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VII.  Ohne Warum

Vom gedachten „Gott“ zur essentiellen Wirklichkeit

Siebtes Bild der Zen-Parabel: Der Ochs ist vergessen - der Mensch bleibt

„Triffst du Buddha, so töte ihn.“

Marc Chagall: Ich-Vergessenheit - Lobpreis -  „gen Himmel fliegen“

Triffst du Buddha unterwegs, töte ihn.
Ich war lange Zeit verwirrt, als ich diesen Spruch (eines alten Zen-Meisters) vor vielen Jahren zum ersten Mal las. Doch ich erkannte, dass es darum geht, selbst zum Buddha (zu einem „Erwachten“) zu werden und diese Bewusstseinsqualität nicht auf eine „Buddha-Persönlichkeit“ oder einen philosophischen bzw. transzendenten Faktor projiziert zu belassen. Auch muss das Ego die Fixierung auf „Buddhaschaft“ aufgeben, denn diese ist nur eine Vorstellung.
Dennoch ist die Fokussierung auf das eigene Selbst, die eigene „Meisterschaft“ unabdingbar. Wenn das Zentrum im eignen Innern liegt, wenn man aus sich selbst heraus die Welt betrachten kann,wächst der glückselige Bewusstseinszustand innerer (subjektiver) Freiheit – das wahre Freiheits-Gefühl!! Und das lässt dich fliegen.

Ich habe vergessen, wer oder was ein Buddha ist.


HKD“  (Hartwig Kopp-Delaney)

Bild und Texte von Hartwig Kopp-Delaney zur 7. Station der Hirt-Ochs-Parabel


  (http://www.flickr.com/photos/h-k-d/) stellen ein Essential des Buddhismus (und aller Religionen) in den Vordergrund: auf der Suche nach dem Wahren Selbst muss der Übende entschlossen „sich in seinen Gedanken lassen“ (Johannes Kopp: Schneeflocken fallen in die Sonne) und schließlich auch seine heiligsten Vorstellungen als relativ und vergänglich einschätzen und transzendieren. Befreit von allem „fliegt er gen Himmel“.

            Der Ochs und sein Hirte - Bild VII:

           Der Ochse ist vergessen, der Mensch bleibt


  Wir erleben die 7. Phase unserer inneren Reise: Die Präsenz des „Ochsen“, unseres uranfänglichen Wesens, das wir wiedergefunden haben, ist so selbstverständlich, dass sie vergessen wird. Über alle Zeiten und Räume leuchtet das Licht des ursprünglichen Wesens, klar und durchsichtig ... In diesem Einssein, in der Ungeschiedenheit, kommt das Wahre Selbst (Buddha-Natur, Nicht-Zweiheit, Satchitananda, Pleroma Christi) zum Vorschein („Ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges ... können uns scheiden von der Liebe Gottes in Christus Jesus“ - Röm 8). Eine große Ruhe ist in das alltägliche Leben eingekehrt. Man ist an nichts gebunden, an nichts Heiliges und an nichts Weltliches. Der Hirte klammert sich nicht mehr an relative Wirklichkeiten, die unbeständig sind und vergehen. Nach seinem Kensho-Erlebnis hat er sie als Maya, als Schein-Wirklichkeiten durchschaut.


  Sutren, Koans, Dogmen und Lehren sind ihm nur Wegweiser zum Wahren Selbst, nur die Finger, die auf den Mond hinweisen, nicht der volle Mond selbst, nur das Boot ans „Andere Ufer“, nicht aber das „Reine Land“ selbst.

Alle Vorstellungen und Anhaftungen sind aufgelöst, „falsche Götter“ und ihre Götzenbilder sind gestürzt („Begegnest du Buddha, töte ihn!“).

  Jetzt lebt der Hirte absichtslos und unbekümmert im Haus des Seins, kein Wölkchen verdeckt den Himmel („Weit aufgeräumt. Nichts von heilig!“). Welche Ruhe herrscht nun! Sie ist nicht Folge eines nachlässigen Dahinlebens, sondern die Frucht einer langen und harten Bemühung. Aber jetzt sind Zügel und Peitsche vergessen, „Falle und Netz unnütz geworden, weil der Hase und der Fisch gefangen“ sind.

Dennoch: auch wenn der Hirte heimgekehrt ist, darf er nicht stehen bleiben.


(Der Ochs und sein Hirte, Eine altchinesische Geschichte - erläutert von Meister Daizohkutsu R. Ohtau mit japanischen Bildern aus dem 15. Jahrhundert, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2008, Zehnte Auflage)

„If you meet Buddha on the Path - VII


Es gibt gar keinen Fluss!!

Beim Versuch den nicht existierenden Fluss zu überqueren zerbrach die Buddha Statue.
Beim Versuch die nicht existierende Brücke zu überqueren falle ich ins Wasser und fliege gen Himmel.

HKD


Having crossed the river
I do not need the boat (yana) any more
I leave the tradition behind and fly free.

I have forgotten what a Buddha might be...“

Einige persönliche Annäherungen an die VII. Station der Inneren Reise


  Durch Josef Pieper wurde mein Interesse an der Theologie und Philosophie von Thomas von Aquin geweckt. Neben dessen Schöpfungsfrömmigkeit faszinierte mich seine theologia negativa, die ein dauerndes Korrektiv bildet für seine umfangreichen theologischen Spekulationen. Kernsätze wie „Dies ist das Äußerste des menschlichen Gott-Erkennens: zu wissen. daß wir Gott nicht wissen.“ „Niemand hat das Wesen auch nur einer Mücke erfasst.“ „Die Offenbarung Gottes zeigt uns mehr, was er nicht ist, als was er ist.“ usw. übernahm ich als Fundament meines langsam wachsenden Theologie-Gebäudes und später im Religionsunterricht als Grundvoraussetzung für alles Reden über und zu Gott. Seine Lebensentscheidung einige Monate vor seinem Tod 1274, mit der scholastischen Vielschreiberei aufzuhören, weil ihm sein ganzes theologisches Opus im Vergleich mit dem, was er geschaut habe, wie „Spreu“, wie „gedroschenes Stroh“ erscheine, ließ mich etwas erahnen von dem mystischen Schweigen, in das jedes ernsthafte Bemühen um „Gott“ schließlich mündet.

Sich selbst fallen lassen

Ein Schlüssel-Traum


  Tiefe „Selbst“-Erkenntnisse und „Gottes“-Begegnungen finden manchmal in sog. „Großen Träumen“ statt, in denen Menschen unvorhergesehen, wunderbar mit den tiefsten Schichten der Wirklichkeit und der eigenen Seele in Kontakt kommen und wo archetypische Bilder aus dem Unbewussten auftauchen -   Symbole der Ganzheit, Metaphern des Wahren Selbst, Ur-Bilder Gottes.


  Unvergesslich bleibt mir ein am 02.01.1986 (23.30 Uhr) geträumter „Fall in den grundlosen Grund“, „bloß, ledig und frei“ (Meister Eckhart, Predigt 2) von allen Verkleidungen und Mitteln der Selbst-Behauptung und Kontrolle.

  Auch auf meiner 7. Seite „Die Suche nach dem Wahren Selbst“ werden die zehn Sequenzen der Zen-Parabel „Der Ochs und sein Hirte“ als „Roter Faden“ genommen und assoziativ mit motivähnlichen Fäden aus anderen spirituellen Traditionen zu einem Gesamt-Textil verwoben. Grundlegende Äußerungen von bekannten christlichen Mystikern (Tauler, Eckhart), Bilder und Texte von heutigen Weisheitslehrern (J. Kopp, H. Torwesten, H. Kopp-Delaney, Zensho W. Kopp u.a), persönliche Erfahrungen und mystische Gemälde von Marc Chagall bilden einen bunten Teppich, der zu einer persönlichen Betrachtung animieren möchte.

  Nach einigen Traumsequenzen sehe ich ein Ei, aus dem Klebriges herausfließt und mit ihm ein Schlüssel, der aussieht wie ein BKS-Schlüssel, wie ein kleines Schwert. 

  Ich nehme ihn in die rechte Hand zwischen Daumen und Zeigefinger und suche das dazugehörige Schlüsselloch. Ich steige die Stufen einer Wendeltreppe hinauf. Ich habe keine Angst vor den bedrohlichen Gestalten, die aus der weiß getünchten Wand heraustreten und mich anfletschen; ich richte den Schlüssel auf sie und sie ziehen sich sofort kampflos zurück und werden unsichtbar.

  Die Treppe führt nach oben auf einen spitzgiebligen großen Speicher. In der Ecke links hinten finde ich das ersehnte Schlüsselloch in einer achteckigen Platte im Boden. Ich schließe es auf und hebe die Platte. Ich ziehe mich komplett aus und lasse mich, mit den Füßen voran, nackt durch diese Öffnung, die gerade so groß wie der Querschnitt meines Körpers ist, in einen weiten unbekannten Raum fallen. Er ist von farbigem Sonnenlicht durchflutet, das durch die großen Glasfenster einfällt. Ich schwebe auf und nieder, ich weiß nicht, ob ich steige oder falle. Jedenfalls ist es ein äußerst angenehmer Zustand.


Dann höre ich eine Stimme: Laß auch den Schlüssel fallen! ---

Ich lasse den Schlüssel fallen ----

und erwache.


Mein Körper ist schwer und völlig entspannt, ich bin verblüfft und sehr glücklich.

  Eine absichtslose Ge-lassen-heit – ist sie nicht ein illusionärer Wunschtraum? Am Anfang der spirituellen Suche erscheint sie wie eine Utopie, die aber anzieht und verborgene Kräfte mobilisiert; „Fortgeschrittene“ erleben dieses „absichtslose Stillschweigen“ in allem Tun und Reden als einen Bewusstseinszustand, der häufiger eintritt oder sogar den durchgehenden Grundton der Lebensmelodie ausmacht.

  Solange wir Absichtslosigkeit beabsichtigen oder Nicht-Wollen wollen, sind wir noch nicht ledig und frei. Das „Ohne Warum“ tritt von selbst ein. Es ist ein Selbst-Bewusstsein, das wir weder selbst erzwingen noch verlieren können, ein Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit, als würde man schweben oder fliegen. Man ist einfach da; alles ist, wie es ist. Die Wirklichkeit ist nicht mehr mit den gewohnten Deutungen und Projektionen besetzt. Der Seelenspiegel ist klar und leer. Das Tun erfolgt intuitiv und mühelos.


   Diesen Zustand erfährt wohl jeder Mensch sporadisch in bestimmten Situationen, wo er völlig im Augenblick aufgeht, wo er einfach nur da ist, in einem selbstvergessenen Handeln, in einem reinen Schauen, in künstlerischem Versunkensein, im Einklang mit einem anderen Menschen. Mit der Zeit werden diese Augenblicke  dauerhafter. Schließlich durchtönt ihn das Grund-Vertrauen wie eine Grund-Melodie und der Grund-Strom einer grenzenlose Liebe trägt ihn.


Ein Leben „Ohne Warum“ ist „Wu-wei“, „Handeln durch Nicht-Handeln“ - ohne unnützen Eifer, falschen Ehrgeiz und eigenwillige Absichten. „Das Tao ist ewig ohne Tun, doch nichts bleibt ungetan“

(Laotse, 6.Jh. v.Chr.).


  Der „status viatoris“ bleibt; bei allem „Schon“ bleibt das „Noch nicht“; auch der „Erleuchtete“, dem die Gnade der Erfahrung von „Satchitananda“ (Absolutes Sein-Reines Bewusstsein-Glückseligkeit) zuteil wurde, erfährt Leiden unterschiedlichster Art. Dass Verluste, Schmerzen und Tod für ihn aber eine andere Qualität, die Klarheit und Freude der Essenz gewonnen haben, kann er kaum durch Worte vermitteln, sondern nur durch „offene Weite im alltäglichen Dasein“, durch „Pure Präsenz“.


  „Dieser Mensch soll nichts verfolgen oder wollen; weder eine (bestimmte) Art von Ruhe oder Wirksamkeit, weder dies noch das (vgl. Upanishaden: neti - neti), so oder anders; er soll sich (vielmehr) dem unbekannten Willen Gottes überlassen.“ 


(Johannes Tauler: Predigt H 70)

Hui-neng, der sechste Patriarch des Zen, zerreißt die Sutras (Heilige Lehrtexte / Tuschebild von Liang-k`ai, China 12.Jh.)


“Wenn du Buddha begegnest, töte ihn!“ (Rinzai Gigen, Zen-Meister 9.Jh.)

  „Manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten`s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz. Ja, ich sage bei der Wahrheit: Alles, worauf du dein Streben richtest, was nicht Gott in sich selbst ist, das kann niemals so gut sein, daß es dir nicht ein Hindernis für die höchste Wahrheit ist.“

(Meister Eckhart: Predigt 16)


„O, wie edel und lauter auch die irdischen Bilder sind, alle sind sie ein Hindernis dem Bild bar jeder Form, das Gott ist. Die Seele, in der sich die Sonne spiegeln soll, die muß frei sein und ledig aller Bilder: denn wo irgendein Bild sich in dem Spiegel zeigt, da vermag sie Gottes Bild nicht aufzunehmen. Alle, welche sich um diese Entledigung von irdischen Bildern nicht bemühen, so daß sich dieser verborgene Grund nicht aufzudecken vermag, die sind alle Küchenmägde, und solchen ist das Joch bitter. ... Aber die den Grund säubern und darauf Muße verwenden und die irdischen Bilder ablegen, daß sich die Sonne Gottes darein ergießen kann, denen schmeckt Gottes Joch süßer als Honig.“

(Johannes Tauler, Predigt H 6)


   Wenn das menschliche Gehirn - nach Calvin eine „Götzenfabrik“ - alle theologischen Konzepte, angewöhnte Schablonisierungen und begriffliche Kategorisierungen zurücknimmt, schafft es Raum für eine „Wesensschau“.

  „Der Mensch lasse die Bilder der Dinge ganz und gar fahren und mache und halte seinen Tempel leer. Denn wäre der Tempel entleert, und wären die Phantasien, die den Tempel besetzt halten, draußen, so könntest Du ein Gotteshaus werden."  (Johannes Tauler - 1300-1361).

  Erst wenn „Gott entwird“ - so Meister Eckhart (1260-1327) -, d.h. wenn ich alle theologischen Namen, Bilder, Formen (wîse) und Konzepte „lasse“, kann ich zur „Gottheit durchbrechen“, „in den Grund, in den Boden, in den Strom und in die Quelle der Gottheit“ (Predigt 26), in die Essenz der Wirklichkeit, die dem oberflächlichen Wahrnehmen und Denken verborgen ist. „Man soll Gott nicht als außerhalb von einem selbst erfassen und ansehen, sondern als mein Eigen und als das, was in einem ist; zudem soll man nicht wirken um irgendein Warum, weder um Gott noch um die eigene Ehre noch um irgend etwas, was außerhalb von einem ist ... Manche einfältigen Leute wähnen, sie sollten Gott (so) sehen, als stünde er dort und sie hier. Dem ist nicht so. Gott und ich, wir sind eins.“ (Predigt 7)

  Das Denken und die Geschichten des indischen Jesuiten Anthony de Mello kreisen immer wieder um die Erfahrung, dass Begriffe und liebgewordene Vorstellungen von „Gott“ den Zugang zur „Gottheit“, zu der „Großen Wirklichkeit“ geradezu verbarrikadieren können. Um die eigene Buddha- oder Christus-Natur unmittelbar zu erfahren, muss „Buddha getötet werden“, d.h. man muss sich von allen begrifflichen Fixierungen auf Buddha, Christus, Gott, Leere verabschieden, (um dann auf Stufe IX und X ihre bleibende göttliche Essenz zu erkennen). Frei nach Thich Nhat Hanh könnte man Gott-Gläubigen aller Coleur empfehlen, sich erst dreimal den Mund  auszuspülen, bevor sie/wir das Wort „Gott“ in den Mund nehmen. „Gott“ oder „das Göttliche“ lässt sich nicht einzwängen in Formeln, Begriffe und „Weisen“. Letztlich bleibt ER/SIE/ES unsichtbar und namenlos. Kein Gedanke, kein Bild, kein Wort kann den absoluten Urgrund ausloten.


„Si comprehendis non est Deus.“  „Wenn du meinst, Gott be-griffen zu haben, ist es nicht Gott.“  Augustinus - 354-430)


„Gott ergreift man nicht.

Gott ist ein lauter Nichts, Ihn rührt kein Nun noch Hier:

Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird Er dir.“

(Cherub. Wandersmann - 1657)


„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“

(Dietrich Bonhoeffer)

Zwei Epigramme aus dem Cherubinischen Wandersmann haben sich seit vielen Jahren tief in mir verwurzelt. Sie drückten meine Abkehr von einem dualistischen Gottesbild aus und ebenso meine Hinkehr zu regelmäßiger Kontemplation und sie wurden zum poetischen Ausdruck meiner Sehnsucht nach „Purer Präsenz“ (Richard Rohr) und „Reinem Land“ (Thich Nhat Hanh), nach einem Leben „âne warumbe“ (Meister Eckhart).

    Ein motivähnlicher lyrischer Text aus Paul Celans Gedichtband Die Niemandsrose (1963) begegnete mir kurz nach seiner Veröffentlichung und fasziniert mich bis heute. Der Hintergrund einer christlich-jüdischen theologia negativa war mir von Anfang bewusst, Fäden zu buddhistischen Vorstellungen knüpfte ich erst viel später.

  Chagall liebte den Zirkus, in dem er sich wie ein Kind amüsieren konnte. Seine Gemälde und Lithographien von Artisten, Akrobaten, Kunstreiterinnen, Clowns, von Trapezkünstlerinnen, die sich zwischen Himmel und Erde bewegen, akzentuieren sein eigenes Lebensgefühl, eine charmante Leichtigkeit, ein Schweben zwischen Himmel und Erde, ein spielerisches absichtsloses Leben ohne Warum.


Zirkusreiter 1927

Der blaue Zirkus 1952

Je entblößter und lediger das Gemüt Gott zufällt und von ihm gehalten wird, desto tiefer wird der Mensch in Gott versetzt.

(Meister Eckhart: Traktat 19)


Man soll Gott nicht als außerhalb von einem selbst erfassen und ansehen ... zudem soll man nicht dienen noch wirken um irgendein Warum, weder um Gott noch um die eigene Ehre.

(Meister Eckhart: Predigt 7)

DER HIMMEL IST IN DIR

Halt an, wo laufst du hin? Der Himmel ist in dir.

Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.


OHNE WARUM

Die Ros ist ohn warum. Sie blühet, weil sie blühet.

Sie acht`t nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

Psalm

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.


Gelobt seist du, Niemand.
Dir zulieb wollen
wir blühn.
Dir
entgegen.


Ein Nichts
waren wir, sind wir, werden
wir bleiben, blühend:
die Nichts-, die
Niemandsrose.

......

(Paul Celan)

  Um die Mensch-Gott-Beziehung in Worte zu fassen, bedient sich der Jude Paul Celan - wie alle Mystiker - negativer bzw. paradoxaler Kategorien, die an Zen-Formulierungen erinnern:

Gott - ein „Niemand“, der aber unaufhörlich kreativ tätig ist, der, wie in 1 Mose 2 erzählt wird, den Menschen immer „wieder knetet aus Erde und Lehm“ (hebr.: adamah) und diesem Staubwesen beständig den Atem des Lebens ein-spricht.

    Der Mensch - ein „Nichts“, das aber absichtslos blüht, IHM voll Lobpreis entgegenblüht.

    Der Mensch - ein blühendes „Nichts“, das diesem „Niemand“ gehört: eine „Niemandsrose“

Vom gedachten Gott zur essentiellen Wirklichkeit

Ohne Warum

Marc Chagall: Spiegelbilder der Seele

Selbstvergessenheit in der Liebe

absichtsloser Lobpreis

Pure Präsenz - Wu wei


  In sich versunkene Menschen und zwischen Himmel und Erde schwebende Gestalten sind schon auf frühen Gemälden Chagalls zu sehen. Bei der Einweihung des Biblischen Museums in Nizza (1973) sprach der 86-jährige Künstler davon, „dass (er) manchmal meine, zwischen Himmel und Erde geboren zu sein.“ Diese Aussage Chagalls ähnelt dem alten Zen-Wort: „Über dem Kopf gibt es kein Dach und unter den Füßen keine Erde“.

  Viele Gemälde und Lithographien Chagalls vermitteln eindrucksvoll sein „Wu wei“, sein „Leben ohne Warum“:

Über der Stadt (1916), Brautpaar mit Eiffelturm (1938/39), Der blaue Zirkus (1950-52) (Ausschnitte).

König Salomo und seine Geliebte Sulamith  (Marc ChAgAll: Lied der Lieder  -  Message Biblique)

Rote Grundierung der Gemälde Chagalls zum Hohenlied der Liebe:

Die Brennende Liebe des „Ewigen“ trägt und durchströmt Alles

Die Leichtigkeit des Seins

Zirkus - Impressionen

  Charakteristisch für die ganzheitliche integrale Lebenssicht Chagalls ist auch, dass er bestimmte religiöse Bild-Zeichen, die er der Bibel entnommen oder auch neu geschaffen hat, in seine Zirkus-Impressionen integriert hat: Himmelsleiter, Engel, Siebenarmiger Leuchter, Sonne, leerer weißer Kreis.

   In „Commedia dell` Arte“ von 1958 erhebt sich über seinem Elternhaus in Witebsk, das er in das Rund der Manege einmalt, eine leiterhafte Artistenpyramide und - dahinter verborgen - eine Leiter, auf der ein Mann emporsteigt. Ein engelhaft geflügeltes Pferd verstärkt noch den Eindruck einer Welt, in der die Gesetze von Schwerkraft  und Erdhaftung aufgehoben sind.

  Weitere Bildelemente signalisieren, dass Alles durchwebt ist vom Spiel und Glanz des Numinosen. Die beiden sichelförmigen Monde über Chagalls Geburtshaus sind nicht nur als Metaphern für Tag und Nacht (für Yin und Yang) zu verstehen, sondern - wie Christoph Goldmann: Bild-Zeichen bei Marc Chagall 110 ff nachgewiesen hat - als abgekürzte Form (Doppel-Jod), als Chiffre des Gottesnamens JHWH.

  1967 erschienen 38 Lithographien mit begleitenden Texten unter dem Titel „Cirque. Lithographies originales de Marc Chagall“. Es sind Spiegelbilder seiner Seele und Ausdruck seiner Lebensauffassung. Im Vorwort schrieb Chagall:

  Für mich ist ein Zirkus ein geheimnisvolles Spiel, das wie eine Welt vorüberzieht.

Es gibt einen Zirkus des Spektakels, der Sensationen und des tiefen Sinns..

Diese Clowns, Kunstreiter, diese Akrobaten haben sich fest in meine Träume eingenistet.. Warum?

Mit ihnen komme ich neuen Horizonten  näher. Ihre Farbigkeit umnd ihre Schminken führen mich zu anderen Formungen seelischer Wirklichkeit, die ich gerne malen möchte.

  Und wenn ich irgendwann in der Reihe der Tage einen Menschen sehe, der, statt „normal“ zu leben, „spielt“, kommt mir gleich der Gedanke, es könnte sich hier ein Zirkus entwickeln, aber was für ein Zirkus ...


  Mein Zirkus spielt im Himmel, er spielt mit den Wolken, zwischen den Stühlen, er spielt sich am Fenster ab oder spiegelt sich im Mond.

http://www.koppdelaney.de/koppdelaney.de/Willkommen.html

  Ein „Leben ohne Warum“ wird behindert durch ego-fixierte Verzweckungen und - nicht nur für kath. Christen - durch dogmatisierte verfestigte Denkmuster. Nicht hinterfragte Bildnisse von „Gott“  versperren häufig den Zugang zu dem „essentiellen Gott“, zu dem GRUND und GEIST, der alles Leben begründet und durchgeistet.


  Nach Ansicht mittelalterlicher Mystiker wie Meister Eckhart oder Johannes Tauler muss der Mensch aus sich „herausgehen“, damit die Gottheit in ihn „eingeht“, er muss „bloß und ledig“ werden, damit er „gottesfarben“ wird.


  „Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einem gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben, der weit erhaben ist über die Gedanken des Menschen und aller Kreatur. Der Gott vergeht nicht“.

(Meister Eckhart, Traktat 6)


  „Hier ist Gottes Grund (im Hinduismus „brahman“) mein (Seelen-)Grund und mein Grund (im Hinduismus „atman“) ist Gottes Grund ...  Aus diesem innersten Grunde sollst du alle deine Werke wirken ohne Warum (´sunder warumbe`). Ich sage fürwahr: Solange du deine Werke wirkst um des Himmelreiches oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen, also von außen her, so ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt ... Denn wahrlich, wer da wähnt, in Innerlichkeit, Andacht, süßer Verzücktheit und in besonderer Begnadung mehr von Gott zu haben als beim Herdfeuer oder im Stalle: da tust du nichts anderes, als ob du Gott nähmest und wickeltest ihm einen  Mantel um das Haupt und stecktest ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in einer Weise (einer bestimmten sprachlichen oder bildhaften Form) sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise (Form) verborgen ist.

    Nur wer Gott unter keinerlei Form sucht, der erfaßt ihn, wie er in sich selber ist.“  

(Meister Eckhart: Predigt 6) 

  1952 bezeichnete er seinem Schwiegersohn Franz Meyer gegenüber seine Kunstwerke als „Spiegelbilder meines Herzens“ (S.545). Sie steigen auf aus den Tiefenschichten seiner Seele und gründen auf einem unzerstörbaren „Grund“-Vertrauen.

„Meine Bilder sind ein Abbild dessen, was ich wie in einem Himmel gesehen und jeden Tag in meiner Seele gespürt habe.“  (Schmalenbach / Sorlier: Marc Chagall, Propyläen 1979, S. 195)

  Das Bewusstsein einer fraglosen Einheit der sinnenhaft wahrnehmbaren Wirklichkeit mit dem „Dahinter“, der Welt des Numinosen erfüllte ihn von Anfang an. „Bei Chagall ist das Übernatürliche natürlich“ (Guilleaume Apollinaire).

  Interessant im Hinblick auf einen jüdisch-christlich-buddhistischen Austausch finde ich eine Äußerung Chagalls, die Franz Meyer wiedergibt: „Meine symbolische Poesie ist unerwartet, östlich, angesiedelt zwischen China und Europa“ (S. 14).

  Eine Ausnahme in dem Werk Chagalls bildet die rote Grundierung seiner Gemälde zu dem „Hohenlied der Liebe“. Bekannt und fast legendär geworden ist das „Chagall - Blau“ seiner Glasfenster in St. Stefan in Mainz. Wenn das Sonnenlicht in den Kirchenraum fällt, spürt der Besucher die symbolische Kraft dieser Farbgebung: er fühlt sich hineingenommen in den Himmel der Himmel, in die unermessliche Weite und Tiefe der göttlichen Transzendenz, in der sich die Liebesgeschichte „Gottes“ mit den Menschen abspielt (s. http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/I.Beheimatet.html)


  Eine anthropomorphe Darstellung „Gottes“ ist in den Werken Chagalls nur selten zu finden. Zutiefst war seine Gottesanschauung geprägt duch das biblische Verbot „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen!“  (2 Mose 20, 4) und durch seine wachsende mystische Erfahrung, dass Alles getragen und durchströmt ist von göttlicher Liebe. Und so malte er in seiner „Message Biblique“ fünf Szenen der Liebesgeschichte zwischen König Salomo und Sulamith auf einer roten GRUNDtönung. Der GRUND (wie Meister Eckhardt das immer und überall präsente und im Grunde nicht aussagbare Mysterium behelfsmäßig benannte) aller menschlichen Liebe in Sexus, Eros und Agape ist die brennende Liebe „Gottes“.

(Detailierte Ausführungen zum „Lied der Lieder“ unter  http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Hoheslied_der_Liebe_%28Chagall%29.html.)


  1958 verglich Marc Chagall in einem Vortrag in der Universität von Chicago seine Kunst mit einem „Fenster, durch das ich hätte davonfliegen können.“ Eine Bewusstheit von Schwerelosigkeit, von der  Leichtigkeit des Seins, von einem Leben „Ohne Warum“ erfüllte offensichtlich das Innerste Chagalls, und sie fand künstlerischen Ausdruck u.a. in seinen faszinierenden Bildern zum „Hohenlied der Liebe“ und noch ausdrücklicher und intensiver in seinen Zirkus - Impressionen.

Marc Chagall: Salomo und Sulamith auf einem geflügelten Pferd

Viertes Gemälde zum Hohenlied der Liebe (Message Biblique Nizza / 1957-66)

Chagall: Commedia dell` arte (1958)

Weitere Zirkus - Bilder (Ausschnitte)

Effizienz, absichtsvolles Agieren bestimmt weithin unser alltägliches Leben. Kunst aber hat den Sinn, den ineffektiven Anteilen Raum zu geben, einen Luxus ohne Warum zu kreieren. Da bietet sich für eine künstlerische Gestaltung der Zirkus an.

  Die genial vereinfachte „Carte d´Invitation“ (1957) weckte in mir Assoziationen an unsere Zen-Parabel vom „Ochs und seinem Hirten“. Leicht und unbeschwert bewegt sich der Akrobat in dem Kreis des Lebens. Ihm zu Füßen, durch eine Leine mit ihm verbunden, ein animalisches Wesen (Ziegenbock? Ochse?).

8. Bild: Ochs und Hirte sind verschwunden


Große Seinserfahrung, Erleuchtung,

Erwachen, Pure Präsenz, Satchitananda