Gott: "Ein ich-weiß-nicht-was, das bleibt" (42. Gesang)

Weg von einem supraterrestrischen "Gott"

hin zu einem diesseitigen, solidarischen und universalen Gott

Kosmischer Gesang  IV

Grundzüge von Cardenals kosmischer Poesie:

Universalität, Diesseitgkeit und Solidarität

2.  Solidarität

1.  Diesseitgkeit

  Auch für ihn, den Poeten, kontemplativen Mönch, Theologen, Priester, Revolutonär und zwischenzeitlichen Kulturminister wurden die Fragen nach dem Sinn des Ganzen immer brisanter, je mehr er sich in die Forschungen von Astrophysikern. vertiefte.

  Hat die Ausdehnung des Universums irgendwo ein Ende? Versinkt der gesamte Kosmos irgendwann im Nichts? Stirbt letzten Endes doch alles den universalen Kältetod?

  Und: Ist damit alle Hoffnung auf ein ewiges Leben, auf eine Neue Erde, auf eine Vollendung des Kosmos ad absurdum geführt?

  Und: Was kann und darf ich noch glauben angesichts dieser postmodernen astrophysikalischen Erkenntnisse? Ist die Rede von „Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat“ nicht als ein vormodernes oder sogar irrationales Gedankengebilde zu bewerten und ad acta zu legen?

  Angesichts der Leere des Weltenraums und der „Entgötterung des Himmels“ durch Weltraunfahrt und Astrophysik hielt Ernesto Cardenal es für „völlig vernünftig, Atheist zu sein“. (479)

Schedelsche Weltchronik 1493 

Lutherbibel von 1534                                                      Hubble - Teleskop im Orbit um die Erde

   Am 4. Okt. 1957 schießt die Sowjetunion den ersten künstlichen Satelliten - Sputnik I - in den Weltenraum. Ein Monat später folgt Sputnik II, mit einer Hündin namens Laika an Bord -  im sog. "Kalten Krieg" ein Schock für den westlichen Machtblock, für uns Pennäler auf dem Schulhof des Paulinum in Münster Anlass, hitzig über Schwerkraft und eine mögliche Abschaffung Gottes zu diskutieren. Und als "der erste Mensch im All" Juri Gagarin am 12. April 1961 aus der Thermosspäre ca. 200 km über der Erde nach einer Erdumkreisung zurückkehrt, äußert er den berühmten (und ziemlich naiven) Satz: "Einen Gott habe ich nicht gesehen!"

  Mehr als eine halbe Milliarde Menschen sind in der Nacht zum 21. Juli 1969 wach geblieben, um die erste Mondlandung live im Fernsehen zu erleben. Schließlich klettert Neil Armstrong die Leiter von Apollo 11 hinunter, setzt einen Fuß auf den pulvrigen Boden des Mondes und verkündet: "That's one small step for a man, one giant leap for mankind."

"Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit".

  Seit 1972 sind alle Planeten des inneren Sonnensystems (Merkur, Venus, Mars, Erde) und alle äußeren Planeten (Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun) durch Raumsonden besucht oder im Vorbeiflug erkundet worden. Das Schaubild berücksichtigt nur die Größenverhälnisse, aber natürlich nicht die immensen Entfernungen zwischen ihnen und der SONNE. Außerdem kreisen die Planeten in sehr unterschiedlichen horizontalen und vertikalen elliptischen Bahnen um ihr Zentrum.

SONNE        Merkur     Venus     Erde    Mars            Jupiter              Saturn           Uranus     Neptun       Pluto                

  Inzwischen haben zwei Raumsonden - Voyager 1 und 2 - die Heliossphäre überwunden und sind in den interstellaren Raum eingetreten. Beide haben sich inzwischen über 20 Milliarden km von ihrer Abschussrampe in Cape Canaveral entfernt und senden immer noch Funksignale.

    War es wirklich ein „gigantischer Sprung  der Menschheit" ins Universum, wie Neil Armstrong die erste Mondlandung 1969 bezeichnete? Gegenüber den unvorstellbaren interstellaren Weiten, die uns das Hubble-Teleskop aufgetan hat, sind die Reisen von Voyager, Apollo, Vega,  Explorer, Pioneer, Gaia u.a. zu Planeten unseres Sonnensystems und darüber hinaus  höchstens "Katzensprünge"!


  Seit 1990 umkreist das Weltraumteleskop „Hubble“ unsern Planeten außerhalb der Erdatmospäre, die den Blick in die Unendlichkeit bisher verzerrte  Atemberaubende Bilder und bahnbrechende Entdeckungen verdanken wir diesem Wunderwerk der Technik. Es hat die Ausdehnung und das Alter des Universums ermittelt, die Geburt und den Tod von Supernovae und die Existenz von „Schwarzen Löchern“ entdeckt ,und eine geheimnisvolle Kraft, die die Experten „Dunkle Energie“ nennen, aus der 70 % des Universums besteht.

   Ebenso wie dem "Wanderer am Weltenrand", der zu Beginn der Neuzeit das vermeintlich feste Firmament und das geschlossene kopernikanische Weltbild durchbrach, wird auch dem heutigen Astronomen schwindelig, wenn er sich per Hubble in die Tiefen des Universums hieinwagt. Mit der Zunahme neuer Einblicke wächst auch die Anzahl unbeantworteter Fragen, die sich aus den neuen astrononmisch-physikalischen Fakten ergeben, und die fließend in den Bereich von Philosophie und Religion übergehen.

  Was war vor dem Big Bang? Gibt es einen "Weltenrand"? Ist das Universum irgendwo zu Ende? Wo ist die Grenze? Ist unser Universum eventuell nur ein Miniversum in einem gigantischen Pluriversum? Welche Kraft hält das Universum zusammen und lässt es expandieren?

  Das Universum erweist sich als das größte Mysterium, seitdem sich aus Sternenstaub eine zweibeinige Spezies mit ca. 1400 Gramm Gehirn entwickelte.

Hineinschauen in unendliche Weltenräume

und Konsequenzen für eine heutige christliche Theologie und Spiritualität

   Und im ersten Band seiner Erinnerungen "Verlorenes Leben" S. 164 schreibt Cardenal:

"Am  Ende lehrte er (der TrappistenmönchThomas Merton) mich, so zu sein wie er, für den das spirituelle Leben nie getrennt war von irgendeinem, anderen menschlichen Interesse. Was Merton mir zeigte, und was ich in der klassischen Mystik nicht hätte lernen können, war, dass mein Leben das einzige spirituelle Leben war, das ich haben konnte."

   Ebenfalls 2007 entdeckten Astronomen ein riesiges Loch im Universum: Mitten im Sternbild Eridanus  (ca. 10,7 Lichtjahre von uns entfernt) erstreckt sich ein Gebiet mit einem Durchmesser von etwa einer Milliarde Lichtjahren, in dem es weder normale Materie wie Galaxien, Sterne oder Gas und auch nicht die bisher noch rätselhafte Dunkle Materie gibt.


  (Um eine winzige Ahnung von disem riesigen Durchmeeser zu bekommen, ein noch relativ anschaulicher Vergleich: Der Mond ist ca. 1 Lichtsekunfe (= 300.000 km) von unserer Erde entfernt.)


  Ein riesiges Areal ohne Materie? Ein Nichts, das aber existiert? Immer schwierigere Fragen tun sich den Naturwissenschaftlern auf, die sie in Verwunderung, Ratlosigkeit,  ja bis in die sokratische Erkenntnis führen: 

   In ihrem Nachwort zu den „Südamerikanischen Psalmen“ hat Dorothee Sölle auf drei Merkmale der Poesie Cardenals hingewiesen, die auch charakteristisch sind für seine zwanzig Jahre später erschienenen „Gesänge des Universums“: DIESSEITIGKEIT - SOLIDARITÄT - UNIVERSALITÄT.

Schon als Kind lebte E. Cardenal in Nachbarschaft zu berühmten nicaraguanischen Dichtern (Rubén Dario, Alfonso Cortés, Lino Arguello). Unter ihrem Einfluss „hatte ich Gedichte gemacht, bevor ich lesen und schreiben lernte“ (Erinnerungen I 336). Jugendliche Liebesgedichte und folgende Epigramme auf Kosmos und konkreten Alltag bescherten ihm schon früh den Ruf eines Dichters. Seine „Salmos“, Aktualisierungen von biblischen Klage- und Lobpsalmen, während seines Theologiestudiums in Kolumbien entstanden und 1964 veröffentlicht, wurden zum Bestseller in Lateinamerika und später in Deutschland („Zerschneide den Stacheldraht“ - 1967). Vor allem gesellschaftskritische junge Katholiken zählten zu den Lesern.

   Gleichwohl blieb er ein Gott-Gläubiger. Hatte sich für ihn - durch den Austausch mit Thomas Merton - schon der Blick auf den Wert indigener Kulturen und Religionen geöffnet, so öffnete er sich auch für die Fragen und Erkenntnisse der modernen Astrophysik. So wuchs aus den Wurzeln einer vorkonziliaren Frömmigkeit eine Weltsicht, die Physik und Politik nicht ausschloss, sondern integrierte. Durch seine Rezeption der modernen Theologie vor und nach dem II. Vat. Konzil (Romano Guardini, Teilhard de Chardin, Karl Rahner, Edward Schillebeecks, JB Metz ...)  gewann er eine postmoderne panentheistische Vision unserer kosmischen Wirklichkeit.

Von einem über-irdischen „Gott“ ....

..... zu einem geerdeten Himmel

     Nicht nur der griechisch-antike Himmel ist entgöttert worden, durch den jüdischen Monotheismus, durch die "Aufklärung" usw. Auch ein über den Wolken thronender christlicher Vater-Gott, der mit seinem Gefolge über dem Kosmos thront, der die Geschicke auf Erden im Auge hat und der am „Jüngsten Tag“ die Guten in die himmlischen Wohnunmgen aufnimmt und die Bösen in einen unterirdischen Höllenschlund verdammt, erschien immer mehr als mythologisches Relikt.

"Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Bestimmte Leitwörter von Astronomen klingen wie Aussagen klassischer Mystiker: „Dunkelheit“, „Schwarze Löcher, NICHTS ....“. Ernesto Cardenal  kommentiert: „Heute reden die Physiker wie die Mystiker.“ 48

   Und so vollzog auch Ernesto Cardenal die Wende von einem oberirdisch-jenseitigen zu einem inwendig-jenseitigen „Gott“. Endgültig in seinem „Goßen Mystischen Erlebnis“ und im anschließenden Noviziat (siehe die folgende Webseite!) löste er sich von dem dualistischen Missverständnis, als sei die göttliche von der irdischen Wirklichkeit getrennt. Die ihn umgebende Natur hatte Cardenal immer schon mit den Augen eines verliebten Poeten angeschaut. Ihre Schönheit bewunderte er „von Kindesbeinen an“ und so entdeckte er in ihr "Initialen und Liebesbriefe Gottes". Weil dieses grundlegende Lebensgefühl alle damals im Christentum üblichen Abwertungen der irdischen Wirlklichkeit überwuchs (das menschliche Leben ist ein Exil, das Leben auf der Erde eine Verbannung wegen des Sündenfalls der ersten Menschen), musste er nicht wie Mose nach der Gottesoffenbarung auf dem Berg Sinai die Götzenstatuen seines Volkes zertrümmern. Offensichtlich war das Mysterium, das wir "Gott" nennen, Ernesto Cardenal immer nahe und gegenwärtig, und der Himmel war immer schon geerdet.

„Der Himmel ist hier auf Erden,“ (Kosmischer Gesang 50)

134: „Die Welt ist ganz voll von Schönheit,

doch ist keine Schönheit schöner als die menschliche...

und so sind wir dein (?!) Widerschein.“

307: „Man kann am Sinn und Zweck des Universums zweifeln,

doch nicht an seiner Schönheit.“

135: „Wasser, Himmel, Inseln und

    ein Boot an einer Insel,

das ist die Landschaft.

Doch das Wasser ist ein Spiegel, der

Boot und Insel und Himmel spiegelt...

Und ich denke, ob diese Landschaft ihrerseits

nicht auch ein großer Spiegel ist,

in dem Gott sich spiegelt.

    Nicaragua-See, mein Sakrament.“

259: „Die Sterne, mit unserer Erde voll von menschlichen Wesen, die sich lieben,

und mit all den anderen liebenden Welten,

    das ist der Himmel,,

    das ist das Himmelreich.“

    2007 wurde die bisher geltende Hypothese widerlegt, dass sich das Universum seit etwa 5 Milliarden Lichtjahren wieder zusammenziehe. Ganz im Gegenteil! Zwei Teams der NASA kamen bei der Auswertung der Daten zu demselben Ergebnis: Das Weltall expandiert nach wie vor seit dem „Big Bang“ und überraschender Weise immer schneller.

  58: "Die Materie in dauerndem Tanz...

Was ist ihr Daseinsgrund?

Wie wurde sie geschaffen?

    Und wir, warum sind wir hier?"


91: "Die Sonne und ihre Kinder, die Planeten.

Die Planeten und ihre Nachkommenschaft, die Monde.

Sämtliche kreisend um die Sonne ...

Die derzeit achtundfünfzig Monde kreisen um ihre Achsen

    und um ihre Planeten..

Und die Planeten um ihre Achsen und um die Sonne.

    und die Sonne kreist um ihre Achse

und mit allen ihren Planeten und Monden in der Galaxie

den  Konstellationen von Herkules und der Leier zu.

Und die Galaxie kreist mit anderen Galaxien

und Alles kreist um was oder wen?"

  "Das Typische unseres Universums ist schwarzer, leerer Raum.

Und wenn das Zentrum unserer Galaxie ein schwarzes Loch ist ...

wie hundert Millionen Sonnen, die gleichzeitig versinken

in einem Kreis, so klein wie der Durchmesser der Erde

oder eines Tennisballs oder eines Sandkorns,

oder kleiner, noch kleiner.

Ist das für dich in deinem täglichen Leben ein absurdes Universum?

Gibt es noch jemanden hinter der stillen Leere,

der das kleine Husten einer kleinen Kehle hört in der Nacht?" 215


104: "Diese meine epische Astrophysik hat nur einen einzigen Sinn:

Zu verkünden, dass das Universum einen Sinn hat.

Bewusstsein, das sich langsam Äonen hindurch formt.

Für WAS? Für WEN?"

315: „Die unglaubliche Verbundenheit aller Dinge...

Die Solidarität aller Dinge, sagte Teilhard.

Jeder einzelne von uns Teil der großen Symbiose.

Alle miteinander verbunden .“


402: „Wir wissen noch nicht, was wir sind....

Wir sind nicht wir selbst, bis wir himmlisch sind...

Wir werden alle errettet oder keiner.

    Das Universum ist ein Einziger.

Ein Einziger, in dem wir alle sind.

Freunde, entweder retten wir uns alle oder keiner.“


503: "Die Kraft, die das Universum

zu seiner Mitte zusammenstreben lässt,

das ist die Liebe....

Wir hatten einen gleichen Ursprung,

und wir werden uns vereinen

in dem gleichen Schicksal,

auf einem kleinen Planeten unter den Sternen.

Dein Reich komme."

96: "Lebende Erde, die sich selbst im Himmel ihr Zuhause schuf.

Das blaue Zuhause des Lebens.

Und alles Lebende auf Erden, von den Walen bis zum Virus,

ein einziges Lebendes Wesen."

257: "Von Beginn an gab es eine Vereinigung...

Das Menschliche als Gemeinschaft...

Schildkröten im Meer...

um sich zu vermehren...

aus Liebe zur menschlichen Art

und zu ihrer Krönung,

dem Kommunismus."

413: " KOINONIA, Kommunismus und Kommunion,

    das ist dasselbe."

414: "Kräfte, die aus den Tiefen des Universums zu uns kommen,

    Diese riesige Solidarität des Seienden

    in der Totalität von Raum und Zeit."

418: "Harmonische Strukturen ohne Herrschaft.

Die Evolution der Liebe, ein ganzes geologisches Zeitalter.

Die Republik der Himmel."

503: "Wir werden uns vereinen in dem gleichen Schicksal,

auf einem kleinen Planeten unter den Sternen.

Dein Reich komme."

   "Den Himmel erden", Gott in allen Dingen wahrnehmen - solche Aufforderungen einer modernen christlichen Spiritualität verstand Cardenal sehr konkret.

  Religiosität verführte Cardenal nicht dazu, den Leidenden einen himmlischen, postmortalen Trost zu versprechen, sondern motivierte ihn und seine Freunde, aktiv gegen repressive Machthaber vorzugehen und ungerechte  gesellschaftliche Strukturen anzuprangern und zu verändern.

  Die Erdung des christlichen Glaubens betrachtete Ernesto Cardenal nicht primär als eine Angelegenheit von universitärer Theologie, nicht primär als intellektuellen Entwurf einer panentheistischen Gotteslehre oder einer allgemeinen "politischen Theologie der Welt". Nein, die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse in Nicaragua, die Ausbeutung und Unterdrückung der Bevölkerung durch eine kleine Oberschicht berührte ihn so stark, dass er den Kampf gegen diese "himmelschreiende" Ungerechtigkeit nicht aus seiner Glaubenspraxis ausschließen konnte. Die von Jesus geforderte Nächstenliebe verstand er immer mehr als Aufruf zu einer konkreten Solidarisierung mit der ausgebeuteten Landbevölkerung in Nicaragua.

   Eine tiefere Wurzel dieser modernen Psalmen besteht wohl nicht nur in dem Mitleiden Cardenals, sondern in seiner langjährigen Praxis der Kontemplation, die ihn erst sensibel machte für das "himmelschreiende" Unrecht.  Später schreibt Cardenal:

"Vor zwölf Jahren bin ich nach Solentiname gegangen. Ich war auf der Suche nach einem kontemplativen Leben, das ganz dem Gebet, der Einsamkeit, der Stille, der Meditation geweiht ist. Die Kontemplation führte uns zur Revolution. Sonst wäre es keine echte Kontemplation gewesen."

In den 70-er Jahren schießen sich etliche junge Leute seiner christlichen Kommune in Solentiname dem bewaffneten Befreiungskampf der Sandinista gegen den Diktator Somoza an.

(Weitere Ausführungen auf meiner Webseite "Revolution")

Weitere Überlegungen folgen ...

  Als Ernesto Cardenal 1980 in der Frankfurter Paulskirche  der "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" überreicht wurde, hielt der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz die Laudatio. Metz vertrat damals eine "Theologie der Welt" und sprach von einer "entprivatisierten Liebe", die sich auch um die Veränderung von ungerechten gesellschaftlichen Strukturen kümmert. die individuelle  Leiden und Schmerzen verursachen. Widerstand gegen die Ökonomisierung des Lebens (Mensch als Ware), gegen Entsolidarisierung (Ellbogengesellschaft) und Ausbeutung und Zerstörung der Erde ist da angesagt.


In seiner Dankesrede wies Ernesto Cardenal zunächst auf gesellschaftliche Veränderungen nach der erfolgreichen Revolution am 19. Juli 1979 hin: auf


"Alphabetisierung, Agrarreform, Bau von Krankenhäusern und Errichtung von Gesundheitszentren, Aufforstung von Wäldern,  Verstaatlichung der Banken, Dichterwerkstätten....

  In den Jahren nach der Verleihung des Friedenspreises arbeitete Cardenal an seinem "Cántico Cósmico". Vor allem die Gesänge zu "Revolution" (16., 17., 19., 24. u. 38. Gesang) machen deutlich, dass der poltische Umsturz in Nicaragua im Einklang mit den vorgegebenen kosmischen Prinzipien von Anziehung und Streben nach Einheit und Liebe geschah. Die Revolution in Nicaragua gründete in der Mystik einer globalen und universalen Solidarität.

  Insgesamt aber ist es das wichtigste, daß heute in Nicaragua der Geist der Brüderlichkeit herrscht, der Geist der Gemeinsamkeit und der Solidarität. Wir sind dabei, eine wahrhaft brüderliche Gesellschaft zu schaffen...

   Für uns Christen bedeutete die Teilnahme an dieser Revolution Treue zu Jesus Christus.... Unsere Revolution war genau dies: eine große Veränderung, eine Umkehr zur Liebe....Revolution ist das gleiche wie Evolution. Die sozialen Revolutionen sind eine Fortsetzung der Evolution der Erde und des ganzen Weltalls.... Unsere Revolution war genau dies: eine große Veränderung, eine Umkehr zur Liebe... Die sozialen Revolutionen sind eine Fortsetzung der Evolution der Erde und des ganzen Weltalls....

   Ich glaube an das Himmelreich. Ich glaube, daß das Himmelreich die Erde und der Kosmos sind, die Gesellschaft der bewohnten Planeten....  Ich erbitte von Ihnen und von der ganzen Welt Hilfe für die Revolution, die in unserem Land stattfindet. Es ist nur ein kleines Land, aber auch dort muß das Himmelreich geschaffen werden....

   Ich bitte Sie darum, bei dieser Befreiung mitzuhelfen wie auch bei allen anderen Befreiungen, die kommen werden, weil sie dem gleichem Gesetz gehorchen, das auch die Sterne lenkt, dem Gesetz der Schwerkraft, dem Gesetz der Anziehungskraft, dem Gesetz der Liebe selbst."

  Die alttestamentlichen Psalmen - individuelle und kollektive Klagelieder, Lobpsalmen, Vertrauenslieder - transponierte er auf die gesellschaftpolitischen Verhältnisse Lateinamerikas, speziell Nicaraguas. In seinen berühmten "Lateinamerikanischen Psalmen", die er während seines Theologiestudiums in Kolumbien um 1964  schrieb, solidarisiert sich Ernesto Cardenal mit den kleinen Bauern und Indios, deren Elend sein Mitleiden provozierte und das nach wirtschaftsplitischer Veränderung drängte. Vehement attackiert er politische Machthaber, die Angehörigen einer feudalen Oberschicht und auch frühere Kolonialmächte, die er für die Verelendung der Land- und Slumbevölkerung in Lateinamerika verantwortlich macht. Schon 1952 kursierte ein regime-kritisches Flugblatt von Cardenal in Nicaragua, das ihm Folter durch die Guardia Nacional und monatelange Aufenthalte in ihren Gefängnissen einbrachte. In den Klagen und Anklagen der alttestamentlichen Beter, in ihrem Vertrauen und Lobpreis Gottes sieht Cardenal die politische und wirtschaftliche Situation der lateinamerikanischen Völker gespiegelt.

Globales Bewusstsein durch

Blick von außen auf unseren "Blauen Planeten" und Pandemie / Covid-19

am 21.Juli 1969 dokumentierten die wunderbare Schönheit, Einheit und Verletzlichkeit unserer Erde.


   Astronauten wurden bei ihrem Anblick zu Dichtern. Sie beschrieben die Erdkugel in poetiischen Bildern. Aus der Schwärze des Weltalls tauchte sie auf und leuchtete wie ein "Blauer Edeltein".

»Ich hielt den Atem an. Da rollte 300 Kilometer unter mir ein kolossales visuelles Schauspiel ab, aber es bot sich stumm dar. Es gab keine triumphierende inspirierte Sonate oder Sinfonie. Jeder mußte sich die Musik dieser Sphäre im Kopf selbst schreiben«

(Astronaut Charles Walker, USA)

»Es spielt keine Rolle, in welchem See oder Meer du Verschmutzungen entdeckt hast oder über welchem Kontinent gerade ein Wirbelsturm entsteht. Da oben bist du der Hüter deiner ganzen Erde."

(Kosmonaut Jurij Artjuchin, UdSSR)

„Als ich, von der Mondoberfläche aus, zum ersten Mal zurückblickte, weinte ich. Ob es Erleichterung, die Schönheit der Erde oder die Erhabenheit des Augenblicks war – ich weiß es nicht.“

(Alan Shepard)

„Sie war das Schönste, was ich jemals gesehen hatte.“ (Bill Anders)

   Ihre einzigartige Kostbarkeit wurden den ersten Mondbesuchern noch bewusster, wenn sie sich in  ihrer neuen Umgebung, einer "Mondlandschaft", umsahen: kein Wasser, keine dichte Atmosphäre, Steine, Sand, kein Leben, "alles war öd und leer".


  Sehr lange hielt allerdings - so mein Eindruck - diees neue globale Bewusstsein "Alle Menschen sitzen in einem Boot" nicht an, bis es uns, der gesamten Menschheit, sozusagen aufgezwungen wurde. In allen Erdteilen brach eine Pandemie aus, überall auf unserem Globus wurden Menschen vom Corona-Virus Covid 19 infiziert, der sich immer weiter ausbreitete. Drastisch wurde bewusst: Die Menschheit auf diesem blauen Mini-Planeten bildet eine Schicksalsgemeinschaft.

   Dass die Menschheit "auf unserem kleinen Planeten unter den Sternen" zusammen mit allen anderen Lebewesen und "Mutter Erde" eine Schicksalsgemeinschaft bildet, ist durch zwei planetarische Erfahrungen allgemein bewusst geworden. Die  Fotos von der Erde nach der ersten Mondlandung

Aufgang der Erde über dem Mond

441: "Wir groß ist die Wahrscheinlichkeit des Jenseits?

Ob jenseits eine andere Wirklichkeit besteht,

die wirklicher noch ist?

    Ist es nur eine Frage größerer Teleskope?

Eckhart sehnte sich nach einem Gott, der größer war als ´Gott`."

d.h. als das jeweilige Bild von Gott.

164: Nach dem Sieg und der Rückkehr nach Solentiname:

"Als du nach zwei Jahren nach Solentiname zurückkamst, Juan,

du warst  ein Kind gewesen von fünf Jahren -

sagtest du: ´Und du bist der,

der mir alles über Gott erzählen wird?`

Und dabei weiß ich doch immer weniger von Gott.

Ein Mystiker, das heißt einer, der Gott liebt,

nannte ihn NICHTS,

und ein anderer meinte:

Alles, was was du über ihn sagen magst, ist falsch.

Und die beste Art für dich, Gott kennenzulernen,

war es vielleicht, dass ich dir nichts von Gott erzählte.

Doch einmal,

da habe ich dir doch von Gott erzählt, unten am See:

´Gott ist einer, der in allen ist,

in dir, in mir, in Allem.`"

400: „Im Unterschied zum menschenleeren, staubig-grauen Mond

ist die Erde ein verwunschener Garten,

    voll von Blumen und Gesang....

All die endlosen Formen des herrlichen irdischen Lebens.“

Aus dem 43. finalen Gesang "Omega", in den alle "Gesänge des Universums" münden:


"Wesen, das vor allen anderen war

    und verschieden ist von allem andren,

ohne Grenze, wo es aufhört und ohne Teil noch Form...

weder an einem Ort noch einer Zeit,

sondern gibt sich selbst das Sein durch sich selbst...,

ohne ihm irgendeinen Namen geben zu können,

    außer den Namen EINES,

und ohne selbst noch von ihm sagen zu können, dass er ist.

So lässt sich von ihm sagen, was er nicht ist,

    aber nicht das, was er ist....

Seine Schönheit ist die Schönheit,

    die über jede Schönheit weit hinausgeht.

Doch aus ihm kommt alle Schönheit,

    und alle Dinge streben hin zu ihm...

Endloser Anfang, ohne Form, aus dem jedwede Form kommt...

Der Eine schuf alle Dinge, indem er sich ergoss,

die alle wieder Eines werden....

    Der, von dem alle Evolution kommt

    und in dem alle Evolution endet....

Die Kraft, die das Universum

zu seiner Mitte zusammenstreben lässt,

das ist die Liebe...

Mitte aller Mitten,

die aus der Mitte eines Systems von Mitten strahlt

    wie ein einzelner Punkt. Ounkt Omega...

Punkt des Zusammenstrebens des Universums,

schließ mich nicht

    von Deinen Küssen und Umarmungen aus!"

3.  Universalität

  Was sind die Wurzeln von Ernesto Cardenals kosmischer Poesie? Neben seiner schon frühkindlichen Sensibiltät für das Wunder des Lebens und die Schönheit der Natur sind da zu nennen sein starkes Gefühl im Jugendalter für soziale Gleichheit und Gerechtigkeit. Die physikalisch-philosophische Frage nach dem Aufbau und dem Sinn des Ganzen, der gesamten universalen Wirklichkeit, schlummerte frühzeitig in ihm, glaubte er doch schon als Kind an den "einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde." Dieser Schöpfer-Glaube überwuchs das vormoderne dreistöckige Weltbild in die unendlichen Tiefen des Universums hinein. 

   Cardenals begeisterte intellektuelle Auseinandersetzung mit der postmodernen Astronomie und Astrophysik veränderte auch seine christliche Weltanschauung. Wenn schon das bisher erforschte Universum grenzenlos und unbegreiflich zu sein schien, ist dann nicht die Energie Dahinter und Darin, DAS was wir GOTT nennen, umso unendlicher und nicht zu begreifen ?!

  Altbekannte theologische Formeln bekamen, auch aufgrund seiner kontemplativen Praxis, eine unerwartete Dichte und Tiefe. Der "Deus semper maior", der "immer größere Gott" erschien ihm jetzt - im Angesicht des grenzenlosen Universums -  real und existentiell unendlich größer als alle bisherigen Vorstellungen von ihm.

479: „Wir sind Ihm so nah, dass wir ihn nicht sehen.

Er ist nicht ER noch SIE, größer noch als ´Gott`, sagt  Eckhart...

Er ist nicht oben, sondern vor uns,

    anwesend in allem,

    doch so abwesend von allem,

dass es völlig vernünftig ist, Atheist zu sein.

Ich lese den Theologen Schillebeeckx:

´Gott stimmt mit gar nichts überein.`“

  Auch an der traditionellen "theologia negativa", häufig in eine irrelevante theologische Nische abgedrängt, war nach diesen kosmischen Entdeckungen nicht mehr vorbeizukommen. Seinen vorletzten kosmischen 42. Gottes-Gesang überschrieb Cardenal: "Ein ich-weiß-nicht-was, das bleibt". Die Spekulationen führender Astrophysiker nach der Grenze des Weltalls und dem Ziel der gigantischen Expansion hatten auch Cardenal erschreckt. Entwickelt sich das Universum letzten Endes zurück in das NICHTS, stirbt das All schlussendlich den Kältetod? Einer solchen erschreckenden Zukunftsvision setzte er seine Hoffnung und sein Vertrauen entgegen, dass DAS BLEIBT, auch wenn ES unsichtbar und unausforschlich ist.

  In diesem Zusammenhang beruft er sich  oft auf bekannte Mystiker und Theologen:

  Auch wenn Ernesto Cardenal die kritischen Fragen von postmodernen Naturwissenschaftlern nach dem Sinn oder Unsinn des Ganzen nicht ausklammerte, getragen ist sein "Cántico cósmico", sein "Kosmischer Gesang" von Staunen und Lobpreis.

  Bei aller "Theologia negatva" hat der kosmische Poet die Einsicht und Überzeugung gewonnen, dass in der Mitte der Universo-Genese ein liebendes DU ist, der/das/die Alles umarmt und küsst.

Ernesto Cardenals

persönliche Gottesbeziehung