkt wirst.

8.  Lasse alle Bilder und Vorstellungen und überlasse Dich dem nackten Sein und dem Schweigen. Bleibe in der unmittelbaren Gegenwart.

9.  Halte diese Gebetsübung 20 Minuten einmal oder zweimal am Tag durch (in der Frühe und vor dem Abendessen)

10.  Übe auch mitten im geschäftigen Alltag: bleibe im Hier und Nun, konzentriere Dich auf Deinen Atem und atme Dein Mantra aus und ein.

  Unser Bewusstsein gleicht einem Haus mit zwei Etagen. Im Erdgeschoss befindet sich das Wohnzimmer, unser „geistiges Bewusstsein“, und unterhalb der Erde der Keller, unser „Speicherbewusstsein“. Alles, was wir jemals getan, erlebt oder wahrgenommen haben, ist in Form von Samen oder als eine Art Video im Archiv des Kellers gespeichert. Wir selbst sitzen im Wohnzimmer und schauen diese Filme an, wenn sie heraufgebracht werden.

  Bestimmte Filme wie Ärger, Angst, Ungeliebt-sein, Gier, Aggressivität, Depression scheinen die Fähigkeit zu besitzen, ganz von selbst im Wohnzimmer zu erscheinen. Wir schauen sie uns an und fühlen uns dabei unglücklich.


  Zu lernen, solche alten Filme mit destruktiven Gefühlen und Lebensmustern anzuhalten, ihre Dauer abzukürzen und ihnen ihre Macht zu nehmen, ist der Sinn dieser Übung.


1.  Achtsam jeden Samen erkennen, wenn er aus dem Vorratslager emporsteigt (Hinweise zum tieferen Hinschauen bietet die Vipassana-Medititation – s. Literaturangaben)


2.  Die Samen von Gier, Hass und Verblendung einlassen, aber nicht bekämpfen, sondern umarmen


3.  Die heilsamen Samen „wässern“, um sie noch kräftiger werden zu lassen. Jeden einzelnen Moment, in dem wir etwas Friedvolles und Schönes bewusst wahrnehmen, bewässern wir die Samen für Frieden und Schönheit in uns. So werden wunderschöne Blumen in unserem Bewusstsein blühen. Je länger wir den Samen wässern,ihn tief anschauen, bewusst ein- und ausatmen und uns an ihm erfreuen, umso größere Kraft wird er erhalten. Wir müssen die Gewohnheit entwickeln, das zu berühren, was schön und heilsam ist (Sakrament des Augenblicks !). Durch das helle Licht der Achtsamkeit berühren wir viele wunderbare Aspekte in uns und um uns, was zur Folge hat, dass die Samen von Frieden, Freude und Glück in uns begossen werden, zugleich aber nehmen wir davon Abstand, die Samen für Leid zu bewässern.


(vgl. Thich Nhat Hanh: Das Glück einen Baum zu umarmen, Von der Kunst des achtsamen Lebens, Goldmann Verlag München 1995, S. 33 ff)


Literatur zur Vipassana-Meditation:

- Jack Kornfield: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens, Econ Taschenbuch, 2002

- Jack Kornfield: Einsicht durch Meditation, Arbor-Verlag

- Joseph Goldstein: Vipassana-Meditation, Buddhistische Aufmerksamkeitsmeditation als Weg zu innerer Freiheit, Arbor-Verlag 1999

- A.H. Almaas: In die Tiefe des Seins, Realisieren Sie Ihre Wahre Natur durch die Praxis der Präsenz, Kamphausen-Verlag 2010

Achtsamkeit:  heilsame (sakramentale) Samen von Glück, Freude und Frieden bewässern

  Bewusstes Atmen ist die einfachste und wirkungsvollste Übung, um das Innerste Geheimnis, die Göttliche Wirklichkeit (Lebendigkeit, Frieden, Bewusstsein, Glück) in mir zu berühren.

Alles und in Allem: Christus (Kol 3,11)

  Das Mysterium Gottes: Christus, in dem alle Schätze   der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind (Kol 2,2.3)

  Christus: die vielfarbige Weisheit Gottes  (Eph 3,11)

  Das Allsamt, die ganze Wirklichkeit ist durch ihn (Christus) und auf ihn hin erschaffen.

  Er ist vor allem und das Allsamt ist in ihm zusammengehalten (Kol 1,16.17)

  In Ihm wohnt das ganze Pleroma, die Allfülle (Kol 1,19)

Christus erfüllt Alles in Allem (Eph 1,23)

  Christus wohne in euren Herzen, damit ihr die überströmende Liebe Christi erkennt, so dass ihr erfüllt werdet in das ganze Pleroma Gottes hinein (Eph 3, 17ff)

Die Wirklichkeit aber ist Christus (Kol 2, 17)

Teilhard de Chardin, Jesuit, Geologe und Paläontologe (1881 - 1955):


Alles um uns herum ist physisch ´christifiziert`, und es kann immer mehr christifiziert werden...

Um uns herum wirkt Christus physisch ...

Von der letzten Schwingung der Atome bis hin zur höchsten mystischen Kontemplation ... beseelt der Christus-universalis unaufhörlich alle Bewegungen der Erde.


(Mein Universum S. 43 f)

Wilhelm von Thierry, Zisterziensermönch (1075/80 - 1148):


  Du Christus, Schöpfer und Grund aller Dinge, bist nicht dem Wechsel der Zeit unterworfen und nicht an einen Ort gebunden ... Du hast alle Zeiten und Räume gegründet. Weder wirst Du durch eine Zeit bewegt noch durch einen Ort gehalten.

  Du bist überall gegenwärtig (ubique praesens), wenn man das überhaupt von einem sagen kann, der an keinen Ort gebunden ist (inlocalis).

  Du bist überall ganz und vollständig (ubique totus), wenn man denn bei Dir überhaupt von Ganzheit sprechen kann, in dem keine Zerteilung, Vereinzelung (non particularitas) ist.


Rabbi, wo wohnst du? (Joh 1, 38)

Du sagst: Ich-Bin im Vater und der Vater in mir. (Joh 17, 23)

Dein Ort (Dein Zuhause) ist also der Vater, und der Vater Dein Ort.

Auch unser Ort (Zuhause) bist Du, und wir sind Dein Ort (Zuhause). 


(Wilhelm von Thierry: Meditationen und Gebete, lat.-deutsch, Insel Verlag, Frankfurt 2001, VI, 7-10)

Regelmäßige meditative Praxis 


  Um das Bewusstsein zu stärken, dass „Christus Alles in Allem“ ist, bedarf es einer kontinuierlichen spirituellen Praxis. „Stille Zeiten“, „Bibellesung“, „Inneres Gebet“, „Lebensbetrachtung“ („Revision de vie“), „Kontemplation“, „Jesus-Gebet“ oder östliche Meditationsformen verinnerlichen mit der Zeit das Bewusstsein des „Nihil-extra-Christum“, dass außerhalb von „Christus“ nichts existiert, dass Christus unser wahres Wesen ausmacht und wir in Seinem Pleroma leben. Und immer und überall kann geübt und erfahren werden, dass Christus uns in jedem Augenblick berührt und wir seine All-Gegenwart in jedem „Nu“ berühren dürfen („Sakrament des Augenblicks“).

Geistige Begegnung mit westöstlichen Weisheitslehrern


  In den Fußstapfen bekannter westöstlicher Weisheitslehrer (Lasalle, Dürckheim, de Mello, Thich Nhat Hanh, Jäger, J. Kopp, Le Saux, Panikkar, Almaas, Kornfield, Goldstein, Rohr, Torwesten) mag es dann gelingen, sein spirituelles Bewusstsein auszuweiten oder besser: zu entleeren. Die Innenschau wird konkreter und klarer; sie durchschaut die eigenen „Anhaftungen“, die Verstrickungen in Begierde, Hass und Verblendung und erkennt die Illusion der Beständigkeit, was dann ein Loslassen bewirkt. Der synoptische Jesus und johanneische oder paulinische Christus bleibt das Du der Meditation und Hingabe, er wandelt sich aber im Bewusstsein des Meditierenden zum „Unergründlichen Christus“, zum „Leeren Christus“, der alle Namen und Vorstellungen übersteigt. Das Hier und Jetzt wird als „Nacktes Nun“ erfahren, in dem aber in jedem Augen-Blick die Fülle des Lebens aufscheint.

  Auf diesem „negativen“ spirituellen Weg leuchtet das „Sakrament des Augenblicks“ nicht so sehr in „positiven“ Gegebenheiten auf, sondern es wird stärker als ein Grund-Empfinden von Frieden, Glück und All-Verbundenheit („Sat-Chit-Ananda“) erlebt.

„Lieber Thây, ich verspreche, dass ich von jetzt an jedes Mal, wenn ich den Wasserhahn öffne, sehen werde, wie das Wasser von den hohen Bergen und aus der Tiefe der Erde fließt, und ich werde mich der wunderbaren Berührung meiner Finger mit dem Wasser erfreuen.

  Meistens reicht es aus, das „Brett vor unserem Kopf“ wegzunehmen oder die Ohren auszuwaschen. Wir sollten in einer Neu-- Seh-Hör-Schmeck-Riech- und Berühr--Schule unseren siebten, achten, neunten ... Sinn trainieren, um das „Dritte Auge“, das „Dritte Ohr“ zu öffnen für das Eine Licht, den Einen Ton, den Einen Geschmack und den Einen Duft. Dann geschieht es immer wieder, dass es für uns - wenn auch nur sekunden- oder minutenlang - nur dieses Eine gibt: ein Anblick, eine Hand-lung, ein Gespräch, ein geistiges Aha-Erlebnis. In einem Augen-Blick zwischen zwei Wimpernschlägen können wir erleben, dass unser „Herz-Auge“ die innere und äußere Wirklichkeit voll und ganz in den Blick nimmt und ihre Oberfläche durchschaut. Das Mysterium des Lebens enthüllt sich unseren inneren Sinnen und wir wissen uns berührt von Glück, Freude, Einssein. Dieser Augenblick kann dann als „Sakrament“ wahrgenommen werden, als „heiliges Zeichen“ einer göttlichen Berührung.

  „Das Leben des Glaubens besteht in nichts anderem, als daß man unaufhaltsam den Spuren Gottes folgt, durch alles hindurch, was ihn verhüllt und entstellt ... Was für einen wundersamen Frieden genießt man doch, wenn man vom Glauben gelernt hat, in allem Geschöpflichen Gott wie durch einen durchsichtigen Schleier zu sehen.

   Wenn dir das Geheimnis gegeben ist, Gott in jedem Augenblick und in allen Dingen zu finden, dann hast du das Kostbarste von allem ... Es gibt nicht einen Augenblick, wo wir nicht alles finden könnten, was wir begehren mögen. Der gegenwärtige Augenblick ist stets voll unendlicher Schätze; er enthält mehr, als ihr fassen könnt. ... Der Wille Gottes (der „Ur-Grund des Seins“, die „letzte Wirklichkeit“) ist in jedem Augenblick wie ein unendliches Meer vor euch ausgebreitet, das euer Herz nicht ausschöpfen kann ... Der göttliche Wille (der unergründliche Grund) ist ein Abgrund, dessen Öffnung der gegenwärtige Augenblick ist ...


  Ihr lieben Seelen, eilen wir also diesem Ozean der Liebe entgegen, der euch ruft. Warum warten wir? Brechen wir augenblicklich auf, verlieren wir uns an Gott, an Sein Herz, um trunken zu werden von Seiner Liebe. Wir werden in diesem Herzen den SCHLÜSSEL zu den himmlischen Schatzkammern finden ...

  Welche Schätze von Gnade birgt jeder dieser Augenblicke - unter dem Schleier der alltäglichen Ereignisse ... O Brot der Engel, himmlisches Manna, Perle des Evangeliums - du Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks ...


  Der Glaube vermag Gott zu sehen und zu vernehmen in dem, was von Augenblick zu Augenblick geschieht ... Sie sehen es, erfreuen sich seiner in allem, in den kleinsten und in den größten Dingen; jeder Augenblick schenkt es ihnen in seiner ganzen Fülle.... Alle Zustände des Leibes und der Seele, alles, was ihnen von innen und von außen widerfährt, was jeder Augenblick diesen Seelen offenbart, ist für sie die Fülle des göttlichen Wirkens und ihre Seligkeit ...


  Frage mich nicht nach dem Geheimnis, diesen Schatz zu finden. Es gibt da kein Geheimnis. Dieser Schatz ist überall: er liegt bereit, zu allen Zeiten und an allen Orten.... Das göttliche Wirken überflutet das Weltall, es durchdringt alle Geschöpfe ...


  Alles ist eines, alles gehört Dir, o Gott, alles bist Du selbst, alles kommt von Dir und ist für Dich ...

  Ich werde den Willen Gottes (das unergründliche und unaussagbare Geheimnis) in keine Schranken, keine Symbole und keine Grenzen einengen, sondern ich werde ihn in all den Gestalten entgegennehmen, in denen er sich mir mitteilt.“

  Als Christ oder Christin spürst du, dass Jesus Christus dein Zuhause ist. Als Buddhist oder Buddhistin weißt du, dass der Buddha dein Zuhause ist. Dieses Zuhause ist verfügbar im Hier und Jetzt, denn Jesus Christus ist gegenwärtig, und der Buddha ist gegenwärtig. Du nennst Christus den ´lebendigen` Christus; also kannst du nicht meinen, Christus sei jemand, der nur in der Vergangenheit existierte und nicht länger gegenwärtig ist. Christus ist allgegenwärtig. Er ist dein Zuhause, und du musst dich darin üben, ihn zu berühren ... Der lebendige Christus, der lebendige Buddha – sie sind dein wahres Zuhause. Der lebendige Christus und der lebendige Buddha dürfen aber nicht bloß Vorstellung sein, nicht nur Ideen. Sie müssen zu Realitäten werden ... Dein Übungsweg wird dich dahin führen. ...

Das (christliche oder buddhistische) Ritual ist nur ein Mittel, das den Geist berühren und wach machen soll. Du musst die Praxis in dein tägliches Leben integrieren.


  Auch wenn diese (kirchlichen) Sakramente nur zu bestimmten Gelegenheiten empfangen werden: Du solltest sie eigentlich jeden Tag erneut empfangen, nein, besser noch: jede Stunde, in jedem Augenblick deines Lebens.


  Als spiritueller Mensch musst du dich darin üben, jeden Augenblick deines Lebens so zu leben, dass du die letzte Dimension, den „Vater“, berühren kannst. ... Übe dich darin, tief im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Das „Reich Gottes“ kommt nicht erst morgen, das Reich Gottes ist keine Sache der Vergangenheit. Das Reich Gottes existiert im Jetzt. ... Wenn ihr ganz zum gegenwärtigen Augenblick zurückfindet und vollkommen wach seid, werdet ihr erkennen, dass dies hier (das eucharistische Brot) wirklich Brot ist, und dass sich in ihm der gesamte Kosmos verkörpert. ... Das Stück Brot, das Jesus uns anbot, ist noch vorhanden. Es gibt viele Gelegenheiten, es zu essen. Es findet sich in unserem Müsli, in einem Gebäckstück oder in einem Reiskuchen. Es ist verfügbar im Hier und im Jetzt. Lass dich an den Tisch Jesu einladen – heute, morgen, für alle Zeit. Du musst das Stück Brot zu dir nehmen, damit du wieder lebendig wirst und Vertrauen, wahres Vertrauen, und wahre Liebe in dir gestärkt werden.

  Du musst vierundzwanzig Stunden lang am Tag bemüht sein, das Reich Gottes, die letzte Dimension, tief in deinem Innern zu berühren.“

„Lotus-Blütenlese“ aus:

Thich Nhat Hanh: Dialog der Liebe. Jesus und Buddha als Brüder. Herder-Verlag Freiburg 2000.

In der Achtsamkeits-Meditation (Vipassana)


sitzt der Meditierende in einer aufrechten Haltung, die ein harmonisches Verhältnis von Spannung und Entspannung wahrt. Bei den verschiedenen Varianten ist die Grundlage der Übung die vollkommene Achtsamkeit für die geistigen, emotionalen und körperlichen Phänomene im gegenwärtigen Augenblick. Beide Schulen lehren das nicht wertende und absichtslose Gewahrsein im Hier und Jetzt, ohne an Gedanken, Empfindungen oder Gefühlen zu haften.

Vipassana, Einsichts- oder Achtsamkeits-Meditation bezeichnet - ähnlich wie die ignatianische Unterscheidung der Geister - ein intuitiv unterscheidendes, tiefer durchschauendes und damit von Illusionen befreiendes „Sehen“ im Sinne eines unmittelbaren Erfassens....

  Vipassanā meint also eine besondere Art des Tiefblickens, das direkt, ungetrübt und wahrhaftig alle inneren und äußeren Vorgänge erfasst.  (Wikipedia)

Ihr wisst, dass dies meine Praxis ist – jedes Mal, wenn ich den Wasserhahn öffne. Ich sehe, es ist ein Wunder, und ich bin sehr glücklich und dankbar, wenn ich das Wasser berühre. Wir wissen, dass wir leiden, wenn das Wasser abgestellt ist, aber wir haben die Angewohnheit zu warten, bis es abgestellt ist, um uns bewusst zu werden, wie wunderbar es ist, fließendes Wasser in unserem eigenen Heim zu haben. Ich genieße es jedes Mal, wenn ich den Wasserhahn öffne, und freue mich, das fließende Wasser zwischen meinen Fingern zu spüren. So ein Versprechen würde mich freuen.“

http://www.intersein.de/

  Dass dieser geglaubte Jesus Christus nicht nur eine überragende Gestalt der Weltgeschichte, sondern die energetische Liebe der gesamten Evolution ist, ihr Alpha und Omega, ihre göttliche Immanenz und Transzendenz, wurde mir durch die Schriften von Teilhard de Chardin bewusst.

  Gleichzeitig öffnete sich mir eine Schatzkammer der biblischen Überlieferung, die kosmische Christologie im Epheser- und Kolosserbrief. Wenn ihre Grund-Aussagen in der christlichen Theologie und Verkündigung stärker zur Geltung kämen, könnte auch ein Konsens im Wesentlichen mit östlichen Religionen wie selbstverständlich praktiziert werden. „Christus“ erschiene wie „Buddha“ oder „Advaita“ als ein Begriff für das „Ungreifbare Mysterium“ der Gesamt-Wirklichkeit. Die christliche Theologie ist heute gefordert, bestimmte meist als nicht- oder spätpaulinisch abgewertete Textstellen der Bibel und auch „Perlen“ der christlichen Mystik (Wilhelm von Thierry, Meister Eckhart) tiefer anzuschauen und zu durchdenken und dabei sogar buddhistische oder hinduistische Erkenntnisse als Schlüssel oder Brille zu verwenden. Ich zitiere einige Grund-Aussagen aus dem Epheser- und Kolosserbrief:

Johannes Kopp (1927-2016)

Pallottinerpater

und Zen-Meister

  Der „Rote Faden“ in einem geschwisterlichen Dialog von Christen mit Hindus und Buddhisten könnte in der Erkenntnis bestehen, dass die Welt der Menschen und die Welt Gottes eins sind, dass die eine, ungeteilte Wirklichkeit die Gottheit selbst ist, die sich ausschließlich durch eine einzige Sache von allen anderen unterscheidet: Sie ist ununterschieden. Alles, was ist, ist nur ein Aspekt der göttlichen Wirklichkeit. Nichts von dem, was existiert, ist wesenhaft von ihr getrennt.

  „Christus“ fasst Alles in sich zusammen, nichts existiert außerhalb von Christus. Also sind Glauben und alltägliches Leben nicht voneinander getrennt. Auch Bibel und  Sakramente haben ihren Ort nicht in einem Sonderbereich, sondern sind Ausdruck und Feier der „Einen Wirklichkeit“.

Johannes Kopp, Pallottinerpater und Zen-Meister (1927 - 2016):


  Um es kurz zu sagen: Irgendwann in meinem Leben wurde mir Christus zu einem Ereignis, über das nichts mehr hinaus, sondern in das alles hineinging.  (36)

  Der Name Jesus Christus muß aufhören, nur eine Benennung...zu sein. Er muß der Weg sein, den du gehst und auf dem du wirst, was du deinem Wesen nach schon bist.... Der Name Jesus Christus klingt im Einklang, wenn er klingt in allem. Und alle Dinge sind naß aus dem Meer dieses Namens, in dem es kein Außerhalb gibt. (81)

  Wenn ich mich in Christus erkenne, dann erkenne ich alles und alle in Christus, und zwar in seiner namenlosen, anonymen, aber wirklichen und schöpferischen Präsenz. (83)

Raimon Panikkar, Priester und Theologieprofessor (1918 -2010), Sohn eines indischen Vaters und einer spanischen Mutter, eines Hindu und einer Katholikin:


         Ich bin als Christ gegangen,

        ich habe mich als Hindu gefunden

        und ich kehrte als Buddhist zurück,

        ohne doch aufgehört zu haben,

        ein Christ zu sein.


Alles Seiende, alles, was ist, ist eine Christophanie“ (33)

  Die Fülle des Lebens, die sehr viele Namen hat, wird in der christlichen Tradition „Jesus Christus“ genannt (13)


   Christus ist das christliche Symbol der ganzen Wirklichkeit ... das bedeutet, dass in Christus nicht nur ´alle Schätze der Göttlichkeit` enthalten sind, sondern auch, dass ´alle Mysterien des Menschen` darin verborgen sind und alles im Universum Existente. Christus ist ... das kosmotheandrische oder theanthropokosmische Symbol par excellence der gesamten Wirklichkeit. Christus ist der christliche Name für das Einssein von Gott - Mensch - Kosmos (theos - anthropos - kosmos). (195)


(Christophanie. Erfahrungen des Heiligen als Erscheinung Christi, Freiburg 2006)

     Johannes Bours          Teilhard de Chardin           Roger Schütz                        Johannes Kopp                       Raimon Panikkar

Christus: überall gegenwärtig, überall in voller Ganzheit

  Das Unendliche berührt uns im Kleinsten. Die Bedeutung der alltäglichen Handlung zu entdecken ist das große Aha-Erlebnis auf dem Weg zum Wahren Selbst. (92)

  Es geht um die Einübung in das, was immer ist, in das Immerliche.....Jetzt ist ein anderer Name für das ewige Heute, ein anderer Name für Jesus Christus. (93)

  Wenn das Zen-Auge geöffnet ist, durchschaut es alle Dinge auf das eine hin: „Christus ist alles und in allem“ (Kol 3,11).  (188)

  Der besonders heilige Ort ist die Schöpfung Gottes, das Universum. Die besonders heilige Zeit ist der Augenblick. (189)


(Schneeflocken fallen in die Sonne, Christuserfahrungen auf dem Zen-Weg, Annweiler 2002 3.Aufl.)

Spirituelle Begleiter und Orte (Johannes Bours, Taize, Thomas Kaschten, Anneliese Heine)


  Authentische Lehr- und Lebensmeister, die mir Zugänge eröffneten in wahrhaftige Selbsterkenntnis und in das Christus-Mysterium der Einen Wirklichkeit waren Spiritual Johannes Bours, der Transaktions-Therapeut P. Thomas Kaschten und  Sr. Anneliese Heine (Enneagramm-Exerzitien).

Vereinfachung und Vertiefung einer alltagstauglichen Spiritualität erlebte ich immer wieder in Taizé.

Vergnügungen


Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen + Das wiedergefundene alte Buch + Begeisterte Gesichter + Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten + Die Zeitung + Der Hund + Die Dialektik + Duschen, Schwimmen + Alte Musik + Bequeme Schuhe + Begreifen + Neue Musik + Schreiben, Pflanzen + Reisen + Singen + Freundlich sein.

Angerührt werden  - sich berühren lassen: Die Erschaffung des Menschen (Michelangelo)

Einatmend weiß ich, dass ich einatme.

Ausatmend weiß ich, dass ich ausatme.

Ein – aus, ein – aus ....


Wenn ich im gegenwärtigen Augenblick verweile,

weiß ich, dass dies ein wunderbarer Augenblick ist.

Beim Einatmen sage und weiß ich: nun.

Beim Ausatmen sage und weiß ich: wunderbar.

Nun – wunderbar, nun – wunderbar ....

Ein – aus, ein – aus ....

   Wenn dir das Geheimnis gegeben ist, Gott in jedem Augenblick und in allen Dingen zu finden, dann hast du das Kostbarste von allem ... Es gibt nicht einen Augenblick, wo wir nicht alles finden könnten, was wir begehren mögen. Der gegenwärtige Augenblick ist stets voll unendlicher Schätze; er enthält mehr, als ihr fassen könnt. ...

Der Glaube vermag Gott zu sehen und zu vernehmen in dem, was von Augenblick zu Augenblick geschieht ... Sie sehen es, erfreuen sich seiner in allem, in den kleinsten und in den größten Dingen; jeder Augenblick schenkt es ihnen in seiner ganzen Fülle.... Alle Zustände des Leibes und der Seele, alles, was ihnen von innen und von außen widerfährt, was jeder Augenblick diesen Seelen offenbart, ist für sie die Fülle des göttlichen Wirkens und ihre Seligkeit ...

Welche Schätze von Gnade birgt jeder dieser Augenblicke - unter dem Schleier der alltäglichen Ereignisse ... O Brot der Engel, himmlisches Manna, Perle des Evangeliums - du Sakrament des gegenwärtigen Augenblicks ...     (Jean-Pierre de Caussade (1675-1751)

August 2011 - 2016

Eucharistiefeier - Abendmahl I:


Verwandlung und Selbstwerdung

Trans-formation und

Kon-Formation mit Christus