Den Drachen töten oder zähmen ?

Martha oder Georg ? 

Christliche Heiligenlegenden

  Die Auseinandersetzung mit dem „Bösen“, d.h. mit den als destruktiv empfundenen Kräften des eigenen Inneren hat in den christlichen Heiligenlegenden und ihrer Ikonographie unterschiedlichen Ausdruck gefunden. Häufig ist sie als Kampf mit einem Drachen dargestellt worden. Exemplarisch für eine gewalttätige Überwindung steht der Heilige Georg (und der Erzengel Michael), der den feuerschnaubenden Drachen mit einer langen Lanze durchbohrt. Einen sanfteren Umgang mit dem Bösen in und außerhalb von uns zeigen die Gestalten der Heiligen Martha und Margareta, die den bösen Drachen zähmen und schließlich  an der kurzen oder langen Leine führen.

   St. Georg reitet in voller Rüstung auf einem Schlachtroß in den Kampf und stößt dem Drachen seine Lanze in den Rachen und tötet ihn so. Auf ähnlich kriegerische Art besiegt auch der Erzengel Michael seinen teuflischen Gegenspieler.

  Die weiblichen Drachenbezwingerinnen dagegen nahen der vermeintlichen Inkarnation des Bösen auf bloßen Füßen in wallendem Kleid und waffenlos. Nicht bekämpfen, töten, vernichten - ist ihre Devise, sondern: zähmen und dienstbar machen. So soll die Heilige Martha in der südfranzösischen Stadt Tarascon die Tarasca, einen riesigen weiblichen Drachen, der die Stadt terrorisierte, mit ganz anderen Methoden bezwungen haben, als ihre männlichen Gegenbilder es getan haben. „Sie schützte sich mit zwei Ästen, die sie in Form eines Kreuzes vor sich hielt. Dann ging sie an den Fluss, setzte sich auf einen großen Stein am Ufer und begann zu singen. Der Drache liebte Musik und Gesang. Von der zarten Stimme Marthas bezaubert, tauchte die Tarasque aus dem Fluss auf und legte sich hin, um dem Liede zu horchen. Martha sang, bis der Drache einschlief. Dann nahm sie ein Stoff-Band  und band es dem schlafenden Drachen um den Hals.“ Und jedes Jahr wird in Tarascon die Zähmung des Furcht erregenden Drachen durch eine junge Frau in einem Umzug nachgespielt.             

http:/de.wikipedia.org/wiki/Tarasque                                  

  Ähnliche Legenden werden - durch Bilder und Worte - auch von der Hl. Margareta erzählt. Beide Frauen gehen mutig auf die Drachengestalten zu (Einhörner; geflügelte Tiere; Zwitterwesen, die aus dem Unterbewusstsein aufsteigen etc.), die man tiefenpsychologisch als eine Verkörperung von Angst erregenden animalischen Seelenkräften verstehen kann, und machen sie sich dienstbar durch gewaltlose Mittel: durch Zeigen eines Kreuzes (Zeichen für gewaltloses erlösendes Leiden und für die Vereinigung der Gegensätze), durch Gebet, Besprengen mit Weihwasser und durch Gesang. Der Drache verliert nicht an Energie und Kraft; „handzahm“ geworden, beißt und verschlingt er zwar nicht mehr, aber er faucht und sprüht Funken, wenn es not-wendig ist. Und dass er hin und wieder als praktisches Automobil, als Antriebsenergie dient, ist auch nicht zu verachten.

Den Drachen töten oder zähmen?


  Zu lange hat das patriarchale Symbol des Drachentöters St. Georg im „christlichen Abendland“ dominiert; es war Ausdruck eines höchst fragwürdigen Verständnis dessen, wie ein Christ umgehen sollte mit den bedrängenden aggressiven, regressiven oder sexuellen Kräften in seinem Innern. Diese Triebwelt wurde im Mainstream der christlichen Theologie häufig abgespalten und dämonisiert. Also musste sie abgetötet und ausgemerzt werden. Tragisch wurde diese dualistische Weltsicht, wenn die verdrängte Welt der animalischen Energien auf unliebsame gesellschaftliche Gruppen projiziert wurde (Kreuzzüge, Mission mit Feuer und Schwert, Ketzerprozesse etc.)

„Zähmen des Ochsen“:

Das Wechselspiel dualer Kräfte  akzeptieren

Zen Ox - IV


Zen Ochse

So viele Jahre habe ich den Ochsen gesucht!
Wie dumm von mir!
In Wirklichkeit habe ich eine Kuh gefunden!

  In den weiblichen Drachenbezwingerinnen Martha und Margareta hat das Christentum spirituelle Gegenbilder erfunden und imaginiert. Statt Ab-Tötung und Ausmerzung wird Bändigung und Integration der archaisch-dunklen Schichten durch Nutzung ihrer Energie als alternatives Paradigma vor Augen gestellt.

  Ein eindrucksvolles Meditationsbild findet sich in dem „Stundenbuch von Sarum“ (??). Die Heilige Margareta und ihr Drache erscheinen wie ein einziges Lebewesen. Gegensätze sind vereinigt: die Komplementärfarben Grün und Rot, Mensch und Tier, Klarheit des Geistes und  vegetativ-animalisches Unterbewusstsein. Diese archetypische Gestalt ist mit sich in einem dynamischen Gleichgewicht. Ihr ganzes Gewahrsein - Leib, Seele und Geist - wird angezogen von dem segnenden Christus in einem geöffneten Fenster.

  Äußerlich ist sie noch eingekerkert, innerlich aber aufrecht und frei durch die Hingabe an den Befreier Christus. Vielleicht hilft die instinktive Klugheit des geflügelten Drachen zum Flug auch in die äußere Freiheit.

Riding the Cow - V

Ich reite die Kuh.
Es hätte auch ein Ochse sein können.
Aber es ist eine Kuh!
Sie gibt wunderbare Milch
Ich erfreue sie mit dem hellen Klang meiner Flöte.
O wunderschöne Kuh.
Wie sehr schätze ich dich!

  Im christl. Raum entwickelte Nikolaus von Kues ein Konzept der coincidentia oppositorum, des Zusammenfalls aller Gegensätze zu einer Einheit, in der sich die Widersprüche zwischen scheinbar Unvereinbarem dialektisch in einem höheren Dritten, in dem „Verborgenen Gott“ auflösen.

  Ebenso wie Legenden sind Volksmärchen nicht einfach erfundene „unwahre“ Geschichten; im Gegenteil: sie spiegeln essentielle Wahrheiten des Lebens.

  In Heiligenlegenden und fast allen Volksmärchen geht es - wie in der Zen-Geschichte vom Hirten und seinem Ochsen - um den Prozess der Befreiung und Selbst-Findung des Menschen. Ausgangssituation sind Erfahrungen von Verlust, Selbstentfremdung, Sehnsucht nach dem „Mehr“ oder „Ganz Anderen“. Diese Lebensprobleme müssen auf der abenteuerlichen Reise angegangen und gelöst werden; schließlich führt der Weg der Individuation zum ersehnten Ziel, zur gegückten Aussöhnung aller Gegensätze („Hochzeit“) und zum Rück-Gewinn des Wahren Wesens und der ersehnten Ganzheit („Prinz“ / “Prinzessin“, „Kristallkugel“ u.a.).


  Als Sohn oder Tochter des Königs geboren, von Zauberern oder Hexen in eine Tiergestalt verwünscht, durch kluge Liebe zurückverwandelt in die ursprüngliche Wesensgestalt - diesen Weg einer gelungenen Selbst-Findung gehen die „Helden“ in den Grimmschen Volksmärchen „Der Froschkönig“, „Hans mein Igel“, „Die Kristallkugel“ u.a.   Elterliche Verwünschungen und hexenhafte Programmierungen haben den kleinen Prinzen in eine tierische Gestalt verzaubert, in einen garstigen Frosch, einen stachligen Igel, einen schwerfälligen Walfisch oder - wie in dem alten schwedischen Märchen „Prinzessin Aris“ in einen schuppigen Drachen. Obgleich königlichen Ursprungs haben Menschen als Kinder die dämonischen Prophezeiungen und Bann-Botschaften ihrer Eltern und anderer Autoritäten in ihr Lebenskonzept übernommen und erfüllt („Du bist widerwärtig wie ein Frosch“, „Misstraue jedem und zeige ihm deine Stacheln!“ „Blöde Dumpfbacke! Du kommst nie in die Gänge!“ u.v.a.m.)


  Ermutigend für den Leser ist es, dass solche „tierischen“ Konditionierungen im Verlauf eines Wandlungsprozesses auch ihre produktiven Kräfte aktivieren: so vermag der in einen Walfisch verzauberte Königssohn haushohe Wellen zu erzeugen, dadurch den Brand der Fischerhütte am Strand zu löschen und die kostbare Kristallkugel - Symbol der Ursprünglichen Ganzheit - zu retten.

  Im Übrigen ist das Volksmärchen „Die Kristallkugel“ eine „zauberhafte“ Parabel von der spirituellen Reise des Menschen zu seinem „Wahren Selbst“. Die ambivalenten Kräfte des Menschen, Geist und Trieb, durch eine Zauberin verhext in einen Adler und einen Walfisch, werden durch den „Helden“ integriert und rückverwandelt. Bevor er mit ihrer Hilfe seine Ursprüngliche Wesensgestalt wiederfindet („Schloss der Goldenen Sonne“, „Kristallkugel“), muss er noch den Kampf mit Auerochs und Feuervogel bestehen. Und so selbst wieder ganz geworden, kann er auch mit Hilfe eines klaren Wahrheitsspiegels, der die „Wahre Gestalt“ sichtbar macht, die in eine hässliche Alte verfälschte  schöne Prinzessin von ihrer verzerrten Selbst-Wahrnehmung erlösen.


  Eugen Drewermann und Ingritt Neuhaus -  s. Abbildungen ihrer Batik-Arbeiten - haben die archetypischen Bilder des Märchens tiefenpsychologisch gedeutet. (Die Kristallkugel, Walter Verlag Freiburg, 1985).

„Zähmen des Ochsen“ =

Bewusstsein der essentiellen Einheit mit dem Göttlichen zurückgewinnen

Rückfälle in dualistische Kleingläubigkeit minimieren

Rückverwandlung von in Drachen, Frösche und andere „Untiere“ verzauberten Prinzen

Archetypische Bilder in Volksmärchen

Paolo Uccello: Der Hl. Georg und der Drachen (ca. 1460)

  In den GRUND-Überzeugungen stimmen westliche und östliche Mystik überein. Wenn ein  Hindu, Buddhist, Christ oder Muslime, der sich entschlossen auf die Suche nach dem Wahren Selbst, nach Göttlicher Essenz in jeder Wirklichkeit begibt und schließlich Große Seinsfühlungen oder -erfahrungen erlebt, das Einssein mit Sich und Allem, ist seine spirituelle Reise damit nicht beendet. In einem geduldigen Prozess des „Zähmens“ muss er die Wirklichkeit achtsam anschauen und annehmen, wie sie ist, und seine angewöhnten irrigen Ansichten loslassen. Wenn er erwacht zur Wirklichkeit, wird ihm erst bewusst, dass er bislang geschlafen hat. Die geschenkte Einsicht, dass die Gesamtwirklichkeit „im GRUND“ leer ist und zugleich in jedem Aspekt durchströmt ist von „Ewigem Leben“ und „Glückseligem Licht“, erschüttert sein bisheriges dualistisches Verständnis von Gott, Welt und Ich.


  Besonders ein westlicher Christ kann sich nach einem Kensho-Erlebnis wie ein Atheist vorkommen. Ihm wird bewusst, dass er in seiner bisherigen Glaubenspraxis fundamentalen dualistischen Irrtümern aufgesessen ist. Das ewige NU (Meister Eckhart) und Hier der göttlichen Präsenz hat er mental verschoben in ein Später nach dem Tod und/oder in einen Raum oberhalb unserer Wirklichkeit. Sein Selbstbild hat er abgespalten von Göttlicher Essenz, meistens weil er an einer trügerischen Ich-Autonomie festhält oder weil er sich Selbst dieses unzerstörbare Sein nicht zutraut.

  Im Licht seiner evidenten ICH BIN DA - Erfahrung geht ihm auf, wie absurd sein Glaube war, von der All-Liebe („Gott“) zeitlich und örtlich getrennt zu sein, und wie kleingläubig seine Überzeugung, sich dieses Hineingenommensein in das Wahre Leben erst verdienen zu müssen.

Wenn wir eine Große Seinserfahrung machen, überschreiten wir unser trügerisches Ich-Gefühl, autonom gegenüber der Welt, den Menschen und „Gott“ zu existieren; dann transzendieren wir unsere illusionäre Meinung von der Dualität unserer Existenz. Die bisherige Überzeugung, dass das Ich und der Kosmos hier und jetzt ein Zweites neben dem „Göttlichen Grund“ seien, erweist sich nach dem Erwachen als Verblendung, Kleingläubigkeit oder gar als Unglauben.

  Eine entwicklungspsychologisch aufschlussreiche Variante bietet das schwedische Märchen an. Der in einen Drachen verwunschene Prinz verliebt sich in die Prinzessin Aris (nach C.G.Jung sein „weiblicher“  Archetypus, seine „Anima“), die ihn in der Hochzeitsnacht auf kluge Weise erlöst. Er lässt sich auf ihr Arrangement ein „Du musst ebenso viel ausziehen wie ich“ und legt so eine Schuppenhaut nach der anderen ab, bis nach der zehnten Häutung seine Wahre königliche Gestalt wieder zum Vorschein kommt. (vgl. J.Kornfield: Nach der Erleuchtung ... S. 51 f)


  Anmerkung: Zahlreiche Kinderbilderbücher haben das Motiv der Bändigung des Drachen aufgegriffen, häufig allerdings zu sehr verniedlicht. Aber ihre Intentionen gleichen den o.a. Heiligen- und Märchenbildern: die Furcht vor bösen Spukgestalten besänftigen und auflösen und die eigenen „Drachen“-Kräfte mobilisieren.

Kristallkugel:

Symbol der Einheit und der Transparenz der Seele

C.G.Jung:

Polare Einheit von

Animus und Anima,

Christus und Seele

http://www.ahalmaas.com/

A.H. Almaas: Facetten der Einheit, Das Enneagramm der Heiligen Ideen, Kamphausen Verlag, 2004

A.H. Almaas: Essenz, Der Diamantene Weg, Arbor Verlag, 1997

http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Enneagramm_II.html

http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Verdorrte_Hand.html

  Das Reine Bewusstsein der essentiellen Einheit mit dem Göttlichen zurückzugewinnen  - das ist das Ziel des sog. „Diamantenen Weges“, wie A.H. Almaas ihn (auch in Verbindung mit dem sufitischen Enneagramm - vgl. http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Enneagramm_I.html) entwickelt hat.

Laut diesem spirituellen Modell haben wir während unserer Kindheit nach und nach den Kontakt zu unserem Wahren Selbst, unserem ursprünglichen Wesen, zu unserer „Essenz“ verloren. Unser GRUND-Vertrauen in den harmonischen Zusammenklang aller Dinge wurde schon früh verdunkelt durch Verlusterfahrungen und Enttäuschungen. 


  Wir verdrängten und vergaßen die essentiellen Wahrheiten unseres göttlichen Seins (Liebe, Stärke, Vertrauen, Frieden, Einssein, Mitgefühl, Freude, objektive Präsenz und Klarheit). Die durch den mentalen, nicht realen Verlust von Essenz entstandene Leere („Löcher“) füllten wir durch Fixierungen auf 9 Ersatzformen, die scheinbar unsere Persönlichkeit, unsere Ich-Identität ausmachen, von der wir irriger Weise  meinen, dass sie unser Wahres Selbst sei.


  Und so besteht nun unser innerer Weg („Der diamantene Weg des Herzens“) im Wesentlichen darin, sich des schmerzhaften vermeintlichen Verlustes oder besser: der Verdunkelung essentieller Qualitäten und Begabungen bewusst zu werden, unsere „Hornochsen-Mentalität“ des Ego-Wahns zu durchschauen und die einzelnen Aspekte der im Grunde nie verlorenen Essenz (Liebe, Stärke, Vertrauen, Frieden, Einssein, Mitgefühl, Freude, Klarheit u.a.) - die „Regenbogenfarben des Diamanten“ -  wieder aufzudecken und dadurch zurückzugewinnen. 

1.  Gleichgewicht zwischen polaren Gegensätzen


  Die polare Spannung und Einheit von Gegensätzen in der eigenen Person hat Marc Chagall offensichtlich tief erfahren. Jedenfalls hat er immer wieder Selbstbildnisse gemalt, die ihn doppelgesichtig oder doppelköpfig zeigen - häufig versteckt in seinen Großen Gemälden („La vie“ u.a.).

Marc Chagall:

Balance zwischen polaren Gegensätzen

und Einklang von scheinbaren Dissonanzen

2.  „Zähmen“ durch Musik

Marc Chagall: Die Zauberflöte (1967)


Die Vision des Jesaja  (cap 11)


„An jenem Tag wird ein Nachkomme aus dem Stamme Davids (Messias / Christus) dastehn als Zeichen der Völker.

Auf ihm ruht SEIN Geisthauch,

der Geist der Weisheit und Einsicht und Stärke und Erkenntnis Gottes.

Er schafft Ausgleich den Gebeugten der Erde.

Dann wohnt der Wolf beim Lamm,

der Panther liegt beim Böcklein.

Kalb und Löwe weiden zusammen,

ein Kind kann sie hüten.

Kuh und Bärin freunden sich an,

ihre Jungen liegen beieinander,

Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.

Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Viper,

das Kind streckt sein Hand

in die Höhle der Schlange.

Man tut nichts Böses mehr.

Das Land ist erfüllt

von der Erkenntnis des ICH BIN DA.“

  Bei biblischen Visionsgeschichten handelt es sich „um Bilder der Selbsterfahrung, um Projektionen der eigenen Psyche in die Geschichte hinein.“ „Archetypische Bilder der Seele“ finden darin ihren Ausdruck: ein „eingeborener absoluter Vertrauensvorschuss in Form von bildhaften Urszenen der Hoffnung, Geborgenheit“, der Ureinheit, der kraftvollen Energie, der äußeren und inneren paradiesischen Aussöhnung. „Vor allem die Person des kommenden Messias ist als Verkörperung des <Selbst> zu verstehen, als Inbegriff der Einheit aller psychischen Gegensätze zwischen Bewusstsein und Unbewusstem.“ (Eugen Drewermann: Tiefenpsychologie und Exegese II, S.446ff)


  Das Göttliche Kind (der Messias, Christus, Archetyp des Ursprünglichen Selbst) „schafft Ausgleich“ und hütet Löwe und Kälblein; die Große Schlange ist gezähmt, Tiere und Menschen leben in Frieden miteinander, Kosmos und Seele („das Land“) sind erfüllt von Göttlichem Bewusstsein („Erkenntnis des Herrn“) - diese eschatologische Wesensschau des Jesaja hat in Chagalls Tiefenbewusstsein eigene Bilder evoziert, die er mehrmals variiert hat.

  So verändert er 1964 in dem Friedens-Fenster der UNO New York (Entwurf s.o.) den Gottesengel, der auf der Radierung von 1935 (s.o.) hütend und einigend über der visionären („geschauten“) Paradiesesszene schwebt, in die engelgleiche Gestalt des Mose, der durch die Tora, die Selbst-Offenbarung des ICH BIN DA, „das ganze Land mit der Erkennnis Gottes erfüllt.“

  Chagalls intensive Beschäftigung mit Mozarts Zauberflöte - er entwarf 1965-67 Bühnenbilder und Kostüme für die Aufführung in der Metropolitan Opera New York - führte zu einer weiteren, diesmal  „musikalischen“ Version der inneren Schau des Jesaja. Sein Gemälde „Die Zauberflöte“ von 1967 stellt uns eine ausgesöhnte Tier- und Menschenwelt vor Augen (und Ohren), die gezähmt ist durch die zauberhafte Musik eines merkwürdigen Wesens, einer Komposition (Zusammenfügung) von Engel, Mensch und Tier. Welche Melodie mag da auf der „magic flute“, die einem jüdischen Schofarhorn gleicht, ertönen? Wie Orpheus vermag diese engel- und tierhafte „Papagena“ mit ihrem Flötenspiel „alle Lebewesen und Dinge zu bezaubern. Steine, Pflanzen, Tiere und Menschen vermag sie zu berühren und zu entzücken. Mit dem Hauch ihres Atems entlockt sie dem Instrument, ob Flöte oder Schofarhorn, eine neue Melodie, in der der Eine Ur-Ton schwingt und klingt. Bei ihrer betörenden Musik vergessen Tiere ihre Wildheit, sie verwandelt Krieg in Frieden und Streit in Aussöhnung (vgl. meine Webseite „Orpheus“ - http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Orpheus_%28Chagall%29.html). „Das ganze Land“, Kosmos und Psyche, ist „erfüllt von der Erkenntnis Gottes“, von klarem Geist und innerem Einklang.

  Gottesnamen ständig „murmelnd“ zu wiederholen, wird in allen Religonen als eine Gebetsform  praktiziert, die das Bewusstsein sammelt, mit dem Göttlichen verbindet und inneren Ausgleich schafft. Beim Namajapa, Nembutsu, Dhikr oder Jesusgebet wird - meistens im Rhythmus des Atmens oder des Herzschlags - ein Heiliges Wort hörbar oder rein mental gesummt, ein Mantra. Berühmte Mantren sind „OM“,  „Om mani padme hum“, „Namu Amida Butsu“, „Hare Krishna Rama Rama“, „Om tare tuttare ture soha“ (Grüne Tara), „Allah-hú“, „Jesus“ u.v.a.m. Es geht dabei nicht um die begriffliche Bedeutung, sondern um den Laut des Wortes, der entsprechende Schwingungen in den Tiefen des Bewusstseins hervorruft.


  Das ostkirchliche Jesus-Gebet, schon von den Wüstenvätern im 4./5. Jahrhundert gepflegt, hat inzwischen auch unter westlichen Christen viele Übende gefunden. Spirituelle Begleiter empfehlen, die ursprüngliche Formel „Herr Jesus Christus erbarme Dich meiner“ weiter zu vereinfachen auf das Klang-Wort „Jesus“ bzw. griech. „Jissúuus“ oder „Kristús“ bzw. „Christúus“.

Beide Mantren wirken wie Schiffchen, die aus dem Gedankenbereich hineinfahren in Zonen des Unterbewusstseins, in die leere Stille des Schweigens.

  Dieser Sachverhalt wird deutlicher, wenn man die Bildung und Resonanz von Vokalen in bestimmten Körperbereichen betrachtet: das „i“ in Kopf, Stirnhöhle, Scheitel; das „e“ im Bereich von Stimmbändern, Hals, Kehlkopf; das „a“ in Brust, Herz; das „o“ in Sonnengeflecht, Magen; das „u“ in Unterleib, Genitalien.

  Die beiden christlichen Mantras „Jissúuus“ (griech.) und „Christús“ (lat.) umfassen den gesamten Resonanzbereich des Menschen vom Scheitel bis zu den Genitalien, vom Bewusstsein bis zum Unterbewusstsein, vom differenziert Einzelnen bis zur Leere/Fülle des Einen.

Spirituelle Übungen:

Wiederholung von Klang - Mantras und unablässiges Jesusgebet

Marc Chagall: Die Zauberflöte (1967)

  In der kath. Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ hat kürzlich (Febr./März 2012) der indische Jesuit Sebastian Painadath die Theologie und Praxis des Jesusgebetes dargestellt:

  „Durch den Vollzug der Übung wird der Verstand mit dem Herzen in Einklang gebracht. ... Bei Nikephoros heißt es: ´Der Name Jesus bringt alles in Harmonie zueinander` ... Im Herzen singt und schwingt der Name Jesu mit seinen verwandelnden Energien.“  (Nr. 11)

  „Das Jesusgebet führt über eine interpersonale Jesus-Beziehung hinaus und in ein transpersonales Christusbewusstsein hinein... Die regelmäßige Übung des Jesusgebets könnte uns zu einer mystischen Einheitserfahrung führen. Hier ahnen wir“, dass wir „an der göttlichen Natur teilnehmen“ (2 Petr 1,4). „Die verborgene göttliche Dimension unseres Seins erstrahlt im tiefen Bewusstsein.... Aus dieser Vergöttlichungserfahrung erwachsen ein befreiendes Selbstwertgefühl und eine große Lebensfreude.... Wer sich in Einheit mit dem Göttlichen erkennt, respektiert jeden anderen als eine sakrale Wirklichkeit.“  (Nr. 13)

  „Man erfährt Jesus als den innewohnenden Christus, als das wahre Selbst im Herzensraum, als das eigentliche göttliche Subjekt des Seins ... psychischen Heilungsprozess. Durch die andächtige Wiederholung des Namens Jesu werden die verwirrenden Faktoren des Unterbewusstseins geordnet und die inneren Blockaden beseitigt, die quälenden psychischen Wunden geheilt und die Schattenseiten erhellt.... In der Gegenwart ganz gegenwärtig zu sein – darum geht es bei der andächtigen Wiederholung des Namens Jesu ... Durch das Jesusgebet erwacht der Übende zur Gegenwart Christi im ganzen Kosmos ... der Kosmos wird als eine Christophanie erlebt: durchlichtet von der Gegenwart Christi, durchströmt von verwandelndem Geist ... Wer die Gegenwart Christi im eigenen Herzen intensiv erlebt, erkennt seine Gegenwart in allen Menschen, besonders in den Kranken und Armen.“   (Nr. 15)

Mystisches Erwachen (Zensho W. Kopp)

  Die Essenz der Wirklichkeit ist Sat-chit-ananda (Absolutes Sein-Klares Bewusstsein-ewige Glückseligkeit) - und wir haben daran teil. Aber diese Grund-legende Erkenntnis, dass das Unendliche Geheimnis, LICHT, LEBEN und WAHRHEIT unserem Wesen bleibend innewohnt und dass wir überall und immer im „Schoß des GRUNDES“ wohnen, ist bis ans Lebensende durch „dualistische Rückfälle“ gefährdet. Und so bleibt es ein lebenslanges spirituelles Trainingsprogramm, „den Ochsen zu zähmen“, d.h. mit dem GRUND, dem „Einen GEIST“ immer vertrauter zu werden und in Einklang zu kommen.

  Die heilende Kraft von Musik hat Chagall von seiner Kindheit an (Onkel Neuch mit seiner Geige) bis ins hohe Alter von über 90 Jahren (Psaumes de David) fasziniert. Mit dem Harfe spielenden und Psalmen dichtenden König David hat er sich besonders auffällig identifiziert. Orpheus, der mit seinem Spiel auf der Kithara und seinem Gesang den Ursprünglichen Einklang in Kosmos und Seele wiederherstellte und die Totengötter der Unterwelt sogar dazu bewegte, die Fesseln des Todes aufzulösen, wurde für Chagall zum In-Bild seiner eigenen Farbpoesie.

  Von dem Hirtenjungen David wird erzählt, dass durch sein Musizieren auf der Leier „das böse Geisten“ von König Saul hinwegwich und diesem wieder „geistgeräumig“ (Martin Buber) wurde (1 Sam 16). Wird der richtige Ton getroffen, kann das „böse Geisten“ sich in „gutes Geisten“ wandeln. So wie durch den Gesang der Heiligen Martha die Vernichtungskraft des Drachen gezähmt und seine konstruktive Energie aktiviert wurde.

  Die beeindruckendsten Vor-Bilder für die himmlische Macht der Musik sind der antike Sänger und Musikant Orpheus und der hinduistische Gott Krishna.

  Krishna, ein inneres Schaubild für das „Göttliche“ im Menschen, wirbt mit seinem Spiel auf

der Rohrflöte um seine geliebte Radha (eine Metapher für die menschliche Seele) und vereinigt sich mit ihr (s.u.). In der hinduistischen (und sufitischen) Mystik wird die Flöte (Ney) selbst oft als Seele bezeichnet, die sich von allen Weltdingen entleeren muss, bevor Gott ihr wunderbare Musik entlocken kann.

  Auf Chagalls riesigem Gemälde in der Metropolitan Oper New York „Quellen der Musik“ sind Orpheus und Eurydike eins. Männliches und Weibliches, Anima und Animus, Rückschau und Blick nach vorne, Todverfallenheit und Hoffnung auf Ewiges Leben sind im Ein- und Zusammen-Klang.

  Jesusgebet ist kein intellektueller Vorgang, auch nicht primär Imagination von heilenden Bildern, sondern eine Art Sprechgesang, ein innerliches Summen von Vokalen. Im Rhythmus des Ein- und Ausatmens gerät der Körper ins Schwingungen. Der Klang des Mantras „Jissús“ oder „Christús“ wirkt wie eine Klangschale, deren Ton zunächst im Kopf (Vokal „i“) erklingt und beim Ausatmen (Vokal „u“) tiefere Bereiche (Herz, Bauch, Hara) wellenartig durchströmt und schließlich „schweigend verschwebt“.

Jean Poyer: Martha zähmt den Drachen (um 1500)

Heilige töten ihre animalischen Kräfte nicht ab, sondern nutzen sie als Vehikel (Ein äthiopisches Fresko)

Margaretas Drache - handzahm!

Der gezähmte Ochse lässt sich von seinem Hirten an der Leine nach Hause führen

                     H. Kopp-Delaney


  Aufschlussreiche Foto-Kompositionen und hintergründige Texte zur Balance von Yin und Yang hat H. Kopp-Delaney veröffentlicht; inspirierend sind auch seine meditativen, aktualisierenden Filme auf Youtube.


„As a mystical artist I express duality and transduality - oneness - love and hate - the spirit and separated mind. And I try to show a possible way out of the inner conflict and stress.“


http://www.koppdelaney.de/koppdelaney.de/

  Ein beliebtes Bildmotiv ist die Kombination von eigener Physiognomie mit dem Kopf einer Frau oder  eines Ziegenbocks. Die dunkle und die helle Seite seines Wesens, Humanes und Animalisches,

Vernunft und Gefühl, Verstand und Triebe, Anima und Animus, Dionysos und Apollo sind ausgesöhnt und ausgeglichen. Aufschluss über sein wahres Selbst-Verständnis geben besonders die Darstellungen seiner Person vor einer Staffelei. Seine innerste Wesensschau legt er uns offen: Ziegenbock ist er und Engel. Er zeigt sich in der Metapher des Tierkopfes mit strahlenartigen Hörnern (Mose?) als einen Menschen, der seine ganzheitliche Hingabe, seine Liebe mit der dunklen Energie von Sexus und Eros verband, und der sich Selbst - wie sein großes In-Bild Mose - als „Engel“ verstand, als Bote einer göttlichen „Message“. Das kreisförmige Symbol auf seiner Lithographie (oben Mitte) ähnelt frappierend dem Yin-Yang-Zeichen und weist auf die Innere Ausglichenheit des Künstlers hin und auf sein Beheimatsein im bildlosen Grund (weißer Kreis).

  Marc Chagall hat ein Schaubild eigener Tiefenerfahrungen gemalt. Die überlieferte Vision des Jesaja und die „Zauberflöte“ von Mozart weckten in ihm ein Gesamtbild dessen, „was die Welt / im Innersten zusammenhält“. Zusammengehalten wird sie in in ihrer Harmonie und ihren (scheinbaren) Dissonanzen durch den Einen Ur-Klang.

  Vermutlich wird ein solche Ausgeglichenheit erst nach der Lebensmitte oder nach der Verarbeitung einer Lebenskrise geschenkt. Es ist eine Art Altersweisheit, kaum mitteilbar dem, der es nicht selbst erfahren hat: „daß es beinahe gleichgültig ist, ob einem etwas weh tut oder wohl, gleichgültig, weil es ein Drittes gibt, das mehr ist, das beides einschließt, in der Waage hält.“ Es ist die „Heiterkeit dessen, der immer aufbricht und im Aufbruch schon ankommt, der ... in jeder Richtung heimkommt, weil überall Heimat ist.“ (L. Rinser: Septembertag 43)

  Den „Ochsen zähmen“, der bipolaren Ganzheit von Yang und Yin vertrauen heißt dann auch:  in der scheinbaren Schwärze den weißen Punkt erkennen; in dem Mist, den man produziert, den Dünger für Ähren und Trauben (vgl. Johannes Tauler: Gleichnis vom Mist) wahrhaben, in dem Feuer sprühenden Drachen den in dunkle Mysterien und verborgene Schätze Eingeweihten, in dem wilden Ochsen die Milch gebende Kuh.

  Ein fließendes Gleichgewicht zwischen den gegensätzlichen Kräften im Menschen herzustellen war immer ein Hauptanliegen der chinesischen Lebensweisheit. Yin und Yang sind die grundlegenden wechselseitigen Gegebenheiten der psychischen und kosmischen Wirklichkeit: Weibliches und Männliches, Nacht und Tag, Frühling und Herbst, Mond  und Sonne, Erde und Himmel, Unbewusstes und Bewusstheit, Dionysisches und Apollinisches, Passivität und Aktivität, Versunkenheit im Reinen Bewusstsein und zugleich wache Bereitschaft zum Handeln ((vgl. Abbildung der Grünen Tara). Sie sind polar aufeinander bezogen, sinken und steigen abwechselnd. Die Lebenskunst besteht darin, die Yin-Energie nicht zu verteufeln und abzuspalten, sondern mit ihr vertraut zu werden; die Yang-Energie aber auch nicht zu idealisieren und zu monopolisieren, sondern eine ausgesöhnte Balance zwischen Yang und Yin zu gewinnen.

Makarios der Ägypter

(ca. 300 - 390)

  Der Hirte hat den ungestümen „Ochsen“ eingefangen, nun beginnt die langwierige und geduldige Arbeit des „Zähmens“. Nach der Großen Wesensschau (Bild III) hat er klarsichtiger die dämonisch-tierischen Seiten des Selbst erkannt, sich mit ihnen auseinandergesetzt und sogar angefreundet. Ihm sind seine Unfreiheit aufgrund von Gier und Hass und seine Gefühlsschwankungen zwar bewusster geworden, aber sie bedrängen ihn nach wie vor. Noch hat er eine konstante innere Balance zwischen den divergierenden Strebungen in sich - zwischen Geist und Trieb, Gefühl und Verstand, Bewusstheit und Unbewusstem, Yin und Yang - nicht erreicht. Auch seine Große Seinserfahrung, im Göttlichen Grund dauernd beheimatet zu sein und im Grunde ungetrennt von Sat-Chit-Ananda (Absolutes Sein - Reine Bewusstheit - unzerstörbare Glückseligkeit) existieren zu dürfen, wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Ständig ist er gefährdet, in die Verblendung der angewöhnten dualistischen Denk- und Fühlmuster zurückzufallen, weil sein Erfahrungs-Glauben an die ungeschiedene Göttliche Essenz noch schwach ist.

„Bänd-igung“ des Drachen

Sehenswert: ein Trickfilm mit Kinderbildern zum Grimmschen Märchen „Die Kristallkugel“

https://www.youtube.com/watch?v=WuK0AS-WcaE

Juni 2012 / 2016                        Zur Startseite

V.  Innerer Einklang

Fünftes Bild der Zen-Parabel:  Zähmen des Ochsen

Marc ChAgAll:  Die Zauberflöte

6. Bild: Der Heimritt auf dem Ochsen

Heitere Heimkehr: Alles ist erfüllt vom Glanz, Klang, Geschmack und Duft der Unendlichkeit