X.  Mit offenen Händen auf dem Markt

All - Liebe


Zehntes Bild der Zen-Parabel vom „Ochs und seinem Hirten“:

Das Betreten des Markts mit offenen Händen

Marc Chagalls Mystik der Liebe

Der Gekreuzigte und das verborgene Angesicht Christi im Lichtkreis des Ewigen

März 2013 / 16                                        Zur Willkommenseite

Bild X der Zen-Parabel „Der Ochs und sein Hirte“:

Auf dem Markt mit offenen Händen



  Der Hirte ist in die normale Alltagswelt, auf den „Markt“ zurückgekehrt. In allen vergänglichen Lebewesen, Ereignissen und Dingen leuchtet ihm göttliche Essenz („Gott“, „Wahres Selbst“, „Satchitananda“, der „Grund“) auf (Christophanie): Licht im Staub.

  Von außen ist ihm nicht anzumerken, dass er das „Wahre Selbst“ zurückgewonnen hat. Wie alle anderen spielt er das Spiel des Lebens, aber in einem weiten Bewusstsein, dass alle Ereignisse und Herzens- und Verstandesregungen die tänzerische Manifestation der „vielfarbigen Weisheit Gottes“ (Eph 3,10) sind. Er hat die „Kostbare Perle im Acker“ gefunden und lebt nun im Bewusstsein des ungetrennten „Pleroma Christi“. Im Buddhismus heißt diese Seinsart „Lotus im Feuer“ oder „Juwel im Schlamm“.  Er selbst wurde zu einem bescheidenen und grosszügigen Menschen. Er braucht nicht viel zum Leben, weiss aber das Leben hier und jetzt durchaus zu geniessen. Manche erscheinen auf dieser Stufe wie „heilige Narren“ (s. Franz von Assisi). In jedem Menschen sehen sie die verborgene Buddha- (oder Christus-) Natur.

  Weil sie die Einheit der Einen Wirklichkeit geschaut haben, wissen sie sich zutiefst verbunden mit Allem. Dabei sind sie erfüllt von einem tiefen Mitgefühl mit allen Leidenden. Der „Erleuchtete“  ist mit dem „Herzen bei den Armen“. Auf diesem Weg der B-arm-herzigkeit ist er ganz bei sich Selbst, bei „Gott“. In allen Lebensäußerungen realisiert er die eine Grundhaltung: „In Gott eintauchen, bei den Armen auftauchen“ (Paul Zulehner); „Das Ohr am Herzen Gottes und die Hand am Puls der Zeit.“ (Abt Martin Werlen OSB, Einsiedeln); „So gehen sie ein und aus und bleiben doch allzeit in dem lieblichen, stillen Abgrund .... Gott zum Lob, allen Menschen zum Trost.“  (Johannes Tauler Predigt 24).


„Das Wesen des Zen liegt weder in der Wissenschaft ... noch in der buddhistischen Lehre, ja nicht einmal in der Versenkung im Sitzen, das heißt im Zazen. Es liegt in einem Einzigen, nämlich darin, die in jedem Menschen verborgene Buddha-Natur (christlich gesprochen: Christus-Natur) zu durchblicken. ... Wir dürfen auch nicht an diesem Ort (bzw. Nicht-Ort), d.h bei der Erfahrung der Erleuchtung stehen bleiben, sondern müssen uns mit dem großen Gelöbnis und der großen Barmherzigkeit in unsere wirkliche Welt werfen, um uns in die Befreiung der Anderen zu versenken... Die ´Vier Gelöbnisse` bestehen darin, die Weisheit oben zu suchen und die Weltlichen unten zu befreien.“


(Der Ochs und sein Hirte, erläutert von R. Ohtsu, Stuttgart 2008, S.129)

Mystische Erfahrung der Einheit mit allen Wesen


  Die Erkenntnis des eigenen Wahren Selbst, der Buddha-Natur oder des „Christus in mir“ trennt uns nicht von unseren Mitmenschen und führt uns nicht in ein elitäres Bewusstsein; es distanziert uns eher von unserem eigenen Ich-Wahn, von unserer Ego-Persönlichkeit, die sich identifiziert hat mit Eigenschaften, beruflichen Erfolgen, materiellen, geistigen und sozialen Besitztümern, die aber kommen und gehen.

  Unvergänglich ist nur das Wahre Göttliche Wesen, das präsent ist in allem Vergänglichen. Es ist im Grunde ungeteilt; ich partizipiere daran wie alle anderen irdischen Phänomene. Nicht nur alle Menschen sind meine Brüder und Schwestern, sondern auch Sonne, Mond, Sterne, Luft, Wolken, Wasser, Feuer, Erde, Tod (vgl. den Sonnengesang des Franz von Assisi).

  Ich weiß mich eins mit „Atman“, der Buddha- oder Christus-Natur, die in allem anwest und sich in dem kosmischen Tanz von Entstehen und Vergehen enthüllt.

„Jeder von uns ist eine Welle desselben Meeres. Wir sind alle auf der grundlegendsten Ebene miteinander verbunden. Wir sind eins... In gewissem Sinne sind wir Christus ... Dieses Selbst ist nicht ein Ich, das sich von anderen unterscheidet. Es ist jeder, es ist alles.“

(Almaas: Essentielle Befreiung S. 174 f)

Diogenes mit Laterne:

Ich suche einen Menschen

JHW Tischbein (1751-1829)

Bild X:

Mit offenen Händen auf dem Markt

(Zen-Mönch Shubun)

  Die Illustration der 10. Station durch den Zen-Mönch Shubun im 15. Jahrh. weckte bei mir Assoziationen an berühmte Weisheitslehrer der Antike, die sich ebenfalls auf den Markt begaben, um andere Menschen ihr wahres Wesen entdecken zu lassen und sie zu befreien.

  Diogenes von Sinope (400-323 v.Chr.), der mit Wanderstab, Rucksack und Bettlerschale durch die Lande zog, wurde gerühmt wegen seiner Bedürfnislosigkeit und seiner provokativen öffentlichen Symbolhandlungen. So habe er sich Selbst am helllichten Tag mit einer brennenden  Lampe in der Hand auf die Agora von Athen begeben und dabei gerufen: „Ich suche einen Menschen!“

Individualistische Widerstände gegen das Wahre Selbst


„Die Welle wehrt sich dagegen, mit dem Meer eins zu werden ... Sie besteht darauf, Welle zu sein – mit einer ganz bestimmten Form und Gestalt ... wahnsinnig anstrengend ist es, sich über Wasser zu halten – und wie entspannend, einfach zu sein ... wir haben hart daran gearbeitet, eine Welle, ein Individuum zu werden ... wir haben uns aus dem gestaltlosen Chaos zu einer ausgeprägten Wellen-Form gestylt.“ (Hans Torwesten: Der Mut auf den Grund zu gehen, S.54ff).

Christus tanzt die Schöpfung

Montage: Zen-Kreis und Albani-Psalter (12. Jahrh.)

Die Welle ist das Meer

(Zensho W. Kopp: Im Farbenrausch des Göttlichen S. 121)

Zen Gold

Stille und Gewahrsein,

das Gold des Zen

(Hartwig Kopp-Delaney)

www.flickr.com/photos/h-k-d/

Selbst- und Nächstenliebe entströmt dem Überfluss der göttlichen  Liebe


  Jesus hat die Einheit von Gottes-Bewusstsein und aktivem Handeln vor-gelebt. Sein heilendes Handeln und sein Aufmerksam-Machen auf das nahe Reich Gottes waren gespeist aus dem Wissen um sein Einssein mit dem „Vater“, das er immer wieder durch Retraits in Stille und Einsamkeit verlebendigte.

Auch seine Jünger, die ihm nachfolgen wollten, bestellte Jesus, „dass sie bei Ihm seien und Krankheiten heilten und Dämonen austrieben“ (Mk 3, 13-15). Mystik und Therapie, Christus-Verbundenheit und heilendes Handeln sind somit die beiden Pole der christlichen Existenz. Heilsames Wirken ist allerdings nicht nur als individuelle barmherige Zuwendung zu verstehen, sondern auch als „strukturelle Liebe“, als Widerstand gegen von Menschen produzierte Leiden.

  Jesus übernahm die Hauptanweisungen des Judentums: „Liebe Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen Kräften und ganzem Gemüt“ und „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Für seinen Lieblingsjünger Johannes, „der an Seinem Herzen ruhte“, war die geschwisterliche Liebe wie ein klarer, lebendiger Bach, der absichtslos, „ohne Warum“ der Quelle, der Gottesliebe, entspringt.

  Der Liebende begegnet dem andern im Geist des asiatischen Grußes „Namaste“: „Ich beuge mich vor dem Göttlichen in Dir, vor deiner Buddha-Natur (oder dem Christus in dir). Ich ehre den Ort in dir, in dem das gesamte Universum residiert. Ich ehre den Platz des Lichts, der Liebe, der Wahrheit, des Friedens und der Weisheit in dir. Ich ehre die Stelle in dir, wo, wenn du dort bist und auch ich dort bin, wir beide nur noch eins sind.“


  Wer im Herzen des All-Barmherzigen beheimatet und verwurzelt ist, weiß, dass jeder Mensch seinem ursprünglichen Wesen nach frei und mit denselben Rechten in dem einen „Haus Gottes“ wohnen darf; und er kann nicht anders als sich Selbst, den Nächsten und die vielfarbige Welt zu lieben. Er hat nicht Liebe, sondern er ist Liebe. Unser innerstes Wesen ist Liebe, universale Liebe, Christusliebe. Sie ist einfach da: ganz und gar liebevolle Präsenz. Da wird auch eigene Ego-Bezogenheit  akzeptiert, aber sie schwindet, und die Lust, am Leben teilzunehmen, wächst, getragen von der Intuition, dass „Christus das Leben ist“ (Joh 11,25).

  Deshalb ist Christusliebe nicht nur das Ziel des spirituellen Weges, sondern der bleibende Grund und der absichtslose Antrieb meiner Nächstenliebe.

  „Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Eins mit Gott und Gott bleibt in Eins mit ihm ... Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt ... Keiner hat Gott je geschaut. Wenn wir einander lieben, bleibt Gott in Eins mit uns und wir in Eins mit Ihm.“ (1. Johannesbrief)

  Christus: „Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15, 9), und ihr habt „Freude in Fülle“ (17,13) in euch.

  Der „Hirte“, in der Zen-Parabel eine Metapher für jeden Menschen auf der Suche, wird nun, da sich das „Sein in ihm gelichtet“ hat, zum „Hirt des Seins“ (M.Heidegger), oder, biblisch gesprochen, zum „Guten Hirten“ seiner Mitmenschen wie Christus (Joh 10), der „die Seinen kennt“ (V.14), ihre Blindheiten und die daraus resultierenden Leiden. Wer „erwacht“ ist wie der Hirte in der Zen-Parabel, weiß sich in Eins mit allen Menschen; wie Christus, der Gute Hirte, geht er zu den Menschen auf dem Markt, er „führt sie hinaus auf gute Weide“ (V.3), ins Bewusstsein der Fülle Christi oder des Reinen Landes, er öffnet ihnen die „Tür zur Befreiung“ (V.9) und in ein „Leben in Fülle“ (V.10). Ja, er „gibt sein Leben für sie“ (V.11).

  Bei diesem befreienden Engagement ruht der „erleuchtete Hirte“ in einem klaren G-O-T-T-E-S-Bewusstsein, das alles Fühlen, Denken, Wollen und Handeln durchzieht: „Der Vater kennt mich und ich kenne den Vater“ (V.15). Aus diesem GRUND handelt er. Er wird nicht angetrieben von einem unreflektierten Helfer-Syndrom, das in Wahrheit die Bestätigung der eigenen Überlegenheit sucht. Dennoch bleibt er stets wachsam für Täuschungen durch Restbestände seines Ego, das sein Wahres Selbst verblendet.

  „Von diesem Grunde sagt Sankt Augustinus, daß die Seele (des Menschen) in sich einen verborgenen Abgrund besitze, der mit der Zeitlichkeit und dieser ganzen Welt nichts zu tun habe ... Hier verschmilzt der Geist (des Menschen) gänzlich (mit Gott) ... und wird hineingezogen in das heiße Liebesfeuer, das Gott dem Wesen und der Natur nach selbst ist. Und von dort steigen (diese Menschen) in all die Not der Christenheit ... und mühen sich um Liebe für eines jeden Menschen Not ... So wie ich euch alle hier mit einem Blick umfasse, ebenso ziehen sie alles mit sich hinein in denselben Abgrund, in beschauender Weise in dasselbe Liebesfeuer. Dann blicken sie wiederum (selbst) hinein, verweilen da und tauchen erneut hinein und wenden sich wiederum (hernieder) zu allen Leidtragenden und von neuem in das liebevolle, dunkle, stille Ruhen in dem Abgrund.

  So gehen sie ein und aus und bleiben doch allzeit in dem lieblichen, stillen Abgrund .... Gott zum Lob, allen Menschen zum Trost.“  (Johannes Tauler: Predigt 24)

I.  Der Gekreuzigte -

Chagalls Bildzeichen für transformiertes Leiden

SPIRITUELLE ÜBUNGEN


  1. -  In allen Phasen der spirituellen Reise bleibt eine wahrhaftige Introspektion angesagt, da unbewusste Ego-Kräfte unsere Klarsicht und Herzensgüte verdunkeln. Eine wache Achtsamkeit im alltäglichen Leben und in ausdrücklichen Vipassana-Übungen lassen unsere Fähigkeit wachsen,

 

-  Um zunehmend und dauerhaft in heilsamen Gedanken und Gefühlen zu verweilen, kann die aktive Imagination von heilenden Bildern helfen. Die folgenden Imaginations- und Visualisierungsübungen verinnerlichen und vertiefen den Glauben und die Hingabe an den unzerstörbaren Seins- und Seelengrund, an den Christus in uns, unser Wahres Selbst und weiten unser Herz. Die Gestalt Christi und im buddhistischen Tantra verehrte Gottheiten und ihr heilendes, erleuchtendes Wesen und Handeln werden dabei als imaginierte Schaubilder eigener innerer Kräfte verstanden


-   GRUND-Übung einer fortgeschrittenen meditativen Praxis bleibt die Leerheitsmeditation, Zazen oder ungegenständliche Kontemplation.

  Einen Gottesnamen wie ein Mantra zu wiederholen und ihn auf einen konkreten Menschen zu legen, öffnet das Herz für den andern. Auf dieser Linie könnte auch der Psalm 22 oder ein daraus ausgewählter Vers umgeformt und wie ein Wunsch-Mantra gebetet werden: „Der HERR ist dein Hirte ... ER erquickt deine Seele ... ER deckt dir reich den Tisch ... Wohnen darfst du im Hause des Herrn...“


  Wenn Sie sich einem nicht-dualistischen Bewusstsein nähern und davon überzeugt sind, dass Seinsgrund und Erscheinungsformen „Nicht-Zwei“ sind, dass Ihr Wahres Selbst und G-O-T-T / „Christus“ Eins sind, werden Sie es wagen, sich die johanneischen Ich-Bin-Worte des pneumatischen Christus als Ihre persönlichen Selbst-Aussagen bildhaft vorzustellen:


Ich (Paula, Johannes ...) bin der Gute Hirte

Ich bin das Licht der Welt

Ich bin die Tür

Ich bin der Weg

Ich bin das wahre Brot


  Und weiterführend könnten Sie den Hirtenpsalm, dieses jüdische Vertrauenslied auf die treue Begleitung und Gastfreundschaft Gottes als Ausdruck ihrer GRUND-legenden Beziehung zu jedem, also auch zu dem konkret vorgestellten Menschen umformen und mantrisch wiederholen:

  Wenn ein Mensch sein Wahres Selbst sucht, führt ihn der Weg zunächst von Außen nach Innen. Alles, was ihm lange Halt und Sicherheit geboten hat - materieller Besitz, geistige Errungenschaften, gesellschaftliche Rollen -, durchschaut er als brüchig und illusionär. Im Außen ist das Heil nicht zu finden. Er muss umkehren, d.h. sich abkehren von Schein-Sicherheiten und einkehren bei sich Selbst.

  Ein Prozess der wahrhaftigen Selbsterkenntnis und Reinigung des Seelenspiegels von Gier, Hass und Verblendung erfolgt. Nach oder während beharrlicher Übung des Loslassens aller Identifikationen mit Selbstkonzept, Gefühlen, Leistungen, Vorlieben etc. in Zazen, Kontemplation, Innerem Gebet, Psychotherapie  o.a. mag ihm eine Wesensschau, Erleuchtung oder Klarsicht zuteil werden, die ihn nicht solipsistisch abheben lässt, sondern zurückführt ins Außen, auf den „Markt“, den „Hauptbahnhof, wo das Mysterium stattfindet“ (Joseph Beuys), in seine konkrete alltägliche Lebenswelt. Er hat Erleuchtung und Freiheit nicht aus Eigennutz, sondern zum Wohl aller Wesen erstrebt und erlangt

(= bodhicitta).

  Im Bewusstsein eines essentiellen ungeteilten Einsseins mit allem, was existiert, geht er nun den Weg der konkreten Barmherzigkeit und vielleicht auch einer „entprivatisierten Liebe“ (JB Metz).


  Der leere Goldkreis, der in Miniaturen des Albani-Psalters (um 1150) häufig das erleuchtende und erlösende Christus-Geschehen umfasst, ist ein sprechendes Symbol für das Wahre Wesen, das Sein des Seienden, für den Goldgrund aller Phänomene, die Leere und Göttliche Essenz in Allem, für das Umgreifende, für die umfassende Einheit von Allem, was existiert..

  Die Christus-Mystik auf dieser und der vorhergehenden Webseite mit ihrem spezifischen Vokabular mag Nicht-Christen und ebenso manchem Christ-Gläubigen fremd, womöglich wie eine un-katholische Patchwork-Theologie oder wie ein mystifizierender ideologischer Überbau oberhalb der Erfahrung des „Wahren Wesens“ erscheinen. „Im Grunde“ - um mit Meister Eckhart zu sprechen - ist eine Tiefenerfahrung „Gottes“ und „Christi“  leer und still. Sie ist „ledig aller Bilder“, „aller Formen bloß“ und frei von allen Namen und Definitionen

  Alles Sprechen von Gott oder Christus verlässt den stillen, leeren GRUND und unternimmt den im Grunde untauglichen Versuch, das unbegreifliche und unaussprechliche Geheimnis zu begrenzen. Das Mysterium ist „innominabilis“ (nicht benennbar) und „ineffabile“ (nicht aussagbar). Dennoch haben alle Weisheitslehrer und Religionen, die eine GRUND-Erfahrung gemacht haben, auf Bennennungen nicht verzichtet: Jahwe, Shiva, Kali, Buddha, Brahma, Tara, Guanyin ... Für Paulus ist das „Mysterion Gottes“ identisch mit „Christus, in dem alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind“ (Kol 2.2).  Dennoch bleibt auch für ihn die „Tiefe der Weisheit Gottes“ unerforschlich, das „Licht der Gottheit unzugänglich“ (1 Tim 6,16). Nicht nur Johannes vom Kreuz oder Teresa von Avila, sondern viele bekannte und anonyme Christus-Erfahrene, die Christus als den Omni-Präsenten erfahren und ihn als Hirten oder  Bräutigam umarmt haben, werden immer wieder in den leeren Abgrund zurückgeworfen, in den „grundlosen Grund“, in die „lichtvolle Finsternis“.

Marc Chagalls (1887 - 1985)

Mystik der Liebe

Lichtkreis des Ewigen

Der Gekreuzigte als Bildzeichen für

verwandeltes Leiden und Lebensfülle

Diaphanie der Puren Präsenz

Transparenz für Transzendenz

Kontemplation in Aktion - In labore requies


  Einem christlich sozialisierten „Hirten“, der sich auf die Suche nach dem „Ochs“, dem wahren Selbst, aufgemacht hat, und aufhört mit dem Haben-Wollen und Verteidigen von materiellen und geistigen Besitzständen, verändert sich die  Vorstellung von Ich, Gott und Christus. Je tiefer er den leeren und stillen GRUND, die Eine Wirklichkeit, den Einen Seins- und Seelengrund erfährt, je weniger spekulativ und je meditativ-authentischer seine Christus-Erfahrung geworden ist, desto selbstverständlicher lebt er in dem Bewusstsein, dass Wahres Sein, die Fülle Christi, Sat-chit-ananda (Sein-Bewusstheit-Glückseligkeit) in ihm und mitten im Leben hier und nun präsent ist, im Gespräch und im Schweigen, im Gottesdienst und beim Sport, mag er unterrichten oder lesen, Kranke pflegen oder ruhen, ein Haus bauen oder meditieren... Für den Erwachten ist die Mauer zwischen Außen und Innen, zwischen Weltlich und Heilig gefallen. Es besteht nur die Eine Wirklichkeit. Alles Profane ist heilig und alles bisher heilig Überhöhte ist profan.

Christus - der Gute Hirte, das „Wahre Licht,

das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9)

(Albans Psalter 12.Jahrhundert)

Ich lese die Erzählung im Markus-Evangelium 10, 46-52:


Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge aus Jericho hinauszog, saß ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus, am Weg. Als er hörte, es sei Jesus von Nazareth, fing er an zu schreien: Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!

Viele herrschten ihn an, er solle schweigen. Doch er schrie nur noch viel lauter: Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Da blieb Jesus stehen und sprach: Ruft ihn her!

Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Hab Mut, steh auf, ER ruft dich!

Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu.

Da sagte Jesus zu ihm: Was willst du, das ich dir tun soll?

Der Blinde sagte zu ihm: Rabbuni, dass ich sehe.

Und Jesus sprach zu ihm: Geh, dein Glaube hat dich gerettet.

Und gleich konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf dem Weg.



Ich versetze mich mental an den Ort des Ereignisses und erlebe das Heilungs-Geschehen aus der Perspektive der Handlungspersonen. In der Hauptphase der Imagination ver-schwindet die Gegenüberstellung von Ich und Christus, die dualistische Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt löst sich auf, ich erkenne Christus, den All-Liebenden als meine tiefste Wirklichkeit.


-  Ich bin Bartimäus, blind (für was?), bedürftig, am Rand des Geschehens; ich bedränge jemanden (mein Wahres Selbst, Christus in mir), dem ich vertraue, solange, bis er mich von meiner Blindheit erlöst. Ich lasse alles stehen und liegen, und laufe auf IHN zu, obwohl ich IHN nicht voll erkannt habe. Ich wage eine vertrauensvolle intime Anrede: „Rabbuni“ - „Mein Meister“.

Mir wird das Innere Auge geöffnet und ich gehe nun SEINEN Weg.


-  Ich bin jemand aus der Menge, die Jesus hinterherläuft. Ich sehe wertungsfrei meine Widerstände gegen eine bedingungslose, unbegrenzte Liebe, und verstärke schließlich meine Fähigkeit, mich Selbst und andere zu ermutigen: Hab Mut! Steh auf! ER ruft dich!


- Ich Selbst bin Jesus Christus, ich trage das Wahre Selbst, die Universelle Liebe in mir. Ich bin Wahres Selbst und Universelle Liebe.

Ich höre und sehe achtsam und überhöre nicht das Rufen eines Leidenden.

Ich bleibe stehen und gehe nicht vorbei, sondern handle voll Mitgefühl und Erbarmen.

Ich wecke in dem andern sein eigenes Wollen und den Glauben an sein Wahres Selbst, seine Wesens-Natur.


  Die beteiligten Personen können auch verstanden werden als Stellvertreter für meine Ich-Zustände (Transaktionsanalyse - s. meine Webseite „Heilung des Gelähmten“): Bartimäus  = Kind-Ich;   Zuschauer  =  Eltern-Ich;   Jesus  =  Erwachsenen-Ich, Personmitte, Wahres Selbst.


(vgl. die christlichen Imaginations-Übungen von Anthony de Mello in

„Meditieren mit Leib und Seele“, Daß ich sehe“ und „Mit allen Sinnen meditieren“)


            3.  Guanyin visualisieren:

               sehen und umarmen



  Ähnlich wie die Grüne Tara kann man die „Gottheit Guanyin“, neben Avalokiteshvara die bekannteste vor allem in Tibet verehrte Inkarnation von Universalem Mitgefühl, als das Wahre Selbst innerlich visualisieren.

Sie hat 1000 Arme und viele Gesichter. Sie verkörpert die essenziellen Kräfte in uns,

die wach hinschauen,

die unbegrenzt mitfühlen mit allen leidenden Lebewesen,

die nicht vorbeigehen, sondern absichtslos, klug und tatkräftig helfen,

die wie Jesus am Kreuz Alles mütterlich-zärtlich umarmen.

II.  Transformation und Imagination von Psalm 22:

Ich bin dein Hirte

  Ein rätselhafte Farblithographie Chagalls  nahm ich erst vor einigen Wochen bewusst wahr. Zwei fundamentale Bild-Zeichen der Zen-Parabel „Der Ochs und sein Hirt“ werden hier von Chagall in die Szenerie seines Geburtsortes Witebsk eingefügt, ein weißer Lichtkreis und ein roter Ochse, und außerdem der Gekreuzigte, eine Frauengestalt mit Kind, der Chanukka-Leuchter und eine Pendeluhr. „Christus, Roter Ochse und Madonna“ (1950) - so ist das Bild tituliert.

  Chagall, dem als Juden das zweite Gebot des Zehntworts „Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen“ selbstverständlich war, übernahm schon auf seinen Radierungen zur Bibel (1931-39) ein (nicht-anthropomorphes) Ur-Symbol für den Ewigen, Unsichtbaren, ganz Anderen: einen farblosen Lichtkreis, der sich im Laufe seiner spirituellen Entwicklung auch zu einer sprühenden Farb-Spirale oder einem rotierenden Doppelrad wandelte.

II.  Chagalls Licht-Kreis des Ewigen

  Marc Chagall las täglich in der (hebräischen) Bibel. Ihre exemplarischen Gestalten - Mose, Dawid, Jakob - malte er in unzähligen Varianten und immer auffälliger in Szenerien seines eigenen konkreten Lebens hinein. Wie Jakob träumt Chagall den Traum der Menschheit von einer Leiter in himmlische Sphären. Wie David in seinen Psalmen stellt Chagall das Leben in singenden Farben dar. Wie Mose seine Große Seinserfahrung am Dornbusch, die im Grunde unaussagbar ist, doch in Sprachbildern mitzuteilen versucht, so kleidet Marc Chagall seine intuitive Schau des Ewigen in archetypische Bild-Zeichen und häufig in die nicht auflösbare Chiffre eines farblosen leeren Lichtkreises (1935 und 1954 noch gefült mit den hebräischen Buchstaben des Gottesnamens JHWH).

  Der Licht-Kreis erweckt den Eindruck, als öffne sich die farbige Oberfläche auf den leeren Hintergrund hin, den absoluten „GRUND ohne Form und Name, wo alle Dinge eins sind“ (Meister Eckhart). Der Betrachter schaut durch das dunkelgraue Dorfleben in Witebsk (Judenverfolgung, Zerstörung) hindurch in die eigentliche Wirklichkeit, in die lichtvolle Leere. „Gott“, „Jahwe“ ist nicht fassbar und nicht darstellbar, aber hinter-, unter-, übergründig präsent.  Auch das Kreis-Symbol ist nur ein unzulängliches Zeichen für die Eine unfassbare Wirklichkeit. Mehrere farbige Motive weisen ebenfalls auf das unbegreifliche Numinosum hin. Die Gestalt des Gekreuzigten ist am meisten diaphan für das „Überhelle Licht“. Der rote Ochse (oder ist es eine Kuh?) präsentiert - ähnlich wie in der Zen-Parabel - Lebenskraft und Vitalität. Das goldfarbene Kind, getragen von einer „Grünen Madonna“, zeigt - wie auch die Pendeluhr und der Chanikka-Leuchter - die All-Gegenwärtigkeit des Göttlichen in dieser grauen vergänglichen Wirklichkeit an.

  Eine Übertragung der buddhistischen Anschauung „Jedes Lebewesen trägt die Ganzheit in sich. Jeder Mensch kann Buddha werden“ in den christlichen Glauben „Jeder ist und kann Christus werden, der Alles in Allem ist“ (Kol 3,11) wird im westlichen Christentum in der Regel als hochmütige Arroganz abgewertet. Das orthodoxe Christentum hat sich dagegen die Überzeugung bewahrt, dass das Ziel des Christseins eine „Theosis“, eine Vergottung des Menschen ist. Man könnte auch von einer „Christisierung“ sprechen.

  Augustinus: „Wir sind nicht nur Christen geworden, sondern Christus selbst. Steh fest und staune voll Freude: wir sind Christus geworden! Christus spricht in uns, betet in uns, leidet in uns, lebt in uns: wir sind ER selbst (nos ipse sumus).“  (Johanneskommentar. 21.8)  (PL.35.1929)

  Das „Gottes“-Bewusstsein und die all-umfassende Liebe des erleuchteten Hirten der Zen-Parabel, der schließlich auf dem „Markt“ immer und überall in SEINEM Licht lebt und handelt, scheint auch in den Kunstwerken Marc Chagalls auf. Die Charakterisierungen durch S. Findeisen „Maler des Unsichtbaren“ oder durch K- Mayer „Maler und Mystiker“ werden bestätigt durch Selbstaussagen Chagalls „Ich bin ein Mystiker. Meine Arbeit - das ist mein Gebet.“  „Alle meine Bilder sind ein Abbild dessen, was ich wie in einem Himmel gesehen und jeden Tag in meiner Seele gespürt habe.“ Kaum ein Betrachter kann sich diesem Mysterium fascinosum entziehen. Seine Bilder sind Abbilder des himmlischen Urbildes. Sie  entstammen einer seelischen Tiefenschicht, die uns alle verbindet.

  In Chagalls gesegnetem Leben waren Kontemplation und Aktion, das Bewusstsein einer All-Verbundenheit und künstlerisches Arbeiten, die Versenkung in die Ur-Bilder der Seele und öffentliches Wirken als ein engelhafter „Bildprophet“ (K.Mayer) dicht beieinander. Er liebte den meditativ-künstlerischen Rückzug in sein Atelier, seine innere Kammer, den Ort seiner Wesensschau, zugleich war er auch präsent auf öffentlichen Schauplätzen seiner Kunstwerke (riesige Wandteppiche in der Knesseth Jerusalem, Bühnenbilder und Kostüme in der Metroplitan Opera New York, Deckengemälde in der Oper von Paris, Mosaik in Chicago, Glasfenster in der Liebfrauenkirche Zürich, in St.Stephan Mainz, in der UNO New York; berühmte Gemälde im Musée Message Biblique Marc Chagall in Nizza  u.v.a.m.).

  Chagalls verborgene Christus-Mystik, die ich 2008 auf meiner Webseite „Der Gekreuzigte“ in Grundzügen dargestellt habe, möchte ich hier vertiefen und ergänzen.

  Durch den millionenfachen Mord an seinem jüdischen Volk (1937-45) und den plötzlichen Tod seiner geliebten Frau Bella (1944) wurde sein GUNDvertrauen bis ins Mark erschüttert. Das christliche Symbol des gekreuzigten Christus half ihm entscheidend, dieses Leiden anzunehmen und zu verwandeln

  Offensichtlich gewann Marc Chagall in den 40-er und 50-er Jahren ein sehr intimes Verhältnis zu dem gekreuzigten Christus. Viele Gemälde, Aquarelle, Gouachen aus dieser Phase spiegeln sein neues Selbst- und Christusverständnis.

  Flehend (oder sogar anbetend?) wirft sich ein jüdischer Mann zu Füßen des ans Kreuz Geschlagenen nieder.

  Eine Frau huldigt mit einem Blumenstrauß dem Gekreuzigten. Licht von oben umhüllt beide Gestalten.

„Ich kann mir Christus nicht denken aus der Sicht einer Konfession, eines Dogmas“, sagte Chagall. „Mein Christusbild soll menschlich sein, voller Liebe und Trauer.“

  „Wie der Christus bin ich gekreuzigt, mit Nägeln an die Staffelei geheftet“ (Chagalls Gedicht „Si mon soleil“)

  Ein Selbstportrait von 1947, drei Jahre nach dem Tod seiner Frau Bella, zeigt in dem Bildzeichen eines roten Tierkopfes (Kuh? Ochse?) die sehnsuchtsvolle Hingabe Chagalls an seine tote Geliebte, die er als Braut, vereint mit dem Gekreuzigten, auf der Leinwand dargestellt hat. Darüber schwingt eine Wanduhr mit goldenem Zifferblatt und Pendel (eine Chiffre für die Ewigkeit, die sich rhythmisch in der Zeit entfaltet).

Blauer HinterGRUND der Unendlichkeit,  durchschwebt von Engeln mit den Gesichtszügen von Marc Chagall

(Glasfenster in St. Stephan in Mainz 1982)

„...ich manchmal meine, ein ganz anderer zu sein, zwischen Himmel und Erde geboren zu sein“

(M.Cagall 1973)

Chagalls Selbstportrait kurz vor seinem Tod: „Ich bin ein Engel“

(1985)

  Dass Chagall auf wichtigen Holocaust-Darstellungen nach 1937 den Juden Jesus am Kreuz in Überlebensgröße in die Bildmitte stellte, befremdete viele seiner Mitjuden. Schon bald nach dem Tod Bellas 1944 variierte und transformierte er dieses Symbol eines jüdischen Martyrers in ein universelles Bild-Zeichen. Das Marterinstrument „Kreuz“ ist kaum noch zu erkennen.  Der leidende Jude am Kreuz erscheint immer ausdrücklicher als eine Lichtgestalt mit ausgebreiteten Armen, die zwischen Erde und Himmel schwebt, als Auferstandener Christus, der den erlittenen Schmerz und Tod in umfassende Liebe gewandelt hat. Chagalls Gemälde „Das Dorf“, das er mit 85 Jahren schuf, stellt ein Resumee seiner Lebenssicht dar. Ein vom Goldglanz des Ewigen (kawod jahwe) erleuchteter und immer noch am Tallit als Jude erkennbarer Christus am Kreuz füllt den weißen Lichtkreis des unsichtbaren Ewigen aus. Der Maler Chagall ist IHM zugewandt in einer Gebärde der Hingabe und Verehrung.

Marc Chagall mit Palette und betenden Händen, ein roter Ochse, ein Brautpaar und ein goldener Christus im weißen Lichtrund der Unendlichkeit, umfasst vom Zen-Kreis

(1972 Das Dorf - Ausschnitt)

  Das Gemälde „Die roten Dächer“ (229 x 213 cm), das bis zu seinem Tod im Gästesalon seines Hauses in Vence hing, stellt ein ausdrückliches und quasi öffentliches Bekenntnis Chagalls zu Christus dar. Drei Männer mit den charakteristischen Gesichtszügen Chagalls wenden sich enthusiasmiert (griech.: en theo - in Gott sein) der Mitte zu, die ein von göttlichem Glanz erleuchtete Christus-Gestalt mit offenen Armen einnimmt. Als Zeichen seiner Hingabe streckt IHM der Bräutigam unten einen Blumenstrauß entgegen; in der oberen rechten Bildhälfte sieht man Chagall als Juden mit blauer Thorarolle, der umhüllt und erleuchtet ist von der Kawod des Ewigen, vom goldenen Glanz des auferstandenen Christus.

  In der dritten Person, einem Maler mit Palette und Pinseln, der sich, die linke Hand auf dem Herzen, tief zur Mitte hin verbeugt, offenbart Chagall dem Betrachter sein tiefstes Selbstverständnis, den Einklang von künstlerischem Wirken und Grund-Überzeugung, von „profession and confession“. 

   Ein Goldener Christus bildet den Mittelpunkt im Leben Marc Chagalls; dieser inneren Mitte huldigt er als Jude, Bräutigam und Maler.

1.  Identifizierung der eigenen Existenz mit dem Gekreuzigten

2. Huldigung, Verehrung des Gekreuzigten

3.  Der grün-goldene Christus, der Himmel

und Erde in sich vereinigt

  Der endlose Kreis - ohne Anfang und Ende, Ur-Symbol für unendliche Weite, bodenlose Tiefe und  das „Umgreifende“ (Karl Jaspers), für Ganzheit des Kosmos und der Psyche, für Einssein aller Gegensätze.

  Ein farbloser weißer Kreis - ein Symbol der Einen Göttlichen Wirklichkeit; die Grund-legende Wirklichkeit ist weder in Worte zu fassen noch durch Formen und Farben darzustellen; sie ist Leerheit.

  Goldkreis – Symbol für Sat-Chit-Ananda (Absolutes Sein – Reines Bewusstsein – Glückseligkeit) oder in neutestamentlicher  Sprache: ein Bild-Zeichen für das Pleroma, die Fülle Christi.

  Am 6. November 1984 - 5 Monate vor seinem Tod - vollendete Marc Chagall die drei Querhausfenster der St.-Stephans-Kirche in Mainz. Er war 97 Jahre alt.

  Blau - die Farbe der unendlichen Weite des Himmels und der unergründlichen Meerestiefen -  bildete schon den GRUNDton der sechs Fenster, die Chagall die Jahre zuvor seit 1977 in St. Stephan gestaltet hatte.

  „Spiegelbilder meiner Seele“ - so hat Chagall seine großen Kunstwerke bezeichnet. Am linken Bildrand des III. Gemäldes zum „Hohenlied Salomos“ ist er selbst zu sehen: als malender Künstler vor einer Staffelei, in der rechten Hand die Palette, die linke ruht auf seinem Herzen. Die inneren Bilder, die in sein Bewusstsein aufsteigen, werden auf der Leinwand umgesetzt in Farben und Formen.

  Sichtbar wird Chagalls persönliches Hohelied der Liebe, eine zärtlich-feurige Gottes- und Menschenliebe, symbolisiert durch eine rote GRUNDierung, und präsentiert in Bildmotiven des biblischen Gesanges und seiner eigenen individuellen Lebensgeschichte. 

  Der „Gesang der Gesänge“ wurde wohl deshalb in die hebräische Bibel aufgenommen und vom Christentum angesehen als „vom Geist Gottes inspiriert“, weil hinter seiner  Poesie von Verliebtheit und Enttäuschung, Liebesleid und Liebesglück, Trennung und Vereinigung, Leidenschaftlichkeit und Zärtlichkeit, die König Salomo und Sulamith besingen, eine größere Liebe, eine unausgesprochene All-Liebe gespürt wurde.

III.  Diaphanie des inwendig-jenseitigen Lichtglanzes

Farben der Liebe (BLAU und ROT)

  Nach seiner Großen Seinserfahrung, durch Zen-Künstler in dem Symbol eines leeren Kreises abgebildet (s. VIII: Leere - Fülle), ist der Hirte heimgekehrt auf den Markt, an seine konkreten komplexen Lebensorte. Er lebt und handelt nun in dem klarem Bewusstsein, dass kein Ding, kein Lebewesen, kein Gedanke, keine Handlung getrennt ist von dem Alles umfassenden und durchströmenden SEIN. Alles in ihm und um ihn ist Ort der Puren Präsenz. Zen-Meister nennen diese Lebensschau und LebensART: „Juwel im Schlamm“, „Lotus im Feuer“ oder „Licht im Staub“. Paulus von Tarsus hat nach seinem Damaskus-Erlebnis andere Worte gefunden: „Alles und in Allem: Christus“

(Kol 3,11).

Zusammenfassung der 10 Webseiten


Wege zum Wahren Selbst

10 Lebenserfahrungen


in Bildern der

Zen-Parabel „Der Ochs und sein Hirt“,

in Kunstwerken von Marc Chagall

und in artworks by H.Kopp-Delaney

Der Gesang der Gesänge  (1955-66)

Das Hohelied der Liebe

  Der  „Maler des Unsichtbaren“ hat seine Bild-Imaginationen immer wieder reflektiert:

  „Nach meiner Auffassung stellen diese Bilder nicht den Traum eines einzelnen Volkes dar, sondern den Traum der ganzen Menschheit ... wir sollten unser Leben, solange es dauert, mit unseren Farben der Liebe und Hoffnung ausmalen ... Vielleicht werden junge und ältere Menschen in dieses Haus (Biblisches Museum Nizza) kommen, um hier einem Ideal der Brüderlichkeit und Liebe nachzuspüren, wie es meine Farben und Linien erträumt haben.“

„In unserem Leben gibt es wie auf der Palette eines Malers nur eine einzige Farbe, die dem Leben und der Kunst Sinn verleiht, die Farbe der Liebe.“   „Gott ist die Liebe und man kann sich Gott nur nahen in Liebe.“   „In meinen Bildern habe ich meine Liebe verborgen ... In meinen Bildern habe ich meine Liebe gemalt.“


(Zitate aus Klaus Mayer: Ich habe die Bibel geträumt,  2009)

Transparenz für Transzendenz, für den Lichtglanz „Gottes“

Diaphane Glaskunst in St. Stephan Mainz

(1977 - 1984)

  Chagall war bescheiden und zugleich von „göttlichem Stolz“ erfüllt: Gesichter von Engeln tragen seine Physiognomie und fast unscheinbar hat er sich Selbst am Ende seines langen Lebens dargestellt in der unteren linken Ecke des nördlichen Querhausfensters. Der Psalmensänger und König David ist dort zu erkennen an Krone und Harfe. Diese nur vage angedeutete Gestalt ersetzt die übliche Signatur „ChAgAll“, mit der der Künstler alle anderen Farbfenster „unterschrieben“ hat. Gleichsam eingetaucht in das Meer der Unendlichkeit, die Großtaten Gottes lobpreisend, schaut Chagall zurück auf sein Kunstschaffen, auf die von ihm gemalten Chorfenster, auf die große Farbsymphonie seines Lebenswerkes.

  Durchlässigkeit für Transzendenz zu schaffen, Göttliche Essenz durchscheinen zu lassen - das ist Marc Chagall besonders eindrucksvoll in seinen blauen Farbfenstern von St. Stephan Mainz gelungen.

(vgl. http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Koenig_Dawid_%28Chagall%29.html)

  Auf den neuen Licht-Wänden, seinem künstlerisch-mystischen Testament, komponiert er nun eine wahre himmlische Farbsymphonie. Das Blau der Unendlichkeit, der „Himmel über, hinter und in allen Himmeln", ist jetzt nicht nur HinterGRUND von biblischen Gestalten (Adam und Eva, Noah, Abraham und Sara, Jakob und Rebekka, Mose, David und Batseba, Deborah, Jesus), sondern selbst Thema geworden.

  Chagall verzichtet auf figürliche Darstellungen; in 18 blauen Farbtönen, von denen 8 in der Glashütte neu entwickelt wurden, erschafft Chagall in seinem letzten großen Lebenswerk ein Abbild des Himmels selbst, ein „gläsernes Meer, gleich Kristall“, mit dem die Neue Stadt Gottes im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, verglichen wird (4,6; 15,2; 21,18), und der Betrachter gewinnt eine Ahnung von dem unergründbaren und zugleich durchscheinenden göttlichen Geheimnis: Gott, der „Alles in Allem" ist (1 Kor 15,28).

Ein geheimnisvolles Selbstportai im Fenster unten linkst: Chagall als Harfe spielender König David

Marc Chagall an seinem 96. Geburtstag

Die Gottesschau des Mose


„Und Mose und siebzig der Ältesten Israels stiegen hinauf auf den Berg Sinai und sie sahen den Gott Israels. Der Grund unter seinen Füßen war wie mit Saphir ausgelegt und glänzte hell wie der Himmel selbst.“ 

(2 Mose 24,10)

  Die Transparenz der Glasmalerei ist der „Licht- und Farbpoesie" Chagalls besonders angemessen.  Denn sein Anliegen war es schon frühzeitig, „eine vierte, fünfte, eine psychische Dimension" aufleuchten zu lassen, „als Wirklichkeit hinter oder unter der äußeren Realität."

„Farbfenster haben ganz einfache Bedingungen: Materie und Licht. Für eine Kathedrale wie für eine Synagoge gilt dasselbe Phänomen: etwas Mystisches durchdringt das Fenster. Für mich stellt ein Kirchenfenster die durchsichtige Trennwand zwischen meinem Herzen und dem Herzen der Welt dar." (Chagall 1979)

Eine Vision des Johannes im Buch der Offenbarung:

„Dann sah ich etwas, das einem gläsernen Meer glich und mit Feuer durchsetzt war ... Die Sieger ... standen auf dem gläsernen Meer und spielten die Harfen Gottes. Sie sangen das Lied des Mose und des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Gott.“

(Offg 15,2f)

III.  Bild

Aufleuchten des Inneren Lichtes

V.  Bild

Fließende Balance zwischen Wahrem Selbst und Ego-Kräften, Stärkung des Erfahrungs-Glaubens an die ungeteilte Göttliche Essenz

X.  Bild

All-Liebe

  Ähnlich wie der Hirte der Zen-Parabel und viele „Erleuchtete“ der Menschheit ist Marc Chagall den Weg auf der Suche nach dem Wahren Selbst bis zur Vollendung gegangen:

  beheimatet im Absoluten GRUND, nach und in großen Leid-Erfahrungen geklärt und erleuchtet, und bis an sein Lebensende „durchkitzelt von Freude“ (Meister Eckhart) und Liebe.

Christus-Ikone im Lichtkreis des Ewigen

II.  Bild

Lichtspuren, Heilige Worte, ein Glitzern der Herrlichkeit

IV.  Bild

Klärung des getrübten Geistes und Besänftigung von destruktiven Neigungen

IX.  Bild

Die Eine Wirklichkeit als Symphonie und Tanz „Gottes“, als vielfarbige Christophanie

Marc Chagalls „Gesang der Gesänge“ V

I.  Bild

Immer schon beheimatet im Haus des Seins, im Göttlichen Pleroma; aber dem Wahren Wesen entfremdet

  Was der Bettlerphilosoph Diogenes durch Irritation anstrebte, suchte Sokrates (469-399 v.Chr.) mit Hilfe von Aporie und Mäeutik zu erreichen. Seine Gesprächspartner auf dem Markt von Athen führte er in eine intellektuelle Ausweglosigkeit (Aporie); ihr Schein-Wissen wurde entlarvt und sie mussten ihr Nicht-Wissen eingestehen. Sokrates ging aus von der Theorie der Anamnesis, von der Überzeugung, dass in jedem Menschen ein vorgeburtliches Wissen von der Wahren Natur des Menschen besteht, das durch Hebammenkunst (Mäeutik) wieder ins Bewusstsein gehoben werden kann.


  Nach einem dreißigjährigen Leben in Verborgenheit ging auch Jesus auf den Markt, auf die öffentlichen Plätze. Durch ihn, „das Licht der Welt“ (Joh 8,12), das „Licht zur Erleuchtung der Völker“ (Luk 2,32), „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh 1,9) ließen sich viele, die in Finsternis und Blindheit lebten, erleuchten. Nach ihrem Erwachen beteten sie den altbekanntan Psalmvers 36,10 in einem neuen Bewusstsein: „In Deinem Licht sehen wir das Licht.“ Und in seiner Nachfolge begriffen sie immer tiefer das Wort Jesu „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matth 5,14).

I. Gottheiten als Schaubilder eigener Kräfte imaginieren:

      Grüne Tara, Guanyin, Christus in mir

     1.  Heilendes Wirken Jesu imaginieren

           (Heilung des Blinden Bartimäus) 

VI.  Bild

Heitere Heimkehr: Alles ist erfüllt vom Glanz, Klang, Geschmack und Duft der Unendlichkeit

VII.  Bild

Ich-vergessenes und lobpreisendes Leben im Haus des Seins, der Einen Wirklichkeit

VIII.  Bild

Große Seinserfahrung, Erleuchtung, Erwachen, Pure Präsenz, Satchitananda (Klares Sein, Bewusstheit, Glückseligkeit)

  An dem Sprachbild von „Welle und Meer“ (vgl. W. Jäger: Die Welle ist das Meer) ist mir klar geworden, dass ich lange Zeit eine überzogene westliche Vorstellung von der einmaligen Individualität des Menschen übernommen habe. Danach ist jeder Mensch (und auch G-O-T-T oder Christus) primär Person, unverwechselbar, monadenhaft abgegrenzt von anderen Lebewesen. Und diese Individualität muss errungen werden, das Individuum ist gefordert, ein eigenes Gesicht, eine eigene Gestalt zu entwickeln – nicht nur körperlich, sondern auch charaktermäßig und geistig (was besonders vor der Lebensmitte sinnvoll und notwendig ist). Der Gedanke, dass die Übereinstimmung mit anderen Menschen (und allem Seienden) größer sein könnte als die Unterschiede, ja dass „im Grunde“ eine essentielle Gleichheit besteht, wird im geistigen Klima des Westens zurückgedrängt – aus Stolz, Narzismus, ängstlicher Selbstbehauptung. Eine gewisse Ironie besteht darin, dass man nicht bemerkt, dass man die Hauptrolle in „Des Kaisers neue Kleider“ spielt. Die mühsam errungenen oder auch hochstaplerisch vorgetäuschten Identitäts-Attribute (Beruf, Sportlichkeit, Intelligenz, sozialer Stand, Status-Symbole, Titel etc.) erweisen sich letztlich als „Maya“, als Schleier, als Ver-Kleidungen, die aber die „Grund“-sätzliche Nacktheit nicht verhüllen können.

  Über der konkreten Form der Meeres-Welle, ihren Eigenschaften und Eigenheiten, ihrer Färbung, ihrer Größe, ihren örtlichen und zeitlichen Charakteristika (äußere Erscheinung) wird vergessen, dass sie wesentlich, „im Grunde“ aus Wasser besteht, dass sie „Meer“ (wahres Wesen, Wahres Selbst) ist. „Die Welle ist das Meer.“

  Je klarer seine Einsicht wird, umso bewusster wird ihm die Oberflächlichkeit und Enge seines bisherigen Selbst- und Weltbildes, umso betroffener durchschaut er falsche Identifikationen, desto eindeutiger transformiert und integriert er fragwürdige Gottes- und Christus-Bilder (wie z.Bsp. ein paternalistisches überweltliches Gegenüber), umso vertrauensvoller überlässt er sich dem ständigen Wandel im Pleroma Christi und desto mutiger lebt er in dem Glauben: „Ich lebe in Christus und Christus lebt in mir“ oder in der Sprache der Upanishaden „aham brahma asmi“ (Ich bin Brahma).

  Das gewonnene Christus-Bewusstsein durchtönt und durchfärbt nun jeden Gedanken und jede Handlung. Es kann sich aber abschwächen oder sogar sporadisch subjektiv verloren gehen. Deshalb muss es ständig er-innert und trainiert werden.

  Das „In-Gott-Sein“ im grundlosen GRUND hat er gefunden und findet es immer neu in meditativer Versenkung UND in allem, was er wahrnimmt und tut. „Entscheidend ist das UND. Kontemplativ leben UND engagiert handeln“  sind in fließender Balance.

(s. das gleichnamige Buch von Richard Rohr, München 2012).

                            2.  Die Grüne Tara visualisieren:

                                  in sich Selbst ruhen und zugleich

                                  handlungsbereit sein


  Tantrische Traditionen des Buddhismus verehren männliche und weibliche Gottheiten, die verstanden werden als Manifestationen des erwachten Buddha-Geistes (oder auf das Christentum übertragen: des erleuchteten Christus-Geistes), den wir alle in uns tragen und enthüllen können. Sie sind innere Schaubilder unserer eigenen Weisheit, Liebe und Kraft. Durch Visualisierung und Imaginierung dieser Gottheiten können wir unsere göttliche Essenz in bestimmten Facetten tiefer wahrnehmen und aktivieren.


   Die Grüne Tara - „Befreierin“ oder „Leitstern“ - verkörpert Weisheit und aktives allumfassendes Mitgefühl und lässt die acht Arten der Angst oder Leidenschaften (Stolz, Verblendung, Zorn, Eifersucht, irrige Ansichten, Geiz, Begierde, Zweifel) durchschauen und umarmen. Sie steht für tiefe Einsicht und geschicktes, mitfühlendes Handeln, Furchtlosigkeit, Großzügigkeit und die Erfüllung aller Wünsche. Sie ist eine wahrhaft „Erleuchtete", deren Ziel es ist, anderen den Weg zur Erleuchtung zu weisen.

  In Darstellungen sitzt die „grüne Tara" meist auf einer Lotusblüte. Sie hat das rechte Bein ausgestreckt, um ihre Bereitschaft, prompt zu handeln, deutlich zu machen. Eine ruhende Meditationshaltung zeigt das linke Bein an. Die rechte offene Hand formt die Geste der Freigebigkeit und Wunschgewährung, die linke liegt meist auf ihrem Herzen und soll Zuflucht und Schutz vermitteln.

  So ist die Grüne Tara ein göttlicher Ausdruck der/s Erleuchteten auf dem Markt. Sie/er ist ganz bei sich Selbst und zugleich hellwach und handlungsbereit.


  Wenn Sie die Grüne Tara (oder den Grünenden Christus) innerlich visualisieren, haben Sie zunächst die äußere Gestalt vor ihrem inneren Auge. Zunehmend begeben Sie sich mental in diesen körperlichen Ausdruck von tiefem Schauen, allumfassendem Mitgefühl, Freigebigkeit, Furchtlosigkeit und aktivem Handeln hinein. Sie sind Tara, Leitstern und Befreierin. Sie tragen diese göttlichen Eigenschaften schon immer in sich.

  Um Ihr Bewusstsein in Tara zu verwandeln, visualisieren Sie in sich grünes Licht. Entwickeln Sie die bildhafte Vorstellung, dass sich in ihrem Leib ein grüner Lichtkörper befindet, der rein und klar ausstrahlt auf ihre gewohnte Umgebung, auf vertraute Menschen und schließlich in unbegrenzte Weite.

Bleiben Sie in diesem dynamischen Bild, solange Sie mögen.


(In dem von Sylvia Wetzel herausgegebenen Buch „Lama Thubten Yeshe: Die Grüne Tara, Weibliche Weisheit, Diamant Verlag München 2006“ finden Sie konkrete Anleitungen zur Visualisierung)

„Entprivatisierte“ Liebe 


Widerstand gegen

zerstörerische gesellschaftliche Strukturen



  Tiefes Mitgefühl und die Analyse der Ursachen von individuellem und besonders von kollektivem Leiden führen zu „entprivatisierter Liebe“ (JB Metz), zum Widerstand gegen die Ökonomisierung des Lebens (Mensch als Ware), gegen Entsolidarisierung (Ellbogengesellschaft) und Ausbeutung und Zerstörung der Erde. Das Verlangen nach existentieller Befreiung verbindet sich mit dem Engagement für eine humane, gewaltfreie und soziale Lebensordnung sowie den Schutz der natürlichen Lebensumwelt. Der Hindu Mahatma Gandhi und der Christ Martin Luther King bleiben leuchtende Beispiele für eine politische Mystik (D. Sölle: Mystik und Widerstand, Hamburg 1997). Sie haben sich auf den globalen Markt der Menschheit begeben.

   Chagalls Lebensfreude, seine Kreativität, sein Grundvertrauen in die All-Gegenwärtigkeit des Ewigen wurzelten im jüdischen Chassidismus. Seine Eltern und Vorfahren waren Anhänger dieser spirituellen Bewegung. Die Chassidim, abgeleitet von Chesed (Güte, Gnade), verstanden ihre kärglichen, „arm-seligen“ Existenzbedingungen als Ort der Einwohnung der Schechina, der Herrlichkeit Gottes, die dem Sehenden aus allen Ritzen und Winkeln hervorleuchtet.

1942 Kreuzigung in Gelb

1972 Vision des Jakob

Der Gekreuzigte:

Marc Chagall / Jesus Christus

  Eines der bekanntesten und am häufigsten kommentierten Jesus-Bilder Chagalls ist wohl „Die weiße Kreuzigung“ von 1938

  Inmitten von Judenverfolgungs- und Flucht-Szenen erblickt man die Gestalt des Gekreuzigten. Als Lendenschurz trägt er einen jüdischen Gebetsschal, die herkömmliche Inschrift INRI ist in einer zweiten Zeile in hebräischer Schrift voll ausgeschrieben. Chagall stellt Jesus hier wie auf späteren Kreuzigungsbildern als den leidenden Gottesknecht dar (vgl. Jesaja 53: „Er wurde verachtet, ein Mann der Schmerzen. Unsere Krankheiten hat er getragen.  Durch seine Wunden sind wir geheilt. Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht.“)  Für Chagall ist der gekreuzigte Jesus der exemplarische jüdische Martyrer.

  Das dem Christentum entnommene Bild-Zeichen des Heiligenscheins und die brennende Menora zu Füßen des Gekreuzigten deuten auf eine große Verehrung durch den Künstler hin. Chagall stellte damit ein eigenes Jesus-Bild vor, für viele Christen eine provokative Erinnerung an den Juden Jesus, für viele Juden eine anstößige, „christlich gefärbte“ Jesus-Rezeption, die der jüdisch-orthodoxen Lehrmeinung nicht entsprach.

1942 Der gekreuzigte Maler

1944 Trauer um Bella,

seine geliebten Frau

1952 Huldigung

unter dem Kreuz

1958 Die roten Dächer

Jakobs / Chagalls  Traum von dem Gekreuzigten in Witebsk

1954 Die Roten Dächer

1970 Grüner Christus

(Fraumünster Zürich)

1957 Christus in der Pendeluhr - Ein Traum Jakobs / Chagalls

1972 Das Dorf

Christus, Roter Ochse und Madonna (1950)

  Marc Chagalls „Hochgesang auf die Liebe“ scheint mir noch tranparenter auf diese göttliche Dimension zu sein als das alttestamentliche „Lied der Lieder“. Das Farb-Spiel der Erscheinungswelt (Hoch-Zeit, Tod und Trauer; Liebespaare und Blütenbäume; Musikanten, Tänzerinnen und Flüchtlinge; Er-Innerungen an Heilige Orte - Witebsk, Saint Paul de Vence, Jerusalem -, König Salomo und seine Geliebte Sulamith) ist eingebettet in das Rot der Ewigen Liebe und erleuchtet von dem Lichtkreis des Ewigen, der vielfarbig ausstrahlt. Jedes Bildelement manifestiert das Ganze. Alle fünf Farb-Gesänge Chagalls spiegeln die mystische Erkenntnis: In jedem Phänomen ist das Ganze präsent, in jedem Seienden das Sein, „ubique Christus totus“ (Wilhelm von Thierry). Und das alte Zen-Wort „Unendliche Weite - nichts von heilig!“ könnte man so variieren: „Unendliche Weite und Liebe - alles heilig!“

  Marc Chagall verstand sich als Bote dieser All-Liebe. In singenden Farben hat er die Grund-legende Message Biblique „Gott ist Liebe“ offenbar gemacht und das ursprüngliche Wissen davon in vielen Betrachtern geweckt. Wie der Hirte in der Zen-Parabel hat er den „Ochsen“, eine Metapher für Sinnlichkeit und Lebensfreude, in seine Wesensschau integriert und auf dem „Markt der Künste“ diese immer und überall präsente Liebe aufscheinen lassen.

  Sein Großes Erwachen 1917 hat Chagall als Einbruch oder Durchlass des Göttlichen in der Gestalt eines geflügelten Wesens beschrieben (Die Erscheinung -http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Jakobs_Traum_%28Chagall%29.html). Seitdem durchschweben Engel seine Gemälde (s. meine Webseite „Jakobs Traum“). Sie sind Chiffren für den Bildlosen Gott und Boten seiner Selbst-Offenbarung. Wie die tibetischen Gottheiten „Grüne Tara“, „Avalokiteshvar“ u.a. sind sie Archetypen der menschlichen  Wesensgestalt, des Wahren Selbst.

  Die Lithographie kurz vor seinem Tod im Alter von 97 Jahren, auf der er sich Selbst als malenden Engel vor seiner Staffelei darstellte, kommentierte Chagall (laut Christoph Goldmann) so: „Ich bin ein Engel. Ich bin ein Bote göttlicher Offenbarungen. Der Kirchenvater Augustinus hätte gesagt: „Ich bin Christus“, und nach seiner Erleuchtung würde ein Buddhist sagen: „Ich bin Buddha.“

Christus-Ikone

oder Selbst-Portrait Marc ChAgAlls

Im Lichtkreis des Ewigen ?

Einheit

von Selbst-, Gottes- und Nächstenliebe,

von Mystik und Barmherzigkeit, von

Kontemplation und Aktion


  Die Einkehr in Inneres Gebet, ungegenständliche Kontemplation oder Zazen führt nicht in eine egozentrische Bauchnabelschau oder eine mystifizierende Weltflucht, sondern immer wahrhaftiger und friedvoller in die komplexe Alltags-Wirklichkeit und in eine aktive Zuwendung zu den Mitmenschen. Eine Erleuchtungserfahrung überschreitet alle Grenzen und Barrieren, die mich von ihnen und der Außenwelt trennten. Jede „GRUND“-Erfahrung führt zurück an die Oberfläche der Erscheinungen, jede Advaita-Erfahrung zurück in die Vielfalt und jedes Tabor-Erlebnis hinab in die „Niederungen des Seins“, aber verbunden mit dem Wissen, dass das konkrete Sosein diese Eine Wirklichkeit ist, und sensibilisiert für die Schmerzen und Leiden aller Lebewesen.

Wahrhaftige Selbsterkenntnis und wirksames Heilen

„Verwundete Heiler“


  Echtes Mitgefühl und uneigennützige Barmherzigkeit, gelebte Solidarität und wahre Liebe gegenüber dem konkreten Menschen vor mir sind selbstverständliche Haltungen und Verhaltensweisen eines gereiften engagierten Buddhisten oder kontemplativen Christen. Er hat auch die eigenen Verwundungen nicht verdrängt oder kompensiert, sondern angeschaut, schmerzvoll durchlebt und angenommen. Nachahmenswert sind da berühmte „verwundete Helfer“: Jesus, Franz von Assisi oder Ramakrishna.

  Wahrhaftige Selbsterkenntnis, ein gereinigtes Herz voller Hingabe und ein klarer Kopf sind unbedingte Voraussetzungen für ein wirksames therapeutisches Handeln. Wenn die eigene Leidensgeschichte, ihre Entwicklungsphasen, die sozialen und kulturellen Hintergründe (vgl. Stufe IV: Reines Herz) nicht klar durchschaut worden sind,  gerät der Buddhist oder Christ, der entschlossen kontemplative LebensART übt, erneut in die Falle der Selbsttäuschung, des unbewussten Aufbaus neuer spirituell-ideologischer Ego-Strukturen, aus deren Gefängnis er (hoffentlich!) irgendwann wieder erwacht.

Marc Chagalls Schau seines eigenen Lebens (La vie 1962)

  Eine ausführliche Deutung des Gemäldes „Das Dorf“ finden Sie auf meiner Webseite „Der Gekreuzigte“ (http://www.adolf.frahling.de/Web-Site/Der_Gekreuzigte_%28Chagall%29.html).  Dass Chagall in dem „Grünen Christus“ ein Symbol der Ganzheit schuf, das grundlegende Lebenspolaritäten zusammenfügte, Leiden und Überwindung, Sterben und Auferstehen,  Grünkraft der Natur und Geschichte der Menschen, Erniedrigung und Erhöhung, Leere und Lebensfülle, wird auf meinen Webseiten „Grünender Christus“ und „Grüner Christus“ entfaltet.

  Marc Chagall war zutiefst geprägt durch das jüdische Gebot, von Gott kein Bild herzustellen. Sein Bewusstsein von der All-Gegenwärtigkeit des Ewigen war aber so stark, die Bilder seiner Seele so bedrängend, dass er diese im Grunde nicht darstellbare immanente Transzendenz in Linien und Farben ausdrücken musste. „Die andere Wirklichkeit, Überwirklichkeit, ist mir realer als die sichtbare.“

(K. Mayer: Ich habe die Bibel geträumt, S. 9)



  Der jüdischen Wort-Tradition entnahm er zwei Ausdrucksmittel: „Engel“ und den Gottesnamen JHWH, den er häufig auf die Chiffre eines Doppel-Jod verkürzte. Der weiße Lichtkreis, der wie kein anderes Symbol die Unfassbarkeit und zugleich die strahlende Herrlichkeit des göttlichen Mysteriums evident macht, wurde Chagalls bevorzugtes Bild-Zeichen für Transzendenz.


  Dass dem Betrachter das „mysterium fascinosum“ aus vielen Gemälden und zumal aus den Glaswänden Chagalls durchscheint, hat auch zu tun mit der Mehrschichtigkeit seiner Farbgebung.

Durch Auftragen weiterer farb-ähnlicher Schichten auf die GRUND-Tönung („Rot“ der fünf Gemälde im „Hohenlied der Liebe“; „Blau“ der Glasfenster in Mainz) und Abschaben von Farbe bis auf den weißen Bildgrund wird die Mehrdimensionalität und Hintergründigkeit des Dargestellten offensichtlich. Im Angesicht solcher Kunstwerke geht dem Betrachter auf, dass durch die figürliche Oberfläche der vielfarbigen Wirklichkeit die Eine Präsens, das Wahre Licht aufleuchtet.

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Ich bin dein Hirte,

nichts fehlt dir.

Ich lasse dich ruhen am Wasser des Lebens,

ich erquicke deine Seele.

Musst du auch wandern in finsterer Schlucht,

du fürchtest kein Unheil, denn ich bin bei dir.

Ich decke dir reich den Tisch,

und übervoll ist dein Becher.

Und wohnen darfst du im Hause des Herrn

alle Tage deines Lebens.


Vermutlich verkürzen Sie Ihr Mantra-Gebet bald auf einen ausgewählten Vers oder ein Wort.

Illustrationen: Kees de Kort