Weitere Überlegungen folgen ...

  „Von meiner Veranda aus sehe ich, dass alles, was mich umgibt, die sichtbar gemachte Liebe Gottes ist. Seine Liebe hat die Form dieses Sees angenommen, mit den blauen Vulkanen am Ufer gegenüber, den Inseln in der Nähe, die ich von hier aus gut erkennen kann, einem schaumfarbenen Reiher, der am Ufer fischt, dem schwarzen Hals einer Ente, die mit einem silbrigen Fisch im Schnabel aus dem Wasser auftaucht, den Coyol-Palmen, dem blühenden Malinche-Baum, dem grünen Leguan, der die lilafarbenen Blüten der Zeder frisst - dies alles von Gott hierher gebracht, weil es mir so sehr gefällt. Jedes Bild vor meinen Augen ist seine hier anwesende Liebe....

   Im Morgengrauen, wenn ich aus dem Haus trete, danke ich Gott für den Platz, den er mir gegeben hat, diese fröhlichen Gewässer und die fröhlichen Inseln uind einen neuen Tag. Einen Ort, an dem Gott und ich vereint sein können...

  Schon vor geologischen Erdzeitaltern schuf Gott dieses Solentiname, indem er an mich dachte. Nicht nur an mich ... Wir wissen nicht, was hier gewesen ist während der vielen Jahrhunderte, als Indios hier lebten und Solentiname <Ort der Gäste> bedeutete; doch war dieser Ort sicher schon viele Jahre zuvor ein Ort der Meditation und der Liebe.“


(Erinnerunge Bd II: Die Jahre in Solentiname S.137 f)



  Auch Kinder der Inselfamilien trugen zur Verschönerung der Kirche bei. Ihre Zeichnungen, die Cardenal gesammelt hatte, wurden von ihm und Róger auf die Altarwand und die Seitenwände hinter der Marien- und Josefsstatue übertragen:


   „Vögel, Blumen, Schmetterlinge, Fische, Häuser, Boote, auch mal ein Flugzeug. Einen sehr schlichten Christus, den ich im Trappistenkloster gemacht hatte, wiederholte ich mit größeren Maßen in weißem Gips. Und weil die Wände der Kirche weiß waren, brachten wir ihn wegen des Kontrastes auf ein paar alten, zerbeulten Benzin- und Kerosinkanistern an, die wir mit Ölfarben in verschiedenen Rottönen strichen. Von weitem sah dieser Hintergrund wie emailliertes Metall aus, und aus der Nähe eben wie alte Blechkanister.

   Der Altar war aus Zement  und mit Linien und Mustern aus der Zeit vor Kolumbus geschmückt, die Róger und ich in sehr lebendigen Farben auftrugen. Die Statuen von Maria und Josef an den Seitenwänden wurden renoviert. Die Balken und Pfosten wurden auch bunt angestrichen und die Bänke ebenfalls. So sieht die Kirche auch heute noch aus, und sie hat immer noch ihren Boden aus Lehm. Alles ist einfach und ärmlich und gleichzeitig fröhlich“ (154 f).

Eine neue christliche Gemeinschaft auf Solentiname

   „Die Messe begann mit Gesängen und Gitarrenspiel, und nachdem ich allen die Absolution erteilt hatte, las jemand das Evangelium. Und dann wurde es kommentiert. Ich trug kein priesterliches Ornat, nur mein Stirnband, und saß mit den anderen am Fuß des Altars.... Dann, wenn die Kommentare zum Evangelium beendet waren, trat ich an den Altar und legte mein Gewand für die Feier der Eucharistie an. Fast alle nahmen das Abendmahl mit dem Brot aus ungesäuertem Teig, das jeder selbst in die Hand nahm und in den Wein tauchte. Auch die Kinder nahmen ihr Stück Brot ... Nach der Messe versammelte man sich in der Gemeinschaftshütte zum Mittagessen, manchmal mit ein paar Gläsern Rum, und dann gab es wieder Gesang und Gitarrenmusik. Eine wirkliche Kommunion!“ (152)

  „Pablo, Alejandro und ich standen um halb fünf Uhr morgens auf, um zu beten; erst eine Psalmlesung, dann das eigene Gebet, jeder für sich.... Pablo machte seine Gebete im Jogasitz, Alejandro auf dem Boden sitzend; ich auch auf dem Boden sitzend oder in der Hängematte liegend.“ (153)

  Vom  ersten Tag an trugen die drei Ordensbrüder, Ernesto Cardenal, Carlos Alberto Restrepo und William Agudelo, ihre  Bauernkittel und Blue Jeans, die sie als Mönchskleidung ausgewählt hatten.

  Zehn Tage nach ihrer Ankunft auf Solentiname, am Aschermittwoch 23. Februar 1966, feierte Cardenal die erste Messe mit den Einwohnern in der Kirche, die ihnen noch immer als Lager und als Wohnung diente, während sie das Haus bauten.  In der Tradition der Trappisten erhielt die Gründung den Namen: „Unsere Liebe Frau von Solentiname“. (78)

Es dauerte einige Jahre, bis das Kircheninnere das Gesicht erhielt, das wir aus den Fotos kennen.

   „Dieser Bauernkittel war das traditionelle nicaraguianische Hemd, das nur an ganz wenigen Plätzen noch benutzt wurde. Ich wählte es als unsere Tracht... Es handelt  sich um ein einfaches Hemd aus weißem Baumwollropfen von der Schlichtheit einer griechischen Toga. Es eignet sich sehr gut für die Arbeit auf dem Feld. Ich wollte, dass das Hemd der nicaraguanischen Bauern unser Habit würde, genau wie die Kleidung der Bauern des 6. Jahrhunderts die Tracht der Benediktiner würde. Durch Solentiname fand dieser fast vergessene Kittel weite Verbreitung, und mehr noch zur Mode wurde er durch die Hippies.

   Die Haare uns ganz kurz zu schneiden, war eine Idee von Carlos Alberto gewesen, um noch klösterlicher zu sein. Später ließen wir die Haare wieder wachsen und zur Blütezeit der Hippies trugen wir sie sehr lang. Unsere Tracht wurde durch Blue Jeans vervollständigt.“    (Erinnerungen Bd II 76)

  „Und so entfernte sich unsere Gemeinschaft nach und nach von dem klösterlichen Schema, das ich anfangs im Kopf hatte... Die Wirklichkeit war es, die mich mit sich nahm. Und die wichtigste Wirklichkeit war, dass es in den zwölf Jahren, die ich dort lebte, keine Berufung zum Klosterleben gab. Und wie sollte ich in Solentiname das Kloster für eine Person unterhalten? Also musste ich die aufnehmen, die kamen. Die etwas Ähnliches wie das Klosterleben suchten.“


(Erinnerunge Bd II: Die Jahre in Solentiname S.162 f)

   Das Gründungs-Trio blieb nicht lange zusammen. Carlos Albertos Kopfschmerzen wurden immer stärker, nach einem halben Jahr verließ er endgültig die kleine Kommune in sein Heimatland Kolumbien (105). William verabschiedete sich ebenfalls und heiratete Teresita, eine lagjährige Freundin, kehrte aber nach der Hochzeit nach Solentiname zurück. Das „Kloster“ besteht nun aus Ernesto Cardenal, einem verheirateten Paar, einigen Bauernfamilien und ein paar jungen Leuten. Offensichtlich werden gerade hochbegabte junge Männer von der Konzeption Cardenals angezogen. So etwa Alejandro, der natürliche Kopf der jungen Leute in Solentiname, später Guerillero und „nach dem Sieg der Revolution in hohen Führungspositionen (160)

  Das gemeinsame Gebet der kleinen mönchischen Gemeinschaft lehnte sich in den ersten Jahren an das Chorgebet der Trappisten in Kentucky (USA) und der Benediktiner in  Cuernavaca (Mexiko) an, wie Ernesto Cardenal es von 1957 bis 1961 selbst als Novize und Student miterlebt hatte.

   „Und so wurde Alejandro ein Mitglied der Gemeinschaft, der ganz kleinen Gemeinschaft, die aus ihm und Pablo und mir bestand, Róger Pérez, dem ständigen Gast, und William und Tere, die als Ehepaar für sich wohnten.“ (153)

   Nach der gelungenen Revolution 1979, als das zerstörte Solentiname wieder neu aufgebaut war, wurde Solentiname bekannt durch Kunsthandwerk und Dichterwerkstätten. Ihre naive Malerei war begehrt und trug dazu bei, die Halbinsel touristisch zu erschließen.

   Schließlich konnte die Vierer-Gemeinschaft in das strohbedeckte Häuschen einziehen, das Cardenal immer gewünscht und selbst entworfen hatte.

   „Als Alejandro in die Gemeinschaft kam, rezitierte ich dreimal am Tag mit ihm die Psalmen - nicht siebenmal wie die Mönche. Als wir mehr wurden, merkte ich, dass dieses Rezitieren für sie zur langweiligen Routine wurde. Und wir taten es nur zweimal am Tag, und dann nur noch einmal. Morgens vor dem Frühstück gab es eine Bibellesung....

   Anfangs hielten wir jeden Tag Messe. Später hielten wir, außer der Sonntagsmesse, die in der Kirche mit allen Leuten gefeiert wurde, zwei- oder dreimal die Woche <im großen Haus> die Messe der Gemeinschaft, wobei wir beim ersten Teil alle auf Strohmatten am Boden saßen und beim zweiten Teil um den Tisch herum.“

   „Die Hütte, in der dann wir vier wohnten, Alejandro, Laureano, Elbis und ich, war aus Holzbohlen gebaut und hatte ein Strohdach wie die anderen auch. Es gab eine Zwischendecke, und oben schliefen Alejandro und Elbis, unten Laureano und ich. Unten war auch mein kleiner Tisch mit der Schreibmaschine und ein kleines Bücherregal, ein Waschtisch, eine Hängematte und sonst nichts.“ (164)

Evangelium und Revolution

Naive Malerei und Kunsthandwerk