VII.  Teresa von Avila:

WOHNUNGEN der Inneren Burg bzw.

DES INNEREN PALASTES 


Herausgegeben, neuübersetzt und eingeleitet von

Ulrich Dobhan OCD und Elisabeth Peeters OCD

HERDERspectrum 5655, Freiburg 2005


(Auszüge und Kommentierungen)

2. Februar 2011                                     Zur Startseite

  Pfingsten 1577 erhielt Teresa, die sich durch die Veröffentlichung spiritueller Bücher, durch zahlreiche Klostergründungen, ihre weitläufige Korrespondenz und durch ihren souveränen Umgang mit der spanischen Inquisition etc. einen Namen gemacht hatte, im Alter von 62 Jahren von ihrem Ordensoberen Pater Gracián den Auftrag, ihre Erfahrungen mit dem „Inneren Gebet der Ruhe“ in einem weiteren Buch darzulegen. Trotz vielfältiger gesundheitlicher Beschwerden und großer Beanspruchung als geistliche „Managerin“ verfasste sie in fünf Monaten ihren Bestseller „Las Moradas del Castillo Interior“, im deutschen Sprachraum bekannt geworden unter dem Titel „Innere Burg“ bzw. „Seelenburg“.

    ERSTE Wohnung


  Als Teresa de Jesus am 2. Juni 1577 mit dem Schreiben begann und den Herrn anflehte, durch sie zu reden ... da bot sich ihr als Ausgangspunkt, als zentrales Bild an: unsere Seele als eine Burg oder einen Palast zu betrachten, der ganz aus einem Diamant oder einem sehr klaren Kristall besteht und in der es viele Gemächer gibt. ...

  Die Seele ist nichts anderes als ein Paradies, in dem der Herr seine Lust hat. ... Ich finde nichts, mit dem sich die große Schönheit einer Seele, ihre Weite und ihre hohe Befähigung vergleichen ließe.

  Diese Burg, dieser Palast hat viele Wohnungen, die einen oben, die anderen unten, andere an den Seiten. Und in der innersten Mitte von all diesen Wohnungen liegt die vornehmste, in der die höchst geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele vor sich gehen, das Gemach, in dem der König wohnt.

  Schauen wir, wie wir in unsere schöne, beglückende Burg hineingelangen können. ... so ist doch klar, daß man nicht hineingehen muss, da man selbst die Burg ist. Doch ihr müßt verstehen, dass zwischen Darinnensein und Darinnensein ein großer Unterschied besteht. Es gibt viele Seelen, die sich ihr Leben lang  im Wehrgang der Burg aufhalten - also dort, wo die Wachen stehen - und denen nichts daran gelegen ist, ihre inneren Anlagen zu betreten. Sie wissen nicht, was an diesem wundervollen Ort zu finden ist, noch wer darin weilt.

  Nach meiner Erfahrung sind das innere Beten und die Betrachtung das Eingangstor. Vorher muss man selbst erkennen und einsehen, daß man sich draußen aufhält und nicht auf dem rechten Weg ist, der zur Burgpforte hineinführt. Endlich tritt man in die ersten der unteren Gemächer ein; doch mit ihnen dringt so viel Gewürm ein, daß man weder die Schönheit der Burg zu sehen vermag noch zur Ruhe kommt. Schwer genug ist es gefallen, überhaupt hineinzukommen.

  Die Räume der ersten Wohnungen sind besetzt von Gewürm, Nattern und Ottern; von inneren Dämonen, die uns Fallen stellen und uns die Augen verkleben.

Selbsterkenntnis, wahrhaftige Selbsteinschätzung, "Demut" ist der geforderte, notwendige Weg durch diese "Ersten Wohnungen". Um einer Fixierung auf die eigenen dämonischen Seelenkräfte zu entgehen und nicht in Kriecherei und Feigheit zu verkommen, muss der Mensch wie die Nektar suchende Biene immer wieder nach draußen fliegen und die Größe und Schönheit Gottes bewundern und zugleich die eigene Niedrigkeit erfahren. Er soll seine Augen auf Christus richten und dessen  Demut. Das in allen Wohnungen präsente Licht ist hier noch verdunkelt durch die Leidenschaften der Seele (Schlangen, Vipern etc), durch Besitzstreben, Prestigesucht, Geschäftigkeit. Von diesen abzulassen und die Täuschungen und Kunstgriffe des Bösen zu durchschauen, ist hier seine Aufgabe. Wachsamkeit, Achtsamkeit für alle geheimen Regungen des Herzens sind hier einzuüben. Dazu bedarf es einer großen Unterscheidungsgabe.

     In den ZWEITEN Wohnungen


begegnen wir weiteren destruktiven Kräften, Gefährdungen und vielerlei Anfechtungen und Verwirrungen. Hier werden die Kämpfe mit den „Dämonen“ ausgetragen, und die Seele muss schlimme  Leiden ertragen.

  Vermutlich fehlt es an echter Demut, an der realistischen Annahme, dass alles ein unverdientes Geschenk ist. Von Erwartungen und Einbildungen müssen wir uns frei machen, und Dankbarkeit für Süßes und Btteres entwickeln. Wo wahre Demut herrscht, d.h. Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit und unsere Verantwortung dafür, da wird Gott Frieden und Einklang stiften. Prüfungen (Verlusterfahrungen, Besitzminderung, Geringachtung durch andere) tragen zu dieser wahrhaftigeren Selbsterkenntnis bei. Wichtig ist es, unseren Willen aufzugeben und uns ganz dem Willen Gottes anheimzugeben, damit nichts anderes die Ordnung unseres Lebens sei als sein Wille.

  Wahre Demut ist eine Salbe für unsere Wunden. Wir sollten diesen Weg nicht Schrittchen für Schrittchen und immer langsam vorangehen, sondern eine entschlossene Entscheidung für den

Herrn treffen. Wir sollten unsere Vernunft und unsere Ängste Ihm übergeben, unsere natürliche Schwäche vergessen, unser Ego aufgeben. Vervollkommnung besteht in Dankbarkeit und wachsender Liebe.



      In den Räumen der VIERTEN Inneren Wohnungen


fangen die übernatürlichen Dinge an. Hier werden nicht nur Glücksempfindungen und Zärtlichkeit im Gebet (emotionale Ergriffenheit) erfahren, die sozusagen die Früchte des eigenen Bemühens sind, sondern die Wonnen, die ohne das eigene Zutun von Gott geschenkt werden, der unser Herz weit gemacht hat. Das ständige Bemühen um Überlegung, das Denken und Betrachten wird ergänzt durch die Grundhaltung, Gott zu loben und sich seiner Güte zu erfreuen und Taten zu vollbringen. Es kommt nicht darauf an, viel zu denken, sondern viel zu lieben, d.h. mit großer Entschlossenheit Gott in allem erfreuen zu wollen. Es kann eine Diskrepanz bestehen zwischen unserem aufgeregt umherflatternden Denken und einer ruhigen Sammlung aller Seelenkräfte in Gott. Wir sollten uns nicht bei diesen verwirrenden Gedanken aufhalten. „Lassen wir also diese Klappermühle ruhig weiterrattern, und mahlen wir unbeirrt unser Mehl."

     In den FÜNFTEN Wohnungen der Seele


beginnt das eigentliche mystische Leben: die tiefe Einigung mit Gott, das Leben in Christus. Die reichen Erfahrungen mit dem Schatz im Acker, mit der kostbaren Perle, im Weinkeller sind im Grunde unaussprechlich. In diesem Gebet der Gotteinung ist unsere Seele gleichsam eingeschlafen für die Dinge der Welt und für uns selbst. Sie fühlt sich entwurzelt aus allen Tätigkeiten und der Welt gänzlich gestorben. Es ist ein köstlicher Tod. Gott wirkt im Innersten der Seele, im Knochenmark; jeder Zweifel ist ausgeschlossen, dass sie in Gott und Gott in ihr war. Gott tritt in unsere Seelenmitte ein, ohne dass wir ihm die Tür öffnen oder andere Anstrengungen unternehmen. Wir sind beteiligt nur mit unserem Willen, der sich Ihm ganz hingegeben hat. Die Einheit mit Gott ist evident; auch wenn sie nur von kurzer Dauer war, prägt sich diese Wahrheit unvergesslich der Seele ein. Zwei Kriterien für die Echtheit dieser einigenden Gotteserfahrungen in einer der Fünften Wohnungen nennt Teresa: die tiefe innere Gewissheit und die positiven Auswirkungen im alltäglichen Leben.

  Die Metamorphose der Seidenraupe in einen Schmetterling benutzt Teresa als bildhaften Vergleich für das Wachstum des inneren spirituellen Lebens. Aus einem Ei („Samenkorn") entwickelt sich eine Raupe bzw. ein Wurm, der sich in einen Seide-Kokon einspinnt, in dem er dann stirbt und aus dem er als wunderbarer Schmetterling ausschlüpft. In der Fünften Wohnung ereignet sich der mystische Tod des (sündigen, armseligen) Wurms durch die Gnade der Gotteinung. Nachdem er zum Schmetterling geworden ist, steht das Fliegen im Vordergrund.

  Die Raupe baut das Haus, in dem sie sterben soll: Christus unser Leben. Wir sterben unserer Eigenliebe, unserem Eigensinn und der Abhängigkeit von irdischen Dingen und werden mit Gottes Seligkeit und Glück erfüllt. Die Seele fühlt sich so voll Sehnsucht, den Herrn zu loben, dass sie sich am liebsten auflösen und tausend Tode für ihn sterben möchte. Rastlosigkeit und Unzufriedenheit mit allem Irdischen stellen sich ein, besonders dann, wenn ihr Gott von seinem Wein einschenkt. Viele neue Prüfungen beginnen, die aber Frieden und Glück verstärken. Die Schmerzen gelangen offensichtlich nicht bis in die Tiefen der Seele.

     Die SECHSTEN Wohnungen


bilden die letzte Station vor dem Zugang in die innerste Mitte; die Seele ist fest entschlossen, keinen anderen Bräutigam zu nehmen als Christus. Es ist eine Phase der geistlichen Verlobung mit Trennungen und kostbaren Geschenken.  Sie muss aber schmerzhafte psychische und somatische Prüfungen erleiden. Teresa spricht von Verleumdungen und sehr schweren Krankheiten. Hinzu kommen noch seelische Dürrezeiten mit Verdrossenheit und Verdunkelungen. Dadurch erkennt der spirituelle Mensch um so intensiver die eigene Armseligkeit und Sündhaftigkeit. Das beste Hilfsmittel in diesen Situationen besteht darin, sich äußeren Werken der Nächstenliebe zu widmen und auf das Erbarmen Gottes zu hoffen. Und diese Prüfungen verhelfen dem kleinen Schmetterling zu einem um so höheren Flug.

  In diesen Räumen stirbt das Ego. Die Seele macht die tiefe Erfahrung: alles ist Geschenk Gottes und nicht eigene Leistung.

  Der Bräutigam weckt eine innige Sehnsucht nach sich in der Seele der Braut. Sie fühlt sich aufs köstlichste verwundet. Er ruft nach ihr mit einfühlsamen Mitteln: sanftes Pfeifen, Duft, mannigfaltige Ansprachen (mystische Auditionen) von außen und aus dem tiefsten Inneren der Seele. Diese im Innern gehörten Worte können aber auch dem Bösen oder der eigenen Phantasie entstammen. Teresa nennt untrügliche Anzeichen für die Authentizität: 1. Macht und Souveränität, 2. große Ruhe und friedliche Sammlung, 3. sie entschwinden lange Zeit nicht aus dem Gedächtnis, 4. felsenfeste Gewissheit.

  Weiter nennt Teresa eine weitere Weise, wie der Herr zur Seele spricht, die geistige  Vision. Kennzeichen sind: sichere Gewissheit, unvorhergesehenes Ereignis u.a. Manchmal versetzt Gott die Seele in einen Zustand der Verzückung und Ekstase. Gleich dem Vogel Phönix verbrennt sie und wird verwandelt.

  Zwischen den sechsten und siebten Wohnungen gibt es keine verschlossenen Türen mehr. Es ist, als träte man ein in das Schmuckkabinett eines Königs (4,8), als würde man in das Himmelsgemach, das Empyreum versetzt, das wir wohl im Innern unserer Seelen haben müssen. Die Türen zu den anderen Wohnungen lässt der Bräutigam schließen. Manchmal erlebt die Seele ekstatische Geistesflüge.

  Drei Juwelen beginnt der Bräutigam seiner Braut zu schenken: Erkenntnis von Gottes Größe, demütige Selbsterkenntnis und Geringachtung der Dinge dieser Welt. Sie wecken eine qualvolle Sehnsucht.

     SIEBTE Wohnungen


  In der zentralen Wohnung des Inneren Palastes wird die geistliche Vermählung gefeiert. Dazu versetzt der Bräutigam die menschliche Seele in seine eigene Wohnung, wie in einen zweiten Himmel. Teresa vergleicht diese Erfahrung mit dem Damaskus-Erlebnis des Paulus. In einer Art Blindheit wird ihr das Dritte Auge geöffnet und sie schaut - nicht leiblich - die Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Geist, die in ihr Wohnung nehmen (Joh 14,23), im Innern ihrer Seele, im aller-, allertiefsten Innern, in etwas Abgrundtiefem. Dieses Verweilen der Gottheit geschieht im Hier und Nun. Es hindert nicht, den Alltagspflichten nachzukommen – ganz im Gegenteil: vgl. die vielen Klostergründungen durch Teresa und ihre riesige Korrespondenz. Auch wenn das Erleben dieser Gegenwart nicht durchgehend ungetrübt und klar erfahrbar ist, so spürt man doch immer, dass man sich in dieser Gesellschaft befindet. Teresa schreibt, es sei ihr vorgekommen, als bewege sich der Wesenskern ihrer Seele trotz Prüfungen und alltäglicher Arbeit nie aus diesem Gemach heraus, dennoch hatte sie den Eindruck einer Spaltung zwischen Seele und Geist.

  Nachdem ich auf den vorhergehenden Seiten Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen ihrer „Inneren Burg“ mit dem sufistischen Bild des „Inneren Palastes“ und tibetischen Kalachakra-Mandalas dargestellt habe, fasse ich die Hauptgedanken von Teresas “Moradas“ auf dieser Seite zusammen. Einige Anmerkungen der oben angegebenen Neuübersetzung habe ich eingearbeitet. Manchmal habe ich die Übersetzung von Fritz Vogelgsang genutzt.

  Im Nachwort ermuntert Teresa, uns an dieser „Seelenburg“, an diesen unzähligen Wohnungen unseres Inneren Palastes zu erfreuen. Jederzeit können wir – auch ohne Genehmigung von Oberen – in ihn eintreten. Es ist ein großer Trost, in diesen Wohnungen und Gärten mit Brunnen und Labyrinthen und vielen entzückenden Dingen herumzuspazieren und den großen Gott zu lobpreisen, der das alles nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat. Diese Erfahrung lässt uns in allen Dingen - seien sie auch voller Qual und Mühe - Ruhe und inneren Frieden finden.

  Im 9. Kapitel geht Teresa auf den unaufgebbaren Wert der Imaginativen Visionen ein, die dem Gedächtnis derart eingeprägt sind, dass es sie nie und nimmer vergisst. Sie empfindet das reiche Bilderleben der imaginativen Vision (Schaubilder!) als hifreicher, weil sie unserer Natur besser angepasst sind als die geistigen Visionen. Sie vergleicht diese Schaubilder mit einem Edelstein in einem goldenen Kästchen, das wir bei uns tragen, zu dem aber nur der Auferstandene den Schlüssel hat und das nur ER öffnen kann. Er zeigt dem Inneren Auge dann seine allerheiligste Menschheit; dieses allerherrlichste Bild bleibt der Vorstellungskraft so tief eingeprägt, dass wir es nicht löschen können. Sein Glanz ist wie eingegossenes Licht und wie eine von etwas ganz Durchlässigem, wie etwa von einem Diamant verdeckte Sonne. Plötzlich wird der Seele alles auf einmal gezeigt, in einem Nu kommt diese Seele völlig zur Ruhe und sie braucht keinen anderen Lehrer mehr.

  In VI 10, 3 stellt sich Teresa vor, Gott sei wie eine Wohnung oder ein sehr großer, wunderschöner Palast, und dieser Palast sei Gott selbst.

  Gott zeigt uns die Wahrheit: Erkenntnis Gottes und demütige Selbsterkenntnis. Die Demut ist für Teresa das Fundament der Inneren Burg, eine realistische, wachsame  Selbsteinschätzung ist einer der Grundpfeiler ihrer Spiritualität.

In diesen Fünften Wohnungen hat sich die Seele gänzlich Gott übergeben. Sie tut nicht mehr als das Wachs, dem Gott sein Siegel aufprägt. Sie hält sich nur still und lässt es geschehen.

  Die wahre Gotteinung kann man mit Hilfe des Herrn erlangen, wenn man seine Eigenwilligkeit aufgibt und den eigenen Willen an den Willen Gottes hingibt. Der Herr verlangt von uns nur diese zwei Dinge: Liebe zu „Seiner Majestät" und zum Nächsten. Werke will der Herr! Das innere Beten und die Gotteinung zielen auf die praktische Verwirklichung von Gottes- und Nächstenliebe im Alltag ab. Werke sind nicht Voraussetzung für die Gnadengaben Gottes, sondern natürliche Auswirkungen und Erweis ihrer Echtheit.

  Vorstufen zur geistlichen Verlobung werden im 4. Kap. durch Liebes-Allegorien verdeutlicht: zum Anschauen zusammenkommen, sich verlieben, Hände reichen etc.

  In diesem Werk des Geistes tut der am meisten, der am wenigsten zu tun meint und tun will, der sanft und friedlich vorgeht, nicht mühsam, sondern absichtslos, der sich unbekümmert um den eigenen Vorteil in größter Ergebenheit den Händen Gottes überlässt. Er versucht das diskursive Denken des Verstandes zu lassen und einfach vor Gott dazusein.

Dieses Gebet der Ruhe beteht in einer übernatürlichen (von Gott geschenkten) Sammlung. Wie ein guter Hirte lässt der große König die Seele mit einem zarten Pfeifen seine Stimme hören. Dieses Pfeifen des Hirten bewirkt, dass sie alle entfremdenden Äußerlichkeiten aufgibt und in den Palast zurückkehrt. Man hört nichts, doch verspürt man deutlich ein sanftes Gezogenwerden nach innen. Statt diskursiv zu denken, ist man aufmerksam für das, was der Herr in der Seele wirkt.

In allen Tugenden erfolgt eine Besserung.

  Eine Gefahr besteht darin, vor lauter Buße und Beten und Nachtwachen einen Zusammenbruch oder Schwächeanfall zu erleben, und sich in den Kopf zu setzen, das sei Entrücktsein. Teresa bewertet das aber als „Verrücktsein".

     DRITTE Wohnungen


  Die ersten Schwierigkeiten sind überwunden, im Kampf mit den destruktiven Kräften sind erste Siege errungen. Achtsamkeit, Einfachheit und Umkehr werden gelebt.

  Dennoch gibt es Dürrezeiten im Gebet und Ungeduld, weil die Tür zu dem Raum verschlossen bleibt, wo unser König weilt. Die Gefahr besteht, dass wir bestimmte Erwartungen haben, auf unsere christliche Korrektheit bauen und nicht gänzlich auf die unverdiente Gnade Gottes setzen.

  Wichtig sind Entschlossenheit und Ausdauer, und das Vertrauen in den sehr guten Nachbarn (in der innersten Wohnung) mit seiner Güte und Barmherzigkeit. Die Seele vernimmt hier, in dem zweiten Wohnbereich Seine Rufe, durch Worte von guten Menschen, durch Gebete, geistliche Lektüre und durch alle alltäglichen Ereignisse (Krankheiten, Mühsale). Dieser wahre Liebhaber verlässt uns nicht, überall begleitet er uns mit Seiner Stimme und Liebe.

Die Erkenntnis unseres Elends und unserer Schuld ist hier eine wichtige Anforderung. Wichtigstes Ziel des inneren Gebets in diesen Wohnungen ist das Bemühen, den eigenen Willen mit dem Willen Gottes übereinzustimmen. Konkreter bedeutet das, in den inneren Disharmonien Frieden zu schaffen, nicht gewaltsam, sondern mit Sanftheit, und sich zu sammeln.

  Begleitung durch erfahrene Personen ist anzuraten.

  Das Gebet der Ruhe, die hier geschenkten Wonnen vergleicht Teresa mit dem Wasser, das aus der Quelle - Gott - aus der Tiefe unseres Wesens in der Seelenmitte  - und noch tiefer - hervorquillt, und alle Wohnungen, alle seelischen und körperlichen Kräfte durchströmt. (Das betrachtende Gebet in den ersten Wohnungen vergleicht sie mit einem Wasserbecken, das über ein Kanalsystem von außen gefüllt wird.) Diese Wonne-Erfahrung in unserem tiefsten Abgrund ist nicht zu verstehen, an bestimmten Symptomen (Duft und Wärme) zwar zu erahnen, aber doch nicht zu spüren. Sie ist nicht von unserem Metall, sondern aus dem allerreinsten Gold der göttlichen Weisheit, sie ist nicht natürliche Folge unserer Verdienste und unserer asketischen Leistung, sondern ganz und gar Geschenk Gottes.

Grundvoraussetzung für die Erfahrung dieses himmlischen Wassers ist Demut, Demut, Demut. Unabdingbar ist es, sich wirklich zu demütigen, solche spirituellen Erfahrungen nicht als eigene Leistung anzusehen, sich wirklich in realistischer Selbsteinschätzung und im Loslassen zu üben und sich von allen egozentrischen Wünschen frei zu machen.

Weitere Rituale werden in den nächsten Wohnungen celebriert: Geben und Nehmen, Geschenke austauschen, sich verloben und sich vermählen.

  Dennoch bleiben Gefährdungen durch Selbsttäuschung und Zaghaftigkeit. Empfohlen wird die ständige Bitte an Gott, uns an seiner Hand zu halten, und unablässig darüber nachzusinnen, dass wir in die Tiefe stürzen würden, wenn er uns losließe. Die Augen auf seine Größe gerichtet und entflammt von seiner Liebe dürfen wir ihm entgegeneilen.

  Nüchtern geht Teresa auf Missverständnisse ein. Tränen sollen nicht gesucht werden; echt ist das Weinen, wenn es tröstet und beruhigt, nicht aber, wenn es aufwühlt. Die Meditation über die Geheimnisse der Menschheit Jesu Christi sollte nicht aufgegeben werden. Teresa rät, beim kontemplativen Gebet nicht ausschließlich passiv zu sein, sondern uns in allem selbst zu helfen, soweit wir nur können. Die Präsenz Christi intuitiv tief innerlich spüren ohne bildliche Vorstellung (geistige Vision), aber gegenständliche Betrachtung des Evangeliums nicht aufgeben und achtsam sein gegenüber Allem.

  Im zweiten Kapitel erwähnt Teresa Stationen ihrer Gotteserfahrung. Diese sei zunächst (bei ihrer Erstkommunion) durch eine imaginative Vision der Menschheit des Auferstandenen Christus geprägt gewesen. Der Herr stellte sich ihr in einer Gestalt von großer Leuchtkraft, Schönheit und Majestät vor Augen. Er sagte ihr, dass es nun dran sei, dass sie Seine Angelegenheiten als die ihrigen betrachte und Er sich um die ihrigen kümmere. Von dieser imaginativen Vision unterscheidet sich aber gewaltig die Gotteinung der geistlichen Vermählung in den siebten Wohnungen. Hier weilt Gott selbst, die Türen sind immer offen. In dieser innersten Seelenmitte werden der Geist der Seele und der Geist Gottes eins . Dieses Einswerden ist nicht so wie bei zwei Wachskerzen, die miteinander verschmelzen und ein Licht abgeben, aber auch wieder getrennt werden können, sondern eher so,

als falle Wasser vom Himmel in einen Fluss oder eine Quelle, wo alles zu einem Wasser wird, das man nicht aufteilen kann. Weiter vergleicht Teresa die Einheit von Gott und Mensch mit einem Raum, in den Licht durch zwei Fenster fällt; auch wenn das Licht getrennt einfällt, wird doch alles zu einem Licht.

  Die siebten Wohnungen sind auch der Ort, wo der kleine Schmetterling in Christus hineinstirbt.

An geheimnisvollen Anhauchungen (Aspiration) und Einhauchungen (Inspiration) lässt sich die Präsenz Gottes wahrhaben. Einige Milchstrahlen aus den Brüsten Gottes laben auch Menschen in der Umgebung. Und diese Nahrung, dieses Licht erfasst alle Vermögen der Seele und die gesamte Leiblichkeit.

  Wenn wir auf den Auferstandenen schauen, sehen wir wie in einem Spiegel unser ureigenes ursprüngliches Gesicht.

   Das friedvolle Verweilen in diesem innersten Raum des Palastes ist so stark, dass der Wirrwarr und Lärm in anderen Wohnungen diesen Frieden nicht entscheidend aufwühlen oder sogar nehmen kann.

  cap 3: Die Echtheit dieser Mitte-Erfahrung lässt sich an den Wirkungen erkennen: Selbstvergessenheit (Befreiung aus Selbstverfangenheit nicht durch eigene Anstrengung, sondern durch Raum gewährende Kontemplation); Sehnsucht, dass in allem der Wille Gottes geschehe (Was möchtest du, Herr, das ich tue? Apg 9,6); Wunsch, ständig und in jeder Situation das Lob Gottes zu singen.

  In dieser Wohnung gibt es fast keine Dürrezeit oder innere Unruhezustände. In diesem Gottestempel erfreuen sich Gott und die Seele in tiefstem Schweigen aneinander.


  cap 4: Mit großer Nüchternheit macht Teresa klar, dass diese tiefe Gottverbundenheit nicht ständig vor Fehlern und schuldhaftem Verhalten schützt. Auch der Mensch, der sich zutiefst mit Gott geeint fühlt, ist nicht frei von Anfechtungen und Bedrängnis durch die „giftigen Viecher“ aus dem Vorwerk und den anderen Wohnungen. Er wird wieder hinausgeschickt, in die alltäglichen Anforderungen. Sein ganzes Bestreben soll darauf gerichtet sein, in der Nachfolge Jesu mehr zu lieben. Denn das innere Beten und die geistliche Vermählung dienen dazu, dass seiner Seele „Werke“ entsprießen. Das Fundament des Baus sind nicht nur Beten und Kontemplation, sondern Stärkung der Tugenden, realistische Selbstwahrnehmung (Demut) und wache Aufmerksamkeit für alle Eingebungen und Anhauchungen von innen und von außen. Maria (Kontemplation) und Marta (Dienst und Nächstenliebe) müssen zusammengehen, um den Herrn immer bei sich zu haben und ihm im Nächsten zu dienen.

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VII.  Im Feuerofen singen


Lobgesang und Widerstand