VIII.  Im FEUEROFEN singen

Lobgesang und Widerstand

Jauchzt vor Gott, alle Länder der Erde! Verherrlicht IHN mit Lobpreis!

DU hast, o Gott, uns geprüft und uns geläutert, wie man Silber läutert.

DU brachtest uns in schwere Bedrängnis und legtest uns eine drückende Last auf die Schulter.

Wir gingen durch Feuer und Wasser. Doch DU hast uns in die Freiheit geführt.

(Psalm 66)

     Überblick


  1. 1.„Die drei Jünglinge im Feuerofen“

    Farbholzschnitt von Thomas Zacharias

    Legendenhafte Erzählung in Daniel 3

2. „Daniel in der Löwengrube“ (Daniel 6)

3. Christliche Martyrer

    in der frühen Kirche (Fresken in Katakomben)

    Ignatius von Antiochien (Löwengrube)

    Alfred Delp (Nationalsozialismus)

4. Hilde Domin: Bitte

    Lyrischer Text und Deutung

  1. 5.Der stigmatisierte Franz von Assisi und

    sein Sonnengesang

  Fürchte dich nicht!

ICH habe dich beim Namen gerufen, du bist MEIN.

Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ICH bei dir, wenn durch Ströme, dann reißen sie dich nicht fort.

Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, und keine Flamme wird dich verbrennen.

(Jesaja 43, 1f)

  Diese Zusage Gottes im Buch des Propheten Jesaja hat in seiner fast 3000-jährigen Geschichte biblische Autoren zu wunderbaren Erzählungen inspiriert und bis heute ungezählten Gläubigen in ihren Leidens- und Todesnöten Vertrauen und Kraft geschenkt.


  Durch das Gedicht „Bitte" von Hilde Domin erhielt die biblische Legende von den „Drei Jünglingen im Feuerofen" für mich eine neue Färbung. Vertraut war mir „seit Kindesbeinen" der Lobgesang im Glutofen - gehörte doch dieses Preislied auf die Schönheit der Schöpfung zum festen Repertoire der Gebete nach dem Empfang der Kommunion. Im Religionsunterricht erwies sich der Farbholzschnitt von Thomas Zacharias als sehr geeignet, um über „Zivilcourage", „Anpassung-Widerstand", „Götzenbilder" und ähnliche Themen ins Gespräch zu kommen.

Im Feuerofen singen -

eine biblische Erzählung von Widerstand und Mystik

  Im dritten Kapitel des Buches Daniel wird erzählt:

Zusammen mit ihrem Volk werden auch die jüdischen Königssöhne Hananja, Mischael und Asarja ins Babylonische Exil verschleppt.

  König Nebukadnezzar lässt ein goldenes Standbild von sich errichten und befiehlt: Alle Untertanen sollen niederfallen und es anbeten, wenn der Klang der Hörner, Pfeifen, Zithern, Harfen, Lauten, Sackpfeifen und anderer Instrumente ertönt. Die drei jungen Israelten weigern sich aber, ein Götzenbild anzubeten, weil sie nur an den wahren unsichtbaren Gott glauben, und folglich werden sie gefesselt in einen glühenden Feuerofen geworfen.

„ER hat uns aus dem lodernden Ofen befreit.“

  Spätere Hörer und Leser haben sich in der wunderbaren Errettung aus dem Feuer wiedergefunden und die Legende weitergeschrieben. Im 2. und 3. Jahrhundert haben verfolgte und vom Tode bedrohte Christen ihre Situation an die Wände von römischen Katakomben gemalt, wo sie Zuflucht fanden und Eucharistie feierten. Die im Feuer singenden jungen Männer wurden ihnen Vorbild für ihre eigene Grundhaltung: in und trotz aller Verfolgung Gott lobpreisen. Sie spürten, dass in der alten jüdischen Legende  etwas erzählt wird, was Dich und mich hier und jetzt angeht, „unbedingt“ angeht.


  Diese Neigung zur Identifikation in schlimmen diktatorischen Zeiten wird durch den Farbholzschnitt von Th. Zacharias noch verstärkt. Er wirkt wie eine rote Ampel, die den Betrachter auffordert: „Stopp! Halt an! Halt inne, komm näher, lass dich ein, entdecke in diesem Bild Elemente deiner eigenen Lebensgeschichte!“

  Mit welchen Figuren identifiziere ich mich unmittelbar? Mit den katzbuckelnden Namenlosen? Mit den aufrecht stehenden jungen Männern Asarja, Mischael und Hananja? Oder mit dem totalitären Machthaber Nebukadnezzar und seinem Spiegelbild?

Wer bin ich? Diktator? Sklave? Freier Mensch?

Die Jünglinge im Feuerofen

(Farbholzschnitt von Thomas Zacharias 1966)

  Die Moderne malt keinen helfenden Gott, keinen Engel Gottes in den Feuerofen hinein; die Feuerwogen als Metapher für den entflammenden feurigen Geist Gottes bilden das unfassbare, alles erfassende und durchströmende göttliche Mysterium angemessener ab.

  Vor dem Aufstehen und Widerstehen müsste das Aufwachen erfolgen. Eingeschlafen sind wir im Gefängnis der Anhaftungen und Illusionen - sind uns dessen aber nicht bewusst.

  Widerstand erwächst aus der Einsicht, dass Gottes Welt weiter, größer, schöner ist als unsere eingeengten und fixierten Vorstellungen. Diese Einsicht lässt uns soziale und psychische Mechanismen, die uns versklaven, bewusster wahrnehmen und sie treibt uns an zu Widerstand und Veränderung.


  In ihrem theologischen Resümme „Mystik und Widerstand“ stellt Dorothee Sölle als Orte mystischer Erfahrung - neben Natur, Erotik, Gemeinschaft und Freude - auch Leiden dar. Das tiefe Wissen um das Einssein mit allem Lebendigen, mit Natur und Kosmos, das Vertrauen in den tragenden All-Grund kann gerade dann eine essentielle Qualität erhalten, wenn bisherige Sicherheiten zerbrechen, wenn „im Angesicht des Todes“ (s. A. Delp) der Mensch alles, was er hat und für das er sich gehalten hat, loslassen muss. Diese aufgezwungene und hoffentlich angenommene Leere kann dann auf wunderbare Weise als Fülle erlebt werden und das Herz ist voll Jubel und Lobgesang.


  In einem ostkirchlichen Gebet heißt es: „Sie wandelten durch Hymnengesang in Tau die Glut.“


„Geh nicht als ein Erlöschender / in das Erlöschen / Brenne / Wir sind Fackeln mein Bruder / Wir sind Sterne / Wir sind Brennendes / Steigendes / Oder wir sind nicht / gewesen.“

(Hilde Domin: Appell)

  Der Einsicht, dass wir „fremden Göttern folgen“ und zur Masse der kriecherischen Namenlosen gehören könnten, gehen wir gerne aus dem Wege. Aber Untertanengeist, Duckmäusertum, feige Anpassung, Katzbuckeln und Speichelleckerei existieren auch in „demokratischen“ Systemen. Und innere Versklavungen, „Anhaften“ an fragwürdige Werte-Hierarchien, Anbetung von zu Göttern erhobenen Ego-Kräften bestimmen hin und wieder oder sogar dauerhaft unsere Lebenspraxis. So wächst innere Unfreiheit, wir verraten uns Selbst, unsere menschliche Würde und vergessen unser wahres ursprüngliches Gesicht.

König und Götze sind fester Bestandteil der Todesmaschinerie, die nur Asche und Staub zurücklässt.  Eingezwängt in die Mauern seiner vermeintlichen Herrschaft über Tod und Leben steht da der König - starr und steif wie sein Spiegelbild aus Gold. Beiden Figuren fehlt jegliche essentielle Qualität: natürliche Autorität, Mächtigkeit und Kraft, Lebendigkeit und Inspiration. Das goldene Standbild repräsentiert eine hohle, vorgetäuschte Ersatzform von Göttlichkeit.

  Auch wenn wir heute in Europa von einer offensichtlichen Diktatur wie im Babylonischen Exil oder Nationalsozialismus verschont sind, die uns gewaltsam zur Selbst-Aufgabe zwingen würde, so fallen wir doch immer wieder herein auf subtile, verschleierte Formen von autoritärer Machtausübung, die uns zur Anpassung an fragwürdige Ansichten und Lebensstile drängen oder verführen.

  Drei Juden - auch innerlich sind sie Königssöhne! - verweigern die Proskynese vor dem Despoten und seinem Machwerk. Sie bleiben dem Glauben ihrer Väter und Mütter treu, keine fremden Götter neben dem einen unfassbaren bildlosen Ewigen anzubeten.

  Auf dem Weg unserer Individuation, in der Entwicklung hin zu aufrechtem Gang, zu innerer Freiheit, hin zu unserem wahren Wesen bleiben uns Götterstürze nicht erspart. Selbsternannte Götter verlieren dann ihre Macht. Am Anfang werden vielleicht kleine Schritte von zivilem Ungehorsam gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit eingeübt (Ernst Bloch: „Murren ist allemal menschlicher als das Wedeln.“) Eine bewusste Wahrnehmung von inneren Versklavungen könnte folgen. Auch destruktive

In der Löwengrube vertrauen und Gott preisen

Jüdische und christliche Martyrer

  Der Holocaust („vollständig Verbranntes“), die Verfolgung und Ermordung von 6 Millionen Juden durch die Deutschen Nationalsozialisten, ist in das kollektive Menschheitsgedächtnis eingebrannt.

  Unmenschlich auch im vorigen Jahrhundert die großen Christenverfolgungen in lateinamerikanischen Diktaturen. Inspiriert durch die Befreiungstheologie, die in südamerikanischen Basisgemeinden Hand und Fuß bekam, standen christliche Indios auf und kämpften mit gewaltlosen Mitteln gegen das ihnen zugefügte schreiende Unrecht. Die politischen und wirtschaftlichen Machthaber setzten eine schreckliche Tötungsmaschinerie in Gang - Hunderttausende von engagierten Christen wurden ins Gefängnis gesteckt, gefoltert und ermordet.

  Vor der sog. „Konstantinischen Wende“ (313 n.Chr.) wurde der Glaube der jungen Christenheit immer wieder auf harte Proben gestellt. Unter Trajan 98-117 und  Decius 249-51 und anderen römischen Kaisern starben viele den Martyrertod, weil sie den Abbildern und Statuen des Kaisers nicht opferten und Christus nicht lästerten. Sie wurden verbrannt, gekreuzigt, enthauptet oder von wilden Tieren zerrissen.

  Auf Fresken in römischen Katakomben, ihren Versammlungsräumen und Zufluchtsstätten, wird sichtbar, worauf sie ihr Vertrauen und ihren Widerstand gründeten. Leitfiguren sind jüdische Martyrer wie Daniel in der Löwengrube, die Drei Jünglinge im Feuerofen oder Jona im Bauch des verschlingenden Walfisches. Alle sind in Adorantenhaltung abgebildet; den unsichtbaren Gott preisend, ihrer Wesensstimme folgend, werden sie in die Große Freiheit geführt.

Daniel in der Löwengrube (Dan 6)


  Im Babylonischen Exil steigt Daniel, einer der verschleppten Juden, aufgrund seiner außergewöhnlichen Weisheit (er hat Visionen, träumt Große Träume und kann Große Träume deuten) zu einem der höchsten Beamten des Reiches auf. Seine intriganten Nebenbuhler wollen ihn aus dem Weg räumen; sie können den persischen König Darius bewegen ein Edikt zu erlassen, das jedes Gebet außer zum König selbst unter Todesstrafe verbietet.

  Daniel pflegt jeden Tag dreimal zu beten. „In dem Obergemach seines Hauses waren die Fenster nach Jerusalem hin offen. Dort kniete er dreimal am Tag nieder und richtete sein Gebet und seinen Lobpreis an seinen Gott." Seine Konkurrenten erwischen ihn dabei, und dem König bleibt nichts anderes übrig, als Daniel in die Löwengrube zu werfen.

  „Und man nahm einen großen Stein und wälzte ihn auf die Öffnung der Grube. Und der König versiegelte ihn mit seinem Siegel." (6,18)

  Am andern Morgen holt man Daniel unverletzt aus der Löwengrube heraus, „denn er hatte seinem Gott vertraut." Und Daniel sprach: „Mein Gott hat seinen Engel gesandt und den Rachen der Löwen verschlossen. Sie taten mir nichts zuleide, denn in seinen Augen war ich schuldlos." (6,23)

Als man sie in den Ofen warf / Sangen die Jünglinge im Feuer / Überliefert die Bibel. 

Pablo Neruda berichtet: / Als man Nazim Hikmet, den Dichter / In eine Jauchegrube stieß /

Begann er aus dem Unrat zu singen. /

Die Schergen sind immer schlecht beraten / Manchmal auch die Verfolgten. /

Doch der Gesang behält recht.


(Christine Busta, Lyrikerin, 1915-87)

„Wenn ihr in Not kommt, sollt ihr singen."

  „Auch das verletzte Leben ist Leben voller Gesang. Ich habe ein Glück kennengelernt, das mich zum Singen gebracht hat - mitten in Erfahrungen der Nähe des Todes. Krankenhaus, Narkosen und Operationen, Schmerzen und Angst waren meine Welt geworden. ... Dann kam die Genesungszeit. Frühjahr. Ein wunderbar sonniger März und April ... Ich hatte auf einmal ganz andere Augen. ...

  Unsere jüdischen Geschwister haben gesagt: Unsere Aufgabe ist es zu singen, Gott zu loben und zu segnen.... Wenn ihr in Not kommt, sollt ihr singen." 

(Luise Schottroff, Theologin, geb. 1934)

Ignatius von Antiochien  (2. Jh. n. Chr.)

„Brotkorn Gottes bin ich, und durch die Zähne der Tiere werde ich gemahlen,

damit ich als reines Brot Christi erfunden werde“

  Ignatius - der Feurige - nach dem Apostel Petrus zweiter oder dritter Bischof in Antiochia, erlitt vermutlich um 115 n. Chr. in Rom den Martyrertod. Im Circus Maximus (Colosseum) sei er von Löwen zerrissen worden.

  Auf seinem Transport nach Rom hinterließ er sieben Briefe an christliche Gemeinden in Kleinasien:

  „Laßt mich eine Speise der wilden Tiere werden; durch sie ist es mir möglich, zu Gott zu kommen. Brotkorn Gottes bin ich, und durch die Zähne der Tiere werde ich gemahlen, damit ich als reines Brot Christi erfunden werde. (Röm 4)

  Was mir zum Vorteil ist, weiß ich. Jetzt fange ich an, ein Jünger zu sein. Feuer, Kreuz, Kämpfe mit wilden Tieren, Zerschlagen der Gebeine ... sollen über mich kommen, nur damit ich zu Jesus Christus gelange.

  Mir werden nichts nützen die Enden der Erde noch die Königreiche dieser Welt. Für mich ist es besser, durch den Tod zu Christus Jesus zu kommen, als König zu sein über die Grenzen der Erde. Ihn suche ich, der für uns gestorben ist; ihn will ich, der unseretwegen auferstanden ist. Mir steht eine neue Geburt bevor." (Röm 5)

Alfred Delp  (1907 - 1935)

„Mensch, lass dich los zu deinem Gott ... Das ist dann die Freiheit, die singt:

Uns kann kein Tod nicht töten.“

  Alfred Delp war Jesuit und Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Am 2. Februar 1945 wurde der 37-jährige in Berlin-Plötzensee nach längerem Gefängnisaufenthalt hingerichtet.

Hilde Domin (1909-2006)


daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen

immer versehrter und immer heiler

stets von neuem

zu uns selbst

entlassen werden

Bitte


Wir werden eingetaucht

und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen

wir werden durchnäßt

bis auf die Herzhaut


Der Wunsch nach der Landschaft

diesseits der Tränengrenze

taugt nicht

der Wunsch den Blütenfrühling zu halten

der Wunsch verschont zu bleiben

taugt nicht

  Seit einigen Monaten geht mir das Gedicht „Bitte“ von Hilde Domin nach, es klopft immer wieder an, es weckt Assoziationen und schlummernde Ahnungen. Ich werde hineingezogen, von mir und jedem / -r ist die Rede. Die biblischen Bilder von der Sintflut mit Taube und Ölzweig, von der Löwengrube und dem feurigen Ofen sind mir vertraut. Es gefällt mir, dass sie hier das Ganze meines / unseres realen Lebens beschreiben. Mit zunehmendem Alter werden solche bedrängenden Lebens-Metaphern einsichtiger: Eingetaucht und durchnässt werden wir bis auf die Herzhaut, alle sind wir gebrannte Kinder und bedroht vom Rachen des Todes - wie der Prophet Jonah, der drei Tage im Schlund des Walfisches zubringen musste, bevor er als neuer Mensch das Andere Ufer betreten konnte.

Wundmale und Sonnengesang

Franz von Assisi 1181-1226

  Am Ende seines Lebens, vermutlich Ende 1224 oder Anfang 1225, als  Franziskus, „Der Arme“, mit den Wunden Christi stigmatisiert, schwer krank in San Damiano bei Assisi daniederlag, dichtete er seinen Gesang auf die Schöpfung „Laudato si o mi Signore laudato si“. Er ruft darin auf, die Schönheit und die Herrlichkeit Gottes in all seinen Geschöpfen zu lobpreisen.

  Die Echtheit ist durch die Biografie des Thomas von Celano bezeugt. Celano vergleicht das Lied mit dem Gesang der drei Jünglinge im Feuerofen (Daniel 3). Er berichtet, Franziskus habe sich in seiner Todesstunde am 3. Okt 1226  nackt auf die nackte Erde legen und den Sonnengesang von zweien seiner Brüder singen lassen.

Ernst Alt 1976

  Trunken von Liebe und Mitleid mit dem verwundeten Christus konnte der selige Franz zuweilen die süße Melodie, die er in seinem Herzen trug, nicht an sich halten.

  Manchmal hob er von der Erde ein Holzscheit auf, nahm mit der Rechten einen Stecken und strich damit über das Scheit, wie wenn er auf der Geige spielte. Dazu bewegte er sich hin und her und sang ein französisches Lied vom Herrn Jesus Christus.

  Zuletzt pflegten sich alle diese Lieder und Tänze in Tränen der Rührung aufzulösen, im Gedanken an Christus, und alles in ihm ward zu reiner Seligkeit.


Spiegel der Vollkommenheit

Despoten widerstehen - den wahren bildlosen Gott anbeten;

brennen - aber nicht verbrennen









im Feuer des Leidens einstimmen in den Großen Lobgesang der Schöpfung


Goldmosaik in Hosios Lukas 11.Jahrh.

von Löwen bedrängt werden -

den unsichtbaren Gott lobpreisen


Giordani-Katakombe in Rom  350

Griechische Ikone

Alfred Delp SJ  1907-45

April 2010 / 16                                  Zur Startseite

  „Aber der Engel des Herrn war zusammen mit Asarja und seinen Gefährten in den Ofen hinabgestiegen. Er trieb die Flammen des Feuers aus dem Ofen hinaus und machte das Innere des Ofens so, als wehe ein taufrischer Wind. Das Feuer berührte sie gar nicht; es tat ihnen nichts zuleide und belästigte sie nicht.


Lobgesang auf Feuer und Eis, Frost und Hitze


  Da sangen die drei im Ofen wie aus einem Mund, sie rühmten und priesen Gott mit den Worten:

  Preist den Herrn, all ihr Werke des Herrn; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

  Preist den Herrn, Sonne und Mond, preist den Herrn, ihr Sterne am Himmel!

  Preist den Herrn, aller Regen und Tau; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

  Preist den Herrn, Feuer und Glut! Preist den Herrn, Frost und Hitze!

  Preist den Herrn, Tau und Schnee! Preist den Herrn, Eis und Kälte!

  Preist den Herrn, Nächte und Tage! Preist den Herrn Licht und Dunkel; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

  Preist den Herrn, Berge und Hügel! Preist den Herrn, alle Gewächse auf Erden!

  Preist den Herrn, Meere und Flüsse! Preist den Herrn, ihr Tiere des Meers!

  Preist den Herr, ihr Vögel am Himmel! Preist den Herrn, all ihr Tiere des Feldes!

  Preist den Herrn, alle Menschen; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Preist den Herrn, Hananja, Asarja und Mischael; lobt und rühmt ihn in Ewigkeit!

Denn er hat uns der Unterwelt entrissen und aus der Gewalt des Todes befreit.

Er hat uns aus dem lodernden Ofen errettet, und mitten aus dem Feuer erlöst.

  Dankt dem Herrn, denn er ist gütig; denn seine Huld währt ewig.

Preist den Herrn, ihr alle seine Verehrer, preist den Gott der Götter!

Singt ihm Lob und Dank, denn ewig währt seine Güte."

  Da lässt der König die drei Israeliten herauskommen - sie sind unversehrt!? - und ruft aus: „Gepriesen sei der Gott Hananjas, Mischaels und Asarjas; denn er hat seinen Engel gesandt und seine Diener gerettet. Im Vertrauen auf ihn haben sie lieber den Befehl des Königs missachtet und ihr Leben hingegeben, als dass sie irgendeinen anderen Gott (einen Götzen) verehrten und anbeteten."

Der Lobgesang der drei Jünglinge im Feuerofen

(Fresko in den Katakomben der Priscilla - 3. Jahrh. Rom)

Gottesbilder müssen vom Thron gestürzt werden, so dass Raum entsteht für einen Gottesglauben, der nicht klein macht und entfremdet, sondern befreit.

  Und so hat Thomas Zacharias eine geglückte Integration von Niederknien und Aufrechtem Gang, von Anbetung der unfassbaren Gottheit und Verweigerung jeglicher Götzen-Verehrung in die Mitte seines Bildes gestellt.

  Aufzeichnungen aus seiner Todeszelle:

„Das allgemeine Schicksal, meine persönliche Lage ...: alles sammelt sich in das Eine: Mensch, lass dich los zu deinem Gott hin und du wirst dich selbst wieder haben. Jetzt haben dich andere; sie quälen dich und erschrecken dich und jagen dich von einer Not in die andere. Das ist dann die Freiheit, die singt: „Uns kann kein Tod nicht töten." Das ist dann das Leben, das da ausfährt in die grenzenlose Weite. Adoro et Suscipe („Ich bete an" und „Empfange"): ihr Ur-Worte des Lebens, ihr geraden und steilen Wege zu Gott, ihr Tore in die Fülle, ihr Wege des Menschen zu sich....

  Einen schönen Raum der inneren Freiheit hat mich Gott gewinnen lassen. Gottes Wirklichkeit geht mir allmählich in großer Nähe und Dichtigkeit auf....“

  Nach der Verurteilung zum Tod am Galgen:

„Jetzt bin ich ja erst Mensch geworden, innerlich frei und viel echter und wahrhafter, wirklicher als früher....

  Was will der Herrgott mit alledem? Ist es Erziehung zur ganzen Freiheit und vollen Hingabe? ... Ich sitze oft da vor dem Herrn und schaue Ihn nur fragend an. ... Um das eine will ich mich mühen: wenigstens als fruchtbares und gesundes Saatkorn in die Erde zu fallen. ... In den Kellerstunden, in den Stunden der gefesselten Hände, des Körpers und des Geistes, da ist vieles zerbrochen. Da ist vieles ausgebrannt, was nicht wertig genug war."

Es taugt die Bitte

daß bei Sonnenaufgang die Taube

den Zweig vom Ölbaum bringe

Daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei

daß noch die Blätter der Rose am Boden

eine leuchtende Krone bilden


Und daß wir aus der Flut

daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen

immer versehrter und immer heiler

stets von neuem

zu uns selbst

entlassen werden


Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem, Frankfurt a.M. 1999

Der Prophet Jona wird nach drei Tagen aus dem Bauch des Walfisches ans Ufer entlassen

(Jan Brueghel der Ältere um 1600)

klingt für mich nicht wie ein vergeblicher Schrei nach einem Nothelfer, sondern atmet Zuversicht, innere Stärke und wachsendes D`accord-Sein mit sich Selbst; sie gründet sich auf hin und wieder geschenkte Lebenserfahrungen: durch Feuer und Wasser hindurch kommen wir unserem „Selbst“ näher

  Die Schlusszeilen in „Herbstzeitlosen“ von Hilde Domin lauten: „Damit wir in den Spiegel sehen / und es lernen / unser Gesicht zu lesen / in dem die Ankunft / sich langsam entblößt“. Uns wird bewusster, dass wir im tiefsten Innern heil sind.


  Die überraschende und geheimnisvolle Verknüpfung von „immer versehrter“ und „immer heiler“ erinnert mich an das Wort Jesu:

„Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt geringachtet, wird es gewinnen zu unendlichem Leben.“

(Joh 12, 25)

            Sonnengesang


       Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre
und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.


Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
hell leuchtend und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteren Himmel und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und liebenswürdig und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernährt und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.
Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn
und sagt ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.

Widerstand und Götzendienerei

  Unsere Wünsche, blühendes Leben festzuhalten, das Erreichte zu verewigen, von Tränen und Schmerzen verschont zu bleiben, taugen nicht. Statt Illusionen taugen Bitten aus der wahren Herzens-Mitte heraus, die - jenseits der Herzhaut - nicht ertränkbar, nicht verschlingbar, nicht verbrennbar ist.

  Die Schlusszeilen transzendieren mein bisheriges Verständnis der biblischen Legenden von Daniel in der Löwengrube und den Drei Jünglingen im Feuerofen. Eine Überbetonung des Wunderbaren („Daniel war unverletzt“, und „die Drei blieben unversehrt“) wird zurückgenommen. Dass wir im Laufe unseres Lebens verwundet und verletzt werden, brennende Schmerzen erleiden und uns manchmal „wie durch eine Wolfsmühle gedreht“ fühlen, wird nicht verleugnet oder überhöht, sondern in seiner Wirklichkeit angenommen: „aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen immer versehrter“.

In einem Herkunftswörterbuch lese ich, dass das rätselhafte Wort „versehrt“ das mittelhochdeutsche

Verb „seren“ = verwunden verstärkt hat und vom althochdeutschen Nomen „ser“ = Schmerz abgeleitet wurde. Als ehemaligem Deutschlehrer fällt mir die Passiv-Bildung („Leideform“) auf (eingetaucht, durchnässt, verschont, versehrt), die das Lebensgefühl (besonders im Alter) ausdrückt: immer mehr - wir mögen noch so aktiv sein - erleiden und erdulden wir das Leben. Aber diese Erfahrung, dass wir „immer versehrter“ werden, ist für Hilde Domin untrennbar verbunden mit der „Bitte“, „und immer heiler / stets von neuem / zu uns selbst / entlassen werden.“ Diese Bitte

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VII.  STILLE in der WÜSTE

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Vom „Gottes“-Kämpfer zum Mystiker

Eine Reise vom Außen in die HÖHLE DES HERZENS