Nach Cardenals Mystischer Gotteserfahrung:

Noviziat im Trappistenkloster Gethsemani,

Theologiestudium in Mexiko u. Kolumbien, Priesterweihe in Managua


Kosmischer Gesang  VI

Trappistenkloster Gethsemani in Kentucky USA (1957-59)   Priesterseminar für Spätberufene in Kolumbien (1961-65)

Ernesto Cardenal als Novize im Trappistenkloster Gethsemani (Kentucky USA)

  Als Ernesto Cardenal nach seiner Großen mystischen Erfahrung am 2. Juni 1956 seine Buchhandlung verließ, suchte er als Lektüre für das bevorstehende Wochenende ein religiöses Buch aus; seine Wahl fiel auf den heiligen Johannes vom Kreuz. Zu Hause angekommen, fragte ihn seine Großmutter Agustina, die immer die gleichen Bücher las wie er, nach der ausgewählten Lektüre. Ernesto zeigte ihr das Buch (vielleicht den "Cántico espiritual“), worauf sie meinte, er sei berufen in einen Orden einzutreten und zwar in den der Trappisten wie Thomas Merton.

"Da traf mich wie der Blitz die Überzeugung: Ich musste Trappistenmönch werden."

  Weshalb verließ Ernesto Cardenal das Trappistenkloster in Kentucky nach zwei Jahren als Novize vor der "Ewigen Profess"? In den meisten Biografien heißt es lapidar: Aus gesundheitlichen Gründen. In seinen Erinnerungen wird Cardenal offener und deutlicher. Schon "als ich ins Kloster kam, litt ich an Magen- und Kopfschmerzen", die sich stets verschlimmerten, "wenn die Glocke zum Gebet rief". Dass Cardenal nicht singen konnte, wie er selbst bekennt, war für den Mitbruder, der zugleich Psychoanalytiker war, ein weiteres Indiz für eine psychosomatische Erkrankung und den unbewussten Widerstand Cardenals gegen den regelmäßigen Chorgesang.

   Zudem hatte sein großes Vorbild Thomas Merton ihm geraten, dass das konkrete Mönchsleben in Getsemani "nicht meine Berufung sei und ich austreten müsse": er selbst habe in Rom die Erlaubnis für seinen Austritt aus dem Kloster beantragt. Diese Genehmigung erhielt er nicht. Aber man erlaubte, dass er die wenigen Jahre vor seinem tragischen Tod in einer Einsiedelei außerhalb des Klosters zubringen durfte.


(Fotos aus dem Klosterleben waren offiziell verboten)

  In seiner Biografie "Verlorenes Leben" wird das mönchische Leben in einem Trappistenkloster Ende der 50er Jahre realistisch dargestellt: ein asketisches Leben, veganische Ernährung, lange Fastenzeiten, sieben Chorgebete täglich - beginnend mit der Matutin um 2 Uhr nachts, "Im Winter war der Schlafsaal kalt wie ein Eisschrank", Reden nur mit dem Novizenmeister und Vater Abt... Glaubwürdig ist das Resümee Cardenals:  "Ich war im Kloster unendlich glücklich gewesen, doch ich verließ es auch glücklich wieder" (203)

   Aus dieser Grundstimmung ("keine Traurigkeit, keine Bekümmernisse ") werden die Schattenseiten nicht ausgeblendet. Der heutige Leser ist vermutlich entsetzt hinsichtlich bestimmter Regeln, die damals in den strengen Schweigeorden üblich waren. So war freitags eine kollektive Selbstgeißelung im Schlafsaal angesetzt; im sog. Schuldkapitel wurden harmlose Verfehlungen öffentlich gemacht (das Heben der zweihenkligen Tontasse mit nur einer Hand u.a.) und mussten hingestreckt vor dem Abt eingestanden und bereut werden.

  Thomas Merton (1915-1968), inzwischen weltberühmter Buchautor, begleitete den 32-jährigen auf seiner spirituellen Reise. Die Liebe zur Poesie und eigenes Schriftstellertum verbanden die beiden. Der Novize durfte im Kloster zwar keine Bücher schreiben, aber er machte sich eine Unmenge von Notizen, die er nach seiner Mönchszeit oder Jahrzehnte später in Buchform herausgab (Das Buch der Liebe, Cántico cósmico). Dankbar registriert Cardenal in seinen Erinnerungen, dass Merton ihn inspirierte zu seiner späteren Lebensentscheidung, auf einer Insel im Großen See von Nicaragua eine neue Form von Kloster zu gründen, der auch Merton beitreten wollte. Über seinen Novizenmeister entdeckt Cardenal den "Wert der Indios, ihre Poesie, Weisheit und Mystik"; er bestaunt und übernimmt den "wechselnden Enthusiasmus Mertons" für nicht-christliche Weisheitstraditionen (Zen, Sufismus) und für sozial-politische Revolten und Bürgerrechtsbewegungen. Er sympathisiert mit der kritischen Distanz Mertons zum überregulierten Klosterleben ("irrational", "Gebetsmühle", "Zirkus", "Geschäftemacherei").

   Und last not least wird Cardenals "bisheriger Glaube, als Kontemplativer auf alles verzichten zu müssen, durch Merton überwunden."

  "Am Ende lehrte er mich, so zu sein wie er, für den das spirituelle Leben nie getrennt war von irgendeinem anderen menschlichen Interesse. Was Merton mir zeigte und was ich in der klassischen Mystik nicht hätte lernen können, war, dass mein Leben das einzige ´spirituelle Leben` war, das ich haben konnte. Und dass Gott wollte, dass ich so sei, wie ich war." (VL 184)

   Nach drei Monaten bewirbt er sich bei den Trappisten in Kentucky / USA und wird angenommen. Sein Novizenmeister ist Thomas Merton.

"Am 14. Mai 1957 trat ich ins Noviziat ein." (VL 111); Der "Eintritt in das Kloster von Getsemani war der glücklichste Tag in meinem Leben" (186).

Benediktinerkloster Cuernavaca in Mexiko (1959 - 1961)

Das Trappistenkloster Gethsemani in Kentucky USA

Thomas Merton mit dem Dalai Lama (November 1968 in Dharamsala, Indien)

Die Eremitage von Thomas Merton in seinen letzten Lebensjahren

Theologiestudium in Kolumbien - Priesterweihe in Nicaragua -

Aufbruch nach Solentiname

  Für den 34jährigen Cardenal war die Zeit offensichtlich noch nicht reif, um seine grundsätzliche Lebensplanung: die Gündung einer christliche Kommune auf einer der Inseln im Großen See von Nicaragua, zu verwirklichen. Nach Ablehnung des ähnlichen Gesuchs von Merton durch Rom war Cardenal klar, dass er ins Priesterseminar gehen musste. Die Alternative wäre gewesen, Dozent an der Uni in Mexiko-CIry zu werden.  Und so begann er das Theologie-Studium als Gast der mexikanischen Benediktinerabtei Santa Maria de la Resurrección oberhalb der Stadt Cuernavaca.

  Erstaunlich für den heutigen Leser ist, wie offen für moderne Trends und wie liberal das alltägliche Klosterleben dort ablief. Neben dem regelmäßigen Chorgebet konnte Cardenal seinen persönlichen Interessen nachgehen, der Bildhauerarbeit und der Schriftstellerei. Er übersetzte - zusammen mit einem Mitstudenten - hebräische Psalmen ins Spanische. Veröffentlicht wurden „Das Buch der Liebe" und „Die Stunde Null", die während seines Noviziats in Kentucky entstanden waren, und eine Sammlung von "sozialkritischen und politischen Gedichten, die meisten davon gegen Somoza", die von Pablo Neruda u.a. hoch gelobt wurden ( „Die revolutionäre Dichtung dieses Landes ist geboren worden ... Dieses Büchlein hat mir das Herz versengt").

  Die geliebte Bildhauerei nahm er wieder auf. Ein Altarkreuz wurde in der Abteikirche aufgestellt. Aufschlussreich sind Cardenals Kommentare zu den Inhalten der Psychoanalyse, der er sich wie alle Mitbrüder unterziehen musste, er vor allem wegen seiner noch nicht geheilten Gastritis. Diese

aufwendige Therapie brach er aber bald ab, weil er an der Kompetenz seines Therapeuten zweifelte, und weil sie "zu teuer" und zeitaufwendig sei (zweimal in der Woche mit dem Bus - zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück - nach Mexiko-City).

  Er beginnt ein bestimmtes Outfit zu pflegen, mit Sandalen und Jeanshose und -jacke. Außerdem lässt er sich einen Bart stehen, „der ein wenig meine große Nase ausglich, deretwegen ich immer schon einen Komplex gehabt hatte".

  "Am Ende dieses Jahres, 1961, verließ ich Cuernavca, um auf ein Priesterseminar in einer Gebirgsgegend Koumbiens zu gehen" (VL 316).

  Dieses Seminar war die einzige Priesterausbildungsstätte für Spätberufene in ganz Lateinamerika. „Es war ein herrlicher Ort, umgeben  von blauen und grün-blauen Bergen, Kiefernwäldern und grünen Wiesen.“ „Es herrschte dort ziemliche Freiheit“, auch wenn er die schwarze Soutane anziehen musste, die er hasste.

  Die schon älteren Studenten mit Berufserfahrung boten unterschiedliche Kurse an, Cardenal bot an, Bildhauerei zu lernen. Er lehrte das Modellieren mit Ton, und hielt Vorträge über moderne Malerei, vor allem die Pop-Art, die gerade entstand.

  „Etwas, was mir im Seminar nicht gefiel, war der übertriebene Priesterkult, der dort herrschte.“ Mit zahlreichen Freunden, bekannten Dichtern, Künstlern oder Priestern wie Thomas Merton pflegt er einen intensiven Briefkontakt. Einer der Mitstudenten war William Agudelo, Maler und Poet, der später zusammen mit Cardenal und Carlos Alberto Restrepo die Gemeinschaft auf Solentiname gründete.

„Während ich so aus meinem Fenster im zweiten Stock des Priesterseminars auf die Bergkette der Anden schaute, dachte ich an Deine große Liebe, (GOTT), die Dich mich suchen ließ. DU warst es, der mich suchte, nicht umgekehrt. Ich lebte ahnungslos weit von Dir ... ich war zufrieden mit den bescheidenen Freuden, die die Unzufriedenheit verbargen. Du hast mich aus der ´Brooklyn Bar` geholt, den Kneipen und unter meinen Freunden nahmst Du nur mich ...Die Freundinnen, sie waren hübsch, doch ich sah sie nicht wieder. Jetzt bin ich hier bei Dir, so wie Du es wolltest, ohne eine andere Liebe....

Die Zweisamkeit mit dem Unendlichen. Wie soll ich sie beschreiben? Es ist eine Vereinigung in einem selbst..., dass ich nicht weiß, wer ich bin und wer ER ist, wo ER anfängt und wo ich aufhöre. Denn ER und ich, wir sind eins geworden, ein einziges DU und ein einziges Ich, ein DU, das Ich ist, und ein Ich, das DU ist.“  (21 f)

  In Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, am 15. August 1965 am Tag von Maria Himmelfahrt wurde Ernesto Cardenal zum Priester geweiht. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, dass er - in den Fußstapfen von Camilo Torres - eines Tages ebenfalls als Priester suspendiert würde, weil er sich in dem bewaffneten Befreiungskampf der Sandinisten in Nicaragua engagierte.

Gründung

einer christlichen Gemeinschaft

auf der Insel Solentiname

im Großen See von Nicaragua

  Mit William kann Cardenal sich austauschen über seinen inneren Konflikt zwischen der Liebe zu Mädchen und seiner exklusiven Liebe zu Gott (Die wesentlichen Aussagen in seinem poetischen „Kosmischen Gesang" werden hier - S. 18-21 - in Prosa wiedergegeben).

  Neben der „Zweisamkeit bzw. Einheit mit dem Unendlichen“. der „Solidarität mit Armen und Ausgebeuteten“ und seinem  „künstlerischen Schaffen als Poet und Bildhauer“ entwickelte Cardenal auf Anregung von Thomas  Merton ein großes „Interesse an indigener Weisheit und Mystik“.

  Dieses vierte Essential seiner Biografie konnte er nun durch unmittelbare Erfahrungen bei indigenen Völkern in Kolumbien  erweitern. Schon zuvor waren Artikel von ihm über indianische Mystik der Kogui und Yaruro in einer Zeitung in Bogotá erschienen. Sein Wissen speiste sich bis dahin aus Fachliteratur und Besuchen des Völkerkundemuseums in Bogotá. Dort erfuhr er auch zum ersten Mal von den Cuna, die in Panama und Kolumbien auf dem südseeähnlichen Archipel von San Blas lebten, und die er auf Einladung des Häuptlings Yabiliguina in den Semesterferien besuchte. Während seiner Seminarzeit unternahm er weitere abenteuerliche Reisen zufuß, auf Pferden und im Kanu zu abgelegenen Indianersiedlungen in Panama und im kolunbianischen Amazonasgebiet.


(Mythen und Kultur von indianischen Völökern werden auf einer eigenen Webseite dargestellt.)

  Im Priesterseminar wurde zu jener Zeit auch heftigst über Camilo Torres (1929 - 1966) dikutiert. Ca. 10 Jahre später traf Cardenal dieselbe Entscheidung wie der kolumbianische Priester, in den Untergrund zu gehen und sich dem Befreiungskampf der Sandinista gegen das Somoza-Regimne anzuschließen.

„Er (Camilo Torres) sagte, der revolutionäre Kampf sei ein christlicher und priesterlicher Kampf. Er sah darin die Verwirklichung der Nächstenliebe. Er verzichtete darauf, nicht mehr Eucharistie feiern zu dürfen, um Bedingungen zu schaffen, die sie authentischer machten... Er erkannte, dass er als Priester revolutionär sein musste, und dass die Revolution für alle Christen obligatorisch war, weil sie die tätige Liebe zu allen bedeutete.“

Nach vielen Demonstrationen und Kundgebungen gegen die herrschende Klasse in Koumbien ging Torres in den Untergrund und schloss sich der bewaffneten Guerilla an.

Weniger als vier Monate war er bei der Guerilla, er fiel bei seinem ersten Scharmützel.

  Dieser junge kolumbianische Priester hatte eine „Einheitsfront des kolumbianischen Volkes“ gegründet. Mit ihren „marxistischen“ Forderungen „Land für die, die es bebauen“, „kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung“ u.a. hatte diese revolutionäre Bewegung  bald die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Umgehend wurde Torres vom Priesteramt suspendiert, im Seminar durfte sein Name nicht in den Mund genommen werden.

  Ernesto Cardenal kommentiert im zweiten Band seiner Erinnerungen (2002):

Ernesto mit seinem Bruder Fernando, der in den Jesuitenorden eintrat

E. Cardenal auf dem Amazonas während seiner Seminarzeit

Weitere Überlegungen folgen ...

Priesterweihe von Ernesto Cardenal 15. August 1965

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