Der innerlich befreite, ausgeglichene Mensch kehrt überall, wo er gerade ist, heim in die ursprüngliche Heimat. Heiteren Sinnes sitzt er auf dem Rücken des Ochsen und spielt entspannt seine Ur-Melodie auf der Flöte. In der Sammlung des Einen Wesens sind Hirte und Ochse eins. Das Wahre Wesen west in allem Anwesenden und alles Anwesende offenbart das Eine Klare Licht. Hier ist alles Ein Wesen. Im großen Lassen von Allem gibt es kein Unrecht und keinen Verlust, keinen Staub, der den klaren Seelenspiegel verunreinigt. Alles ist klar, frisch und offen. Es ist die Zeit der wahren, großen Ruhe in der Allgegenwart des Einen Geistes. Nicht nur der Gesang oder das Flötenspiel, sondern alles Tun und Lassen des erwachten Menschen birgt die Geheimnis-Melodie des Zen.

  Die Melodie der Flöte fließt zwischen Hörbarem und Unhörbarem, zwischen Helle und Dunkel als die Paarung beider. Jeder Takt, jeder Ton ist erfüllt von unvorstellbarem Klang und vermittelt den Geschmack der Unendlichkeit. Tritt der Hirte aus Dunst und Nebel der Verblendung heraus, wandelt sich jede Weise zum Lied der Heimkehr.

  Der Ochse kehrt von selbst heim. Für den Hirten ist überall Heimat. Alles, was er tut und lässt, entspringt seiner wahren Heimat.

  Die Kleidung des heimkehrenden Hirten sind Bambushut und Strohanzug. Damit will gesagt sein: Auch wenn einer die große Wahrheit gewonnen hat, verändert er nicht sein Aussehen. Wo auch der Schritt hinführen mag, ist Heimat. Die Grenze zwischen „weltlich“ und „heilig“ ist verschwunden.


(Der Ochs und sein Hirte, Eine altchinesische Geschichte - erläutert von Meister Daizohkutsu R. Ohtau mit japanischen Bildern aus dem 15. Jahrhundert, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2008, Zehnte Auflage)

Returning - VI



Rückkehr

Eine lange Reise kommt zu ihrem Ende.
Ich bin wieder Zuhause.
Es ist nicht mehr nötig, die Kuh zu beaufsichtigen.
Nun beobachte ich den Mond.

HKD


Der Ochse verschwindet

Rittlings auf dem Ochsen
erreiche ich mein Heim.
Ich bin heiter.
Es gibt keinen Ochsen mehr.
Die Dämmerung
ist hereingebrochen.
In glückseliger Ruhe
habe ich in meiner
strohgedeckten Hütte
Peitsche und Seil
zurückgelassen.


(Chinesischer Originaltext ins Deutsche übersetzt.

http://www.flickr.com/photos/h-k-d)

Riding the Cow - V

THE ZEN COW


Ich reite die Kuh.
Es hätte auch ein Ochse sein können.
Aber es ist eine Kuh!
Sie gibt wunderbare Milch
Ich erfreue sie mit dem hellen Klang meiner Flöte.
O wunderschöne Kuh.
Wie sehr schätze ich dich!

HKD


Ich besteige den Ochsen
und reite
langsam nach Hause zurück.
Die Stimme meiner Flöte
klingt durch den Abend.
Ich dirigiere
den endlosen Rhythmus,
indem ich mit Schlägen der Hand
die pulsierende Harmonie
abmesse.
Braucht der noch Worte,
der diesen Sinn versteht?


(Chinesischer Originaltext ins Deutsche übersetzt)

  Hymnen, Psalmengesang, Gregorianischer Choral bestimmen das Leben von Mönchen in benediktinischer Tradition. Nach Anselm Grün, Benediktinermönch in Münsterschwarzach, findet das Schweigen Gottes einen „irdischen Klangleib“ in dem gemeinsamen, abwechselnden Singen und zugleich führt das Psalmodieren immer tiefer in die unmittelbare Gegenwart Gottes.

(vgl. Anselm Grün: Chorgebet und Kontemplation, Münsterschwarzach 2002)                   

Juli 2012 / 2016                                                        Zur Startseite

Artworks by H. Kopp-Delaney

Wie Franz von Assisi (1181-1226)

heiter, fröhlich, „leicht und mit Charme“ 

im „Haus des Vaters“ leben

Trunken von Liebe und Mitleid mit dem verwundeten Christus konnte der selige Franz zuweilen die süße Melodie, die er in seinem Herzen trug, nicht an sich halten.

Manchmal hob er von der Erde ein Holzscheit auf, nahm mit der Rechten einen Stecken und strich damit über das Scheit, wie wenn er auf der Geige spielte. Dazu bewegte er sich hin und her und sang ein französisches Lied vom Herrn Jesus Christus.

Zuletzt pflegten sich alle diese Lieder und Tänze in Tränen der Rührung aufzulösen, im Gedanken an Christus, und alles in ihm ward zu reiner Seligkeit.


Spiegel der Vollkommenheit

  Wer könnte die glühende Liebe schildern, die den heiligen Franz, den Freund des Bräutigams Christus, beseelte? Im Schönen schaute Franz den Schönen.

  In einer liebenden Glückseligkeit erspürte er in allen Kreaturen, gleichsam wie in vielen kleinen Bächlein, die Urquelle des Guten.

  Die Kräfte, Fähigkeiten und Wirkungsweisen, die Gott seinen Geschöpfen schenkte, wurden für ihn zu einer himmlischen Melodie, in die er gleich einem anderen David mit seinem Lobpreis Gottes einstimmte.


(Der Heilige Bonaventura (1221-74) in seinem Großen Franziskusleben)

Zwei „verlorene Söhne“ kehren heim

in das „Haus des Vaters“ (Lukas-Evangelium cap. 15)

Nada brahma -

die Welt ist Göttlicher Klang

Die Ur-Melodie der Flöte

Ernst Alt:

Franziskus - Spielmann Gottes (1976)

  Die Liebe Gottes ist unteilbar, sie wird jedem Menschen immer und überall ganz und in Fülle geschenkt. Die Anhänger der theistischen Religionen sind der Versuchung ausgesetzt, die Unendliche Gabe aufzuteilen, zu proportionieren je nach Würdigkeit des Empfängers.

  Eine Metanoia, ein Sinneswandel erfolgt meistens schrittweise. Bis Verbitterung, Selbstanklagen, Minderwertigkeitsgefühle völlig gelassen werden, und gänzliches Vertrauen ins Leben und die eigene göttliche Abstammung wieder zur Natur geworden sind, dauert es. Auf diesem Heim-Weg entdecke ich die „Freude der zweiten Kindheit“: Immer und überall darf ich als Kind Gottes im Haus des „Vaters“ wohnen, Himmel und Erde sind mein „Erbe“; alles, was Gottes ist, ist auch mein.

  Das Drama des älteren Sohnes, der immer „zu Hause geblieben“ ist, wird häufig übersehen. Seine Überzeugung, im „wahren“ Christentum oder „reinen“ Buddhismus zu sein, macht ihn blind für die unbegrenzte Liebe Gottes. Seine geheime Arroganz schließt fremd-gläubige Menschen aus, auch wenn er sie im Geheimen um ihre Lebendigkeit beneidet. Und dieser Groll trennt ihn - wie die Lebensgier seinen jüngeren Bruder - bewusstseinsmäßig vom Ur-Grund, in dem jeder und alles zu Hause ist. Besonders bei denen, die den „geraden Weg“ gegangen sind und im vermeintlichen Hause des Herrn pflichtbewusst gedient haben, herrscht manchmal unter der Oberfläche Griesgrämigkeit und Verurteilung. Beiden Söhnen fällt es schwer, wirklich an die Worte des Vaters zu glauben: „Du bist allezeit bei mir. Was mein ist, ist auch dein.“ Der ältere Sohn allerdings ist der festen Überzeugung, dass der Reichtum des Vaters nur den „Gerechten“ zukomme und allein ihm zustehe und nicht auch seinen (runtergekommenen!) Erdengeschwistern (Halbbrüdern, Adoptivschwestern etc.). Er hat sich selbst zu einem Fremden im eigenen Hause gemacht.


Für den Hirten in der Zen-Geschichte und für die beiden Söhne in der jesuanischen Parabel besteht der wahre innere Weg in Abkehr, Rückkehr und Einkehr. Echte Freude, Heiterkeit und spielerische Leichtigkeit stellen sich erst ein, wenn man die eigene Gier nach Sinnesfreuden, Wohlstand und Ansehen oder den eigenen Lebensgroll tief angeschaut und seine Bitternis gekostet hat. Da hat es der ältere Sohn viel schwerer, die Schattenseiten seiner Tugenden „Treue“, „Pflichtbewusstsein“, „Fleiß“, „Gehorsam“ etc. wahrhaftig anzuerkennen, nämlich „Eifersucht“, „Kleinkariertheit“, „Freudlosigkeit“ etc. Erst wenn ihm ganz bewusst geworden ist, dass alles, was „Gott“ gehört, auch voll und ganz ihm und ebenso seinem Bruder (und allen Menschenkindern) gehört, wird er auch seine entzweiende Überheblichkeit seinem jüngeren Bruder gegenüber abbauen. Dann wird er endlich das einladende Schild am „Haus des Vaters“ wahrnehmen: „In diesem Haus wohnt jeder frei“ (s. das Grimmsche Märchen „Das Mädchen ohne Hände“). Er wird auch innerlich heimkehren und den Festsaal betreten, in dem gefeiert, gegessen und getrunken, musiziert, gesungen und getanzt wird.

(Inspiriert haben mich die Betrachtungen von Henri J.M. Nouwen: Nimm Sein Bild in dein Herz, Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt, Herder Verlag Freiburg, 2005 15. Auflage)

Rembrandt: Die Rückkehr des Verlorenen Sohnes

Marc Chagall:

Flötenspieler und Seelenvogel in der Mandorla

Musik und Transzendenz

  Meine Webseiten zu „König David“, „König Salomon“ (Hoheslied der Liebe) und „Orpheus“ haben Marc Chagalls tiefe Zuneigung zur Musik in vielen Facetten aufgezeigt.

                     Salomo                                                                David                                                                    Orpheus

            Hoheslied der Liebe                                            Kirchenfenster Mainz                                        Quellen der Musik  1966

Spirituelle Übungen 


Der Benediktinermönch Henri le Saux (1910-73)

und das Mantra „OM“

  Einer der glaubwürdigsten Zeugen einer gelungenen Integration von christlicher Mystik und hinduistisch-buddhistischen Traditionen ist für mich Henri le Saux.

Dem jungen Benediktinermönch wird 1948 erlaubt, in Indien ein eremitisches Leben zu führen. Er bleibt dort bis zu seinem Tod 1973. Einen neuen Namen: „Abishiktananda" (Christus ist meine Glückseligkeit) erhält er. Seine innere Reise führt Henri Le Saux durch alle Phasen hindurch, wie sie bildhaft in der Zen-Parabel dargestellt  werden, über Kensho-Erfahrung, tägliches Mitsterben und Auferstehen mit Christus zum Erlebnis des Sartori, zur Erfahrung des Wahren Selbst.

  Christlich und hinduistisch geprägtes monastisches Leben, die Erfahrung des advaita (Nicht-Dualität des Seins) und eine gelebte Christus-Frömmigkeit miteinander zu verbinden, ist sein lebenslanges Anliegen.

  Aus seinen zahlreichen Veröffentlichungen werden einige Ausschnitte zitiert, die vielleicht auch eine westliche Gebetspraxis (Jesus-Gebet, Kontemplation) inspirieren und bereichern können.

  In einem Brief an seine Schwester schreibt er: „Siehst du, ich habe den gregorianischen Choral wie selten einer geliebt, aber jetzt habe ich die Melodie entdeckt, die alles übertrifft, ich verliere mich im Schweigen des OM."

  „Das höchste Mantra der hinduistischen Tradition ist OM. Es drückt nicht einen besonderen Namen der Gottheit aus, vielmehr symbolisiert es die Unaussprechlichkeit und Unbegreiflichkeit des göttlichen Abgrunds.“

„OM (AUM) ertönt als immanente Musik der Lebensfülle der schweigenden Gottheit.“

  „OM ist die vollkommene Kommunion mit dem Universum für den, der in Gott erwacht ist, und ebenso die Kommunion mit jedem Menschen... Im Rhythmus des Körpers und der Seele des Menschen, seiner Herzschläge, seines Atems wie seiner Gedanken, und ebenso im Rhythmus des Kosmos ... ist OM der Ruf an jedes Wesen, zu seiner Fülle zu gelangen, ja in jedem geringsten Akt, in jedem vorübergehenden Augenblick schenkt es diese Fülle von neuem. Könnte man nicht in christlichen Begriffen sagen, dass OM ... die Rückkehr und Zusammenfassung  von allem in Christus ist?“

„Das OM, das unsere Weisen in ihrer Seele vernahmen,

als sie in ihre eigene Tiefe hinabstiegen,

tiefer als ihre Gedanken und tiefer als all ihre Wünsche,

in der wesentlichen Einsamkeit des Seins;


das OM, das im Geräusch der vom Wind bewegten Blätter ertönt,

das OM, das im Sturm braust und im Wind rauscht,

das OM, das in dem wilden Strom tobt,

und das sanfte Rauschen des Flusses, der still zum Meer fließt;


das OM der Gestirnbahnen im Weltraum

und das OM, das im Kern des Atoms dröhnt

und das im Gesang der Vögel erklingt,

das im Schrei der wilden Tiere des Waldes ausbricht;


das OM des Lachens der Menschen und das ihres Weinens,

das OM, das in ihren Gedanken und ihren Wünschen mitschwingt,

das OM ihrer Worte des Krieges, der Liebe oder der Geschäfte,

das OM, das die Zeit und die Geschichte hervorbringen,

das OM, das der Raum ertönen lässt, wenn er in die Zeit eintritt -----

    Spirituelle Übungen  II

Gregorianischer Choral: „Jesu dulcis memoria“

  Erst vor wenigen Wochen entdeckte ich den Hymnus „Jesu dulcis memoria“ („Jesus süßes Gedenken“), der dem Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux (1090-1153) zugeschrieben wird, aber wahrscheinlich von seinem Schüler Aelred von Rievaulx (1109–1167) verfasst wurde. Dieser „Jubilus Sancti Bernhardi de nomine Jesu“ liegt in zahlreichen Übersetzungen vor; das kath. Gesangbuch „Gotteslob“ hat unter Nr. 550 die Fassung von Fr. Dörr übernommen. Ich zitiere die Übersetzung von Abt Gerhard Hradil OCist. und P. Wolfgang Buchmüller OCist., Zisterzienserabtei Heiligenkreuz.

  Wer Gregorianischen Choral liebt, kann dieses Loblied auf die unbeschreibliche, „süße“ Gegenwart Jesu in Allem auswendig lernen und als Mantra nutzen (ähnlich wie den Hmnus „Veni Sancte Spiritus“ oder die Wiederholungsgesänge aus Taizé).

1. Jesu dulcis memoria,

Dans vera cordis gaudia,

Sed super mel et omnia

Eius dulcis presentia.


2. Nil canitur suavius,

Nil auditur iocundius,

Nil cogitatur dulcius

Quam Iesus Dei filius.


3. Iesu, spes penitentibus,

Quam pius es petentibus,

Quam bonus te querentibus

sed quid invenientibus?


4. Iesus, dulcedo cordium,

Fons veri, lumen mentium,

Excedit omne gaudium

Et omne desiderium.


5. Nec lingua potest dicere

Nec littera exprimere,

Expertus novit tenere,

Quid sit Iesum diligere.

1. Beseligendes Gedächtnis Jesu,

du schenkst wahre Herzensfreuden,

doch beseligender als Honig und alles

ist seine Gegenwart.


2. Nichts Lieblicheres wird gesungen,

nichts Erfreulicheres gehört,

nichts Beseligenderes gedacht

als Jesus, Gottes Sohn.


3. Jesus, Hoffnung den Büßenden,

wie mild bist du den Bittenden,

wie gut denen, die dich suchen,

aber was erst denen, die dich finden!


4. Jesus, Seligkeit der Herzen,

Quell der Wahrheit, Licht der Seelen,

übertrifft alle Freude

und alles Sehnen.


5. Keine Zunge kann sagen,

keine Schrift ausdrücken,

der es erfahren hat, weiß zu wahren,

was es heißt, Jesus zu lieben.

  Der Zen-Hirte lässt alles geschehen, er hat sein kontrollierendes Ego („Peitsche und Seil“) aufgegeben. Denn er hat erkannt, dass er den ewigen Fluss und Wechsel der relativen Wirklichkeiten („Wellen“) nicht bestimmen und aufhalten kann. Vertrauensvoll überlässt er sich dem ständigen Wechsel von Auf und Ab des Meeres im Hier und Nun. Unbeschwert von Sorgen und Ängsten ist er überall zu Hause.

  Das grundlegende Lebensgefühl in der sechsten Phase drückt sich in dem Wort Jesu aus: „Sorgt euch nicht um morgen! Und ängstigt euch nicht darum, was ihr essen und anziehen sollt. Betrachtet die Vögel des Himmels und lernt von den Lilien auf dem Felde. Euer himmlischer Vater ernährt und kleidet sie. Um wieviel mehr euch, ihr Kleingläubigen.“

VI. Heitere Heimkehr


Sechstes Bild der Zen-Parabel „Der Ochs und sein Hirte“

Marc ChAgAll: Der Flötenspieler in der Mandorla

  In dieser Phase unserer spirituellen Reise können wir wie Franz von Assisi „leicht und mit Charme einziehn ins Himmelarm, einziehn ins Himmelreich“ (Wilhelm Willms).

  Francesco Bernhardone hatte den „Schatz im Acker seines Inneren“ entdeckt (Stufe III); tief getroffen durch das Wort Jesu „Verlasse alles, was du hast, und folge mir“ (Stufe II) verzichtet er in aller Öffentlichkeit vor seinem „irdischen“ Vater auf sein Erbe und allen Besitz; er entledigt sich seiner Kleider und beginnt  frei von allem Ballast ein neues Leben - leicht und mit charmanter Liebe zu allen Geschöpfen. Den menschenfressenden Wolf von Gubbio vermag er durch seine Sanftmut zu bändigen und zu zähmen (Stufe IV). Sein kurzes Leben endet - nackt und mit den Wundmalen Jesu stigmatisiert - mit einer hymnischen Dichtung auf die Schöpfung, dem „Sonnengesang“: „Laudato si - gepriesen seist du, Herr, für Bruder Sonne, Schwester Mond und die Sterne, Bruder Luft und Wind und Wolken, für  Schwester Quelle und Bruder Feuer, für Schwester Erde und für Schwester Tod.“


  Das Vor-Bild der Kenosis, der Erniedrigung und „Entleerung“ Christi wurde ihm zum In-Bild seines eigenen Leerwerdens. Vor dem heute noch erhaltenen Damian-Kreuz war Franziskus regelmäßig ganz bei IHM und bei sich Selbst. Seine Unfreiheit aufgrund von Anhaftung an Besitz und Geltung und aufgrund von Blindheit für sein Wahres Selbst ließ er los und fühlte sich dann unbeschwert und beschwingt. Überall fühlte er sich daheim - im Hause des „himmlischen Vaters“ - und geschwisterlich mit allen Menschen - Aussätzige küsst er - und Naturkräften verbunden. In  und trotz allem Mit-Leiden war sein Leben erfüllt von Lobpreis, Musik und Tanz.

Die Vogelpredigt
(Unterkirche in Assisi um 1260)

  Der zur Wirklichkeit erwachte Hirte hat das innerste Wesen des Seins geschaut und den Ur-Ton der Einen Wirklichkeit gehört. Mystische Erfahrung fühlt sich d´accord mit diesem im Grunde unbeschreibbaren, weil für das rationale Bewusstsein unsichtbaren und unhörbaren Mysterium. Es ist nicht nur „leer“ im Sinne von bild- und formlos, sondern auch von ton- und klanglos. Paradox ist, dass dieser unsichtbaren (und doch so offen-sichtlichen !!) leeren Weiße alle Farben entströmen und dass in dieser klanglosen Leere, in dieser absoluten unhörbaren, unaussprechlichen Stille alle Laute und Töne schwingen und klingen.


  Wie alle GRUND-Erfahrenen hat der Zen-Hirte es erfahren: das Verborgene ist mächtiger als das vordergründig Augenfällige, die GRUND-Harmonie wirklicher als alle Misstöne und Disharmonien. Der Mystiker hat die Fähigkeit entdeckt, dúrch-zu-hören durch die Vordergründigkeit der alltäglichen Klänge und Töne. Ihm ist aufgegangen, dass hinter und in dem Lärm und Gesang des Alltags der Eine Klang der absoluten Stille tönt und klingt.


  Der Zen-Hirte und Mystiker wie Franz von Assisi sind eingestimmt auf den Ur-Klang der Unendlichkeit, den sie wahrnehmen in allen Phänomenen des alltäglichen Lebens. Nada Brahma - der ganze Kosmos ist erfüllt von dieser Göttlichen Schwingung (vgl. J.E.Berendt: Nada Brahma, Die Welt ist Klang, rororo-Taschenbuch). Heimgekehrt in den Ewigen Urgrund und selbst still geworden, sind sie im Einklang mit ihrem innersten Wesen, mit Gottheit und Universum.

  Und es drängt sie, diesem inneren Zusammenklang, dieser Übereinstimmung selbst Stimme und Klang zu verleihen:


-  der heimkehrende Zen-Hirte durch sein Spiel auf der Flöte, dem am   meisten menschlichen, weil atemnächsten aller Musikinstrumente;


  1. - Franz von Assisi (1181-1226) als stellvertretender Vor-Sänger der gesamten Schöpfung;


  1. - der islamische Mystiker Rumi (1207-73) durch ekstatischen Tanz;


  1. -König David durch Psalmengesang und Harfenspiel („Alles was atmet lobe den Herrn“ - letzter Vers der 150 Psalmen)


  1. - der christliche Mystiker Heinrich Seuse (1295 - 1366) durch seine Imagination, dass jede Kreatur ihr süßes Saitenspiel ertönen lasse zum Lobpreis des „geliebten zarten Gottes“:


  „Ich nahm vor meine inneren Augen mich selbst mit alledem, was ich bin, mit Leib und Seele und allen meinen Kräften, und stellte um mich alle Kreaturen, die Gott je erschuf in Himmelreich und in Erdreich und in den vier Elementen; ein jegliches sonderlich mit Namen, sei es Vogel der Luft, Tier des Waldes, Fisch des Wassers, Laub und Gras des Erdreichs und den unzählbaren Sand im Meere; und dazu alles das klein Gestäube, das im Sonnenglanz erscheint, und alle die Wassertröpflein, die von Tau oder von Schnee oder von Regen je fielen oder je noch fallen; und wünschte, dass deren jegliches ein süß ertönendes Saitenspiel hätte, wohl angeschlagen aus meinem innersten Herzen, und also dem geliebten zarten Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit ein neues hochgemutes Lob erklingen ließe.“


(W.Zeller/B. Jaspert: Heinrich Seuse ° Johannes Tauler, Mystische Schriften, Diederichs Gelbe Reihe, München 1988, S.19f)

  Auf seinem Gemälde von 1956 „Die Mandelbäume“ findet sich ein Bildmotiv, das dem „Heimritt des Hirten auf dem Ochsen“ sehr stark ähnelt.

  Ein Fötenspieler sitzt rittlings auf einem Vogelwesen, seinem Seelenvogel, der wie der Ochse in der Zen-Geschichte im Laufe der Inneren Reise ganz weiß geworden ist. Keine Leidenschaft, keine Anhaftung oder Aversion trübt die Klarheit des Seelenspiegels. Mit sich selbst im Reinen, im Einklang mit der Einen Wirklichkeit reitet der Spielmann heim.

  Das Ziel der Reise ist ihm gleich-gültig geworden, weil er sich immer und überall zu Hause weiß. Versunken ist er in die Melodie, die seinem Atem und der Rohrflöte entströmt; jede Melodie ist getragen von dem Ur-Ton und vermittelt den Geschmack, den Duft, die Schönheit des Unendlichen. Der Heim- und Einkehrende ist rot gewandet - Lebendigkeit und Liebe erfüllt ihn.

  Wenn er überhaupt dem Außen zugewandt ist, dann den Mandelbaumzweigen, die in zarten Rosa-, Violett- und Rottönen erblühen.

Eingehüllt ist der Flötenspieler und sein „Seelenvogel“ von einer violetten Mandorla, einer mandelförmige Blüten- und Licht-Aura. Mandorlen sind in der sakralen Kunst Europas seit dem 5. Jahrh. der Gestalt Christi vorbehalten, dem Pantokrator, der Alles in Allem erfüllt.

dieses OM ist plötzlich an einem Ort des Raumes,

in einem Punkt der Zeit,

in seiner unteilbaren Fülle erschienen,

als der Menschensohn, Jesus, das Wort,

der einzige Sohn Gottes, aus dem Schoß Mariens

geboren wurde.


       (Henri Le Saux: Die Gegenwart Gottes erfahren, Mainz 1980, S. 98f)

  In einem anregenden Artikel „Jesus dulcis memoria - Poetische Christus-Mystik bei Aelred von Rievaulx“ in „Geist und Leben 80, 2007“ schreibt der Zisterziensermönch Wolfgang Buchmüller:

Jesu dulcis memoria -  „ein Lied der Liebe aus dem „goldenen Zeitalter“ der Theologie der Liebe, dem 12. Jh., und ein Iubilus, ein Jubellied ...  Der Beter wendet sich unmittelbar an Jesus, den Bräutigam der Seele: ´Wo auch immer ich sein mag, sehne ich mich nach meinem Jesus`. 

  Hiermit führt uns Aelred hin zu einer Mystik, wo der ´Sinn in Jesus dahinschwindet`, die Verstandestätigkeit in einer positiven Selbstvergessenheit in den Hintergrund tritt und der Mensch eingenommen ist vom Erleben einer großen Nähe Gottes... In der Erfahrung der Gottesgegenwart in gnadenhafter Kontemplation und schließlich sogar in der Einung mit dem göttlichen Geist wird der menschliche Geist immer mehr durchformt, so dass er in seinem tiefsten Grund von begrenzten Gedanken befreit wird und sich dem Göttlichen gegenüber öffnen kann. Dies hat zur Folge, dass der menschliche Verstand ... mehr und mehr gereinigt, transparent wird für Gottes überhelle Gegenwart in seinem Seelengrund.“                     

Das Kreiuz von San Damiano, vor dem Franziskus betete

Marc Chagall: Mandelbäume  (1958)               

   Die Bildmotive außerhalb der Mandorla machen anschaulich, welche Bilder im Innern des Flötenspielers aufsteigen und worin sich das Klare Bewustsein und Eine Sein manifestiert: Ein in Chagall-Blau gemaltes Liebespaar; Chagalls Geburts- und Heimatstadt Witebsk; ein im Grün des göttlichen Enthusiasmus gemalter Tierkopf; ein mit Obst, Wein und Mandelzweigen gedeckter Tisch.

Ein anderes Gemälde Chagalls, „La Branche“ von 1960,  bringt sein mystisches Bewusstsein auf den Punkt: der Hirte als Flötenspieler / der Sohn des barmherzigen Vaters / Franziskus / Rumi / Orpheus / David / Salomon - alle sind sie in dem gelb-weiß-roten Kreis der Ewigkeit zuhause und Eins mit dem Göttlichen.

7. Bild: Der Ochse ist vergessen, der Hirte bleibt


Ich-vergessenes und lobpreisendes Leben im Haus des Seins, im All der Einen Wirklichkeit

  Der jüngere Sohn, obgleich schon immer beheimatet im kosmischen Haus des „Vaters“, zieht in ein „fernes Land“. Dieser Ortswechsel ist zu verstehen als eine Bewusstseinsänderung; der Sohn entfremdet sich seinem Wahren, Ursprünglichen Wesen durch gierigen Lebensdurst und die verblendete Ansicht, getrennt zu sein von der Fülle des Lebens. Bald merkt er, dass er die ersehnte Erfüllung nicht im Außen finden kann; er „geht in sich“, kehrt heim und erfährt von neuem, dass alles Ersehnte ihm immer schon gehörte: „Du bist allezeit bei mir. Alles, was mein ist, ist auch dein“ (Vers 31). Offensichtlich musste der jüngere Sohn zunächst radikale Mangelerfahrungen erleiden: Verlust von Besitz und von gesellschaftlichem Ansehen, eine vermeintliche Trennung von der Güte des Alls (Liebe des Vaters), um mit dem tiefsten Grund seiner Identität in Berührung zu kommen. Tief in sich hört er die STIMME: „Du bist mein geliebter Sohn!“

  Aber er muss noch einen langen Übungs- und Erfahrungsweg gehen bis zu der wirklichen, selbstverständlichen Überzeugung, dass ihm völlig vergeben ist, dass nichts ihn scheiden kann von dem „Reinen Land“, von dem „Haus des Vaters“, von Absoluter Liebe und Glückseligkeit.

  Die mystische Erfahrung Meister Eckharts „Gott ist in uns daheim, wir sind in der Fremde“ lässt sich ergänzen: „Wir sind in Gott zu Hause, meinen aber, wir seien in der Fremde“. Zu diesem neuen Bewusstsein, allezeit und jederorts im Hause Gottes zu leben, erwachen auch die beiden Söhne in der Parabel Jesu vom barmherzigen Vater erst nach manchen Irrwegen und Verblendungen.