VIII.  Großer Durchlass,  Essentielle Seins-Erfahrung,

Erleuchtung, Pure Präsenz

In Christus Zu-Grunde-Gehen und Erwachen


Achtes Bild der Zen-Parabel:

Ochs und Hirte sind vollkommen vergessen

Okt. 2012 - 16                            Zur Startseite 

   Der Fall in den grenzenlosen Abgrund ist ein Versinken des Ich mit all seinen Dimensionen und Kräften in den Grund des göttlichen Seins. Damit ist ein kosmisches Erwachen verbunden. Leerheit wird erfahren als Erfüllt-Sein, In-Sein, All-Einheit, als Selbst-vergessene Liebe.

   Die traditionelle theologia negativa (1 Tim 6, 16: „Gott wohnt in unzugänglichem Licht“ oder Thomas von Aquin: „Das Größte, das wir von Gott kennen, ist, dass wir ihn nicht kennen“) wurde für mich schon früh die Grundlage allen Theologisierens. Auch mein Widerstand gegen jede Ideologisierung religiöser Ausdrucksformen hängt mit dieser Grundannahme zusammen. Deswegen schätze ich auch Anthony de Mellos Geschichten, in denen er auf vergnügliche Weise dümmmliche Absolutsetzung von Riten und sture Dogmatisierung von Sätzen kritisiert.

  Allerdings habe ich biblische Sprache und religiöse Praxis nicht nur als relativ und defizitär erlebt, sondern insgesamt positiv als „Herz-Berührungen“, als Fenster in das Pleroma hinein („Gott“ ist nicht nur das Ganz-Andere, die absolute Leere, sondern auch der Ur-Grund unseres Lebens, die „Fülle, aus der wir alle empfangen haben“ - Joh 1, 16).

  Sprache und Bilder geben ja nicht nur informativ die Oberfläche der Wirklichkeit wieder, sondern in ihrer expressiven, narrativen, poetischen, metaphorischen, symbolischen, performativen Funktion können sie auch Zugänge in Tiefendimensionen eröffnen und Enthüllungen des „Einen“, der „Ersten und Letzten Wirklichkeit“ schenken.

  So ist ein Name für Juden nicht nur eine äußere Bezeichnung. Gerade der Gottesname „JHWH“ ist unaussprechlich - übersetzt könnte er werden mit „Ich bin da“. Beide Komponenten sind enthalten: Nicht-Name und All-Name. Ebenso wie in dem Namen „Christus“. Als Göttliches Mysterium kann Christus im Grunde nicht benannt werden, andererseits steht sein Name über allen Namen (Über-Name). „Christus“ ist für mich der Alles-Name (Kol 3,11 - Christus omnio-nominabilis) bzw. der In-Name (in IHM hat alles Bestand, in IHM ist alles ausgesprochen) und er hat sich inzwischen auch zum Nicht-Namen (Christus in-nominabilis) gewandelt. Wenn ich alle Aussagen über „Christus“ lasse, wenn ich Namen und Vorstellungen, Formen und Farben weglasse, dann mag es sein, dass ich mich gegründet weiß in dem grundlosen Grund, dass ich die durchsichtige Weiße schaue, in der alle Farben zuhause sind, dass ich die Stille höre, in der jeder Klang und Ton geboren wird, und den Einen Geschmack in allen Phänomenen schmecke.

  Dualistische Unterschiedenheiten sind aufgehoben. Sogar die Erfahrung „Nicht Eins - Nicht zwei“ wird transzendiert. Diese im Grund unfassbare und unnennbare Erfahrung wird dennoch mit Namen belegt: „Großer Durchlaß“ (Bernadette Roberts), „Sartori“ (Buddhismus), „Stille Wüste der Gottheit“, „GRUND“ (Meister Eckhart), „Einung der Seele mit Gott“ (Christliche Mystik), Einssein von Seelengrund und Seinsgrund.

  Diese „Große Erleuchtung“ in der Phase VIII der Inneren Reise ist weit mehr als die Kensho-Erfahrungen (Kleine Erleuchtungen) auf der Stufe III, einem intuitiven Erfassen des Wahren Wesens. Sartori wird im Zen als die Wiedergeburt des wahren Selbst beschrieben, nachdem das illusorische Ich den „Großen Tod“ gestorben ist.


  Den wagemutigen Fall aus allen Schein-Festigkeiten in den unergründlichen Grund hat Hans Torwesten (*1944) in seinem sehr inspirierenden Buch von 2007 „Der Mut auf den Grund zu gehen. Von der Unerschrockenheit der Mystik“ aus christlich-vedantisch-buddhistischer Perspektive beleuchtet. Wie alle bisher erwähnten spirituellen Lehrer geht auch er von der Grund-Erfahrung aus: Wer sich entschlossen auf den Inneren Weg begibt, muss mystisch sterben, muss ein Leben lang „zu Grunde gehen“. Er muss sich loslassen in den nackten bild- und formlosen Seins- und Seelengrund, der nach dem „Großen Durchbruch“ oder „Durchlaß“ erfahren wird als „Ananda“ (Glückseligkeit) - so Torwesten - und „durchkitzelt von Freude“ (Eckhart).


Der Zen-Meister Hakuin (18. Jh.) schreibt dazu: „Der Übende kommt dahin, dass sein Geist wie tot, sein Wille wie erloschen ist; weite Leere über einem steilen Abgrund, kein Halt für Hände und Füße. Alle Gedanken schwinden, in der Brust steigt heiß die Angst auf. Da plötzlich zerbricht zugleich Geist und Leib. Dieser heißt der Augenblick des Loslassens über dem Abgrund. Die große Freude wallt auf. Dies heißt Wiedergeburt im Reinen Land, dies heißt Schauen der eigenen Natur.

  „Daß es eines so vollständigen Sterbens des Selbst bedarf, auch des großartigsten Selbst, ist in meinen Augen die realistische Botschaft Christi an alle jene, die den Strom durchqueren wollen.“ (Bernadette Roberts S.106)

  Der Durchbruch in die immer und überall präsente jenseitige Immanenz der Wirklichkeit, ein „Sturz aus den Schein-Festigkeiten ins Nichts“ (Hans Torwesten) in den grenzenlosen Grund des göttlichen Mysteriums (Stufe III bzw. VIII) ist „Gnade“, wird aber in der Regel vorbereitet durch die konsequente Einübung in ein vertrauensvolles „Leer-Werden“, durch ein ständiges „Sich-in-seinen-Gedanken-Lassen“ (Johannes Kopp: Schneeflocken fallen in die Sonne S. 163) „In diesen unendlichen Grund darf man sich bis zum Selbstvergessen hineinvertrauen.“ (90) Schließlich muss man auf jede Art von Sicherung, auf Bungee-Seil, Rettungsschirm oder Schwimmweste verzichten.

  Viele Steine einer Selbst-Identifizierung mit Körperlichkeit, Empfindungen, Wahrnehmungen, Geistesregungen, Bewusstsein müssen aus der Mauer gelöst werden, bis endlich ein Durchbruch in die Wahre unvergängliche Wirklichkeitsdimension gelingt, bis schließlich das „Torlose Tor“ („Mumonkan“) durchschritten wird. Das Herz muss von Konditionierungen, Abhängigkeiten und „Leidenschaften“ gereinigt werden, bis der Seelenspiegel die Wirklichkeit in ihrer Essenz wahrnimmt  (Stufe IV: Ein reines Herz).

Übergang zum Bild IX der Ochs-Hirte-Parabel:

Die Heimkehr in die Gegenwärtigkeit des ungeschiedenen EINEN in allem Unterschiedenen


Die Eine Wirklichkeit als Symphonie und Tanz „Gottes“,

als vielfarbige Christophanie

Cow and Person disappear - VIII


Wie wahr! Wie wahr!
Alles verschwindet
Die Kuh löst sich auf
Der Spiegel
Die beobachtende Person
Alles schmilzt zusammen und verschwindet wie eine Schneeflocke in der Sonne
Wahrnehmung und Wahrgenommenes sind eins.

Alle Mystiker bekunden dies.

Wie wahr! Wie wahr!

HKD

Peitsche und Zügel, Ochs und Hirt sind spurlos zu Nichts geworden.

In den weiten und blauen Himmel reicht niemals ein Wort, ihn zu vermessen.

Schneeflocken fallen in die Sonne.

Mit einem Schlag bricht jäh der große Himmel in Trümmer.

Heiliges, Weltliches spurlos verschwunden. Im Unbegangenen endet der Weg.

Alle Wasser von allen Flüssen münden ins große Meer.

Marc Chagall: Bild-Zeichen eines leeren und dynamischen Kreises

Zu-GRUNDe-gehen - mystisch sterben

  Chagall, dem als Juden das zweite Gebot des Zehntworts „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen“ selbstverständlich war, übernahm schon auf seinen Radierungen zur Bibel (1931-39) ein (nicht-anthropomorphes) Ur-Symbol für den Ewigen, Unsichtbaren, ganz Anderen: einen farblosen Lichtkreis, der sich im Laufe seiner spirituellen Entwicklung auch zu einer sprühenden Farb-Spirale oder einem rotierenden Doppelrad wandelte (vgl. S. 117 f).

  Nach dem Tod seiner Frau Bella (1944) taucht dieses Bild-Zeichen für die bildlose Transzendenz (dieses Paradox ist nicht aufzulösen !) vermehrt in nicht-biblischen Szenerien auf. Die frappierende Übereinstimmung mit dem buddhistischen Zen-Kreis auf seiner Lithographie „Christus, Roter Ochse und Madonna“ (ausführlicher unter  http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/X.Auf_dem_Markt.html) und die zentrale Platzierung eines Ochsen lässt mich vermuten, dass er die asiatische Parabel vom Ochs und seinem Hirten kannte und die zwei tragenden Bild-Elemente - Zen-Kreis und Ochs - in seine Lithographie übernommen hat.

   Der endlose Kreis - ohne Anfang und Ende, Ur-Symbol für unendliche Weite, bodenlose Tiefe und  das „Umgreifende“ (Karl Jaspers), für Ganzheit des Kosmos und der Psyche, für Einssein aller Gegensätze.

  Ein farbloser weißer Kreis - ein Symbol der Einen Göttlichen Wirklichkeit; die Grund-legende Wirklichkeit ist weder in Worte zu fassen noch durch Formen und Farben darzustellen; sie ist Leerheit.

  Goldkreis - Symbol für Sat-Chit-Ananda (Absolutes Sein - Reines Bewusstsein - Glückseligkeit) oder     

in neutestamentlicher  Sprache: ein Bild-Zeichen für das Pleroma, die Fülle Christi, „Gott:Alles in Allem“.

  Wenn einer hierher gelangt, scheint der Spiegel seines Herzens klar, und sein Wesen öffnet sich weit und aufgeräumt. Die vollkommene Vergessenheit von Ochs und Hirte ist das letzte Tor auf dem Weg des Aufgangs. Hier glüht das große Feuer, in dem alle Unterscheidungen verbrannt werden. Das Hier und Jetzt erfüllt über alle Zeiten und Räume den ganzen Kosmos.

Weit aufgeräumt. Nichts Heiliges. Über dem Kopf gibt es kein Dach und unter den Füßen keine Erde.

„Gott Alles in Allem“ (1 Kor 15, 28)

Sterben und Auferstehen mit und in Christus

  Im Christus-Hymnus (V. 2,7) des Philipperbriefes wird dieses „Zu-Grunde-Gehen“ als „Kenosis“ (griech.: kenos = leer) bezeichnet: Jesus Christus „entäußerte sich“ (Einheitsübersetzung), „ausgeleert hat er sich selbst“ (Fridolin Stier). „Wie es Christus erging, ergeht es auch uns. Christi Tod war der Verzicht auf sein menschliches Selbst ..., ein Aufgeben der gesamten Erfahrung des Selbst, mit Gott eins zu sein ... Die darauf folgende Auferstehung ist die Enthüllung des göttlichen Christus oder Logos als das wahre Wesen der Einheit des Menschen mit Gott. Dieses Einssein ist nicht Gottes Einssein mit dem Selbst oder Bewusstsein

(des Menschen), sondern unser Einssein mit Gott IST der Christus, und nur Christus.“ (B. Roberts S. 128)

  Für mich ist derselbe Sachverhalt ausgedrückt in Vers 3,11 des Kolosserbriefes: „Alles und in Allem: Christus“. „Christus ist die eine Wirklichkeit“ (Kol 2,17), neben der nichts anderes existiert. Alle Versprachlichungen und Riten („Speise und Trank; Feste, ob Neumond oder Sabbat“) sind nur „Schatten“ dieser im Grunde namenlosen Christus-Wirklichkeit (Kol 2,16-23).


(Vergl. Johannes Kopp: Schneeflocken fallen in die Sonne. Christuserfahrungen auf dem Zen-Weg, Plöger-Verlag, Annweiler 2002)

9. Bild: Die Heimkehr in den Grund und Ursprung


Die Eine Wirklichkeit als Symphonie und Tanz „Gottes“, als vielfarbige Christophanie